die Mutter jemanden gefunden , der Thee besorgen wollte , und der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert . Jetzt erzähle mir , sagte er nun zum Sohne , wie es Dir gelungen ist , Deinen Oheim zum Beistande zu bewegen . So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte , erwiederte der junge Mann , war er zu jeder Hülfe bereit . Wie ! sagte der Vater in heftiger Bewegung , er schlug Dir nicht zuerst Alles ab , er ließ Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen , um sich , an Deiner Erniedrigung sich ergötzend , nach und nach etwas abpressen zu lassen ? Nichts von allem Dem , erwiederte der Sohn ; er gab mir die nöthigen Summen , um hier einigermaßen Ordnung hervorzubringen , und trug mir auf , so bald als möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren , damit er uns gründlich helfen könne . Und was sagte er zu meinen Ansprüchen ? fragte der Kranke , indem die Röthe der Scham auf seinen Wangen brannte . O mein Vater , antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn , er zeigte mir , daß wir keine haben , wie ich Ihnen dieß schon in meinem Briefe meldete , und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor , die Sie nicht in seinen Händen glaubten . Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht , worauf der Sohn nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte : Sie haben , mein Vater , in diesem Verwandten den edelsten , besten Menschen verkannt und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt , deren Gebrauch für Sie selbst schmerzlich und beschämend sein muß , und mich schon um deßwillen unglücklich macht , weil ich als Ihr Sohn , der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden können , diese Worte des Vorwurfs aussprechen muß . Der Kranke wendete sich um , richtete sich mit heftiger Bewegung auf und sagte dann nicht ohne Bitterkeit : Ich weiß es aus eigner Erinnerung , daß die Jugend nichts so freigebig bietet , als Achtung auf der einen und Verachtung auf der andern Seite , und daß sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat . Mißverstehe mich nicht , fuhr er eifrig fort , da er sah , daß der Sohn antworten wollte : es kann sein , ja ich glaube es selbst , daß ich Deinem Oheim Unrecht gethan habe , aber kann dieß wohl beweisen , daß ich überhaupt im Irrthume gegen die Menschen und im Unrecht gegen sie bin , wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst , der auf gleiche Weise handelt ? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt , wohin ich mich wendete . In glücklichen Tagen hat mich Betrug , Bosheit , Neid und Mißgunst verletzt , in unglücklichen wurde ich durch Härte , Spott und Verachtung gekränkt . Ich fand nicht eine Ausnahme , nicht einen einzigen Freund , was konnte ich denn also in diesen Menschen lieben und achten ? Glaube mir , setzte er mit milderer Stimme hinzu , wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist , so hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab . Wäre ich so glücklich gewesen , in meiner Jugend einen wahren Freund , einen wohlwollenden Verwandten anzutreffen , so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen , und indem ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können , hätte ich auch die gewöhnliche Liebe und Achtung für die Menschen behalten , denn ihr wahres verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden . Du bist darin glücklicher als ich , setzte er hinzu , indem er dem Sohn liebevoll die Hand reichte , Du hast angetroffen , was ich durch Gebet und Thränen in der Unschuld meiner Jugend oft herbeirufen wollte , und die sogenannte Tugend in Deiner Brust wird nicht durch ein so trübseliges , gramvolles Leben erschüttert werden , wie ich es habe erdulden müssen . Ich weiß es , Du wirst , wenn Du auch Mitleid mit mir hast , meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken , und ich zürne Dir deßhalb nicht , ja es freut mich selbst um Deinetwillen , denn Du wirst die Achtung der Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren , und glaube mir , es ist ein Unglück , dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst , das Gefühl dieser Achtung zu verlieren . Hätte der Sohn auch so hart sein mögen , die Ansicht des Vaters zu bekämpfen , die dieser sich gewissermaßen zum Troste aufzustellen bemühte , so würde dieß schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich geworden sein . Die lange , leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen angegriffen ; ein heftiger Husten war die Folge , der sich mit einem Blutsturz endigte . Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung , aber der Anfall ließ zu ihrem Troste bald nach , und der Sohn verlangte nun , es sollte zum Arzte mit größter Eile gesendet werden . Es wird nichts helfen , sagte der Kranke mit ersterbender Stimme , und die Thränen der Mutter bestätigten seine Ansicht . Warum , fragte der Sohn , was kann ihn hindern ? Wir haben öfter nach ihm geschickt , sagte die kummervolle Mutter , aber immer vergeblich , vermuthlich weil wir ihm einen früher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen können . Die Flammen des Zornes rötheten die Wangen des Sohnes , und er verstand ein schwaches Lächeln des Kranken , das ihn an die Menschenkenntniß seines Vaters erinnern sollte . Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiß mitbringen , sagte der Sohn entschlossen und verließ die Eltern , um Bediente aufzusuchen , die sich nun endlich eingefunden hatten . Indeß nach seinem Befehle ein leichter Wagen angespannt wurde , nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit beseitigt hatte , die der Kutscher erheben wollte , kamen seine Schwestern von einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrüßten mit lärmender Freude den Bruder , indem sie sich auf wilde , unordentliche Art von den hindernden Hüten und Mänteln befreiten . Er umarmte Beide herzlich , aber es war ihm nicht möglich , die von der Sonne gebräunten Gesichter , die wenig geschonten Hände und Arme , die Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken . Ihn erschreckten die lauten , heftigen Stimmen und innig betrübten ihn all die Zeichen einer vernachläßigten Erziehung , indem er an Therese und Emilie dachte , deren natürliche Schönheit durch eine anständige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde . Er ermahnte die sorglosen Schwestern , leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre lauten Stimmen zu erschrecken . So ist der Vater krank ? fragten sie ängstlich , und die großen unschuldigen Augen schwammen in Thränen . Habt Ihr denn das noch nicht bemerkt , fragte der Bruder , durch die gutmüthige Trauer in den unschuldigen Gesichtern bewegt . Er ist seit einigen Tagen nicht wohl , erwiederte die ältere Schwester , aber er sagte selbst , es hätte nichts zu bedeuten . Ich fahre jetzt zum Arzt , versetzte der Bruder , wenn ich mit ihm zurück komme , dann werden wir hören , ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist . Er verließ die Schwestern und warf sich in den Wagen , um in möglichster Eile den Beistand herbei zu schaffen , der in diesem Augenblicke so wichtig war , da er nicht ohne Grund die Wiederholung des Blutsturzes fürchtete . Der eine Meile entfernte Arzt war bald erreicht , indeß der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen , er machte Einwendungen dagegen , mitzufahren , er verlangte , der junge Mann solle ihm den Zustand seines Vaters schildern , so wolle er die nöhigen Mittel verschreiben . Als ihm aber von dem jungen Grafen die früher geleistete Hülfe freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit für den jetzigen Fall zugesichert wurde , änderte er seine Ansicht und entschloß sich selbst mitzufahren , um den Kranken zu sehen . Aus tiefster Brust seufzend , trat der bekümmerte Sohn an der Seite des ihn begleitenden Arztes den Rückweg an . Die Bemerkungen seines Vaters beschäftigten seine Seele , und er konnte es sich nicht abläugnen , daß die Empfindungsweise und die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Theil von seiner äußern Lage abhängig sei . Wie soll mein Oheim , dachte er , die Menschenverachtung meines Vaters nur verstehn , da der verächtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne Rückhalt zeigt , weil er nichts glaubt gewinnen zu können und also nichts zu schonen braucht , indeß er sich dem Andern ewig verbirgt , weil er seiner Befriedigung gewiß ist und sich ihm auf diese Weise als Anhänglichkeit , aufrichtige Freundschaft , Anerkennung des Verdienstes und Gott weiß für welche Tugend verkauft . Der ihn begleitende Arzt ahnete nicht , daß er das finstere Nachdenken des jungen Mannes veranlaßt hatte , und glaubte , die Besorgniß für den Vater allein in dessen einsylbigen Worten zu erkennen ; er suchte ihm also Muth einzusprechen , und der junge Graf würde sein Bestreben dankbar erkannt haben , wenn er sich nicht hätte gestehen müssen , daß nur der befriedigte Eigennutz die Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe . Der Rückweg wurde mit derselben Schnelligkeit gemacht , die man angewendet hatte , den Arzt zu erreichen , obgleich der Kutscher laut genug bemerkte , damit der junge Graf es hören sollte , die Pferde würden wohl umfallen , wenn sie den Stall erreichten , da sie so wenig Hafer bekämen und doch übermäßig angestrengt würden . Man hatte endlich die kleine Reise vollendet , und der Arzt fand den Kranken zwar nicht ohne Fieber , aber doch schlummernd ; auch hatte sich der Blutsturz nicht erneuert , und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen gründen zu können . Der ängstliche Sohn drang hierauf in den Arzt , einige Tage zu bleiben , um den Gang der Krankheit zu beobachten , und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein . Die Blicke der Mutter waren etwas ängstlich bei diesen Einrichtungen , und der Sohn bemerkte bei der dürftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser Aengstlichkeit , und seine Seele wurde mit innigster Wehmuth über die traurige Lage seiner Eltern erfüllt , als deren Opfer der Vater eigentlich fiel , und die sich während seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien . Es war von dem Arzte bekannt , daß er eine gute Tafel liebte , und der junge Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe , die des Vaters Krankheit verursacht habe . Als noch die nöthigen Verordnungen für die Nacht gegeben waren , zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zurück , damit er sogleich gerufen werden könnte , wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte . Der besorgte Sohn hieß die ältere Schwester am Bette des Vaters verweilen und winkte die Mutter hinaus , um ihr zu vertrauen , daß er gleich des andern Tages eine neue Ordnung des Hauses einzuführen gedächte . Er erkundigte sich bei der Mutter , welche sie für die brauchbarsten von den vielen unnützen Bedienten hielte , und erklärte , diese für ' s Erste behalten und alle andern entlassen zu wollen . Die Mutter weinte Freudenthränen , als sie vernahm , daß der Sohn auch dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte , auch daß er alle Bedürfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nöthigen Vorräthe sogleich anschaffen könne . Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet , die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden , denn von dieser , versicherte sie , müsse sie am Meisten leiden . Es war spät geworden , und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein Bett , weil er am frühen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte . Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte einen Diener selbst rufen , um nicht vielleicht durch das Herbeiströmen aller , wenn er die Klingel zöge , ein unnützes Getöse im Hause zu erregen ; doch diese Sorge war vergeblich . Es war kein Mensch im Hause und auch die Ställe waren leer , und als sich endlich ein schlaftrunkener Knabe fand , erfuhr der junge Graf auf seine Erkundigung , daß im nächsten Dorfe eine Hochzeit sei , wohin sich die ganze Dienerschaft begeben habe , indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient hätte . Ein Trinkgeld machte den Knaben munter , der nun abgesendet wurde , um die freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen , und nach einer Stunde kamen sie zu Fuß und zu Pferde zurück , und verfügten sich mit einiger Verlegenheit auf das Zimmer des jungen Grafen , wie es ihnen befohlen war . Auf seine Vorwürfe über ihre Unverschämtheit erfolgte ihre gewöhnliche Antwort , daß man ihnen ihren Lohn auszahlen und sie entlassen möchte , wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden sei . Als aber dem ersten , der dieß Wort gesprochen hatte , der Wunsch erfüllt und ihm ernstlich angedeutet wurde , binnen einer Stunde das Schloß zu verlassen , traten die andern schüchtern bei Seite , baten um Verzeihung und gelobten ernstlich Besserung . Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor , die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen , und die Verabschiedeten wie die Bleibenden bezahlt . Einem Jeden wurde sein Geschäft angewiesen und ihnen ernstlich versichert , daß ein Zeichen des Ungehorsams , eine unehrerbietige Miene ihre Verabschiedung sogleich veranlassen würde . Dem Jäger wurde befohlen , Wild herbei zu schaffen ; Andere mußten für Fische sorgen ; aus dem nächsten Städtchen wurde Wein und andere Bedürfnisse gebracht , und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfändete Silbergeräth zurückgenommen , und so wurde es möglich , zur innigen Freude der Mutter , dem Arzte anständige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu befriedigen . Im Vorzimmer wartete beständig ein Diener , und die leiseste Bewegung der Klingel rief ihn herbei , um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig zu vernehmen . Der Kranke war erwacht und betrachtete lächelnd die Sorgfalt , mit welcher der Arzt sich für seine Herstellung bemühte , die ehrerbietig aufwartenden Bedienten , den veränderten Ton des ganzen Hauses . Nicht wahr , fragte er den Sohn etwas spöttisch , Du erkennst die Macht des Geldes ? Wie war ich verlassen , verhöhnt , von den Bedienten selbst vernachlässigt ; Du bringst dieß Zaubermittel , und siehe die Verwandlung . Aber sage mir doch , fuhr er fort , ich habe die Nacht daran gedacht , da Dein Oheim so bereit ist , seine Schätze mitzutheilen , so hat wohl der junge Franzose , von dem uns der alte Lorenz erzählte , schon beträchtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm für die Zukunft bestimmte Erbschaft . Ach , mein Vater ! erwiederte der Sohn , indem die Erinnerung an beschämende Auftritte seine Wangen röthete , zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet . Der junge Mann ist weit davon entfernt , meinen Oheim mißbrauchen zu wollen . Er ist ein edler , feuriger , liebenswürdiger Mensch , der die Liebe des Oheims verdient und sie auf ' s Zärtlichste erwiedert , aber dessen Geld nicht bedarf , davon habe ich Gelegenheit gehabt , mich zu überzeugen ; er erhielt große Summen von seiner Mutter und würde sie bei der Freundschaft , deren er mich würdigte , im Falle mein Oheim mir meine Bitte abgeschlagen hätte , mit mir getheilt haben , wenn ich mich hätte entschließen können , ihn darum zu ersuchen . So , so , sagte der Kranke , nun und der französische Haushofmeister , ist der auch so tief in Edelmuth versunken ? Ich weiß nicht , was ich Ihnen antworten soll , erwiederte der Sohn gereizt . Ich wollte nur , wir hätten hier jemanden , der so treu , so uneigennützig , mit wahrer Ergebenheit für seine Herrschaft die Wirthschaft verwaltete , wie dieser gute alte Mann , den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener , sondern wie einen Freund behandelt , und der sich doch nie in diesem Verhältniß überhebt , und so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe , mit der er ihr ergeben ist , stehen mag , sich doch äußerlich immer in ehrerbietiger Ferne hält . Das ist wahr , sagte der Kranke spöttisch , die Hofhaltung Deines Oheims liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses ; er thront ja recht in glänzender Herrlichkeit auf seinem Schlosse , und sammelt alles Schöne und Edle um sich her . Nun und die Damen , fuhr er fort , sie sind wohl auch frei von allem verwundenden Stolz , von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei ; sie verehren wahrhaft den großen Mann und täuschen ihn nicht durch scheinheilige Lüge , um ihn zu betrügen , indem sie innerlich über seine Anmaßung lachen ; nicht wahr , mein guter Sohn , fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit , sie sind eben so edel , eben so trefflich , wie alles Uebrige auf Schloß Hohenthal ? Der Sohn konnte den Zorn über die schnöde Undankbarkeit des Vaters nicht mehr bewältigen und war im Begriffe , etwas Heftiges zu erwiedern , als die Mutter ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte : Du siehst , daß Dein Vater sich heut um Vieles besser befindet als gestern , da er selbst heiter werden und scherzen kann . Der Kranke fühlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer Anwandelung von Reue : Ich fühle es ja selbst , wie vielen Dank ich Deinem Oheim schuldig bin , durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden , ruhig und mit Anstand sterben zu können , obgleich es mir nie so wohl geworden ist , so zu leben ; aber die langen Jahre des Duldens , des Zornes , des Kummers haben mein Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt ; es wird mir deßhalb nicht so leicht , wie Du glaubst , zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren , die Du die besseren nennst . Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen , der mir großmüthige Liebe bewiesen hätte , so würde ich den Glauben an die Menschen nicht verloren haben . Sein Auge traf , indem er dieß sagte , den kummervollen , von Thränen umschleierten Blick der Gattin ; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne Rührung : Dich habe ich freilich getroffen , Du gute , treue Seele ; ein Befehl bestimmte Dich , Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen , und dennoch ist Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmuth mein eigen geblieben auf dem langen , dornenvollen Wege des Lebens , den wir mit einander wandeln mußten ; aber Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen , Du konntest mir keine Hülfe bieten . Die Bewegung des Gemüths und das viele Sprechen erregte den gefährlichen Husten des Kranken , so daß der Arzt herbeieilte und , nachdem der Anfall vorüber war , das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüths empfahl . Als die Familie wieder allein war , sagte der Kranke spöttisch : Die Ruhe des Gemüths hat er mir immer ganz besonders empfohlen , und jetzt wird es mir auch möglich , dieß Recept zu benutzen . Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich niederbeugten , und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider , so wie sie es bedurften , verschaffen konnte , wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten , wenn ich mich meiner Dürftigkeit wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachläßigt sah , wenn ich in unserer drückenden Noth immer neue Verluste entstehen sah , weil ich sie auch nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte : wie sollte ich es denn da möglich machen , die Gemüthsruhe mir anzueignen , die der gute Arzt so nothwendig findet ? Der Sohn bat den Vater , sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und , da nun hoffentlich Alles besser gehen würde , der Vorschrift des Arztes zu folgen und auch das Sprechen zu vermeiden , um nicht den Husten zu reizen . Der Kranke fügte sich willig dieser Bitte , und der Sohn verließ das Krankenzimmer nicht ungern , weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete . Er hielt es jetzt für seine Pflicht , das angefangene Werk zu vollenden und nach der Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirthschaft zu bringen ; er ließ also den Verwalter rufen , der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachtheile zeigte , die im Laufe des Jahres durch den Mangel aller Vorräthe und durch die Unmöglichkeit , Auslagen zu machen , hatten entstehen müssen , und der junge Graf konnte leicht berechnen , daß die Familie seines Vaters allein von dem , was auf diese Weise verloren worden war , anständig hätte leben können . Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachtheile aufmerksam , die dadurch hatten entstehen müssen , daß keiner von den Beamten hatte bezahlt werden können . Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen , wie viel er selbst zu fordern habe . Es ergab sich , daß er seit vier Jahren keinen Gehalt bekommen hatte , und er versicherte , er würde dem gnädigen Herrn gewiß nicht beschwerlich gefallen sein , wenn die Noth ihn nicht dazu gezwungen , und da man gehört habe , daß die Güter verpachtet werden sollten , so habe er als Vater von acht Kindern die Pflicht gehabt , für diese zu sorgen . Der junge Graf verstand ihn nicht und fragte ihn , ob er etwas von seinem Vater erhalten habe . Mein gnädiger Herr Graf , erwiederte der alte Mann , seit vier Jahren nicht einen Heller , deßhalb zwang mich die Noth und Sorge für acht unerzogene Kinder , unbescheiden zu sein . Es fiel dem jungen Manne wohl auf , ihn trotz der so oft erwähnten Noth so überaus gut gekleidet zu sehen , indeß da er in allen Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte , so entließ er ihn mit der Versicherung , er würde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen , um das Nähere mit ihm zu verabreden . Er schickte ihn hinweg , um ihm nicht seinen Geldvorrath sehen zu lassen , weil er für ' s Erste nur die Hälfte seiner Forderung zu befriedigen gedachte , denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben . Er folgte also dem Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf , um die Noth des guten Alten , von der er ihm so viel vorgesprochen , sogleich zu mildern . Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern , die ein Privatlehrer eben in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete , und es drängte sich dem verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf , daß der gute , rechtliche Verwalter , wie er sich selbst nannte , andere Mittel haben müsse , den Aufwand seiner Haushaltung zu bestreiten , als seinen rückständigen Gehalt . Er konnte die große Verlegenheit des Alten nicht begreifen , mit der er seinen zweijährigen Gehalt als die Hälfte seiner Forderungen empfing , so wenig als die wiederholten Versicherungen , daß er den gnädigen Herrn Grafen nicht gedrängt haben würde , wenn die Güter nicht hätten verpachtet werden sollen . Wenige Stunden darauf löste sich aber dieses Räthsel . Es traf nämlich eine gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein , die Mutter und Sohn zu lesen beschlossen , ohne sie dem Kranken mitzutheilen , um ihm unnöthigen Verdruß zu ersparen . Aus diesem Schreiben nun ergab sich , daß der gute alte Verwalter bei den Behörden mit der Bitte eingekommen war , die Erndten seines Herrn zu seinem Vortheile in Beschlag zu nehmen , bis er befriedigt sei , ehe die Güter dem Pächter übergeben würden . Der junge Graf war so aufgebracht , daß er dem Verwalter sogleich das noch rückständige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte ; die Mutter aber widerrieth ihm diese übereilte Maßregel , und er sah selbst ein , daß es besser sei , nicht in der ersten Hitze zu handeln , sondern alle Rechnungen genau durchzugehen , ehe er einen Mann entließe , der es verstand , vier Jahre mit einer zahlreichen Familie anständig ohne alle rechtlichen Einkünfte zu leben . In solchen Beschäftigungen gingen mehrere Tage hin . Der Arzt hatte das Schloß verlassen , weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt , und der junge Graf dachte schon daran , nach Schloß Hohenthal zurück zu kehren und dem Oheim Bericht über Alles , was er gethan , abzustatten . Er wurde an der Ausführung dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert , daß einige von seinen Kameraden , die , wie er , verabschiedet waren , ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprächen , endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwürfe und Pläne mittheilten , die seine eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen ließen , und seine Seele mit einer Gluth erfüllten , die er vor Allem vor seinem Vater verbarg . Die Rettung des Vaterlandes schien möglich auf dem Wege , den man ihm zeigte . Preußens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern , ja schöner , herrlicher wieder aufblühen , als jemals . Diese Träume konnten wirklich werden , wenn alle treuen Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Könige , der sein Schicksal mit erhabener Milde trug , wie dem bedrängten Vaterlande ihr Blut und Leben weihten . Auch um über diese Pläne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem Oheime sich zu berathen , sehnte sich der junge Graf nach Hohenthal , und um , wie er sich leise gestand , die lang genährte Zärtlichkeit für die liebensdige Therese dem väterlichen Freunde zu vertrauen ; denn bei seines Vaters Lebensansichten und dessen feindlichem Spott über Armuth und uneigennützige Liebe konnte es ihm nicht einfallen , mit seinem nächsten Anhörigen über seine Neigung zu sprechen . In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt , um seine Meinung über den Kranken zu vernehmen und danach seine Reisepläne zu bilden , als dieser eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt , der die ganze Familie in Schrecken versetzte . Der Arzt wurde herbeigerufen , der dieß Mal nicht zögerte zu kommen , aber seine bedenklichen Mienen , als er den Kranken erblickte , so wie seine viel strengern und ängstlicherern Vorschriften ließen das Schlimmste befürchten . Er verließ das Schloß nicht mehr und widmete dem alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit , aber keine menschliche Kunst konnte die Wiederholung des Uebels verhindern , und der alte Graf deutete sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Töchter , indem er matt die Hand des Sohnes drückte , und sein Geist entschwand der körperlichen Hülle . Mit inniger Trauer schloß der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters und führte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg . Er empfahl den Schwestern , ihren Jammer zu mäßigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu trösten . Er selbst durfte sich keiner unthätigen Trauer überlassen , weil die Sorge für die Familie , deren Haupt und einzige Stütze er nun geworden war , seine ganze Thätigkeit in Anspruch nahm . Als das Nothwendigste geordnet und die irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren , eilte er nach Schloß Hohenthal , um den Rath seines Oheims in höchst wichtigen Angelegenheiten zu vernehmen . VIII Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager , um noch vor dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen , den er in seinem Kabinet mit der Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand . Der junge Mann eilte , seinem väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten , wie er die Angelegenheiten seines Vaters habe ordnen wollen , als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht habe . Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern , daß er sich zu zeigen bemühte , wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung geführt hätten . Wir thun gewiß immer gut , erwiederte ihm der Oheim , wenn wir alle Erscheinungen im äußeren Leben als unsichere Zeichen des wahren Innern betrachten und unser Urtheil über die Menschen mild sein lassen , wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen . Dieß würde uns aber zum völlig unthätigen Dulden führen , versetzte sein junger Freund . Gewiß nicht , erwiederte der Graf ; denn die Milde , mit welcher ich den Menschen betrachte , der mir Unrecht zufügen will , braucht mich noch nicht zu bestimmen , seine Ungerechtigkeit zu erdulden , wenn ich mich auch ohne Haß dagegen vertheidige ; ja , ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich erzürnen , ohne darum den , der sie ausübt , geradezu zu hassen . Doch glaube ich , versetzte der junge Graf , daß es Verhältnisse gibt , in denen der Haß eine wahre Tugend wird , und ich meine , es liegen uns viele Gründe ganz nahe , die alle besseren Gemüther bestimmen sollten , sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen . Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und unsern edeln König ? fragte der Graf . Oder meinen Sie , fuhr er fort , als er sah , daß sein Verwandter schwieg , daß der Haß kräftiger wirkt , als die Liebe ? Nein , sagte der junge Graf ,