Du darfst es ; Dir gewährt sie Alles . Wie ist ' s aber mit Deinem Vater ? Liebst Du ihn gleich Deiner Mutter ? « - Margarethe warf einen der unbescheidnen Frage zürnenden Blick auf den Schultheiß , und wollte dem Knaben den Mund verschließen , aber schon war die Antwort heraus : » Ich habe keinen Vater ! « rief der kleine Hans , von alten Erinnerungen erregt , und in dem Übermuth seiner Anhänglichkeit für Margarethen . » Abscheulicher Bube ! « zürnte diese : » Noch einmal diese Antwort , und « .... - » Laßt ihn doch ; « meinte der Schultheiß lächelnd : » der Knabe sagte zu viel ; das ist aber die Art seines Alters . Deßhalb weiß man doch , woran man zu glauben hat . « - » Herr Schultheiß ! « unterbrach ihn Margarethe heftig . Er ließ sie indessen nicht ausreden , faltete des Knaben Hände , und sagte ihm die Worte vor : » Bitte Deine Mutter , Knabe , sie möge mir um Deinetwillen vergeben , und mir nicht ferner zürnen . « - Der kleine Hans ließ sich gern zur Fürbitte gebrauchen , und seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margarethens Lippen ein leichtes Lächeln . - » Man soll am Feste der Geburt nicht böse seyn , will ein alter Sittenspruch ; « sagte sie , dem Schultheiß schnell versöhnt die Hand reichend , die er zärtlich drückte ; » Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch . Ihr müßt mir dafür geloben , nicht wieder so freventlich zu reden , wie es sich zu Euerm Amt und Alter gewißlich nicht ziemt . « - Der Schultheiß nickte gehorsam , obgleich verdüstert durch die Erwähnung seines Alters . - » Und als endliche Bedingung meiner völligen Vergebung , « setzte Margarethe erheiterter hinzu : » verlange ich von Euch die Gewährung einer geringen Bitte . « - » Sprecht , Frau Minne ! « antwortete ihr der Schultheiß neugierig und lächelnd . - » Es wäre mir beinahe entfallen , « fuhr Diether ' s Gattin immer unbefangner fort , » daß mir heute das Heil wiederfuhr , zur Fürbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden , die gewiß so geringfügig ist , daß sie kaum der Rede lohnt , mit der ich Euer Ohr belästige . Ein arm Geschöpf - mit einem Worte , ein schlecht Judendirnlein kam heut weinend und schreiend hergerannt , und flehte mich im Namen des Himmels und der Erde an , durch irgend einen guten Freund zu bewirken , daß ihr Vater , - und wenn ich recht hörte , auch ihr Großvater losgelassen würden , die schon seit einiger Zeit im Kerker schmachten . Die Ursache ihrer Haft , schwört die Dirne , nicht zu wissen ; aber ich bilde mir wohl selbst ein , daß der Handel von wenig Belang seyn wird . Dergleichen Plackereien sind so häufig , daß Hebräer , um kleinen Vorwands willen , in den Thurm wandern müssen , um dann an ihrer Habe gebüßt zu werden . Es ist auch ein schlecht Volk , das solchen Zwang verdient , weit es den Heiland kreuzigte . Ich dächte dennoch , daß bei Esther ' s Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen wäre . Er ist ein eifriger Mann ; keiner der unredlichsten , und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe , das ihn in mein Haus geführt . Ich möchte gerne dem Armen loshelfen , wenn es möglich wäre , und da der Zufall .... oder nicht der Zufall , es gewollt , daß Ihr , gestrenger Herr , mir Eurer Einkehr Ehre schenktet , so richte ich an Euch die Bitte , beim Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden , daß der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefängnisse finde , und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde . « - » Man könnte das Gezücht beneiden um die Theilnahme , die Eure Purpurlippen für dasselbe aussprechen ; « - antwortete der Schultheiß nicht ohne widrige Anregung : » Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren ; indessen , wo Euch , edle Frau , ein Dienst geleistet werden kann , mache ich gerne eine Ausnahme . Wie nennt sich der hebräische Hund ? « - » Ben David ist ' s , « erwiederte Margarethe : » der reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse . « - Aber schon war des Schultheißen Stirne streng gerunzelt , schon hatten sich seine Augenbraunen dicht zusammengezogen , und finster schüttelte er das Haupt . - » Ist ' s der ? « fragte er mit Härte : » Dann laßt mich aus dem Spiele , edle Frau . Ich rette den Burschen nicht . « - » Nicht ? « entgegnete Margarethe staunend : » Hat denn der Mann so Gräßliches begangen ? « - » Aus Eurer Frage vernimmt man , daß Euch sein Verbrechen wirklich noch unbekannt ; « versetzte der Schultheiß heftig : » welche Mutter könnte gleichgültig dabei bleiben ? « - » O erzählt ; « verlangte Margarethe , mit böser Ahnung kämpfend : » Erzählt ... eine Mutter , sagt Ihr ... ? « - » Nu ja doch ; « erläuterte der Schultheiß : » könnt Ihr Euch Abscheulicheres denken ? Die Hunde haben ein Christenkind , einen Knaben , seiner Mutter gestohlen , oder um schnöden Sold vielleicht ..... « - Margarethe hörte nichts weiter , denn , in unbeschreiblicher Angst , den kleinen Johann an sich reißend wie einen gefährdeten Sohn , ... dann ihn wieder von sich stoßend , wie einen verhaßten Fremdling .... sank sie bewußtlos mit dem Haupte vor sich hin auf den Tisch . Entsetzt schrie der kleine Hans auf ; der Schultheiß sprang hinzu , um der Ohnmächtigen beizustehen . Die Angst des Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschäfte . Mit Wasser benetzte er die Schläfe Margarethens ; Küsse drückte er auf ihren bleichen , nicht widerstrebenden Mund , und so geschah es , daß sie bald aus der schweren Bewußtlosigkeit erwachte . Beinahe hätte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen , denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen , und zu der gegenüberliegenden Thüre traten eben unvermuthet und rasch Diether und Wallrade ein . Bestürzung und Überraschung lagen auf jedem Angesichte ; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens . Diether nahm eine so ernste Stellung an , daß selbst der Schultheiß , ein gewandter Mann , und Meister seiner Bewegungen , nur nach wiederholten mißlungnen Versuchen , den Faden finden konnte , den Grund der befremdenden Lage , in der er überrascht worden , - nämlich Margarethens plötzliche Ohnmacht - anzugeben . Kalt und finster nahm Diether diese Erklärung auf , und peinigte , während Wallrade mit erheuchelter Theilnahme sich um seine Gattin beschäftigte , den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Förmlichkeit , die demselben bald lästig genug fiel , um sich ziemlich verlegen zu entfernen . Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen , und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter . Denn als Diether benagten Herzens , auf wankenden Füßen von der Hauspforte , zu welcher er den Schultheiß geleitet hatte , zurückkehrte nach der Wohnstube , wo eben Margarethe , deren Schwäche einem wunderlich gereizten Zustand gewichen war , in einem Strom von Thränen sich ausweinte , winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge , ein Tuch zu lüften , das , den Händen der Altbürgerin entsunken , auf dem Tische lag . Im Vorübergehen that Diether nach der Verräterin Begehr , und enthüllte die goldne Rose , die der Schultheiß in dem ängstlichen Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte , mit sich zu nehmen . Diether ' s bittres Lachen schreckte die Weinende auf , und über ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beschämung , da sie der unglückseligen Gabe gewahr wurde , die ihr Gatte in der Hand hielt . Zu Eis wurde sie , obgleich unschuldig , da sie aus seinem Munde die Worte hören mußte : » Glück zu , tugendsame Hausfrau , Ihr berühmt Euch hoher Gunst . Ihr habt Euch den stattlichsten Freund gewählt , von besserer Geburt obendrein , als Euer Griesgram von Ehewirth ; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben , - denn , wo der Gemahl die lästige Kette bietet , opfert der Buhle das lockende Röslein eines goldnen Maien . O , leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum Rosensonntag geworden seyn ! Dem Graukopf gehört Wermuth , bis er zur Grube fährt . « - » Ihr seyd ungerecht , lieber Herr ; « erwiederte Margarethe , matt und erschöpft : » Diese Rose ist nicht mein . Falsch ist Euer Wahn . « - » Falsch ? « lachte Diether grimmig : » So falsch etwa , als Eure Ohnmacht ? Am Busen des willkommnen Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt . Vor Wonne wart ihr außer Euch . Nichts weiter . Woher sonst dieser Magdalenenblick , woher die sündige Scheu , die noch jetzt Eure Züge peinigt ? Zehnfache Schaam möge Euch foltern , da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet . « - Stumm , ohne eine Sylbe zu finden , wand die Altbürgerin die Hände . Wallrade wollte den Augenblick benützen , um des Knaben , den sie schon eine lange Weile mit glühenden Blicken gemessen hatte , sich zu bemeistern . » Komm , Kleiner , « sagte sie zu ihm , seine Hand ergreifend : » komm , laß uns gehen . Wenn die Eltern hadern , muß der Bube vor der Thüre stehen ! « - Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie , riß seine Hand aus der Ihrigen , und floh mit Lauten der Angst zu Margarethens Knieen . » Laßt mich ! « schrie er : » Ich darf nicht mit Dir gehen , ... ich darf nicht mit Dir reden .... Mütterlein hat ' s verboten ! « - » Hört Ihr , Vater ? « fragte Wallrade tückisch : » Hört Ihr , wie Euer Weib den Haß zwischen Geschwister pflanzt ? « - Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von bannen ziehen , aber noch einmal mit verdoppelter Angst vertheidigte sich derselbe . » Laß mich ! « kreischte er : » Du willst uns arm machen « , .... ich soll betteln gehen , .... laß mich ... » Du bist die Schwarze , wenn du schon ein roth Jöplein trägst ... ! « - Wallrade erbleichte plötzlich , und machte eine Geberde , als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen ; aber er kreischte noch heftiger , und reizte die erschöpfte Margarethe auf , daß sie empor sprang , und wie eine zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte . » Wage es - Boshafte ! « schrie sie : » Wage es , dies Kind zu der berühren , und das Tageslicht sahest Du zum letztenmale ! « - » Weib , was ficht Dich an ! « rief Diether , zwischen die Frauen sich werfend : » Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr ? Und Du , Wallrade , was deuten die seltsamen Reden des Knaben ? « - Diese Frage löste das Zauberband , das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten . » Was werden sie deuten ? « sprudelte sie heftig heraus : » was werden sie deuten , diese Reden eines mit Fleiß eingewurzelten Hasses ? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel , einen schwarzen bösen Geist geschildert haben , und also sieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn ! « » Pfui Wallrade ! « erwiederte Diether mit strengem Vorwurf : » Fast möcht ' ich selbst Dich einen unsaubern Geist schelten , da Du Deinen Bruder , meinen geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverrückt schelten magst . Das ist sündlich Zungenspiel , das nimmer aus gutem Herzen kommt . Denn , wie Gott dem Knaben gerade Glieder schenkte , so gab er ihm auch völligen Verstand , und nur ein Hexenweib kann solchen gotteslästerlichen Ausdrucks sich bedienen ! « - Wallrade zuckte mitleidig lächelnd die Achseln . Margarethe erwiederte jedoch auf Diethers Rede : » Das Kind vertheidigt Ihr ; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der bösen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis . « » Meines Körpers Schwäche verhinderte mich , Eure ungerechten Beschuldigungen , wie sie ' s verdienen , zu beantworten . Jetzt habe ich aber meine Stärke , und mein Bewußtseyn wiedergefunden , und sage Euch : Unwahr ist , was Euer Argwohn und die Einflüsterungen dieser bösartigen Maid Euch vorgespiegelt . Dies Kleinod mögt Ihr darum dem Schultheiß wieder zustellen , und von ihm selbst zu Eurer Beschämung erfahren , wie es sich damit verhält . « - Sie wollte hinauseilen , Diether hielt sie jedoch zurück , und sprach mit weicher Stimme : » Gott weiß , Margarethe , wie schmerzlich mir ' s wäre , Euch Unrecht zuzufügen . Ich will ja gerne glauben , daß Ihr rein seyd , wie der Schnee des Gebirgs ; ich will ja zugeben , daß ein neidisch Auge durch einen bösen Blick den Unfrieden in unsre Wirthschaft bannte ; laßt uns darum , dem Teufel zum Trotz , Frieden halten . Die Hände laßt uns verschränken , daß an diesem Feiertage unsers Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere . « - Schmeichelnd bemächtigte er sich der rechten Hand Margarethens , die wie ein zagender aber versöhnlicher Engel nach ihm herüberblickte . - » Möchtet Ihr doch diese Hand auch Wallraden reichen ; « fuhr er , zum Vermittler werdend , fort : » zum Abschiede ; « setzte er schnell hinzu , da Margarethe finster das Haupt schüttelte : » zum Abschiede ; denn sie besteht darauf , Morgen mit dem Frühesten Frankfurt zu vertauschen mit ihrem eignen Besitzthum . - Das Fräulein thue , wie ihr ' s gefällt ; « versetzte Margarethe , kein Auge nach Wallraden kehrend , die den Rücken gegen das Zimmer und die Sprechenden gewendet , durchs Fenster sah : » Es hat verschmäht , meine Freundin zu werden , und fahre wohl . Ich verschmähe , einen Handschlag zu geben , der nicht von Herzen kömmt , und höchstens nur das Behagen ausdrücken könnte , Wallraden Abschied nehmen zu sehen . « - » Starrsinnige Weiber ! « sagte Diether verlegen , wie er sich zu benehmen habe , um nicht der Tochter , nicht der Gattin allzuwehe zu thun : » Nur Eure Eitelkeit sträubt sich gegen eine Nachgiebigkeit , die in Euern Herzen einheimisch ist . « - » Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit ; « antwortete Margarethe kalt : » denn ich gehe , und räume Eurer Tochter das Feld . Ich würde ein störender Zeuge Euers Abschieds seyn , und entferne mich daher . Auch beim Imbiß , für den ich Sorge tragen werde , soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen . « - » Löblich von Euch ; « versetzte Wallrade in gleichem Tone , und ohne ihre Stellung zu verändern : » ich überhebe euch jedoch dieses Zwangs ; denn ich finde heute noch an dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz . « - » Desto besser ; « schloß Margarethe das wunderliche Gespräch : » die Reue gönne ich Euch von Herzen . « Hierauf verschwand sie schnell und führte den Kleinen mit sich hinweg . Diether , sah ihr lange beklommen nach , stand eine Weile sinnend da , und verbarg alsdann grollend mit sich selbst die goldne Rose , welche noch auf dem Tische lag , in eine Lade des Schreins . Während er noch , wie ein Träumender , die Hand am Schlüssel hielt , drehte sich Wallrade rasch um , näherte sich ihm , legte ihre Rechte auf seine Schulter , und sprach mit Schärfe und greller Betonung : » Gott stärke Euch , mein Vater . Ich werde ferne seyn , und die Zeit Eurer Prüfung erst beginnen . « - » Ei , welche Gedanken ! « entgegnete Diether , mit Mühe die Unruhe verbergend , die von der bösen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt wurde . - » Friede im Haus ist ein gut Kissen ; « sprach Wallrade weiter : » Unfriede zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel , dem jeder Tag an Schärfe zulegt . Ihr werdet wähnen , der Unfriede ziehe mit mir von dannen , - aber weit gefehlt . Die Warnerin geht von Euch ; das Unheil bleibt . « - » Du bist ungerecht und grausam zugleich ; « äußerte Diether : » Du verunglimpfst mein Weib , und überlässest mich doch dem bösen Geschick , das Du voraussagst . « - » Mein Maierhof fordert seine Gebieterin , « erwiederte Wallrade hingeworfen : » die Felder sollen bestellt werden , ..... in Euerm Hause ist das Feld schon vom bösen Sämann bestellt . Ich thue Euch und mir eine Liebe , wenn ich gehe . « - » O Du hartherzige Tochter ! « versetzte Diether schmerzlich : » Also belohnst Du meine Zärtlichkeit . Ich dachte Alles wieder in ' s alte Gleis der Sitte zu bringen , Dir das Erbtheil zuzuwenden , dem Du freiwillig entsagst ...... « - » Gebt mir ' s vor Euerm Tode , « spottete Wallrade , » damit ich Euch ernähren könne , wenn Euer Weib und Eure Söhne Euch verlassen . Im Ernste aber ; laßt uns Abschied nehmen . In dem Hause wo man mich einen höllischen Geist , eine Erbschleicherin nennt , weile ich nicht mit Freuden . Laßt uns Lebewohl sagen . Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommnern Gast besetzt seyn . « - » Böses Kind , « antwortete Diether : » Warst Du nicht der Willkommenste ? « - » Vielleicht für Euch ; « lachte Wallrade giftig : » Für Euer Weib ist wahrlich und gewißlich Dagobert der Willkommnere . « - » Was sprichst Du da , Argwöhnische ! « rief Diether : » Und wie käme denn Dagobert , der Pflichtvergessene , hieher zu uns , die er meidet ? « - » Er ist schon hier , seit mehreren Tagen hier ; « erläuterte Wallrade : » so seltsam es Euern Ohren klingen mag , so wahr ist ' s doch . Ein wackerer Sohn , der Tage lang in derselben Stadt athmet , in der sein Vater wohnt , und des Vaters Angesicht scheutet ! Vielleicht fürchtet er auch nur meine Gegenwart ; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund , Euer Auge zu meiden . « - » Ich weiß kaum , was Du sprichst , « betheuerte Diether : » Mir wirbelts vor den Sinnen . Dagobert kömmt , da Du gehst ? - Er thut sehr wohl daran ; « lächelte das Fräulein : » Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des Bruders Vergnügen nicht hemmen . Lebt wohl , Vater , und wird es euch zu eng in Frankfurt , so kommt auf Baldengrün . Willkommen seyd Ihr da , erscheint Ihr allein , ohne Euer zweites Weib . « - » Unversöhnliche ! « sprach Diether mit überströmenden Augen , indem er Wallraden wehmüthig an sich drückte : » Den Kindern sind doch sonst der Frauen Herzen hold ; laß nicht das Brüderlein den Widerwillen theilen , den Du , - ich schwör es , ohne Grund , - gegen die Mutter hegst . Willst du das zarte Büblein nicht küssen zum Lebewohl , so sprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgesöhnten Schwesterliebe . « - » Schwesterliebe ? « fragte Wallrade wie verwundert , während sie sich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand : » Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann ? Ich wäre dessen Schwester ? Ei , das wolle Gott nicht . Nennt mich lieber seine Muhme , guter Vater . « - » Wie soll ich verstehen , was du sprichst ? « fragte Diether erbleichend entgegen . - Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte sich ausweichend . » Erlaßt doch mir die Erklärung ; « sprach sie höhnisch : » fragt die Stadt , und wenn Ihr auch dieser nicht glaubt , so wendet Euch an den heiligen Georg selbst , der über dem Putztische Eures Weibes hängt . Ein feiner Rittersmann , dessen Ebenbild zu seyn , Euerm Sohne - dem Johann nämlich - - keine Schande bringen wird , so lange Euch selbst die Sache Freude macht . Lebt indessen wohl , und dreimal wohl , mein Vater . Gott mit Euch ! « Einen Kuß der Pflicht fühlte Diether auf seiner Wange ; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umschlungen , und schon war die Thüre hinter ihr in ' s Schloß gefallen . Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin , wie ein , von jähem Tod Erblaßter , und als dann nun wieder Regsamkeit in seine Glieder trat , wandte er den Blick ; gezwungen fast , zu dem Bilde des Heiligen , das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhaßtes Antlitz , trug es gleich die Züge des einstens zärtlich geliebten Dagoberts . Aber also ist das unglückselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht , daß durch ein Wort , durch einen aufgerüttelten Gedanken das Theuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung werden , Liebe sich in Wuth verkehren kann . Und dieser leise Grimm , ein fressend Ungethüm in der Brust des Leichtgläubigen , baut sich fester und fester ein , je angelegentlicher man ihn vertilgen möchte . In gefährlicher Stille wächst der Funke an zur verderblichen Glut , und so kann es geschehen , daß selbst unter dem Eise des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt , denn im Mittelpunkt des Lebens stürmt und braust es heiß und kräftig , wenn auch seine Gränzen allgemach in Frost erstarren . Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Diether den bösen Geist zu bändigen ; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen , und ihn dadurch völlig zu überwinden , sondern um ihn zu pflegen , und größer zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit . Darum überließ er sich selbst dem Fehler , dem er auf die Spur zu kommen trachtete , der Heuchelei . Mit freier Stirn überließ er sich der Umarmung Margarethens , die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte , daß er Wallraden nicht länger in ihrer Nähe aufgehalten ; ohne mit einer Miene seinen tiefen Verdacht , seinen heimlichen Groll zu offenbaren , tändelte er mit dem Knaben , den ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte . Stundenlang scherzte er mit dem Buben , verwendete er kein Auge von ihm ; aber nicht väterliches Wohlgefallen , wie wohl ehedem , bewog ihn dazu , sondern die Begierde , Johanns Züge sich fest einzuprägen ; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte , bohrte sich ein neuer Dolch in des Argwöhnischen Gemüth , und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde , je wüster tobte es in seinem Innern , so freundlich er auch seine Runzeln glättete , so peinlich er auch den Mund zum Lächeln zwang . Die Nacht , die auf diesen Tag quälender Unruhe folgte , war für den von Jahren , Gebreste und Verdacht geschwächten Mann keine Erfreuliche , und , dem Geizhalse zu vergleichen , der auf seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt , sah Diether Dagoberts und des Schultheißen hämisch lächelnde Häupter um sein Lager kreisen . Liebesgirren , und Minnegekose folterte sein Ohr , so tief er den Kopf in die Kissen wühlte , und hundertmal verließ er sein Bette , um an Margarethens Kammerthür zu lauschen , ihre Athemzüge zu zählen , und sich zu überzeugen , daß kein kecker Buhle ihre Einsamkeit theile . Den Ermüdeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenschlummer überrascht , und schon weckte ihn eine Botschaft , die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wäre ; die Kunde von der Ankunft Dagoberts . Der Sohn nicht ahnend , daß er im Vaterhause fremd geworden , stürzte mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des überraschten Vaters Brust . Ach ! die herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf dürftige Augenblicke den unseligen Wahn von Diethers Bette scheuchen . Ohne Säumen kehrte er wieder zurück . Dem unbefangnen Jüngling sogar konnte die Veränderung nicht entgehen , die sich mit seinem Vater zugetragen , allein er schrieb auf Rechnung des Siechthums , was auf Rechnung eines verblendeten Gemüths kam . Aufrichtig und stürmisch , wie er war , konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten . » Sagt mir doch , herzlieber Vater , « sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge , welcher man so selten widersteht : » Sagt mir doch , ob es nur eine Einbildung ist , oder Wahrheit , daß ich Kälte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang wahrnehme ; und wenn es wahr seyn sollte , ob das noch von Eurer Krankheit stammt , ob nicht . Sprecht aufrichtig vom Herzen weg , damit es alsdann wieder zwischen uns werde , wie vormals . « - Diether blickte prüfend in des Jünglings redlich Gesicht , aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen . Den Scheingrund schob er ohne langes Überlegen vor . » Wie kommt es , « - fragte er beinahe hart , - » daß mir jetzo erst Dich zu sehen erlaubt ist , während Du bereits seit einigen Tagen hier verweilst ? « » Ich Vater ? « fragte Dagobert betreten , und hätte gerne verneint , unbefangen verneint . Diether ging aber ohne Zögern auf den Grund , und drängte mit neuer strengerer Frage , so daß am Ende der Jüngling den besten Theil erwählte . » So mögt Ihr ' s denn wissen ; « sprach er : » ich verstehe mich schlecht aufs Lügen , besonders wenn Ihr mir in ' s Auge seht , denn vor dem Manne , den ich am meisten ehre und liebe , habe ich kein Falsch . Es sey also darum . Wahr ist ' s ; seit vorgestern Mittag bin ich hier , und habe mich sorgfältig von Euerm Hause fern gehalten , weil - Ihr mögt mir darob nicht zürnen - weil Schwester Wallrade darinnen ein- und ausging . Heut sah ich sie jedoch mit Roß und bepacktem Wagen von dannen ziehen , und säumte länger nicht , hier einzusprechen . Gott gesegne Euch die Ostertage . Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier , und will sie mir schmecken lassen , so der Himmel will , und Ihr mich gerne an Euerm Tische seht . « - » Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste ; « antwortete Diether mürrisch : » der Bruder flieht den Ort , wo seine Schwester haust ? « - » Ihr wißt ja , Vater , daß wir ' s von jeher also hielten ; « entgegnete Dagobert mit leichtem Scherz : » Was Hänschen jung gewohnt , das thut es auch im Alter . Doch , weil ich eben seinen Namen nenne , - was macht mein Brüderlein ? Ihr sollt sehen , ob wir nicht besser zusammenhalten , als ich mit Wallraden . « - » Wirklich ? « spöttelte Diether : » Man sollte es kaum glauben . Ein Stiefbruder ist gewöhnlich nicht der Geliebtere . « - » Hm ! « lachte Dagobert : » es hat mit dem Kleinen ein besonder Bewandniß . « - Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschämung bis unter die Haare . - » Der arme Junge war stets krank , « fuhr Dagobert fröhlich fort : » nun ist er aber gesundet , wie ich höre . Seht , schon dieses freut mich ungemein . Doppelt lieb muß ich aber den Burschen haben , weil .... « - » Weil ... ? « unterbrach ihn Diether gespannt und heftig . - » Weil ich komme , um mit dem armen Schelm sein Erbe zu theilen . Seht mich nur verwundert an . So wie Ihr mich vor Euch erblickt , habe ich mich mit der Kirche abgefunden , oder sie vielmehr mit mir . Sie kann mich nicht brauchen , und hat der Mutter Gelübde gelöst , als ob es auf ' s Beste erfüllt worden wäre . « - » Wie ? « fragte Diether : » das ist nicht möglich . Wie solltest Du ... ? « - » Wenn Ihr Latein verstündet , « fiel hinwiederum Dagobert ein : » so würde Euch dies Pergament genug sagen , um zu glauben , was ich sage . Ich habe aber der Ursachen mehr , zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen , Vater . Brachte ich Euch die frohe Mähr ein Jährlein früher , so lagt Ihr voll Entzücken an meinem Halse . Heute geberdet Ihr Euch just , als wär es Euch zuwider , was ich bringe , und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt , da es noch unabwendbar schien . « - » Wie soll ich mich freuen , « brach Diether los , » wenn ich aus Allem entnehmen muß , daß Dein wüster Lebenswandel allein hier den Ausschlag gegeben . Nicht würdig hat man Dich befunden , das Meßgewand zu tragen und zu binden und zu lösen . Ich weiß , was Costnitz und des Conciliums Väter von Dir denken , wie unzähligemal Du Deinen Ohm gekränkt , mißhandelt , daß er am Ende seine Väterhand von Dir abgezogen . « - »