Asche der Trostlosigkeit . « Benvenuta nahm meine Hand , legte sie auf ihre Augen und sagte bittend : » Mama , ich kann ' s nicht aushalten vor Traurigkeit wenn Du so sprichst . « Zu gleicher Zeit sagte Wilderich mit Zuversicht : » Nein , so elend ist und macht das Leben nicht ! Sei es drum daß die Blumen fehlen , daß die Dornen ihren Platz einnehmen ! .... aber Asche - nein ! so lange mein Herz schlägt , und es kann ja nur mit meinem letzten Athemzug still stehen , lebt ein Funke in ihm , der es vor dem Zusammensinken in Asche bewahrt ! sei es ein Glaube , eine Hofnung , eine Liebe - sei es noch Anderes was ich nicht kenne oder nicht zu nennen weiß ! Der Mensch soll Leid und Schmerz haben damit er sich bei ihrer Bekämpfung stähle ; aber umkommen .... so in der Asche von ich weiß nicht was für namenlosen Dingen - das soll er nicht , das ist nicht seine Bestimmung ; und geschieht es dennoch , so geschiehts durch seine eigene Schuld . « Benvenuta hatte ihren Kopf von meiner Hand allmälig gehoben , und sah mit einem Ausdruck von rührender klarer Zuversicht auf Wilderich . Ihre Gesinnung entsprach der seinen . Ein Blick auf dies liebe unschuldige Gesicht machte mich schweigen ; sonst schwebte schon die Frage an Wilderich auf meinen Lippen : wie er die Schuld vom Leben trennen - und wie er die Verschiedenheit der Individualitäten aufheben wolle , welche bewirke daß der Eine leicht , der Andre schwer , der Dritte gar nicht das Schuldbewußtsein von sich werfe . - Statt dessen sagt ' ich : » Um wieder auf unser eigentliches Gespräch zurück zu kommen , Wilderich : wann gehen Sie nach Baden ? « » Wenn Fräulein Benvenuta abgereist sein wird ; « entgegnete er , nicht eben in froher Laune . Benvenuta rief aber ganz vergnügt und freudig erröthend : » Mit der Einrichtung bin ich sehr zufrieden ! « Am andern Tage ritten wir zum Rosenlaui-Gletscher , den Benvenuta noch nicht kannte , und der unstreitig zu den allerschönsten Punkten gehört , welche die Schweiz aufweisen kann , denn er ist phantastisch - und das ist ihre Natur nur ausnahmsweise . Diese saphirfarbenen Eisblöcke , Eisgrotten , Eispfeiler , liegen da wie Trümmer einer wundersamen fremden Welt an deren Erstarrung man nicht glauben kann weil sie so schön ist . Man meint sie müsse sich wieder zu Tempeln und Hallen auf den Wink eines geheimnißvollen Baumeisters zusammenfügen um dann der Tummelplatz von einem Elfengeschlecht oder von Elementargeistern zu werden . Es ist die schönste Ruine eines Undinen-Palastes von blauem Krystall , welche die Phantasie eines Märchendichters erfinden könnte . Von einer ungeheuern Gewalt ist sie in diese Scenerie hineingeschoben , die mit ihren scharfen Gebirgesspitzen , ihrem zerklüfteten Boden , ihren rauschenden schwarzen Tannen und brausenden milchweißen Bächen , ein ächtes Bild der wilden Bergnatur darstellt . Benvenuta war ganz bezaubert und ich ganz erstaunt daß sie es war . Ich hatte sonst nie bemerkt daß dergleichen Bilder einen solchen Eindruck auf sie machten . Und doch konnte es nicht anders sein ! in dem Kinde schläft die Seele , giebt sich nur in einzelnen aufblitzenden Regungen kund , die aber noch weiter nichts als Träume sind . Beobachtung und Wißbegier sind vorherrschend im Kinde : es will die Welt der großen Leute verstehen . Ist es später in die Jugend hinein getreten - aus der Vorhalle des Lebens auf dessen Tempelschwelle - dann wird es gedrängt das Räthselwort seiner eigenen innerlichen Welt zu suchen ; dann braucht es seine Seele , dann schüttelt diese ihren Schlummer ab , erwacht - und mit diesem Erwachen geht das Gefühl in ihr auf , diese Sonne um welche sich tausend Planeten der Gedanken drehen . Benvenuta war still nach ihrer Weise , aber ihre Augen stralten , und als ich sie auffoderte eine schöne Baumgruppe neben dem Gletscher zu zeichnen , sagte sie bittend : » Ich muß heut ' einen Feiertag haben , liebe Mama ! es ist hier so sehr feierlich . « » Wir setzten uns Beide auf das frische Moos und lehnten uns an den rauhen Stamm einer ungeheuern Tanne , deren mächtige Zweige ganz still über uns hingen wie zerrissene Trauerflöre durch welche der tiefblaue Himmel und der goldne Sonnenstral freudeverheißend schimmerten . Vor uns lag die Wunderpracht des Gletschers . Ringsum war Alles still , nur die Bäche brausten . Die ganze Natur hielt Mittagsruhe . Seitwärts von uns saß Wilderich mehr zu uns als zu dem Gletscher gewendet . Sein tiefes ernstes Auge schlug zuweilen glanzvolle Blicke zum Himmel auf und sank dann wieder nach Innen blickend unter die Wimpern zurück . Einmal sagte er : » Als ich ein kleiner Knabe war erzählte mir meine Mutter : allüberall sei der unsichtbare große gute Gott . Wenn ich nun in der tiefen Stille der Mittags- oder Abendstunden , wo kein Lüftchen sich zu regen scheint , doch die allerhöchsten und feinsten Wipfel der Bäume ohne bemerkbare Ursach sich sanft umbiegen sah , so glaubte ich in meinem kindischen Sinn sie beugten sich unter den Schritten Gottes , der unsichtbar über ihnen dahin wandele um zu sehen ob auf Erden Alles gehe wie es gehen solle ; und hauptsächlich ob ein gewisser Knabe Wilderich auch seine Schuldigkeit thue . Das erfüllte mich mit so namenloser andächtiger Ehrfurcht , daß mir zuweilen helle Thränen langsam aus den Augen liefen und ich mir vornahm immer ein ungeheuer guter Knabe zu sein und Mann zu werden . Jezt streifen meine Blicke freilich mehr über die Erde und die Menschen hinweg , senken sich auf Bücher und Papier und allerlei nichtswürdiges Treiben , wo freilich die Schritte Gottes nicht wol zu erkennen sind . Kommt es aber einmal so wie heut daß ich in feierlicher Stille zu den sanftbewegten Baumwipfeln aufschaue , so wollen ihre leisen Beugungen mich noch immer fragen , ob ein gewisser Wilderich auch seine Schuldigkeit thue ; und das stimmt mich ernst - ganz wie damals . « » Und thut er sie ? « fragte ich . » Darauf ist schwer zu antworten . « » Doch nur in dem Fall daß er sie nicht thut . « » Wie unerbittlich hart sind Sie ! « rief Wilderich . » Und ungerecht , Mama ! rief Benvenuta lebhaft . Soll er sich denn selbst loben ? - das würde Dir auch nicht gefallen ! « » Er soll eine aufrichtige Antwort geben ! sagte ich . Ob das nun ein Selbstlob sein würde .... bleibe dahingestellt . « » Sie haben eine bessere Meinung von mir als Ihre Frau Mutter , sagte Wilderich freundlich zu Benvenuta . Dafür muß ich Ihnen recht dankbar sein . « » Mama scherzt nur , entgegnete sie erröthend . Wenn sie keine gute Meinung von Ihnen hätte würde ich ja auch keine haben . « Sie sprang auf und pflückte schöne Genzianen , die wie dunkelblaue Sterne den Boden an manchen Stellen bedeckten . Wilderich half ihr ; dann kam sie zurück und wand einen Kranz immer fröhlich mit ihm plaudernd . Ich saß unbeweglich auf meinem alten Platz . Es kam eine große Stille über meine Seele . Das Rauschen des Baches , der Duft des Tannenharzes , der Kräuter und des Mooses , der Sonnenstral der mich in sein Licht und seine Wärme hüllte - webten einen Schleier um mich , hinter welchem ich wie aus weiter Ferne Benvenutas und Wilderichs junge frische Stimmen zu mir klingen hörte ; - aber aus der Ferne der Zeit , nicht des Raums . Ich dachte sie könnten dereinst Beide glücklich mit einander werden , glücklicher als ich es je gewesen und wie ich es doch stets ersehnt . Und bei dem Gedanken an mich wollte diese uralte ewige Sehnsucht wieder ihre Geierkralle in meinen Busen schlagen . Aber wie man zuweilen im Halbschlaf sich beschwichtigt über einen bösen Traum , so sprach ich jezt heimlich zu mir : Laß das ! denke nicht an dich selbst ! das macht dir Schmerz . Die intenseste Sehnsucht und das intenseste Bewußtsein von ihrer Unerfüllbarkeit - das allein ist Schmerz .... die ächte Perle des Schmerzes , wogegen alle andern nur Glasperlen sind . Die Offenbarung der Liebe , so stralend und stark , daß sie momentan den Schmerz überflutet : das ist Extase ! - Freude , Wonne , Entzücken , Seligkeit , sind keine Extase ; sie müssen mit dem Schmerz versetzt sein . Er allein ist dein Erbtheil . Dir ward die dunkle Folie ohne den funkelnden Diamant .... aber die Kinder werden es vielleicht besser haben ; denk ' an sie . Ich schlug langsam meine Augen auf und begegnete Wilderichs , die mit melancholischer Glut auf mich gerichtet waren während er mit Benvenuta plauderte und ihr die Genzianen zum Kranz reichte . Sie hatte ihren Hut abgenommen . » Setze Deinen Hut wieder auf ! rief ich hastig . Die Sonne brennt , Benvenuta ! das schadet Deiner Haut und Deinen Augen . « » Du bist eitel für mich , Mama , und nicht für Dich , entgegnete sie lächelnd und gehorchend . Du sitzest hier seit zwei Stunden ohne Hut . Jezt da ich meinen Kranz vollendet habe kann ich ihn nicht tragen . Da muß ich ihn verschenken . « Und mit rascher graziöser Bewegung setzte sie den Kranz auf Wilderichs glänzend braune Locken . Aber er nahm ihn ab und sagte : » Verzeihung ! wir Männer sehen mit Kränzen eigenthümlich ungeschickt aus , so etwas wie Ungeheuer . Finden Sie nicht , Fräulein Benvenuta ? - Was Ihre schönen Hände geflochten haben muß zu Ehren kommen . « Mit diesen Worten erhob er sich und setzte mir den Kranz auf » Da Ihr Beide ihn verschmäht , so muß ich ihn freilich behalten .... und überdas erfrischt er mir angenehm die Stirn , « sagte ich . » Mama ! rief Benvenuta lebhaft , erlaubst Du mir den Versuch Dich so zu zeichnen ? Du glaubst nicht wie Du schön aussiehst mit diesem dunkelblauen Kranz - ganz wie ein Bild der Melancholie , das ich einmal in einem englischen Album gesehen habe . Die herrliche Tanne - Deine halb liegende Stellung - Alles ist so schön . « » Gut ! - ich gebe Dir eine Viertelstunde . Erlaubniß . « Benvenuta schrie das sei unmöglich . Wilderich sagte : » Fangen Sie nur geschwind an ! ich werde nach meiner Uhr sehen und Ihnen sagen wenn die Frist abgelaufen ist . - Jezt ist es halb drei . « Benvenuta machte sich emsig an ihre Arbeit . Mehrmals sah sie fragend zu Wilderich hinüber , der die Uhr in der Hand hielt und immer den Kopf verneinend schüttelte . Ich ließ ihr den Spaß , ich weiß nicht wie lange . Endlich sprang ich auf und sagte : » Die Viertelstunden scheinen unter diesem Baum verzaubert zu sein . » Ja , sagte Benvenuta lieblich , das hat ein guter Geist mir zu Gefallen gethan , denn die Zeichnung ist weit genug vorgeschritten um sie zu Hause vollenden zu können . « » Warlich , ein guter Geist ! rief Wilderich . Meine Uhr steht noch immer auf halb drei - ist also vermuthlich abgelaufen . « » Die meine ist vier ! sagte ich . Jezt zu Pferde . « Während des ganzen Heimrittes bat Wilderich Benvenuta um dies Bild . Sie wollte es nicht geben . » Bedenken Sie doch welch eine dreifach liebe Erinnerung sich für mich daran knüpft , bat er : an Ihre Mutter , an diesen Tag .... und an Sie . « » Genau so geht es mir auch ! « entgegnete sie . » Aber Sie haben dabei eine Erinnerung weniger . « » Nicht doch ! Sie waren der gute Geist der die Zeit still stehen hieß damit ich überhaupt das Bild vollenden könnte . « Endlich vereinigten sich Beide darüber , daß Benvenuta das Original behalten und für Wilderich eine Copie machen solle . Zufriedengestellt langten wir in Grindelwald an . Da erwartete mich ein Brief aus Ouchy mit der Nachricht , daß die Vorsteherin des Instituts plötzlich an einer Brustentzündung gestorben sei . Ihre Tochter schrieb tief traurig an Benvenuta , welche mich sogleich mit heißen Thränen bat zu ihrer betrübten Freundin zurückkehren zu dürfen . Ich sagte ihr ich würde am nächsten Tage mit ihr abreisen und Wilderich , welcher Zeuge dieser Scene gewesen war erklärte : dann würde er nach Baden gehen . Sein Entschluß war mir sehr lieb ! hatten er und Benvenuta Neigung zu einander , so mußte sich diese in der Ferne entwickeln und bestärken . Geschah das nicht , so war die Trennung doppelt nothwendig , indem ein Zusammenleben aufhörte , welches durch seine Intimität unerfahrne Herzen in einen Traum von Liebe hätte verwickeln können . Wilderich fragte mich nach meinen Plänen . Ich hatte keine vor der Hand . Er sah ganz verstört aus und bat mich um Erlaubniß mir aus Baden schreiben zu dürfen , was ich gern bewilligte . Ich zählte fast mit Gewißheit auf seine Werbung um Benvenuta . Die große Jugend und Unerfahrenheit Beider abgerechnet war es mir ein lieber Gedanke . Ich hatte Wilderich sehr lieb . Vielleicht sind uns immer die Menschen lieb denen wir wolgethan , so wie wir selten die leiden können gegen die wir ein Unrecht begangen haben . So paradox das klingen möge hängt es dennoch eng mit unserm Bedürfniß zusammen uns selbst achten zu können . Wirklich fuhr ich am andern Morgen mit Benvenuta fort , und Wilderich begleitete uns bis Bern , wo sich unsre Wege trennten . Es war keine heitre Fahrt ! Benvenuta schwamm in Thränen . Wilderich im Wagen ihr gegenüber sitzend , starrte sie stumm und beinah finster an . Ich , nur dann gesprächig wenn ich eine innere Auffoderung dazu empfand , war von Natur , durch Gewohnheit , Richtung und Schicksal schweigsam , konnte tagelang schweigen und fühlte mich gar nicht berufen jezt gesprächig zu sein . Dieser Tag war so recht ein schneidender Contrast zu dem vergangenen ! wir waren die nämlichen Menschen ; wir befanden uns in einer der schönsten Gegenden der Welt ; wir fuhren leicht und bequem durch die herrlichen Thäler von Grindelwald und Interlachen , am Ufer des Thuner Sees , und über die anmuthige Ebene von Thun nach Bern ; - aber Niemand beachtete es , und Jeder wickelte sich in seine traurigen Gedanken einsam ein - während wir uns gestern in glänzender Heiterkeit und inniger Theilnahme einander nah fühlten . Solch ein Wechsel - ist leben ! sprach ich heimlich . Aber es mußte halblaut gewesen sein , wie mir das in tiefen Gedanken zuweilen begegnete , denn Wilderich sagte : » Jedoch ein trauriges Leben . « » Der Wechsel ruht aus und erfrischt - heißt es . « » Auch Sie ? « » Nein , mich nicht ! im Gegentheil ! mich zehrt er auf , mich verbraucht er stückweise - denn ich will immer etwas das ohne Ende sei ! es brauchte nicht grade Glück .... es dürfte auch Schmerz sein .... und ohne Ende ! Daß Alles ein Ende hat , das frohe Gestern , das trübe Heute , so Alles ! Alles ! .... das konnte ich eben nicht ertragen , und deshalb habe ich wenig Ruhe genossen im Leben . Phantastische Sehnsucht schmachtete nach dem Unendlichen ; frühe Erfahrung ließ mich überall das Ende sehen oder ahnen ! Eine Hand streckte ich nach geliebten Chimären aus ; die andre streute erblaßte Bilder gleichgültig in den Wind . Und dies Alles rührte daher weil ich nicht stark genug war das Leben wie es ist und wie Gott es uns gegeben hat - nicht blos zu tragen , sondern zu ehren . « » Das Leben ehren mit seinem schaalen Wechsel , seiner dumpfen Verwirrung , seiner schreienden Ungerechtigkeit , seiner gekrönten Erbärmlichkeit - mit seinen Qualen der Leidenschaft und des Zweifels , der Sorge und der Schwäche - ist das möglich ? « » Das Leben ehren , Wilderich ! denn so lange Ihre Augen offen stehen , Ihr Herz klopft , Ihre Hand sich regt - können Sie das Gute thun und das Schöne lieben ! und dies nenne ich das Leben ehren wie Gott es uns gegeben hat . « » Das Schöne lieben und das Gute thun , « wiederholte Wilderich ernst und sank in sein Schweigen zurück . In Bern ging Benvenuta sogleich schlafen , und ich mit Wilderich auf die wunderschöne Promenade vor der Kathedrale , genannt die Plateforme , wo man die herrlichste Aussicht auf die Jungfrau und ihre majestätischen Genossen hat . Es war um Sonnenuntergang und im stralendsten Glanz lagen sie da wie goldene Riesenpfeiler welche den Himmel tragen . Wir setzten uns auf eine Bank unter den Kastanienbäumen . Mein Auge hing an dem Farbenspiel der Berge ; meine Seele flog unbestimmten Höhen und Fernen zu . Ich erschrack fast wie ein Nachtwandler den man bei seinem Namen ruft , als Wilderich mit bebender Stimme sagte : » Gnädige Gräfin .... morgen sehe ich Sie nicht mehr , und meine Seele hat sich an Sie gewöhnt . « Während er sprach sah er aber nicht mich , sondern die Berge an . Ich fühlte nun wol daß » sie « nicht die Berge waren ; aber voll meiner Voraussetzung , daß zwischen ihm und Benvenuta eine Liebe keime , glaubte ich ihr gelte dies » sie « . Und als er nach einer Pause noch leiser und beklommner sagte : » Werde ich Sie nie wiedersehen dürfen ? « - - entgegnete ich liebevoll : » Warum denn nicht , Wilderich ! Aber versuchen wir eine Trennung von einigen Wochen ; sammeln und besinnen Sie sich , überlegen Sie die Zukunft was Sie zu thun und zu bieten haben ; - und wenn Sie nach vollendeter Badecur mich in Grindelwald oder wo es sei besuchen : so wollen wir darüber sprechen . Jezt nicht . Es scheint mir noch zu früh , zu unreif . « Ein ganz extatischer Freudenschimmer blitzte in seinem Auge auf und zu mir herüber , als er rief : » Also wiedersehen ! .... o gelobt sei Gott ! « Damit war unser Gespräch zu Ende , und Jeder von uns hing wieder seinen Träumereien nach - lange ! lange ! Ich hatte nun einmal die Gewohnheit mich nicht um die Zeit zu kümmern . Der starke Schlag der Uhr , die an der Kathedrale zehn schlug , machte mich auffahren . Es war ganz finster geworden . » Warum erinnern Sie mich nicht an die Heimkehr , Wilderich ! « rief ich schnell aufstehend und seinen Arm nehmend . » Ich fühlte mich daheim in meiner Seligkeit , « sagte er . » Hoffen Sie nicht zu viel , Wilderich ! .... ich weiß ja nicht einmal ob Sie überhaupt hoffen dürfen . « » O still ! still ! Sie sagten selbst : jezt nicht ! - Einige Wochen voll himmlischer Hofnung liegen vor mir und dann - .... dann wird mir zu Sinn sein als würde ich von Rosenwolken zum goldnen Gipfel der Jungfrau emporgetragen . « » Welche Schwärmerei ! « sagt ' ich lachend . » O lachen Sie nicht ! bat er sanft ; ich bin ja glücklich . « » Ist Ihre Liebe wirklich so tief ? « fragt ' ich gerührt . Er antwortete nicht , aber er nahm meine Hand die auf seinem Arm lag und drückte sie mit tiefer Bewegung an seine Lippen und an sein Herz . In unserm Gasthof angelangt setzte ich mich an den Theetisch ; Wilderich ging auf und ab im Salon mit einer Hast die beunruhigend war . Ich bat ihn sich zu mir zu setzen : er wollte nicht . Ich fragte dies und das : er antwortete zerstreut . Endlich sagt ' ich : » Sie sind ungeselliger Laune ; also gute Nacht , mein Wilderich ! gehen Sie schlafen ! « » Und morgen früh um fünf Uhr muß ich mit dem Zürcher Eilwagen fort ohne Ihnen zuvor Lebewol sagen zu können ! « rief er . » Desto besser ! Abschied nehmen ist so traurig . « Er kniete plötzlich vor mir nieder . Ich sagte kurz : » Auf , Wilderich ! diesen Ausdruck der Andacht nicht zum Spaß mißbraucht ! « » Zum Spaß ? .... mißbraucht ? - o meine Gräfin ! selten mag wol ein Mensch mit so tiefem heiligen Dankgefühl niedergekniet sein - Dank für das Erbarmen der Vergangenheit - Dank für die Huld der glückseligsten Hofnung . Sie haben mir das Leben gerettet ! in langen Nächten haben Sie mich bewacht , in schweren Tagen mich gepflegt , immer ein Lächeln , einen Trost , eine unbesiegliche Geduld für mich gehabt , den Unbekannten , den Fremdling ! - dann haben Sie mich gelehrt welch eine herrliche Gabe das Leben sei , weil wir darin das Gute thun und das Schöne lieben sollen - und allendlich haben Sie mir ein überirdisches Glück zugesagt ! .... - Und dafür gäbe es einen übertriebenen Ausdruck von Dank und Andacht ? - - O sehen Sie denn nicht daß ich nicht anders kann als vor Ihnen knien ? « Dieser junge warme Ausbruch des Gefühls that mir unsäglich wol . Ich sagte : » O Wilderich ! es ist doch wunderschön wenn das Herz den Regenbogen der Empfindung - und sei es nur auf Secunden ! - über unser graues Lebensgewölk wirft . « Er hatte sein Gesicht in meine Hände und auf meine Knie gelegt . Ich hob seinen Kopf empor ; an seinen Wimpern hingen Thränen . Sanft legte ich meine Hand über seine Augen und sprach : » Ich bin wie die Männer ! ich kann in lieben Augen keine Thränen sehen . « Und ich bog mich herab um seine Stirn zu küssen . Aber eine fürchterliche Erinnerung schmetterte urplötzlich wie ein Wetterstral durch meine Seele . Ich lehnte mich zurück , ließ die Hand sinken und sprach ruhig : » Und nun genug , lieber Wilderich ! dieser Augenblick ist mir süß und freudig gewesen wie eine Frühlingsblume die man im Spätherbst unter welken Blättern findet . Ich wünschte sie nie zu vergessen . Leben Sie wol - bis zum frohen Wiedersehen ! « Ich gab ihm die Hand , und verließ den Salon . - Wie oft habe ich es später beklagt ihm jenen Kuß nicht gegeben zu haben ! er hätte vielleicht Wilderichs Lippen gelöst und den wahren Zustand seiner Seele zur Sprache gebracht . Er kann Wunder thun - ein Kuß ! kann die Herzen entsiegeln oder besiegeln die in Beklommenheit und Schwankung zitterten . Aber ich in der Verkehrtheit meines Herzens verstand nie ! nie ! das Rechte zu treffen . Am Abend des andern Tages war ich mit Benvenuta in Ouchy . Sie war unterwegs noch viel betrübter . Sie sprach gar nicht von Wilderich was mir unnatürlich vorkam , da sie ihm nicht Lebewol gesagt hatte ; aber ich ließ sie gewähren , denn ich hatte Scheu etwas anzurühren oder aufzustören , was vielleicht der Stille bedurfte um klar zu werden . Es ist unsäglich schwer ein junges Wesen zu verstehen , das sich selbst nicht versteht . Die Mütter behaupten freilich immer sie kennten ihre Töchter bis in die Seele hinein ; ich mögte behaupten , daß sie durch immer neue und die allergrößten Ueberraschungen zu dieser Kenntniß gelangen . Die ganze Erziehungsanstalt war durch den Tod der Vorsteherin in Auflösung . Deren Tochter Gabriele ein durch Geist und Bildung ausgezeichnetes Mädchen , war bei einundzwanzig Jahren noch nicht erfahren genug um den Platz der Mutter auszufüllen , und die Oberlehrerin genoß nicht eines so unbedingten Vertrauens . Ich war schnell entschlossen und bot Gabrielen an als Benvenutas Gesellschafterin zu mir zu kommen . Das erfüllte beide Mädchen mit Freude und Dank . Binnen acht Tagen waren die alten Verbindungen gelöst , die neuen geknüpft , und Benvenuta bat mit freudig überwallendem Herzen : » Nicht wahr Mama , nun gehen wir geschwind nach Grindelwald zurück ? « » Es wird sehr eng für uns drei in der Cottage sein ! « entgegnete ich um zu erfahren welche Sehnsucht sie dahin treibe . » O , Gabriele und ich - wir werden uns schon zusammen in einem Zimmer vertragen ! wir sind daran gewöhnt . Ach Mama ! es ist so lieb , so herzig in der Cottage von Grindelwald wie nirgends sonst . « » Auch nicht in Deinem geliebten Engelau ? « » Nein ! - nirgends ! « » Im vorigen Herbst gefiel sie Dir doch gar nicht besonders . « Benvenuta wurde purpurroth und erwiderte verlegen und schüchtern : » Jezt aber sehr ! .... ich meine .... im Frühling sehr . « » Es wird aber jezt nicht so munter dort sein , weil Wilderich fehlt ; « sagte ich unbefangen , zum ersten Mal seit seiner Abreise seinen Namen aussprechend . Sie erbleichte und schloß momentan die Augen , als habe sie eine heftige und schmerzliche Erschütterung empfunden . Ich sah daß sie unfähig war mir eine Antwort zu geben die arme Kleine ! darum fuhr ich gelassen fort : » Indessen wird er ja auch bald wieder kommen . « » Ist es möglich ! « rief Benvenuta durch namenlose Freude über ihre Schüchternheit emporgehoben . » Wenn Du es wünschest - ist es gewiß ! Wilderich kommt wohin es sei , sobald ich ihm nicht ausdrücklich schreibe er solle nicht kommen ; und dies würde ich nur in dem Fall thun , daß er Dir gleichgültig wäre und daß Du mir den Auftrag gäbest ihm das schonend beizubringen . « » Wenn er kommt , Mama , so ist es mir ganz einerlei ob wir hier bleiben , oder nach Grindelwald oder sonst irgend wohin gehen ! sagte Benvenuta wieder ganz blöde und erröthend . Aber glaubst Du wirklich daß mein Wunsch ihn wiederzusehen Einfluß auf sein Kommen oder Nichtkommen haben könnte ? « » Ich glaube es nicht - sondern ich weiß es ! am Abend in Bern hat er es mir gesagt . Er wünscht innig Dich wiederzusehen um Deine Neigung gewinnen und Dein Herz fesseln zu können . Und dazu hab ' ich ihm Hofnung gemacht . « » O Mama ! wie himmlisch gut bist Du ! « rief Benvenuta und warf sich entzückt in meine Arme . Gleich nach diesem Gespräch schrieb ich an Wilderich : » Es ist so eben bestimmt worden , lieber Wilderich , daß wir für den ganzen Sommer nach Grindelwald gehen . Sie wissen also wo Sie uns finden und daß Sie uns willkommen sein werden , in dem Fall daß Sie Ihren Entschluß nicht geändert haben . Zuvor müssen Sie aber fein ruhig Ihre vierwöchentliche Badecur abmachen . Den großen Festen des Lebens muß man gesund und kräftig entgegen gehen . Adieu , Wilderich . Eine Menge angenehmer Dinge die Sie vermuthlich wissen mögten , mag ich nicht schreiben , weil sie unendlich viel lieblicher zu hören und zu sagen - als zu lesen und zu schreiben sind . Gott mit Ihnen . « In Grindelwald erhielt ich seine Antwort . Sie war kurz wie mein Brief , ein unterdrücktes Freudejauchzen , ein Herzpochen der Seligkeit . Ich gab das Blatt an Benvenuta . Sie las es , küßte es mit feierlicher Rührung , faltete die Hände darüber und sagte indem sie ihre schönen unschuldigen Augen thränenvoll zum Himmel aufschlug : » Gott , wie danke ich Dir daß es wirklich wahr ist . « Uebrigens sprach sie nach ihrer Art fast gar nicht von Wilderich weder mit mir noch mit Gabrielen ; allein ich sah an ihren Beschäftigungen , daß er der Mittelpunkt ihrer Gedanken war . Mein Bild unter der Tanne am Rosenlaui-Gletscher machte sie im Original und in der Copie fertig , und alle Spaziergänge die Wilderich mit uns gemacht , suchte sie als die schönsten und liebsten auf . Je näher der Tag seiner Ankunft rückte , um desto bewegter wurde sie . » Ich glaube ich freue mich zu sehr ihn wiederzusehen ! sagte sie am Morgen des Tages dessen Abend ihn bringen sollte . Wenn nur dem Dampfboot auf dem Thuner See kein Unglück geschieht . « » Und wenn eins geschähe ? « fragte ich . » Dann wär ' es aus und vorbei , « sagte sie so merkwürdig gefaßt , daß ich staunend fragte : » Was wäre aus und vorbei , seltsames Kind ? « » O , ich weiß nicht was ! .... ich denke nur .... Alles . « » Beruhige Dich , Benvenuta ! das Dampfboot wird friedlich seinen Weg machen und um acht Uhr Abends , wie er es geschrieben hat , wird Wilderich hier sein ; sonst gewiß morgen früh . « Um acht Uhr Abends war Wilderich nicht da ; nicht um neun und auch nicht um zehn . Benvenuta war fast bewußtlos vor nervoser Unruh . » Er hat in Interlachen weder Wagen noch Pferde bekommen können - wie das in dieser Jahreszeit bei großem Fremdenzudrang ziemlich häufig geschieht - morgen zum Frühstück ist er hier , « wiederholte ich wol funfzig Mal ; aber ich selbst gerieth in fiebernde Aufregung und bat Gabriele Benvenuta zum Schlafengehen zu bewegen . Das geschah . Ich aber warf mich halbtodt vor Erschöpfung auf die Chaiselongue die auf dem Altan stand , und lag dort gedankenlos von unerklärlicher Angst befallen bis gegen Mitternacht . Rasche Schritte draußen auf dem festen Wege weckten mich aus meiner Lethargie .