bald in ein Jubelfest verwandelt ; denn man hat beschlossen , zu Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten , wer sich kein Pferd verschaffen kann , der geht zu Fuß voraus ; nun freuen sich alle gar sehr auf den Genuß dieser letzten Tage , beim aufgehenden Frühling durch eine herrliche Gegend mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen ; auch ich erwarte mir schöne glückliche Tage , - ach , ich glaub , ich bin nah an dem Ziel , wo mein Leben am schönsten und herrlichsten ist . Sorgenfrei , voll süßem Feuer der Frühlingslust , in Erwartung herrlicher Genüsse , so klingen Ahnungstöne in meiner Brust , wenn das wahr wird , so muß es gewiß wahr werden , daß ich Dich bald begegne ; ja , nach so vielem , was ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe , wie kann es anders sein , da muß das Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen . Wenn alle freudigen Hoffnungen in die Wirklichkeiten ausbrechen , wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch ihr Licht verscheucht , ach und mit einem Wort : wenn Gefühl und Blick Dich erfaßt und hält , da weiß ich wohl , daß mein Glück zu ungemeßnem Leben sich steigert . Ach , und es reißt mich mit Windesflügeln zu diesen höchsten Augenblicken , wenn auch bald die süßesten Genüsse scheidend fliehen , einmal muß doch wiederkehren zu festem Bund , was sich begehrt7 . Landshut , den 31. März 1810 Bettine Wenn Du mir eine Zeile gönnen wolltest über Deinen Aufenthalt dieses Sommers , so bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren , dieser bleibt mit Savigny in Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken . An Bettine Von Dir , liebe Bettine , habe ich sehr lange nichts gehört und kann meine Reise ins Karlsbad unmöglich antreten , ohne Dich nochmals zu begrüßen und Dich zu ersuchen , mir dorthin ein Lebenszeichen zu geben ; möge ein guter Genius Dir diese Bitte ans Herz legen , da ich nicht weiß , wo Du bist , so muß ich schon meine Zuflucht zu höheren Mächten nehmen . Deine Briefe wandern mit mir , sie sollen mir dort Dein freundliches , liebevolles Bild vergegenwärtigen . Mehr sage ich nicht , denn eigentlich kann man Dir nichts geben , weil Du Dir alles entweder schaffst oder nimmst . Lebe wohl und gedenke mein . Jena , den 10. Mai 1810 Goethe Wien , den 15. Mai Ein ungeheuerer Maiblumenstrauß durchduftet mein kleines Kabinett , mir ist wohl hier im engen kleinen Kämmerchen auf dem alten Turm , wo ich den ganzen Prater übersehe : Bäume und Bäume von majestätischem Ansehen , herrlicher grüner Rasen . Hier wohne ich im Hause des verstorbnen Birkenstock , mitten zwischen zweitausend Kupferstichen , ebensoviel Handzeichnungen , soviel hundert Aschenkrügen und hetrurischen Lampen , Marmorvasen , antiken Bruchstücken von Händen und Füßen , Gemälden , chinesischen Kleidern , Münzen , Steinsammlung , Meerinsekten , Ferngläser , unzählbare Landkarten , Pläne alter versunkener Reiche und Städte , kunstreich geschnitzte Stöcke , kostbare Dokumente und endlich das Schwert des Kaiser Carolus . Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in Ordnung gebracht werden , da ist denn nichts zu berühren und zu verstehen , die Kastanienallee in voller Blüte und die rauschende Donau , die uns hinüberträgt auf ihrem Rücken , da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten , heute morgen um sechs Uhr frühstückten wir im Prater , rund umher unter gewaltigen Eichen lagerten Türken und Griechen , wie herrlich nehmen sich auf grünem Teppich diese anmutigen buntfarbigen Gruppen schöner Männer aus ! Welchen Einfluß mag auch die Kleidung auf die Seele haben , die mit leichter Energie die Eigentümlichkeit dieser fremden Nationen hier in der frischen Frühlingsnatur zum Allgemeingültigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung beschämt . Die Jugend , die Kindheit , beschauen sich immer noch in den reifen Gestalten und Bewegungen dieser Südländer ; sie sind kühn und unternehmend , wie die Knaben rasch und listig , doch gutmütig . Indem wir an ihnen vorübergingen , konnte ich nicht umhin , einen Pantoffel , der einem hingestreckten Türken entfallen war , unter meinen Füßen eine Strecke mit fortzuschlurren , endlich schleifte ich ihn ins Gras und ließ ihn da liegen ; wir saßen und frühstückten , es währte nicht lange , so suchten die Türken den verlornen Pantoffel . Goethe , was mir das für eine geheime Lust erregte ! Wie vergnügt ich war , sie über dies Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen ; auch unsre Gesellschaft nahm Anteil daran , wo der Pantoffel geblieben sein möchte ; nun wurde mir zwar Angst , ich möchte geschmält werden , allein der Triumph , den Pantoffel herbeizuzaubern , war zu schön , ich erhob ihn plötzlich zur allgemeinen Ansicht auf einer kleinen Gerte , die ich vom Baum gerissen hatte , nun kamen die schönen Leute heran und lachten und jubelten , da konnt ich sie recht in der Nähe betrachten , mein Bruder Franz war einen Augenblick beschämt , aber er mußte mitlachen , so ging alles noch gut . 17. Mai Es sind nicht Lustpartien , die mich abhalten , Dir zu schreiben , sondern ein scharlachkrankes Kind meines Bruders , bei dem ich Tage und Nächte verbringe , und so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche ; von Wien hab ich nicht viel gesehen und von der Gesellschaft noch weniger , weil einem eine solche Krankheit eine Diskretion auflegt wegen Ansteckung . Der Graf Herberstein , der in meiner Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat , hat mich mehrmals besucht und ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege geführt , die er mit Sophie gewandert ist , da hat er mir sehr Schönes , Rührendes von ihr erzählt , es ist seine Freude , meiner Ähnlichkeit mit ihr nachzuspüren ; er nannte mich gleich Du , weil er die Sophie auch so genannt hatte , manchmal , wenn ich lachte , wurde er blaß , » weil die Ähnlichkeit mit Sophie ihn frappierte « . Wie muß diese Schwester liebenswürdig gewesen sein , da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe Spuren der Wehmut ließ . Bänder , Tassen , Locken , Blumen , Handschuhe , die zierlichsten Billete , Briefe , alle diese Andenken liegen in einem kleinen Kabinett umher zerstreut , er berührt sie gern und liest die Briefe oft , die freilich schöner sind als alles , was ich je in meinem Leben gelesen habe ; ohne heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit , nichts entgeht ihr , jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist . O ! Was ist Geist für ein wunderbarer Künstler , wär ich doch imstande , Dir von dieser geliebten Schwester einen Begriff zu geben , ja wär ich selbst imstande , ihre Liebenswürdigkeit zu fassen , alle Menschen , die ich hier sehe , sprechen mir von ihr , als wenn man sie erst vor kurzer Zeit verloren hätte , und Herberstein meinte , sie sei seine letzte und erste einzig wahre Liebe , dies alles bewegt mich , gibt mir eine Stimmung fürs Vergangene und Zukünftige , dämpft mein Feuer der Erwartung . Da denk ich an den Rhein bei Bingen , wie da plötzlich seine lichte , majestätische Breite sich einengt zwischen düsteren Felsen , zischend und brausend sich durch Schluchten windet , und nie werden die Ufer wieder so ruhig , so kindlich schön , wie sie vor der Binger Untiefe waren ; solche Untiefen stehen mir also bevor , wo sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muß . Mut ! Die Welt ist rund , wir kehren zurück mit erhöhten Kräften und doppeltem Reiz , die Sehnsucht streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr ; so bin ich nie von Dir geschieden , ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken , die mich in Deinen Armen wieder empfangen werde , so mag wohl alle Trauer um die Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuß einer zukünftigen Wiedervereinigung sein , gewiß , sonst würden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz durchdringen . 20. Mai Am Ende März war ' s wohl , wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb ; ja , ich hab lange geschwiegen , beinah zwei Monate , heute erhielt ich durch Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom 10. Mai , in denen Du mich mit Schmeichelworten ans Herz drückst , nun fällt mir ' s erst ein , was ich alles nachzuholen habe , denn jeder Weg , jeder Blick in die Natur hängt am Ende mit Dir zusammen . Landshut war mir ein gedeihlicher Aufenthalt , in jeder Hinsicht muß ich ' s preisen . Heimatlich die Stadt , freundlich die Natur , zutunlich die Menschen und die Sitten harmlos und biegsam ; - kurz nach Ostern reisten wir ab , die ganze Universität war in und vor dem Hause versammelt , viele hatten sich zu Wagen und zu Pferde eingefunden , man wollte nicht so von dem herrlichen Freund und Lehrer scheiden , es ward Wein ausgeteilt , unter währendem Vivatrufen zog man zum Tor hinaus , die Reiter begleiteten das Fuhrwerk , auf einem Berg , wo der Frühling eben die Augen auftat , nahmen die Professoren und ernsten Personen einen feierlichen Abschied , die andern fuhren noch eine Station weiter , unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien , die dahin vorausgegangen waren , um Savigny zum letztenmal zu sehen ; ich sah schon eine Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen , im Posthause drehte sich einer um den andern nach dem Fenster , um die Tränen zu verbergen . Ein junger Schwabe , Nußbaumer , die personifizierte Volksromanze , war weit vorausgelaufen , um dem Wagen noch einmal zu begegnen , ich werde das nie vergessen , wie er im Feld stand und sein kleines Schnupftüchelchen im Wind wehen ließ und die Tränen ihn hinderten aufzusehen , wie der Wagen an ihm vorbeirollte ; die Schwaben hab ich lieb . Mehrere der geliebtesten Schüler Savignys begleiteten uns bis Salzburg , der erste und älteste , Nepomuk Ringseis , ein treuer Hausfreund , hat ein Gesicht wie aus Stahl gegossen , alte Ritterphysiognomie , kleiner , scharfer Mund , schwarzer Schnauzbart , Augen , aus denen die Funken fahren , in seiner Brust hämmert ' s wie in einer Schmiede , will vor Begeisterung zerspringen , und da er ein feuriger Christ ist , so möchte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gottheiten vorkriegen , um ihn zu taufen und zu bekehren . Der zweite , ein Herr von Schenk , hat weit mehr feine Bildung , hat Schauspieler kennen lernen , deklamiert öffentlich , war verliebt ganz glühend oder ist es noch , mußte seine Gefühle in Poesie ausströmen , lauter Sonette , lacht sich selbst aus über seine Galanterie , blonder Lockenkopf , etwas starke Nase , angenehm , kindlich , äußerst ausgezeichnet im Studieren . Der dritte , der Italiener Salvotti , schön im weiten grünen Mantel , der die edelsten Falten um seine feste Gestalt wirft , unstörbare Ruhe in den Bewegungen , glühende Regsamkeit im Ausdruck , läßt sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen , so tief ist er in Gelehrsamkeit versunken . Der vierte , Freiherr von Gumpenberg , Kindesnatur , edlen Herzens , bis zur Schüchternheit still , um so mehr überrascht die Offenherzigkeit , wenn er erst Zutrauen gefaßt hat , wobei ihm denn unendlich wohl wird , nicht schön , hat ungemein liebe Augen , ein unzertrennlicher Freund des fünften , Freiberg , zwanzig Jahr alt , große männliche Gestalt , als ob er schon älter sei , ein Gesicht wie eine römische Gemme , geheimnisvolle Natur , verborgner Stolz , Liebe und Wohlwollen gegen alle , nicht vertraulich , verträgt die härtesten Anstrengungen , schläft wenig , guckt nachts zum Fenster hinaus nach den Sternen , übt eine magische Gewalt über die Freunde , obschon er sie weder durch Witz , noch durch entschiedenen Willen zu behaupten geneigt ist ; aber alle haben ein unerschütterliches Zutrauen zu ihm , was der Freiberg will , das muß geschehen . Der sechste war der junge Maler Ludwig Grimm , von dem ich Dir mein Bildchen und die schönen radierten Studien nach der Natur geschickt habe , so lustig und naiv , daß man mit ihm bald zum Kind in der Wiege wird , das um nichts lacht , er teilte mit mir den Kutschersitz , von wo herab wir die ganze Natur mit Spott und Witz begrüßten ; warum ich Dir diese alle so deutlich beschreibe ? - Weil keiner unter ihnen ist , der nicht durch Reinheit und Wahrheit im allgemeinen Leben hervorleuchten würde , und weil sie Dir als Grundlagen zu schönen Charaktern in Deiner Welt dienen können ; diese alle feiern Dein Andenken in treuem Herzen , Du bist wie der Kaiser , wo er hinkommt , jauchzen ihm die Untertanen entgegen . Der Tagereisen waren zwei bis Salzburg , auf der ersten kamen wir bis Alt - Öttingen , wo das wundertätige Marienbild in einer düsteren Kapelle die Pilger von allen Seiten herbeilockt . Schon der ganze Platz umher und die äußern Mauern sind mit Votivtafeln gedeckt , es macht einen sehr ängstlichen Eindruck , die Zeugnisse schauerlicher Geschichte und tausendfachen Elendes gedrängt nebeneinander und über diese hin ein beständiges Ein- und Ausströmen der Wallfahrer mit bedrängenden Gebeten und Gelübden um Erhörung , jeden Tag des Jahres von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang . Früh morgens um vier Uhr beginnt der Gottesdienst mit Musik und währt bis zur Nacht . Das Innere der Kapelle ist ganz mit schwarzem Samt überzogen , auch selbst das Gewölbe , und mehr durch Kerzenlicht als vom Tag erleuchtet , die Altäre von Silber , an den Wänden hängen silberne Glieder und Gebeine und viele silberne Herzen mit goldnen Flammen oder feurigen Wunden , - wie sonderbar , Goethe ! Der Mensch ! Er bringt seine Schmerzen als Opfer der Gottheit , und da mögen diese Schmerzen entstanden sein , woher sie wollen , in Gott wird alles göttlich ; - Max von Bayern kniet in Lebensgröße auch von Silber auf den schwarzen Stufen des Altars , vor dem kohlrabenschwarzen Muttergottesbild , das ganz in Diamanten gekleidet ist , zwei Männerstimmen , von der dumpfen Orgel begleitet , singen ihr Hymnen , das stille Messelesen , die Menschen , die mit Tränen die Stufen des Altars küssen , viele tausend Seufzer aus allen Ecken , das macht den wunderlichsten Eindruck . Wo alle beten , sollt ich auch beten , dacht ich , aber nimmermehr , das Herz war in beständigem Klopfen ; ich hatte vor der Tür einem Bettelmann einen Veilchenkranz abgekauft , da stand ein kleines Kind vor dem Altar mit blonden Locken , es sah mich so freundlich an und langte nach dem Kranz , den gab ich ihm , da warf es ihn auf den Altar ; denn es war zu klein , um hinaufzureichen , der Kranz fiel grade zu den Füßen der Mutter Gottes , es war ein glücklicher Wurf , der machte mein Herz leicht . Der Strom der Pilger zog mich mit sich fort zur gegenüberstehenden Tür hinaus , ich wartete lange auf das Kind , ich hätte es so gern geküßt und wollte ihm eine kleine goldene Kette schenken , die ich am Hals trage , weil es mir ein so gutes Zeichen gegeben hatte für Dich , denn ich dachte grade in dem Augenblick , wo es mir den Kranz abnahm , an Dich , aber das Kindchen kam nicht heraus , der Wagen stand vor der Tür , ich schwang mich auf meinen Kutschersitz , auf jeder Station hatte ich einen andern Kameraden , der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine Herzensangelegenheiten mitteilte , sie fingen immer so schüchtern davon an , daß mir bange ward , aber weit gefehlt , allemal war ' s eine andere , keinmal war ich ' s. Unsre Reise ging durch einen Wald von Blüten , der Wind streute sie wie einen Regen nieder , die Bienen flogen nach den Blumen , die ich hinter ' s Ohr gesteckt hatte , gelt , das war angenehm ! - 26. Mai Von Salzburg muß ich Dir noch erzählen . Die letzte Station , vorher Laufen ; diesmal saß Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz , er öffnete lächelnd seinen Mund , um die Natur zu preisen , bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in einem Bergwerk , eine Schicht führt zur andern ; es ging in einen fröhlichen Abend über , die Täler breiteten sich rechts und links , als wären sie das eigentliche Reich , das unendliche gelobte Land . Langsam wie Geister hob sich hie und da ein Berg und sank allmählich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter . Mit der Nacht waren wir in Salzburg , es war schauerlich , die glattgesprengten Felsen himmelhoch über den Häusern hervorragen zu sehen , die wie ein Erdhimmel über der Stadt schwebten im Sternenlicht , - und die Laternen , die da all mit den Leutlein durch die Straßen fackelten , und endlich die vier Hörner , die schmetternd vom Kirchturm den Abendsegen bliesen , da tönte alles Gestein und gab das Lied vielfältig zurück . - Die Nacht hatte in dieser Fremde ihren Zaubermantel über uns geworfen , wir wußten nicht , wie das war , daß alles sich beugte und wankte , das ganze Firmament schien zu atmen , ich war über alles glücklich , Du weißt ja , wie das ist , wenn man aus sich selber , wo man so lange gesonnen und gesponnen , heraustritt ganz ins Freie . Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzählen , der sich am andern Tag vor uns ausbreitete ? - Wo sich der Vorhang allmählich vor Gottes Herrlichkeit teilet und man sich nur verwundert , daß alles so einfach ist in seiner Größe . Nicht einen , aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz frei , von keinem Gegenstand bedeckt , es jauchzt und triumphiert ewig da oben , die Gewitter schweben wie Raubvögel zwischen den Klüften , verdunkeln einen Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne , das geht so schnell und doch so ernst , es war auch alles begeistert . In den kühnsten Sprüngen , von den Bergen herab bis zu den Seen , ließ sich der Übermut aus , tausend Gaukeleien wurden ins Steingerüst gerufen , so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot , Milch und Honig ein paar schöne Tage ; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein Granatschmuck von mir auseinandergebrochen , jeder nahm sich einen Stein und den Namen eines Berges , den man von hier aus sehen konnte , und nennen sich die Ritter vom Granatorden , gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg . Von da ging die Reise nach Wien , es trennten sich die Gäste von uns , bei Sonnenaufgang fuhren wir über die Salza , hinter der Brücke ist ein großes Pulvermagazin , hinter dem standen sie alle , um Savigny ein letztes Vivat zu bringen , ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu . Freiberg , der uns bis zur nächsten Station begleitete , sagte : » Wenn sie nur alle so schrien , daß das Magazin in die Luft sprengte , denn uns ist doch das Herz gesprengt « ; und nun erzählte er mir , welch neues Leben durch Savigny aufgeblüht war , wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder doch sehr gemildert habe , besonders aber sei sein Einfluß wohltätig für die Studenten gewesen , die weit mehr Freiheit und Selbstgefühl durch ihn erlangt haben . Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben , wie groß Savignys Talent ist , mit jungen Leuten umzugehen ; zuvörderst fühlt er eine wahre Begeisterung für ihr Streben , ihren Fleiß ; eine Aufgabe , die er ihnen macht : wenn sie gut behandelt wird , so macht es ihn ganz glücklich , er möchte gleich sein Innerstes mit jedem teilen , er berechnet ihre Zukunft , ihr Geschick , und ein leuchtender Eifer der Güte erhellt ihnen den Weg , man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht sagen , daß die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit ist , und das ist eigentlich sein Charakter , die Liebe zu denen , denen er mit den schönsten Kräften seines Geistes und seiner Seele dient ; ja , das ist wahrhaft liebenswürdig , und muß Liebenswürdigkeit nicht allein Größe bestätigen ? - Diese naive Güte , mit der er sich allen gleichstellt bei seiner ästhetischen Gelahrtheit , macht ihn doppelt groß . Ach , liebes Landshut , mit deinen geweißten Giebeldächern und dem geplackten Kirchturm , mit deinem Springbrunnen , aus dessen verrosteten Röhren nur sparsam das Wasser lief , um den die Studenten bei nächtlicher Weile Sprünge machten und sanft mit Flöte und Gitarre akkompagnierten , und dann aus fernen Straßen singend ihre » Gute Nacht « ertönen ließen ; wie schön war ' s im Winter auf der leichten Schneedecke , wenn ich mit dem siebzigjährigen Kanonikus Eixdorfer , meinem Generalbaßlehrer und vortrefflichen Bärenjäger , spazieren ging , da zeigte er mir auf dem Schnee die Spuren der Fischottern , und da war ich manchmal recht vergnügt und freute mich auf den andern Tag , wo er mir gewiß ein solches Tier auffinden wollte , und wenn ich denn am andern Tag kam , daß er mich versprochnermaßen auf die Otternjagd begleiten solle , da machte er Ausflüchte , heute seien die Ottern bestimmt nicht zu Hause ; wie ich Abschied von ihm nahm , da gab er mir einen wunderlichen Segen , er sagte : » Möge ein guter Dämon Sie begleiten und das Gold und die Kleinodien , die Sie besitzen , allemal zu rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln , womit Sie allein sich das erwerben können , was Ihnen fehlt . « Dann versprach er mir auch noch , er wolle mir einen Otternpelz zusammenfangen , und ich solle über ' s Jahr kommen , ihn holen . Ach , ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut , wo wir uns freuten , wenn ' s schneite und nachts der Wind recht gestürmt hatte , so gut , als wenn die Sonne recht herrlich schien , wo wir alle einander so gut waren , wo die Studenten Konzerte gaben und in der Kirche höllisch musizierten und es gar nicht übelnahmen , wenn man ihnen davonlief . Und nun ist weiter nichts Merkwürdiges auf der Reise bis Wien vorgefallen , außer daß ich am nächsten Morgen die Sonne aufgehen sah , ein Regenbogen drüber und davor ein Pfau , der sein Rad schlug . Wien , am 28. Mai Wie ich diesen sah , von dem ich Dir jetzt sprechen will , da vergaß ich der ganzen Welt , schwindet mir doch auch die Welt , wenn mich Erinnerung ergreift , - ja sie schwindet . Mein Horizont fängt zu meinen Füßen an , wölbt sich um mich , und ich stehe im Meer des Lichts , das von Dir ausgeht , und in aller Stille schweb ich gelassenen Flugs über Berg und Tal zu Dir . - Ach , lasse alles sein , mache Deine lieben Augen zu , leb in mir einen Augenblick , vergesse , was zwischen uns liegt , die weiten Meilen und auch die lange Zeit . - Von da aus , wo ich Dich zum letztenmal sah , sehe mich an ; ständ ich doch vor Dir ! - Könnt ich ' s Dir deutlich machen ! Der tiefe Schauder , der mich schüttelt , wenn ich eine Weile der Welt mit zugesehen habe , wenn ich dann hinter mich sehe in die Einsamkeit und fühle , wie fremd mir alles ist . Wie kömmt ' s , daß ich dennoch grüne und blühe in dieser Öde ? - Wo kömmt mir der Tau , die Nahrung , die Wärme , der Segen her ? - Von dieser Liebe zwischen uns , in der ich mich selbst so lieblich fühle . - Wenn ich bei Dir wär , ich wollte Dir viel wiedergeben für alles . - Es ist Beethoven , von dem ich Dir jetzt sprechen will , und bei dem ich der Welt und Deiner vergessen habe ; ich bin zwar unmündig , aber ich irre darum nicht , wenn ich ausspreche ( was jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt ) , er schreitet weit der Bildung der ganzen Menschheit voran , und ob wir ihn je einholen ? - Ich zweifle ; möge er nur leben , bis das gewaltige und erhabene Rätsel , was in seinem Geiste liegt , zu seiner höchsten Vollendung herangereift ist , ja , möge er sein höchstes Ziel erreichen , gewiß , dann läßt er den Schlüssel zu einer himmlischen Erkenntnis in unseren Händen , die uns der wahren Seligkeit um eine Stufe näher rückt . Vor Dir kann ich ' s wohl bekennen , daß ich an einen göttlichen Zauber glaube , der das Element der geistigen Natur ist , diesen Zauber übt Beethoven in seiner Kunst ; alles , wessen er Dich darüber belehren kann , ist reine Magie , jede Stellung ist Organisation einer höheren Existenz , und so fühlt Beethoven sich auch als Begründer einer neuen sinnlichen Basis im geistigen Leben ; Du wirst wohl herausverstehen , was ich sagen will , und was wahr ist . Wer könnte uns diesen Geist ersetzen ? Von wem könnten wir ein Gleiches erwarten ? - Das ganze menschliche Treiben geht wie ein Uhrwerk an ihm auf und nieder , er allein erzeugt frei aus sich das Ungeahnte , Unerschaffne , was sollte diesem auch der Verkehr mit der Welt , der schon vor Sonnenaufgang am heiligen Tagwerk ist und nach Sonnenuntergang kaum um sich sieht , der seines Leibes Nahrung vergißt und von dem Strom der Begeisterung im Flug an den Ufern des flachen Alltagslebens vorübergetragen wird ; er selber sagte : » Wenn ich die Augen aufschlage , so muß ich seufzen ; denn , was ich sehe , ist gegen meine Religion , und die Welt muß ich verachten , die nicht ahnt , daß Musik höhere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie , sie ist der Wein , der zu neuen Erzeugungen begeistert , und ich bin der Bacchus , der für die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie geistestrunken macht , wenn sie dann wieder nüchtern sind , dann haben sie allerlei gefischt , was sie mit aufs Trockne bringen . - Keinen Freund hab ich , ich muß mit mir allein leben ; ich weiß aber wohl , daß Gott mir näher ist wie den andern in meiner Kunst , ich gehe ohne Furcht mit ihm um , ich hab ihn jedesmal erkannt und verstanden , mir ist auch gar nicht bange um meine Musik , die kann kein bös Schicksal haben , wem sie sich verständlich macht , der muß frei werden von all dem Elend , womit sich die andern schleppen . « - Dies alles hat mir Beethoven gesagt , wie ich ihn zum erstenmal sah , mich durchdrang ein Gefühl von Ehrfurcht , wie er sich mit so freundlicher Offenheit gegen mich äußerte , da ich ihm doch ganz unbedeutend sein mußte ; auch war ich verwundert ; denn man hatte mir gesagt , er sei ganz menschenscheu und lasse sich mit niemand in ein Gespräch ein . Man fürchtete sich , mich zu ihm zu führen , ich mußte ihn allein aufsuchen , er hat drei Wohnungen , in denen er abwechselnd sich versteckt , eine auf dem Lande , eine in der Stadt und die dritte auf der Bastei , da fand ich ihn im dritten Stock ; unangemeldet trat ich ein , er saß am Klavier , ich nannte meinen Namen , er war sehr freundlich und fragte : ob ich ein Lied hören wolle , was er eben komponiert habe ; - dann sang er scharf und schneidend , daß die Wehmut auf den Hörer zurückwirkte : » Kennst du das Land ? « - » Nicht wahr , es ist schön « , sagte er begeistert , » wunderschön ! Ich will ' s noch einmal singen « , er freute sich über meinen heiteren Beifall . » Die meisten Menschen sind gerührt über etwas Gutes , das sind aber keine Künstlernaturen , Künstler sind feurig , die weinen nicht « , sagte er . Dann sang er noch ein Lied von Dir , das er auch in diesen Tagen komponiert hatte : » Trocknet nicht Tränen der ewigen Liebe . « - Er begleitete mich nach Hause , und unterwegs sprach er eben das viele Schöne über die Kunst , dabei sprach er so laut und blieb auf der Straße stehen , daß Mut dazugehörte zuzuhören , er sprach mit großer Leidenschaft und viel zu überraschend , als daß ich nicht auch der Straße vergessen hätte , man war sehr verwundert , ihn mit mir in eine große Gesellschaft , die bei uns zum Diner war , eintreten zu sehen . Nach Tische setzte er sich unaufgefordert ans Instrument und spielte lang und wunderbar , sein Stolz fermentierte zugleich mit seinem Genie ; in solcher Aufregung erzeugt sein Geist das Unbegreifliche , und seine Finger leisten das Unmögliche . Seitdem kommt er alle Tage , oder ich gehe zu ihm . Darüber versäume ich Gesellschaften , Galerien , Theater und sogar den Stephansturm . Beethoven sagt