der Grafen Boberstein weichen , wo die Rache für die Härte des Grafen Erasmus und für die noch schmählichere Schandthat seines Sohnes beginnen werde . « » Himmlischer Vater , Sie wissen ! « stammelte Herta . » Ich weiß Alles , Herta , aber ich zürne Dir nicht , noch verdamme ich Dich . Ich komme nur , um Dich zu retten ! « » Und wer sind Sie ? « fragte ahnungsvoll das zitternde Mädchen . Der Fremde griff in seinen Busen und hielt ihr das Bild Eugeniens entgegen . » Meine Mutter ! « lallte sie sanft und durch Thränen lächelnd , indem sie die zarten Hände nach dem theuren Medaillon ausstreckte . » Mein Vater schickt es mir , daß ich Ihnen vertrauen soll ! - O , wie gut , wie lieb - « » Herta ! « rief mit von Thränen unterdrückter Stimme der Fremde und breitete seine Arme gegen sie aus , » Herta , ich bin Dein Vater , bin der unglückliche Johannes ! « Von dem lauteren Gespräch geängstigt , trat jetzt Emma in ' s Zimmer . Sie fand Herta in den Armen des Fremden , an seinem Halse , seinen Lippen hangend . Sie trat näher zu der Gruppe und berührte mit leisem Finger die Schulter ihrer Gebieterin . » Es regt sich im Schloß , « flüsterte sie ängstlich . » Irgend ein Diener muß noch wach sein . « » Ich danke Dir , gutes Mädchen , für Deine Warnung , « versetzte Johannes eben so leise , noch immer seinen nervigen Arm um die wiedergefundene Tochter schlingend . » Begleite mich , « fuhr er dann fort , » denn nicht lange mehr wirst Du hier geborgen sein ! Die Leibeigenen haben sich erhoben und vielleicht schon in wenigen Stunden beginnt ihr Rachewerk . Von ihnen erfuhr ich Dein Schicksal und beschloß , Dich zu retten , Dir Deinen Vater wieder zu geben . - Du zitterst ? Herta , Du schwankst ? Solltest Du Magnus - « » O still , still ! Ich hasse , ich verachte ihn ! « » Er wird Dich zur Gemahlin begehren ! « Herta nickte matt mit dem müden Haupt . » Er fällt von meiner Hand , wenn er es wagt , nochmals um Dich zu werben ! « » Er thut es nicht mehr , « sagte Herta sanft . » Du darfst ihn nicht sehen , nicht mehr sprechen . Komm ! Es ist die höchste Zeit . Schon naht die Mitternachtsstunde ! « Leise entwand sich Herta den Armen ihres Vaters . » Laß mich hier , « bat sie mit dem rührenden , alle Herzen bewältigenden Ton ihrer Silberstimme . » Erasmus , mein Onkel , der so hart an Dir gehandelt und der mich dafür so innig geliebt hat und über mein Unglück gestorben ist , Erasmus ist noch nicht bestattet . Laß mich an seinem Sarge für ihn und für uns Alle beten , dann komme wieder und fordere mich von Utta . « » Es geht nicht , « sagte Johannes mit steigender Unruhe . » Ich kann nicht wieder kommen . Wer weiß - - « » Wo wohnst Du ? « fragte kindlich fromm die Tochter , dem Vater die starken grauen Haare aus der finstern Stirn streichend . » Tief , tief in der Haide ! « » Nun , so komme ich selbst zu Dir . Die Haide liebe ich ; ich bin bekannt bei Köhlern und Bauern . Ich frage mich durch sie hindurch bis zu Dir ! « » Aber Herta ! « » Vater , es muß so sein . Mein Herz gebietet es und das wirst Du nicht kränken wollen . « » Nun so bleib , « erwiederte Johannes entschlossen . » Aber hab ' Acht ! Sollte sich etwas Außerordentliches ereignen , dann halte Dich bereit ! Flüchte durch diesen Gang , der uns Allen verhängnißvoll war , bis an das Ufer des See ' s und Dein Vater wird Dich erretten ! - Jetzt , gute Nacht , liebe , holde , süße Tochter ! « » Gute Nacht , mein armer Vater ! « hauchte Herta , umschlang nochmals den starken Mann und ließ erst von ihm , als er mit einem Fuße auf der Schwelle des geheimen Ganges stand . Als die Thür zufiel , sank sie Enma still weinend in die Arme . Fünftes Kapitel . Der Aufstand . Der auf diese Nacht folgende Tag war ein Hofetag . Alle wendischen Bauern und Gärtner mußten mit ihrem Gespann in die Haide , um Holz auf den Zeiselhof zu schaffen . Obwohl der Befehl dazu erst am letzten Abend an sie ergangen war , gehorchten sie ihm doch Alle , wie gut geschulte Hunde dem Wink ihres Herren . Sie waren so an blinden Gehorsam gewöhnt , daß der Begriff eines freien Willens gar nicht in ihnen aufkommen konnte . Und solch blindes Gehorchen war noch möglich in demselben Augenblicke , wo der ganze Stamm gegen den grausamen Herrn sich zu erheben fest entschlossen war ! Wie tief gewurzelt , wie mit dem ganzen Dasein , mit allen Gewohnheiten fest verwachsen mußte dieser knechtische Sinn der Wenden sein ! Welch entsetzliches Licht fiel gerade dadurch auf die entsittlichende Leibeigenschaft ! Im tiefsten Walde trafen die Wagenzüge der einzelnen Dorfschaften mit den verschiedenen Vögten der Herrschaft zusammen . Auch die Förster waren versammelt , um den Frohnbauern die Holzschläge anzuweisen . Dies waren ungeheure Lichtungen oder Waldblößen im dichtesten Gebüsch . Klaftern trockenen , starken , harztriefenden Holzes reihten sich an Klaftern von hohen in die lockere Erde getriebenen Pfählen gehalten . Dazwischen lagen ausgerodete Stöcke , die mit ihren gewundenen Wurzeln gleich sich bäumenden Riesenschlangen in die Luft griffen . Baumstümpfe , vor Alter verwittert und mit röthlichem Moos überwachsen , hockten in den abenteuerlichsten Gestalten wie unheimliche Geister oder greise Wächter des Waldes zwischen den leuchtenden Scheiten . Der Boden , voll tiefer Aushöhlungen und brüchiger Stellen , war mit moderduftigen grauweißen Schwämmen oder mit riesigen Fächern großer Tüpfelfarren bedeckt , deren zarte , durchsichtige , in brennendem Roth glimmernde Fasern rastlos im Morgenwinde auf- und niederwogten . Rothbraune und schwarze Schnecken , die weißen , zierlich gewundenen Häuser auf ihren klebrigen Rücken , kletterten langsam auf die breiten Mooshäupter der erstorbenen Baumstümpfe und legten silberglänzende Streifen um die finstern krausen Stirnen , daß sie in dämmerndem Lichtschein mit blitzenden Diademen gekrönt schienen . Schwärme munterer Goldammern mit gelblich schimmernden Brustfedern flogen zwitschernd auf und sanken in kleineren Geschwadern wieder nieder , um hüpfend und flatternd die gefällten Tannen zu beschauen und aus Baumerde und Pflanzenleichen ihre Nahrung zu picken . Es war ein heiterer , stiller Herbsttag . Die Waldung rauschte harmonisch in mildem Luftzuge , ähnlich dem Meere , wenn es bei ruhigem Wetter nur säuselnde Schaumbrandungen an den Strandwänden hinaufrollt , als tauchten gaukelnde Wassergeister aus der Tiefe auf und mühten sich in ergetzendem Spiele ab , die harte , starre Erde zu erklimmen . Manchmal rauschte in sausendem pfeifendem Fluge ein Schwarm wilder Gänse oder in ägyptischer Hieroglyphengestalt die Pfeilwolke eines Storchgeschwaders über die Lichtung . Ohne diesen alltäglichen Erscheinungen die geringste Aufmerksamkeit zu widmen , begaben sich die Wenden an ihre Arbeit . In Gesellschaft verrichtet dies sinnlich heitere Völkchen auch die schwerste Arbeit stets unter Gespräch , Gesang , Gelärm . Auch an kräftigen Flüchen gebricht es ihrer Sprache nicht , wenn das Zugvieh nicht gehorchen will oder wenn irgend etwas am Wagen zerbricht . Ohne derartiges Unglück sind Holzfuhren nicht wohl denkbar . Bald bricht eine Achse , bald ein Ortscheit , bald stürzt der ganze Wagen in eine verdeckte Grube und Stunden mühsamer Arbeit reichen oft nicht hin , die schwere Last abermals aufzuladen , die scheu werdenden Thiere zu bändigen und vor Schaden zu behüten . Förstern und Vögten fiel es daher auf , daß alle Bauern an diesem so schönen und für einen Herbsttag in der Haide milden Morgen überaus wortkarg , ja völlig stumm waren . Alle sahen finster und mürrisch aus und verrichteten die Arbeit mit einem gewissen Verdruß , mit einem Widerwillen , den sie noch niemals gezeigt hatten . Die Aufseher schrieben diese ungewohnte Niedergeschlagenheit auf Rechnung des unerwarteten Todesfalles , denn es war bekannt , daß die meisten Haidebauern den alten Grafen wahrhaft geliebt hatten , da sie von ihm nicht in dem Sinne bedrückt worden waren , wie sie den Begriff der Bedrückung überhaupt faßten . Bis an den Hals in ihre groben , meistentheils schmierigen Schaafpelze gehüllt , eine blau und roth geränderte Zipfelmütze auf dem langen Haar , welche die Meisten noch über die Ohren herabzogen , wodurch der Ausdruck ihrer Gesichter etwas Stupides bekam ; so räumten sie die aufgeschichteten Klaftern ab und beluden damit ihre nicht immer sehr standhaften Wagen . Nicht einmal die Branntweinflasche , die der Wende doch sonst immer in der Sacktasche seines Pelzes führt , machte heut die Runde . War es nun , daß in Folge der Nüchternheit Aller durch nutzloses Lärmen und Reden keine Zeit verloren wurde , oder weil die größere Anzahl derselben am Abend dieses Tages nach Boberstein zu wandern beabsichtigte , um die Leiche ihres bisherigen Herrn auf dem Paradebett zu sehen und nach Sitte und Herkommen durch stilles Umwandeln des Sarges von ihm Abschied zu nehmen ; genug sämmtliche Frohnbauern verließen in verhältnißmäßig kurzer Frist den Holzschlag . Auch auf den schlechten , hundertfach durchkreuzten Wurzelwegen und in rollenden Sandtiefen geschah wider Aller Erwarten kein Unfall . Die zuerst im Walde erschienenen Bauern langten schon in der Mittagsstunde auf dem Zeiselhofe an und um zwei Uhr des Nachmittags war auch der letzte Wagen abgeladen . Für das Unterbringen und Aufschichten des eingebrachten Winterholzes hatten die Hofeknechte zu sorgen . Auch diese waren rasch zur Hand und betrieben das wenig schwierige Geschäft mit liederlicher Eile , da der Voigt noch immer krankte und der erste Knecht , welcher an des Voigtes Statt die Aufsicht führte , kein strenger Herr war . - Um die siebente Abendstunde , wo in der erwähnten Jahreszeit aus allen Haidedörfern , die von Wenden bewohnt werden , die freundliche Flamme der Heerdfeuer über das Blachfeld leuchtet , sah man an diesem Tage die flackernden Kienlohen erlöschen . Dann traten die Männer in Pelzen , mit Hacken , Heugabeln oder Knütteln bewaffnet , aus ihren niedrigen Häusern , Viele begleitet von Frauen und Mädchen , die in ihre weißleinenen Regentücher gehüllt , gleich wandelnden Gespenstern schweigsam durch Nacht und Dunkel schwebten . Auf verschiedenen Wegen , wie sie jeden Hausbesitzer in unmittelbare Verbindung mit seinen Saatfeldern setzen , verloren sich die stummen Wanderer in die Haide , deren schwarze Wand , von flackernden Sternen matt beglänzt , sämmtliche Dörfer umschloß . Erst unter den rauschenden Stämmen fanden sich Bekannte und Freunde zusammen und schritten nun truppweise immer tiefer in die Haide hinein . Unter einer dieser kleinen Abtheilungen begegnen wir Sloboda und Ehrhold , Clemens und dem Maulwurffänger , denen sich einige verhüllte Frauengestalten anschlossen . » Es bleibt doch immer ein Wagstück , Freund , « sagte Jan , zwischen Heinrich und Ehrhold auf unsichtbaren Pfaden grad nach Norden rüstig fortschreitend . » Läßt uns jetzt Dein Lips im Stiche , so sind wir ohne Gnade und Barmherzigkeit verloren und unsere Rücken werden es dann vier Wochen lang spüren . « » Ich tausche mit Dir , wenn ' s dahin kommt , « erwiederte der Maulwurffänger . » Zweifle doch nicht an dem einmal gegebenen Wort eines solchen Räubers , wenn er nun doch so heißen soll . Will er nicht Alles auf sich allein nehmen und sollt Ihr ihn nicht blos schützen ? « » So sagt er , und weil Du für ihn bürgst gehen wir jetzt auf Wegen der Finsterniß . « » Sie werden zeitig genug licht werden . Aber wo sind wir ? « » Zwischen den Torfteichen , « sagte Ehrhold . » Der große Holzschlag , wo vor zehn Jahren der schreckliche Windbruch war , liegt noch eine halbe Stunde seitwärts . Wir müssen die Sandhöhe hinauf und mitten durchs Dickicht , wenn wir zur rechten Zeit eintreffen wollen . « » Nur vorwärts ! « drängte der Maulwurffänger . » Was uns hinderlich ist , wird niedergesäbelt . Ohne Stich und Hieb geht es ja doch nicht ab . « Der Trupp zog weiter . Einzeln , stets Einer hinter dem Andern , mußten sie sich durch die verwilderte Haide winden . Oft war der Wald so dicht , daß Keiner den Andern erkannte . Stamm rieb sich an Stamm und bei der Umschlingung dieser Riesenbäume fuhren Töne durch die Luft wie Seufzer , daß auf den wankenden Aesten , deren Nadelbehänge in der Luft raschelten , das zur Nachtruhe niedergefallene Geflügel kreischend und purrend wieder auffuhr . Zuweilen liefen an zerborstenen Fichten ein paar blitzende Funken bis in die schwarzen Kronen hinauf und sahen glänzend hinab auf die späten Wanderer . Es waren Eichhörnchen , deren muntere Aeuglein so seltsam leuchteten . Dann riß wieder plötzlich der schwarze Nadelvorhang über ihren Häuptern und ein Stück blauschwarzen Himmels , mit Sternen umsäumt und ausgeschlagen , lauschte herein , bis ein weißer glänzender Streif mit nickender Krone und abwärts wehenden Dunsthänden in ungeheuerlicher Bildung sich über die ruhige Klarheit des Sternenhimmels schob . Wo aber die Bäume weit auseinander traten an Moorbrüchen , sumpfigen Waldbächen und kleinen Wiesen , da hingen graue Schleier um ihre Hüften , die sich bald verlängerten , bald verkürzten , bald über die finstere Erde rollten , bald zu einem Dome sich ausbreitend , eine feuchte flatternde Dunstwölbung über die Haide bauten . Füchse , Wiesel und anderes Gethier schoß raschelnd über den Weg , buntgefleckte Schlangen glotzten mit stechenden Augen aus feuchten Laubschobern , die von dem vielen Unterholz sich angehäuft hatten , und Molche und Eidechsen hingen in zahlloser Menge an bemoosten Marksteinen und auf großen gelben Pilzen . Dies ungewohnte Leben der Haide bei Nachtzeit machte nicht selten die Wenden stutzig , denn obschon Alle vertraut waren mit der Natur der Haide und ihren Schauern , gebrach es ihnen im Allgemeinen doch zu sehr an Bildung , um natürliche Erscheinungen sich natürlich zu erklären . Deshalb schritten auch die Weiber ununterbrochen betend den Männern nach . Denn wenn die seltsam geformten Nebel mit den mattleuchtenden Säumen plötzlich vor ihnen auftauchten wie aus tiefem Schlunde , oder in eilender Schnelle gegen sie heranzogen und dann wie erschrocken zurückweichend in hundert Schlangenwindungen zur Seite rollten , glaubten sie sich umlauert von bösen Geistern , bedroht von Gewalten finsterer Dämonen . Nach mühsamer Wanderung erreichten unsere Freunde in der neunten Stunde den Windbruch . Dies war ein waldfreier Platz in der Haide von einer halben Stunde im Durchmesser . Er bot jetzt einen seltsamen Anblick in der kühlen Herbstnacht , die kein Mond erhellte . Spärliche Sternenfunken flimmerten nur stellenweise mit mattem Glanze aus phantastischen Wolkenpalästen . Von allen Seiten der ringsum schließenden Haide wankten schwarze Gestalten und grauweiße Schatten , die in unklarer Ferne zu riesiger Größe anwuchsen , gegen die Mitte der Lichtung . Hier drängte sich ein schwarzer Knäuel verworrener Menschen , umgeben von einem Halbkreise weißer Statuen , die auf Blöcken , vermoderten Wurzelstöcken und halb zerbrochenen Stämmen regungslos dasaßen , von dem rothen Schein eines knisternden Feuers , das pechschwarze Rauchwolken gen Himmel wirbelte , grell beleuchtet . Diese Gestalten waren die wendischen Frauen und Töchter der Leibeigenen in ihren schimmernden Regenmänteln . Ein monotones Gesurr vieler Stimmen trug der Lufthauch unsern Wanderern entgegen . Weithin über die Lichtung glühten zahllose dunkle Flammen , als ob unterirdische Erdgeister riesige Leuchten aus ihren Höhlen emporhielten . Hie und da wälzte sich auch in gleich düsterer Brandfarbe eine endlose Schlange am Boden , deren Kopf in vielen gleichfalls leuchtenden Hörnern endigte . Diesen Spuk verursachten die vielen verfaulten Baumstümpfe und vermoderten Bäume mit ihren Wurzeln , deren feuchtes Holz jetzt in der Finsterniß phosphorescirte . Nach dem Feuer inmitten des Windbruches führte der Maulwurffänger seine Freunde . Sie wurden mit dumpfem Zuruf begrüßt , von diesem und jenem Bekannten mit einem treuherzigen Handschlage . Nach und nach wuchs die Schaar der Wenden auf einige tausend an , die sie begleitenden Frauen mitgerechnet . In der Mitte dieses Menschenhaufens saß der Fürst des Waldes , vom Volke der braune Lips genannt , mit seinem eigentlichen Namen , wie wir wissen , Johannes , Herta ' s unglücklicher Vater . Er trug die Kleidung eines vornehmen Oberförsters , war aber außer seinem Hirschfänger noch mit doppelläufiger Büchse und mehrern Pistolen bewaffnet . Ihm zunächst kauerte auf einem Steine der schlanke Jüngling mit dem abscheulichen Spitzbubengesicht . Hinter ihm lehnte der hübsche stille Mann , der bei Heinrich ' s Besuche im Raubhause Knebel geschnitzt hatte . Alle diese , so wie die meisten übrigen Männer , die zu des Haidefürsten Hofstaate gehörten und seinem Wink ohne Säumen gehorchten , trugen Jägerkleidung . Es war eine Schaar von wenigstens hundert der verwegensten Männer , tollkühn , beutegierig , lechzend nach Brand und Plünderung - das gefürchtete wilde Heer der Haide , das ungeahnt , ungesehn in trüber Nacht die Mauern der Edelhöfe überstieg , in die Schlösser eindrang und die kostbarsten Kleinodien entführte . Nie hatte diese Schreckensschaar einen Mord begangen , dafür aber wurden die Ueberfallenen , wenn sie als harte Gebieter verschrien waren , auf grausame Weise geknebelt , nicht selten mit Peitschenhieben zerfleischt und jede bald erscheinende Hilfe mit berechnender Schlauheit fern gehalten . Dies war die Rache Johannes für die ihm zugefügte Beleidigung . Keiner dieser Männer war verheirathet . Jeder stand ganz allein , hatte nur für sich zu sorgen und gehorchte dem Fürsten , wie Lips von seinen Genossen ohne Ausnahme genannt ward . Da sie zum größten Theil der Meinung waren , daß ihr Gewerbe kein unehrliches , schändliches und verbrecherisches , obwohl ein verbotenes , sei , so brüsteten sie sich gern mit ihren Thaten und lebten , wie dies bereits angedeutet worden ist , mit dem armen Volk auf vertrautem Fuß . Ihr sie beherrschender und mit entschiedener Geistesüberlegenheit leitender Anführer hatte ihnen , ob aus Ueberlegung oder weil er sich größeren Erfolg davon versprach , mit leichter Mühe eingeredet , daß sie weiter nichts wollten , als das entsetzliche Unrecht der herrschenden Besitzer ausgleichen . Deshalb ward nach jeder glücklich vollführten Beraubung eines Reichen der zehnte Theil des geraubten Gutes in irgend einem Gotteskasten niedergelegt , wo es der Armuth wenigstens zu Gute kommen konnte . Der Rest ward unter sämmtliche Räuber gleich vertheilt . Johannes selbst duldete nicht einmal , daß ihm ein Mehr von der Beute zufiel . Dagegen gestattete er den Vorschlag eines willkürlichen Geschenkes von Seiten der Bande , das ihm zu Anfange jeden Vierteljahres überreicht ward . So bestand unter dieser Gesellschaft eine Verfassung , die in freilich sehr roher Gestaltung und vielleicht ohne daß irgend einer derselben darüber nachgedacht hatte , die Idee einer möglich gleichen Vertheiluug des Vermögens wie der Arbeit zu verwirklichen suchte . Als man annehmen durfte , daß die unter dem Grafen stehenden Leibeigenen zum größten Theile auf der Waldblöße versammelt waren , erhob sich der Fürst der Haide und winkte den Maulwurffänger nebst seinen Gefährten zu sich . » Euch bin ich Dank schuldig , wackerer Mann , « sagte der Räuber , dem schlichten Manne aus dem Volke die Hand schüttelnd . » Ihr seid nicht müßig gewesen , wie mich diese zahlreiche Versammlung lehrt , und so wäre es nun wohl an der Zeit , vom Warten zum Handeln überzugehen . - Wo ist Jan Sloboda ? « » Hier ist der unglückliche Vater , « versetzte der Wende vortretend und seinen Hut lüftend . Johannes sah den riesenstarken Mann eine geraume Zeit mit seltsamen Blicken an , dann sagte er mit einer Stimme , in der schmerzliche Wehmuth nachzitterte : » Ihr kennt Fräulein Herta ? « » Sie war die Wohlthäterin meiner Tochter ! Möchte sie noch recht viele sonnige Tage erleben recht glücklich werden , wie sie ' s verdient ! Ja , Herr , meine armen Augen tragen ihr Bild immer mit sich herum . « » Wollt Ihr mir zur Seite bleiben , um im Fall der Noth das Fäulein aus Magnus ' Händen zu befreien ? « » Ich werde Euch nicht verlassen , bis der Engel der Armen in Sicherheit ist . « » Und ich trenne mich nicht von Euch ! « rief Clemens . » Auf diesen meinen Armen will ich sie trockenen Fadens über den See in die Haide tragen ! « » Dann gehe auch ich mit , « sagte Ehrhold . » Haideröschen bedarf heut keines männlichen Schutzes . « » Und was gedenkt unser wackerer Freund zu thun ? « wandte sich der Räuber an Heinrich . » Gebt mir keinen Auftrag , wenn Ihr mich lieb habt , « versetzte der Maulwurffänger . » Mit dem Pariren hab ' ich mein Lebtage nichts anzufangen gewußt . Wenn Ihr mir aber erlauben wollt , nach meinem Gusto unter Euch allen herumzufahren , wie das Gewürm , dem ich nachspüre , so kann ich manchen Nutzen stiften . Ein Raufbold oder Kriegsheld bin ich meines Wissens nicht . Die Courage sitzt bei mir mehr in den Augen als in den Händen , obwohl ich als junger Bursche meine Tachteln1 zuweilen mit gutem Erfolge ausgetheilt habe . - Besser jedoch ist es , Ihr überlaßt mir in dieser Nacht die Wahl meiner Thätigkeit selbst . Faullenzen werd ' ich meiner Seele nicht , sonst wär ' ich lieber gleich hinter ' m Ofen sitzen geblieben ! « Johannes fügte sich ohne Weiteres in Heinrichs Bedingungen und kehrte sich nunmehr zu seinen Vasallen . » Waldbrüder , « redete er sie an . » Heut bei Sonnenuntergang erfuhrt Ihr von mir , welche Verbrechen der Graf Magnus von Boberstein an der wehrlosen Unschuld verübt hat . Ihr wißt , wen zu rächen ich Euch versammelt habe , weshalb diese Schaar rechtlos unterdrückter Männer zu uns gestoßen ist ! Es soll heut Nacht ein Anfang gemacht werden mit Bestrafung herrischer Bosheit , und schützt uns der Vater der Nacht und der Geist gerechter Vergeltung , dessen Stimme an mich ergangen ist , so wird unsere Rache eine segenreiche sein . Nur keine Frevelthat ! Keinen Mord ! An unsern Händen darf kein Tropfen Menschenblut kleben . Wir sind die Schergen der Nemesis , die unsichtbar über uns waltet . Wo wir in ihrem Namen auftreten , da geschieht es zur Herbeiführung eines besseren Zustandes auf Erden . Schwört , daß sich Keiner frevelnd vergehen , Keiner etwas Anderes thun will , als was ich ihm befehle ! « Die Räuber schworen ohne Zaudern . » Zwanzig von Euch , die zuletzt in unsern Bund getreten sind , bleiben zurück , um die Frauen zu schützen , « fuhr Johannes fort . » Ihr erwartet uns , was auch geschehen mag , an der Streu , wo wir jüngst übernachteten , bis ich das Zeichen gebe . « Ohne Murren traten zwanzig der Räuber zurück , die Uebrigen warfen ihre Büchsen über die Schultern und ordneten sich in Reihe und Glied . » Zündet einige Kienfackeln an ! « befahl der Räuber , » und haltet die Wergballen bereit . « Blitzschnell lohten die harzigen Brände in dem niedergebrannten Kohlenstoße auf . » Folgt mir in tiefstem Schweigen ! « rief Johannes und schritt , umgeben von den drei Wenden und Heinrich , über die Lichtung dem Walde zu , in dem nach einer Viertelstunde die Kienfackeln wie funkelnde Leuchtkäfer verschwanden . Hinter den Räubern in dicht gedrängten Schaaren folgten die Leibeigenen , ihre Angehörigen dem Schutz der vereideten Söhne der Haide überlassend . Fußnoten 1 Ohrfeigen . Sechstes Kapitel . Der Haidebrand . Auf Boberstein trafen an diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen Grafen ein , um am nächsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der Familiengruft des Schlosses beizuwohnen . In der uns bekannten Schloßhalle ruhten auf schwarzem Katafalk die sterblichen Ueberreste des Todten . Die Halle war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen , schwarze Gardinen verhüllten die Fenster , den Fußboden bedeckten schwarze Teppiche . Auf prächtigen Kandelabern von gediegenem Silber , ein Familienerbstück des Hauses Boberstein , brannten flimmernde Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so düstern Halle . Die Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flören um Arm und Hut . Es war festgesetzt worden , daß von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Männern in der Tracht trauernder Knappen den Sarg umgeben sollte . Diese Männer waren der Dienerschaft entnommen und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an . Um diese Zeit nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung , um durch Auflegung ihrer Hände ihm die letzte Ehre zu erweisen . Diesen langen Zug tief trauernder Gestalten eröffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta . Gebückt , einsam , in düstere Gedanken versenkt , folgte Herta . Sie begnügte sich nicht mit bloßer Berührung der Hand des Todten . Sie warf sich nieder auf die Stufen des Katafalkes und betete innig und heiß für die Ruhe des Grafen , für Vergebung seiner frühern Vergehen , für das Wohl ihres wiedergefundenen , ihr noch so unbekannten Vaters und für Bekehrung ihres wüsten , boshaften Vetters . Nachdem sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte , kehrte sie mit den übrigen Leidtragenden wieder zurück in die oberen Gemächer , ohne jedoch in deren Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen . Sie zog es vor , auf ihrem Zimmer , nur von Emma umgeben , die Mitternacht heranzuwachen . Es befremdete die verwittwete Gräfin , daß von den Unterthanen eine verhältnißmäßig nur sehr geringe Anzahl im Schlosse erschien , um ihrem verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen . Die Leibeigenen waren eigentlich dazu verpflichtet , indem es die Sitte im Hause Boberstein erheischte , daß der jedesmalige Erbe der Herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von Neuem Schutz verhieß und sie als rechtmäßig ererbte Unterthanen anerkannte . Am Katafalk seines Vaters war die Aufrechthaltung dieser Sitte für Magnus eine Unmöglichkeit ; denn außer einigen zitternden Greisen , die längst keine Dienste mehr thun konnten und unter Seufzen und Beten dem Grabe zuwankten , befanden sich unter den Leibeigenen , die zur Leichenschau kamen , blos heulende Weiber und neugierig gaffende , in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder . Ueber solche Nichtachtung alter Gebräuche der jetzt ihm zugefallenen Leibeigenen war Magnus höchlichst empört . Er konnte nicht zwifeln , daß ihm allein diese Opposition gelte , daß die ehemaligen Unterthanen des Vaters seinen Schutz gar nicht begehren wollten . Deshalb beschloß er in stillem Grimme , der oft seine stechenden Augen unheimlich machte , unmittelbar nach der Bestattung sämmtliche Unterthanen auf das Schloß zu rufen und daselbst ein allgemeines Strafgericht über sie ergehen zu lassen . Worin dies bestehen sollte , darüber war er mit sich selbst noch nicht einig . Noch vor neun Uhr waren Halle und Schloßhof von Zuschauern leer . Nur die wachehaltenden Diener standen am Sarge , in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit entgegenschlief . Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab , beugte sich noch einmal über den Todten und küßte die kalten bläulichen Lippen . Am Sarge kniend und wieder heiße Gebete lallend , ließ sie ihren Thränen freien Lauf . Keiner von den Dienern störte die Trauernde in ihrem Schmerz . Sie traten schweigend zurück , selbst gerührt von der Andacht des schönen Mädchens , das mit wahrhafter Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte . Wohl eine Viertelstunde mochte Herta geweint und gebetet haben , als sich über der Halle ein lebhaftes Hin- und Widergehen bemerklich machte . Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit . Die Thränen sich von den seidenen Wimpern trocknend , verließ sie den Katafalk und ging nach der Treppe . Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen , bleichen Schreck auf ihrem hübschen Gesichtchen . » Was ist Dir , meine Liebe ? « sagte Herta weich , die treue Dienerin umfassend . » Ach gnädiges Fräulein , « versetzte die Zofe athemlos , » die Herrschaften sind recht bestürzt ! Denken Sie , es ist ein großes Feuer in der Haide ! Es muß ein ganzes Dorf brennen . « » Beruhige Dich , mein Kind , « gab Herta zur Antwort , » ist es , wie Du sagst , so werden die Nachbarn gewiß herbeieilen und den Bedrängten beistehen . Auf welcher Seite ist der Brand ? « » Gegen Süden . Graf Magnus besorgt , es möge der Zeiselhof sein . Die gnädige Frau Gräfin kann ihn kaum zurückhalten ! Sie will Boten absenden , um sichere Nachricht zu erhalten . « » Laß uns sehen , « sagte Herta . » Von meinem Zimmer aus muß die Feuerstätte grade zu überschauen sein . « Als die beiden Mädchen dieses erreichten , erlosch fast der Schein der Kerzen in der lichten Gluth , die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug . Herta öffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches , der von ihm aufstieg . Der Anblick war eigenthümlich , voll schauerlichen Reizes . Ueber der schwarzen Linie der Haide hoben und senkten sich Wogen glänzender Flammen , die oft wie Riesenhände in den dunkeln Nachthimmel hineingriffen oder in zerstäubenden Garben , in brennenden Fontänen aufsprühten . Woge verdrängte Woge ; es war , als bräche aus den fernen Bergen ein Meer von Gluth über die Ebene und wolle nun in bäumenden Sturzfluthen Feld und Haide vernichten . Ueber dem Flammenheerde aber lag eine blutrothe schwere Rauchwolke , die in wunderliche , phantastische Gestalten zerfahrend , langsam höher und immer