besonders an solchen Tagen wie dieses einer war , der willkommenste Versammlungsort ; von allen Seiten strömten Besuche herbei , welche in dem an das Schlafgemach der Fürstin anstoßenden Zimmer von Helena empfangen wurden . Die eigentliche Absicht derselben war , ihrer Herzensbangigkeit in Vermuthungen Luft zu machen , ihre Neuigkeiten gegen andre einzutauschen , und nebenbei in diesem Hause sich ein wenig auf Kundschaft zu legen , dessen abwesender Gebieter die allgemeine Aufmerksamkeit , wenn gleich ganz im Stillen , nicht wenig beschäftigte . Die Conversation wurde sehr lebhaft betrieben , ohne ein befriedigendes Resultat zu gewähren ; einige einzelne , meistens im Militair vorgefallene Verhaftungen ausgenommen , deren Veranlassung noch nicht bekannt worden , war eben keine besondere Thatsache vorhanden . Im Äußern herrschte überall scheinbare Ruhe ; wie es im Innern mancher Brust damit stand , sah nur Gott ! Schwer und düster hing der Himmel gleich einem Leichentuche über der glanzerfüllten Kaiserstadt ; Jeder empfand die bange , beängstende Stille vor dem Ausbruche eines alles zerschmetternden Orkans ; auch Helena ! sie hatte an diesem Morgen Namen gehört , Anspielungen , Vermuthungen vernommen , welche die Sehnsucht nach der Rückkehr ihres Vaters beinahe bis zum Unerträglichen steigerten , und mit bedrückenden Vorahnungen sie erfüllten . Nie zuvor in diesem Grade hatte sie die Sehnsucht nach einer theilnehmenden Seele empfunden , nie unter den , nur für das Salonleben erzogenen jungen Damen ihres Standes , eine solche gefunden oder gesucht . Ihr Vater , ihr Bruder Eugen und Richard erfüllten allein ihr Gemüth , alle Drei waren jetzt fern , und sie mußte als eine wahre Gunst eines freundlichen Geschickes es annehmen , daß es gerade heute , wo sie zum erstenmal so ganz vereinsamt sich fühlte , Frau Karoline ihr zuführte . Auch Richard lag indessen nicht auf Rosen . In ununterbrochener Einsamkeit der quälendsten Ungeduld Preis gegeben , brachte er eine Reihe von Tagen zu , die ihm zu Wochen sich ausdehnten . Täglich hielt er um eine Audienz beim Minister an , die unter dem Vorwande , über keine Minute frei disponiren zu können , ihm eben so oft abgeschlagen wurde . Ermahnungen , sich nicht zu beunruhigen , Versicherungen , daß alles nach Wunsch gehe , sollten jedesmal den widerwärtigen Eindruck dieser sich stets wiederholenden Antworten mildern , doch sie verfehlten gänzlich ihren Zweck . Empört über die Behandlung des Ministers , die er hinterlistig nannte , hatte Richard allen Glauben an ihn verloren ; von allem was außerhalb der vier Wände , die ihn einschlossen , vorging , gelangte kein Laut bis zu ihm ; und so brütete er ganz allein über sich selbst und tausend Möglichkeiten , eine immer grausiger als die andre , besonders wenn er an das Schicksal jener beiden Briefe dachte , die er dem Kapellmeister Lange übergeben hatte . Es waren schwere , trübe Tage für ihn , aber sie zogen auch vorüber , wie alles Leid und alles Glück unsers Lebens . Der an den Kaiser abgefertigte Courier kehrte zurück , und der Minister säumte nicht dem Gefangenen seine Freilassung , nebst des Monarchen Genehmigung der von demselben vorgeschlagenen Bedingung selbst zu verkünden . In den schmeichelhaftesten , seiner Versicherung nach vom Kaiser selbst gewählten Ausdrücken , sprach er zugleich den Dank desselben für den ihm und dem Reiche geleisteten großen Dienst aus , und Richard hatte von dem Augenblicke an alles vergessen , was er in diesen Tagen gelitten , allen Groll , den er gegen den Minister im Herzen getragen . Indessen war es doch wohl nur Höflichkeit , die ihn bewog , seinen während seiner Gefangenschaft oft sehr deutlich geäußerten Unmuth zu entschuldigen zu suchen , denn in seinem Gewissen war er darüber sehr ruhig ; er glaubte jetzt , von jeder ferneren Verpflichtung befreit , sich endlich entfernen zu dürfen , und wurde zu seiner nicht geringen Verwunderung abermals daran verhindert . Diesesmal ist es auf keine zweite Gefangenschaft abgesehen , wie Sie meine harmlose Verlängerung Ihres Besuches ungerecht genug zu nennen beliebten ; sprach der Fürst ungemein freundlich : aber glauben Sie denn , daß unser Kaiser gewohnt sei , ihm geleistete , wichtige Dienste , gleich dem Ihrigen , mit bloßen kahlen Worten zu belohnen ? Und bin ich durch des Kaisers Anerkennung und die Bewilligung meiner Bitte nicht schon überschwänglich belohnt ? rief Richard . Was Sie für den geliebten Monarchen und unser Vaterland gethan , ist von weit bedeutenderen Folgen , als mitten in blutig-entscheidender Schlacht das Erstürmen einer feindlichen Batterie ; und so will er es auch betrachtet wissen , erwiederte der Minister . Und mit Erstaunen vernahm Richard jetzt , wie der Kaiser aus eigner Huld und Macht , mit Übergehung aller dazwischen liegenden Grade , ihn zum Obrist erhoben , und ihn zugleich mit einer namhaften Anzahl Seelen dotirt habe , welche ihn in den Stand setzen konnten , auf seinem dermaligen Range angemessene Weise zu leben . So war er denn gleichsam mit einem einzigen Wurfe dem Ziele all seines Hoffens nahe gebracht ; denn bekanntlich dient in Rußland militairischer Rang zum Maaßstabe und geht jedem andern vor . Ihm schwindelte , indem diese Überzeugung sich ihm aufdrängte ; ein paar Worte des Ministers , die auf sein jetzt so günstig sich gestaltendes Verhältniß zu dem Hause des Fürsten Andreas hinzudeuten schienen , setzten ihn vollends außer Fassung . Kaum vermochte er ein paar übel zusammengestellte Dankesworte aufzubringen ; doch sein ihm wirklich wohlwollender Gönner verargte ihm dies weiter nicht , indem er der ihn überwältigenden Freude es zuschrieb , und entließ ihn freundlich . Ach aber diese Freude fand nicht lauter und rein Eingang in seine Brust ! Sein Herz zog wie zu einem eisigen Klumpen sich zusammen , als er mit einem Gefühl von Entwürdigung , wie er nie zuvor es gekannt , seine Wohnung wieder betrat . Was war in den Augen der Welt aus ihm geworden , seit er diese Schwelle zum letztenmale überschritten ! Meineidig , wortbrüchig , Verräther an Tausenden , die ihn Bruder genannt , mußte er in den Augen der Meisten dastehen : das war die dunkle Seite seiner That . Daß er in seiner Lage so und nicht anders hätte handeln können , ohne ein fluchbeladener Verbrecher zu werden ; daß ein unter solchen Umständen ihm abgenommener Eid jede bindende Kraft verlor ; daß es pflichtgemäßer wäre ihn zu brechen , als ihn zu halten , würde seiner Überzeugung nach jeder Unparteiische und zuletzt auch die allgemeine Stimme ihm zugestanden haben , hätte er nur den Verdacht des Eigennutzes von sich fern halten können , wäre es nur möglich gewesen , diese wahrhaft kaiserliche Belohnung auszuschlagen , die zu erhalten er nie gedacht , und die dennoch von so unbeschreiblich hoher Bedeutung für seine ganze Zukunft , für das höchste Glück seines Lebens werden mußte ! Schien es ihm doch sogar in seinem Unmuthe , als blicke sein alter treuer Diener mit einer Art mitleidiger Verachtung ihn an , als er Herr Obrist ihn nannte , zu seiner Standeserhöhung ihm Glück wünschte und wegen der , durch dieselbe nothwendig gewordenen neuen Uniform , seine Befehle erbat ; denn die durch den Courier mitgebrachten Neuigkeiten hatten um mehrere Stunden früher sich in der Stadt verbreitet , als Richard selbst sie erfahren . Immer noch hatte er keinen klaren Begriff von dem ausgebreiteten Umfange der Folgen dessen was er gethan ; er hatte Momente in denen er wünschte , sie nie zu erfahren . Niemand war um ihn , der ihm tröstend zugesprochen hätte ; zu muthlos , um den Nachrichten entgegen zu gehen , welche er zu vernehmen erwarten mußte , zu ungeduldig , um sie unthätig an sich kommen zu lassen , stand er zögernd da . Ein heller Freudenschrei dicht neben ihm riß aus diesem trübseligen Zustande ihn auf , liebende Arme umschlangen seinen Nacken , seine Kniee , Thränen und Küsse bedeckten seine Hände . Der gute kleine Kapellmeister war es , der mit seiner Freude ihn wiederzusehen , mit seinem Danke für das was er vollbracht , ihn bestürmte , und nicht von ihm abließ , bis er spät wie es war ihn bewog , nach Hause ihn zu begleiten , wo Frau Karoline nicht minder freudig bewegt als er , mit ihren guten und bösen Nachrichten , ungeduldig seiner harrte . Des Fürsten Andreas Heimkehr , ob zufällig , oder auf äußere Veranlassung , möge dahin gestellt bleiben , traf fast gleichzeitig mit Richards Freilassung und der Ankunft des Couriers von Taganrog zusammen . gleich in der ersten Stunde fand eine derselben unmittelbar folgende Zusammenkunft zwischen ihm und dem Minister Statt ; sie währte lange , bis tief in die Nacht hinein , und endete mit anscheinender Zufriedenheit beider Theile . Doch schon am folgenden Morgen gingen große Veränderungen , sowohl im Hotel des Fürsten Andreas , als in dem seines Schwiegersohns , des jungen Fürsten Konstantin vor , die auf baldiges schnelles Verlassen des bisherigen Wohnsitzes dieser beiden Familien deuteten , und zwar auf längere , anscheinend sehr lange Zeit . Gegenstände wurden eingepackt und zum Mitnehmen bereitet , die man sonst stets unberührt an ihrem Platze gelassen ; seltne oder sonst sehr kostbare Bücher und Handschriften aus des Fürsten Andreas Bibliothek , große Gemälde berühmter Meister , Kostbarkeiten , Kunstgegenstände aller Art ; es sah beinahe aus , als sollten nur die kahlen Wände zurück bleiben . Im strengsten Kontraste mit diesem lärmenden Treiben standen die von der fürstlichen Familie bewohnten Zimmer im Innern des Gebäudes ; dort herrschte ängstliche Stille , nur leises Geflüster war hörbar , und lautloses Umherschleichen wie auf Socken . Der Fürst saß in seinem Kabinet , vertieft in Geschäften ; ließ nur diejenigen seiner Untergebenen vor sich , mit denen er dergleichen abzuthun hatte , und nahm keinen andern Besuch an . Mitchell im Vorzimmer desselben , wie angemauert hinter seinem Schreibepulte , umgeben mit ellenlangen Rechnungen , Courszetteln , Preiscouranten , schien dort als Schildwache angestellt , und that über alle Maaßen wichtig . Die Fürstin Eudoxia hatte einen Rückfall ihrer Krankheit erlitten , auch sie ließ alle Besuche sich verbitten , Helena durfte weder bei Tag noch bei Nacht ihr von der Seite weichen . Gleich allen Übrigen wurde auch Richard abgewiesen , seine Verzweiflung war grenzenlos . Frau Karoline wollte es unternehmen , ihm Nachricht von Helena zu bringen , aber auch ihr wurde , obgleich auf sehr höfliche Weise , der Zutritt für jetzt verweigert ; selbst die kleine Zoë , an die sie , um doch nur etwas zu erfahren , sich wenden wollte , war nicht zugänglich ; das arme Kind durfte keinen Augenblick von dem in der Nähe ihrer Gebieterin ihr angewiesenen Posten sich entfernen . Bis zum grauenden Morgen wanderte Richard die Nacht hindurch um die Mauern des Palastes herum , der einst auch seine Wohnung gewesen , wie ein unseliger Geist die Stätte umwandelt , wo er seine Schätze vergraben ; und blickte hinauf zu dem vom Schimmer einer Lampe matt erleuchteten Fenster , hinter welchem Helena am Krankenbette ihrer Mutter wachte . Später eilte er seiner Wohnung zu ; auch dort fand er weder die körperliche noch die geistige Ruhe , deren er so nöthig bedurfte . Der Wunsch zu erfahren , was , wie er wohl sah , Freunde und Bekannte ihm zu verhehlen strebten , quälte ihn unsäglich : man ging nicht wahr , nicht offen mit ihm um , das merkte er deutlich . Die ihm wohl wollten , verschwiegen ihm aus Schonung , was er am Ende doch erfahren mußte , und seiner Ansicht nach je eher je besser ; die Andern machten sich davon , sobald sie die Neugierde befriedigt hatten ihn zu sehen , nun er eine gewisse Notabilität erlangt hatte , und wollten erst abwarten , auf welchem Standpunkte er festen Fuß fassen würde , ehe sie über ihr künftiges Betragen gegen ihn sich entschieden . Was hilft mir die Meinung , das Lob oder der Tadel des Einzelnen ; das Urtheil des Volkes , der Menge , ist hier das wahre ächte Gottesgericht , von welchem kein Appelliren gilt ; rief Richard , indem er in einen ziemlich unscheinbaren Überrock sich warf , und , wie er früher in ähnlicher Absicht , wenn gleich auf andere Veranlassung , zuweilen gethan , einen entfernteren Theil der ungeheuern Stadt aufsuchte , wo er persönlich unbekannt zu sein hoffen durfte . Es war ein schöner sonnenheller Feiertag ; in Kaffee- und Weinhäusern , Billarden und Restaurationen , kurz an allen öffentlichen Orten war eine zahllose Menge , meistens aus den mittleren und diesen zunächst untergeordneten Ständen versammelt , überall hörte er die neuesten Neuigkeiten des Tages besprechen . Noch fielen täglich in den angesehensten und beliebtesten Familien neue Verhaftungen vor , von denen er durch seine Freunde nichts erfahren ; hier erst , jetzt erst konnte er den ganzen Umfang des Elendes übersehen , das diese Unglücklichen über sich selbst gebracht ! Sie hatten zu Andrer Verderben die Mine gegraben , die jetzt sie und ihr Glück in die Luft sprengte . Sie waren unglücklich ; das war für die , welche nicht weiter sahen , genug ; ihre große Schuld blieb unsichtbar . Das oberflächliche , nicht tiefer blickende Mitleid sah nur ihr Unglück , und ließ , was wohlverdiente Strafe war , nur als solches erscheinen . Bei jeder Gelegenheit hörte Richard seine That auf tausendfache Weise erzählen , kommentiren , beurtheilen , selten gerecht anerkennen . Er hörte Beweggründe derselben sich unterschieben , an die er nie gedacht : Ehrgeiz , Eigennutz , Sucht sich auszuzeichnen , sich einen Namen zu machen . Mehrere ältere und jüngere Männer , Krämer , Handwerker , saßen in einer Ecke ; sie steckten kannegießernd die weisen Häupter zusammen , und sprachen überlaut genug , um weiter als an ihrem Tische deutlich vernommen zu werden . Ich sage es Euch : sprach ein alter Mann , in welchem Richard einen Schreinermeister erkannte , der früher beim Fürsten Andreas einiges gearbeitet hatte : ich sage es Euch , rief der Alte , und schlug mit der Faust auf den Tisch , daß die Gläser klirrten : mit dem schwärzesten Undanke hat er der fürstlichen Familie gelohnt . Ich weiß es genau , denn ich ging damals dort viel aus und ein . Als einen kleinen verlassenen englischen Bettelbuben hat der Fürst Andreas ihn aufgenommen , aus Mitleid ; hat mit seinen Kindern ihn auferziehen lassen , und nun lohnt er ihnen so ! Aus Rache , aus purer Rache ; aber sollte man es glauben , daß die Frechheit so weit gehen kann ! fiel sein Nachbar dem Schreinermeister ein : hat der neugebackene Herr Obrist sich es doch einfallen lassen , seine Augen bis zu der Prinzessin Tochter des Fürsten Andreas zu erheben ! Und dafür , daß sie den Freiersmann nach Verdienst abgewiesen haben , muß jetzt der Fürst mit den Seinigen aus Petersburg verbannt werden , und die jungen Prinzen - - Richard hielt es nicht länger aus ; - Gott steh ' uns bei ! ich glaube das war er selbst , sprach leise der alte Schreiner , und schlug ein Kreuz , indem er erbleichend dem Hinausstürmenden nachsah . Ohne weiteres Besinnen , entschlossen nicht von der Stelle zu weichen , bis er beim Fürsten Andreas Zutritt erlangt , eilte Richard vorwärts . Am Eingange des Hotels hemmte Entsetzen seine Schritte , und die Kniee wollten unter ihm zusammenbrechen . Ein langer , von vielen Geistlichen begleiteter Leichenzug , bewegte sich langsamfeierlich aus dem Innern des Palastes hinaus , gefolgt von fast Allen die zum Hause gehörten , vom ersten Secretair des Fürsten an , bis hinab zum letzten Stallbuben . War es Wirklichkeit ? war es ein der Hölle entsprossenes Traumgesicht ? seiner selbst kaum sich bewußt , wollte Richard zum Sarge hin , fühlte aber von einer eiskalten Hand sich zurückgezogen und festgehalten . Keinen Schritt weiter ! rief dicht hinter ihm eine tiefe ernste Stimme . Ein neunzigjähriger Greis sprach drohend diese Worte : Richard kannte ihn wohl , es war der älteste Diener des Hauses , der den jetzigen Gebieter desselben noch auf den Armen getragen , unter dessen schonender Pflege er jetzt das Ende seiner Tage hier erwartete . Störe nicht die Ruhe der Todten , Leichen bluten von Neuem , wenn der Mörder ihnen naht : raunte der Alte zürnend ihm zu ; es sah seltsam aus , wie lebhaft das dunkle zornflammende Auge unter den schneeweißen buschigen Augenbrauen hervor blitzte ; kalte Schauer rieselten Richard durch Mark und Gebein . Du darfst nicht weiter , und wärst Du Feldherr geworden , statt Obrist : rief der Alte abermals , eine unwillkürliche Bewegung Richards mißverstehend , und faßte ihn wieder . Sprache und Athem versagten diesem vor Schreck und Grausen : er wollte sprechen , und konnte nur die Lippen bewegen . Der Alte sah dies , er war schwerhörig geworden , und glaubte zu verstehen was Richard seiner Meinung nach fragte . Elisabetha Christianawna : sprach er feierlich ; sie ist auch Deine Wohlthäterin gewesen , von Deiner Jugend an , und ist jetzt Dein erstes Opfer . Was thut ' s ? andre werden folgen ; am liebsten ich , denn ich bin es müde in einer Welt zu leben , wo solche Dinge geschehen . Die treue Amme sank vom Schlage getroffen zu den Füßen ihrer Herrin todt hin , als sie den Fall unsers Hauses unvorbereitet vernahm . Jetzt riß Richard gewaltsam von dem Alten sich los , der Leichenzug hatte sich indessen vorwärts bewegt , in der dadurch verödeten Vorhalle war Niemand ihn aufzuhalten , und ungehindert eilte er die Treppe hinauf , und stand in dem ersten der Reihe von Zimmern , die zu denen des Fürsten führten , vor Helena . Ich wußte es wohl ! und nun bist Du da ! rief Helena ihm entgegeneilend ; ihre Wange glühte , ihr Auge strahlte in erhöhtem Feuer ; etwas ungewohnt Hastiges in ihren Worten , in ihren Bewegungen , deutete auf heftige innere Aufregung . Stumm lag Richard zu ihren Füßen , umfaßte ihre Kniee , verbarg sein Gesicht in ihrem Kleide ; sie schien es nicht gewahr zu werden , machte keinen Versuch ihn zum Aufstehen zu bewegen , und fuhr ungewöhnlich schnell sprechend fort : Es ist Verläumdung , Unwahrheit , Mißverstand von Seiten meines Vaters , was weiß ich ! ich habe es ihm gesagt , aber er will es nicht glauben . Und doch ist es so ; wir können sterben , Richard , aber nicht ehrlos handeln . Du so wenig als ich . Du bist nicht zum Obrist erhoben , nicht mit Gold und Gütern für einen Verrath belohnt der - ich könnte darüber lachen , daß man Dir so etwas zutraut , wären die Folgen davon nur nicht so ernsthaft . Aber wie ist es nur möglich dergleichen zu ersinnen ? Wie böse ist die Welt geworden ! wie lügen die Menschen ! und weßhalb ? Du sprichst noch immer kein Wort zu mir ? fing sie nach kurzem Schweigen wieder an . Ich sehe es wohl , Du bist empört , daß selbst mein Vater - und Du bist ' s mit Recht . Ich aber , mein Richard , ich blieb immer Deiner gewiß , ich habe nie an Dir gezweifelt , nie , keinen Augenblick . Doch sage nur einmal : Helena , ich that es nicht ! nur einmal sprich es aus , das Einzige erbitte ich mir von Dir . Denke nur nicht , daß ich , um im Glauben an Dich festzuhalten , dieser Versicherung bedarf ; ich weiß es ja , wir beide sind nicht zu erkaufen , nicht um des Kaisers Thron , nicht um die Welt ! fuhr sie , nach und nach immer besorgter , immer ängstlicher fort : sage es nur , weil ich es wünsche , aus Liebe zu mir , sprich es aus , mein Richard , bat sie , und versuchte mit zitternden Händen , mit nach Athem ringender Brust , ihn aus seiner knieenden Stellung zu bringen , und in ' s Auge ihm zu sehn . Sage , nur einmal sage : ich that es nicht ! nur die drei Worte , sprich sie aus : Richard ! Geliebter ! flehte sie nochmals mit ängstlich ersterbender Stimme und umfaßte ihn , und blickte ihn an , als wolle ihr Leben in dieser Bitte sich auflösen . Tiefe Stille erfolgte . Helenas kleine zarten Hände vermochten nicht länger ihn aufrecht zu erhalten , er sank wieder zu ihren Füßen . Sie kniete neben ihm nieder , sie umschlang seinen Nacken , sie lehnte ihr Köpfchen an seine Brust , sie hauchte leise , leise : o sage , ich that es nicht ! Er fühlte den warmen Lebensathem an seiner Wange wehen . Er sank tiefer , seine Stirne berührte den Boden , ein Seufzer wie Todesröcheln und nun die mühsam ausgestoßnen Worte : ich kann nicht , was Du verlangst ! Helena wankte einen Augenblick , ihre Farbe wechselte , ihr Athem stockte , dann erhob sie sich von den Knieen . Bleich wie ein Marmorbild reichte sie ihm die Hand , um ihn aufstehen zu heißen , und er gehorchte ihrem Winke . Warum bleibst Du nicht wahr gegen mich ? warum verläumdest Du Dich selbst ? fragte sie feierlich ernst . Welche mißverstanden-edelmüthige Überspannung , denn ein andrer Grund Deines seltsamen Beginnens ist unmöglich , verleitet Dich dies sogar gegen mich zu versuchen ? Besinne Dich , Richard , komme wieder zu Dir selbst , erinnere Dich , daß der vollständigste Gegenbeweis Deiner Selbstanklage in meinen Händen ist ; sieh her ! Richard blickte zu ihr auf ; sie zeigte jene beiden Briefe , die er dem Kapellmeister zur Besorgung übergeben , erbrochen ihm vor . In Abwesenheit meines Vaters öffnete ich sie an dem dazu bestimmten Donnerstage , wie Du selbst es angeordnet hattest , sprach Helena sehr fest und bestimmt . Hier zuerst diese zwei Worte an Pestel : » Verrath durch Mayboroda und Rostowzoff . Eile , morgen wäre es zu spät ! « und nun diese Zeile an meinen Vater : » Das Unheil bricht los , Tod und Verderben rund um uns her . Schutz dem geheiligten Leben unsers Kaisers ! « Und warum , sprich , warum willst Du auf Dich nehmen , was jene beiden mir völlig Unbekannten verübten ? Hast Du meiner denn so ganz vergessen können ? fragte sie milder , beinahe lächelnd . Richard hatte indessen jene Stimmung wieder gefunden , die damals auf dem Gange zum Minister ihm Kraft gab , das Schwerste zu vollbringen . Mit dem vollsten Ausdrucke innigster Liebe faßte er Helenas Hände und drückte sie an seine Brust . Höre mich Geliebte , bat er , höre mich bis an ' s Ende . Versprich mir mich nicht zu unterbrechen , wenn mein Geständniß Dir räthselhaft erscheint . Vertraue mir , wer hat gerechtere Ansprüche an Dein Vertrauen als ich ? Bist Du nicht mein ? Bin ich nicht Dein ? darum glaube mir , glaube fest , das Räthsel wird zu Deiner Zufriedenheit sich lösen . Ich glaube Dir ! antwortete Helena eifrig und gespannt . Was Mayboroda und Rostowzoff , zum Untergange Aller und zur eignen Sicherheit , aus persönlicher Feigheit vollbringen wollten , Helena , Geliebteste , ich mußte es hindern - ich konnte dieses nur indem ich ihnen zuvor kam - nur einen Augenblick ertrage das Geständniß , daß ich es selbst gethan ! Alles soll sogleich Dir deutlich werden , und Dich damit versöhnen . Nein , nein , nein : rief Helena , muthe mir nicht Unmögliches zu ! dies zu glauben ist unmöglich : ich verstehe Dich wahrscheinlich nicht , drücke deutlicher Dich aus , gewiß liegt hier ein Mißverstand zum Grunde , gewiß versteh ' ich es nicht wie Du es meinst . Helena , ich vollbrachte einige Tage früher als sie es konnten , nach schwerem Kampfe mit mir selbst , was jene beabsichtigten . Ich mußte es , nachdem der Zufall mir ihr Geheimniß entdeckt hatte ; für Dich , für Deinen Vater , für den Kaiser und unser Land wagte ich es , da keine Aussicht zur Rettung vor allgemeinem Untergange sich mir zeigte . Und schriebst auch diese Zeilen ? fragte Helena , fast unhörbar , aus schwer beklommener Brust . Ich schrieb sie , und gab - Nein , nein , nein ! das kann nicht sein : rief abermals Helena . Geliebteste , muß ich an Dein Versprechen , bis an ' s Ende mich anzuhören , Dich erinnern ? bat Richard , und fuhr dann fort : Voraus zu sehen , welche Wendung meine Audienz beim Minister nehmen würde , war unmöglich . Um in jedem Falle , wenn ich etwa ganz unthätig gemacht würde , nicht Alles dem Zufalle zu überlassen , um doch so viel an mir lag dem größten Unheil vorzubauen , gab ich auf dem Wege zum Minister - Falsch ! zweizüngig ! rief Helena verzweifelnd . Nicht falsch , nicht zweizüngig , nur vorsichtig : erwiederte Richard . Falschheit und Vorsicht gehen immer zusammen , erwiederte Helena . Richard schwieg , schmerzlich verletzt : sie sah es und reichte , gleichsam versöhnend , ihm die Hand . Er drückte sie an seine Lippen , an sein Herz . Beide standen schweigend , mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt , neben einander da . Aber Du bist nicht zum Obrist erhoben , bist nicht zum Lohn Deiner That vom Kaiser reich dotirt ? fing Helena mit peinlicher Lebhaftigkeit wieder an . Nein , das bist Du nicht ! Aber sage mir , daß Du es nicht bist , versichre mich , daß Niemand auf Erden sagen , oder denken , oder auch nur von fern argwöhnen kann , Du seist zum Meineid , zum Verrath erkauft ! bat sie mit dem weichsten Tone schmeichelnder Überredung . Meine Helena , flüsterte Richard auf ihre Hand gebeugt , ich bin wirklich durch des Kaisers Gnade reich beschenkt , bin zum Obrist plötzlich gestiegen , zu meinem höchsten Erstaunen , ohne mein Zuthun , wider mein Erwarten , ich könnte sogar sagen , gegen meinen Wunsch . Helena hörte ihn schon lange nicht mehr . Gleich nach den ersten Worten , die er gesprochen , stieß sie einen lauten Schrei aus und verbarg vernichtet , aber nicht ohnmächtig , ihr Gesicht in die Kissen des Diwans . Helenas Vater trat in diesem Augenblicke in das Zimmer . Der Jammerruf seiner Tochter war bis zu ihm in das Innre seines abgelegenen Arbeits-Kabinets gedrungen , und aufgeschreckt eilte er ihr zu Hilfe , an dem verzweifelnden Richard vorüber , wie es schien , ohne die Gegenwart desselben gewahr zu werden . Mit unbeschreiblicher Liebe nahm er seine Tochter in die Arme , indem er zu ihr auf den Diwan sich setzte , nannte sie bei den süßesten Schmeichelnamen , wie nur die zärtlichste Vaterliebe sie ersinnen kann , und fuhr , ohne ihre Frauen zur Hilfe herbei zu rufen , in seinen Bemühungen sie wieder zu sich selbst zu bringen fort , bis Farbe und Lebenswärme ihr wiederkehrten . Mein Vater ! mein lieber , lieber Vater ! o bleibe Du bei Deinem ganz verarmten Kinde ; mein Leben ist noch so jung , ach , und es war so reich ! klagte Helena ganz leise , und brach dann , wohl zum erstenmal seit ihrer Kinderzeit , in seinem Arme , an seine Brust geschmiegt , laut schluchzend in einen Strom von Thränen aus . Sie flossen lange und unaufhaltsam ; der Fürst erkannte die wohlthätige Erleichterung , die sie seiner Tochter in ihrem Schmerze gewährten ; er trocknete sie mit sanfter Hand , ohne sie hemmen zu wollen , bemühte sich Helena eine bequemere Stellung auf ihrem Diwan zu geben , stand dann auf , und ging auf Richard zu , der bei seiner Annäherung nicht trotzig , aber auch nicht wie ein Schuldbewußter , das von Schmerz umdunkelte Auge zu ihm erhob . Viel Zeit ist verflossen , und gar vieles ist anders geworden , Herr Obrist , seit wir uns nicht sahen : sprach der Fürst vornehm kalt , und mit sichtbar erzwungener Fassung . Mein gnädigster Herr , erwiederte Richard tief bewegt , ich wage es an jene uns noch so nah liegende Zeit Sie zu erinnern , in der ich Sie Vater nennen durfte ; beim Andenken an diese beschwöre ich Sie , mir heute endlich zu gewähren , wonach ich Monate , ich könnte sagen Jahre lang gerungen , freies unparteiisches Gehör . Wollte Gott , es hätte damals Ihnen gefallen , es mir nicht zu verweigern ! Richard , wozu längst Vergangnes nochmals besprechen ? Laß Zeit und Athem uns sparen ; erstere ist mir besonders karg zugemessen , da ich morgen auf lange , vermuthlich auf immer Petersburg verlasse : erwiederte Fürst Andreas , indem er , absichtlich oder aus alter Gewohnheit , in seinen sonst gewöhnlichen Ton gegen Richard verfiel . Diese Folge Deiner Donquixotiade , fuhr er fort , lag wohl nicht in Deinem Plane ? Auch nicht daß mein Sohn Isidor seinen Platz , als Attaché bei der Gesandtschaft in * * * * verlieren sollte , und Dein brüderlicher Freund Eugen den von hoher Hand ihm ertheilten Rath , um seinen Abschied vom Regiment einzukommen , befolgen muß ? Daß mein jüngster Sohn Alex dies Schicksal mit ihm theilt , will ich nicht erwähnen ; Alex ist noch so jung , daß diese Frist , die ihm vergönnt , in England oder Amerika für den Dienst der Marine sich vollends auszubilden , ihm nur vortheilhaft werden kann . Du siehst ich bin billig , ich suche nicht Deine Schuld zu vergrößern . O warum mußte ich