, den fremden Mann der Irrenanstalt zu St. Getreu zu übergeben , weil ich hoffen durfte , daß , wäre Wiederherstellung möglich , sie gewiß dem Direktor jener Anstalt , einem in jede Abnormität des menschlichen Organismus tief eindringenden , genialen Arzte , gelingen werde . Des Fremden Genesen mußte das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Mächte wenigstens zum Teil enthüllen . - Es kam nicht dazu . In der dritten Nacht weckte mich die Glocke , die , wie du weißt , angezogen wird , sobald jemand im Krankenzimmer meines Beistandes bedarf . Ich trat hinein , man sagte mir , der Fremde habe eifrig nach mir verlangt , und es scheine , als habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen , wahrscheinlich wolle er beichten ; denn er sei so schwach , daß er die Nacht wohl nicht überleben werde . Verzeiht , fing der Fremde an , als ich ihm mit frommen Worten zugesprochen , verzeiht , ehrwürdiger Herr , daß ich Euch täuschen zu wollen mich vermaß . Ich bin nicht der Mönch Medardus , der Euerm Kloster entfloh . Den Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch ... Fürst sollte er heißen , denn aus fürstlichem Hause ist er entsprossen , und ich rate Euch , dies zu beachten , da sonst mein Zorn Euch treffen könnte . - Sei er auch Fürst , erwiderte ich , so wäre dies in unsern Mauern und in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung , und es schiene mir besser zu sein , wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut erwarte , was die ewige Macht über ihn verhängt habe . - Er sah mich starr an , ihm schienen die Sinne zu vergehen , man gab ihm stärkende Tropfen , er erholte sich bald und sprach : Es ist mir so , als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz erleichtern . Ihr habt Macht über mich , denn so sehr Ihr Euch auch verstellen möget , merke ich doch wohl , daß Ihr der heilige Antonius seid und am besten wisset , was für Unheil Eure Elixiere angerichtet . Ich hatte wohl Großes im Sinne , als ich beschloß , mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit großem Barte und brauner Kutte . Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging , war es , als träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu einem körperlichen Wesen , das recht graulich , doch mein Ich war . Dies zweite Ich hatte grimmige Kraft und schleuderte mich , als aus dem schwarzen Gestein des tiefen Abgrundes zwischen sprudelndem schäumigen Gewässer die Prinzessin schneeweiß hervortrat , hinab . Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und wusch meine Wunden aus , daß ich bald keinen Schmerz mehr fühlte . Mönch war ich nun freilich geworden , aber das Ich meiner Gedanken war stärker und trieb mich , daß ich die Prinzessin , die mich errettet und die ich sehr liebte , samt ihrem Bruder ermorden mußte . Man warf mich in den Kerker , aber Ihr wißt selbst , heiliger Antonius , auf welche Weise Ihr , nachdem ich Euern verfluchten Trank gesoffen , mich entführtet durch die Lüfte . Der grüne Waldkönig nahm mich schlecht auf , unerachtet er doch meine Fürstlichkeit kannte ; das Ich meiner Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei Häßliches vor und wollte , weil wir doch alles zusammen getan , in Gemeinschaft mit mir bleiben . Das geschah auch , aber bald , als wir davonliefen , weil man uns den Kopf abschlagen wollte , haben wir uns doch entzweit . Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig genährt sein wollte von meinem Gedanken , schmiß ich es nieder , prügelte es derb ab und nahm ihm seinen Rock . - So weit waren die Reden des Unglücklichen einigermaßen verständlich , dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewäsch des höchsten Wahnsinns . Eine Stunde später , als das Frühamt eingeläutet wurde , fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf und sank , wie es uns schien , tot nieder . Ich ließ ihn nach der Totenkammer bringen , er sollte in unserm Garten an geweihter Stätte begraben werden , du kannst dir aber wohl unser Erstaunen , unsern Schreck denken , als die Leiche , da wir sie hinaustragen und einsargen wollten , spurlos verschwunden war . Alles Nachforschen blieb vergebens , und ich mußte darauf verzichten , jemals Näheres , Verständlicheres über den rätselhaften Zusammenhang der Begebenheiten , in die du mit dem Grafen verwickelt wurdest , zu erfahren . Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle im Schloß bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen , durch Wahnsinn entstellten Reden zusammen , so konnte ich kaum daran zweifeln , daß der Verstorbene wirklich Graf Viktorin war . Er hatte , wie der Reitknecht andeutete , irgend einen pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen , um seinen Anschlag im Schlosse des Barons auszuführen . Wie er vielleicht es gar nicht im Sinn hatte , endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens . Vielleicht war er schon wahnsinnig , wie Reinhold es behauptet , oder er wurde es dann auf der Flucht , gequält von Gewissensbissen . Das Kleid , welches er trug , und die Ermordung des Mönchs gestaltete sich in ihm zur fixen Idee , daß er wirklich ein Mönch und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen . Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis zur Ankunft bei dem Förster bleibt dunkel , sowie es unerklärlich ist , wie sich die Erzählung von seinem Aufenthalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete . Daß äußere Motive stattfinden mußten , leidet gar keinen Zweifel , aber höchst merkwürdig ist es , daß diese Erzählung dein Schicksal , wiewohl verstümmelt , darstellt . Nur die Zeit der Ankunft des Mönchs bei dem Förster wie dieser sie angibt , will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages , wann Viktorin aus dem Schlosse entfloh , zusammenstimmen . Nach der Behauptung des Försters mußte sich der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen , nachdem er auf dem Schlosse des Barons angekommen . « - » Haltet ein , « unterbrach ich den Prior , » haltet ein , mein ehrwürdiger Vater , jede Hoffnung , der Last meiner Sünden unerachtet , nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu erringen , soll aus meiner Seele schwinden ; in trostloser Verzweiflung , mich selbst und mein Leben verfluchend , will ich sterben , wenn ich nicht in tiefster Reue und Zerknirschung Euch alles , was sich mit mir begab , seitdem ich das Kloster verließ , getreulich offenbaren will , wie ich es in heiliger Beichte tat . « Der Prior geriet in das höchste Erstaunen , als ich ihm nun mein ganzes Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit enthüllte . - » Ich muß dir glauben , « sprach der Prior , als ich geendet , » ich muß dir glauben , Bruder Medardus , denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich , als du redetest . - Wer vermag das Geheimnis zu enthüllen , das die geistige Verwandtschaft zweier Brüder , Söhne eines verbrecherischen Vaters , und selbst in Verbrechen befangen , bildete . - Es ist gewiß , daß Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus dem Abgrunde , in den du ihn stürztest , daß er der wahnsinnige Mönch war , den der Förster aufnahm , der dich als dein Doppeltgänger verfolgte und hier im Kloster starb . Er diente der dunkeln Macht , die in dein Leben eingriff , nur zum Spiel , - nicht dein Genosse war er , nur das untergeordnete Wesen , welches dir in den Weg gestellt wurde , damit das lichte Ziel , das sich dir vielleicht auftun konnte , deinem Blick verhüllt bleibe . Ach , Bruder Medardus , noch geht der Teufel rastlos auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar ! - Wer hat dieses oder jenes seiner höllischen Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden ; aber das ist der Wille des Himmels , daß der Mensch der bösen Wirkung des augenblicklichen Leichtsinns sich bewußt werde und aus diesem klaren Bewußtsein die Kraft schöpfe , ihr zu widerstehen . Darin offenbart sich die Macht des Herrn , daß , so wie das Leben der Natur durch das Gift , das sittlich gute Prinzip in ihr erst durch das Böse bedingt wird . - Ich darf zu dir so sprechen , Medardus , da ich weiß , daß du mich nicht mißverstehest . Gehe jetzt zu den Brüdern . « - In dem Augenblick erfaßte mich wie ein jäher , alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz die Sehnsucht der höchsten Liebe ; » Aurelie - ach , Aurelie ! « rief ich laut . Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton : » Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in dem Kloster bemerkt ? - Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen Rosalia . « - Erstarrt - lautlos blieb ich vor dem Prior stehen . » Gehe zu den Brüdern ! « rief er beinahe zornig , und ohne deutliches Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium , wo die Brüder versammelt waren . Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen , aber nicht fähig war ich , auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen ; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir , und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen . Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle , die an dem äußersten Ende des weitläuftigen Klostergartens lag . Hier wollte ich beten , aber das kleinste Geräusch , das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus frommer Betrachtung . » Sie ist es ... sie kommt ... ich werde sie wiedersehen « - so rief es in mir , und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken . Es war mir , als höre ich ein leises Gespräch . Ich raffte mich auf , ich trat aus der Kapelle , und siehe , langsamen Schrittes , nicht fern von mir , wandelten zwei Nonnen , in ihrer Mitte eine Novize . - Ach , es war gewiß Aurelie - mich überfiel ein krampfhaftes Zittern - mein Atem stockte - ich wollte vorschreiten , aber keines Schrittes mächtig , sank ich zu Boden . Die Nonnen , mit ihnen die Novize , verschwanden im Gebüsch . Welch ein Tag ! - - welch eine Nacht ! Immer nur Aurelie und Aurelie - kein anderes Bild - kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern . - Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen , verkündigten die Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens , und bald darauf versammelten sich die Brüder in einem großen Saal ; die Äbtissin trat , von zwei Schwestern begleitet , herein . - Unbeschreiblich ist das Gefühl , das mich durchdrang , als ich die wiedersah , die meinen Vater so innig liebte , und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis , das ihm das höchste Erdenglück erwerben mußte , gewaltsam zerriß , doch die Neigung , die ihr Glück zerstört hatte , auf den Sohn übertrug . Zur Tugend , zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen , aber dem Vater gleich , häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter , die in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderbnis finden wollte . - Niedergesenkten Hauptes , den Blick zur Erde gerichtet , hörte ich die kurze Rede an , worin die Äbtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte und sie aufforderte , eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes , damit der Erbfeind nicht Macht haben möge , sinneverwirrendes Spiel zu treiben zur Qual der frommen Jungfrau . » Schwer , « sprach die Äbtissin , » schwer waren die Prüfungen , die die Jungfrau zu überstehen hatte . Der Feind wollte sie verlocken zum Bösen , und alles , was die List der Hölle vermag , wandte er an , sie zu betören , daß sie , ohne Böses zu ahnen , sündige und dann , aus dem Traum erwachend , untergehe in Schmach und Verzweiflung . Doch die ewige Macht beschützte das Himmelskind , und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen , ihr verderblich zu nahen , ihr Sieg über ihn wird desto glorreicher sein . Betet - betet , meine Brüder , nicht darum , daß die Christusbraut nicht wanke , denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn , sondern daß kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche . - Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts bemächtigt , der ich nicht zu widerstehen vermag ! « - Es war klar , daß die Äbtissin mich - mich allein den Teufel der Versuchung nannte , daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug , daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte . Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue , meiner Buße , der Überzeugung , daß mein Sinn geändert worden , richtete mich empor . Die Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes ; tief im Innersten gekränkt , regte sich in mir jener bittere , verhöhnende Haß , wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt , und statt daß ich , ehe die Äbtissin jene Worte sprach , mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den Staub , wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen : » Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib , daß die Lust der Erde dir nicht aufging ? ... Als du meinen Vater sahst , verwahrtest du denn immer dich so , daß der Gedanke der Sünde nicht Raum fand ? ... Ei , sage doch , ob selbst dann , als schon die Inful und der Stab dich schmückten , in unbewachten Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte ? ... Was empfandest du denn , Stolze , als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drücktest und den Namen des Verlorenen , war er gleich ein freveliger Sünder , so schmerzvoll riefst ? - Hast du jemals gekämpft mit der dunklen Macht wie ich ? - Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen , wenn kein harter Kampf vorherging ? - Fühlst du dich selbst so stark , daß du den verachtest , der dem mächtigsten Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Buße ? « - Die plötzliche Änderung meiner Gedanken , die Umwandlung des Büßenden in den , der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben , muß selbst im Äußern sichtlich gewesen sein . Denn der neben mir stehende Bruder frug : » Was ist dir , Medardus , warum wirfst du solche sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau ? « - » Ja , « erwiderte ich halblaut , » wohl mag es eine hochheilige Frau sein , denn sie stand immer so hoch , daß das Profane sie nicht erreichen konnte , doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche , sondern wie eine heidnische Priesterin vor , die sich bereitet , mit gezücktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen . « Ich weiß selbst nicht , wie ich dazu kam , die letzten Worte , die außer meiner Ideenreihe lagen , zu sprechen , aber mit ihnen drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander , die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen . - Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen , sie sollte , wie ich , durch ein Gelübde , das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen Wahnsinns schien , dem Irdischen entsagen ? - So wie ehemals , als ich , dem Satan verkauft , in Sünde und Frevel den höchsten , strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte , dachte ich jetzt daran , daß beide , ich und Aurelie , im Leben , sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten irdischen Genusses , vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben müßten . - Ja , wie ein gräßlicher Unhold , wie der Satan selbst ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele ! - Ach , ich Verblendeter gewahrte nicht , daß in dem Moment , als ich der Äbtissin Worte auf mich deutete , ich preisgegeben war der vielleicht härtesten Prüfung , daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten , das ich noch begangen ! Der Bruder , zu dem ich gesprochen , sah mich erschrocken an : » Um Jesus und der heiligen Jungfrau willen , was sagt Ihr da ! « so sprach er ; ich schaute nach der Äbtissin , die im Begriff stand , den Saal zu verlassen , ihr Blick fiel auf mich , totenbleich starrte sie mich an , sie wankte , die Nonnen mußten sie unterstützen . Es war mir , als lisple sie die Worte : » O all ihr Heiligen , meine Ahnung . « Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen . Schon läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters , und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel , die Weihgesänge der im Chor versammelten Schwestern , durch die Lüfte , als der Prior wieder in den Saal trat . Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche , die von Menschen beinahe so überfüllt war , als sonst am Tage des heiligen Bernardus . An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit angebracht der Tribüne gegenüber , auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts , welches er selbst hielt , ausführte . Leonardus rief mich an seine Seite , und ich bemerkte , daß er ängstlich auf mich wachte ; die kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit ; er hielt mich an , fortwährend aus meinem Brevier zu beten . Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar , der entscheidende Augenblick kam ; aus dem Innern des Klosters , durch die Gittertüre hinter dem Altar führten die Zisterzienser Nonnen Aurelien herbei . - Ein Geflüster rauschte durch die Menge , als sie sichtbar worden , die Orgel schwieg , und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren , tief ins Innerste dringenden Akkorden . Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen ; von einer furchtbaren Angst ergriffen , zuckte ich krampfhaft zusammen , so daß mein Brevier zur Erde fiel . Ich bückte mich darnach , es aufzuheben , aber ein plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt , wenn Leonardus mich nicht faßte und festhielt . » Was ist dir , Medardus , « sprach der Prior leise , » du befindest dich in seltsamer Bewegung , widerstehe dem bösen Feinde , der dich treibt . « Ich faßte mich mit aller Gewalt zusammen , ich schaute auf und erblickte Aurelien , vor dem Hochaltar knieend . O Herr des Himmels , in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je ! Sie war bräutlich - ach ! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage , da sie mein werden sollte , gekleidet . Blühende Myrten und Rosen im künstlich geflochtenen Haar . Die Andacht , das Feierliche des Moments hatte ihre Wangen höher gefärbt , und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust . Was waren jene Augenblicke , als ich Aurelien zum erstenmal , als ich sie am Hofe des Fürsten sah , gegen dieses Wiedersehen . Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe - der wilden Begier auf - » O Gott , - o , all ihr Heiligen ! laßt mich nicht wahnsinnig werden , nur nicht wahnsinnig - rettet mich , rettet mich von dieser Pein der Hölle - Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden - denn das Entsetzliche muß ich sonst tun und meine Seele preisgeben der ewigen Verdammnis ! « - So betete ich im Innern , denn ich fühlte , wie immer mehr und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte . - Es war mir , als habe Aurelie teil an dem Frevel , den ich nur beging , als sei das Gelübde , das sie zu leisten gedachte , in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur , vor dem Altar des Herrn mein zu sein . - Nicht die Christusbraut , des Mönchs , der sein Gelübde brach , verbrecherisches Weib sah ich in ihr . - Sie mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben - der Gedanke erfaßte mich unwiderstehlich . Der böse Geist trieb mich wilder und wilder - schon wollte ich schreien : » Haltet ein , verblendete Toren ! Nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau , die Braut des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut ! « - mich hinabstürzen unter die Nonnen , sie herausreißen - ich faßte in die Kutte , ich suchte nach dem Messer , da war die Zeremonie so weit gediehen , daß Aurelie anfing , das Gelübde zu sprechen . - Als ich ihre Stimme hörte , war es , als bräche milder Mondesglanz durch die schwarzen , von wildem Sturm gejagten Wetterwolken . Licht wurde es in mir , und ich erkannte den bösen Geist , dem ich mit aller Gewalt widerstand . - Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft , und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger . Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels , jede Regung der irdischen Begier . - Aurelie war die fromme Himmelsbraut , deren Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis . - Ihr Gelübde war mein Trost , meine Hoffnung , und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf . Leonardus , den ich nun erst wieder bemerkte , schien die Änderung in meinem Innern wahrzunehmen , denn mit sanfter Stimme sprach er : » Du hast dem Feinde widerstanden , mein Sohn ! Das war wohl die letzte schwere Prüfung , die dir die ewige Macht auferlegt ! « - Das Gelübde war gesprochen ; während eines Wechselgesanges , den die Klaren Schwestern anstimmten , wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen . Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten , schon stand man im Begriff , die herabwallenden Locken abzuschneiden , als ein Getümmel in der Kirche entstand - ich sah , wie die Menschen auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden ; - näher und näher wirbelte der Tumult . - Mit rasender Gebärde , - mit wildem , entsetzlichen Blick drängte sich ein halbnackter Mensch ( die Lumpen eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib ) , alles um sich her mit geballten Fäusten niederstoßend , durch die Menge . - Ich erkannte meinen gräßlichen Doppeltgänger , aber in demselben Moment , als ich , Entsetzliches ahnend , hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte , hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie , die den Platz des Hochaltars einschloß , übersprungen . Die Nonnen stäubten schreiend auseinander ; die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen . - » Ha ha ha ! - « kreischte der Rasende mit gellender Stimme , » wollt ihr mir die Prinzessin rauben ? - Ha ha ha ! - Die Prinzessin ist mein Bräutchen , mein Bräutchen « - und damit riß er Aurelien empor und stieß ihr das Messer , das er hochgeschwungen in der Hand hielt , bis an das Heft in die Brust , daß des Blutes Springquell hoch emporspritzte . » Juchhe - Juch Juch - nun hab ich mein Bräutchen , nun hab ich die Prinzessin gewonnen ! « - So schrie der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar , durch die Gittertüre fort in die Klostergänge . Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf . - » Mord - Mord am Altar des Herrn « , schrie das Volk , nach dem Hochaltar stürmend . » Besetzt die Ausgänge des Klosters , daß der Mörder nicht entkomme « , rief Leonardus mit lauter Stimme , und das Volk stürzte hinaus , und wer von den Mönchen rüstig war , ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters . Alles war die Tat eines Augenblicks ; bald kniete ich neben Aurelien , die Nonnen hatten mit weißen Tüchern die Wunde , so gut es gehen wollte , verbunden und standen der ohnmächtigen Äbtissin bei . Eine starke Stimme sprach neben mir : » Sancta Rosalia , ora pro nobis « , und alle , die noch in der Kirche geblieben , riefen laut : » Ein Mirakel - ein Mirakel , ja sie ist eine Märtyrin . - Sancta Rosalia , ora pro nobis . « - Ich schaute auf . - Der alte Maler stand neben mir , aber ernst und mild , so wie er mir im Kerker erschien . - Kein irdischer Schmerz über Aureliens Tod , kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers konnte mich fassen , denn in meiner Seele dämmerte es auf , wie nun die rätselhaften Schlingen , die die dunkle Macht geknüpft , sich lösten . » Mirakel , Mirakel ! « schrie das Volk immerfort , » seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel ? - Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen - ich habe es gesehen - ich auch - ich auch - « riefen mehrere Stimmen durcheinander , und nun stürzte alles auf die Knie nieder , und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets . Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht und sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen , gewaltigen Schmerzes : » Aurelie ! - mein Kind ! - meine fromme Tochter ! - ewiger Gott - es ist dein Ratschluß ! « - Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht . Als man Aurelien hinaufhob , seufzte sie tief und schlug die Augen auf . Der Maler stand hinter ihrem Haupte , auf das er seine Hand gelegt . Er war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger , und alle , selbst die Äbtissin , schienen von wunderbarer scheuer Ehrfurcht durchdrungen . - Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre . Aureliens Blick fiel auf mich , da erfaßte mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum . Keines Wortes mächtig , war es nur ein dumpfer Schrei , den ich ausstieß . Da sprach Aurelie sanft und leise : » Was klagest du über die , welche von der ewigen Macht des Himmels gewürdigt wurde , von der Erde zu scheiden in dem Augenblick , als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt , als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte ? « - Ich war aufgestanden , ich war dicht an die Bahre getreten . » Aurelie , « sprach ich , - » heilige Jungfrau ! Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen , sonst muß ich vergehen , in - meine Seele , mein innerstes Gemüt zerrüttenden , verderbenden Zweifeln . - Aurelie ! verachtest du den Frevler , der , wie der böse Feind selbst , in dein Leben trat ? - Ach ! schwer hat er gebüßt - aber er weiß es wohl , daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert - Aurelie ! bist du versöhnt im Tode ? « - Wie von Engelsfittichen berührt , lächelte Aurelie und schloß die Augen . » O , - Heiland der Welt - heilige Jungfrau - so bleibe ich zurück , ohne Trost der Verzweiflung hingegeben ! O Rettung ! - Rettung von höllischem Verderben ! « So betete ich inbrünstig , da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach : » Medardus - nachgegeben hast du der bösen Macht ! Aber blieb ich denn rein von der Sünde , als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe ? - Ein besonderer Ratschluß des Ewigen hatte uns bestimmt , schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen , und so vereinigte uns das Band der Liebe , die nur über den Sternen thront und die nichts gemein hat mit irdischer Lust . Aber dem listigen Feinde gelang es , die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen , ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken , daß wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise . - Ach ! war ich es denn nicht , die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl , aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden , die höllische Glut der Lust in dir entflammte , welche du , da sie dich verzehren wollte , durch Verbrechen zu löschen gedachtest ? Fasse Mut , Medardus ! Der wahnsinnige Tor , den der böse Feind verlockt hat zu glauben , er sei du und müsse vollbringen , was du begonnen , war das Werkzeug des Himmels , durch das sein Ratschluß vollendet wurde . - Fasse Mut , Medardus - bald , bald ... « Aurelie , die das letzte schon mit geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen , wurde ohnmächtig , doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen . » Hat sie Euch gebeichtet , ehrwürdiger Herr ? Hat sie Euch gebeichtet ? « so frugen