Angela bei uns , jeden Augenblick befürchten , daß unsere foiblesses verraten werden und auf unangenehme Weise die anständige Ruhe unseres Hofes zerstören konnten ? - Sie kennen die Fürstin , gute Benzon ! Sie wissen , daß sie manchmal besondere Grillen hat . « - » Also , « nahm die Benzon das Wort , » also Geld , ein Jahrgehalt soll die Mutter entschädigen für allen Schmerz , für alle Trauer , für alle bittre Klage um das verlorene Kind ? - In der Tat , gnädigster Herr ! es gibt eine andere Art , für sein Kind zu sorgen , die die Mutter besser zufriedenstellt als alles Gold ! « - Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick , mit einem Ton , der den Fürsten in einige Verlegenheit setzte . » Vortreffliche Frau , « begann er betreten , » warum diese seltsame Gedanken ! - Glauben Sie denn nicht , daß mir ebenfalls das spurlose Verschwinden unserer lieben Angela sehr unangenehm , sehr fatal ist ? Es muß ein artiges schönes Mägdlein geworden sein , da es von hübschen scharmanten Eltern geboren . « Aufs neue küßte der Fürst der Benzon sehr zärtlich die Hand , die sie aber schnell wegzog und mit funkelndem durchbohrendem Blick dem Fürsten ins Ohr flüsterte : » Gestehen Sie es , gnädigster Herr , Sie waren ungerecht , grausam , als Sie darauf bestanden , daß das Kind entfernt werden müsse . Ist es nicht Ihre Pflicht , den Wunsch nicht zurückzuweisen , dessen Erfüllung ich , gutmütig genug , wirklich für einigen Ersatz all meines Leids ansehen will ? « - » Benzon , « erwiderte der Fürst noch kleinlauter als zuvor , » gute herrliche Benzon , kann denn unsere Angela nicht wiedergefunden werden ? Ich will Heroisches tun für Ihre Wünsche , teure Frau ! Ich will mich dem Meister Abraham anvertrauen , mich mit ihm beraten . - Es ist ein vernünftiger erfahrner Mann , vielleicht kann er helfen . « » O , « unterbrach die Benzon den Fürsten , » o des weisen Meisters Abraham ! Glauben Sie denn , gnädigster Herr , daß Meister Abraham wirklich aufgelegt ist , für Sie etwas zu unternehmen , daß er Ihnen , Ihrem Hause getreulich anhängt ? Und wie sollte er imstande sein , etwas herauszubringen über Angelas Schicksal , nachdem in Venedig , in Florenz alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind und , was das Schlimmste ist , ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde , dessen er sich sonst bediente , um das Unbekannte zu erforschen . « » Sie , « sprach der Fürst , » Sie meinen sein Weib , die böse Zauberin Chiara . « » Sehr , « erwiderte die Benzon , » sehr fraglich möchte es sein , ob die vielleicht nur inspirierte , mit höhren wunderbaren Kräften begabte Frau diesen Namen verdient . Auf jeden Fall war es ungerecht , unmenschlich , dem Meister das geliebte Wesen zu rauben , an dem er hing mit ganzer Seele , ja , die ganz ein Teil seines Ichs war . « » Benzon , « rief der Fürst ganz erschrocken , » Benzon , ich verstehe Sie heute nicht ! - Mir schwindelt ' s im Kopfe ! Waren Sie selbst nicht dafür , daß das bedrohliche Geschöpf , vermöge dessen der Meister bald alle unsere Verhältnisse beherrschen konnte , entfernt werden möchte ? Billigten Sie nicht selbst mein Schreiben an den Großherzog , in dem ich vorstellte , daß , da jede Zauberei im Lande längst verboten , Personen , die in dieser Art beeigenschaftet , ihr Wesen trieben , nicht geduldet werden dürften und sicherheitshalber ein wenig eingesperrt werden müßten ? Geschah es nicht aus purer Schonung gegen den Meister Abraham , daß der mysteriösen Chiara nicht der offne Prozeß gemacht , sondern daß sie in aller Stille aufgegriffen und fortgeschafft wurde , wohin weiß ich nicht einmal , da ich mich darum nicht weiter bekümmert ? - Welch ein Vorwurf kann mich hier treffen ? « » Verzeihung , « erwiderte die Benzon , » Verzeihung , gnädigster Herr , aber es ist doch in der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens , der Sie wohl mit Recht trifft . - Aber ! - erfahren Sie es , gnädigster Herr ! Meister Abraham ist davon unterrichtet , daß seine Chiara weggeschafft wurde auf Ihren Anlaß . Er ist still , er ist freundlich , aber glauben Sie nicht , Gnädigster Herr , daß Haß und Rache brütet in seinem Innern gegen den , der ihm sein Liebstes raubte auf Erden ? Und diesem Mann wollen Sie vertrauen , wollen ihm Ihr Inneres erschließen ? « - » Benzon , « sprach der Fürst , indem er sich die Schweißtropfen von der Stirne wegtrocknete , » Benzon ! Sie alterieren mich sehr - ganz unbeschreiblich , möcht ' ich sagen ! - Barmherziger ! kann ein Fürst so aus der Kontenance gebracht werden ? Muß , beim Teufel - Gott , ich glaube gar , ich fluche wie ein Dragoner hier beim Tee ! - Benzon ! warum sprachen Sie nicht früher ! - Er weiß schon alles ! - Im Fischerhäuschen , gerade als ich ganz außer mir war über der Prinzessin Zustand , da floß mir das Herz , der Mund über . - Ich sprach von Angela , entdeckte ihm - Benzon , schrecklich ist es ! - j ' étois un - Esel ! - Voilà tout ! « » Und er erwiderte ? « So fragte die Benzon gespannt . » Beinahe , « sprach der Fürst weiter , » beinahe ist es mir so , als habe der Meister Abraham zuerst angefangen , von unserem früheren Attachement zu sprechen , und wie ich ein glücklicher Vater sein können , statt daß ich nun ein malheureuser sei . - So viel ist aber richtig , daß , als ich meine Beichte geendet , er lächelnd erklärte , wie er schon längst alles wisse und hoffe , daß sich vielleicht in ganzer kurzer Zeit aufklären werde , wo Angela geblieben . - Mancher Trug würde dann vernichtet werden , manche Täuschung zerrinnen . « » Das , « sprach die Benzon mit bebenden Lippen , » das sagte der Meister ? « » Sur mon honneur , « erwiderte der Fürst , » das sprach er . - Tausend sapperment - pardonnieren Sie , Benzon , aber ich bin im Zorn - wenn der Alte es mir nachtragen sollte ? - Benzon , que faire ? « Beide , der Fürst und die Benzon , starrten sich sprachlos an . » Durchlauchtigster Herr , « lispelte leise ein Kammerlakei , indem er dem Fürsten Tee präsentierte . » Bête ! « schrie aber der Fürst , im hastigen Aufspringen dem Lakei Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen schleudernd ; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Höhe , das Spiel war geendet , der Fürst , sich mit Macht bezwingend , lächelte ein freundliches » Adieu « den Erschrockenen zu und begab sich mit der Fürstin in die inneren Gemächer . Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich : » Gott , was ist das , was bedeutet das ? - Der Fürst spielte nicht , sprach so lange , so ungelegentlich mit der Rätin und geriet dann in solch entsetzlichen Zorn ! « - Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen , was sie in ihrer Wohnung , die in einem Seitengebäude dicht neben dem Schlosse belegen , für ein Auftritt erwartete . - Kaum eingetreten , stürzte ihr nämlich ganz außer sich Julia entgegen und - Doch ! gegenwärtiger Biograph ist sehr zufrieden , daß er diesmal das , was sich mit Julia während des fürstlichen Tees begeben , viel besser und deutlicher zu erzählen vermag als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen Geschichte ! - Also ! - Wir wissen , daß Julien erlaubt wurde , früher nach Hause zurückzukehren . Ein Leibjäger leuchtete ihr mit einer Fackel vor . Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt , als der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob . » Was gibt es ? « fragte Julia . » Ei , « erwiderte der Leibjäger , » ei , Fräulein Julia , haben Sie wohl die Gestalt bemerkt , die dort vor uns so schnell forthuschte ? Ich weiß gar nicht , was ich davon denken soll , seit mehreren Abend schleicht hier ein Mensch umher , der bei seiner Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muß . Wir haben ihm schon nachgestellt auf alle nur mögliche Weise , aber er entwischt uns unter den Händen , ja , er wird vor unsern Augen unsichtbar wie ein Gespenst oder wie der Gottseibeiuns selbst . « Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und fühlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt . » Fort , ach nur schnell fort , « rief sie dem Jäger zu , der meinte aber lachend , das liebe Fräulein möge sich nur nicht fürchten , denn ehe ihr etwas geschehe , müsse ihm erst das Gespenst den Hals umdrehen , überdem habe aber wohl das unbekannte Ding , was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse , Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer lichtscheuer Hase . Julia schickte ihr Mädchen , das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte , zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an . Nun , als sie einsam auf ihrem Zimmer , ging noch einmal alles in ihrer Seele auf , was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen , den sie nur krankhafter Überspannung zuschreiben wollte . Und doch war es gewiß , daß eben jene krankhafte Überspannung nur eine psychische Ursache haben konnte . - Mädchen von solch unbefangenem reinem Gemüt , wie Julia , erraten in derlei intrikaten Fällen wohl selten das Richtige . So glaubte auch Julia , als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen , nichts anderes , als daß Hedwiga von jener entsetzlichen Leidenschaft ergriffen , die sie selbst ihr so furchtbar , als die Ahnung davon in ihrer eignen Seele lag , geschildert , und daß Prinz Hektor der Mann sei , dem sie ihr eignes Selbst geopfert . - Nun , schloß sie ferner , sei , der Himmel wisse wie , der Wahn in Hedwiga aufgestiegen , daß der Prinz in anderer Liebe befangen , und habe sie gequält wie ein fürchterliches , rastlos sie verfolgendes Gespenst , so daß daraus sich die heillose Zerrüttung im Innern erzeugt . » Ach , « sprach Julia zu sich selbst , » ach , du gute liebe Hedwiga , kehrte Prinz Hektor zurück , wie bald würdest du dich überzeugen , daß du von deiner Freundin nichts zu befürchten ! « - Doch in dem Augenblick , als Julia diese Worte sprach , trat der Gedanke , daß der Prinz sie liebe , so aus dem Innersten hervor , daß sie vor seiner Macht und Lebendigkeit erschrak , daß sie sich von unnennbarer Angst erfaßt fühlte , es könne doch wahr , was die Prinzessin glaube , und ihr Verderben gewiß sein . Jener seltsame fremdartige Eindruck , den des Prinzen Blick , sein ganzes Wesen auf sie gemacht , kam ihr wieder zu Sinn , jenes Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder . Sie gedachte jenes Moments auf der Brücke , als der Prinz , sie umschlingend , den Schwan fütterte , all der verfänglichen Worte , die er damals sprach , und die , so harmlos ihr damals alles vorgekommen , ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen . Aber auch des verhängnisvollen Traums gedachte sie , als sie sich von eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz gewesen , der sie festgehalten , als sie dann erwacht , den Kapellmeister im Garten erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt , daß er sie schützen werde vor dem Prinzen . » Nein , « rief Julia laut , » nein , es ist nicht so , es kann dem nicht so sein , es ist nicht möglich ! Es ist der böse Geist der Hölle selbst , der diese sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt ! - Nein , er soll nicht Macht haben über mich ! « - Mit dem Gedanken an den Prinzen , an jene gefahrvollen Augenblicke regte sich in Julias tiefer Brust eine Empfindung , deren Bedrohlichkeit nur daran zu erkennen , daß sie die Scham weckte , die das wallende Blut ihr in die Wangen , heiße Tränen ihr in die Augen trieb . Wohl der holden frommen Julia , daß sie Kraft genug besaß , den bösen Geist zu beschwören , ihm keinen Raum zu verstatten , in dem er fest fußen können . Es ist hier noch wiederholt zu bemerken , daß Prinz Hektor der schönste liebenswürdigste Mann war , den man nur sehen konnte , daß seine Kunst zu gefallen auf die tiefe Weiberkenntnis gegründet war , die ihm das Leben voll glücklicher Abenteuer erworben , und daß eben ein junges unbefangenes Mädchen wohl erschrecken machte vor der siegenden Kraft seines Blicks , seines ganzen Wesens . » O Johannes , « sprach sie sanft , » du guter herrlicher Mann , kann ich denn nicht bei dir den Schutz suchen , den du mir versprochen ? Kannst du nicht selbst zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen , die recht widerhallen in meiner Brust ? « - Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen Kreislers , die ihr die liebsten waren , zu spielen und zu singen . In der Tat fühlte sie sich bald getröstet , erheitert , der Gesang trug sie fort in eine andere , es gab keinen Prinzen , ja keine Hedwiga mehr , deren krankhafte Phantome sie verstören durften ! » - Nun noch meine liebste Kanzonetta ! - « So sprach Julia und begann das von so vielen Komponisten gesetzte : » Mi lagnero tacendo etc. « In der Tat war Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen . Der süße Schmerz der brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie mit einer Wahrheit , mit einer Stärke ausgedrückt , die jedes fühlende Gemüt unwiderstehlich ergreifen mußte . Julia hatte geendet , in das Andenken an Kreisler ganz und gar versunken , schlug sie noch einzelne Akkorde an , die ein Echo schienen ihrer innern Gefühle . Da ging die Türe auf , sie schaute hin , und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte , lag Prinz Hektor ihr zu Füßen und hielt sie fest , beide Hände erfassend . Laut schrie sie auf vor jähem Schreck , doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und allen Heiligen , ruhig zu sein , ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres Anblicks , ihres Worts zu gönnen . Mit Ausdrücken , wie sie nur die Raserei der heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag , sagte er ihr dann , daß er nur sie , nur sie anbete , daß der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm schrecklich , todbringend sei . Daß er deshalb fliehen wollen , doch bald , von der Macht einer Leidenschaft , die erst mit seinem Tode enden könne , getrieben , zurückgekehrt sei , nur um Julien zu sehen , zu sprechen , ihr zu sagen , daß nur sie allein sein Leben , sein alles sei ! - » Fort , « rief Julia in trostloser Herzensangst , » fort - Sie töten mich , Prinz ! « » Nimmermehr , « schrie der Prinz , indem er in Liebeswut Julias Hände an die Lippen drückte , » nimmermehr , der Moment ist da , der Leben über mich bringt oder Tod ! - Julia ! Kind des Himmels ! Kannst du mich , kannst du den verwerfen , dessen ganzes Sein , dessen Seligkeit du bist ? - Nein , du liebst mich , Julia , ich weiß es , so sprich es aus , daß du mich liebst , und alle Himmel überschwenglichen Entzückens sind mir geöffnet ! « Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige Julia und drückte sie heftig an seine Brust . » Weh mir , « rief sie mit halberstickter Stimme , » weh mir - erbarmt sich niemand meiner ? « Da erhellte Fackelglanz die Fenster , und mehrere Stimmen ließen sich vor der Türe hören . Julia fühlte einen glühenden Kuß auf den Lippen brennen , und schnell war der Prinz entflohen . Also - ganz außer sich , stürzte , wie gesagt , Julia der eintretenden Mutter entgegen , und mit Entsetzen vernahm diese , was sich begeben . Sie begann damit , die arme Julia zu trösten , wie sie nur vermochte , ihr zu versichern , daß sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck , in dem er sich befinden müsse , hervorziehen werde . » O , « sprach Julia , » o , tue das nicht Mutter , ich muß vergehen , wenn der Fürst , wenn Hedwiga erfährt - « Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust , ihr Antlitz verbergend . » Du hast recht , « erwiderte die Rätin , » du hast recht , mein liebes gutes Kind , niemand darf zurzeit wissen , ahnen , daß der Prinz sich hier befindet , daß er dir nachstellt , du liebe fromme Julia ! - Die im Komplott sind , müssen schweigen . Denn daß es deren gibt , die im Bunde sind mit dem Prinzen , hat nicht den mindesten Zweifel , da er sonst ebensowenig unbemerkt hier in Sieghartshof sich hätte aufhalten , als in unsre Wohnung schleichen können . - Unbegreiflich ist es mir , wie es dem Prinzen möglich wurde , aus dem Hause zu entfliehen , ohne mir und Friedrich , der mir vorleuchtete , zu begegnen ! Den alten Georg fanden wir im tiefen unnatürlichen Schlaf , aber wo ist Nanny ? « - » Weh mir , « lispelte Julia , » weh mir , daß sie krank war und ich sie fortschicken mußte . « » Vielleicht , « sprach die Benzon , » vielleicht kann ich ihr Arzt sein « , und stieß rasch die Türe des Nebenzimmers auf . Da stand die kranke Nanny völlig angekleidet ; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht nieder , der Benzon zu Füßen . Wenige Fragen der Benzon reichten hin , um zu erfahren , daß der Prinz durch den alten , für so treu gehaltenen Kastellan - ( M. f. f. ) - mußt ' ich erfahren ! - Muzius , mein treuer Freund , mein herziger Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine Todes verblichen . - Die Trauerpost traf mich sehr hart , nun erst fühlte ich , was mir Muzius gewesen ! - In künftiger Nacht sollte , wie mir Puff sagte , in dem Keller desselben Hauses , wo der Meister wohnte , und wo man die Leiche hingeschafft , die Totenfeier gehalten werden . Ich versprach , mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden , sondern auch für Speise und Trank zu sorgen , damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl gehalten werden könne . Ich besorgte dies auch wirklich , indem ich den Tag über nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen , Hühnerknochen und Gemüse hinabtrug . - Für Leser , die alles gern auf das genaueste erklärt haben und daher auch wohl wissen möchten , wie ich es angefangen , das Getränk hinab zu transportieren , bemerke ich , daß ohne weiteres Mühen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf . Die Hausmagd , welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in ihrer Küche zu besuchen pflegte , schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz vorzüglich gewogen , so daß wir uns nie sahen , ohne auf anmutige Weise miteinander zu spielen . Sie reichte mir manchen Bissen , der eigentlich schlechter war , als wie ich ihn von meinem Meister empfing , den ich aber doch verzehrte und dabei tat , als wenn er mir ganz vorzüglich schmeckte , aus purer Galanterie . So was rührt wohl das Herz einer Hausmagd , und sie tat , worauf es eigentlich abgesehen war . Ich sprang ihr nämlich auf den Schoß , und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren , daß ich ganz Wonne und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte , die » Wachtags ihren Besen führt und Sonntags denn am besten karessiert ! « - An diese freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick , als sie aus dem Keller , in dem ich mich gerade befand , einen großen Topf voll süßer Milch herauftragen wollte , und äußerte auf ihr verständliche Weise den lebhaften Wunsch , die Milch für mich zu behalten . » Närrischer Murr , « sprach das Mädchen , die ebensogut wie alle übrigen Leute im Hause , ja wie die ganze Nachbarschaft meinen Namen wußte , » närrischer Murr , du willst gewiß die Milch nicht für dich allein , du willst gewiß traktieren ! Nun , behalt nur die Milch , kleiner Graukittel , ich muß oben schon für andere sorgen ! « Damit setzte sie den Topf mit Milch auf den Boden nieder , streichelte mir , der ich in den zierlichsten Purzelbäumen meine Freude und meinen Dank zu erkennen gab , noch was weniges den Rücken und stieg denn die Kellertreppe hinauf . - Merke dir , o Katerjüngling , hiebei , daß die Bekanntschaft , ja ein gewisses sentimentell gemütliches Verhältnis mit einer freundlichen Köchin für junge Leute unseres Standes und Geschlechts ebenso angenehm ist als ersprießlich . Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller . Trauriger , herzzerreißender Anblick ! Da lag in der Mitte auf einem Katafalk , der freilich , dem einfachen Sinn , den der Verstorbene stets in sich trug , gemäß , nur in einem Bündel Stroh bestand , die Leiche des teuern geliebten Freundes ! - Alle Kater waren schon versammelt , wir drückten uns , keines Wortes mächtig , die Pfoten , setzten uns , heiße Tränen in den Augen , in einen Kreis rings um den Katafalk umher und stimmten einen Klagegesang an , dessen die Brust durchschneidende Töne furchtbar in den Kellergewölben widerhallten . Es war der trostloseste , entsetzlichste Jammer , der jemals gehört worden , kein menschliches Organ vermag ihn herauszubringen . Nachdem der Gesang geendet , trat ein sehr hübscher , anständig in Weiß und Schwarz gekleideter Jüngling aus dem Kreise , stellte sich an das Kopfende der Leiche und hielt nachfolgende Standrede , welche er mir , unerachtet er sie aus dem Stegreif gesprochen , schriftlich mitteilte . TRAUERREDE am Grabe des zu früh verblichenen Katers Muzius , der Phil . und Gesch . Befliss . , gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder , dem Kater Hinzmann , der Poes . und Bereds . Befliss . » Teure in Betrübnis versammelte Brüder ! Wackre hochherzige Bursche ! Was ist der Kater ! - ein gebrechliches vergängliches Ding , wie alles , was geboren auf Erden ! - Ist es wahr , was die berühmtesten Ärzte und Physiologen behaupten , daß der Tod , dem alle Kreatur unterworfen , hauptsächlich in dem gänzlichen Aufhören alles Atmens bestehe , o , so ist unser biedere Freund , unser wackere Bruder , dieser treue tapfere Genosse in Freud und Leid , o , so ist unser edle Muzius gewiß tot ! - Seht , da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat alle Viere von sich gestreckt ! - Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch die auf ewig geschlossenen Lippen ! Eingefallen sind die Augen , die sonst bald sanftes Liebesfeuer , bald vernichtenden Zorn strahlten in grüngleißendem Gold ! Totenblässe überzieht das Antlitz , schlaff hängen die Ohren , hängt der Schweif herab ! - O Bruder Muzius , wo sind nun deine lustigen Sprünge , wo ist deine Heiterkeit , deine gute Laune , dein klares fröhliches Miau ! das alle Herzen erfreute , dein Mut , deine Standhaftigkeit , deine Klugheit , dein Witz ? - Alles , alles hat dir der bittre Tod geraubt , und du weißt vielleicht nun nicht einmal genau , ob du gelebt hast ? - Und doch warst du die Gesundheit , die Kraft selbst , gerüstet gegen alles körperliche Weh , als solltest du ewig leben ! Kein Rädchen des Uhrwerks , das dein Inneres trieb , war ja auch schadhaft , und der Todesengel hatte sein Schwert nicht über dein Haupt geschwungen , weil das Räderwerk abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte . - Nein ! ein feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und zerstörte frevelnd , was noch lange hätte bestehen können . - Ja ! - Noch oft hätten diese Augen freundlich gestrahlt , noch oft wären lustige Einfälle , fröhliche Lieder diesen Lippen , dieser erstarrten Brust entströmt , noch oft hätte dieser Schweif , frohen Mutes innere Kraft verkündend , sich in Wellenlinien geringelt , noch oft hätten diese Pfoten Stärke und Gewandtheit bewiesen in den mächtigsten gewagtesten Sprüngen - und nun - - O , kann es die Natur zulassen , daß das , was sie auf lange Dauer mühsam konstruiert hat , vor der Zeit zerstört werde , oder gibt es wirklich einen finstren Geist , Zufall genannt , der in despotischer frevelnder Willkür hineingreifen darf in die Schwingungen , die alles Sein dem ewigen Naturprinzip gemäß zu bedingen scheinen ? - O du Toter , könntest du das hier der betrübten , jedoch lebendigen Versammlung sagen ! - Doch , werte Anwesende , wackre Brüder , laßt uns solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht nachhängen , sondern uns ganz der Klage um den viel zu früh verlornen Freund Muzius zuwenden . - Es ist gebräuchlich , daß der Trauerredner den Anwesenden die ganze vollständige Biographie mit lobpreisenden Zusätzen und Anmerkungen vorträgt , und dieser Gebrauch ist sehr gut , da durch einen solchen Vortrag auch in dem betrübtesten Zuhörer der Ekel der Langeweile erregt werden muß , dieser Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch bewährter Psychologen am besten jede Betrübnis zerstört , weshalb denn auf jene Weise der Trauerredner beide Pflichten , die , dem Verewigten die gehörige Ehre zu erweisen , und die , die Hinterlassenen zu trösten , auf einmal erfüllt . Man hat Beispiele , und sie sind natürlich , daß der Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnügt und munter von hinnen gegangen ist ; über der Freude , erlöst zu sein von der Qual des Vortrags , verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen . - Teure , versammelte Brüder ! wie gern folgte auch ich dem löblichen bewährten Gebrauch , wie gern trüge ich euch die ganze ausführliche Biographie des erblaßten Freundes und Bruders vor und setzte euch um aus betrübten Katern in vergnügte , aber es geht nicht , es geht wahrhaftig nicht . - Seht das ein , teure , geliebte Brüder , wenn ich euch sage , daß ich von dem eigentlichen Leben des Verblichenen , was Geburt , Erziehung , weiteres Fortkommen betrifft , beinahe gar nichts weiß , daß ich daher euch lauter Fabeln auftischen müßte , wozu der Ort hier bei der Leiche des Erblaßten viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist . - Nichts für ungut , Bursche , aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons nur mit wenigen schlichten Worten sagen , was für ein schmähliches Ende der arme Teufel , der hier starr und tut vor uns liegt , nehmen mußte , und was es für ein wackrer , tüchtiger Kerl im Leben war ! - Doch , o Himmel ! ich falle aus dem Ton der Beredsamkeit , unerachtet ich derselben beflissen und , will es das Schicksal , Professor poeseos et eloquentiae zu werden hoffe ! « - ( Hinzmann schwieg , putzte sich mit der rechten Pfote Ohren , Stirn , Nase und Bart , betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche , räusperte sich aus , fuhr nochmals mit der Pfote übers Gesicht und sprach dann mit erhöhtem Tone weiter . ) » O bittres Verhängnis ! - o grauser Tod ! mußtest du auf solch grausame Weise den verewigten Jüngling hinraffen in der Blüte seiner Jahre ? - Brüder ! ein Redner darf dem Zuhörer nochmals sagen , was dieser schon erfahren bis zum Überdruß , darum wiederhole ich , was ihr schon alle wißt , daß nämlich der dahingeschiedene Bruder fiel als ein Opfer des wütenden Hasses der Spitzphilister . - Dorthin auf jenes Dach , wo sonst wir uns ergötzten in Friede und Freude , wo fröhliche Lieder schallten , wo Pfot ' in Pfot ' und Brust an Brust wir ein Herz , eine Seele waren , wollte er hinaufschleichen , um in stiller Einsamkeit mit dem Senior Puff das Andenken jener schönen Tage , wahrer Tage in Aranjuez , die nun vorüber , zu feiern , da hatten die Spitzphilister , die auf jede Weise , jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten , in die dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt ; in eins derselben geriet der unglückliche Muzius , zerquetschte sich das Hinterbein und - mußte sterben ! - Schmerzhaft und gefährlich sind die Wunden , die Philister schlagen , denn sie bedienen sich jederzeit stumpfer schartiger Waffen , doch stark und kräftig von Natur , hätte der Dahingeschiedene , der bedrohlichen Verletzung unerachtet , wieder aufkommen können , aber der Gram , der tiefe Gram , sich von schnöden Spitzen