Führer diene in dieser Wüste des Lebens . « In diesem Moment öffnete sich die Thüre , Albert sprang erschrocken auf . Es war nur einer seiner Diener , der Licht brachte und zugleich ein schwarzgesiegeltes ziemlich starkes Briefpacket ihm überreichte , welches so eben der Bote von der nächsten Post abgegeben hatte . Mechanisch nahm Albert es an und öffnete es , eigentlich nur , um dem Bedienten , der noch einige Augenblicke im Zimmer beschäftigt blieb , seinen heftig bewegten Zustand zu verbergen . Doch einzelne Worte zogen dennoch seine Aufmerksamkeit an , indem er die in dem Packet enthaltenen Papiere ohne eigentlich zu lesen nur flüchtig überschaute . Er zwang sich aufmerksamer zu lesen , und der Inhalt derselben fesselte ihn endlich ganz . Als er vollendet hatte , rieselte Todeskälte ihm den Nacken hinab , sein Haar sträubte sich und die Hand zitterte konvulsivisch , in welcher er die Papiere hoch empor hob . » Du hast mich erhört ! « rief er bleich wie ein Sterbender , den starren Blick zum Himmel gerichtet , » Du hast das Zeichen mir gegeben , das ich vielleicht an Deiner Gnade frevelnd mir erflehte . Ich beuge mich tief in den Staub vor Dir , ich folge zitternd aber willig dem Wink Deiner allmächtigen Hand . Nimm das Opfer gnädig an , seegne Luise und Oskar ! « Das Packet , welches Albert gerade in diesem Moment erhielt und das seine aufgeregte Phantasie so wunderbar ergriff , enthielt die Nachricht von dem im hohen Alter erfolgtem Absterben des Kardinals , seines Großoheims und zugleich die Abschrift von dessen letzten Willen . Der fromme Greis hatte eine Hälfte seines wirklich fürstlichen Vermögens der Kirche zu wohlthätigen Stiftungen hinterlassen , die zweite Hälfte desselben in reiche Legate unter seine Freunde , Verwandte und alte treue Diener vertheilt . Albert war mit einem reichen Vermächtnisse bedacht worden , das beinahe dreimal so viel betrug als die Summe , welche nach Meinaus Berechnung nöthig war , um alle seine Schulden zu tilgen . Eine Anweisung war dem Briefe beigefügt , gegen welche er den vollen Betrag des Vermächtnisses bei einem der ersten Handelshäuser in St * * * erheben konnte , sobald er sich als der , dem es bestimmt war , legitimirte . Mit jener an Todeskälte gränzenden Fassung , die dem auf den Fluthen des Lebens Müdegetriebenen das Ansehen scheinbarer Ruhe gewährt , setzte Albert sich hin , um an Luisen zu schreiben , die unter dem Vorwande großer Nervenschwäche an diesem Tage niemanden vor sich lies . Er meldete ihr , daß ein dringendes Geschäft ihn zwinge , morgen in aller Frühe nach St * * * zu reisen . Sie lies ihm mündlich zurücksagen , daß sie sich zu schwach fühle , um ihn noch vor seiner Abreise zu sehen , daß sie hoffe , er würde nicht lange ausbleiben und ihn bitte , das jüngste Kind nebst seiner Wärterin bis B * * mitzunehmen , wo ihre Eltern wohnten , indem eine sehr bösartige Blatterepidemie anfange , unten im Dorfe und in der Umgegend Ueberhand zu gewinnen und sie daher wünsche , den Kleinen bei den Großeltern in Sicherheit zu wissen . Albert hörte von diesem allen nur , daß Luise ihn nicht wiedersehen wolle . Die Nacht ward zum Theil unter dem Einpacken der zu seiner Legitimation nothwendigen Papiere hingebracht . Sein Herz lag tod und schwer in seiner Brust und keine Thräne kam in seine heißbrennenden Augen . Noch einmal zog er durch alle Zimmer seines Schlosses , wie ein rastloser Geist , der weder im Himmel noch auf Erden eine bleibende Stätte findet . Der Morgen dämmerte , leise öffnete Albert die Thüre zu Luisens Zimmer , sie schlummerte sanft und hörte ihn nicht . Noch einmal betrachtete er die holde Gestalt , wie sie in jugendlicher Anmuth , aufgelöst in süßem Vergessen dalag . Tief und schmerzlich , in blutigen Zügen prägte das geliebte Bild sich ihm ins gemarterte Herz für eine Ewigkeit ein . Er wagte es nur , eine ihrer Locken zu küssen , um sie nicht zu wecken und riß sich dann von ihr los , wie ein Verzweifelnder vom Leben scheidet . Im Wagen versank er anfangs in dumpfes starres Hinbrüten und ward es gar nicht gewahr , daß die Wärterin , seinen schlummernden Knaben auf dem Schooß , ihm gegenüber saß . Doch als ein flammendes Lichtmeer sich über Erde und Himmel ergoß , und die spät aufgehende Sonne in ihrer winterlichen Pracht Bäume und Felder mit blitzenden Rubinen übersäete , da wachte auch das Kind auf und streckte , laut jauchzend für Freude , dem Vater die kleinen Arme liebkosend entgegen . Ein Strom von Thränen stürzte jetzt aus Alberts Augen und erleichterte sein bis zum zerspringen zusammengedrücktes Herz . Er nahm das zarte kleine Wesen in seine Arme , das sich in dem , vor jedem Eindringen der Kälte sorgfältig geschützten Wagen sehr behaglich fühlte , und in seiner wortlosen Sprache seine Freude auszudrücken strebte . » Dich habe ich noch ! « rief Albert ; » doch noch ein Wesen das zu mir gehört ! Dich gab ein Gott mir zum Troste mit in die verödete Welt . Und willst Du immer mir bleiben ? Willst Du mich niemals verlassen ? « Das Kind schlang lächelnd ihm beide Aermchen um den Nacken . Es war zu viel für sein Herz , er gab es der Wärterin zurück und weinte laut . Ohne Plan für sich selbst war Albert in die Welt hinausgezogen , nur des Entschlusses sich bewußt , von allem was ihm theuer war zu scheiden . Doch der Anblick seines Kindes gab ihn sich selbst wieder zurück . In dem rastlosen kummervollen Leben das er bis jetzt geführt hatte , war ihm wenig Raum für die Beschäftigung mit seinen Kindern geblieben und oft waren ganze Wochen vergangen , ohne daß er sie zu Gesichte bekam . Doch jetzt beim Anblicke dieses wirklich sehr schönen muntern Knaben , der so ganz unerwartet sein Reisegefährte geworden war , regte sich die Vaterliebe mächtig in ihm und erwärmte wohlthätig sein fast erstorbenes Gemüth . Die Reise kam ihm nach dem heftigen Kampfe , der ihr voranging , wie Ausruhen vor und es gelang ihm , sich im Laufe derselben zu sammeln und eine Ansicht dessen zu gewinnen , was jetzt für ihn am nächsten zu ergreifen sey . So wie sie B * * , dem Wohnorte von Luisens Eltern sich näherten , kündigte er der treuen Renate an , daß er willens sey durch diese Stadt gerade durchzufahren und sie mit dem Knaben noch weiter mit sich zu nehmen . Die gute Frau war damit außerordentlich zufrieden , indem die Reise dem Kleinen sehr wohl zu bekommen schien und sie sich überdem von dem Aufenthalt bei der Frau Großmama nicht viel versprach , die gerade gegen diesen ihren jüngsten Enkel niemals große Liebe bezeigt hatte . Nach wenigen Tagen langten die Reisenden glücklich in St * * * an , wo Albert zuerst darauf bedacht war , das reiche Geschenk seines erblichenen Wohlthäters sich auszahlen zu lassen , was ohne alle Schwierigkeiten vollbracht wurde . Dann setzte er unter den gehörigen Formalitäten seinen letzten Willen auf und legte ihn gerichtlich nieder , nachdem er eine Abschrift davon nehmen lies , die er an seinen Freund Meinau zu senden Willens war . In diesem Testamente übertrug er dem Baron Meinau die Vormundschaft über seinen ältesten in Leuenstein zurückgelassenen Sohn , und bestimmte ein Drittheil der Einkünfte seiner Güter für die Erziehung desselben , zwei Drittheile aber , nebst der Wohnung in Leuenstein überlies er seiner Gattin auf Lebenslang , sogar , wie er ausdrücklich hinzusetzte , im Fall sie sich zum zweitenmale vermählen sollte . Dem Baron Meinau sandte er , nebst der Abschrift dieses Testaments , eine unumschränkte Vollmacht für die Zeit in welcher er selbst abwesend wäre ; zugleich übermachte er ihm die Hälfte der von seinem Oheim ererbten Summe , bat seinen edlen Freund , diese nach bestem Wissen zur Verbesserung seiner Besitzungen anzuwenden , benachrichtigte ihn von dem Absterben des Kardinals und trug ihm zugleich auf , Luisen zu melden , daß er nach Italien zu gehen gedenke , um dort das Grab des väterlichen Beschützers seiner Jugend zu besuchen . Er bat sie , ihm zu verzeihen , daß er seinen Sohn mit sich auf die Reise nähme , indem das Kind ihm jetzt zu lieb geworden wäre , als daß es ihm unmöglich sey , sich von ihm zu trennen . Der zweiten Hälfte der so unverhofft ererbten Summe erwähnte Albert in diesem Briefe nicht , denn diese glaubte er , mit Recht ausschließend als sein Eigenthum und als das künftige Erbtheil seines jüngern Sohnes betrachten zu können ; aber er empfahl nochmals seine Luise in den dringendsten , rührendsten Ausdrücken dem Schutze seines Freundes und bat ihn zugleich , Oskar seiner unveränderten Liebe und Dankbarkeit zu versichern und ihm zu sagen , daß er fest darauf rechne , ihn bei seiner Heimkehr noch in der Nachbarschaft von Leuenstein anzutreffen . Der Brief ward versiegelt und abgeschickt , und Albert fühlte sich von diesem Augenblick an von seiner ganzen Existenz , von allen ihren Freuden und Hoffnungen , von allen ihren Schmerzen und Sorgen auf ewig geschieden , ein heimathloser Wanderer auf Erden . Die Ueberzeugung , jetzt einzig an sich selbst gewiesen zu seyn , ohne eine Seele die ihm nahe genug geblieben wäre , um ihm auf seinem ferneren Wege eine leitende Hand zu reichen , gab ihm eine Selbstständigkeit , die er sich nie zugetrauet hätte . Er glich einem Kinde , welches gehen lernt und immer weniger schwankend vorwärts schreitet , sobald es sich nur einmal entschließen konnte , die Gegenstände loszulassen , an die es bis dahin sich ängstlich angeklammert hielt . Alberts Hauptsorge war jetzt , sein Daseyn Allen , die früher ihn gekannt hatten , zu verbergen , um sowohl vor den Augen der Welt als derer , die durch engere Bande an ihn gefesselt waren , spurlos zu verschwinden . Unerachtet seiner bisherigen Unerfahrenheit in allem , was zum practischen Leben gehört , gelang es ihm , dieses auf die zweckmäßigste Weise auszuführen . Den einzigen Bedienten , der ihn von Leuenstein aus begleitet hatte , schickte er in St * * * unter einem wohl ersonnenen Vorwande zurück , ehe er noch selbst diese Stadt verließ , um angeblich die Reise nach Rom anzutreten . Unterwegs wandte er sich in gerad entgegengesetzter Richtung von dem Wege ab , von dem man glauben mußte , daß er ihn genommen habe ; mit großer Vorsicht verwandelte er seinen alten adlichen Namen , sobald er dieses sicher und unbemerkt wagen durfte , in einem unbekannten bürgerlichen und eilte nun , so schnell er konnte , der von Leuenstein entferntesten Gegend in Deutschland zu , das er nicht ohne Noth zu verlassen entschlossen war . Die treue Renata , die er , so viel dies schicklich und möglich war , in einen Theil seines Geheimnisses einweihte , ließ sich leicht bewegen , durch einen heiligen Eid zum ewigen Verschweigen seines wahren Namens und Standes sich zu verbinden , da er ihr gelobte , sie nie von dem Kinde zu trennen , an dem sie mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit hing , und das von nun an für das ihre gelten sollte . Je weiter Albert von dem ehemaligen Schauplatz seines Wirkens und Lebens sich entfernte , je besser gelang es ihm , seine Zukunft in seinem Gemüthe zu ordnen . Seine frühere , nie ganz erstickte Liebe zur Wissenschaft erwachte wieder , überdem fühlte er , daß nur anhaltende ernste Beschäftigung ihn auf die Länge vor Wahnsinn und Verzweiflung bewahren könne , und so beschloß er alles anzuwenden , um sich noch so viel möglich die Kenntnisse zu erwerben , die ihm mangelten , um späterhin seinen Sohn zu einem würdigen , nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu bilden und ihn vor den Fehltritten zu bewahren , zu denen seine Unerfahrenheit im Leben ihn selbst verleitet hatte . Sobald er weit genug sich von Leuenstein entfernt glaubte , miethete er daher Frau Renata in einem artigen , mitten in einer der reizendsten Gegenden belegenen Landhause ein , wo er sie für eine ihm nah verwandte Wittwe ausgab , welche mit ihrem einzigen Kinde in ländlicher Stille zu leben wünsche . Er selbst aber bezog eine damals sehr berühmte , einige Meilen von jenem Landhause entfernte protestantische Universität , wo er förmlich seine Studien begann , die ihm durch die unter Pater Jeronimos Leitung erhaltene klassische Erziehung sehr erleichtert wurden . Seine Erscheinung fiel an diesem Orte niemanden auf , denn man war es in jener Zeit mehr gewohnt als jetzt , Jünglinge erst im reiferen Alter die Universität beziehen zu sehen ; überdem hatte Albert eben erst sein sechs und zwanzigstes Jahr zurückgelegt und sah weit jünger aus , als er eigentlich war . Da er beinahe alle Gesellschaft und besonders öffentliche Orte mied , so wurde seine Existenz kaum bemerkt . Seine einzige Erholung nach wochenlanger Arbeit schränkte sich auf einen Besuch bei seinem Sohne ein , der unter Renatas treuer Pflege recht munter und kräftig heranwuchs . In Leuenstein hatte man indessen , wenige Monate nach Alberts Entfernung in der Zeitung die Nachricht gelesen , daß an der italienischen Küste ein Schiff sammt der ganzen Mannschaft und allen darauf befindlich gewesenen Passagieren zu Grunde gegangen sey . Dabei wurde besonders das Schicksal eines Baron Albert von Leuen mit Bedauern erwähnt , der sich mit seinem Sohne und dessen Wärterin in Triest eingeschifft hatte , um dem noch sehr jungen unmündigen Kinde den Uebergang über die Alpen zu ersparen , und der nun sammt diesen auf so traurige Weise ebenfalls den Tod in den Wellen gefunden hatte . Welchen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht sowohl auf Luisen als Oskar und den Baron Meinau machen mußte , ist leicht zu erachten , doch nichts gleicht Alberts tiefem Seelenleiden , als er bald darauf sich im Namen seiner Frau und seines Freundes Meinau in allen Zeitungen auf das dringendste aufgefordert sah , von seinem Leben und seinem jetzigen Aufenthalte Nachricht zu geben , indem man immer noch hoffe , daß jenes Gerücht von seinem Untergange ungegründet gewesen sey . Diese Aufforderungen wurden mehrere Monate hindurch immer rührender und erschütternder wöchentlich wiederholt , und der schwere Kampf zwischen Alberts noch immer unbesiegten treuen Liebe und dem Glauben , daß die Heißgeliebte nur durch seinen anscheinenden Tod das ihr von jeher bestimmt gewesene Glück finden könne , erhob sich denn jedesmal von neuem in seinem Gemüthe . Die Stimme der Gattin und des Freundes lockten ihn mit unaussprechlicher Lieblichkeit aus der Ferne , oft war er nahe daran , den Schritt zurückzuthun , durch welchen er Heimath , Namen , ja seine ganze Existenz auf Erden freiwillig hingab , um nur Luise wahrhaft glücklich zu wissen , aber er hielt dennoch fest an der einmal gewonnenen Ueberzeugung : hier standhaft bleiben zu müssen , um nicht aus schnöder Eigenliebe sowohl an Luisen als an dem edlen Retter ihres Lebens unwürdig zu handeln . Diese quälenden Nachklänge aus seinem vergangenen Leben hörten endlich auf ; doch nun erschien ein volles Jahr nach seiner Abreise von Leuenstein ein Aufruf andrer Art , der ihn von Gerichtswegen ermahnte , sich binnen Jahresfrist zu melden , widrigenfalls er für todt erklärt und seiner Gattin die Erlaubniß ertheilt werden würde zur zweiten Ehe zu schreiten . Albert schwieg und meldete sich nicht , aber noch schmerzlicher als zuvor fühlte er sich tief in der Seele verwundet , obgleich er nichts anders bezweckt und erwartet hatte . Noch gewaltsamer traf ihn die , Freunden und Verwandten gewidmete Ankündigung von Oskars und Luisens Vermählung , die er nach Ablauf des ihm gesetzten Termins ebenfalls in den Zeitungen las . Sie schien ihm der letzte Todesstoß alles seines Hoffens auf Erden , und dennoch hatte er gewähnt , seine Rechnung mit dem Leben ganz abgeschlossen zu haben . Tief erschüttert sank er aufs Krankenbette , wo er mehrere Wochen hindurch in wohlthätigen Fieberphantasien alles vergaß , nur nicht seine Liebe . Als er endlich wieder zum Leben erwachte , schien es ihm selbst , er gehöre schon zu den Todten . Wie ein abgeschiedener Geist überschaute er noch einmal mit jener süßen wehmüthigen Ruhe , die jedes Genesen nach schwerer Krankheit begleitet , den kurzen aber dornenvollen Pfad seiner Vergangenheit , und segnete nun das Geschick , das , indem es ihn aus der Welt stieß , ihm dennoch einen geliebten theuren Zweck seines künftigen Daseyns mit in die Verborgenheit gab , zu der er sich von nun an verurtheilt sah . Nochmals gelobte er sich , denselben mit treuem Eifer sich zu weihen und in Zukunft nur dem Kinde zu leben , das lächelnd wie ein tröstender Engel an seinem Lager stand ; das letzte Band das ihn noch an das Leben fesselte und ihn bewog , es muthig zu tragen . Nachdem Albert vier Jahre auf der Universität verlebt hatte , sah er die Nothwendigkeit ein , ernstlich darauf zu denken sich endlich einen bleibenden Wohnort zu wählen , als plötzlich Frau Renata erkrankte und durch ihren bald darauf erfolgten Tod ihn bestimmte , diesen Entschluß zu beschleunigen . Albert weinte schmerzlich bittre Thränen am Grabe der treuen Pflegerin seines Sohnes ; sie war die Einzige , die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte , und er fühlte sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset , als je zuvor . Er ermannte sich indessen wieder , nahm seinen Knaben , der jetzt beinahe fünf Jahre alt , der weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte , und trat mit ihm , von einem einzigen Diener begleitet eine Reise an , um irgendwo in Deutschland einen Ort aufzufinden , in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit , doch dem größern Wirkungskreise der Welt nahe genug leben könne , um seinen Sohn die Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen , die der einzige Grund seines verfehlten Daseyns und aller seiner frühern Leiden gewesen war . Beschluß des oben abgebrochenen Briefes von Albert an seinen Bruder Bernhard . In dieser großen lebensreichen Handelsstadt , in welcher ich nun schon seit zwölf Jahren einheimisch bin , denke ich auch den Rest meiner Tage vollends abzuspinnen , so lange es Gott gefällt . Wenn aber nun wirklich meine letzte Thräne geweint , mein letzter Seufzer verhallt ist , und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem Rasenhügel ausruhe , den ich unfern meiner bescheidenen Wohnung im duftigen Schatten einer uralten Linde mir längst zum letzten Asyl erwählt habe , dann , mein Bruder , mein hochgeliebter Bernhard , dann wird ein Dir unbekannter Jüngling vor Dich hintreten und Du wirst wähnen , Dich selbst durch ein Wunder wieder in neu erblühter Jugend zu sehen . Nimm ihn in Deine Arme , an Dein Herz , denn dieser Jüngling ist mein Sohn , ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen . Vergönnt es die ewige Weisheit , welche das unsichtbare Reich dort drüben , wie hier unten das sichtbare allmächtig beherrscht , so umschwebt in jener heiligen Stunde mein entfesselter Geist Euch , theure Beide ! und Du fühlst das Wehen seiner , unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkündenden Nähe . Von jenem Augenblicke an lege ich die Bestimmung des künftigen Geschicks meines Raimunds in Deine Hände , des einzigen Wesens , das mein sonst so freudenarmes Daseyn durch einen Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte . Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem Tage die treffendste Aehnlichkeit mit Dir , mein Bernhard , und täuscht mich nicht die Liebe des Vaters zum Sohne , die so oft und gern unsern Blick verblendet , so ist es nicht nur die edle schöne Gestalt , die er von Dir ererbte , sondern es glüht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem Innern und in seiner Brust schlägt ein Herz , dem Deinen gleich . Liebe mich in ihm , wie ich Dich in ihm immer geliebt habe . Ach sein Anblick allein erleichterte mir den herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung , und wenn er sprach , drang mir in seiner Stimme der milde tröstende Ton der Deinen tief ins Herz , der Stimme , die nie , nie wieder hören zu dürfen mein trauriges Loos auf Erden ist . Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kästchen Dir wieder zurück , das Du von Maltha aus an mich sandtest . In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fächern desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon längst der Welt Abgestorbenen nieder , nebst allem was einst dazu dienen kann , meinem Sohne das Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten , den seine Geburt ihm verlieh . Er selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm , und Dir mein Bruder bleibt es überlassen zu entscheiden : ob er jemals erfahren soll , welch einem ehrwürdigen Stamme er entsprossen ist , oder ob er noch ferner nur auf sich selbst zurückgewiesen , als der Sohn eines unbekannten dunkeln Bürgers , für den er sich hält , die Bahn verfolgen soll , für die ich ihn erzogen habe . Auch auf ihr kann er einst als ein geachtetes , nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft sich Ehre , Ansehn und alles , was man im gewöhnlichen Leben Glück nennt , erwerben ; es wird ihm dieses sogar leichter gelingen können , als es dem nicht reichen , jüngsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen könnte . Noch ein Bekenntniß bin ich Dir schuldig und warum sollte ich länger anstehen , es Dir freimüthig abzulegen ? Ich habe meinen Sohn im Glauben der Kirche erzogen , die seines Vaters Hause jetzt am nächsten steht . Raimund ist Protestant , ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universität verließ , obgleich ich nie öffentlich zu jener Kirche überging . In meinem jetzigen Wohnorte konnte kein äußeres Bedingniß zu einem solchen Schritte mich zwingen , gegen den ich immer eine Abneigung fühlte , und warum sollte der Mensch das Heiligste was er hat , seinen Glauben , ohne Noth und ohne Beruf den Augen der Welt darlegen wollen ? Dich aber , mein Bruder ! und Deinen milden vorurtheilsfreien Sinn kenne ich zu gut , um zu fürchten daß Du mir zürnen könntest , weil ich hier von der Bahn unsrer Väter und auch von der Deinen abgewichen bin . Du traust mir gewiß zu , daß nur wahre innere Ueberzeugung mich bestimmen konnte , und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben , weil sein Vater bei dessen Erziehung dieser Ueberzeugung gefolgt ist . Ob Du aber aus Familienrücksichten es nun nicht gerathner finden wirst , Raimund , den ersten Protestanten in unserem Hause , in der Dunkelheit seines bürgerlichen Namens verharren zu lassen , darüber vermag ich , aus Unbekanntschaft mit den Gründen , die dabei vorwalten könnten , nicht zu entscheiden . Du wirst wie immer das Beste zu wählen wissen und ich überlasse Dich hierin mit der vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl , denn ich weiß , daß Raimunds wahres Glück nicht von der Veränderung seines Namens abhängig ist . Nur Deiner Liebe bedarf er , wenn er nun ohne mich allein in der Welt steht , nur diese entziehe ihm nicht , und möge er immer , wenn Du es so willst , dem süßen Wahn überlassen bleiben , daß er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren , daß in diesem auch die Stimme , des Bluts für ihn spreche . Indessen könnten aber doch einst Zustände eintreten , die Dich bestimmten Raimund als den , der er seiner Geburt nach ist , in der Welt auftreten zu lassen . Ist dieses jemals der Fall , so beschwöre ich Dich , mein Bruder , bei allem was Dir heilig ist , bei Deiner künftigen Ruhe , bei Deiner Hoffnung auf eine seelige Zukunft : gieb nie zu , nie , unter keiner Bedingung , daß dies geschehe so lange seine Mutter noch lebt . Was würde aus Luisen , was aus Oskar werden , wenn sie von der Verlängerung meines traurigen Daseyns Kunde bekämen ! und wie könnte dieses ihnen dann noch verborgen bleiben , wenn Raimund wieder ans Licht träte ? Nein , nein , lasse sie bis an ihr Ende in dem Wahne verharren der sie beseeligt , den ich mit meinem Leben ihnen erkaufte . Alles , alles was ich erstrebte , Luisens innrer Friede , das ganze Glück ihres Daseyns wären bei einer solchen Entdeckung auf immer verloren . Raimunds Wiedererstehen böte seiner Mutter keinen Ersatz , er war nie das Kind ihrer Liebe , die sich einzig auf ihren Erstgebornen beschränkte und ihre Thränen um ihn , wie die um mich - sind längst schon getrocknet . Ich habe vollendet und scheide jetzt von Dir . Bald , mir sagt es ein unbezwingliches Vorgefühl meines nahen Scheidens aus dieser Welt , bald , recht bald werden diese Blätter in Deinen Händen seyn . Laß keine bittre Thräne des Schmerzes sie netzen , halte fest an der tröstenden Gewißheit : daß sobald Dein Auge auf ihnen ruht , Dein armer lange verbannter Albert endlich durch Nacht und Dunkel zu der ewigen lichthellen Heimath den Weg fand , wo er freudig Deiner harret , um Dich nie wieder zu verlieren . Die Liebe aber , die dann in Deiner Brust aufs neue gewiß für ihn erwachen wird , beglücke seinen Sohn ; sie ist das herrlichste Erbtheil , das sein Vater ihm hinterlassen konnte . Feire zuweilen mit ihm das Andenken Deines Bruders und freue Dich , daß dieser endlich hinüber gelangt ist , ins Land der ewigen Ruhe . Albert von Leuen . Alberts Hoffnung hatte ihn abermals getäuscht , er mußte noch den großen Schmerz erfahren , seinen Bruder Bernhard zu überleben , ohne an dessen Grabe weinen zu können . Alle verjährten Schmerzen seines verarmten Lebens erwachten in ihm von neuem bei dieser Todesnachricht ; jeder seiner Tage bildete von nun an ein Glied der langen Kette trüber Erinnerungen , die Muth und Athem raubend , ihn immer fester umschlang bis an sein Grab . Es ist schwer zu errathen , was er während seiner übrigen Lebenszeit bei dieser traurigen Veränderung der Dinge mit den Papieren beabsichtigte , welche er in den elfenbeinernen Kästchen niedergelegt hatte ! Sie zu vernichten verhinderte ihn wahrscheinlich jenes heimliche Grauen , das wohl ein jeder bei ähnlichen , wenn gleich vielleicht minder wichtigen Gelegenheiten schon empfand . Denn das geschriebene Wort steht außer uns und sieht gar fremd und wundersam uns an , als ob Geister die todten Züge bewachten und mit unsichtbarer Gewalt die Hand fesselten , die schon zum Zerstören gehoben ward . Aus einigen , in Alberts Nachlaß vorgefundenen Papieren scheint hervorzugehen , daß er zuweilen Willens war , sich das Kästchen mit ins Grab geben zu lassen , aus andern aber , daß er mit dem Gedanken umging , es an einem sicheren Orte zu deponiren und dabei einen weit entfernten Zeitpunct , den Luise aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben konnte , zu bestimmen , in welchem Raimund es zurücknehmen und eröffnen sollte . So viel ist indessen gewiß , daß der Tod ihn übereilte , eh ' er hierüber mit sich selbst einig geworden war , und daß der für Raimund so wichtige Inhalt desselben diesem wahrscheinlich auf immer ein Geheimniß geblieben wäre , wenn nicht Anna zufälligerweise ihn entdeckt hätte . Auch Luise überlebte Bernhard nicht lange , den sie noch immer dankbar verehrte ; sie starb wenige Monate später als ihr erster Gemahl , an den Folgen einer heftigen Erkältung . Oskar , der jetzt an Leuenstein keine Ansprüche mehr hatte , verließ diese Gegend , um in weiter Ferne Vergessenheit eines Glücks zu suchen , dessen er sich nie mit vollem Genusse und ganz reinem Bewußtseyn hatte erfreuen können . Denn Alberts bleiche trübe Gestalt stieg oft vor seinem innern Sinne auf , und der Gedanke , durch das unzeitige Bekenntniß seiner Liebe zu Luisen den frühen Untergang dieser edlen , nur zu weichen Natur herbeigeführt zu haben , drang sich ihm bei jedem Anlasse auf und ließ nie ganz von ihm ab . Leo Bernhard , Alberts ältester Sohn und Meinaus Zögling , blieb also vor der Hand der einzige anerkannte Eigenthümer der weitläuftigen Besitzungen , die unter der Aufsicht seines trefflichen Vormundes und mit Hülfe der beträchtlichen Summen , welche Albert diesem übermacht hatte , wieder in den blühendsten Zustand versetzt worden waren . Meinau hatte während seiner langen Vormundschaft mit mehr als väterlicher Sorgfalt über die Erziehung des ihm anvertrauten Mündels gewacht , doch kein ganz glücklicher wenn gleich auch kein ganz niederschlagender Erfolg lohnte sein edles Bemühen . Leo war im Aeußern wie im Innern ganz das Ebenbild seiner Mutter , er besaß die ihr eigene Liebenswürdigkeit und Grazie , aber auch die ihr eigene Indolenz , die es ihr von jeher unmöglich gemacht hatte , sich ernst und anhaltend zu beschäftigen . Vergebens strebte Meinau diesem Characterzuge seines Mündels entgegen , Leo blieb wie er war , aber er schenkte wenigstens seinem edlen Pflegevater das innigste Vertrauen , und hing an ihm mit wahrhaft kindlicher Liebe . Niemals , selbst nachdem er schon seit mehreren Jahren mündig geworden war , konnte Leo zu dem Entschlusse kommen , sich vom Baron Meinau unabhängig zu betrachten und die Verwaltung seines Eigenthums selbst zu übernehmen . So oft dieser nur Miene machte , ihm von der Führung seiner langen Vormundschaft Rechnung ablegen zu wollen , stürmte Leo mit den dringendsten Bitten auf ihn ein , mit solch einer Zumuthung ihn zu verschonen , wenigstens bis dahin , wo er von einer großen Reise ins Ausland zurückgekehrt seyn würde , die er nächstens zu unternehmen Willens sey . Diese Reise aber ward durch die übergroße Zärtlichkeit seiner