meisten eine Zeit , wo sie viel dachten und der Religion vergaßen ; ihr Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus ; beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung , ihren eigentlichen Glauben . In einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche ; er sah mit Verachtung , wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustraten , doch setzte er sich selbst müde in einen derselben , der im trüben Dunkel einer Kapelle stand , und wartete bis der Geistliche , der nach der andern Seite eine Beichte hörte , das Ohr nach seiner Seite legen würde . Er hatte sich erst vorgenommen seine Sünde , den Versuch sich selbst zu ermorden , oder vielmehr sich ermorden zu lassen , nur ganz allgemein anzudeuten , so daß der Geistliche doch keinesweges ihn gleich erraten könnte . Wie sich dieser zu ihm wendete , sah er auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten , aus deren betränten Augen auch sein Schmerz floß ; erst schien es ihm Dolores , dann glaubte er sicher , sie wäre es nicht gewesen . Bei diesem Anblicke wurde ihm der Beichtstuhl ganz vertraulich ; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig , wie ein Verstorbener , und der Beichtvater , der beider Verhältnis zu durchschauen schien , gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf . Nichts auf der Welt war seiner Stimmung so angemessen ; gleich tat er dem Geistlichen , der Pater Martin hieß , den Vorschlag , mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern , er verspreche ihm reichliche Belohnung . Pater Martin willigte fröhlich ein ; er sagte , daß er schon lange seinem Bruder , der dort mit wenigen im Kloster zurückgeblieben , einen Wein zu kosten versprochen habe . Der Graf schickte nach Hause und ließ melden , daß er ein paar Tage ausbleibe , und so machte er sich mit dem Geistlichen auf den Weg , den er eben so furchtsam und verlegen betrat , wie er sonst keck darauf einher geschritten . Die Unterhaltung mit dem einfältigen Pater Martin war ihm bald quälend ; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete so vor sich hin ; aber allmählich ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge , bei der er bald an nichts dachte , als was Anfang und Ende sei ; ganze Züge von Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein , das Gleichmäßige trug ihn . Bald fühlte er , wie einfach das Menschenherz , bei jeder Wiederkehr des Gebetes ward es ihm immer heiliger , rührender ; sein Auge blickte umher nach der untergehenden Sonne , und so kam er heiter in einem Wirtshause an , das einsam zwischen großen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete . Die größere Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus , um für Speise und Trank nach Lust und Geld zu sorgen . Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren ; sie arbeiten halbe Jahre , um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genusse sich zu erfrischen . Der Graf war wenig geneigt zu beidem , er blieb vor der Türe sitzen ; Bruder Martin mußte zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben , aber er bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher Wein . Nicht lange , so erschien mit einem zinnernen Becher , der voll Wein , ein großes schlankes , aber sehr ernstes Mädchen , ob es der Sternenschein war , der ihre Backen bleichte , dem Grafen schien sie ungemein blaß . Bruder Martin mochte auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen ; er umfaßte sie und hätte sie in allen Ehren geküßt , wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine entfallen wäre . Das war kein Spaß ; er ließ sie los und sah traurig in den leeren Becher , in dessen Neige sich die Sterne spiegelten . Der Graf hatte sich in der Stille ganz in ihn hinein gelebt , und fand darin einen besonderen Trost der eigenen Leiden ; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück , daß er in der Seele seines Begleiters dichtete : Ein Trinklied beim Sternenklang Liebe Hand , dich darf ich drücken , Bringst mir einen Becher Wein , Und die holden Sterne blicken In den Becher froh hinein ; Zweifelnd bin ich im Entzücken , Trink ich erst den duft ' gen Wein ? Soll ein Kuß mich erst beglücken ? Beides , beides ist nun mein ! Ratet mir treulich , liebliche Sterne , Grüße euch alle , nahe und ferne ! Fliehst du schon vor meinem Blicke , Und verschüttest meinen Wein , Führt mein Ruf dich nicht zurücke , Ach , so bist du doch nicht mein ! Heiße Liebe , deine Tücke Läßt mich schmerzlich hier allein , Als ich meinem stillen Glücke Wollte froh entgegen schrein ; Feurige Zungen sind da erklungen , Aber mein Liebchen ist mir entsprungen . Wandelt weiter , kalte Sterne , Spiegelnd im vergoßnen Wein , Suchet ihr doch stets die Ferne , Nah und ferne , nichts ist mein . Nur der Tropfen , den ich hege , Löset meines Herzens Klang , Schweigend geht ihr eure Wege , Euren stillen , gleichen Gang ; Als ich noch hoffte , seid ihr erklungen , Jetzt wie so stille , feurige Zungen . Allmählich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen ; er wurde sehr traurig , und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen , als der Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt , ein ehrwürdiger Greis mit weißen Haaren , sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte . - » Herr , Ihr seid nicht recht vergnügt wie die andern « , sagte der Alte , » Ihr habt aber noch lange zeit vergnügt zu werden , ich aber bin traurig und alt , und werde wohl nie wieder lustig . « - » Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft ? « fragte der Graf - » Nicht so eigentlich « , antwortete jener , » mein Vermögen ist nicht groß , aber ich habe mehr , als ich brauche , und doch bin ich ganz arm - seit ich meine Tochter verloren . « - Graf : » Ist sie schon lange tot ? « - Wirt : » Sie lebt noch ; Ihr habt sie auch wohl vorher gesehen , aber sie scheidet so ab , sie ist schändlich betrogen worden ; es ist eine traurige Geschichte , und Ihr werdet sie schon noch erfahren . Seht nur da drüben den Nachbar Walther , der da seine Schafe in die Hürde treibt , dem war sie bestimmt ; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit den Schafen seines Vaters zusammen getrieben , und dachte gewiß , unsre Kinder würden sich heiraten . Es hat nicht sein sollen ! « - Bei diesen Worten führte er den Grafen in ein Oberzimmer , das er für ihn und für den Geistlichen abgesondert eingerichtet hatte , und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung . Die schöne , blasse Hippolita trat sehr beschämt ein , aber der Graf machte ihr Mut ; er fragte nicht nach ihren Begebenheiten , und sprach ihr doch trostreich zu ; sie eilte , so viel das übrige Geschäft im Hause erlaubte , in das Zimmer zurück . Der Geistliche hatte bald durch Nachfrage bei den Gästen ausgemittelt , was es eigentlich mit diesem Mädchen für eine Bewandtnis habe . Ein Oberst , der dort im Quartier gelegen , hatte während der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche mit ihr trauen lassen , war den Morgen nach der Hochzeit , ohne ihr davon zu sagen , abgereist , und hatte die Nachricht zurückgelassen , daß er in seinem Lande schon verheiratet sei , diese zweite Ehe also ungültig werde . Ihr Kind war in der Geburt gestorben . In der ganzen Gegend , der sie sonst als ein stolzes Muster bekannt gewesen , wurde sie seitdem verachtet und verspottet . Dem Grafen tat diese Erzählung um so weher , je weniger er irgend einen guten Ausweg für das arme Kind entdecken konnte , doch war ihm zu Mute , als gehöre sie durch ihr Unglück zu seiner eigenen Familie . Sehr früh machte er sich den folgenden Morgen auf , doch war das Mädchen schon auf und brachte das Frühstück ; der Graf bot ihr ein ansehnliches Geschenk , aber sie schlug es aus . Nach einem herzlichen Abschiede von Vater und Tochter , eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft , und bemerkte erst nach einer Viertelstunde , daß er den ihm vom Pater übergebenen Rosenkranz vergessen hatte . Der Rosenkranz war aus Loreto , und der Pater untröstlich ; gleich eilte der Graf zurück , sprang ins Haus nach seiner Kammer , und war sehr verwundert darin singen zu hören . Es war die Tochter , er horchte : sie sang ihr Unglück ; er trat ein , fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand , und beredete sie , mit ihm nach der wundertätigen Mutter Gottes zu wandern , was auch ihrem Vater sehr lieb war . Der Pater war hoch erfreut , als er den Grafen mit der schönen Tochter und mit dem Rosenkranze zurückkehren sah ; er betete eifrig auf dem Wege , die Pilgerin stimmte ein , und der Graf folgte . Der lange Weg war ihnen unbemerkt geschwunden , als die heiligen Bilder die Nähe des Wallfahrtortes bezeichneten ; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel , das rings um der alten Kirche wogte , wo man Kerzen einkaufte , und in die weihrauchduftende , hellerleuchtete Kirche trug . Hippolitens Schönheit wirkte da so mächtig , daß ihr jeder Platz machte , als sie nach dem Chore aufstieg , wo sie als Sängerin ihre Stelle verdiente . Sie sang wunderschön , alle sahen auf sie ; ein paar schöne Knaben hielten ihr die Noten , ein paar andere bekränzten sie mit Rosen und blauen Trauben , ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande : es war ein sehr schöner Anblick , wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen Gegenden ganz gewöhnlich sind . Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und öffentliche Beruhigung , die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier erhielt , in den folgenden leichten Versen : Hippolita SIE singt in der Kammer Nur einen Tag mir dauert Der Ehrenblume Pracht , Das hab ich lang betrauert , Sie haben mich verlacht . Warum so kurz die Freude , Warum so lang das Leid ? Bei meinem Hochzeitkleide Liegt jetzt mein Trauerkleid . Hier war ein herrlich Wesen Von Reitern schön und kühn , Und der mich hat erlesen Vor allen täte ziehn ; Sie folgten ihm doch alle , Wenn er vor ihnen ritt , Bei dem Trompetenschalle Lief auch mein Blut so mit . Ich fuhr in hohem Wagen , Mein Herr , der führte ihn , Die Rappen wiehernd jagten , So hell die Sonne schien , Ich sah noch fern die Hütte , Zum Himmel stieg ihr Rauch ; Aus ihrer stillen Mitte Ich zog , verflog nun auch . Die Kirche , frisch gestreuet Mit buntem , krausen Sand , Vom leisen Tritte schreiet , Ich reiche ihm die Hand . » Nicht , Mutter , weint gebeuget , Der Ring ist golden ganz . « Doch sie den Goldschaum zeiget , Auf manchem Sterbekranz . Der Priester trat zurücke , Mein Mann mich hielt so lieb , Mich grüßten alle Blicke , Das Blut zur Wange trieb ; Mein Glück , wer kann es fassen , Es faßte mich so fest , Und hat mich doch verlassen , Mich so verlassen läßt . Ich träumte keine Sorgen , Mein Aug der Sonne lacht ; Wo bliebst du Lieber im Morgen , Eh ' ich noch war erwacht ? Wo bliebst du Lieber im Morgen , Es hat dich keiner gesehn ; Mein Kind blieb mir verborgen , Ich sah es nicht in den Wehn . Ich sitze zwischen Seen In meiner Eltern Haus , Muß dienen und muß gehen Mit Pilgern ein und aus ; Viel Knaben Mitleid haben Mit meiner Traurigkeit , Ihr Trost könnt mich wohl laben , Ach , blieben sie nur heut ! Muß selber ihnen reichen Den Pilgerstab und Hut , Die Hand ich möchte reichen , Dem , der so traurig tut . Doch könnte er wohl meinen Ich liebte ihn wohl gar , So aber muß ich weinen Das ganze , ganze Jahr . Ein Pilger Die Pilgersleut vergaßen Den Rosenkranz im Haus . Sie kamen wieder , saßen , Bei diesem Ohrenschmaus ; So schön sie hörten singen Der Wirtin Töchterlein , Ganz heimlich zu ihr gingen Wohl in das Kämmerlein . Sie gaben ihr die Hände , Und nahmen sie auch mit , Daß sie zur Wallfahrt wende Den hohen , edeln Schritt , Zu jenen heil ' gen Gipfeln , Die Gottes Lieb erbaut , Wo in der Bäume Wipfeln Ihr Schmerzensbilder schaut . Da fand sie leer ihr Leiden , Sie fand ihr Herz so voll , Sang da zu aller Freuden , Daß hoch die Kirch erscholl ; Viel Knaben knieten nieder , Die Noten halten ihr , Sie dienen ihr wie Brüder , Und wie die Engel schier . Darum viel Pilger glauben , Cäcilien zu sehn , Mit Ros und blauen Trauben Sie da umwinden schön ; Ein Lämmlein zu ihr führen An einem roten Band , Mit hohen Kerzen zieren Der Kirche dunkle Wand . Da fühlet sie ein Wehen , Die Taube fliegt zu ihr , Mit tiefster Ehrfurcht sehen Die Lästrer auf zu ihr ; Mit hellen Blicken schauet Der Mutter Gottes Bild , Wer sich ihr ganz vertrauet , Dem zeiget sie sich mild . Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes rühmen , auch er hatte ihn erfahren : eine grüne Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere , das ihn umwogte ; er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben , die Gedanken schwanden ihm . Sein Begleiter war längst zu seinem Bruder gegangen , hatte sich der guten Klosterkost erfreut , die Zeit beseufzt , und die heiligen Bilder austeilen helfen ; der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere , jede schien ihm so wohnlich für den jetzigen Zustand seines Herzens . Es wurde dunkler und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen , die auf ein Bild der heiligen Maria Magdalena fielen , wie sie die Perlenschnüre zerreißt , und ihre Tränen immer neue Perlen um sie säen . Er trat hinzu und berührte mit seinem Fuße einen Menschen , den er nicht bemerkt hatte ; er bat sanft um Entschuldigung . Es war eine Frau , die ausgestreckt vor dem Bilde lag ; aber da sie unbeweglich liegen blieb , auch kein Atemzug zu hören war , die ungewöhnliche Lage ihn auch etwas besorgt machte , so beschaute er sie näher , sie schien tot oder ohnmächtig ; er hob sie mit Mühe empor in einen Betstuhl , und derselbe Strahl , der ihm vorher die büßende Magdalena beschienen , zeigte ihm jetzt die geliebte Dolores tot oder ohnmächtig . - Bleibt der Atem lange , ewig aus ? - Ihre Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden , verschwunden die traurige Zeit ; so still lag sie in seinen Armen , wie in seinem ersten Glücke . Taumelnd in Überraschung und Verzweiflung , trug er sie nach dem Weihkessel , und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser , und wie die ersten tropfen ihre Schläfe benetzten , da regte sich ihr Haupt , sie schlug die Augen auf , aber sie erkannte ihn nicht . Wiederum fielen ihr die Augen zu , aber ein neuer segnender Regen erschloß sie wieder , sie blickte um sich , und erkannte den Grafen , der sie jetzt mit Küssen bedeckte - die ersten seit jener furchtbaren Nacht . Kaum konnte sie begreifen , wo sie sei , was ihr geschehen , aber in seinen Liebkosungen , in seinen Tränen überkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung . » Ach , wir Unglücklichen ! « seufzte sie aus tiefem Herzen . Allmählich entlockte ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen ; auch sie hatte bei dem Pater Martin gebeichtet , auch ihr hatte er zur Buße eine Wallfahrt anbefohlen , und sie , des Gehens ungewohnt , beschwert von ihrem Zustande , hatte sich in der Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht ; ihre Kräfte waren ganz erschöpft , als sie die Kirche erreicht , in deren kühlem Schoße sie das Bewußtsein ihrer Leiden verloren hatte . Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt , und er dachte nur an ihre strenge Buße , an ihre schmerzliche Reue ; die tiefe Berührung mit einer höheren Welt , die Tausende an sich zieht , die hier alle von einander getrennt sind , hob die harte Eisrinde , unter welcher der Strom ihrer Gefühle noch schmachtete ; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend , selbst nicht in der glücklichen Zeit , wie an diesem Abende ; er fühlte ein herrliches Ziel seiner Aufopferung , dies geliebte Wesen , das sich ihm jetzt so ganz ergab , zu der Vollendung hinzubilden , wie er in erster Liebe sie sich geträumt hatte . Traulich wanderte er mit ihr zurück , und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte , und sie mit seinen törichten Reden störte , da fühlte er tief , daß aus dem Menschen , wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt , eine höhere Zunge spricht ; keine Vorstellung hatte der gute Mensch , wie sein Rat zu einer Wallfahrt sie beide so gnädig einander zugeführt hatte . Nicht jeder Tag konnte so erfreulich enden wie dieser ; aber der Zustand beider ward doch erträglich . Wunderbar schien es inzwischen der Gräfin , als sie in der heiligen Zeit von neun Monden , die nach den Berechnungen der Mütter die glückliche Lebensverborgenheit des Menschen begrenzen , als sie über diese neun Monate hinaus , seit jenem unseligen Abende , die Last ihrer Sünde tragen mußte . Zweites Kapitel Niederkunft der Gräfin . Tod des Herzogs von A ... Noch drei Monate vergingen , als sie in der Nacht von einem schönen blonden Knaben entbunden wurde , der zu ihrer Verwunderung des Grafen Züge und ein dunkeles Mal auf seinem Herzen trug , das der Familie des Grafen eigen , von allen als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde . Kaum wollte sie es sich , ungeachtet aller dieser Zeichen , eingestehen , daß ihre Schuld wenigstens ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben ; freudig bewies es ihr der Graf mit zärtlicher Beredsamkeit , daß sie endlich nachgeben mußte , aber sich noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fühlte , und immer noch nicht glauben konnte , daß es ein bloßer Traum gewesen . Jetzt war ihr verziehen vom Grafen , innig und vollkommen , seit dies sein Kind , das entweihte Heiligtum keuscher Liebe wieder geweiht hatte . - Kaum waren die bedenklichen Zeiten des Wochenbettes vorüber , so gestand ihr der Graf , daß seine Liebe durch dieses Kind ihr von neuem auf ewig zugeeignet , nur dieses Schloß und sein Landgut , wo er mit ihr die ersten Zeiten reiner Zärtlichkeit gefeiert , und ihre Schuld betrauert , würde ihrer beider Gefühlen ein ewiger Vorwurf bleiben ; mit Christus wolle er freilich zu jedem sagen , der sie verdammen wolle : wer sich unschuldig fühlt , der werfe den ersten Stein auf sie ; aber diese Steine , die sie in seligen Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet , sie waren schon drohend gegen das neue Glück gerichtet , das sich endlich nach treu überstandner Prüfung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln müsse . Sie fühlte ganz wie er , und hätte auch in jedes andre gewilligt , was seine Ruhe gefördert hätte ; sie sah ein , wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung , wovon er nichts erwähne : lange Arbeiten und alle schönen Lebensplane , in der Jugend empfangen , vom Manne ausgeboren in schönen , wohltätigen Einrichtungen , eigentlich alles , was außer ihr ihm je wert gewesen - und hätte sie nicht schon so lange Reue ertragen gelernt , der Augenblick hätte sie vernichtet . » Aber wohin gedenkst du ? « fragte sie in Verwirrung . - » Zu deiner Schwester « , antwortete der Graf ; » lies diesen trostlosen , schwarz gesiegelten Brief , worin sie den schnellen Tod des Herzogs uns anzeigt , der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise dahin gerafft worden ; sie schreibt es seiner Heiligung zu . Er läßt sie im Besitze eines unermeßlichen Vermögens kinderlos zurück . - Ernstlich fleht sie uns an zu ihr hinzureisen ; gern möchte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und erziehen ; sie müssen unter ihren Händen , mit ihrem Segen gedeihen . « - Der Stolz der Gräfin erwachte hier zum letztenmal . » Lieber Karl « , sagte sie , » aber wie soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen ? « - » Wie vor Gott « , antwortete der Graf , » gestehe ihr deine Schuld , und ihre Liebe versöhnt dich mit dir selbst ! « - Drittes Kapitel Abreise des Grafen und der Gräfin mit ihren Kindern nach Sizilien Nach dieser Unterredung wurde rüstig zur Ausführung des Unternehmens geschritten . Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Tätigkeit , die rechtschaffenen Männer leicht zu unterscheiden und sich anzueignen , auch der Graf hatte zweie der Art zur Verwaltung seiner Güter bald auserwählt , die seinen Kindern sie einst überliefern sollten ; er nahm für immer von ihnen Abschied . Das Schloß in der Stadt sollte unverändert , aber unbewohnt bleiben , nur die Zeit , sonst niemand sollte daran ein Recht ausüben . Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der alte Bediente begleiten ; doch sorgte er für alle . - O des ewigen Abschieds von einer stark durchlebten Gegend in Glück und Unglück , Unschuld und Schuld ; tausendmal sterben wir in uns , außer uns : das sei uns Zuversicht , wenn wir wirklich die Augen zudrücken oder zum letztenmal in das Licht starren , das hier unten das höchste , droben das tiefste ist . So scheiden unsre beiden geliebten Pflegekinder auch hier von einem alten Leben ; nur wissen sie nicht , ob die neue Welt , zu der sie eilen , ihnen die kleinste Freude gewährt , die sie hier genossen . Ihrem Sinne war das Neue schon darum lieb , weil es das Alte verlöschte , und wohl ist Italien noch eine neue Welt für jeden Reisenden , der schon das übrige Europa durchschritten , wieviel mehr für sie , die nur einen so kleinen Teil erst gesehen , doppelt für sie bei so gereiztem Gemüte . Sie sah nun das Land , zu dem sie einst von mächtiger Eitelkeit hingetrieben , mit dem reinen Blicke einer größeren Erfahrung , die alle Eitelkeit in ihr vernichtet ; er zog nun in das Land , wohin er als Student mit pochendem Herzen schon getrachtet , aber das er von Liebe zurückgehalten in Freude und Leid ganz vergessen hatte , als ein Student höherer Art , denn das sind alle wahren Reisenden . Von vielem hatte er Kenntnis gewonnen , für alles Sinn ; wie mannigfaltig war da ihre Mitteilung . Nach einem Monate glaubten sie schon , durch Jahre von den verhaßten Begebenheiten geschieden zu sein . Viertes Kapitel Ankunft bei der Herzogin von A ... Neue Lebensweise . Dolores , die gute Mutter Ungeduldig wandle ich mit ihnen über Berg und Tal , selbst Rom , bei dessen bloßem Namen sonst schon meine Gedanken weilen , genügt mir nicht ; ich möchte sie sicher in den Armen der herrlichen Schwester wissen , sie einführen in den neuen Kreis ihres neuen Lebens . Wie ein Feenschloß von Demanten winkte Palermo entgegen , das von dem Feste der heiligen Rosalie jauchzte . Es war später Abend als sie landeten , aber die himmelhohe Statue der Heiligen , die ihnen schon im Meer entgegen spiegelte , empfing noch ihr Gebet um Glück und beruhigte sie . Jetzt fahren sie vor den Palast der Herzogin , auf dem größten ihrer Landgüter , drei Meilen von Palermo , die Herzogin weiß nichts von ihrer Ankunft ; sie sind ihren eignen Briefen vorgeeilt ; sie eilen die prachtvollen marmornen Säulentreppen hinauf , durch reich bekleidete Bedienten hindurch , die sie anstaunen und fragen ; aber sie eilen ungeduldig weiter in ein Zimmer , wo die Herzogin sie empfängt . Welche Überraschung ! einfach traurend steht die Herzogin da unter einer Zahl schöner Kinder , die ihre Schreibebücher vorzeigen ; aber wie hat sich Klelia entwickelt , sie , die sonst von niemand bemerkt wurde , steht in ihrer Mitte mit einer sanften Würde , die im ersten Augenblick selbst ihren alten Freund , selbst ihre Schwester zurückschreckt . Aber wie selig überrascht umfaßt sie beide , und die Kinder lächeln froh bei ihrem Anblick , als wenn ein Engel im Schlafe mit ihnen spielte . Wir sind alle gerührt , es geht nun alles recht gut ; wie leicht wird es der Gräfin , ihr alles zu beichten ; schmerzlich ist es der Herzogin , das Andenken des Herzogs , das ihr so teuer war , so ganz in sich auslöschen zu müssen ; aber die Wahrheit ist ihr Leben und die Kinder füllen ihre Gedanken nun wahrhafter und schöner . Alle gewinnen bald einen festen Lebenskreis und Bestimmung ; vor allen findet der Graf in der ökonomischen Verwaltung , die der Herzogin bisher am lästigsten gewesen , ein schönes Feld , seinen wohltätigen Geist über Tausende auszubreiten , der sich bis dahin in der Anordnung weniger Menschen begnügen mußte ; er findet ein dankbares Volk , unter dem ein verständiges Wohlwollen von oben her noch so selten gewirkt , daß beinahe noch alles zu tun übrig war . In dem Rausche des Wiedersehens ist der alte Bediente nicht übersehen worden ; die Herzogin hat ihn wie einen Vater geküßt ; er hatte auch wahrlich mehr für sie getan , als ihr leiblicher Vater . Ohne in seinem Wirkungskreise steigen zu wollen , blieb er wie immer der Oberaufseher des Hauses ; nur die Kinder muß ihm die Gräfin Dolores von Zeit zu Zeit anvertrauen , sonst ist er böse ; sorglich führt er sie in den Gärten umher , sucht ihnen die reifsten Früchte und neckt sich mit ihnen , und wird mit ihnen zum Kinde ; auch wissen sie mit keinem so gut zu spielen , wie mit ihm ; keiner weiß sie so leicht zu beschwichtigen , wenn sie weinen , schreien ; sie treten oft auf ihm herum und tun ihm wehe , aber er beklagt sich nicht ; er sieht auf ihre blonde Locken , wie in einen glodnen Kelch , in ihre blauen Augen , wie in den Himmel . So hätten wir es denn mit den übrigen abgetan und wir könnten nun ruhig über einige Jahre hinblicken , um Dolores , die uns so viel Schmerzen , und Klelien , die uns so viel Freude gemacht , in der Dauer ihrer Verhältnisse zu prüfen . Klelie hatte anfangs alle Mühe , einzelne störende Rückfälle ihrer Schwester in eine zerknirschende Reue zum Guten zu lenken ; doch gelang es ihrem klugen Bemühen , indem sie ihr eine Beschäftigung gab , die ihrer Sinnesart angenehm , aber aus Gewohnheit zu lange von ihr vernachlässigt worden war . Sonst sah sie ihre Kinder nur , wenn sie wachten , reinlich angezogen waren und der Kinderstube entlassen wurden ; höchstens trat sie zuweilen herein , sich an ihrem Schlaf zu ergötzen . Klelie machte es ihr so eindringlich , daß eine Frau nie etwas Größeres tun könne , als wenn sie mit liebevoller geduldiger Sorge die ersten hülflosen Zeiten ihrer Kinder bewache , wenigstens nichts Erfreulicheres , Segenvolleres . » Wie gern « , rief sie , » gäbe ich alle meine Beschäftigungen , so lieb sie mir sein mögen , darum hin , eigne Kinder versorgen zu können ; denn das ist von der Natur eingeboren , nur eigne Kinder verstehen wir ganz , was ihnen fehlt , was sie wollen , und dieses Verständnis kann kein guter Wille , keine reichliche Bezahlung in der Dienerschaft erzeugen . Darum ist jeder Mensch zu beklagen , den seine Mutter nicht großgezogen , denn ihm fehlte sehr viel Liebe « . - Kaum hatte Dolores den ersten Widerwillen überwunden , den die Unreinlichkeit und das Geschwätz der Kinderstuben häufig gibt , so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt ausgesetzt , was sie selbst für widrig hielt ; sie besserte alles mit Ernst und Einsicht , schaffte sich bessere Mägde an , die sie jetzt erst kennen lernte , so wie die Kinder , die schon früh manche Eigentümlichkeit zeigten . Die Kinder lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl ; was Kindisches in ihr uns töricht gewesen , das wurde in den Kindern ausgeboren , deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand , und besser zu lenken wußte , als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen . Es war eine schöne Buße , diese Mutterliebe . Fünftes Kapitel Der Herzogin Weisheit , Mut und Güte . Tod des alten Bedienten . Nachrichten von Waller . Geschichte des Prediger Frank und des Fräulein Leona . Schicksal des Lorenz und der Rosalie Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Frühlingsreich