unterliegen konnte ! Zum zweitenmale opfern Sie , aus mißverstandener Mutterliebe , die heilige Wahrheit Ihres Herzens , und glauben sich einen Sieg abzugewinnen , wenn Sie besiegt werden . Weshalb ich den Knaben Georg an Ihr Herz und Gewissen legte ? sonderbare Frage ! weil ich ihn liebe , weil ich daran denke , daß er ein Mann werden , und es nicht begreife , wie aus verzärtelter Schonung ein starker Gedanke entspringen kann . Was haben Sie denn für das Kind gethan , als Sie Alles , außer der beengenden Furcht vor des Himmels Strafe , vergaßen , und diese Furcht die Wortführerin Ihrer eigenen Anklage sein ließen ? Unseliger Augenblick ! Sie zerrissen mein Herz , wie das Ihrige , und des Knaben Geschick ! Den Himmel werfen Sie auf die Erde , und gönnen dieser , ein Ding nach ihrem Gefallen daraus zu machen . Wie hart hat sie die rohen Hände angelegt , und den reinen Hauch zweier Seelen zu einem Schreckbild der Sünde zusammengeballt ! Nach dieser entscheidenden Stunde war nichts mehr für die Meinung zu thun , die war mit dem Geschehenen zugleich da . Zu vernichten ist sie so wenig , als jenes ungeschehen zu machen . Was erwarten Sie nun von dem Jüngling , dem Manne Georg , wenn Sie ihn in kränkliche Vorurtheile einwiegen , beschränktem Eifer Zeit lassen , seinem Auge die Richtung zu geben , auf welcher es Ihnen , Elise ! nicht ohne Befremden begegnen kann ? Gesund und hell , würde der Kleine noch jetzt gelernt haben , die Dinge zu sehen , wie sie Wahrheit und Natur ihm zeigen , hätte er die Mutter wiedergefunden , so wiedergefunden , wie sie ist , nicht wie die armselige Klugheit des Vorurtheils sie umzuschaffen droht . Ist es möglich ! wiederhole ich noch einmal , liegt gleich die Wirklichkeit durch Brief und Siegel vor mir . Auch Sie also ! Glauben Sie mir , Sie werfen das ganze Leben , Ihr Leben weg ! Und was geben Ihnen die klugen Freunde dafür ? Es ist eine verbrauchte Art , sein unwilliges Erstaunen über irgend eine Enttäuschung auszudrücken , wenn man sagt : Ich bin aus allen meinen Himmeln gefallen ! Aber Vieles , das verbraucht und abgenutzt ist , paßt dennoch bei Gelegenheit . Ich bin wahrhaftig aus meinem Himmel heraus ! Daher kommt es auch wohl , daß ich Ihre jetzige Sprache nicht recht verstehe , und das Bild von Frühling und Sommer , von Blüthe und Erndte , und was Sie von sparsamen Früchten , in Bezug auf die Augenblicke unseres Beisammenseins , sagen , nicht recht anzuwenden weiß . Ich habe immer die Unart gehabt , unvollkommen gebliebene , in den Sand gefallene Früchte unbeachtet liegen zu lassen , vielleicht , weil mir die glänzenden , goldenen Aepfel des Paradieses vor Augen schwebten . Arme Freundin ! welchen Ersatz bieten Sie sich , wie mir ! Zu dem Stiftsfräulein ins Kloster nöthigen Sie mich ! Da , zwischen den doppelten Mauern alter und neuer Vorurtheile , denken Sie den göttlichen Traum freier Gemeinschaft heiliger , umfassender Freundschaft ins Leben zu rufen ? Da hoffen Sie mich , da hoffen Sie sich wieder zu finden ? Von den schief hineinfallenden Strahlen der gesunkenen Sonne sollen wir Lebenswärme betteln ? O tausendmal lieber das Vergangene träumen , als an dieser entzauberten Wirklichkeit erfrieren ! Alles ist hier entzaubert ! Alles ! darum , wenn ich Ihnen rathen soll , bleiben Sie , wo Sie sind . Sie würden sich nur herbe Eindrücke bereiten . Ihr ehemaliges Eigenthum finden Sie in fremden Händen . Es ist verkauft , oder was sonst mit geschah ! Genug , wie ich neulich vorüber ritt , standen die Fenster offen , ich sah überrascht hinein . Ein fremdes , scharfes Gesicht blickte zu mir auf . Es gehörte einer ältlichen , kranken Italienerin . Die wohnt hier , ließ ich mir im nächsten Dorfe erzählen . Mein alter Freund , der Gartenknecht , ist verabschiedet ; ein kleiner , krummer , verschmitzter Franzose ist an seiner Stelle ; die Gartenwege sind so eben , so geschnörkelt , daß man gleich sieht , keines Menschen Fuß betritt sie den ganzen Tag . Ich mußte lachen , wie ich die Fratzen sah ! Giebt es eine tollere Ironie auf die vergangenen Tage , als diese neuen Bewohner Ihrer Zimmer , Elise ? Ich lache noch darüber , und in dieser spaßhaften Stimmung kann ich Ihnen nichts Besseres wünschen , als daß Sie es auch nicht schwerer nehmen . Es ist eine Welt darnach , glauben Sie mir . Antwort Sie sind ein Mann wie Alle ! Hart , wenn ein anderes Empfinden dem Ihrigen entgegentritt , klein und verzweifelnd im Augenblick des Mißlingens gefaßter Pläne , unfähig , Widerspruch zu ertragen , noch unfähiger , ihn zu verstehen . Was Sie mir sagen , kann wahr sein . Wie Sie mir ' s sagen , haben Sie mir auf unverzeihliche Weise wehe gethan . Ich werde das verzeihen , ich weiß es . Doch zu vergessen ist solch ' Mißkennen nicht . Wäre das möglich , wenn Sie zu lieben wüßten ? Hatten Sie auch nur große Worte und enge Gefühle , Hugo ? Ist Freundschaft für Sie , wie für Andere , nichts als klingende Schellen und tönendes Erz ? Wo ist das Vertrauen und die Hingebung von dem , wie wir Beide träumten ? O Sie haben vollkommen recht . Besser , die Erinnerung zur Gegenwart machen , als der entzauberten Wirklichkeit gegenüberstehen . Curd an Elise Sie haben mich fortgeschickt . Klüger , verständiger , wenigstens hofften Sie , werde mich die Entfernung machen . Cousine , Sie hofften das nicht . Sie wollten mich nur weit weg wissen , um das Uebrige kümmern Sie sich wenig . Ich begreife gar nicht , was Ihnen die Vorstellung von mir , wie von einem leichtsinnigen Menschen giebt . Weil ich ein sorgenloses Leben , lustige Gesellschaft liebe , unnütze Grübeleien hasse , die Dinge sehe , wie sie sind , mir und Andern nichts vorlüge , deshalb werfen Sie mich bei Seite , und thun , als wenn ich kein Herz und kein Gefühl in der Brust hätte . Wahrhaftig , Sie vergessen , daß ich doch auch ein Mensch bin , und so gut wie ein Anderer , meine Ansprüche auf Achtung mache . » Gehen Sie , guter Curd ! « sagten Sie mit dem fatalen Gleichmuth , der mich toll machen könnte . » Gehen Sie nur wieder zurück nach der Stadt , das wird sich Alles geben . « Was darin für ein hochmüthiges Wegwerfen , für eine Anmaßung liegt ! Als wenn Sie sich auch jemals die Mühe gegeben hätten , zu erfahren , wie es in mir aussieht ! Sehen Sie , darin sind Sie gerade so stolz und vornehm , Elise ! wie die große Welt , die Sie verachten . Es nennt keiner dem andern seines Gleichen , der nicht von seiner Farbe ist . Ob das uns Weltkindern nun wörtlich gilt , und bei Ihnen figürlich , dies kommt auf eins heraus . Was haben Sie denn jetzt wohl Gutes an mir gethan , daß Sie mich in den Strudel zurückschicken , von dem Sie doch eigentlich so große Gefahr für mich fürchten ? Glauben Sie wirklich , daß mich jedes Aeußerliche unwiderstehlich fortreißt , ist es denn recht , mich dem Preis zu geben ? Gestehen Sie es nur , es wäre ein Triumph für Sie , wenn ich darin umkäme ! O Sie sind härter und egoistischer , als die , welche Sie verdammen ! Darin haben Sie recht , man wird am Bequemsten mit den Leuten fertig , wenn man sie so niedrig stellt , daß man über sie wegsieht . Aber das können Sie bei allem dem nicht , wahrhaftig nicht , Cousine ! Ich will es Ihnen beweisen . Wie ? wenn solch ' ephemeres Geschöpf nur einen einzigen Augenblick den Kopf erhübe , und Sie fragte : Ist dein Stolz Würde oder Dünkel ? müßten Sie nicht antworten ? und was würden Sie antworten ? Früher beleidigten Sie mich sehr oft , jetzt kränken Sie mich . Sie waren schön , ich verzieh ' Ihnen . Sie sind vielleicht noch schöner , ich kann Ihnen nicht mehr verzeihen . Was liegt denn auch so Unerhörtes , so Vermessenes darin , daß ich mir ' s einfallen lasse , Sie zu lieben ? daß ich mir ' s gestehe ? und bei dem natürlich vertrauten Umgange unter nahen Verwandten , im einsamen , ländlichen Beisammensein , Ihnen davon mehr verrathe , als Sie hören wollen ? Sagen Sie doch , verdient das Spott ? Verachtung ? Sie würden unvorsichtig handeln , wenn ich wäre , wofür Sie mich halten . Ich bin ganz anders . Sie thun mir wehe , ohne sich zu schaden . Hier haben Sie immer einmal unrecht . Entweder Sie sind so scharfsinnig , als Sie es zu sein glauben , dann hören Sie auf , consequent zu handeln , oder Sie unterstützen mich , und dann läuft Ihre Güte Gefahr , verkannt zu werden . » Ich mache Verstand ! « werden Sie einmal wieder gelangweilt sagen . Es kann sein . Aber wie soll ich denn mit Ihnen sprechen ? » Gar nicht ! « höre ich Sie schnell einfallen . Sie lachen dabei , und reichen mir gutmüthig die Hand . Ach Cousine ! wenn Sie lachen - Sie wissen , der Himmel liegt dann auf Ihrem Antlitz . Es ist zum Verzweifeln , daß ich gerade immer dies Lächeln sehe . Wäre meine Mutter nicht gewesen ! Die hat mich zum vollendeten Thoren gemacht ! Wüßten Sie , Elise ! was die denkt , wünscht , zu hoffen wagt ! - Hoffen ! Mein Himmel , wer das vermöchte ! Sie hätte es nicht aussprechen sollen ! Solch ' lautes , vollständiges Wort , es kann einem ganz irre machen . Man wird es nicht wieder los . Ich wollte es nicht hören . Ich drängte es zurück . » Warum denn aber nicht ? « fragte die gute , liebevolle Frau . Cousine , dies warum denn aber nicht , klingt mir immerfort in den Ohren , es fährt wie ein Ton aus der Luft , wenn ich gar nicht daran denke , plötzlich vorüber , und scheint immer ernsthafter meine Vernunft , mein Urtheil , mein Gefühl zu befragen . Liebe Elise , Sie stehen allein ! Die ganze Welt ist gegen Sie . Wer Sie halten könnte und sollte , der verweist Sie auf Ihre eigene Festigkeit und Stärke , aber es ist einer Frau nicht möglich , alle die Pfeile abzuwehren , die von nahe und fern auf sie gerichtet sind . Sie denken das nicht so . Wenn es indeß nun noch dahin käme , wenn Sie es nicht länger ertrügen , wenn Sie sich vergeblich nach Hülfe sehnten , wenn Sie fliehen , und verfolgt , erkannt , fremden Beistand suchen müßten ? Cousine ! Cousine ! bedenken Sie es wohl , es kann dahin kommen ! würde Ihnen meine Hand dann nicht eben so lieb sein , wie die eines Andern ? Elise an Sophie Räumen Sie mir , Beste ! ein Winkelchen in Ihrer Wohnung ein . Lassen Sie mich verborgen , heimlich , vor aller Welt versteckt , da leben , bis es aus ist mit dem Leben , bis Alles vorbei , oder Alles groß und frei wieder geboren ist . Hier kann ich nicht länger bleiben ! Auch allein kann ich mich nicht ertragen ! Ich schreibe Ihnen nur dies , und daß ich komme ! Die Tante ! - Curd ! - Werden Sie es glauben ? Aber hiervon mündlich , es ist gerade so viel , um das Maß voll und die Pflegerin unerträglich zu machen . Doch Hugo ! Hugo ! Ich lese den tiefen , versteckten Argwohn in seiner Seele . - Er fürchtet - ! Kann er glauben , daß ich ihn , wie unsere Bestimmung , so verkenne ! - Nein , hiervon kein Gedanke in meiner Seele . Und wenn auch er - es bliebe doch unmöglich ! Hält er mich eines Kunstgriffs fähig , um ihm eine Erklärung abzugewinnen ? - Gott ! mein Gott ! so niedrig denkt er von mir ! Wenn ich es einrichten kann , bin ich in spätestens vierzehn Tagen bei Ihnen . Bis dahin - bis dahin ? - Was das für Worte sind ! was da eine Zeit , mit allen ihren Bedingungen darin liegt ! Ich fürchte jetzt Augenblicke . Ein Jeder dehnt sich , und wird an Gewicht inhaltschwerer ! Und dann , das dahin ! wie doppelsinnig ! es zeigt vor und zurück ! Ja wohl , dahin ! dahin ! Sophie an den Comthur Ich konnte Ihnen gestern Abend nichts mehr über meine Unterredung mit Ihrem Neffen sagen . Sie waren zu eilig , die Gräfin zu geschwätzig , ich , weder aufgelegt noch unbefangen genug , Gelegenheit zu besonderer Mittheilung zu suchen . Sie erfahren ohnehin nicht viel Erwünschtes . Es blieb ein verfehltes Unternehmen . Hugo , einsilbig und unzugängig , wie Sie ihn kennen , wenn er etwas anders im Sinn hat , hörte mich nicht kommen , und ich durfte mich durch nichts verrathen . Daß er bei mir war in Ihrem Auftrage , mit der Einladung : Sie Abends in Ulmenstein zu treffen , gab mir Veranlassung , von Ihnen zu sprechen . Ich freute mich Ihres Wohlseins , und daß er so liebevoll die Pflege des Oheims übernommen habe . Er lächelte mit halbem Munde , ließ mich reden , und hub , während einer sehr natürlich eintretenden Pause , an : » Sagen Sie mir doch , wissen Sie nichts Näheres von den Leuten drüben , die in des Präsidenten Hause wohnen ? « » Nicht ein Wort , « entgegnete ich . Er versank in stummes Nachsinnen . » Wie kommen Sie hierauf ? « fragte ich , überzeugt , hier unmittelbar an seine Gedankenreihe anknüpfen , und das Gespräch auf Elise führen zu können . » Durch eine Zufälligkeit , « versetzte er gleichgültig . Ich sah ihn ungewiß an . » Ach mein Gott ! « fuhr er in seiner matten Lauheit fort : » Es ist in der Welt Gottes nichts , als der flüchtige Zufall , daß ich kürzlich auf ziemlich besondere Weise jenen Unbekannten begegnet sein könnte . « Er vermied , sich deutlicher zu erklären , indem er eilig hinzusetzte . » Es war während dem letzten großen Sturm , wo ich Gelegenheit fand , Reisenden einen Dienst zu leisten , Ausländer , einer vornehmen , geistlichen Dame , die durch den Schreck des mißlichen Augenblicks oder durch Krankheit , in fast abwesender Gemüthsverfassung zu sein schien . Heute hörte ich , drüben sei eine menschenscheue Italienerin eingezogen , welche Nachts , und nur bei Mondenlicht , ihr Zimmer verlasse , und auch dann nur verschleiert umher gehe . Man habe sie nach nördlichen Climaten geschickt , und mit einem Aufenthalte in hiesiger Gegend angefangen , um sie nach und nach an rauhere Uebergänge zu gewöhnen . Vor wenigen Tagen sei ein alter Geistlicher dort gewesen , der hierauf zu den Remonstratensern ging , mit denen die Dame wohl auch in Verkehr stehe . Ich kombinirte Manches aus der Erinnerung des Reiseabentheuers und - « er zog die Schultern mit einigem Selbstbespötteln in die Höhe . » Und , « lächelte er , » ward neugierig auf die fremden Gäste . « Er schwieg hier , ein wenig düster vor sich hinsehend . Diese kleine Episode hatte mich völlig von dem eingeschlagenen Wege abgebracht , ich weiß nicht , weshalb mir Hugo heute überall finsterer und befangener , als seit langer Zeit vorkam . Ist es Elise , die ihn beschäftigt ? dachte ich , so wird er mich verstehen , wo nicht , so läßt er es gut sein und denkt nicht weiter daran . » Das Schloß in Wehrheim , « hub ich deshalb ohne sonstige Einleitung an , » es ist nun vollkommen fertig ? « » Bis auf einige Kleinigkeiten im Innern , ja , « entgegnete er . » Wissen Sie , « sagte ich lachend , » daß man Sie schon mit einer zweiten Gattin dort einziehen sieht ? « Eine unwillige Falte flog auf seine Stirne , als er mit der Antwort zögernd , durch ein kurzes , abstoßendes » Hm ! « die Aeußerung bei Seite warf . » Halten Sie das für so unmöglich ? « fragte ich hierauf . » Unmöglich ! ganz unmöglich ! « entgegnete er bestimmt . Er sagte das mit mehr Wärme und Heftigkeit , als er sonst in das gesellige Gespräch hineinträgt . Die Ungeduld hatte ihn von seinem bisherigen Platze aufgejagt . Er ging einigemale durch das Zimmer , dann wandte er sich , blieb vor mir stehen , und meine Hand ergreifend , lächelte er ein wenig scharf , wie mich dünkte , indem er äußerte : Er wolle nicht forschen , wie ich zu der Frage komme ! doch hätte ich unrecht , das möchte ich glauben . Er ging . Ich rief ihm nach , sich deutlicher zu erklären , ich verstehe ihn nicht . Schon in der Thüre trat er ein Paar Schritte zurück . » Liebe ! « bat er , » verhüten Sie , daß irgend Jemand an dies verschobene Geschick rühre . Ich bin nicht glücklich zu machen , « setzte er ernsthaft hinzu . » Wie ich es sein könnte , begreift Niemand , darum bleibt es ein Ideal ! Und Ideale , « lachte er , » das ist ja schon oft gesagt , die passen nicht in die Wirklichkeit . « Es lag Bitterkeit in seiner Miene , wie in dem Ton der Stimme . Darum hielt ich ihn auch nicht länger , als er mich ziemlich eilend verließ . Sie sehen , lieber Freund ! ich bin nicht glücklich in meinem Versuch gewesen . Ich fürchte auch , wir dürfen ihn nicht wiederholen , wenn wir uns nicht um alles Vertrauen bei Ihrem Neffen bringen wollen . Und ehrlich gesprochen , was hoffen Sie im Grunde Ihrer Seele ? Ich weiß nicht , die Zukunft kann mir bei Hugo niemals einfallen . Es ist , als wenn er keine hätte . Wenigstens suche ich den Faden vergebens , durch den sich Fortgang und Reife im Leben entwickeln . Sie wollen hier die Eigenthümlichkeit nicht berücksichtigt wissen . Nothwendig nennen Sie den Schritt , den die voreilige Störung wieder mit gesetzlicher Ordnung ausgleicht . Hugo sei Elisen ein Opfer schuldig . Er müsse sich durch sie vor der Welt herstellen . Lieber ! anders denkt der Mann , anders fühlt die Frau . Glauben Sie mir , Elise paßt noch weniger , als Emma für ihn ; und leicht könnte das zweite Aergerniß durch die Leidenschaftliche schlimmer werden , als das erste . Ich mag hierin irren . Doch lassen wir der Zeit ihren Lauf . Zudem ist für jetzt in der Sache um so weniger etwas zu thun , als ich Ihrem Neffen eine gewisse , geheimnißvolle Unruhe anfühle , die ich nicht zu erklären weiß . Elise ist es nicht , die ihn beschäftigt . Ueber sie scheint er in sich uneins . Er vermeidet , von ihr zu reden , vielleicht deutlich über sie zu denken . Wir könnten ihn wohl gar von ihr entfernen , indem wir Beide zu vereinen streben . Wenn ihm aber die augenscheinliche Unruhe nicht durch sie kommt , was hat er denn ? Sophie an Elise In diesem Augenblick erhalte ich Ihre Zeilen . Liebste , Beste ! wie schmerzt es mich , Sie um Aufschub Ihrer Herreise bitten zu müssen . Mein Gott ! Sie werden das fühlen . Ich kann nicht fürchten , daß Sie mich mißverstehen , ja , ich sollte es fordern dürfen , daß Sie mir ohne Weiteres vertrauten , wenn ich mir ' s abgewönne , Ihnen zu sagen , es sei jetzt kein Zeitpunkt für Ihre Anwesenheit bei mir . Doch , Sie würden nur forschen , grübeln , und sich quälen , also - die Oberhofmeisterin droht mit ihrer Ankunft . Sie will - ich weiß nicht was ? Ich kann ihren Brief nicht verstehen . Er ist dunkel , unruhig , schroff , wie sie selbst . Genug aber , sie will kommen , zu mir kommen ! In einem Auftrage , wie sie sagt . Es ist unmöglich , daß Sie beide hier zusammen treffen . Niemanden wird das mehr einleuchten , als Ihnen . Es wäre deshalb auch nicht ein Wort weiter über meine zurückweisende Antwort Ihres Briefes zu sagen , wäre dieser Brief nicht , wie er ist . Nein , in keinem Augenblick Ihres erschütterten Lebens haben Sie mir so ganz vernichtet , so fassungslos , so - lassen Sie mich ' s sagen , so herabgeworfen von Ihrer klaren Höhe , geschrieben . Ist es denn wahr , daß auch Ihnen der Muth sinkt , und die Schwungkraft des Geistes weniger dem Sturm als der entnervenden Schwüle erliegt . » Es reicht hin , das Maß voll und die Pflegerin unerträglich zu machen , « sagen Sie in einem Tone unwilliger Kraftlosigkeit , die mich erschreckt . Liebe ! Gute ! wo sind Sie hingerathen mit Ihrem Geschick , mit sich , mit den nächsten Freunden ? Die Tante meinen Sie , und Curd und Hugo . Sie deuten Alles nur leise an , aber es läßt sich errathen , was die einfache , redliche Verwandte wünscht , was der beschränkte Sohn möchte - doch Hugo ? - Nur er hat Sie wohl so ganz aus dem Gleichgewicht gerissen . Mit den beiden Andern , dächte ich , würden Sie leicht fertig . Wenn er aber ! - Was wollen Sie denn hier , Elise ? Sind Sie nicht einig mit dem Freunde , so sind Sie es noch weniger mit sich . Leicht möchte dann der unerwünschte Aufschub ein Gewinn sein . Betrachten Sie es so . Befreien Sie die befangene Seele von den Banden des Augenblicks . Sehen Sie über diesen weg . Sammlen Sie , o sammlen Sie den lieben , hellen , schönen Geist , senken Sie ihn nur einmal in den heiligen Quell zurück , von dem er ein armes , kleines Tröpfchen ist , das so oft der Erneuerung bedarf . Meine beste Elise ! ich sage Ihnen nichts mehr , kein Wort , aber heiße Thränen kosten Sie mich ! Mußte denn die heitere Jugend so frühe altern ? Antwort Zu spät ! Ihr Brief trifft mich hier in * * * wo er mit mehrern andern gemachten Vorkehrungen zufolge , auf der Post meiner Abholung wartete . Umkehren ? jetzt noch ? hier ? Ich kann es unmöglich ! Würden Sie es können ? würden Sie ? Denken Sie doch nur , so nahe bei ihm , so nahe bei Georg ! Nein , unmöglich ! unmöglich ! Daß ich Ihre Gastfreundschaft unter solchen Umständen nicht in Anspruch nehmen werde , versteht sich von selbst . Aber wohin sonst ? Ich sitze hier und sitze - Nein , ich sitze nicht einen Augenblick auf einer Stelle . Das Blut kocht mir in den Adern , mein Herz schlägt ungestüm . Ich laufe im Zimmer umher . Gedanken habe ich nicht . Gefühle ! unaussprechlich beglückende , unaussprechlich ängstigende . Man fragte mich , wohin ich die Postpferde wolle ? Ja , wohin ? Sagen Sie doch , Sophie ! wohin ? Ich weiß wahrhaftig - - - - - Abends . Hier bin ich , gute , liebe , einzige Freundin ! Walter bringt Ihnen , wie sonst , diese Zeilen . Ich schreibe Ihnen aus dem Schlafkämmerchen der Tannenhäuserin . Hier ! Hier ! O mein Gott ! was dringt hier alles auf mich ein . Die brave Frau war so gerührt , so überrascht bei meinem Anblick . Ich hielt ein Paar hundert Schritt vom Hause . Es war finstre Nacht . Ich wollte den Wald , die Bäume , den fürchterlichen See nicht sehen . Der Postillon mußte absteigen , die Wirthin herauszurufen . Es währte eine Weile , ehe sie kam . Johanna und ich saßen währenddem stumm neben einander . Das arme Mädchen fürchtete sich . Sie hielt die Leine der Pferde lose und ängstlich in der Hand . Es war todtenstill um uns , wir hörten nichts als den schnaubenden Athem und das Schütteln der müden Gäule in dem lästigen Geschirr . Mir wurde immer beklommner , immer voller ums Herz . Weinen konnte ich nicht , kaum mich regen . Indem ritt Jemand schnell vorüber . Ein Anderer , der ihm folgte , fluchte über das Fuhrwerk , das hier mitten im Wege hielt , und gab dem einen Pferde einen Schlag mit der Faust , daß es seitwärts taumelte . Johanna schrie , jener lachte und sprengte davon . Es war die rohe Stimme und das gemeine Wesen eines Reitknechts , aber wer war sein Herr ? wer war der flüchtige Reiter , der so stürmisch an uns vorüber flog ? O Herz ! Herz ! du nanntest ihn , und gewiß , es war kein Anderer ! Als nun der Postillon mit seiner Begleiterin kam , diese die kleine Handlaterne ein wenig hob , um mir ins Gesicht zu sehen , zitterte ich und konnte nicht sprechen , nicht aussteigen , mich nicht auf den Füßen halten . Ich winkte nur der erschrocknen Frau , auch zu schweigen . Sie seufzte schwer . Mit ihrer und Johanna ' s Hülfe verließ ich den Wagen . » Können Sie ein oder zwei Nächte ? « brachte ich endlich heraus . » Lieber Gott ! warum denn nicht , « erwiederte sie . » Aber beste , gnädige Frau ! Sie sind krank , bei mir ist es unruhig , Sie werden Ihre Bequemlichkeit nicht haben , « bemerkte sie ängstlich . Ich ließ sie reden , und ging , statt aller Erwiederung , auf das Haus zu . » Es ist Gesellschaft drinnen , « sagte sie , und mich behutsam durch die Küche und einen kleinen Vorhof führend , brachte sie mich in ein Zimmer . » Nur so lange Geduld , « bat sie , » bis die Gäste auseinander gehen . Dann werde ich für mehr Bequemlichkeit sorgen . Es ist heute eben recht voll hier , ich habe Alles , bis auf dies Kämmerchen , einräumen müssen , « lächelte sie im Hinausgehen . Ich setzte mich in den hintersten Winkel auf ein Schemelchen nieder . Der Lärm wirrte undeutlich aus den anstoßenden Gemächern herüber . Ich konnte weder Worte noch Stimmen unterscheiden . Ich hätte sie auch in dem Augenblick nicht unterschieden . Wie viel tausend andere Stimmen schrieen jetzt laut in mir auf . Hier war ich nun also , flüchtend , versteckt ! Nacht um mich , Nacht in mir ; nicht der kürzeste Blick über die nächsten Paar Schritte kenntlich , alles dumpf und dunkel wie im Kerker . So sitze ich noch , so schreibe ich Ihnen bei einem Lämpchen . Sie sehen den Worten wohl den Aufruhr der Seele an . Neben mir an braust und tobt es immer wüster . Walter , der alle Gelegenheiten des Hauses kennt , und die Wirthin sprechen wollte , trat vor einer Weile unerwartet hier herein . Die Thür war ungeschickt und nur halb verriegelt , so daß sie bei dem Ruck seines starken Armes aufsprang . Ich fuhr erschrocken in die Höhe . Er blieb betroffen stehen . Dann trat er schüchtern zurück , und zog die Thür leise nach sich . Ich schickte Johanna , ihn um die Besorgung eines Schreibens an Sie zu bitten . Er zeigte sich sehr bereitwillig , fragte theilnehmend nach mir , bat , seines unvorsichtigen Eintritts wegen , um Verzeihung , mit dem Zusatze : daß , wenn er hätte ahnden können , mich zu erschrecken , er ja lieber dem Kämmerchen auf hundert Schritte nicht genahet wäre . Er lächelte gerührt und wischte sich verstohlen die Augen . Er also , Sophie ! und vielleicht noch mancher Andere bewahrten mir ein freundliches Andenken in dieser verödeten , umgewandelten Gegend . Die Tannenhäuserin ist nicht einen Augenblick festzuhalten ! Noch nicht ein Wort von Georg . Hugo ' s Name wage ich nicht zu nennen . In der Nacht . Hören Sie doch , Sophie ! Hören Sie doch ! es ist nun still im Hause . Aber hier , hier in mir ist ein Tumult , eine Angst ! Sie müssen morgen frühe zu mir kommen . Walter wartet auf meinen Brief . Er geht , so wie der Tag grauet , damit zu Ihnen hinüber . Johanna ' s Neugier hat allein Schuld . Ich dankte Gott , nichts von der rohen Unterhaltung meiner Nachbarn zu verstehen . Nun war es vorbei ! Ich hätte ja taub sein müssen . Sie hatte Langeweile . Bald stand sie stille , bald ging sie in der Kammer umher , öffnete Fenster , Schubladen und Schränke . Jetzt zieht sie an einem roth- und weißgewürfelten Vorhange . Ein Fenster wird sichtbar , es ist mit einem Laden versetzt . Sie macht diesen ein klein wenig auf , ihr erster Blick fällt in das anstoßende Gastzimmer . Ich gebe nicht Acht auf sie . Nun stürzt das angelehnte , eichene Brett , das sie aus der Lage gebracht und nicht zu regieren versteht , herab auf den Boden . » Mein Himmel , Johanna ! was machst