nur die unschuldige Seligkeit des Herzens , und statt ihrer sonst in Thränen gehüllten Bilder verklärten sie sich jetzt in heiter blickende Engel , die aus dem glühenden Morgenhimmel sich schützend und segnend über sie herab neigten . Ja , ich muß glücklich sein ! rief sie sich zu , denn dies wollten sie ja von mir ; und zum ersten Male fiel es ihr ein , wie sie ihr das Glück , das aus einer wahrhaft harmonischen Entwickelung des Menschen hervorgehen müsse , und das sie jetzt empfand , als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten . Sie fühlte , daß sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht , aber heute wollte sie dieselbe zugleich lösen . Sie hielt den Schmerz für besiegt in sich oder doch für aufgelöst in kindlicher Ergebung , und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott für das Glück , zu leben . Zu leben ! setzten ihre Gedanken das Gespräch des kindlichen Herzens fort , und zu leben unter den edelsten und besten Menschen . Sie sandte ihnen allen tausend zärtliche Grüße zu , als sie so eben , eine Höhe ersteigend , das in der Ferne über den Bäumen des Parkes sich erhebende Schloß gewahrte . Ach , mit jenen vereint den Tag zu verleben , schien ihr ein nun erst von ihr verstandenes , geschätztes , unnennbares Glück zu sein . An dem Fuße einer großen Eiche , die noch vollbelaubt mit ihren weit ausgebreiteten Zweigen die Anhöhe beschattete , befand sich ein kleiner Sitz , den Lady Maria am liebsten bei ihren frühen Spaziergängen einnahm . Von hier aus hatte sie einen weiten Blick in die reizende Gegend , die für sie einen besonderen Zauber trug , denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erspähen . Der Solway , an dessen Ufern sie als Kind gespielt , war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek ; aber diese fernen malerischen Linien , diese ersten Grenzwarten des schönen Landes , das sie als ihr Vaterland ansehen mußte , gaben ihrer Phantasie stets die Bilder der Heimat , und es war ihr eine Pflicht geworden , täglich hinüber zu schauen , und sie wie liebe Verwandte zu begrüßen . Sie mußte sich heute , wie manchen Morgen damit trösten , die Himmelsgegend aufzusuchen ; denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont . Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuß , denn gleich einem ungeheuern Oceane breitete sich der Nebel-Hintergrund aus , während der Punkt , wo sie stand , in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete . Voll athmete sie dem schönen Naturbilde entgegen , und Alles ward ihr heut zum Troste oder zur Freude , und jeder Schatten versank , denn ihr Busen war ausgefüllt von einem einzigen , unendlichen Wohllaut ! Gaston , an das Ziel der Wanderung seit lange gewöhnt , hatte voranstürmend sie hier erwartet , und saß nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren Füßen und schaute mit seinen klugen Augen , wie verständig , in die Gegend hinein . Doch jetzt zog er die Ohren horchend an , wandte unruhig und knurrend den Kopf , und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schützlings beruhigen zu lassen , schlug er plötzlich hell an und fuhr , seinen großen Körper rasch erhebend , pfeilschnell nach dem Waldwege hin , der von dort aus gleichfalls zu der Höhe führte . Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah , wie Gaston sich in seiner ganzen Länge aufgerichtet gegen einen Mann gedrängt hatte , dem er auf diese Weise verwehrte weiter zu schreiten , da sein wildes Gesicht , gegen das seinige gehalten , ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiederte . Gaston , Gaston ! rief Lady Marie , furchtlos für sich und erschreckend über des Thieres Wildheit , komm zurück , komm zu mir ! Gaston wandte den Kopf nach ihr zurück , und schnell dem Rufe der lieben Stimme gehorchend , stieß er den Mann , ihn eben so heftig loslassend , fast rücklings über und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Füßen . Noch mit ihm beschäftigt , blickte Lady Marie erst auf , als ste den Schatten des nahenden Mannes vor sich am Boden sah , und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften Mißvergnügen Lord Membrocke . Wer die schnelle Verwandlung ihrer Züge und ihrer ganzen Gestalt jetzt betrachtete , mußte der Worte des Lord Ormond gedenken , denn mit geröthetem Antlitze hob sie sich so stolz empor , daß ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr zu bedrohen schien . Je mehr sie in einer traumähnlichen Bewußtlosigkeit sich den süßesten Gefühlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmückenden Gewande dieser Stimmung erblickt hatte , desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann getreten , der ihr so viel Veranlassung zum Zürnen gegeben hatte , und ihren Argwohn und ihre Ungeduld unablässig erregte . Doch der Lord schien nicht geneigt , den Zorn des schönen Fräuleins bemerken zu wollen , sondern näherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit , die ihm allein übrig blieb , um sich in der Nähe dieses stolzen und klugen Kindes erhalten zu können . Mylady , sprach er , sie ehrfurchtsvoll grüßend , ich muß Euch sehr für Eure Befreiung von meinem Feinde danken , da ich , allerdings überrascht , auf einem friedlichen Spaziergange so fest an der Gurgel gepackt zu werden , mir wenig zu helfen wußte . - Ich erkannte Euch nicht , Lord Membrocke , als ich Gaston zurück rief , unterbrach ihn Lady Melville , kalt sich von ihm wendend und in die Gegend blickend ; es war eine ganz gewöhnliche Handlung des Antheils und vielleicht überflüssig , da Gaston Niemand verletzt und mir nur diesen Platz gern einsam zu erhalten trachtet . - Ich könnte gehen , wollt Ihr sagen , um Gastons handfeste Bemühungen nicht vergeblich zu machen , setzte er spöttisch hinzu ; ich bin also offenbar hier zuviel , und hättet Ihr gewußt , daß Lord Membrockes Gurgel unter seinen Krallen zusammen geschnürt war , so hättet Ihr vielleicht es nicht der Mühe werth erachtet , ihn abzurufen . Mylady , erlaubt mir Euch zu sagen , Euer Stolz thut hier Euerm schönen Herzen mehr Schaden , als er verantworten kann . Ihr haßt Niemand so heftig , selbst den armen Membrocke nicht , um ihn gleichgültig irgend einer Gefahr ausgesetzt zu sehen , wenn Ihr sie mit einem Laute Eurer holden Stimme abwenden könntet . Es lag zu viel Wahres in diesem Vorwurfe , als daß er nicht das offene und bescheidene Gemüth Maria ' s hätte treffen sollen . Sie glaubte ohne Grund eine unweibliche Härte begangen zu haben , und die früheren Veranlassungen ihrer nöthigen Zurückhaltung über diesen Vorwurf vergessend , wandte sie sich mit milderem Wesen zu ihm . Mylord , sprach sie , in den ruhigen Ton der Höflichkeit übergehend , Ihr vertraut meinem Herzen nicht zu viel ; ich hoffe , daß es sich nie vom allgemein menschlichen Wohlwollen zu gehässiger Ausschließung verirren wird . Sollten meine Worte in der ersten Ueberraschung gegen Euch das Gegentheil ausgedrückt haben , so mögt Ihr mir verzeihen . Lord Membrocke jauchzte innerlich , dies stolze Wesen gegen sich in Nachtheil gebracht zu haben , und hätte Lady Maria das boshafte Lächeln gesehen , womit er hinter ihr stehend sie betrachtete , sie hätte vielleicht bereut , auf seine Worte gehört zu haben . Was könntet Ihr noch sagen , Mylady , erwiederte er sanft zurückhaltend , was härter wäre , als das grenzenlose Mißtrauen , womit Ihr mich behandelt , seitdem Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgesandten Eurer Freunde Euren zärtlichsten und unglücklichsten Anbeter machte . Ihr habt mir befohlen darüber zu schweigen , fuhr er fort , als die Lady sich augenblicklich anschickte , die Höhe hinabzusteigen , indem er ihr ehrerbietig , aber nahe genug folgte , um ihr Ohr noch zu erreichen , - und ich werde Euern Befehl befolgen , so lange meine schwache Kraft es vermag ; aber ich beschwöre Euch noch ein Mal , wendet um dieser unschuldigen , unfreiwilligen Vergehung meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir . Denkt , ich wiederhole es Euch , daß ich der Einzige bin , dem sich Euer unglücklicher Oheim vertrauen durfte , um Euch , dem letzten ihm gebliebenen Troste , von ihm Kunde zu geben . Er ist umstellt , verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt , seine Sicherheit durch Flucht bewirken zu müssen . Bedenkt , was Ihr thut , indem Ihr mir versagt , Euch zu ihm zu führen , und so die Zeit vergehen laßt , die ich viel nützlicher an seiner Seite zubringen könnte . Mylord , sprach hier Lady Melville , ohne still zu stehen , Ihr behandelt mich auf eine unverzeihliche Weise . Eure unschicklichen Verfolgungen lassen mich nichts für wichtiger halten , als wie ich mich denselben entziehen soll , und das wenigstens darf ich nicht bezweifeln , daß mein Oheim Euch nie zu seinem Vermittler gewählt haben würde , hätte er ahnen können , mich dadurch in die beleidigende Vertraulichkeit mit einem Manne zu bringen , der damit anfing , mich zum Gegenstande einer unehrerbietigen Neigung zu machen . Aber davon abgesehen , daß das Vertrauen eines der edelsten Menschen Euch hätte bewegen müssen , mich mit Achtung zu behandeln , muß ich jedenfalls einen Mann gering achten , der eine Lage , wie die meinige , zu benutzen sucht , um , während ich meines natürlichen Schutzes beraubt bin , mir Vorschläge zu thun , an die ich nicht denken darf , ohne Eure Nähe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen . Seitdem Ihr meinen Zorn empfunden habt , erst seitdem tretet Ihr als Gesandter auf , und unter der Autorität der Namen , die mir heilig sind , sucht Ihr mein verscheuchtes Vertrauen wieder zurück zu bringen . Vielleicht hatte ich Unrecht , Euch noch ein einziges Mal Gehör zu geben , aber ich bin noch zu jung , zu wenig gewohnt mich selbst zu leiten , und war zu überwältigt von dem Gedanken an die Möglichkeit dieses letzten , einzigen Schutzes , der mir geblieben , um dem nöthigen und allzusehr gerechtfertigten Mißtrauen sogleich Gehör geben zu können . Ihr habt , auf diese theure Namen hin , mich mit ungekannten Schrecknissen bedrohend , eine Verschwiegenheit von mir erpreßt , die mich unaufhörlich beleidigt , die mich wie eine Schuld gegen die edle Familie belastet , der ich das unbedingteste Vertrauen schuldig zu sein glaube , und welche Ihr mir ohne alle Gründe als Gefahr bringend schildern wollt . Aber seid sicher , mein Herz verwirft diese falsche Stellung jeden Tag lebhafter , und eben heute fühle ich es unerläßlich , mich wieder rein zu stellen ; heute noch soll die Herzogin von Nottingham erfahren , was Ihr von mir verlangt , in wessen geheimer Vollmacht Ihr hier zu sein vorgebt , und hat sie für mich geprüft , dann mögt Ihr immerhin unter dem Gefolge Euch befinden , das sie mir ersehen wird , um mich an den Ort meiner Bestimmung zu führen . Nun , rief hier Membrocke mit einem Zorn , den er längst einmal gegen das muthige Mädchen zu versuchen entschlossen war , und wozu er sich ziemlich durch ihre wegwerfende Antwort geneigt fühlte ; nun so folgt denn Euerm übermüthigen Sinn und seid es dann selbst , welche die letzte Hand an das Schicksal Euers Oheims legt . Wisset , daß das erste Wort , was mich als den geheimen Freund Eures Verwandten vor dieser Frau bezeichnet , mich zwingen wird , ihn ihr zu nennen und seinen Aufenthalt zu entdecken , und wisset , daß es derselbe ist , der , in die Angelegenheiten des Grafen von Bristol verwickelt , von diesem durch ein einziges Wort zum Schaffot geführt werden kann . Lady Melville bebte hier unwillkürlich zusammen , und als sie ihr schönes Antlitz zu ihm wandte , war es erblaßt , und ihr großes Auge schaute voll Entsetzen zu ihm auf . Ja , vollendete Membrocke , die ihn erfreuende Wirkung beobachtend , ja , Ihr wollt nicht geschont sein , und sollt es denn endlich wissen , wie schrecklich die Lage Euers Oheims ist , wie sehr sie geschont sein will . Gewiß habt Ihr den Namen Buckingham nennen hören , und müßt ahnen , daß Eure Verwandten nur zu nah mit diesem erlauchten Geschlechte verbunden sind . Eben jetzt ist Graf Bristol zurückgekehrt ; wegen der spanischen Zwistigkeiten sucht er sich zu rechtfertigen , indem er den Herzog von Buckingham anklagt . Nur zu leicht würde ihm das gelingen , könnte Graf Bristol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und ihn vor Gericht laden . Genug Zeugnisse werden gegen ihn reden , denn sein edles vertrauungsvolles Gemüth hatte ihn an Schritten theilnehmen lassen , deren Aufdeckung , nach der gänzlich verfehlten , sicher guten Absicht , jedem Theilnehmer den Tod bringen muß , da es die Auflösung der spanischen Vermählung und den daraus sich jetzt entwickelnden Krieg betrifft . Das Parlament ist versammelt . Graf Bristol muß seine Anklagen beweisen , wenn er nicht das gezückte Schwert über sein eigenes Haupt rufen will . Es blieb Euerem Verwandten nichts übrig , als Flucht . In tiefster Verborgenheit an der Grenze des Königreichs harrt er , ob die Nachforschungen Bristols ihm nahen werden , um dann sogleich allein , trostlos und verlassen von aller Liebe , in ein fremdes Land zu fliehen . Die ganze Familie Nottingham unterstützt diese Nachforschungen ; denn sie verhehlen sich nicht , daß ohne diese Beweise die Lage des Grafen sehr bedenklich wird . - Geht jetzt hin und entdeckt selbst der Tochter des Grafen Bristol , wohin sich der geflüchtet , den sie um den Preis ihres halben Lebens suchen würde , und wenn dann das Henkerbeil ihn erreicht , so laßt mir wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren , daß ich Euch warnte . Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit gesprochen , die er in der Ueberzeugung gewann , sie erschüttert zu haben ; aber seine Berechnungen sollten immer an einem solchen weiblichen Karakter scheitern , von dem er überhaupt keine Vorstellung hatte . Die heftige Erschütterung des ersten Augenblicks bemeisternd , suchte ihr an klares Nachdenken gewöhnter Geist diese überraschenden Thatsachen zu prüfen , und , unterstützt von ihrem Widerwillen und ihrem Mißtrauen gegen den Erzähler , weigerte sich bald ihr ganzes Innere , ihm Glauben beizumessen . Ich kann nicht denken , daß die Lage meines theuern Oheims so ist , wie Ihr sie darstellen wollt , und niemals kann ich annehmen , daß dieser stolze und reine Karakter in irgend eine Handlung verwickelt sein sollte , die ihn zu einer so schimpflichen Verborgenheit zwingen könnte . Hätte dieser Engel von Milde und Güte sich aber zu einem Schritte weiter verleiten lassen , den er bereuen müßte , nimmer würde er geduldet haben , daß ein anderer dadurch in Gefahr geriethe ; er wäre der Erste gewesen , der dem Parlament als sein eigner Ankläger sich gegenüber gestellt hätte . Graf Bristol hätte in ihm selbst seinen Vertheidiger gefunden , ob auch das Henkerbeil , wie Ihr sagt , dann über seinem Haupte zuckte . Ha ! rief sie , begeistert von dem Tugendzeugniß , das sie diesem geliebten Andenken abgelegt , gesteht es nur , Ihr habt eine schlechte Mähr ersonnen , mich von denen zu entfernen , bei denen ich nur allein Schutz und Hülfe finden konnte gegen Euern bösen Willen , und Gott mag Euch vergeben , daß Ihr dazu mir so heilige Namen mißbrauchtet . Wieder eilte sie heftig erzürnt den Weg vor ihm her , welcher nun in einen breiten Laubgang einlenkte , der aus den Frühstückssaal zuführte , in dem bereits alle Mitglieder des Hauses und der Gesellschaft versammelt waren . Nun so rette Euch Gott , halsstarriges Mädchen , rief Membrocke , und Du , theurer unglücklicher Freund , magst mir vergeben , daß ich Dein mir so heiliges Vertauen an ein so trotziges , wildes Wesen verrieth , auf dessen Liebe Du zu viel bautest . Lady Melville blieb stehen . Trotz der Gewalt , die sie ihrem Herzen anthat , ihre Besonnenheit zu erhalten , ward doch durch die früheren Worte Membrocke ' s in ihr eine Angst erregt , die sie nicht mehr zu beschwören vermochte . Tief aber traf sie der letzte Vorwurf selbst aus diesem Munde . Gott , Du bist mein Zeuge , rief sie , indem ihre Stimme bebte , daß , könnte ich Euch glauben , ich zu Fuß als Bettlerin , ja , selbst mit Euch , bis an den fernsten Punkt der Erde wandeln würde , ihn aufzusuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu dienen , aber - Sie schwieg , und Schmerz und Unruhe lagen so unschuldig rührend in diesen holden Zügen ausgedrückt , daß Membrocke , selbst einen Augenblick davon ergriffen , beschloß , sie zu seiner wirklichen Gemahlin zu erheben , und nach dieser tugendhaften Entschließung um so dreister seine bösen Geister aufrief , sie durch alle erdenklichen Täuschungen in seine Gewalt zu bringen . Wie kann ich nun wieder diesen Betheuerungen glauben , sprach er mit unverstellter Anmaßung , da überhaupt Eure ganze Theilnahme für Eure natürlichen Freunde in derjenigen untergegangen zu sein scheint , womit Euch hier diese fremde Familie fesselt ? Einen Tag früher hätte Maria diesen Vorwurf mit Unwillen zurückgewiesen ; heute bebte sie innerlich davor , aus einem ihr selbst noch nicht bekannten Grunde , wie vor einer Wahrheit zurück . Ich weiß , fuhr Membrocke fort , durch den Mund Eures Oheims , daß Ihr noch nicht den Namen desselben kennt , Ihr irrt , wenn Ihr ihn für einen Grafen von Marr haltet , Ihr beginnet selbst dies zu ahnen und wißt , daß Eure Beschützer ebenso daran zweifeln . Warum war aber Euer Antheil so lau , daß Ihr nicht von mir eine so wichtige Nachricht vernehmen wolltet , die doch wohl unzweifelhaft mir bekannt sein muß ? Marie erglühte bei dem Gedanken an diese Art von Rechenschaft , die der fremde verhaßte Mann von ihr zu fordern schien . Erinnert Euch , Mylord , rief sie stolz , daß aus meinem Munde an Euch nie ein anderes Wort ergangen ist , als was ich , von Eurer Zudringlichkeit gezwungen , aussprechen mußte ; daß ich mich nie zu einer Frage herabließ , die den verhaßten Zwang Eurer Nähe mir hätte verlängern können , daß ich vor Allem nie anerkannt habe , Ihr könntet irgend etwas von denen wissen , die ich zu hoch verehre , um Euch als ihren Abgesandten ansehen zu mögen . Ein Name , wie wichtig mir auch der rechte sein möchte , würde , aus Euerm Munde gehört , für mich keinen höhern Werth haben , als jener , den ich jetzt schon als einen von mir irrig angenommenen ansehen muß . Laßt die Vertraulichkeit , womit Ihr mir Rechenschaft abzufordern geneigt seid , Ihr seid und bleibt mir völlig fremd . Sie eilte vorwärts , bis zur Hälfte schon die Allee zurücklegend , und Membrocke fühlte nun mit Unwillen , wie schwer ihm hier jeder Schritt gemacht würde , wie er auch jetzt wieder einlenken müßte . Er suchte sie daher zu erreichen , und trotz dem , daß Gaston sich zwischen ihn und seine Gebieterin gedrängt hatte , versuchte er doch so nah und vertraulich , wie möglich , neben ihr zu schlendern , da er im Angesicht des angefüllten Saales hoffen durfte , bemerkt zu werden . Dies unterstützte seine Absicht , den Schein eines Einverständnisses mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf sie gefaßte gute Meinung zu erschüttern , welches ihn hoffen ließ , eine Spaltung hervorzubringen , die sie hilfloser und isolirter machen mußte . Euer Zorn , hob er aufs Neue an , obwol ich immer dessen Ziel sein muß , legt gegen Euern Willen Zeugniß von Euerm treuen kindlichen Herzen ab , das ich nöthig hatte , um Euch nun bald Beweise geben und anvertrauen zu können , um deren Wirkung ich sicher bin . Bald erwarte ich meinen Pagen von da zurück , wo er lebt , der mich bei Euch beglaubigen muß . Bis dahin hört auf meine letzte flehende Bitte , und um des Andenkens willen , das Ihr so hoch haltet , schweigt gegen Jeden , der Euch auch noch so würdig des Vertrauens scheint . Hört Ihr , mein Page sei zurück , und ich weiß Euch nichts Genügendes zu sagen oder zu geben , dann sollt Ihr selbst den Tag meiner Abreise bestimmen , ich kann Euch nur dem Schutze des Himmels empfehlen . Lady Melville würdigte ihn keiner Antwort , sondern suchte ihm voran zu eilen , und während sie jetzt sich dem Saale näherte , gewahrte sie die ganze Gesellschaft um den fröhlichen Genuß des Frühstücks versammelt . Wie , rief die Marquise Danville , sehe ich recht ? Eilt dort nicht unser kleines Geheimniß , Lady Melville , daher , wenn ich nicht irre , am Morgen in derselben Gesellschaft , von der ich sie am Abend begleitet fand ? Doch man hat mir gestern Abend bewiesen , daß ich zu schwach sehe , um mich auf meine Augen länger verlassen zu können . Lord Ormond , wollt Ihr mir wohl sagen , da jetzt anstatt des Mondes die Sonne am Himmel steht , wer die beiden vertrauten Personen sind , die dort die Allee entlang zu uns eilen ? Oder Ihr , Lord Richmond ? fuhr sie in bitterem Spotte fort ; denn seht , unserm lieben Lord Ormond erstirbt die Antwort auf den Lippen . Ohne Zweifel , ergriff Lord Ormond fest und kalt das Wort , ist dies Lady Mellville und Lord Membrocke . Lady Melville liebt früh in dem Genusse der schönen Natur ihr Gemüth zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu stählen , welches ihr die bezaubernde Gesundheit des Körpers und des Geistes erhält , der wir uns alle freuen . Während dem war Richmond fast ungestüm von seinem Sitze geeilt , der nun eintretenden Lady Melville die Thür zu öffnen , und Ormonds Aufmerksamkeit zog sich einen Augenblick auf Ollonie , die mit einer seltsamen Ueberspannung in Maria ' s Arme stürzte , sie heftig küßte und dann an ihr vorüber aus der Thür verschwand . Als Maria am Eingange des Saales einen Augenblick hold grüßend stehen blieb , und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich über Alle hinglitten , da war es ihr , als ob ein böser Dämon ihr gefolgt , der erst hier in der Nähe dieser edlen Menschen seine Macht über sie verliere . Ihre Brust entlud sich der herauf beschwornen Noth , und Friede und süße Hoffnung auf Schutz und Glück unter ihnen , zog wie der Gruß eines Engels in ihr Herz . Mit einem unbeschreiblichen Gefühle kindlicher Ehrfurcht und Liebe näherte sie sich den beiden Herzoginnen , die am Ende des Saales in der Nähe des Kamins mit dem älteren Theile der Gesellschaft sich niedergelassen hatten , und innig ihre Hände küssend , ward sie von Beiden nach einer Jeden Art und Weise freundlich begrüßt . Hierher , Mylady , rief jetzt Lady Danville ; hier ist ein Platz für Euch . Wahrlich , Ihr macht es den Leuten schwer , Eure Gesellschaft zu genießen . Heute Morgen , als ich Euch mit Gaston in den Park fliegen sah , als ob Ihr wer weiß welche Eile hättet , da suchte ich Euch nachzukommen , begierig von Euch die Freuden eines nebligen Herbstmorgens zu erlernen ; aber ich fand bald , daß Ihr Euch für heute einen andern Schüler erwählt hattet , und ich fürchtete zu stören , als ich Lord Membrocke desselben Weges Euch nacheilen sah . Ich kehrte daher schnell zu diesem warmen Zimmer zurück , hätte auch auf keinen Fall einen so langen Lehrgang ausgehalten , wie Ihr mit Lord Membrocke zurückgelegt . Maria hatte sich zu Anfange dieser Rede der Lady genähert . Während des Verlaufs ihrer Worte blieb sie stehen und blickte voll Erstaunen in die bitter lächelnden Züge der Marquise . Sie war sich eines gegen sie gerichteten bösen Willens so wenig gewärtig , daß sie im ersten Augenblicke zweifelte , ob sie recht höre ; als sie sich überzeugen mußte , ihr Zusammentreffen mit dem verhaßten Lord werde als ein verabredetes angesehen , und laut und mit Hohn als solches beleuchtet , fühlte sie sich empört . Ihr Antlitz ward von einer hohen Röthe überdeckt , ihre schlanke Gestalt hob sich zu einer edeln Majestät , und der ernst gebietende Glanz ihrer Augen setzte Richmond in Staunen . - Ich muß zwar annehmen , Mylady , daß Ihr so eben scherzen wolltet ; aber Ihr habt in Eurer guten Laune übersehen , daß Ihr einen Gegenstand wähltet , der selbst im Scherze das Gefühl einer Frau beleidigt , und ich bin beschämt , Euch an diesen Mißgriff erinnern zu müssen . Haltet zu Gnaden , stolzes Kind , rief die Marquise , hochroth von Zorn ; glaubt Ihr in mir einen so lehrbegierigen Schüler zu finden , wie in Lord Membrocke , so seid Ihr im Irrthum . Erlaubt , daß ich Euch auf diesen Mißgriff Eurerseits aufmerksam mache . Ihr aber , Lord Membrocke , seid kühl geworden in Euerm Ritteramte ; warum bekennt Ihr denn nicht den Zufall , dem wir Euer empfindsames Zusammentreffen zuschreiben sollen . Könnt Ihr nicht ? setzte sie lachend hinzu , da Membrocke mit einem zweideutigen Lächeln die Achseln zuckte . Wie dürfte mein Mund widersprechen , zischelte er , wo die schöne Lady Melville sich so bestimmt erklärt hat . Diese Worte wurden mit Willen halb leise gesprochen , wenn auch deutlich genug , um von den zunächst Stehenden verstanden zu werden , und das Gelächter , welches die Marquise ihnen nachschickte , vollendete das Beleidigende derselben . Aber schon erreichten sie nicht mehr das Ohr des unschuldigen Opfers dieser Bosheiten . Denn die alte Herzogin , auf alle ihre Gäste ein wachsames Auge habend , hatte die erhöhten Stimmen am Ende des Saales bemerkt , und , der schutzlosen Maria stets mütterlich gewogen , hatte sie schnell ihren Pagen gesandt , sie an ihre Seite zu rufen . Schon hatte das liebliche Mädchen , ihre Leiden vergessend , neben der alten Lady Platz genommen , ohne die Vollendung einer Beleidigung zu ahnen , die sie muthig von sich abgelehnt zu haben wähnte . Richmond war ihr gefolgt . Wie auch seine innere Empfindung über dies neue Zusammentreffen mit dem Lord sein mochte , dessen bekannter Karakter dem Rufe einer jeden Frau schaden mußte , die man in irgend einem Verhältnisse zu ihm denken konnte : jedenfalls hatte die Art , wie Lady Melville von der boshaften Marquise angegriffen ward , ihm empörend gedünkt . Wenn er sich seine Meinung auch vorbehalten zu müssen glaubte , wollte er doch nimmer dulden , daß man in seiner Gegenwart und in dem Hause seiner Verwandten ein junges schutzloses Wesen zu beleidigen wage . Der Achtung sich wohl bewußt , die man seinem Karakter zollte , widerlegte er durch die ehrfurchtvollste Höflichkeit gegen die eben Beschuldigte in den Augen der meisten Anwesenden das eben Gehörte . Er bediente sie selbst mit der liebenswürdigsten Galanterie bei dem Frühstück , und der anfängliche Zwang und die Absichtlichkeit , die er sich auferlegte , wichen bald dem Vergnügen , das Keinem in der Nähe Mariens fremd bleiben konnte . Ihr Geist besaß heute eine besondere Elastizität , und die Freude hatte zu vollständig in dem lebhaft erregten Herzen Raum gewonnen , um nicht bald über Alle dazwischen getretenen Eindrücke zu siegen . Diese Erschütterungen selbst trugen bei , sie noch lebhafter und anziehender erscheinen zu lassen , da sie ihr ganzes Wesen in Aufregung gebracht hatten . Ihre wundervollen klaren Augen wechselten mit einem fesselnden Ausdruck , und ihr leicht bewegtes Mienenspiel deutete schon , ehe noch Worte ihn bezeichneten , den Gegenstand ihrer Empfindungen an . Es war Richmond nicht möglich , die Augen von ihr zu wenden , obwol er sich einstweilen mehr noch ein Beobachter , als ein Bewunderer , dünkte . Und warum war denn meine liebe Maria so erzürnt , als ich sie zu mir rufen ließ ? frug jetzt die alte Lady , zärtlich Lady Melville anblickend . Unsanft berührt mitten in dem heiteren Gespräch mit Richmond , schien sie ihm fast zusammen zu schrecken , und schnell ernst und erröthend niederblickend , blieb sie die Antwort zu lange schuldig , um nicht dadurch aufzufallen . Ich war unhöflich , fuhr die alte Herzogin gütig fort , ich hätte Dich nicht stören sollen , da Du eben heiter warest ; aber das war nur die Neugierde der alten Frau , auch möchte ich nicht zugeben , daß Dir etwas zu Leide geschehe ; denn ohne Grund erzürnst Du Dich nicht . Innig küßte Maria ihre Hand . Das Gefühl dieses Schutzes sollte mich sanft lassen , unter welchen Umständen es sein möchte , aber ich habe viel mit meinem ungestümen Herzen zu kämpfen . - Die alte Herzogin ward so eben angeredet und drückte nur noch die Hand ihres Lieblinges zur begütigenden Antwort . Lady Melville wandte sich aber sogleich zu Richmond ; ihr Gesicht glühte , und ihre Augen standen in Thränen . O Mylord , rief sie , wie hasse ich in mir diese leicht veranlaßte Heftigkeit , und wie wenig vermag ich sie noch zu zügeln , trotz dem , daß ich ihrer so lebhaft mir bewußt bin . Wir sollen wohl nicht gleichgültig bleiben , wenn uns das Unnöthige aufgenöthigt wird , aber diese Selbstvertheidigung läßt stets einen Stachel