nämlich eine alte Verwandte gestorben , die ihm , gegen alles Vermuten , zweitausend Taler vermacht , welche Nachricht er vor einigen Tagen erhalten hatte . Er nahm sich nun vor , seine Rückreise über die Stadt , wo sie gewohnt , zu nehmen , um die Summe einzukassieren . Diese , sagte er zu sich , kann ich dann meiner Friedrike als meinen hiesigen Erwerb vorweisen , damit sie sich über die Versäumnis zufriedenstellt . Aber freilich , ein Verheimlichen zieht das andere , eine Unwahrheit die zweite nach sich . Ist der gerade Weg des alltäglichen Lebens einmal verloren , so ist es schwer , die rechte Straße wiederzufinden . Am Abend kehrte er in den Gasthof eines anmutigen Dorfes ein . Er ging noch spät spazieren und fragte sich , warum ihn jetzt die Schönheit der Natur nicht so rühre , wie es meistenteils sonst geschah , da er sich auf der Wanderschaft befand . Er begab sich erst in das Haus zurück , als es ganz finster war , und überlas noch einmal den letzten Brief seiner Friedrike . » Ich lege dir « , sagte sie am Schluß , » den sonderbaren Brief unsers Magisters bei , von dem ich dir schon früher einmal schrieb ; vielleicht bist du imstande , einen Sinn aus dem Wirrsal herauszulesen , das meinen Verstand nur konfus macht . « - Leonhard hatte in den letzten Tagen auf dem Schlosse nicht die Zeit gefunden , das Schreiben mit Besonnenheit durchzugehen ; er las die Blätter jetzt in der stillen Nacht . Sie lauteten also : Meine vielverehrte und noch mehr liebe Madame Leonhard ! Man kann nicht immer schweigen , wie es doch vielleicht geschehen sollte , weil das Wort , wenn es aus dem Gewahrsam des Innern springt , oft , wie ein ungezogenes Kindlein , Schaden stiftet , und auch die im Tumult verletzt , die es hegen und pflegen , lieben und verehren möchte . Weil Dieselben aber , wie mein irdisches Auge , wie mehr mein inneres , wohl bemerkt hat , durch meine Gebärden geängstet werden ; mein hastig Reden , mein ganzer Mensch , sozusogen , Sie erschreckt , irritiert und an meinem Wesen konfus gemacht hat : so hasardiere ich dennoch die gefährliche Rede , und zwar nicht um zu sprechen ( denn was sollen Worte , was können sie , wo Stummsein alles Unaussprechliche sagt ? ) , sondern um zu lallen , zu seufzen , zu weinen , und die Rede soll nur in Gebärdung andeuten , weshalb sie denn in Ohnmacht fällt . O wundersame Frau und Inbegriff aller meiner Gedanken , warum sind Sie denn eine Frau , und warum hat mich der Herr als einen Mann erschaffen ? daß ich der bin , der ich bin , und Sie selbst diejenige , als welche Sie im irdischen Wesen erscheinen und sind ! Konnte es denn nicht anders sein , und mußte es durchaus also ausfallen ? Ich ! vierzig und mehr Jahr älter , als Sie ! O du mein ewiger Schöpfer , wo , was waren denn meine Gedanken und Fühlungen vorher , in der Zeit , die doch die längste meines Lebens muß gewesen sein bevor ich Sie kannte , oder Sie gesehen harte ? War doch damals kein Du in der Welt , und ich das ewig einsame unglückseligste Ich ! Einsam , allein - können Sie wohl nachfühlen , wie erschrecklich das ist ? O Du mein Du , wo bleibt denn , so frage ich alle Engel und Geister , wo bleibt denn mein Ich , wenn ich an Dich denke , oder Dir gar in das Auge schaue ? O nein , ich schaue dann nicht mehr , es ist kein Actus meines Selbst ; ich werde geschaut und bin selig darin , daß ich in diesem Geblicktwerden zugleich geschaffen und vernichtet bin . So finde ich mich nachher auch wieder - und frage immer : Wie kann das Ich , der scheinbare Alte , der in der Entzückung untergegangen war , tot , dahin - wie kann er ein Ich noch sein und bleiben , um sich , der auf immer fort war , zu finden und anzutreffen ? Wer ist , was der Findende , wer , was der Verlorne ? Hiebei dreht sich mein ganzes inneres Wesen um , und wird zum Schwindel , und auch mein äußerer Verstand , mein alltägliches kaltes Bewußtsein will zu einem Geheimnis meines innersten , unsichtbaren , im Todesschlafe träumenden Wesens werden . Ja , Frau , Wesen , Ewigkeit , Du , Du ! darin liegt alle Unschuld , und im Ich die Sünde und Anklage . Warst Du nicht vor langen , langen Zeiten ich ? Ich Du ? Eins , und im Einen die Wonne , daß Du die Seele meiner Seele die Seligkeit warst , nach der ich sehnte , und deren Anschauung mir in der Andacht ward ? Ach ja , es ist wohl die Spiegelung von einer fernen Spiegelung , die nur hier hereinfällt , in unsere dermalige Schöpfung und den wunderlichen Schlummer , den wir unser Leben nennen : und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt . Wie unmündige Kinder , die sich weit , weit im gründunkeln Walde verloren haben : und keiner hört ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres Klageliedes . Und so freilich , was kann ich alter , abgelebter Magister wünschen , fordern oder begehren ? Es hat sich alles nur in unsere verhärtete , zu Eis gefrorene Welt hereingeschoben , daß er als Schaugericht lockt und reizt , und uns dann , wie jenem übermütigen Magister oder Doktor , dem Tantalus , versagt wird . Trachtet nicht nach dem Unmöglichen ! Gut gesagt und leicht gesprochen , du durchlauchtiges Vernunft- und Naturgesetz ! Du hast immer recht , weil du immerdar Unsinn aussagst . Wir können ja nichts anderes begehren und wünschen , als das Unmögliche ; das Mögliche , Verständige besitzen wir ja immerdar , und wir haben es ja nur , weil wir gar nichts darum und davon wissen , und wir achten es auch deshalb nicht , und können es nicht achten , wenn wir auch wollten . Schon in frühen , alten Zeiten hat man die sogenannten Giganten darüber bitter kritisiert und hämisch rezensiert , daß sie haben den Himmel erstürmen wollen . Über solche Kritikaster möchte man laut lachen , wenn es sich mit der Bescheidenheit vertrüge ; denn was will denn jeder Wille anders , der ein Wille ist ? Und wenn er es nicht will , fällt er invalide und tot darnieder , und weiß nicht mehr links und rechts , aus und ein . Ich war wohl oft andächtig und verlor auch mein Ich in der Andacht . Wo war ich dann , wenn ich noch war , als nur im Himmel ? So ergeht es mir auch wohl bei einem schönen Gedicht . Die Seele oder Ich - oder wie sollen wir es nennen , wir Dummen , Stummen , Sprachlosen ? - streckt alle viere von sich , dehnt sich , erwächst zu einem Briareus mit hundert Armen , um zu fassen und zu umarmen ; - und plötzlich , um überselig zu werden - vergeht sie , verschwindet und wird ein Nichts . Der Jupiter hat die Himmelstürmende in den Abgrund geschleudert , und eben das war ihre höchste Wonne . Nun liegt sie unten , von Felsen und Gebirgen erdrückt , selbst versteinert , das heißt auf deutsch , sie lebt nun wieder , sieht sich in der sogenannten Wirklichkeit , besitzt wieder , was ihr vergönnt und erlaubt ist , das Vernünftige , Mögliche , das heißt , ein mit vielen törichten Phrasen weitläufig umschriebenes Nichts . Ja freilich wußte ich dies alles nicht , bevor ich Dero Bekanntschaft gemacht . Die dummen Geister der Natur und Notwendigkeit logen mir vor , ich sei schon über sechszig Jahr alt , da ich doch noch gar nicht einmal war geboren worden . Und so , Verehrteste , bin ich freilich annoch zu jung für Sie , was wieder ein schlimmer Umstand ist , und wieder zu jener göttlichen , glorreichen Unmöglichkeit gehört , die wir alle erstreben , wenn wir bei Sinnen , geschweige gar in der Andacht sind . - Zeit ! Wo ist sie ? Wer kennt sie ? Sie ist entweder ein Nichts , oder ein allmächtiges Wesen . In der Andacht , im Anschaun , im Lieben ist sie nicht . Nein , da kennen , sehen , fühlen wir sie nicht . Sie gehört gewiß zu jener dummen Notwendigkeit , zu dem , was uns vergönnt ist . Aber freilich in ihr fühlen , denken , sehen und träumen wir , alles im Pulsschlag und Zeitmaß ; aber doch nur , um im Ewigen , im Nichts , wenn wir dort im Entzücken angelangt sind , diese Zeit zu vernichten . So Raum . Alberner , Schwacher , Nichtiger , und doch so Allmächtiger ! Nichtsnutziger Staub ! warum schwatzest du also . Nämlich , ich wollte eine Epistel schreiben . So fließen denn auch aus Feder und Dinte die Buchstaben , Silben und Worte zusammen , die Linien , das Blatt wird voll , und abermals so schwarz mit Strichen überzogen - ja wohl , das ist das Leben . Das Wort kann nicht ohne Regel , ohne eine kalte , tote Bedeutung sein . Die Bedeutung eben bedeutet nichts , das ist das Feine und auch ganz Grobe von der Sache . Du hast mir einmal die Hand gedrückt . Das war Rede und A und O in einem Pulsschlag . Dein Auge ! Gott hat viel mit dem Auge ausdrücken wollen ; doch die Menschen brauchen es nur zum Nähen und Stricken . Freilich auch das Notwendige und Erreichbare . Aber wäre es denn so etwas Unnützes , wenn ein Magister , dem die Silben und Worte mehr zu Gebote ständen , als mir Unwissenden , über einen einzigen Blick einen dicken Folianten schriebe ? Und , beim Himmel , es gibt Blicke , wo er doch noch nicht zu Ende kommen , und seine Materie ( wie man sagt hier ist es aber Gottheit , Liebe , All ) doch nicht erschöpfen würde . Und daß mir noch dies Anschauen vor meinem Tode hat werden sollen , das ist es , sosehr ich auch leide und mich winde , wofür ich meinem Schöpfer den allerbrünstigsten Dank sage . Nimm es , das Blatt , Du mein Du , Du mein wahres inniges Ich , das I meines Ich , oder der Geisterlaut unsers deutschen Ch , welcher das I krönt , nimm Du Du - des Dus Du - das heißt nach Menschensprache und möglicher sittlicher Schicklichkeit staubwärts übersetzt : nehmen Dieselben , verehrte , liebwerteste , schönste Madame Leonhard , nehmen Sie diesen Unsinn und sehen Sie ihn mit diesem Blick an , mit dem Blick , der so oft aus Ihrer Seele kommt und selbst Seele ist ; dann wird das schwarze Gekritzel auf diesem Lumpenpapier auch mein ewiges unsterbliches Ich sein , das dadurch magisch und mystisch zur göttlichsten Vermählung in Ihre Seele steigt ; dann hast Du mich aufgetrunken , aufgesaugt und aufgeblickt , und ich bin Du und gar nicht mehr Dero ergebenster Fülletreu , Magister Mit sonderbarer Bewegung las Leonhard diesen Brief . Er glaubte ihn zu verstehen , und legte ihn seufzend wieder in die Brieftasche . - Es war ja nur in anderen Worten , was die Gedichte und Reime spielend und springend sagen wollen . - Erst spät konnte er den Schlaf auf seinem Lager finden . Als am andern Morgen Leonhard gestärkt erwachte , mußte er sich erst besinnen , um sich ermuntert zurechtzufinden . Ihm fiel das enge , niedere Gemach auf ; er fühlte , wie er sich in dieser Zeit in jenen hohen , weiten Räumen verwöhnt habe , und er pries in Gedanken die Reichen und Großen , daß es ihnen vergönnt sei , sich immerdar in geräumigen Zimmern und Sälen zu bewegen , wo kein niederes Dach , keine eng aneinanderrückenden Wände ihre Gedanken bedrängen und ihre Gefühle ängstigen . Als er den Gasthof verlassen hatte , war ihm aber so wohl und heiter , er fühlte sich wieder so ahndungsreich und frisch , wie in jener Jugendzeit , die er schon auf immer entschwunden glaubte . Jetzt waren es ungefähr zehn Jahre , daß er in diesen Gegenden gewandelt . Zwischen der Gegenwart und jener vergangenen Zeit lag es wie eine unermeßliche Kluft , und doch trat ihm ein Gefühl ganz nahe , als wenn er jene wundervollen Tage noch mit der Hand abreichen könne . Jetzt mußte er über seine Empfindlichkeit von gestern lächeln . Sein Freund , so reich er war , und wie sich sein Vermögen auch seit kurzem vermehrt hatte , war so freigebig und gutmütig , hatte zu seinen abenteuerlichen Festen so viele Gäste in sein Haus geladen , daß er es sehr natürlich fand , wenn dieser durch Geschenke an einen wohlhabenden Freund seine Ausgaben nicht noch vermehrte . Auch das Bild der Schönen , und jener dämmernden Stube in der Hütte am Saume des Buchenwaldes war schon in eine Ferne hinabgesunken , die zwar noch in Farben schimmerte , aber doch schon der Schattenwelt angehörte . Ein anderer Vorwurf , den er sich selber machte , überschlich ihn jetzt in der schönen Einsamkeit . Konntest du nicht , sagte er zu sich selber , schon vor Wochen hier in dieser schönen Natur leben und wandeln ? Ja wohl hättest du jenen Zauber früher zerreißen sollen , der dich dort an goldenen Banden festhielt . Hier durchwandre ich das schöne Buch , in welchem ich meine Jugend noch einmal lese . Als er am folgenden Tage weiterfuhr , erschien es ihm wie ein Traum , daß er schon an diesem Abend in Nürnberg eintreffen solle . Die Sonne fing schon an zu sinken , als er neben seinem Wagen einen jungen Mann wandeln sah , der ihm sehr ermüdet schien . Die Straße war beschwerlich , und da es Leonhard schien , als ob der Reisende auch zur Stadt wolle , so lud er ihn ein , sich zu ihm zu setzen , weil er auf diese Weise sicherer und schneller sein Ziel erreichen könne , welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde . Es begann schon zu dämmern , und da die Straße eben durch einen Wald führte , so konnten beide ihre Gesichtszüge nicht mehr genug unterscheiden , um in nähere Bekanntschaft zu treten . Die Schatten der Bäume streiften wechselnd über sie hin ; indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging , begann der Fremde : » Sie wissen es wohl schwerlich , mein Herr , wen Sie jetzt eben so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben ? « » Nein « , sagte Leonhard , » denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen . « » Wenn ich nun ein Räuber und Mörder wäre ? « » Ich bin vom Gegenteil überzeugt , denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich und wacker . Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken , aber ich bin nicht eben furchtsam . « » Sie können auch ganz ruhig sein « , fuhr der Fremde lächelnd fort , » ein Räuber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bündel , wie ich hier neben mir liegen habe . Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwürdiges Individuum an Ihrer Seite . « » So ? « » Ja , mein Herr , und Ihre Miene ( die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden kann , da Sie vielleicht eben eine ziemlich höhnische machen ) , aber zugleich Ihr Wesen , Ihre Sprache , alles flößt Vertrauen ein , und so gestehe ich Ihnen denn unter dem Siegel der Verschwiegenheit , daß ich der einzige und zwar rechtmäßige Sohn von Friedrich dem Großen bin . « Leonhard war überrascht . Er machte den Versuch , sich etwas von der Seite des Fremden zu entfernen ; aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn , in seiner vertraulichen Stellung zu verharren . » Sie wundern sich gewiß « , sagte der Unbekannte , » ich merke es an Ihrem Fortrücken ; ja , es ist sonderbar genug , und Sie können sich nun Ihr ganzes Lebelang rühmen , daß Sie mit mir so unverhofft zusammengetroffen sind . - Aber Sie sind so stumm ? « » Ich begreife die Möglichkeit nicht . Der preußische Friedrich starb , wenn ich nicht irre , im Jahre 1786 , und Sie selbst scheinen mir , soviel ich sehen kann , ungefähr von meinem Alter ; mithin hätte der große König Sie noch in hohen Jahren und nach dem siebenjährigen Krieg in die Welt gesetzt . « » Richtig ! « rief jener , » ich bin jetzt dreißig Jahr und 1772 geboren , und zwar von der rechtmäßigen Gemahlin des großen Regenten . Und unmöglich finden Sie dergleichen ? Lieber unbekannter Herr , was ist denn wohl einem solchen Geiste , einem so ungeheuer großen Monarchen unmöglich , einem Könige , der in seinem Reiche völlig unumschränkt herrscht , und keinem Menschen auf Erden von seinem Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat ? Ja , Herr , es kommen sonderbare Schicksale in der Welt zum Vorschein . Wer viel reiset , erfährt auch viel , und so geht es Ihnen jetzt . Und darum ist es eben recht verdrüßlich , wenn die Ofensitzer alles besser wissen wollen . Nicht wahr ? « » Allerdings « , sagte Leonhard , der nun schon nicht mehr zweifelte , mit wem er es zu tun habe . » Sie wissen es gewiß « , erzählte der Fremde mit der größten Ruhe weiter , » welche Faktionen sich in den letzten Jahren des großen Königs schon am Hofe und im Lande gebildet hatten . Mit Drohungen wurde der armen Königin so zugesetzt , daß sie die Geburt des rechtmäßigen Prinzen verschwieg . Der vorige König beherrschte nun als nächster Thronerbe bis etwa vor vier Jahren das Land , und ich gönne auch dem jetzigen Herrn seine Würde und sein Glück , denn er ist wacker und tugendhaft ; und überhaupt - wenn ich auch mit meinen Ansprüchen hervortreten wollte , so hat jene Kabale es leider so fein angezettelt , daß ich wohl schweigen muß . « » Aber wie haben Sie , da man Sie in Windeln raubte , erfahren können , daß Sie der Geburt nach der rechtmäßige König sind ? « Der Fremde schwieg eine Weile , als dächte er dieser Frage nach . » Wenn Sie die Kupferstiche vom großen Friedrich ansehen « , sagte er dann , » und betrachten morgen beim Sonnenlicht meine Physiognomie , so wird Ihnen gar kein Zweifel übrigbleiben . Und nachher habe ich darüber sehr authentische und wichtige Papiere , die mir von Männern , die aber unbekannt bleiben wollen , zugefertigt sind . Die Sache leidet wirklich keinen Zweifel ; auch bin ich ganz fest davon überzeugt . Im Jahre 1792 , als die Koalition geschlossen war , und die deutschen Heere gegen Frankreich marschierten ; - o mein Herr - da war in meinem Leben ein großer , ein einziger Moment . Die Republikaner nämlich und Dumouriez und die Begeisterung in Deutschland und La Fayette und der National-Convent , ja durch heimliche Emissäre der König von Frankreich selbst , alle forderten mich dazumal auf , mich zu erklären , öffentlich aufzutreten , um durch mein Wort alle jene Rüstungen zu entwaffnen ; als großer deutscher Fürst dann die gute , verkannte Sache zu vertreten und so mit Lorbeeren und unsterblichem Ruhme mein jugendliches Haupt zu schmücken . « » Ei « , sagte Leonhard , » diese einzige Gelegenheit und große Aufforderung hätten Sie doch benutzen sollen . « » Glauben Sie denn « , sprach der Fremde mit bewegter Stimme , » daß mein Ehrgeiz damals nicht rege genug gewesen wäre , um durch diesen Gedanken mein jugendliches Blut zu erhitzen ? Aber die jesuitische Klugheit jener Kabale hatte ja alles für alle Zeiten unmöglich gemacht . Hätte man mich entführt und irgendeinem Handwerker übergeben , in fremde Länder oder nach Amerika gesendet , ja hätte man mich an die Zigeuner verkauft , so war es möglich , mit Ehren hervorzutreten , ja der letzte Umstand hätte der Sache wohl gar eine romantische Farbe gegeben ; aber so hatten die Bösewichter mich unter die Juden gesteckt . Ja , sehen Sie , Sie lachen , Sie können nicht anders , und das ist die Ohnmacht , die mich lähmt , die mir jede Unternehmung unmöglich macht ; denn das Lächerliche ist so allgewaltig , so unüberwindlich , daß alles , was es nur erreicht , sich vor ihm beugen muß . Hätte ich nun damals den Anforderungen genügen und auftreten wollen , und man hätte in Europa plötzlich vernommen , der echte König von Preußen ist erschienen , die ganze Gestalt der Dinge muß sich verändern , in ihm wirkt der Geist des großen unsterblichen Friedrich - und nun fragte Europa . Wer ist dieser junge Held ? - und vernähme die Antwort : Ein Judenjunge ! - so würde ja ganz Europa nur in ein lautes Lachen ausgebrochen sein , so wie Sie jetzt selber lauter und lauter lachen , was mich eigentlich beleidigen sollte , wenn die Sache nicht wirklich so überaus komisch wäre . - Lachen Sie also nur zur Genüge mein Herr , ich finde Ihre Lustigkeit ganz natürlich . « Leonhard zwang sich , wieder ernsthaft zu werden , um den Unglücklichen nicht zu kränken , weil die Erlaubnis zum Auslachen doch vielleicht nicht ganz aus seinem Herzen gekommen war . - » Seitdem « , fuhr dieser dann fort , » sind nun wieder zehn Jahre vorübergegangen , und ich habe mich immer ruhig verhalten , welches die hohen Potentaten würdigen und mir zugute schreiben sollten . Das ist aber nicht der Fall , denn man läßt mich immer in meiner Armut bleiben , ohne sich um mich zu kümmern . Eins aber könnte man tun , da ich ja keine weiten Länderstrecken , oder großen politischen Einfluß verlange , mir nämlich das liebe gute Nürnberg schenken , welches ich so außerordentlich hochschätze . Das Städtchen hat wirklich was Allerliebstes , und wer Sinn hat für das Heimische , Altdeutsche , so Altfränkische , der wird auch ebenso in das niedliche Nürnberg vernarrt sein , wie ich . Wäre das aber den Regierenden immer noch zuviel , so sollten sie mir doch wenigstens die Sebald-Kirche als mein Eigentum überlassen . « » Da Sie aber zu der israelitischen Gemeine gehören « , sagte Leonhard , » was wollten Sie mit dieser christlichen Kirche anfangen ? « » Erstens « , antwortete jener , » wünsche ich sie mir , weil ich sie so unaussprechlich liebhabe . Das ist ein Kirche , sehen Sie , wie man wohl sagen möchte : Gerade so muß eine Kirche sein ! Lorenz ist auch nicht übel , kommt aber nicht gegen meinen Sebald . Und , verstehen Sie denn nicht ? Ich hätte ja immer noch den größten Vorteil davon . Die Nürnberger gehen sehr gern in ihre Kirche ; sie ist immer gedrängt voll . So vermietete ich denn meine Kirche an die andächtige Gemeine , daß die Leute doch auch ihre Freude am Gottesdienste bezahlen müßten . - Ich habe auch wirklich Lust , mich nächstens dem Könige von Preußen persönlich vorstellen zu lassen , und ihm das Geheimnis zu eröffnen . Dann werden wir ja sehen , wozu er sich herbeilassen wird . Denn ganz umsonst darf er es doch auch nicht haben , daß ich ihm so ungestört Krone und Szepter gönne . « Es wurde Leonhard peinlich , länger das Geschwätz des Törichten anzuhören ; er fragte also , um abzubrechen , wo man wohl in der Stadt am besten einkehre , und der Plauderer sagte : » O ja nirgend anders , als im goldnen Rad-Brunnen . Da sind zwei alte , prächtige Leute , und ich bin auch viel da , und ein junger Freund , ein frommer , stiller Mann , der Braueigner Lamprecht . Wir bilden dort oft ein sehr geistreiches Konvivium . Im roten Roß ist es auch immer noch gut , aber viel teurer ; denn der Gasthof bleibt bisher noch der erste in der Stadt . Aber beim Rad-Brunnen wollen wir absteigen ; es ist ja auch sehr möglich , daß mein Freund Lamprecht Sie bei dieser Gelegenheit gleich bekehrt ; denn Sie sind doch gewiß noch ein Weltkind , das habe ich vorher wohl an Ihrem Lachen bemerkt . Und der Lamprecht hat eine außerordentliche Force im Bekehren ; ehe man sich ' s versieht , ist man fromm geworden . Es ist eine wahre Lust , wie es ihm von der Hand geht . Ja , ja , das wird einen rechten Spaß geben , wenn Sie so in sich schlagen und einen ganz neuen Menschen anziehen . Haben Sie ' s wohl schon mal probiert ? Es wird einem dabei ganz schnurrig zumute . Aber nachher die unendliche Seelenbefriedigung , und unserm Herrgott so viel näher zu rücken durch solche Protektion : das ist doch auch mitzunehmen . « So ging es wieder unermüdet fort , nachdem er diese neue Straße eingeschlagen hatte . Leonhard hörte wenig mehr hin und freute sich , als sie in das Tor hineinfuhren . Es war schon später Abend , und aus allen Fenstern schienen ihnen die goldenen Lichter entgegen , als sie durch die große Stadt und die herrlichen Gassen zwischen den hohen Häusern hinrollten . In diesen Augenblicken fühlte sich Leonhard sehr glücklich , sich als ein ganz Einsamer und Unbekannter in der Fremde zu befinden , sich seiner Jugend zu erinnern , und die damals empfangenen Eindrücke zu erneuern . Man hielt wirklich jetzt vor dem Rad-Brunnen , und die Diener kamen den Reisenden freundlich entgegen . » Ei ! Herr Franke , kommen Sie auch schon wieder ? « riefen sie , und begrüßten so mit Handschlag und Lachen den Törichten . Dieser dankte nur kurz und obenhin seinem Reisegefährten , um sich eifrig nach Lamprecht zu erkundigen . Man wies ihn nach einem entlegenen Stübchen , in welchem dieser Freund schon seiner harre , obgleich man geglaubt , der Reisende könne erst morgen kommen . Als Leonhard die freundlichen Wirtsleute begrüßt und sein Zimmer in Augenschein genommen hatte , trat er mit hoch klopfendem Herzen seine Wanderung durch die geliebte , ihm so bekannte und doch jetzt fremd gewordene Stadt an . Wie feierlich begrüßten ihn die hohen Kirchen , rätselhaft aus der dunkeln Nacht hervortretend . Er stieg die kleine Anhöhe bei Sebald hinauf , wo er auch ehemals so oft gestanden hatte , und sah wieder die erleuchteten Häuser gegenüber . Dann ging er nach der Lorenzkirche , stand bei dem künstlichen Brunnen still , und hörte andächtig dem Geplätscher und Plaudern seiner feinen Wasserstrahlen zu . Er kehrte um , ging die Straße hinauf , und unten an der einsamen , stillen Burg vorüber . Er freute sich , daß er selbst in der Nacht das Haus wiedererkannte , in welchem Albrecht Dürer gewohnt , so fleißig gearbeitet und so viele Schmerzen erlitten hatte . Er fühlte sich wunderbar gerührt , und jedes Wort Vorübergehender , im bekannten fränkischen Dialekt gesprochen , ging durch sein Herz . So kehrte er um , und zauderte noch den Gasthof zu betreten , um diese poetische Stimmung nicht zu vernichten . Wie glücklich , sagte er zu sich selbst , eine solche alte edle Stadt als seinen Geburtsort zu kennen , in ihr zu erwachsen und sich mit jedem Denkmal , jedem merkwürdigen Stein vertraut zu befreunden . Alles Große , Edle , Wunderliche gehört dem Eingebornen , er erlebt es täglich von neuem ; jeder Gedanke und jede Vorstellung wächst mit den früheren Jahrhunderten und ihren Begebenheiten zusammen ; jeder Vorsatz , jede Arbeit klingt wie ein nötiger , schöner Ton in das vollstimmige Konzert hinein , das immerfort musiziert , und so alles , was entsteht und sich neu erzeugt , in seine wohltätige Regel und ihren Wohlklang zart und mütterlich aufnimmt . Als er in den Gasthof trat , fand er nur wenige Menschen an der Tafel , eine stille Gesellschaft , die seine Gedanken und Gefühle nicht störte . In der Nacht schlief er gut in seinem ruhigen Zimmer , und erwachte erquickt und neu gestärkt mit der Frühe des Morgens . Es war Sonntag , und indem er die Glocken schlagen und läuten hörte , war es ihm so heimisch , so bang schaurig und so heiter und still sehnsüchtig , wie in der frühesten Kindheit . Er ließ diese Sabbatstille in seinem Herzen gewähren , und die Gestalten und Gefühle ruhig beseligt walten , die aus seinem Innern , wie aus unsichtbarer , lautloser , ferner Gegend , emporquollen und ihn anlächelten . - Wie sonderbar dünkte es ihm , daß gar viele hochbegabte Menschen einer Absonderung von den übrigen , einer Sekte und in dieser wieder der Redensarten , der willkürlichen Zeichen bedürften , um sich fromm zu fühlen . Welche Süßigkeit des Himmels entfaltet sich so oft , und verbreitet sich durch unser ganzes Innere , wenn wir den Engel nur gewähren lassen , der mit melodischem Flügelschlag den Teich anrührt , daß seine bewegten zitternden Wogen mit heilender und heiligender Gesundheit emporrauschen . Bei diesen Worten kam der alte Joseph und dessen Grillen über Sprache in seine Gedanken , und um nicht ganz sich in Träumerei zu versenken , ging er in das gemeinsame Zimmer , um