bloß eine Durchgangsperiode der Jugend ist , die den Lebenswerth noch nicht bestimmen kann , mußte bei Leonin tiefere , bedeutungsvollere Folgen nachlassen . Bedenken wir jedoch , wie sein jetziges Verfahren den Absichten der Marschallin von Crecy , wie dem heimlichen Hasse des Marquis de Souvré vollkommen entsprechend war , so werden wir gerechter gegen Leonin bleiben , wenn wir es anerkennen , wie die Versuchungen , die sich ihm darboten , von Beiden gehäuft , herbeigezogen und unterhalten wurden . Sie sahen ruhig zu , wie er sich in ihnen verwickelte , nur verhütend , daß er nicht früher die Beschaffenheit seiner Handlungen erkenne , bis sie ihn so hinreichend umsponnen haben würden , daß er sie dann selbst behaupten müßte . Der Augenblick , wo er Hülfe suchend in ihre Arme eilen mußte , war so mathematisch sicher zu berechnen , daß sie ihn bloß zu erwarten hatten , um alsdann das längst Beschlossene zu vollführen . Und dies that die Marschallin von Crecy , indem sie sich alle Tage sagte , wie mütterlich liebevoll sie für ihren Sohn sorge , der viel zu gut sei , um sich selbst durchs Leben lenken zu können . Seinen kindischen Widerstand um eine englische Pfarrerstochter hatte sie ihm längst vergeben , weil sie diese Sache als abgemacht betrachtete ; nicht etwa mit der Sicherheit , daß dies sein Wille sein werde , sondern mit der Hoffnung , daß die Rückkehr ihm durch sein jetziges Treiben unmöglich gemacht werden würde . So war der Winter vergangen , das Frühjahr neigte sich zu Ende , Leonin kehrte nicht nach Ste . Roche zurück . Glänzender wie je war der Hof ; der König , angeregt von neuen kriegerischen Plänen , stand , wie ein feuriger Komet , belebend und befruchtend über seinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreise , in welchem sich alle großen Geister Frankreichs sammelten , um den Preis ringend , seine Pläne ins Leben zu rufen . Wie stolz und großmüthig auch die Miene sein mochte , mit der Ludwig den Aachner Frieden unterzeichnet hatte , wie geneigt er auch war , und sein Volk mit ihm , den damals gemachten Rückschritt von fabelhaften Eroberungen zu einem geringen Vortheile beim Abschlusse des Friedens , sich als eine Handlung seines Willens auszulegen , so blieb nichts desto weniger der Stachel in seinem Herzen zurück ; denn an seinem heimlich genährten Verdrusse gegen die Coalition der feindlichen Mächte , die ihm den Frieden abnöthigte , war wohl zu erkennen , wie er ihrem Willen hatte nachgeben müssen . Unläugbar war der Augenblick günstig für die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen Holland . Von der Einmischung der Mächte war aufs neue nichts zu fürchten . England , in seinen Finanzen zerrüttet , lag in stillem Grolle vor dem wiedergerufenen Herrscher , der alle Thorheiten der Stuarts , alle Unbesonnenheiten und Unredlichkeiten gegen sein Volk auf dem sichtbar gefährlichen Schauplatze des ihm , auf Treu ' und Glauben , wieder verliehenen Thrones durchspielte . Aber noch sah die Nation den sich erneuernden Unbilden , die es zu erleiden hatte , mit dem Wunsche zu , der gewaltsamen Abhülfe überhoben zu sein , und Karl mißkannte diesen Waffenstillstand , den es ihm gönnte , und verscherzte , immer kühner werdend , jedes Mittel zu seiner Behauptung . Dünkirchen , dieser eifersüchtig behütete Apfel der Zwietracht zwischen beiden Nationen , war ohne Schwertstreich in Frankreichs Besitz gekommen . Man wußte , Mademoiselle Keroualle , die jetzt als Herzogin von Portsmouth den König beherrschte , war bei dieser entehrenden Abtretung die besoldete Unterhändlerin Frankreichs gewesen . Die Revenue , die Ludwig der Vierzehnte dem Könige jährlich dafür zahlte , und die ihm den Namen des französischen Pensionair ' s zuzog , ging fast ausschließlich in den verschwenderischen Händen der Herzogin unter , und Karl hatte Nichts damit erkauft , als die doppelte Schande des Verrathes gegen sein Volk und des Besitzes dieser sittenlosen Frau . Ludwig wußte genau , daß unter diesen Umständen weder bei dem leichtsinnig schwelgenden Karl , noch bei dem zürnend vor ihm Wache haltenden Volke Neigung zu einer auswärtigen Einmischung vorhanden sei , und daß somit Hollands wirksamster Allürter unthätig bleiben würde . Nicht minder unlustig war Spanien zum Kriege . Oesterreich , von den Türken bedroht , hatte außerdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu thun , und Holland selbst war in die statthalterische und in die streng republikanische Partei getheilt . Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich schöner Körper von einem glühenden Geiste belebt . Das ganze Land stand in jeder Hinsicht wie ein Sieger dem übrigen Europa entgegen . Vielleicht stellt keine geschichtliche Epoche der Welt eine innigere , vollkommenere Vereinigung zwischen König und Volk dar , als Frankreich in dieser höchsten Blütenzeit seines jugendlichen Herrschers . Er war , was jeder Einzelne war , ein stolzer begabter Franzose ; - aber er schwang das Banner , dessen Farbe Jeder begehrte . Um ihn waren die Männer geschaart , deren Namen die unvergeßlichen Zierden ihrer Zeit sind : - Turenne mit seinem erfahrenen Muthe - Condé mit seinem unzertrennlichen Glücke - Louxembourg mit seinen geschickten Märschen und Feldlagern - Tessé , de la Ferté , erprobte Krieger bei jeder Unternehmung - endlich Feuquières , der den Muth auf die Bahn der Wissenschaften lenkte und , mit Vauban vereint , Belagerungen ins Leben rief , die vor ihm Keiner gekannt , und die ihn unsterblich machten . Sie begründeten eine höhere geistige Thätigkeit und bildeten , in Vereinigung mit diesen großen Feldherren , eine Armee , die auch im Innern durch die aufblühenden Talente Villar ' s , Catinat ' s und vieler Anderen gestützt ward , und gegen welche kein Reich sich zu stellen wagen konnte ; besonders , da Louvois mit den Schätzen , die Colbert gesammelt , Alles unterstützte . Es ist unrichtig zu sagen , Ludwig habe allein zu seiner ritterlichen Befriedigung den Krieg begehrt . Der Krieg mußte sich nach damaliger Sitte nothwendig von selbst entwickeln . Die vorhandenen Mittel verlangten ihre Anwendung ; es war ein Stoff , der von selbst Feuer fing , an der gedrängten Zündkraft sich erhitzend . Ludwig folgte seiner Neigung ; aber diese Neigung war zugleich Besitz - Erforderniß seiner Nation . Es mußte sich ein Schauplatz finden für die Anwendung der Kräfte , der Talente , Erfindungen und Bestrebungen , die alle harrend dastanden und die Gelegenheit herbeilockten . Zwar war es dem Könige , wie allen Freunden des Marschalls Crecy , bekannt , daß Leonin nicht unmittelbar im Heere angestellt werden konnte ; aber der Feldzug , den man vorbereitete , war von dem seltensten Uebermuthe , von der zweifellosesten Sicherheit des Gelingens begleitet und , bei allen ernsten , kräftig und geschickt betriebenen Kriegsrüstungen , zugleich ein glänzendes , zu Felde ziehendes Hoflager . - Man kann sagen , daß vor dem Schauspiele einer Schlacht oder Belagerung die Zuschauer-Logen für den Hof erbaut wurden , die Alle nur verließen , um unter dem fröhlichsten Pompe in die Plätze und Städte einzuziehen , die ihre Sieger ihnen eroberten . Die Vorbereitungen entsprachen ganz den zu Anfang so entschieden eintretenden Erfolgen . Die Armee begleiten zu dürfen , war der Ehrgeiz des ganzen Adels . Da es unmöglich war , alle Gesuche um diese Ehre bewilligen zu können , und an eine Auswahl , eine Schranke gedacht werden mußte , so stellten sich die zahllosesten Intriguen ein , um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen . Leonin befand sich jetzt so häufig in dem kleinen Zirkel der Königin , daß er an einem Platze in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden Glückwünsche mit einer Miene aufnahm , welche Alle in Ungewißheit ließ , ob seine Wünsche schon erfüllt wären und sein diskretes Schweigen nur irgend einer besondern Uebereinkunft zuzurechnen sei . Dies war aber noch keineswegs bestimmt . Leonin erschien jeden Abend mit derselben Hoffnung und kehrte mit derselben Täuschung zurück . Dies stachelte seine Eitelkeit bis zu einer Art Leidenschaft , und er sagte sich oft , dies müsse er doch erst um seiner Ehre Willen abwarten , und dann erst könne er den lange verschobenen Besuch in Ste . Roche unternehmen . Dagegen hörte Leonin zuweilen Aeußerungen , die ihn glauben machten , der König habe noch andere , ehrenvollere Pläne für ihn . Das unbegreifliche Vorenthalten eines Platzes , den so Viele mit geringeren Ansprüchen erreichten , war um so räthselhafter ; da in der Art , wie die Herrschaften ihn behandelten , ein Wohlwollen lag , welches diese Ansprüche zu erkennen schien . Madame Henriette lächelte eines Abends , als sie den jungen Grafen Crecy einige begeisterte Reden halten hörte , über das Glück , Waffen tragen zu dürfen , » Und wirkt unser Mittel noch nicht ? « sprach sie - » wird der alte Herr noch nicht ungeduldig ? « Leonin machte die verbindlich lächelnde Miene , die alle vornehmen Personen sicher haben , wenn sie von ihren Zuhörern nicht verstanden werden . Er dachte eine Frage einzuleiten ; da wendete sich Madame schon von ihm , indem sie , mit dem Fächer winkend , rief : » Geduld ! Geduld ! Sie sind ein zu guter Sohn , um sie so bald zu verlieren ! « Der junge Graf blickte ihr erstaunt nach , und der Marquis de Souvré , der den Grafen Guiche geschickt hatte , die gütige Fürstin in ihrem Gespräche zu unterbrechen , lachte der überraschten Miene Leonin ' s nach , für die er den Schlüssel führte . Er hatte durch die Freundschaft des Grafen Guiche , dessen tiefe , mit seinem Leben bezahlte Leidenschaft für Madame Henriette ihn zugleich zum Vertrauten der unglücklichen Fürstin machte , eine Gewalt über sie erhalten , die es ihn leicht finden ließ , sie zur Mitwirkung bei seinen Plänen zu bewegen . So versicherte Madame dem Könige , wie Leonin und die Marschallin noch immer hofften , den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marschalle zu erreichen ; der König möge nur seine Anstellung bei Hofe noch verzögern , wodurch dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde , als ihn dem Könige für die Armee anzubieten . Der König , der den jungen Mann bedauerte , weil er ihn aus Gehorsam gegen den Willen des Vaters von der gewünschten Laufbahn entfernt sah , fügte sich in den bittenden Vorschlag der Prinzessin ; und so erlebte Leonin alle die Täuschungen , welche so wohl berechnet waren , ihn leidenschaftlich zu erregen , zu vielen kleinen , gefügigen Schritten zu treiben , die ihn verwickelten und dem sorglosen Glückskinde ein Gefühl der Abhängigkeit , des Widerstandes und des Mißlingens zu geben , wovon sein Leben bis jetzt so frei geblieben war . In dieser Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in seinen Zimmern zu , ehe er zur Marschallin kommen durfte , die jede Gelegenheit , ihn allein zu sprechen , durch Louisens heitere , unschuldige Gegenwart vermied . Seine ungeduldige , mißmuthige Laune ward aber dies Mal unterbrochen ; - sein Kammerdiener , von einem Manne gefolgt , trat ein ; und als dieser mit großer Lebendigkeit auf Leonin zu eilte , erkannte er in ihm den zum Skelette entstellten Lesüeur . » Lesüeur ! « rief Leonin , und sein Gesicht überlief ein Purpur , der wol einen noch tieferen Grund , als den der Ueberraschung hatte . » Wie kommen Sie hieher ? « fuhr er fort , zerstreut und unruhig das Ungeschick dieser Frage überhörend . » Woher ich komme , mein Herr ? « rief Lesüeur - » Gewiß , ich kann nicht zweifeln , daß Sie sich dessen erinnern , da Sie mich ja selbst dahin geschickt ! « » Also wirklich von Ste . Roche ? « rief Leonin - nun sich zurecht findend und warm werdend . » O , dann haben Sie mir Viel , Viel zu erzählen ! Doch , erst ruhen Sie aus und lassen Sie uns frühstücken . - Ich werde bei meiner Mutter absagen lassen , und wir wollen uns ein Paar Stunden angehören . « Bald war Alles nach seinem Willen eingeleitet , und Leonin behielt Zeit , sich zu sammeln , Lesüeur , seine mißtranische Empfindlichkeit zu überwältigen , wobei Leonin die außerordentliche Veränderung des sichtlich dem Grabe nahen Künstlers beobachtete . » Nicht wahr , mein Ste . Roche ist schön ? « rief Leonin , endlich die träge Mittheilung Lesüeur ' s überholend - » Und es war keine üble Idee , Sie dahin zu verweisen ? « - » Weiß Gott , eine Idee , für die zu danken , mein Leben zu kurz sein wird ; - der schönste Schwanengesang eines sterbenden Künstlers unter den Flügeln eines irdischen Engels ! - Ja , « fuhr er fort , » Lesüeur , der sterbende Lesüeur darf es gestehen , sein letztes Bild wird sein bestes sein - ich habe Ihre Gemahlin , Herr Graf , « sprach er leise und vor Bewegung zitternd , » zwei Mal gemalt ; denn ich wußte nicht , wie ich in einem Bilde diese Fülle von Liebreiz fassen sollte . - Hundert Bilder hätte ich nach ihr malen wollen - Alle sie selbst - Alle eine neue Seite dieses reichen , göttlichen Weibes entwickelnd ! « » Lesüeur , « rief Leonin mit dem Lachen der schon erlernten flachen Gesellschafsweise , » machen Sie mich nicht eifersüchtig ! Ich glaube , Sie sind verliebt - Ihr Herz hat Ihre Hand geführt ! « Lesüeur sandte aus seinen großen sterbenden Augen einen Blick auf Leonin , von dem er getroffen , die seinigen zu Boden schlug . - » Ha , « rief er dann , » wehe dem Künstler , der es anders macht ! - Wehe dem , der dies heilige Feuer mißdeuten kann und es mit der eiteln Bedeutung beleidigt , welche ihm die große Welt beilegt . Ha , Herr Graf , « fuhr er beinahe heftig fort - » wissen Sie noch , wie die heilige Atmosphäre Ihrer Gemahlin eine Begeisterung einflöst , welche unabhängig macht von allen thörichten Wünschen dieser Erde ? Wissen Sie es noch , wie sie uns von allen Fehlern reinigt , die uns die Welt anerzieht ? Wissen Sie es noch , wie wir vor ihr Alles vergessen möchten , was wir gethan , gewollt und bis dahin für das Rechte oder Erlaubte hielten ; - und wie wir ein neues Leben beginnen , um es zu verdienen , wenn sie uns ihre heilige Unschuldswelt aufthut ? « Leonin wußte es nicht mehr , oder es lag doch zurückgedrängt , eingeschlummert in ihm . Wie ein Gerichteter sank er in seinen Stuhl zurück , während Lesüeur in steigender Bewegung fortfuhr : » ich war krank , sterbend - von ihrem Bilde eilte ich zum Krankenlager ! Da hat sie mich gepflegt - hören Sie , mein Herr , nicht diesen elenden , dem Tode verfallenen Leib hat sie bloß gepflegt - meine Seele hat sie geheilt , die , kränker als mein Körper , zum Mörder an ihm ward ! Wenn ich jetzt den Weg in das Jenseits finde , wenn Friede und Ruhe mein letztes Lager umgeben - dann werde ich es ihr danken , die alle meine Irrthümer so lange verfolgte , bis sie besiegt zu ihren Füßen lagen . Ich werde sie sehen , bis mein Auge bricht , wie sie mit dem Heiligenscheine ihrer Begeisterung an meinem Lager betete , als sie mich für sterbend hielt ; - ich werde dies Gebet auf meinen Lippen tragen , wenn ich ende , und es wird die Brücke sein , die mich hinüber führt ! Und dies that sie , « fuhr er fast weinend fort , als Leonin sein Gesicht in tiefster Bewegung verhüllte , » obgleich ihr eigner Zustand Schonung , Sorgfalt verlangte , die wol keine Frau in solcher Lage sich versagt . « » Was meint Ihr , Lesüeur ? « rief Leonin und sprang todtenbleich von seinem Stuhle auf , ihn mit fieberhafter Bewegung ergreifend . » Was fehlt Fennimor - warum bedarf sie der Schonung - was ist ihr geschehen ? « » Wie ! « rief Lesüeur , » so fragen Sie mich ? Sie wissen nicht , was Fennimor geschah ? - O , gehen Sie hin , gehen Sie hin , so schnell Sie können ! Hat sie es Ihnen verschwiegen , so sollen Sie mit dem heiligen Glücke überrascht werden , das sie Ihnen aufhebt ! « » Lesüeur , « stammelte Leonin , » sagt , sprecht es aus ! Fennimor ! « Er konnte seiner Ahnung keine Worte geben . » Fennimor , « sprach Lesüeur , » wird Mutter werden ! « Laut weinend stürzte Leonin bei diesen Worten in Lesüeur ' s Arme . Die Rinde um sein verlocktes Herz war gesprungen - er war wieder Mensch - Fennimor ' s Gatte , die Natur hatte ihren mächtigen Ruf nicht umsonst ertönen lassen . » Nun dem Himmel sei Dank , Emmy Gray hat nicht Recht ! « rief Lesüeur - » Er liebt sie noch , er wird sie ehren und erheben , wie es sich gebührt ! - Doch eilen Sie ! Noch hält sie fest am Glauben , und das Glück , das sie , mit kindlichem Erstaunen wie die heilige Jungfrau , selbst in sich trägt , erhält sie in seliger Verklärung . - Emmy Gray sagte mir , in den nächsten Monat müsse die entscheidende Stunde fallen . « » Lesüeur , mein Freund ! mein Wohlthäter ! - Fennimor , mein geheiligtes , unschuldiges Weib ! - Morgen , morgen will ich fort ! « Außer sich , rief Leonin seinen vertrauten Kammerdiener ; augenblicklich gab er die Befehle zur Abreise ; am andern Morgen wollte er fort . Er ließ sich bei seinem Vater melden - er wollte ihm seine Abreise nach Ste . Roche anzeigen . Dann wollte er zu Madame Henriette , ihr sein ganzes Herz ausschütten - sie sollte beim Könige , bei der Königin Alles vorbereiten ; dann wollte er in dem Abendzirkel der Königin sich von Beiden beurlauben . Seine Mutter drängte er bei diesen Ueberlegungen zurück ; was er mit ihr wollte , wußte er nicht , darum berührte er es nicht . - Laut denkend , indem er Alles , was er dachte , an Lesüeur aussprach , lief er im Zimmer umher und bestellte endlich seine Toilette und seinen Wagen , um zur Oberhofmeisterin der Prinzessin , der Gräfin von Grammont , zu fahren . Dann ging er zu seinem Vater und trug ihm übereilt , zerstreut und mit dem vollsten Ausdrucke der erlittenen Gemüthsbewegung seine Absicht vor , nach Ste . Roche abzureisen . » Aha , « lachte der Marschall , » wir haben Crecy ' sches Blut ! Wir sind verdrießlich ! Die Hofcharge und die Braut bleiben zu lange aus ! - Nun höre , mein Junge , das ist so übel nicht ! Thue Du ein wenig empfindlich , damit sie nicht vergessen , wer Du bist ! Es wird schon Aufsehen machen , wenn Du jetzt fortgehst , als ob Du aller Hofgunst den Rücken kehrtest , wo alle die Hasen in einer Reihe lauern , um auf das erste Signal nach dem rothen Lappen zu laufen . Ich habe nichts dagegen - und sei nur ruhig - ich werde indessen Deinen Platz einnehmen ! Sie sollen mich nur fragen , wo Du hin bist - ich will ihnen dienen ! Die Frau Königin Anna denkt wohl , sie hat Wort halten nicht mehr nöthig ; da der alte Marschall nicht mehr die Thore von Paris stürmen und ihre Frondeurs in die Flucht schlagen kann ! Nun , nun - wir wollen sehen lassen , wer ich bin ! Gehe Du indessen , mein Junge - ich stehe Dir dafür , Du wirst bald zurück gerufen . « Der Arzt und der Kaplan unterbrachen diesen väterlichen Erguß und nahmen Leonin die Gelegenheit zu jeder Erwiederung , selbst wenn er sie beabsichtigt hätte ; was wir indessen bezweifeln , da er , um den Marschall von seinen eisernen Ideen abzubringen , wenigstens die entschlossene Sicherheit seiner Mutter hätte haben müssen , die ihm um so mehr fehlte , da ein Meer der widerstrebendsten Gedanken und Gefühle in ihm nichts weniger aufkommen ließ , als einen festen und geordneten Zustand . - Zur drückendsten Bürde wurde es ihm dagegen , den langweilig scherzhaften Gesprächen längst verbrauchter Gedanken zuzuhören , mit denen diese , täglich nur auf sich selbst angewiesenen , Männer sich zu vergnügen glaubten . Doch würde der Marschall seine Entfernung , ehe er dazu das Zeichen gab , höchst übel genommen haben , und ihm blieb Nichts übrig , als äußerlich Geduld zu zeigen , während er innerlich fast vor Aufregung zu vergehen meinte . Endlich schlug der ersehnte Augenblick , und gleich darauf eilte seine Karosse zur Gräfin Grammont . Madame de Grammont kam durch die falsche Stellung , die Oberhofmeisterin einer geistreichen Prinzessin zu sein , in den Wahn , selbst für geistreich gelten zu müssen , und suchte durch leichte , humane und elegante Manieren die Herzogin von Bellefonds zu persifliren , deren steife spanische Grandezza über die kleinste Abweichung von der Regel den Bannfluch sprach . Sie war daher leicht zu jeder Stunde zugänglich , verbaute den Eintritt bei Madame nicht durch ihren eignen Willen und war stets in eine Wolke von Parfums gehüllt , mit Vögeln , Hunden und Kätzchen aller Rassen umgeben ; - übrigens aber die beste Frau der Erde . Sie nahm nicht allein Leonin ' s Besuch gnädig auf , sondern begab sich auch zugleich zu Madame , ihr die Bitte des jungen Grafen vorzutragen . Doch kam sie bald und mit sehr verlegener Miene zurück , indem sie eine völlig abschlägige Antwort zu bringen hatte , da die Prinzessin allein zu bleiben wünschte . Leonin fühlte sich hierdurch ganz aus dem Wege gedrängt , den er sich als den leichtesten und bequemsten gedacht hatte , und schlich , in tiefes , unruhiges Nachdenken versenkt , über die Galerien und Vorsäle zurück , völlig unsicher , was ihm jetzt zu thun obliege . Einen Augenblick trat er an die Brüstung einer offenen Galerie , die vor der Prinzessin Kabinet vorbeilief und in die Gärten niedersah , um , ehe er seinen Wagen bestieg , zu wissen , wohin er ihn richten sollte ; - da hörte er eine Flügelthür aufgehn , die unmittelbar in die Zimmerreihe von Madame führte , und der Marquis de Souvré eilte mit schnellen Schritten daraus hervor . » Souvré ! - Crecy ! « riefen Beide überrascht . » Also die Prinzessin war nicht allein ? « fuhr Leonin laut denkend heraus . - » Mich nur wollte sie nicht sehen ? « » Sie sind ja in vollkommen hypochondrischer Laune ! « lachte Souvré - » Was haben Sie denn ? Im Ernste , Sie sehn entsetzlich tragisch aus ; - ich erkenne den leichten , heitern Gesellschafter der Mademoiselle de Lesdiguères nicht wieder ! « » Lassen wir das , Marquis ! « rief Leonin - » Sagen Sie mir nur , ob Sie bei der Prinzessin waren , ob keine Möglichkeit ist , bei ihr Zutritt zu erlangen ? « » Nachdem Madame de Grammont mit ihrem Gesuche abgewiesen worden ist ? « fragte Souvré - » wo denken Sie hin ! Doch , lassen wir das - was gehen uns die Launen der Prinzessin an ! Wer sagt Ihnen , daß ich bei ihr war ? Das kann ja Alles von keinem Belange sein . « » Es ist wichtiger , als Sie denken , Souvré ! « erwiederte Leonin . » Ich muß morgen früh nach Ste . Roche abreisen ; der Prinzessin , dieser edeln , fühlenden Seele , will ich mich vertrauen , sie muß den König für meine Bitten gewinnen , dann werden meine Aeltern nicht widerstehen ! « » Nun dem Himmel sei Dank , daß Sie an der Ausführung dieses wahnsinnigen Unternehmens gehindert wurden ! Was glauben Sie , daß der Erfolg gewesen wäre ? Ihre völlige Ungnade , des Königs ungemessenster Zorn , und wahrscheinlich einige so gewaltsame Maaßregeln , daß Sie schwerlich Ste . Roche so bald möchten erreicht haben ! « » Nein , nein , Souvré ! Nein , Sie irren ; das würde der König nicht thun , am wenigsten an Jemandem , der meinen Namen trägt . « » Gerade darum , « entgegnete Souvré , empört über den Hochmuth dieses Thoren , der , immer noch zu sicher , immer noch nicht unglücklich werden wollte - » gerade deshalb würden Sie seinen stärksten Unwillen auf sich ziehen . - Sind die Crecy-Chabanne nicht Vettern des Königs ? Ihre Verbindungen sind daher , wie er annimmt , von ihm abhängig . Waren Sie noch nicht hier , wie das Verlöbniß des Grafen von Harcour mit Mademoiselle de Roux auf seinen Befehl getrennt ward ; da ein Harcour sich nur mit seiner Bewilligung , nach seiner Wahl , mit einer Tochter aus den alten Familien des Reichs vermählen darf ? « » Ich aber , « sagte Leonin - » ich , der ich schon vermählt bin ? bei dem von Auflösung nicht mehr die Rede sein kann ? « Souvré trat ein Paar Schritte näher , und dicht vor Leonin stehend , sagte er so spöttisch herausfordernd , wie er vermochte : » ist es möglich , haben Sie hier umsonst gelebt ? Sie , Sie können noch von dieser Vermählung als einer Wirklichkeit sprechen ? Sie können glauben , daß irgend Jemand , vom Ersten bis zum Letzten , diese Verbindung für rechtmäßig , für bindend ansehn werde ? - Fragen Sie , wenn Sie können , Ihre Priester , Ihre Verwandte , die Minister , die Armee , den König - und wenn Sie Zeit haben , die Antwort zu hören , so werden Sie ein und dieselbe hören . Niemand wird Sie für vermählt halten . Niemand wird es für möglich achten , daß ein Crecy-Chabanne - ein Vetter des Königs - ein Katholik überdies , eine englische Pfarrerstochter ehelichen könnte , die eine Ketzerin ist . Niemand denkt daran , daß eine Procedur dieser englischen Kirche , die überdies den Minorennen , ohne Einwilligung der Eltern und des Königs Dastehenden , vor aller Augen als ein Opfer der Intrigue erscheinen lassen wird , rechilich oder kirchlich binden könnte . Daher rathe ich Ihnen als Freund - treten Sie mit dieser kleinen Jugendthorheit nicht in die Schranken ; Sie werden sonst von Waffen besiegt , die am unleidlichsten sind - Sie werden ausgelacht werden ! « Leonin stand dieser stachelnden Rede mit einer solchen Abspannung gegenüber , daß sie vergeblich ihn zu kränken suchte . Er hatte nicht umsonst auf dem gefährlichen Boden so lange gelebt , und Souvré wußte das besser , wie er . Was eben schonungslos vor ihm beim Namen genannt werden konnte , war in vielen kleinen Anklängen ihm schon längst verständlich geworden , daher überraschte es ihn nicht ; aber er wußte sich nur , wie immer , keinen Rath . » Dessen ungeachtet muß ich nach Ste . Roche , « hob er endlich erwachend an - » das ist eine heilige Pflicht , mag sie verzeichnet stehen , wo sie will ! « » So thun Sie es , « sagte Souvré sorglos - » nur verschweigen Sie die Veranlassung ! - Ich muß Madame de Bellefonds diesen Morgen noch sprechen , ich will ihr sagen , daß Sie die Majestäten von Ihrer Abreise unterrichtet . Warum sollen Sie Ihr Hotel Biron nicht so gut haben , wie der König ? « Das war zu stark - es blitzte alles bessere Gefühl in Leonin auf , zu heftiger Entgegnung richtete er sich in die Höhe ; - aber schon glitt Souvré leicht grüßend die große Treppe hinunter und ließ Leonin mit einem Gefühle von Schmerz und Entwürdigung zurück , wie dieser Feind seiner Ruhe es ihm nur wünschen konnte . Blind und betäubt verfolgte er indessen die Richtung , die er genommen ; die Stimmung , in der er sich befand , war Fennimor ' s nicht würdig ; aber sie war doch von Gefühlen untermischt , die einem edleren Bewußtsein angehörten . Das Eine , daß er jetzt zu ihr zurück müsse , blieb wenigstens vorherrschend und hielt den anderen Eindrücken , die nur zu viel Wichtigkeit für ihn bekommen hatten , das Gleichgewicht . Seine Mutter nahm seinen späteren Besuch nicht an . - Sie empfing , wie er bemerkte , heute alle Morgenbesuche persönlich und ließ Leonin ein größeres Diner ansagen . Noch ehe dieser sich zu seinem Vater begeben hatte , wußte sie Alles , was in seinem Zimmer vorgefallen , und eine kurze Unterredung mit dem Marquis de Souvré machte die Mine springen , die Beide seit langer Zeit für diesen Fall bereit hatten . Souvré , der bei der unglücklichen , durch ihr Herz verstrickten Henriette immer Zutritt hatte , erschien eine Stunde früher , und Madame erfuhr , daß Leonin alle Hoffnung habe aufgeben müssen , in die Armee eintreten zu können , da der Marschall unerschütterlich seinem Vorsatze getreu bleibe ; daß er jetzt verzweifle , der König werde ihn bei Hofe anstellen , und sich entehrt und herabgesetzt halte . Die Marschallin ließ der Prinzessin ihren Schmerz hierüber ausdrücken , und ihre Hilfe , ihren Beistand bei dem Könige nachsuchen . Die Prinzessin versprach mit ihrer gewohnten Gutmüthigkeit , daß sich Alles diesen Abend bei der Königin ausgleichen solle . Die Marschallin erschien nicht früher , als bis ihre Zimmer sich gefüllt hatten , und kein Raum mehr für ein vertrauliches Wort vorhanden war