« sagte er zu mir , er schenkte dem Juden zuerst ein , der aber reichte mir sein Glas , ich sagte , daß ich keinen Wein trinke . » Aber nippen können Sie doch wohl , « sagte er - ich nahm ' s ihm ab und schluckte ein wenig davon , er dankte mir und trank es auf der Stelle aus , dann sah er mich lächelnd an , als wollt er sagen : » Freut ' s Dich , daß ich Dir so viel Achtung bezeige ? « - Ich lächelte mit ihm , und ich war ganz rot geworden vor Vergnügen . Weiß sprach noch allerlei mit ihm , was bewies , daß er ihn sehr in Achtung hält . - Weiß sagte von mir : » Was meint Ihr , Ephraim , daß wir jetzt so allerliebste Studenten haben , hier wird das erste Semester gehalten , und ich werd Euch bei so feinen Studenten empfehlen , das wär Euch wohl ein groß Vergnügen , diesem kleinen Studenten Unterricht zu geben ? « - Es war ein so liebenswürdiger Adel in allem , was er sagte und wie er den gutherzigen Scherzen des Weiß eine feine Wendung gab , daß sie mich nicht verletzen sollten , daß ich ganz eingenommen von ihm war und mich wirklich sehr in acht nahm , ihm solche Antworten zu geben , die ihm Interesse sollten für mich geben ; zwei Stund hab ich so mit ihm geplaudert , und ich dacht schon drauf , wie ich ' s machen wollt , daß ich ihn öfter sehen könnt , so sagt ich , wie er wegging an unserer Tür vorbei , daß ich da eine Schwester noch habe , und ich wünschte gar sehr , daß sie auch seine Bekanntschaft machen möchte , er versprach mir , daß , wenn er wieder käme , so wolle er bei mir anklopfen . Ich freu mich recht drauf . Von Frankfurt hab ich Abschied genommen wie ein Has übers beschneite Feld jagt , man sieht kaum seine Pfötchen im Schnee , und es war auch kein Jäger da , der mich gern geschossen hätt . Beim Primas war ich sehr lustig auf der Fastenmahlzeit , wie ich Abschied nahm , sagte er : » Ich freu mich auf Ihre Wiederkunft , « und nahm mich bei der Hand und begleitete mich durchs . Vorzimmer . In Offenbach hab ich alles mit der Großmutter besprochen , aber in den Garten , der nicht mehr rauscht , konnt ich nicht gehen , um Abschied zu nehmen , so gern ich gewollt hätt und lieber als von allen andern , denn ich war vertrauter mit ihm ; dann war ich auch beim Gärtner und fragte , ob er meine Bäume ins Winterquartier wollt nehmen , und wenn Du aus dem Rheingau kämst , so würdest Du den Kanarienvogel abholen , er fragte , ob ich den nicht bei ihm wollt lassen , ich versprach ihm , daß wenn Du einwilligst , so darf er ihn behalten , und einer kleinen Koketterie machte ich mich aufs pläsierlichste schuldig , ich nahm den Vogel aus dem Käfig , küßt ihn auf sein klein Schnäbelchen und sagt : » Adieu , lieber Gärtner . « Als ich zur Großmutter zurückkam , war ' s schon bald Nacht , die Meline und Tonie wollten zurückfahren , ich bat sie , noch eine Viertelstund zu bleiben , und wie es schon ganz Nacht war , da hab ich mich doch in den Garten geschlichen und hab die Augen zugemacht , bis ich an den Pappeln war , und hab sie alle getröst mit Worten , denn ich dacht , wer weiß , wie mir ' s geht , ob ich nicht auch einmal so trostlos dasteh , sollt sich da mein Freund vor mir scheuen , weil ' s ihm zu traurig ist ? - Und das Herz war mir viel leichter , ich würde auch jetzt wieder hingehen , wenn ich noch dablieb , denn wie könnt ich ihnen alles vergelten , wenn ich jetzt nicht wollt mit ihnen sein wie früher , und das wär doch das schönste Geheimnis dieses Umgangs mit ihnen , wenn ich sie jetzt verleugnen wollt , es wär grad wie eine ewige Liebe zum Helden , die wie Spreu auseinander fliegt , weil der zum Krüppel geschossen worden . - Es ist mir da im Garten recht deutlich geworden und viel empfundner in der Seele , daß das Beleben Genie ist - eine Seele , die aus meiner Seele aufsteigt und das , was mich erregt , bewohnt , so zärtlich , so edel ich empfinden kann . Die rauschenden Bäume haben mich bewegt , davon ist meine Seele wach geworden und ist aufgestiegen und hat jene Bäume belebt und sollte diese Seele ihnen jetzt absterben , weil sie irdisch elend sind ? - Da würd ich mich ja selbst töten in ihnen . Nein , in jedem Unglücklichen soll man doppelt lebendig werden . - Eh wir abreisten , hatte ich noch manchen Kampf mit den andern , man war nicht einig , ob ich dem Savigny nicht lästig sein würde , weil man glaubt und gewiß weiß , daß er nichts auf mich hält . Ich halte nun auch eben nichts Besondres von mir ; ich hab ihn immer noch wie sonst lieb , und so scheu ich mich gar nicht mit ihm zu leben , obschon er einen Widerwillen gegen meine Natur zu haben scheint , um so glanzvoller erscheint mir Deine Nachsicht mit mir ; und er behauptet , ich sei hochmütig - manchmal glaub ich ' s gar , weil er doch gescheiter ist als wir alle - und kann also einen Charakter besser beurteilen . - Und dann kann ich Dir sagen , freu ich mich ordentlichermaßen über diesen Hochmut und denke , es muß doch wohl auch was hinter mir sein ; denn ohne Ursache dazu würd er nicht drauf kommen ; was glaubt er wohl , daß mich so hochmütig macht ? - Ha ha ha ! - Das heißt : ich lach ! - Über was ? - Daß der Savigny nichts weiß von meiner zärtlichen Neigung für den Jud - und wie ich alle vornehme Leut nicht leiden kann , weil sie mir zu gemein sind , und weil kein Mensch im Haus weiß , warum ich als übermütig bin , und das ist heut einmal wieder , weil ich ein besonders angenehm Abenteuer hatte ; ich war im Garten , der am Berg liegt , und guckte über die Mauer und sah den Ephraim den Weg heraufkommen . Ich lehnt mich über die Mauer und ließ mein Sacktuch im Wind fliegen , daß er mich sehn sollt ; und wie er herankam , sprach ich mit ihm ein ganz Weilchen - aber nicht wie gewöhnlich die Menschen sprechen . Ich sagte ihm , daß es mir Freude mache , ihn wieder zu sehen und auch darum , weil mir sein Wesen einen Naturmoment vergegenwärtige , mit dem sich mein Gesicht und mein Gemüt näher verwandt fühle als mit jedem andern , ich sagt ihm , das sei die Dämmerung am Abend ; so komme mir sein Blick und sein ganz Wesen vor - wie Dämmerung , die über einer erhabnen Natur ausgebreitet sei ; in solcher Stunde ist mein Gesicht schärfer und mein Gefühl sehr zum Vertrauen geneigt . - Du kannst wohl denken , daß es der Mühe wert ist , mit ihm zu reden ; denn sonst wär ich darauf nicht gekommen , ihm so was zu sagen . Er sagte : » Die sichtbare Welt ist trüb , aber mit hellem Blick braucht einer nicht lang zu forschen , in wenig Zügen erkennt er , was ihm verwandt ist . « Ich sagte : » Aber wie erlangt man einen so hellen Blick ? « - » Man muß allein die Natur anschauen und kein Vorurteil zulassen , das gibt einen hellen Blick . « - Ich frag : » Traut Ihr mir das zu , daß ich die Natur mit hellem Blick anschau und ohne Vorurteil ? « » Ja ! « sagt er , » und ich weiß , daß ich nicht irre - und daß Sie scharfsichtig sind . « - » So hab ich also recht , wenn ich in euch einen begeisterten Mann erkenne ? « - » Zum wenigsten sind Sie dem Wahren näher als andre , die den Juden für einen gedrückten Mann halten , innerlich quillt die Freiheit , und ein Tropfen ist genug über alle Verachtung uns zu heben . « - Ich hörte Leute den einsamen Weg heraufkommen und brach ab , weil mir das Geheimnis schon zu lieb war mit ihm . Ich sagte : » Leb wohl , Jude , denk an unser Gespräch , und wenn du von deiner Reise heimkehrst , komm zu mir . « Wer mag nun schärfer sehen , der Savigny meinen Hochmut oder der Jud meinen vorurteilsfreien , zutraulichen Blick ? - Ich geb aber dem Savigny nicht unrecht ; denn was ist doch die überglückliche übermütige Lust , daß ich ihn mit dem Jud anführ , als nur Hochmut ? - Es haben mir ' s auch schon mehr Leut gesagt , noch wie ich Abschied nahm , sagte der Moritz , ich sei hochmütig , weil ich behauptete , ich gehe von Frankfurt , daß er seine fünf Bände lange » Delphine « abends vorlesen könne , wenn er damit fertig sei , wolle ich wiederkommen . Da schrie das ganze Teegewimmel auf mich ein , ich sei das hoffärtigste Ding von der Welt , für alles scheine ich mir zu gut , von nichts meint ich noch was lernen zu können , die » Delphine « , von der ersten Schriftstellerin Europas geschrieben , die ennuyiere mich ; wenn irgend jemand was Gescheites vorbrächt , so lege ich mich an den Boden und strample eine Weile mit den Füßen oder schlafe ein , aber jeder dumme Spaß mache mir Vergnügen . - Ich sag , ist das Hoffart ? Das scheint mir eher Unverstand zu sein , daß ich euch in eurem Genuß nicht nachkann . - » Ja , Hoffart ist eben Unverstand . « - Siehst Du ! - Es ist die allgemeine Ansicht . - Sie haben am End den Savigny mit angesteckt . - Nächstens schreib ich Dir von allem genauer , von der ganzen Gegend , von den Leuten , von unserer Wohnung . Meline wohnt mit mir ganz hoch oben am Berg , Savignys unten , alles ist hier terrassenförmig . - Adieu , ich muß der Meline helfen , einen Diwan für uns zurechtpolstern . Bettine An die Günderode Schon die dritte Woch ist ' s , und ich hab noch nicht geschrieben und Du auch nicht , was ist schuld dran ? - Ich hab in der Zeit die neugierig Gegend rund um mich durchspäht , auf dem Boden nach allen Seiten durch die Gaublöcher mich orientiert , im dichtesten Laubregen den Wald durchwallfahrtet , von einem hohen Stamm zum andern . Bäume sind Bäume , aber sie sehen doch verächtlich auf die Menschen herab , die um der Gesundheit willen so hastig unter ihnen herlaufen und nicht einmal den Blick zu ihnen hinaufrichten ; ich hab dort mit dem Savigny die ganze motionmachende Fakultät begegnet ; im mottenfräßigen Pelz , Nebelkappe , großen Filzschuhen und antiken Stiefelmanschetten durchkreuzen sie die Wege . Hügeliger Boden , dichtes Moos überglast vom Reif , reine kalte Luft , die herzhaft macht , alles neu , überraschend , die Muse führte mich über Stock und Stein und schenkte mir den ganzen Wald für Dich , ich hab auch bei jeder vornehmen Waldkrone stillgestanden und bis zum Wipfel betrachtet und zum Zeichen der Besitznahme mit dem Stock dran geschlagen , jetzt laß den alten Kurfürst von Hessen-Kassel meinen , was er Lust hat , der Wald gehört Dein , und wenn ich drin herumlauf , so hab ich meine Freud , daß ich auf Deinem Grund und Boden bin . Im Frühjahr muß es hier sein , wie inwendig in der Seel ; Frühling draus , Frühling drin , ein Wille und ein Tun - blüht der Apfelbaum , so hab ich rote Backen , stürzt sich der eigensinnige Bach die Klippentrepp hinab , so setz ich ihm nach und spring kreuz und quer über ihn weg , ruft die Nachtigall , so komm ich gerennt , und tanzen die Mühlräder mit der Lahn einen Walzer ins Tal hinab , so pfeif ich auf dem Berg ein Stückchen dazu und guck über die rauchenden Hütten und über die schirmenden Bäume hinaus , wie sie ihren Mutwill verjuchzen und der Müller und sein Schätzchen auch , die denken , kein Mensch säh ' s. - Morgenrührung , Abendwehmut wird nicht statuiert , in den Hecken blüht Frühlingsfeier genug , Schnurren und Summen und Windgeflüster . Aber weil ' s Winter ist und kein Frühling , so wollt ich nur sagen , wie alles so herzhaft und sorgenfrei ist in der Natur hier , so unverhehlte Lebenslust , man müßte sich schämen , der Ahnungswehen und Sehnsuchtträume , statt lustig mit zu grünen und zu sausen und zu plätschern ; ich mein nur , es ist nicht möglich , hier mitten im drallen Hessenland anders zu sein als das heimatlich Fleckchen Welt selbst , was so kugelig unter Deinen Füßen , Dich kollernd , stolpernd hinab und hinan verlockt und doch überall so herzlich Dich einladend zum Sitzen , zum Ruhen am Rasen , am Berg und in Dir selber . - Es haben sich frühe Wintertage eingestellt , Meline leidet am Hausfieber , woran hier alles krank liegt , Gunda auch geht wegen Unwohlsein alle Tage vor Sonnenuntergang zu Bett . Savigny wohnt mit ihr in einem andern Teil des Hauses , der unter unserer Wohnung liegt , durch Terrassen und Hof geschieden ; so bin ich ganz allein mit der Meline , die hübsch ruhig im Schlafzimmer nebenan liegt . Diese Einsamkeit erquickt und ergötzt mich . Der schwärmerische Hausarzt ist Poet , er bringt Gedichte , die er in der Dämmerungsstunde vorliest - Träume , Schäume , Liebe , Triebe gleiten sanft am Gestade meines Ohrs dahin ; man reicht dem Doktor die Hand , er drückt sie mit stillem Ernst , mit seelenvoller Miene ; weiter wird nichts gereicht von Lob . - So schwillt die Knospe des Leichtsinns leise , leise in der Brust , bald wird sie bersten und in einen fröhlichen Blust ausbrechen , so nennen die hessischen Bauern die Blüte . - Nichts von Rührung , Erhabnem , Verinnigung , Wonnegefühl , Begeistrung und aller gebildeten Geisteswirtschaft . - Was ich an mir selber bin , das teil ich Dir mit und strenge mich nicht mit Verschönerungsprinzipien der Sittlichkeit an , ich muß einmal erproben , was meine Seele für einen Ton angibt , ob sie vielleicht von Natur so derb ist wie ' s liebe Hessenland . - Ich fang an zu glauben , daß ich gar nicht fürs Gesellschaftliche geboren bin , konnt ich je meiner Phantasie nachgeben , ohne mich zu erhitzen über den sinnlosen Widerspruch der andern ? - Und bin ich nicht eingeschlafen beim Primas über dem Gesumse von geputzten Leuten und hab ich mir nicht eingebild ' t , meine liebsten Leut wären verrückt geworden mit dem Jabot von Point d ' alencon , der eine halbe Elle vorstand und mit brillantnen Knöpfen und mit - und mit - einem Haarbeutel hinten angeklemmt , hab ich mich da nicht zu tot geschämt , daß einer mit einem Haarbeutel so vergnügt herumlaufen konnt , als wär ' s ein Verdienst , und ist ' s nicht auch beschämend für die freie Seele , sich äußerliche Zeichen des Wahnsinns anzuhängen auf Befehl , daß Buonaparte damit geehrt soll werden ? - Der George hat seinen Haarbeutel aber abgerissen und ihn mitten in den Salon unter die Leut geworfen , die Königin von Holland schlurrte ihn mit der Schleppe durch alle Zimmer , ich hab ' s gesehen und mich drüber heimlich erlustigt . Aber bloß , um nicht zu sehen , was all für dummer Wahnsinn dort an der Tagesordnung ist , mag ich den Winter nicht hin , man kann sich nicht lang amüsieren mit den Albernheiten , die der Kreis von Menschen ausgehen läßt , der sich die gebildete Welt nennt und sonst keine Grundlage . Eine hat der andern dicht neben mir in ihr Halsband gebissen , um zu sehen , ob es wahr sei , daß ihre Perlen echt wären , und hat sich sehr geärgert , daß sie nicht entzweigingen , und so ärgert sich alles über alles , was echt ist , und so konnt ich doch nichts Besseres und Christlicheres tun als lieber einschlafen , ich hab ' s auch dem Primas gesagt , wie er mich geneckt hat ; es sei , um Ärgernis zu vermeiden ; denn ich sei echt , und es kommt mir ordentlich herabwürdigend vor , mich unter ihnen herumzutreiben . - Hier bin ich glücklich durch die Freiheit , in der freien Natur herumzuschwärmen , in deren Mitte ich wohne . Des Einsiedlers Klause in tiefer Wildnis kann nicht mehr mitten ihr im Schoß liegen als ich , ja , ich darf mich selbst als einen Teil von ihr empfinden , was mich nicht beschämt wie die Gesellschaft , daß ich ihresgleichen bin , aber mich freudig und selbstfühlend macht , daß sie so gut gegen mich ist vor andern . Wenn ich aus dem Fenster im Schlafzimmer so grad auf den winterlich grünen Berg steigen kann und dann hinunter und hinauf , auf alten gefährlichen Mauern , die bald einbrechen , bald himmelan steigen , bis zum Wall vom alten zerfallnen Festungsschloß oben auf dem Berg - über Löcher und Hecken , wo nur Kühnheit und Leichtsinn sich hin wagen und nicht eine menschliche Erscheinung in der Weite umher - so recht allein und laut hallend kann ich mit ihr sprechen , es hört ' s keiner , und jetzt , wo ich bekannt schon bin , nickt jeder Strauch mich freundlich an mit den paar braunen Blättern , die ihm der Winterwind noch nicht genommen hat , wenn ich wieder komm und setz mich neben ihn auf die Mauer und schwindelt mir nicht ; ach , welch Vergnügen zu klettern , wie entzückend die kecke Jugend ! - wenn ich auch manchmal mit geschundnem Knie , wie heut , oder aufgerissnem Arm heimkomm , das fühl ich gar nicht , ja , wenn mir recht ist , freut ' s mich gar ! - Werd hart , sagte der Schmied im Wald und schlug das glühende Eisen auf dem Amboß , das hörte der Thüringer Landgraf und ward hart wie Eisen . - Werd hart , rief ich heut auf der gefährlichen Mauer , von der ich hinabglitt , weil ich nicht anders hinunterkommen konnte , und da hat mir ' s auch gar nicht weh getan . Werd hart , sagt ich , wie ich zur Meline ins Zimmer eintrat , die gar erschrecken wollt , als sie die Blutspuren an meinen Kleidern sah , ich mußte leiden , daß sie mich ein bißchen heilte mit beaume de chiron ; du wirst noch Hals und Bein brechen , prophezeite sie , wo jetzt so viel glatte Stellen am Berg sind vom schmelzenden Schnee . Ich schrieb ' s hierher , wenn ' s geschieht , so hat sie richtig prophezeit . Aber gewiß , solche Übungen , die einem die Natur lehrt , sind Vorbereitungen für die Seele , alles wird Instinkt auch im Geist , der besinnt sich nicht , ob er soll oder nicht , es lehrt ihn das Gleichgewicht halten wie im Klettern und Springen , es entwickelt eine Kraft , die degagiert und detachiert ; das heißt : das Sehnen nach einem Pfeiler , sich in der Welt anzulehnen oder nach einem Stock , um weiter zu kommen , wird einem lächerlich ; bald merkt man , daß man auf ziemlichen Wegen recht gut allein gehen kann , und auf steilem Pfad läßt sich durch Übung große Freiheit erwerben . Ängstlichkeit und Unerfahrenheit verleiten doch nicht nach dem ersten Strauch am Weg zu greifen , der durch Biegen und Brechen zum Verräter wird und dem Vertrauen den Hals bricht ; und ich möcht wissen , ob der ganze innere Mensch nicht deutlich und kräftig hervorgehen könnt aus dem äußern , und ob » auf dem Seiltanzen « nicht eine höhere diplomatische Kunstanlage entwickeln könnt wie all der Wust von Intrigengeist und Korrespondenz voll Leerheit und Observanzen voll Kleinlichkeit - oder » mit Anmut auf dem Eis Schlittschuh laufen « , ob das nicht lehren könnt , ohne Selbstverletzung eigner Würde , zwischen allen Verkehrtheiten mit leichter Grazie sich durchwinden , und ob ein wildes Roß bändigen , mit Kälte und Ruhe , nicht auch die Kraft in der Seele weckt , den eignen Zorn zu bändigen und mit Gelassenheit das Gute aus dem Bösen entwickeln in andern und zur Selbstbeherrschung in der Gefahr , oder auch eine rasche Flamme der Selbstbesonnenheit , mit der wir einen Entschluß fassen und freudig begrüßen das Höhere , sei ' s auch aus unmündigem Geist ersproßt , und nicht fort und fort die alte Schlangenhaut anbeten , die der Götterjüngling , der Genius , der über den Zeiten schwebt , längst von sich schleuderte . Ja - ob überhaupt dies freie Bewegen in der Natur , dies Üben aller Kräfte in ihren Reizungen , so wie es die Glieder ausbildet und stärkt , nicht auch die inneren Seelenkräfte stärkt , daß sie zu hoch , zu edel für diese erbärmliche Weltschule , der Schere entwachsen , die nicht mehr hinanreicht , um sie zurecht zu stutzen ; daß sie das Kleinliche nicht mehr ertragen , sondern übern Haufen stürzen . Ebenso wie ich in der einsamen Natur keinen frage , soll oder soll ich nicht da hinüber springen , sondern mich auf den eignen Trieb verlasse ; sollte eine innere Kraft nicht auch für den Geist gutsagen ? - Und bedürfen oder suchen wir vielleicht nur deswegen Rat , weil wir furchtsam sind ? - Kommt ' s uns zu fabelhaft vor , daß der Geist , inmitten unserer , aufsteigen könnte , der uns die Weisheit des Himmels kundtue ? - Nun , was vermag uns denn , lieber der unserem Instinkt fremden Macht des alten Vorurteils uns zu unterwerfen , als jenes Instinktes jungem Keim nur so viel Luft und Licht zu lassen , daß er aufblühen könne ? - Der höhere Geist kann nur aus sich selbst sich erzeugen ; denn der mächtige Trieb der Entwicklung in uns ist grade nur , was uns der Entwicklung bedürftig macht , und also ist jedes freie Geistesregen schon ein Vorrücken des Keims , also : den innern Geist walten lassen und keinen fremden , ist , was ihn erzeugt . - Und wär ' s nicht tausendmal besser , wir fehlen aus eignem Irren als auf fremden Rat ? - Wenn einer in die Heimat will und läuft über die Grenze , um nach dem Eingang zum eignen Haus zu fragen ? - Wie ist das ? - Werden da nicht die heiligen Kräfte , deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen , im Keim erstickt ; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken , des Geistes Spürkraft absterben ? - Und wenn ich die eigne Stimme schweigen heiß und einer fremden folge , dann bin ich nicht mehr in eigner Macht und muß mir ' s aufbürden lassen , daß ich aus Rücksichten mein besseres Selbst verwerfe . Hör ! Wenn ich eine schwierige Aufgabe im Leben hätte , ich würde nicht zu erfahrnen Weltleuten gehen , die zu fragen , nicht zu solchen , die es verstehen mit dem irdischen Leben einen Handel abzuschließen , nicht zu denen , die das Recht der Welt handhaben , ich würde die Unmündigen fragen ; ich würde denken , die Kinder haben die himmlische Weisheit , zu der wir müssen zurückkommen , wenn wir das Rechte tun wollen , was eigentlich unser Teil am Himmelreich ist ; denn wir bauen selbst den Himmel durch unser edles freies Tun , sonst kommt er nicht zur Welt ; aber es ist Verwirrung in aller Sprache , jeder will das andre , und keiner versteht den andern , und drum kann die innere Stimme allein die Sprache des Rechts wieder lehren ; o , wer sie sprechen läßt , der tut Großes und bleibt dennoch einfache Natur ; denn Natur ist groß , und der Mensch soll groß werden ; wächst er am Leib und breitet seinen Stamm aus , so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm ausbreiten . Und wie in der sinnlichen Natur Nahrung , Pflege , Wachstum , Sicherung aus dem eignen Organismus sich hervorbildet , warum nicht im Geist ? Was ist Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen ? - Und was lassen wir weniger zu , als daß er sich frei bewege , und das geht schon so von Ewigkeit zu Ewigkeit , daß er uns mit den unwürdigen Ketten in den Ohren klirrt , und wir fürchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu , und ein reines Hervortreten des Geistes würde die Welt umstürzen , ja ! Aber wie himmlisch würde sie aus ihren eignen Trümmern aufblühen ! - Ist Furcht nicht ein böser Dämon ? - Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht ; horchten wir auf die Kinderstimme in der Brust , dann würde die Furcht vergehen - ist Irren Irrtum ? - Kann ' s nicht bloß freies Wandeln sein ? - Versuch in einer urteilüberschwingenden Sphäre sich zu bewegen ? - Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser , mit dem wir die neugeborne Geistesfrucht im Leib des Irrtums töten ? - hat ' s einer so weit gebracht im Geist , daß er wie der kühne Gemsjäger ohne Schwindel über die Spalten und Schluchten setze , mit treffendem Sprung mit Leidenschaft das Wild ereilend ? - Was ist doch Leidenschaft ? - Ist es nicht jene ungeübte Kraft , die sinnlich ausbricht und sich üben will ! - Sei ' s die Spur der Gemse , die der Jäger verfolgt , wenn nicht jener weißen Hindin mit goldnem Geweih , die lockend tausend Umwege macht , ihn ins Dickicht zu leiten , wo im Eingang von Labyrinthen rätselhafte Mächte ihn ergreifen , die sein Aug berühren und sein Ohr , daß er begreife , was nur unschuldvoller , kühner , sich selbst regender Geist ahnen und fassen kann . Ach , könnt ich nur ins Tirol reisen , um meinen Geist frei zu machen auf der Gemsjagd - dann würd ich gewiß mir selbst genug sein und das Große , zu dem mein Geist Anlag haben könnt , sollte nicht zugrund gehen , es sollte recht nach allen Seiten hin mächtig sich zeigen . - Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann , weil ich so gern mit ihm in die Musterschule ging , muß er glauben , Erziehung interessiere mich überhaupt ; das war aber nur wegen der armen Judenkinder , die dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher Behandlung hatten , und wenn ich sagen soll , so schien mir dies eine Alleinerziehung ; nämlich : Kinder gleichen Alters , gleicher Fähigkeiten früh dran zu gewöhnen , daß sie auch gleich menschliche Rechte haben , sie mögen Juden oder Christen sein ; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt , was ich hier über meine eigne Erziehung sage , daß ich ' s mit Klettern zu zwingen suche , mich vor bösen Fallstricken zu bewahren , die meinen Geist darnieder werfen , um ihn nachher zu knebeln , daß aber die Gedanken » über Erziehung und Unterricht besonders der Töchter « von Engelmann mir nicht einleuchten , da die beste Erziehung die ist , wenn er sie Gott anheimstellt , so sind neunzig Karolin zuviel . - Hier lege ich Dir ein Blatt ein , das gib dem Molitor und sag ihm beiläufig , ich zähle es zu den Philistertorturen , einem mit so was zu behelligen , Leute , die solche Erziehungspläne aushecken , mögen ihre eigne Verkehrtheit dran setzen , sie zu beurteilen , sie würden sich von mir nicht bedeuten lassen , sie würden schreien , ich schütte das Kind mitsamt dem Bade aus , und das tu ich auch ; denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im Bad sitzen wie ein Menschenkind . - Es tut mir ordentlich leid , daß ich hierüber hab an ihn schreiben müssen , ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug besudeln , es ist mir Sünde , ich hab ' s diesmal nur aus Gutmütigkeit getan , aber ich schreib nichts wieder , tu mir den Gefallen und sag ' s ihm , er soll mich ungeschoren lassen mit allem , was schon da ist und was noch kommen wird , aber die Sulamith soll er schicken , sooft sie herauskommt , wenn ' s auch ungefüges Zeug ist ; ich muß alles wissen über die Juden , wenn ich nach Frankfurt zurückkomm , der Primas liest ' s auch . Für den Primas will ich Dir einen Auftrag geben , richt ihn ja pünktlich aus , ich hab an die Großmama geschrieben , daß sie an Dich die Drusen-Weihe zurückschicke , packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus , mache eine doppelte Adresse die oberste an den Weihbischof , der wird