die Schulter und deutet zwischen einigen Köpfen hindurch auf den Mann , den wir vorhin als Joseph , den Tischler , bezeichneten . Nolten , wie er hinschaut , wie er das Gesicht des Fremden erkennt , glaubt in die Erde zu sinken , seine Brust krampft sich zusammen im entsetzlichsten Drang der Freude und des Schmerzens , er wagt nicht zum zweitenmal hinzusehn , und doch , er wagt ' s und - ja ! es ist sein Larkens ! er ist ' s , aber Gott ! in welcher unseligen Verwandlung ! Wie mit umstrickten Füßen bleibt Theobald an eine Säule gelehnt stehen , die Hände vors Auge gedeckt und glühende Tränen entstürzen ihm . So verharrt er eine Weile . Ihm ist , als wenn er , von einer Riesenhand im Flug einer Sekunde durch den Raum der tosenden Hölle getragen , die Gestalt des teuersten Freunds erblickt hätte , mitten im Kreis der Verworfenen sitzend . Noch schwankt das fürchterliche Bild vor seiner Seele , und sinkt und sinkt , und will doch nicht versinken - da klopft ihn wieder jemand auf den Arm und Wispel flüstert ihm hastig die Worte zu : » Sacre-bleu , mein Herr , er muß Sie gesehen haben , soeben steht er blaß wie die Wand von seinem Sitz auf , und wie ich meine , er will auf Sie zugehen , reißt er die Seitentür auf und - weg ist er , als hätt ihn der Leibhaftige gejagt . Kommen Sie plötzlich ihm nach - er kann nicht weit sein , ich weiß seine Gänge , fassen Sie sich ! « Nolten , wie taub , starrt nach dem leeren Stuhle hin , indessen Wispel immer schwatzt und lacht und treibt . Jetzt eilt der Maler in ein Kabinett , läßt sich Papier und Schreibzeug bringen , wirft drei Linien auf ein Blatt , das Wispel um jeden Preis dem Schauspieler zustellen soll . Wie ein Pfeil schießt der Barbier davon . Nolten kehrt in sein Quartier zurück , wo er die Frauenzimmer aus der schrecklichsten Ungewißheit erlöst und ihnen , freilich verwirrt und abgebrochen genug , die Hauptsache erklärt . Es dauert eine Stunde , bis der Abgesandte endlich kommt , und was das schlimmste war , ganz unverrichteter Dinge . Er habe , sagte er , den Flüchtling allerorten gesucht , wo nur irgendeine Möglichkeit gedenkbar gewesen ; in seiner Wohnung wisse man nichts von ihm , doch wäre zu vermuten , daß er sich eingeriegelt hätte , denn ein Nachbar wolle ihn haben in das Haus gehen sehn . Da es schon sehr spät war , mußte man für heute jeden weitern Versuch aufgeben . Man verabredete das Nötige für den folgenden Tag und die auf morgen früh festgesetzte Abreise ward verschoben . Unsere Reisenden begaben sich zur Ruhe ; alle verbrachten eine schlaflose Nacht . Des andern Morgens , die Sonne war eben herrlich aufgegangen , erhob sich unser Freund in aller Stille und suchte sein erhitztes Blut im Freien abzukühlen . Erst durchstrich er einige Straßen der noch wenig belebten Stadt , wo er die fremden Häuser , die Plätze , das Pflaster , jeden unbedeutenden Gegenstand mit stiller Aufmerksamkeit betrachten mußte , weil sich alles mit dem Bilde seines Freundes in eine wehmütige Verbindung zu setzen schien . Sooft er wieder um eine Ecke beugte , sollte ihm , wie er meinte , der Zufall Larkens in die Hände führen . Aber da war keine bekannte Seele weit und breit . Die Schwalben zwitscherten und schwirrten fröhlich durch den Morgenduft , und Theobald konnte nicht umhin , diese glücklichen Geschöpfe zu beneiden . Wie hätte er so gerne die Erscheinung von gestern als einen schwülen , wüsten Traum auf einmal vor dem Gehirn wegstäuben mögen ! In einer der hohen Straßenlaternen brannte das nächtliche Lämpchen , seine gemessene Zeit überlebend , mit sonderbarem Zwitterlichte noch in den hellen Tag hinein : so und nicht anders spukte in Theobalds Erinnerung ein düsterer Rest jener schrecklichen Nachtszene , die ihm mit jedem Augenblick unglaublicher vorkam . Ungeduld und Furcht trieben ihn endlich zu seinem Gasthof zurück . Wie rührend kam ihm Agnes schon auf der Schwelle mit schüchternem Gruß und Kuß entgegen ! wie leise forschte sie an ihm , nach seiner Hoffnung , seiner Sorge , die zu zerstreuen sie nicht wagen durfte ! So verging eine bange , leere Stunde , es vergingen zwei und drei , ohne daß ein Mensch erschien , der auch nur eine Nachricht überbracht hätte . Sooft jemand die Treppe herankam , schlug Nolten das Herz bis an die Kehle ; unbegreiflich war es , daß selbst Wispel nichts von sich sehen ließ ; die Unruhe , worin die drei Reisenden einsilbig , untätig , verdrießlich umeinander standen , saßen und gingen , wäre nicht zu beschreiben . Nannette hatte soeben ein Buch ergriffen und sich erboten , etwas vorzulesen , als man plötzlich durch einen immer näher kommenden Tumult auf dem Gange zusammengeschreckt von den Stühlen auffuhr , zu sehen was es gibt . Der Barbier , außer Atem mit kreischender Stimme , stürzt in das Zimmer und während er vergeblich nach Worten sucht , um etwas Entsetzliches anzukündigen , ist der Ausdruck von unverstelltem Schmerz und Abscheu auf dem verzerrten Gesichte dieses Menschen wahrhaft schauerlich für alle Anwesenden . » Wissen Sie ' s denn noch nicht ? « stottert er - » heiliger barmherziger Gott ! es ist zu gräßlich - der Joseph da - der Larkens , werden Sie ' s glauben - er hat sich einen Tod angetan - heute nacht - wer hätte das auch denken können - Gift ! Gift hat er genommen - Gehn Sie , mein Herr , gehn Sie nur und sehen mit eignen Augen , wenn Sie noch zweifeln ! Die Polizei und die Doktoren und was weiß ich ? sind schon dort , es ist ein Zusammenrennen vor dem Haus und ein Geschrei , daß mir ganz übel ward . Bald hätt ich Sie vergessen über dem Schreck , da lief ich denn , soviel die Füße vermochten , und - « Nolten war stumm auf den Sessel niedergesunken . Agnes schloß sich tröstend an ihn , während Nannette die eingetretene Totenstille mit der Frage unterbrach : ob denn keine Rettung möglich sei ? » Ach nein , Mademoiselle ! « ist die stockende Antwort , » die Ärzte sagen , zum wenigsten sei er seit vier Stunden verschieden Ich kann ' s nicht alles wiederholen , was sie schwatzten . - O liebster , bester Herr , vergeben Sie , was ich gestern in der Torheit sprach Sie waren sein Freund , Ihnen geht sein Schicksal so sehr zu Herzen , so entreißen Sie ihn den Blicken , den Händen der Doktoren , eh diese seinen armen Leib verletzen ! Ich bin ein elender , nichtswürdiger , hündischer Schuft , hab Ihren Freund so schändlich mißbraucht und verdiene nicht , hier vor Ihnen zu stehen , aber möge Gott mich ewig verdammen , wenn ich jetzt fühllos bin , wenn ich nicht hundertfach den Tod ausstehen könnte für diesen Mann , der seinesgleichen auf der Welt nimmer hat . Und nun soll man ihn traktieren dürfen wie einen gemeinen Sünder ! Hätten Sie gehört , was für unchristliche Reden der Medikus führte , der S. - , ich hätt ihn zerreißen mögen als er mit dem Finger auf das Gläschen hinwies , worin das Operment gewesen , und er mit lachender Miene zu einem andern sagte : Der Narr wollte recht sichergehen , daß ihn ja der Teufel nicht auf halbem Weg wieder zurückschicke , ich wette die Phiole da war voll , aber solche Lümmel rechnen alles nach der Maßkalme ! - nicht wahr Herr Hofrat , wer par force tot sein will , kann doch wohl weder im comparativo noch superlativo tot sein wollen ? Und dabei nahm der dicke , hochweise Perückenkopf eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere , so kaltblütig , so vornehm , daß ich - ja glauben Sie , das hat Wispeln weh getan , weher als alles - Wispel hat auch Gefühl , daß Sie ' s nur wissen , ich habe auch noch ein Herz ! « Hier weinte der Barbier wirklich wie ein Kind . Aber da er nun mit geläufiger Zunge fortfahren wollte , das Aussehen des Toten zu beschreiben , wehrte der Maler heftig mit der Hand , schlang die Arme wütend um den Leib Agnesens und schluchzte laut . » O Allmächtiger ! « rief er vom Stuhle aufstehend und mit gerungenen Händen durchs Zimmer stürmend , » also dazu mußt ich hieher kommen ! Mein armer , armer , teurer Freund ! Ich , ja ich habe seinen fürchterlichen Entschluß befördert , mein Erscheinen war ihm das Zeichen zum tödlichen Aufbruch . Aber welch unglückseliger Wahn gab ihm ein , daß er vor mir fliehen müsse ? und so auf ewig , so ohne ein liebevolles Wort des Abschieds , der Versöhnung ! Sah ich denn darnach aus , als ob ich käme , ihn zur Verzweiflung zu bringen ? Und wenn auf meiner Stirn die Jammerfrage stand , warum mein Larkens doch so tief gefallen sei , gerechter Gott ! war ' s nicht natürlich ? konnt ich mit lachendem Gesicht , mit offnen Armen , als wäre nichts geschehen ihn begrüßen ? konnt ich gefaßt sein auf ein solches Wiedersehen ? Und doch , war ich es denn nicht längst gewohnt , das Unerhörte für bekannt anzunehmen , wenn er es tat ? das Unerlaubte zu entschuldigen , wenn es von ihm ausging ? Es hat mich überrascht , auf Augenblicke stieg ein arger Zweifel in mir auf , und in der nächsten Minute straft ' ich mich selber Lügen : gewiß , mein Larkens ist sich selber treu und gleich geblieben , sein großes Herz , der tiefverborgene edle Demant seines Wesens blieb unberührt vom Schlamme , worein der Arme sich verlor ! « Schon zu Anfang dieser heftigen Selbstanklage hatte sich sachte die Tür geöffnet , kleinmütig und mit stummem Gruße , einen gesiegelten Brief in der Hand , war der Büchsenmacher eingetreten , ohne daß der Maler ihn wahrgenommen hätte . Starr vor sich hinschauend stand der Stelzfuß an der Seite des Ofens und jedermann fiel es auf , wie er bei den letzten Worten Theobalds zuweilen die buschigen Augbraunen finster bewegte und zornglühende Funken nach dem Manne hinüberschickte , der mitten im Jammer beinahe ehrenrührig von dem Verstorbenen und dessen gewohnter Umgebung zu sprechen schien . Kaum hatte Nolten geendigt , so trat der Büchsenmacher gelassen hervor mit den Worten : » Lieber Herr ! es ist für uns beide recht gut , daß Sie gerade selber aufhören , denn ich stand auf heißen Kohlen im Winkel dort , weil ' s fast aussehen konnte , als wollt ich horchen ; das ist aber meine Sache nicht , sonderlich wenn es mein eigenes oder meiner Kameraden Lob oder Schande gilt , und davon war just eben die Rede . Ihre Worte in Ehren , Herr , Sie müssen ein genauer Freund von meinem wackern Joseph gewesen sein , also sei ' s Ihnen zugut gehalten . Werden späterhin wohl selbsten innewerden , daß Sie dato nicht so ganz recht berichtet sind , was für eine Bewandtnis es mit dem Joseph und seiner Genossenschaft habe . Ich sollte meinen , er hatte sich seiner Leute nicht eben zu schämen . Nun , das mag ruhen vorderhand ; zuvörderst ist es meine Pflicht und Schuldigkeit , daß ich Ihnen gegenwärtiges Schreiben übermache , denn es wird wohl für Sie gehören ; man fand es , wie es ist , auf dem Tisch in Josephs Stube liegen . « Begierig nahm Theobald den dargebotenen Brief und eilte damit in ein anderes Zimmer . Als er nach einer ziemlichen Weile wieder zurückkam , konnte man auf seinem Gesicht eine gewisse feierliche Ruhe bemerken , er sprach gelassener , gefaßter , und wußte namentlich den gekränkten Handwerker bald wieder zu beruhigen . Übrigens entließ er für jetzt die beiden Kameraden , um mit Agnesen und der Schwester allein zu sein und ihnen das Wesentlichste vom Zusammenhang der Sache zu eröffnen . Oft unterbrach ihn der Schmerz , er stockte , und seine Blicke wühlten verworren am Boden . Von dem Inhalt jenes hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das Allgemeinste , da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte . Soviel wir darüber erfahren konnten , war es eine kurze , nüchterne , ja für das Gefühl der Hinterbliebenen gewissermaßen versöhnende Rechtfertigung der schauderhaften Tat , welche seit längerer Zeit im stillen vorbereitet gewesen sein mußte , und deren Ausführung allerdings durch Noltens Erscheinen beschleunigt worden war , wiewohl in einem Sinne , der für Nolten selbst keinen Vorwurf enthielt . Auch wäre die Meinung irrig , daß nur das Beschämende der Überraschung den Schauspieler blindlings zu einem übereilten Entschluß hingerissen habe , denn wirklich hat sich nachher zur Genüge gezeigt , wie wenig ihm seine neuerliche Lebensweise , so seltsam sie auch gewählt sein mochte , zu eigentlicher Unehre gereichen konnte . Begreiflich aber wird man es finden , wenn bei der Begegnung des geliebtesten Freundes der Gedanke an eine zerrissene Vergangenheit mit überwältigender Schwere auf das Gemüt des Unglücklichen hereinstürzte , wenn er sich ein für allemal von demjenigen abwenden wollte , mit dem er in keinem Betracht mehr gleichen Schritt zu halten hoffen durfte , und aus dessen reiner Glücksnähe ihn der Fluch seines eigenen Schicksals für immer zu verbannen schien . ( Einige Jahre nachher hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung geltend machen , daß den Schauspieler eine geheime Leidenschaft für die Braut seines Freundes zu dem verzweifelten Entschlusse gebracht habe . Wir wären weit entfernt , diese Sage , wozu eine Äußerung Noltens selbst Veranlassung gegeben haben soll , schlechthin zu verwerfen , wenn wirklich zu erweisen wäre , daß Larkens , wie allerdings vorgegeben wird , kurz nachdem er seine Laufbahn geändert , Agnesen bei einer öffentlichen Gelegenheit , und unerkannt von ihr , zu Neuburg gesehen habe . - Getraut man sich also nicht , hierin eine sichere Entscheidung zu geben , so müssen wir das harte Urteil derjenigen , welche dem Unglücklichen selbst im Tode noch eine eitle Bizarrerie schuld geben möchten , desto entschiedener abweisen . ) » O wenn du wüßtest « , rief Theobald Agnesen zu , » was dieser Mann mir gewesen , hätt ich dir nur erst entdeckt , was auch du ihm schuldig bist , du würdest mich fürwahr nicht schelten , wenn mein Schmerz ohne Grenzen ist ! « Agnes wagte gegenwärtig nicht zu fragen , was mit diesen Worten gemeint sei , und sie konnte ihm nicht widersprechen , als er das unruhigste Verlangen bezeigte , den Verstorbenen selber zu sehen . Zugleich ward ihm die Sorge für den Nachlaß , für die Bestattung seines Freundes zur wichtigsten Pflicht . Larkens selbst hatte ihm diesfalls schriftlich mehreres angedeutet und empfohlen , und Theobald mußte auf einen sehr wohlgeordneten Zustand seiner Vermögensangelegenheiten schließen . Vor allen Dingen nahm er Rücksprache mit der obrigkeitlichen Behörde , und einiger Papiere glaubte er sich ohne weiteres versichern zu müssen . Indessen war es bereits spät am Tage und so trat er in einer Art von Betäubung den Weg nach der Stätte an , wo der traurigste Anblick seiner wartete . Ein Knabe führte ihn durch eine Menge enger Gäßchen vor das Haus eines Tischlers , bei welchem sich Larkens seit einigen Monaten förmlich in die Arbeit gegeben hatte . Der Meister , ein würdig aussehender , stiller Mann , empfing ihn mit vielem Anteil , beantwortete gutmütig die eine und andere Frage und wies ihn sodann einige steinerne Stufen zum unteren Geschoß hinab , indem er auf eine Tür hinzeigte . Hier stand unser Freund eine Zeitlang mit klopfendem Herzen allein , ohne zu öffnen . Jetzt nahm er sich plötzlich zusammen und trat in eine sauber aufgeräumte , übrigens armselige Kammer . Niemand war zugegen . In einer Ecke befand sich ein niedriges Bett , worauf die Leiche mit einem Tuch völlig überdeckt lag . Theobald , in ziemlicher Entfernung , getraute sich kaum von der Seite hinzusehen , Gedanken und Gefühle verstockten ihm zu Eis und seine einzige Empfindung in diesem Augenblicke war , daß er sich selber haßte über die unbegreiflichste innere Kälte , die in solchen Fällen peinlicher zu sein pflegt , als das lebhafteste Gefühl unseres Elends . Er ertrug diesen Zustand nicht länger , eilte auf das Bette zu , riß die Hülle weg und sank laut weinend über den Leichnam hin . Endlich , da es schon dunkel geworden , trat Perse , der Goldarbeiter , mit Licht herein . Nur ungern sah Theobald sich durch ein fremdes Gesicht gestört , aber das bescheidene Benehmen des Menschen fiel ihm sogleich auf und hielt ihn um so fester , da derselbe mit der edelsten Art zu erkennen gab , daß auch er einiges Recht habe mit den Freunden des Toten zu trauern , daß ihm derselbe , besonders in der letzten Zeit , viel Vertrauen geschenkt . » Ich sah « , fuhr er fort , » daß an diesem wundersamen Manne ein tiefer Kummer nagen müsse , dessen Grund er jedoch sorgfältig verbarg ; nur konnte man aus manchem eine übertriebene Furche für seine Gesundheit erkennen , so wie er mir auch selbst gestand , daß er eine so anstrengende Handarbeit , wie das Tischlerwesen , außer einer gewissen Liebhaberei , die er etwa für dies Geschäft haben mochte , hauptsächlich nur zur Stärkung seines Körpers unternommen . Auch begriff ich gar wohl , wie wenig ihn Mangel und Not zu dergleichen bestimmt hatte , denn er war ja gewiß ein Mann von den schönsten Gaben und Kenntnissen ; desto größer war mein Mitleiden , als ich sah , wie sauer ihm ein so ungewohntes Leben ankam , wie unwohl es ihm in unserer Gesellschaft war und daß er körperlich zusehends abnahm . Das konnte auch kaum anders sein , denn nach dem Zeugnis des Meisters tat er immer weit über seine Kräfte und man mußte ihn oft mit Gewalt abhalten . « Hier decke er die Hände des Toten auf , wie sie von grober Arbeit gehärtet und zerrissen waren . - Jetzt öffnete sich die Türe und ein hagerer Mann mit edlem Anstande trat herein , vor welchem sich der Goldarbeiter ehrerbietig zurückzog und dessen stille Verbeugung Nolten ebenso schweigend erwiderte . Er hielt den Fremden für eine offizielle Person , bis Perse ihm beiseite den Präsidenten von K * nannte , den keine amtliche Verrichtung hieher geführt haben könne . So stand man eine Zeitlang ohne weitere Erklärung umeinander und jeder schien die Leiche nur in seinem eignen Sinne zu betrachten . » Ihr Schmerz sagt mir « , nahm der Präsident das Wort , nachdem Perse sich entferne hatte , » wie nahe Ihnen dieser teure Mann im Leben müsse gestanden haben . Ich kann mich eines näheren Verhältnisses zu ihm nicht rühmen , doch ist meine Teilnahme an diesem ungeheuren Fall so wahr und innig , daß ich nicht fürchten darf , es möchte Ihnen meine Gegenware - « » O seien Sie mir willkommen ! « rief der Maler , durch eine so unverhoffte Annäherung in tiefster Seele erquicke , » ich bin hier fremd , ich suche Mitgefühl - und ach , wie rühre , wie überrascht es mich , solch eine Stimme und aus solchem Munde hier in diesem Winkel zu vernehmen , den der Unglückliche nicht dunkel genug wählen konnte , um sich und seinen ganzen Wert und alle Lieb und Treue , die er andern schuldig war , auf immer zu vergraben . « Des Präsidenten Auge hing einige Sekunden schweigend an Theobalds Gesicht und kehrte dann nachdenklich zu dem Toten zurück . » Ist ' s möglich ? « sprach er endlich , » seh ich hier die Reste eines Mannes , der eine Welt voll Scherz und Lust in sich bewegte und zauberhelle Frühlingsgärten der Phantasie sinnvoll vor uns entfaltete ! Ach , wenn ein Geist , den doch der Genius der Kunst mit treuem Flügel über all die kleine Not des Lebens wegzuheben schien , so frühe schon ein ekles Auge auf dieses Treiben werfen kann , was bleibt alsdann so manchem andern zum Troste übrig , der ungleich ärmer ausgestattet , sich in der Niederung des Erdenlebens hinschleppt ? Und wenn das vortreffliche Talent selbst , womit Ihr Freund die Welt entzückte , so harmlos nicht war , als es schien , wenn die heitere Geistesflamme sich vielleicht vom besten Öl des innerlichen Menschen schmerzhaft nährte , wer sagt mir dann , warum jenes namenlose Weh , das alle Mannheit , alle Lust und Kraft der Seele , bald bänglich schmelzend untergräbt , bald zornig aus den Grenzen treibt , warum doch jene Heimatlosigkeit des Geistes , dies Fort- und Nirgendhin-Verlangen , inmitten eines reichen , menschlich schönen Daseins , so oft das Erbteil herrlicher Naturen sein muß ? - Das Rätsel eines solchen Unglücks aber völlig zu machen , muß noch der Körper helfen , um , wenn die wahre Krankheit fehlt , mit einem nur um desto gräßlicheren Schein die arme Seele abzuängstigen und vollends irre an sich selber zu machen ! « Auf diese Weise wechselten nun beide Männer , beinahe mehr den Toten als einander selbst anredend und oft von einer längern Pause unterbrochen , ihre Klagen und Betrachtungen . Erst ganz zuletzt , bevor sie auseinandergingen , veranlaßte der Fremde , indem er seinen Namen nannte , den Maler , ein Gleiches zu tun , sowie den Gasthof zu bezeichnen , wo jener ihn morgen aufsuchen wollte . » Denn es ist billig « , sagte er , » daß wir nach einer solchen Begegnung uns näher kennenlernen . Sie sollen alsdann hören , welcher Zufall mir noch erst vor wenigen Wochen die wunderbare Existenz Ihres Freundes verriet , den bis auf diesen Tag , soviel ich weiß , noch keine Seele hier erkannte . Meine Sorge bleibt es indessen , daß ihm die letzte Ehre , die wir den Toten geben können , ohne zu großes Aufsehn bei der Menge , von einer Gesellschaft würdiger Kunstverwandten morgen abend erwiesen werden könne . Ich habe die Sache vorläufig eingeleitet . Aber nun noch eine Bitte um Ihrer selbst willen : verweilen Sie nicht allzulange an diesem traurigen Orte mehr . Es ist das schönste Vorrecht und der edelste Stolz des Mannes , daß er das Unabänderliche mit festem Sinn zu tragen weiß . Schlafen Sie wohl . Lieben Sie mich ! Wir sehn uns wieder . « Der Maler konnte nicht sprechen , und drückte stammelnd beide Hände des Präsidenten . Als er sich wieder allein sah , flossen seine Tränen reichlicher , jedoch auch sanfter und zum erstenmal wohltuend . Er fühlte sich mit dieser Last von Schmerz nicht mehr so einsam , so entsetzlich fremd in diesen Wänden , dieser Stadt , ja Larkens ' Anblick selber deuchte ihm so jämmerlich nicht mehr ; eben als wenn der Schatte des Entschlafenen mit ihm die ehrenvolle Anerkennung fühlen müßte , die er noch jetzt erfuhr . Nun aber drang es Theobalden mächtig , am Busen der Geliebten auszuruhen . Er steckte ein Nachtlicht an , welches für die Leichenwache bereitlag , er sagte unwillkürlich seinem Freund halblaut eine gute Nacht , und war schon auf der Schwelle , als Lörmer , der Büchsenmacher , ihm den Weg vertrat . Der Mensch bot einen Anblick dar , der Ekel , Grauen und Mitleid zugleich erwecken mußte . Von Wein furchtbar erhitzt , mit stieren Augen , einen gräßlichen Zug von Lächeln um den herabhängenden Mund , so war er im Begriff , das Heiligtum des Todes zu betreten . Nolten , ganz außer sich vor Schmerz und Zorn , stößt ihn zurück und reißt den Schlüssel aus der Tür , Lörmer wird wütend , der Maler braucht Gewalt und kann nicht verhüten , daß das Scheusal vor ihm niederstürzt und mit dem Kopf am Boden aufschlägt . » Ich bitte Sie « , lallt er , indem er sich vergebens aufzurichten sucht , und nicht bemerkt , daß Nolten schon verschwunden ist , um die Hausleute von dem Skandal zu benachrichtigen , » um Gottes Barmherzigkeit willen ! lassen Sie mich hinein ! mich ! ich bin noch allein der Mann , ihm zu helfen - Sie müssen wissen , Herr , er pflegte gelegentlich auf den Lörmer was zu halten , Herr - Sehn Sie , diese Uhr hab ich von ihm - aber sie ist stehengeblieben - Wir standen du und du , mein guter Herr , ich und der Komödiant - Hieß er mich nicht immerdar sein liebes Vieh ? hat er je einen andern so geheißen ? und - - Hol euch der Teufel alle zusammen - Sehn muß ich ihn , da hilfe kein Gott und keine Polizei - Ihr wißt den Henker zu distinguieren , ob ein Mensch in der Tat und Wahrheit k ... iert ist oder nicht - Soll ich dir etwas im Vertrauen sagen ? Da drinne liegt er munter und gesund und hat euch alle am Narrenseil . Denn das ist einer , sag ich euch , der weiß wie man den Mäusen pfeift . Und - aber - - wenn es je wahr wäre - « ( hier fing er an zu heulen ) » wenn er mir das Herzeleid antun wollte , und aufpacken und seinen Stelzer verlassen - wenn das - Jesu Maria ! Auf ! auf ! schlag die Tür ein ! ich muß ihm noch beichten - Jagt Papst und Pfaff und Bischöf , die ganze Klerisei zum Teufel ! ich will dem Komödianten beichten , trotzdem daß er ein Ketzer ist - Er muß alles wissen , was ich seit meiner Firmelung an Gott und Welt gesündigt ! Auf ! hört ihr nicht ? Ich will die ganze Baracke in Trümmer schmeißen , ich will ein solches Jüngstes Gericht antrommeln , daß es eine Art hat ! - Alter ! lieber Schreiner , laß mich hinein - « Das Schloß sprang auf , und Lörmer stürzte einige Stufen hinab in das Zimmer , wo man ihn , als die Leute kamen , bewußtlos am Fuß des Bettes liegen fand . Am Morgen kam ein Billett des Präsidenten und lud den Maler mit den Frauenzimmern zu einem einfachen Mittagmahl . Nolten war diese Ableitung besonders um der Mädchen willen sehr erwünscht , mit deren verlassenem Zustande , weil er jeden Augenblick veranlaßt ward , bald aus dem Hause zu gehen , bald sich mit Schreibereien zu befassen , man in der Tat Bedauern haben mußte . Agnes und ihr Benehmen war indes zu loben . Bei allen Zeichen des aufrichtigsten Anteils bewies sie durchaus eine schöne , vernünftige Ruhe , sogar schien sie natürlicher , und sicherer in sich selbst , als es auf der ganzen Reise der Fall gewesen sein mochte ; nicht nur dem Maler , auch Nannetten fiel das auf . Es hatte aber diese sonderbare Verwandlung ihren guten Grund , nur daß das Mädchen zu bescheiden war , ihn zu entdecken , oder zu schüchtern vielmehr , um an ihre alten » Wunderlichkeiten « ( wie Theobald zuweilen sagte ) in dem Augenblicke zu mahnen , wo es sich um eine ernste und schaudervolle Wirklichkeit handelte . Allein auch ihr war es ein hoher Ernst mit dem , was sie für jetzt zurückzuhalten ratsam fand . Denn in der ganzen schrecklichen Begebenheit mit Larkens erblickte sie nichts anderes als die gewisse Erfüllung eines ungewissen Vorgefühls , und so vermochte sie ein offenbares und geschehenes Übel mit leichterem Herzen zu beweinen , als ein gedrohtes zu erwarten . Nolten erkundigte sich bei dem Wirt nach den Verhältnissen des Präsidenten , und erfuhr , daß derselbe , obgleich seit Jahr und Tag mit seiner Frau gespannt , eines der angesehensten Häuser hier bilde , sich aber als ein leidenschaftlicher Mann vor kurzem auch mit der Regierung entzweit habe , und bis auf weiteres von seinem Amte abgetreten sei . Er wohnte selten in der Stadt und neuerdings fast einzig auf seinen Gütern in der Nähe . Perse , der Goldarbeiter , kam einiger Bestellungen wegen , welche die Leiche betrafen . Beiläufig erzählte er , daß der Barbier , als mehrerer Diebstähle verdächtig , seit heute früh im Turme sitze . Er habe gestern in der öffentlichen Wirtsstube sich aus Alteration und Reue wegen ähnlicher an Larkens verübter Schändlichkeiten selber verschwatzt . Die größte Niederträchtigkeit an dem Schauspieler habe der Taugenichts dadurch begangen , daß er sich von jenem das Stillschweigen über seinen wahren Charakter mit schwerem Gelde habe bezahlen lassen , indem er ihm täglich gedroht , alles auszuplaudern . - Theobald fragte bei dieser Gelegenheit nach dem Büchsenmacher , und konnte aus Perses umständlichem Berichte soviel entnehmen , daß Larkens dem Menschen , weil es ein gescheiter Kopf , einiges Interesse geschenkt , das übrigens so gut als weggeworfen gewesen , da die deutliche Absicht des Schauspielers , ihn zu korrigieren bloß dem Übermut des Burschen geschmeichelt habe , zumal die Art , wie Larkens zu Werke gegangen , bei weitem zu delikat gewesen . Übrigens habe sich Larkens nicht nur dem Zirkel , sondern besonders auch vielen Armen als unbekannter Wohltäter unvergeßlich gemacht . Mittagszeit war da , die Mädchen angekleidet und Nolten bereit , mit ihnen zu gehen . Eine Tochter des Präsidenten empfing sie auf das artigste , und nach einiger Zeit erschien der Vater ; außerdem kam niemand von der Familie zum Vorschein . Die Frau , mit dreien andern Kindern , einem ältern Sohne und zwei Töchtern , wurde erst heute abend vom Lande erwartet , und zwar ,