raffte er Buch , Gemälde , Briefe , alles zusammen , und floh damit hinaus , zum Zimmer , zum Hause , zur Stadt hinaus . Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen , um diese Tageszeit ganz unbesuchten Lustwäldchens fand er sich wieder . Der gestrige Abend , die darauf zum Theil an dieser nehmlichen Stelle durchwachte lange Nacht , und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden gingen , nach und nach heller werdend , an ihm vorüber ; ihn hatte alles ein wüster Traum gedünkt , nur das Taschenbuch , gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung anschlug , war ihm ein beängstender Zeuge der Wahrheit . Abermals ergriff und öffnete er das Buch ; eine heiße Thräne entfiel seinem Auge als er sein Jugendbild betrachtete , dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Züge ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlächelten . Es war so wenig ihm noch ähnlich , daß Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte . » Ja so war ich ! Auch sie war so ! « seufzte er und verhüllte die brennenden Augen im thauigen Grase und weinte laut . Er gedachte jener Zeit , da er , fast noch ein Knabe , dieß Bild heimlich malen ließ ; er gedachte der Freude , mit der Herminia es empfing und wie sie gelobte , allen fremden Augen verborgen , es ewig auf ihrem Herzen zu tragen . Endlich ermannte er sich wieder , und begann nun ernstlich , die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen . Der erste , der ihm in die Hände fiel , war von Herminien an Hippolit . Er hatte das Geschenk sämmtlicher Porträte , das von Adelbert mit eingeschlossen , begleitet . Sie wollte , schrieb sie , durch dieses Opfer Hippoliten , dem Einzigen , den sie geliebt habe und lieben könne , jeden Argwohn benehmen , als ob sie noch in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Männer wäre , die sie freilich einst , ehe sie Ihn erblickt , zu lieben geglaubt habe . Mit ächt französischer Leichtigkeit , unübertrefflichem Witz und hinreißender Lebendigkeit gab sie ihm die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale , als Zugabe zu jenen Porträten . Vor allem aber hielt sie sich lange bei der Geschichte ihrer ersten Liebe auf . Ohne ihn zu nennen , malte sie Adelberten , recht ausgelassen muthwillig , zuerst als eine Art von zärtlichem Jocrise , im langen Kinderrock , hernach als sentimentalen , invaliden Bramarbas . Auch sich selbst vergaß sie nicht , und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen ländlichen Naivität und Einfalt . Sie wußte dabei doch sehr geschickt sich durch manche liebenswürdige Schwäche , durch manches reizende Detail interessant zu zeigen , während sie sich das Ansehen gab , sich über sich selbst lustig machen zu wollen . Versicherungen ihrer unwandelbaren , ewigen Liebe , fast in den nehmlichen zärtlichen Worten , in den nehmlichen Wendungen , deren sie unzähligemal auch gegen Adelberten sich bedient hatte ; Eifersüchtleien , Klagen , tausend Neckereien füllten viele Seiten der übrigen Briefe an Hippoliten an . Andre waren von den Originalen jener Porträte , mit denen sie ehemals in zärtlichem Verhältniß gestanden , die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten überliefert hatte . Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen , ja man möchte sagen , eines zügellosen Lebens . Adelbert mochte bald nicht weiter lesen . Das Unwahre in Herminiens Wesen eckelte ihn unbeschreiblich an ; die Thorheit des ungeheuern Opfers , welches er dieser Unwürdigen gebracht hatte , fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz . Er fühlte sich plötzlich von ihr losgerissen , frei auf ewig . Aber das Gefühl dieser Freiheit glich dem des Gefangenen , der , dem Kerker entlassen , vor der Thüre desselben steht , ohne Heimath , ohne Freund , ohne in der ganzen weiten Welt eine menschliche Seele zu wissen , zu der er sagen dürfe , nimm mich auf , denn ich gehöre dir an . Leidenschaftlich in allem , auch in der Reue , glaubte er im Uebermaaß derselben , daß sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen dürfe , in der Auguste , in der seine Kinder athmeten . Er beschloß in seiner Verzweiflung , auf immer aus ihrer Nähe sich zu verbannen , nie wieder sollte der Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden , nie ihr Auge mit Abscheu von seinem Anblicke sich wenden müssen . Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden , ohne alles Lebewohl , ohne allen Segen in die Wüsten des Lebens hinaus zu gehen , diese Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer , und dieß Gefühl hatte ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Füßen geführt . Noch immer bekämpfte diese seinen wilden Schmerz , und wandte , wenn gleich fast hoffnungslos , alles an , ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen , als der General Lichtenfels zu ihnen hereintrat . Ernst , wenn gleich nicht zürnend , ruhte sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten , der vor dem Gefürchteten sich gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hätte ; dann aber trat ein feuchter Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises . » Komm ! « sprach er , und schloß den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust . » Komm , hier trug ich den Knaben , hier ruhtest Du wundenmatt , nach ehrenvollem Kampf , dem Tode nah . Hier weintest Du im schönen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend , hier ist auch jetzt noch Dein Platz . Du warst ja immer das Kind meines Herzens ; welcher Vater wird sein Kind von sich stoßen , weil es fiel ? Komm , ich helfe Dir auf , und dann wollen wir beide frisch ans Werk , um zu retten , zu bessern , wieder herzustellen ; Gott wird uns helfen . « Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein übervolles Herz in verständlichen Worten vor ihm auszuschütten . » Sey ruhig , « sprach dieser , » ich weiß alles , Du hast mir nichts zu bekennen . Ich komme von Deinem edlen Gegner , er leidet viel , doch hoffentlich ohne Gefahr . Nur der heftige Blutverlust kann seine Heilung verzögern , die Kugel hat eine Ader zerrissen und er blieb lange ohne Hülfe . « Adelbert versuchte abermals zu reden , doch der General verhinderte es , indem er nochmals versicherte , die Gräfin Rosenberg und Hippolit hätten ihm alles erklärt . » Ich kenne den ganzen Umfang Deiner Schuld , « sprach er , » aber ich weiß auch was sie mildert . Der Graf wollte freilich anfangs auch mir , wie seinen Leuten , aus eurem Duell ein Geheimniß machen , « - » Duell ? « unterbrach jetzt Adelbert den General , » Duell nennt er es ? meine That ist Mord , meuchelmörderisch überfiel ich ihn , der wehrlos vor mir stand « - » Laß das , « erwiderte der General , » Du wußtest diesen Morgen eben so wenig was Du thatest , als ich gestern Abend wußte was ich that . Zorn und Ueberraschung sind gefährliche Feinde , die uns , auf das Mildeste genommen , zu wenigstens dummen Streichen verleiten , deren man hernach Zeitlebens sich zu schämen hat . Das haben wir beide erfahren , ich gestern , Du heute . Jetzt stehe ich aber als Abgesandter des Grafen vor Dir , durch mich fordert er zurück was er Deiner Ehre vertraute , und erinnert Dich nochmals an das heilige Versprechen ewigen Schweigens über diesen Gegenstand . Ich lese in Deinen und Frau von Aarheims Blicken , daß Du es bei ihr schon jetzt vergessen hast , « sprach nach einer kleinen Pause der General , beide mit prüfendem Blick betrachtend . » Es ist nicht recht , aber auch dießmal noch mag der Zustand Deines Gemüths Dich entschuldigen . Unsere edle Freundin ist unfähig , ihre Kenntniß eines solchen Geheimnisses zu mißbrauchen , darum übergieb ihr jetzt getrost das Buch , so kommt es am sichersten in die Hände seines Eigenthümers . Gabriele wird gewiß nicht den reinen Blick mit dessen leidigen Inhalt besudeln wollen . Und nun komm , alles ist bereit , wir gehen mit einander auf Reisen . Unsere hollsteinischen Güter entbehren schon lange unsrer Gegenwart , dort wollen wir hin . Es ist gut , daß Du jetzt Augusten noch nicht wieder siehst ; eigentlich verdienst Du es auch noch nicht , also ohne Abschied , Gabriele und Deine Kinder werden Dich indessen schon bei ihr vertreten und Deine Fürsprecher seyn . « Gabriele versuchte es , hierin dem General einzureden , doch er verhinderte sie daran mit sanfter Gewalt . » Schöne , gute Frau ! « sprach er , » ich weiß , im Grunde Ihres Herzens billigen Sie mein Vorhaben , warum denn versuchen , gegen Ihre eigne Ueberzeugung mich eines andern überreden zu wollen ? Wir sollten das nie ; es kommt davon so vieles Ueble in der Welt , und dennoch lassen sich auch die Besten und Klügsten unter uns nur zu oft von ihrem Gefühl dazu hinreißen . Von Ihnen aber weiß ich , daß Sie über diese Schwäche erhaben sind , sobald Sie sich nur recht besinnen wollen . Jetzt lege ich Augustens armes , wundes Herz an das Ihrige , und reise in dieser Hinsicht getrost , Sie werden es zu heilen wissen , wenn es geheilt werden kann . Ich komme von ihr , sie schläft noch . Armes Kind ! Körper und Geist sind todt-müde , denn wir sind zwei Nächte hinter einander durchreiset ; ich und ihre Liebe ließen ihr keine Rast , und so wollen wir ihr die Erholung gönnen , welche die Natur gütig ihr gewährt . Morgen bringt eine Staffette Ihnen die erste Nachricht von uns ; Auguste wird sich um Adelberts Geschick beruhigen , wenn sie ihn bei mir weiß . Uebrigens reisen wir Tag und Nacht bis wir über die Gränze hinaus sind , denn die Polizei könnte doch wohl Lust bekommen , sich nach dem von ungefähr losgegangnen Pistol zu erkundigen , darum fort , fort , wir haben keine Zeit zu verlieren . « Mit diesen Worten zog er Adelberten sich nach , der wie im bewußtlosen Traume ihm folgte , Gabriele blieb einsam zurück . Beinahe nicht minder betäubt als er , starrte sie gedankenlos vor sich hin , bis Annette sie mit der Nachricht ins thätige Leben zurückrief , daß Auguste erwacht sey und sehnlichst nach ihr verlange . In stiller Ergebung betrachtete Auguste ihr Geschick , so wie allmählig die Hand der Freundschaft den Schleier sorgsam lüftete , der so lange nur in verworrner Gestaltung es ihr gezeigt hatte . Dann aber begann sie auch recht innig in ihre ländliche Einsamkeit , zu ihrer Mutter , zu ihren Kindern sich zurück zu sehnen . Sie hatte noch immer manchen harten Kampf mit ihrem Herzen zu bestehen , so fern auch alle Bitterkeit ihr war und blieb . Mit dem Glauben an Adelberts unerschütterliche Liebe , an seine felsenfeste Treue , war ihr auch die Ruhe verloren gegangen , mit der sie bis dahin der süßen Gewohnheit , glücklich zu seyn , sich hingegeben hatte , ohne weder über ihr Glück noch über die Möglichkeit , daß es anders werden könne , nachzudenken . Es konnte noch alles gut werden , das fühlte sie , das hoffte sie , darum betete sie mit Inbrunst ; doch wie konnte es so werden wie es gewesen war ? Und dieß Gefühl mußte ihr Gemüth mit einer Sehnsucht , einer stillen Trauer erfüllen , welche nur der Anblick ihrer Kinder zu mildern vermochte . In ihnen lebte ja noch der Adelbert , den ihr Herz , trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes , dennoch verloren geben mußte . Adelberts Briefe , voll des Ausdrucks der tiefsten Reue , betrübten ihr Gemüth statt es zu trösten . Die glühende Leidenschaftlichkeit , mit der er Augusten zu einem engelgleichen Wesen erhob , von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur Mitleid erflehte , während er sich ihrer Liebe und ihrer Achtung auf ewig für unwerth erklärte , konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern . Nur des Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage , die er in seinen Briefen ihr offen mittheilte , gewährten ihr einigen Trost . Sein Ermuntern zum Rechten , Vorstellen dessen , was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen , stälten ihren Muth . Ihr Blick erheiterte sich , wenn sie las , wie kräftig er Adelberts , durch frühen Schmerz entnervtes Gemüth aufzurichten strebe , wie er durch Thätigkeit ihn zu zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu richten suche , und wie er alles anwende , um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich selbst zu verhelfen . » Der Zustand unsrer hiesigen , durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr verwahrloseten Besitzungen gewähren ein weites , fast unabsehbares Feld zur Arbeit , « schrieb ihr der General , » und somit lasse ich unsern Adelbert vor lauter Thätigkeit kaum zu Athem kommen . Morgens , mit Sonnenaufgang , ziehn wir hinaus in Feld und Wald , Abends giebts zu richten und zu schlichten , nachzurechnen , Papiere zu ordnen , bis in die sinkende Nacht . Da müssen die Grillen ihm verschwinden , denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu pflegen . Muthig , liebe Auguste ! laß Du mich nur gewähren , sobald es Zeit ist , bringe ich ihn gesund und geheilt , von innen und aussen , zu Deinen Füßen hin , und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen , das weiß ich , und fürchte nicht Deine Strenge , sondern nur Deine Milde , die mir ihn wieder verderben könnte . « Augusten nach Lichtenfels zu begleiten , wäre Gabrielens sehnlichster Wunsch gewesen , als endlich der Tag der Trennung herbeikam ; doch Herrn von Aarheims fortdauernde Kränklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart . Seit jener auf der Sternwarte thörigt durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Uebel , welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen . Gabrielens mitleidige Geduld vermochte es kaum , alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten und Launen zu ertragen , mit denen der grämlichste und unleidlichste aller Kranken , zu jeder Stunde des Tages , zuweilen auch der Nacht , sie quälte . Die Besuche , welche anfangs über manche lange Schmerzensstunde ihr hinüberhalfen , blieben nach und nach aus , denn sein böser Humor verscheuchte alle , die nicht , wie Gabriele , durch Pflichtgefühl gebunden , bei ihm ausharren mußten . Hippolit , der Einzige , der die Langeweile von der Moritz sich hauptsächlich geplagt fühlte , hätte verscheuchen können , befand sich selbst noch leidend . Mehrere Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen , und noch immer durfte er das Zimmer nicht verlassen . Gabriele hatte noch in keiner Lage ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zurückgewiesen gefühlt , selbst nicht am Rhein , wo frische lebendige Thätigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte . Sogar die Tante hatte sie verlassen ; um der Markise auszuweichen , war sie am Tage nach der Konzert-Scene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist , obgleich noch vor der eigentlichen glänzenden Kurzeit . Ein kaltes höfliches Billet hatte einstweilen Herminien deren Antheil an der gemeinschaftlichen Wohnung aufgekündigt , denn diese war nur im Namen der Gräfin Rosenberg dem Eigner abgemiethet worden . Die Markise aber eilte sich eben nicht , von dieser Aufkündigung Notitz zu nehmen , sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses , in anscheinend vollkommner Ruhe . Sie zeigte während dieser Zeit sich weit öftrer als sonst im Theater und bei andern öffentlichen Vergnügungen , auch suchte sie auf andre Weise , durch vielfältig ausgesendete Einladungen zu glänzenden Festen , die öffentliche Meinung irre zu leiten , oder auch zu braviren , doch gelang ihr dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft . Obendrein gehörten diese wenigen nicht zu denen , deren Beispiel auf die übrigen Einfluß haben konnte . Nie hatte es so viel Migränen und Katarrhe in der Residenz gegeben , als an den Abenden , wo die Markise einen recht glänzenden Kreis um sich her zu versammeln gedachte . So mußte Sie es bald müde werden , in ihren hell erleuchteten , aber spärlich bevölkerten Sälen ihre kleinen Koketterien zu üben , und Unmuth und Ueberdruß bewogen sie endlich , Paris , den einzigen Schauplatz wieder aufzusuchen , auf dem ihre glänzende Erscheinung gehörig gewürdigt werden konnte . Kein sehnender Blick folgte ihr dorthin , wo sie wie ein strahlendes Meteor wieder in den Strudel versank , dem sie , weder sich noch Andern zum Heil , auf kurze Zeit entstiegen war . Müde und erschöpft von einer zum größten Theil am Schmerzenslager ihres Gemahls durchwachten Nacht , saß Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der Jelängerjelieber-Laube des kleinen Gartens am Hause , dem einzigen Orte , wo es ihr jetzt vergönnt war , des im höchsten Schmucke prangenden Frühlings sich zu erfreuen . Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten , die ein warmer Frühregen verschwenderisch gestreut hatte ; ihre Rosen flammten in höchster Blüthenpracht , fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und tausend andern Blumen , die in üppiger Fülle ihre Beete schmückten , zum Himmel auf , und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen Orangenbäume , die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten . Endlich einmal entronnen der ängstlich beklommenen Atmosphäre des dunkeln Zimmers , in der sie jetzt den größten Theil des Tages , unter dem ungeduldigen Klagen ihres Kranken verleben mußte , athmete hier die arme Gabriele mit vollen Zügen neues Leben und Erquickung . Allmählig überschlich sie jene stille Sehnsucht , jener wonnige Frühlingsschmerz , der das Auge mit süßen Thränen füllt und das Herz rascher pulsiren macht . Sie gedachte ihrer ersten Jugend , ferne Gestalten gingen an ihr vorüber , und sie versank in immer lieberes Träumen , von ihrer Mutter , von Ernesto , von Ottokar . Dann gedachte sie auch des jungen Freundes , der so keck das Leben daran gesetzt hatte und alle Vorurtheile seiner Jugend , seines Standes , ja das eigne Gemüth mit eigensinniger Entsagung überwand , um einen ihm fast fremden Mann aus einem gefährlichen Traume zu erwecken . Diese That Hippolits war ihr immer im romantischen Licht eines Heldenmuths erschienen , den sie sehr geneigt war übertrieben zu nennen und dessen Aeußerung gerade auf diese Weise in dem feurigen , sonst alle Schranken so gern durchbrechenden Jüngling , ihr unerklärlich blieb , so oft sie auch schon darüber nachgedacht haben mochte . Seit seiner Verwundung hatte sie ihn nicht wieder gesehen , doch ließ sie täglich mehreremale Nachricht von ihm einziehen , denn Moritz sehnte sich stündlich nach seiner erheiternden Gegenwart , und auch sie vermißte oft ihren Edelknaben . Ein leichtes Geräusch weckte endlich die Träumerin aus ihrem fast wortlosen Sinnen ; sie blickte auf und an einer großen Zipresse gelehnt , stand dicht vor der Laube Hippolit selbst , die dunkeln blitzenden Augen auf sie geheftet . Das selige Lächeln eines Verklärten umspielte die bleichen Lippen und der Ausdruck langer körperlicher Leiden gaben der sonst so lebenskräftigen jugendlichen Gestalt etwas unbeschreiblich Rührendes . Ihn erblicken und mit einem hellen freudigen Ausruf ihm entgegen treten , war das Werk des ersten Moments , während er , wie überwältigt von der Seligkeit desselben , vor ihr auf das Knie sank und die Hand , welche sie ihm bewillkommend gereicht hatte , mit Feuerküssen bedeckte . » So ! so ! begrüße ich das neue Leben ! Hier begrüße ich die Sonne , die ich so lange entbehrte ! « rief Hippolit , wie außer sich vor Entzücken . » Unvorsichtiger ! « schalt freundlich und bewegt Gabriele , » Sie sind noch krank , Ihre Lippen brennen heiß ; wie konnten Sie in diesem Zustande sich auswagen ? Wahrlich Sie sind im Fieber , Ihr ganzes Wesen ist so unnatürlich gereizt , ruhen Sie , ich bitte , ruhen Sie aus , « sprach sie beinahe ängstlich werdend , und bemühte sich ihm aufzuhelfen . » Mir ist wohl , mir ist unnennbar wohl , freilich meinem Arzt entsprungen , und - mir ist unaussprechlich wohl , « stammelte Hippolit , ward immer bleicher und sank endlich mit geschloßnen Augen in den Sessel , aus welchem Gabriele bei seinem Eintritt aufgesprungen war . Sie wollte fort , sie wollte Hülfe herbeirufen , doch er hielt mit übernatürlicher Kraft ihre Hand fest umschlossen ; auch öffnete er nach wenigen Sekunden die Augen wieder , und athmete hoch auf , sichtbar sich erholend . » Zürnen Sie nicht , schelten Sie nicht , « bat er , » daß ich die schöne warme Sonne , den blauen Himmel , nicht länger nur aus dem Fenster ansehen mochte . Ihre Pappeln dort am Bassin sind Schuld . Ganz in der Ferne sehe ich von meinem Zimmer aus ihre Wipfel , das einzige Grün weit umher . Stundenlang habe ich während meiner Krankheit sie betrachtet , sie allein verkündeten mir den Sommer , und wenn der Wind in den schlanken Zweigen spielte war mir , als ob sie von Ihnen mir erzählen wollten . Heute , heute regten sie sich und nickten und winkten so sehr und die Nachtigall vor meinem Fenster sang so schmerzliche Sehnsucht , es war nicht länger zu ertragen ; ich öffnete ihr den Käfig und sie und ich , wir flogen beide auf und davon . Hier werde ich genesen , glauben Sie mir es nur , hier athme ich Lebensluft . « Gabriele waltete ämsig und arglos geschäftig um ihn her , während er so sich zu entschuldigen suchte , recht wie ein sorgliches Mütterchen um ihr liebes krankes Kind . Sie breitete ihren Shawl an den Zweigen der Laube aus , um ihn gegen das Sommerlüftchen zu schützen , das draussen sanft und linde die Blumen und Blüthen umspielte ; aus einem Körbchen mit Orangen , welches zufällig neben ihr stand , wählte und bereitete sie zu seiner Erquickung die süßeste Frucht , dann brachte sie ihm die schönsten Rosen herbei , es war als wolle sie ihn in diesem Moment für alle Entbehrungen der schönen Tage entschädigen , die der Arme , im dumpfen Zimmer eingekerkert , hatte verleben müssen . Nach Frauen Art vergaß sie in ihrer Geschäftigkeit beinahe , wer der Gegenstand ihrer sorgsamen Pflege eigentlich sey und Hippolit saß still und selig da , ließ sich alles gefallen und hütete sich wohl , diese schönen Augenblicke durch ein unbedachtes Wort sich zu verkümmern . Inzwischen war unter ihnen beiden doch eine Art von zusammenhängendem Gespräch aufgekommen . Gabriele erzählte von Augustens jetzigem Leben , und wie alle Hoffnung da sey , daß Adelbert in Liebe und Thätigkeit wieder genesen und zu sich selbst kommen werde . » Das alles danken wir Ihnen , Ihrem uns Allen unbegreiflichen Heldenmuthe . Sie sind ein Kronenwerther Sieger , « sprach sie und blickte mit unbeschreiblicher Freundlichkeit ihn an . » Den schwersten aller Siege , den über sich selbst , haben Sie errungen . Doch gestehen Sie mir , was konnte Sie bewegen , des Mannes , der mit so unerträglichem Trotz Sie zu beleidigen suchte , mit so fast eigensinnigem Unbedacht zu schonen und Ihr eignes Leben einem Rasenden wehrlos in die Hände zu geben ? Adelbert war Ihnen kaum ein Bekannter , und für einen solchen wagten und ertrugen Sie das Unglaubliche , das fast Unmögliche , um ihn sich und den Seinen , die Sie noch weniger kannten als ihn , am Rande des Unterganges zu retten ! Die Welt wird diese That eben so wenig zu würdigen wissen , als wir , Ihre Freunde , sie verstehen , obgleich wir sie bewundern , wärs auch nur der Seltenheit wegen . Gestehen Sie es mir im Vertrauen , lieber Hippolit , was bewog Sie zu diesem ungeheuern , unglaublichen Opfer ? « » Sie fragen im Ernst ? « erwiderte gelassen Hippolit . » Konnte ich denn anders ? Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir , da mußte er ja wohl sicher seyn . Wie hätte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen können , die Gabrielen so werth ist , deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet ! Wäre er gefallen , hätte ich ja Sie betrübt . « Eine schöne Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklärung in Gabrielens helles Auge . Sie wollte sprechen , aber der Athem versagte ihrer bewegten Brust . Lächelnd durch Thränen , wie ein seliger Engel , trat sie endlich ganz nah vor Hippoliten hin , strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zurück und hauchte einen leisen , kaum fühlbaren Kuß ihm auf die Stirne . Ihre Lippen bewegten sich , im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen , aber sie bebte erschrocken zurück da sie ihn ansah . Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte in dunkler Purpurröthe , seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer , er machte eine Bewegung , als wolle er sie umfassen , sie an seine ungestüm wogende Brust drücken , und riß sich im nehmlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und floh bis in die fernste Ecke der Laube . Dort warf er sich auf die Knie nieder ; sich selbst unbewußt , hatte er den verwundeten Arm aus der ihn stützenden Binde gezogen , und hob nun in flehender Stellung beide Hände zu ihr auf . » Nein , nein , « rief er wie ausser sich , » dieß Uebermaaß von Wonne und Schmerz erträgt keine menschliche Brust ! « Und nun ergoß sich sein übervolles Herz im glühendsten Ausbruch einer Leidenschaft , die in diesem Moment der seligsten Pein , in wüthenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr bändigen lassen wollte . Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an , ehe sie Fassung genug gewann , ihm zu antworten . » Stehen Sie auf , Graf Hippolit , « sprach sie endlich sehr ernst , » vergessen Sie den kranken Arm nicht ; wahrlich ich sehe immer mehr , wie Unrecht Sie thaten , schon heut das Haus zu verlassen . Kehren Sie heim , armer Kranker ! « setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu , » ich will es nicht verbergen , Sie haben mich erschreckt , doch das ist schon vorüber ; die Ruhe wird Ihnen wohlthun , es soll sogleich eine Sänfte geholt werden . « » Gabriele , Gabriele ! wenn Sie jetzt mich fortschicken , werde ich Sie nie wieder sehen dürfen , ich ahne es , « rief Hippolit ; » ich verdiene Ihren Zorn ; lange , lange habe ich geschwiegen , weil ich ihn fürchtete . Glauben Sie mir , ich habe mich bekämpft , ich wollte ewig schweigen , kein Hauch , kein Wink sollte das Geheimniß meines Lebens verrathen , damit Sie nur ferner mich um sich dulden möchten , damit ich nur ferner Ihre süße Stimme hören , im Strahl Ihrer lieben Augen den Himmel erblicken könne , ich erlaubte mir ja keinen größern Wunsch . Ich wollte ja nichts hoffen , nichts erflehen ; das wilde Toben hier sollte sich Ihnen nie zeigen . Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verrathen , und nun darf ich nie wieder vor Ihnen erscheinen , ich weiß es wohl , ich bin verbannt ! « Gabriele sprach in milden Worten zu ihm ; er hörte sie wohl , doch er verstand sie nicht , er konnte nur den Gedanken fassen , sie beleidigt , ihren Zorn erregt zu haben . » Wie werde ich künftig leben können ! « rief er . » Entfernung von Gabrielen ist Tod , ist Hölle , das fühlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre Schwelle verlassen hatte . Und nun gehe ich ganz hoffnungslos , kein Morgen kommt , wo ich mir sagen kann , ich werde Sie wieder sehen . O Gabriele ! O gnädige Frau ! muß es denn seyn ? ich will ja ewig schweigen , ich will ja nichts , als was Sie dem Würmchen dort auf dem Grashalm , der Mücke hier in der Luft auch gewähren , nur sehen , nur dulden sollen . Sie mich , und wenn gleich nicht freundlich wie sonst , nur ohne Zorn . Endlich gewann Gabriele einen Augenblick , sich verständlich zu machen . » Graf Hippolit , « sprach sie sehr ruhig gefaßt , » Sie verkennen sich und mich , und Ihr eignes Gefühl . Daß Sie dieses bald selbst einsehen werden , weiß ich gewiß . Für jetzt bitte ich Sie ernstlich , beruhigen Sie sich , ich zürne nicht , ich vergesse von heut an die wilden Ausbrüche , zu welchen gereizte Fantasie den Kranken verleitete ; ich wünsche daß auch Sie dieses thun mögen ; nur so allein kann unser ruhiges freundliches Verstehen ungetrübt bleiben . Kehren Sie jetzt heim , und lassen Sie Ihre völlige Widerherstellung einstweilen Ihre erste größte Sorge seyn . Leben Sie wohl . « » Sagen Sie nur , daß ich Sie wieder sehen werde , « flehte Hippolit in demüthiger Entfernung . » Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen ? kann ich es denn vergessen , daß Sie für das Glück meiner Auguste Ihr Leben wagten ? « erwiderte ihm Gabriele . Ein Bedienter unterbrach sie , er kam , um Hippoliten zu Herrn von Aarheim zu rufen . Dieser hatte bei seinem Erwachen dessen Anwesenheit im Garten erfahren und drang nun mit kränklicher Hast darauf , ihn