Auge strahlte Seligkeit und Ruhe . So stand sie vor mir , und erweckte zartes Verlangen , und stille Hoffnung , aber keine Begierde . Mein Vater ist noch nicht versöhnt , er hat den Fluch noch nicht von meinem Haupte genommen , und Theophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung , die unter solchen Vorbedeutungen geschlossen werden soll . Es ist mir heilige Pflicht , sie zu beruhigen , und so will ich zu meinem Vater gehen , und wenn noch ein Funken väterlicher Liebe in seiner Brust lebt , ich will ihn finden , und wieder erwecken . Was ich vielleicht um meiner selbst willen nicht thun würde , muß um Theophaniens willen geschehen . Ich habe geschaudert , als mein Vater seinen Zorn so fürchterlich aussprach , aber mein Herz gab mir das Zeugniß , daß ich ihn nicht verdiente , daß es eine höhere Pflicht gäbe , als selbst die kindliche , die , der einmal gefaßten Ueberzeugung von Recht und Wahrheit treu zu bleiben . Dann bleibt noch ein seltsames Verhältniß zu lösen übrig - das von Calpurnia zu mir . Am ersten Tage , nach jener Nacht , wo ich verwundet in das Haus der gütigen Pflegerinnen gebracht wurde trat sie unvermuthet in Knabenkleidern , ich kann wohl sagen , zu meinem Schrecken in ' s Zimmer . Im ersten Augenblicke fürchtete ich , zu große Güte gegen mich , Mitleid , Ueberraschung , habe sie hingerissen , diesen gewagten Schritt zu thun . Ihr leichter Ton , ihr munteres Betragen zeigte mir bald , daß nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite diesen Gedanken hätte festhalten können . Liebe - solche Liebe , die ein Wagniß dieser Art rechtfertigen könnte , wohnt nicht in dieser luftigen Brust , in der jede Laune , jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme finden ! Calpurnia liebt nur sich selbst , und Andere nur , in so weit sie ihr angenehme Empfindungen , Zerstreuung u.s.w. gewähren . Kein ernsterer Gedanke , keine bessere Ansicht vermag etwas über ihr leicht flatterndes Wesen . So habe ich sie hundertmal , so jetzt wieder erkannt , und alle Macht ihrer Reize gleitet von meinem Herzen ab . In jenen Augenblicken des rührenden Wiedersehens , wie hätte ein liebendes Weib sich betragen ! Sie that den ungeheuern Schritt , um etwas Seltsames zu thun . Die einzige Triebfeder , die ihn entschuldigen konnte , fehlte , so bleibt er nichts als eine Wirkung der Laune und Absicht . Ihr Leichtsinn ist unbegreiflich , es gibt durchaus nichts , das ihren flatternden Geist festhalten könnte . Constantin hat auf mein Bitten mit ihr gesprochen , und ihr erzählt , daß ich meine Theophania wieder gefunden habe ; seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen , und erwarte jetzt nicht ohne unangenehmes Gefühl die Entscheidung dieses Verhältnisses . Meine Hand ist müde , ich habe zwei Tage an diesem Briefe zugebracht , denn ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel führen . So bald ich , mehr schreiben darf , sollst du wieder von deinem glücklichen Freunde hören . 79. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im April 303 . Seit acht Tagen bin ich mit meiner Theophania vermählt . Der höchste Wunsch , der meine Brust bewegte , ist erfüllt , und wenn Sterbliche sagen können , daß sie glücklich sind , so können wir es , wenigstens sind wir es ganz in uns . Kein leises Verlangen , keine Ahnung nach höherer Seligkeit läßt irgend eine Saite unserer Herzen leer und unberührt . Alle beben in vollen Schwingungen , alle vereinigen sich zur reinsten Harmonie , und unser Leben könnte ein Bild jenes goldenen Zeitalters werden , an dessen Daseyn der Mensch , von den Greueln der Wirklichkeit ermüdet , und voll Sehnsucht nach einem vollkommenern Zustand , so gern glaubt . Aber dazu ist der Pilger dieser Erde nicht bestimmt , und damit er nie sich übernehme , fehlt es auch in seinen glücklichsten Lagen nicht an dunkeln Schatten , die den allzuhellen Glanz mäßigen . Unser Loos ist Arbeit und Kampf mit uns , mit der Welt , damit es uns und den Brüdern besser werde . Wohl dem , der das erste bestanden , der Friede mit sich selbst hat , und in seinen Wünschen , Ansichten und Grundsätzen ein beschlossenes Ganzes findet ! Ich hoffe , wenigstens zum Theil diese Stufe erreicht zu haben . Es ist stille in mir . Larissens Besitz war eine wesentliche Bedingung dieses Friedens , ohne sie war mein Daseyn halb und unvollendet . Sie allein versteht mich ganz , ihr kindlicher Sinn faßt , was der Verstand sonst würdiger Männer , in Weltansichten verstrickt , nicht immer zu begreifen fähig ist . Auch Constantin , der nächst dir mein Innerstes am tiefsten erkannte , und in den wichtigsten Dingen mit mir gleich denkt , empfindet nicht gleich mit mir . Du weißt , daß ich gesonnen war , Alles anzuwenden , um meinen Vater zu versöhnen . Es ist keiner der unbedeutendsten Vorzüge des Christenthums , daß es unter seinen göttlichen Gesetzen eines ausspricht , das sonst nie eine Religion gab , ein Gebot , das , wenn wir die menschliche Natur und den Gang der Empfindungen betrachten , höchst weise und nützlich ist ; auch ist es das Einzige , das Verheißung hat . Ehre Vater und Mutter , auf daß es dir wohlgehe , und du lange lebest auf Erden . So spricht das Gesetz , das Gott auf Sinai unter den Schrecken des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen Volke der Wüste verkündigen ließ . Väter- und Mutterliebe hat die Natur in unsere Herzen gepflanzt , sie braucht kein Gesetz einzuschärfen . Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom Mutterstamm , wurzelt für sich allein , und wird zum Baume . Das junge Thier entläuft der älterlichen Pflege , so bald es fähig ist , sich selbst zu erhalten ; denn der Trieb der Natur wirkt vorwärts , nicht zurück . Nur der Mensch steht höher , von ihm fordert die Welt und sein Schöpfer mehr , er soll , wenn er selbstständig ist , die Urheber seines Lebens nicht vergessen , er soll die Pflege seiner Jugend ihrem Alter vergelten , und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu führt , so müssen Dankbarkeit , Ehrfurcht , Gewohnheit , Alles bewirken . Darum erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte über Leben und Tod ; aber Furcht gebiert keine Neigung , und nur in edeln Gemüthern treibt Dankbarkeit zur Wiedervergeltung . Da gab die höchste Weisheit dem Menschen das Gesetz der Liebe und Achtung für die Eltern , knüpfte den Lohn daran , der für die Stufe der Entwickelung , auf welcher damals das Menschengeschlecht stand , der höchste war , und ordnete das Gesetz , das Ehrfurcht für die sichtbaren Urheber des Lebens gebot , unmittelbar nach den Gesetzen , die die Verehrung für den unsichtbaren Urheber desselben enthalten . So trieb nebst Theophaniens Wunsch auch das Gefühl der Pflicht mich zu diesem Schritt , aber ich wollte es nicht wagen , mich unvorbereitet dem erzürnten Vater zu zeigen , den selbst der drohende Tod nicht an das Daseyn seines Sohnes erinnert hatte . Constantin ging zu ihm . Er fand ihn seltsam , nicht erzürnt , zuweilen sogar gerührt , aber unschlüßig , wankend - so daß er seine Antwort erst am folgenden Tage zu schicken versprach . Sie lautete also : Wenn ich mich entschließen könnte , gesetzmäßig und feierlich allen Ansprüchen auf sein Vermögen zu entsagen , weil er nicht gesonnen sey , seine Reichthümer zum Besten einer Christengemeinde verwenden zu lassen : so wollte er mich wieder als seinen Sohn erkennen , und seine Einwilligung zu meiner Vermählung geben . Meine Wahl blieb keinen Augenblick zweifelhaft . Ich unterschrieb das Instrument , das mir Constantin unwillig gab , und noch denselben Abend eilte ich , meine vollkommene Verzeihung selbst von meinem Vater zu erhalten . Ich ließ mich in einer Sänfte hintragen ; ich trat in ' s Atrium , und befahl dem Sclaven , mich zu melden . Der Anblick unserer Ahnenbilder , die in langen Reihen die Halle zierten , das Andenken an meine Jugend , an meine theure Mutter , an so manche Scenen , die hier vorgefallen waren , das Sonderbare meiner jetzigen Lage , vielleicht auch die höhere Reizbarkeit meines Wesens , eine Folge meiner überstandenen Gefahr , stimmten mich zu ungewöhnlicher Rührung , und als endlich , statt des Sclaven , den ich erwartete , um mich zu meinem Vater zu führen , dieser selbst mit sichtbarer Eile in ' s Atrium trat , auf mich zuging , und mit Mühe die tiefe Bewegung verbarg , die dennoch jede seiner Mienen verrieth - da überwältigte mich mein Gefühl , ich zog meines Vaters Hand an meine Lippen , eine Thräne fiel darauf , ich war nicht fähig , meinen Dank auszusprechen ; aber er verstand meine wortlose Rührung . Als er selbst sich gesammelt hatte , erkundigte er sich höchst gütig nach meiner Gesundheit , meinem Zustande , er fand mich noch sehr bleich und entkräftet , und faßte meinen Arm , um mich zu unterstützen , und in die inneren Gemächer zu führen . Er that dies mit so sichtbarer Schonung meiner Wunden , daß ich wohl fühlte , er sey von meiner Lage viel besser unterrichtet , als er scheinen wollte . Ich war unaussprechlich gerührt , ich küßte seine Hand von Neuem , ich drückte sie an meine Brust . Er schien mit Gewalt seine eigene Bewegung zu unterdrücken , dennoch nannte er mich sein Kind - eine Benennung , die lange nicht zwischen uns gehört worden war - er ließ mich an seiner Seite niedersitzen , er überhäufte mich mit allen Bequemlichkeiten und Erfrischungen , die er mir in diesem Augenblick verschaffen konnte , und entließ mich erst nach zwei Stunden mit dem Auftrag , ihm des andern Tages meine Braut vorzustellen . Des Instruments wurde nicht gedacht , es schien , als scheute sich mein Vater , seiner zu erwähnen . Irre ich nicht ganz , so waren hier Rathgeber und Freunde thätig , die ihn zu einem Schritte beredet haben , den er selbst vor seinem Gfühl nicht rechtfertigen kann . So glücklich , so kindlich froh , als Theophania durch die Nachricht von meiner Aufnahme bei meinem Vater wurde , hatte ich sie niemals gesehen . Eine drückende Last schien von ihrer Seele genommen , sie scherzte , sie tändelte , und diese Aeußerungen einer schuldlos reinen Freude , je seltener sie bei ihr sind , gaben ihrem ganzen Wesen einen neuen eigenthümlichen Reiz . Der Abend , den ich mit ihr zubrachte , war einer der schönsten meines Lebens . Sein Andenken wird , wie ein strahlender Stern , künftig durch meine Vergangenheit glänzen , und das Bild seines Glückes vielleicht manche trübe Stunde der Zukunft erhellen . Am andern Morgen schickte mein Vater Larissen sehr kostbare Geschenke . Mehrere Sclaven brachten sie . Die väterliche Liebe wußte das selbstgegebene Gesetz zu umgehen ; was dem Sohne nicht werden durfte , sollte die künftige Tochter erhalten . Es waren reiche Gewände , Geschmeide aller Art , köstliche Schleier u.s.w. Auf mein Bitten schmückte sich Theophania sogleich damit , und wir traten in Umgebungen , wie ich sie den Wünschen und Ansichten meines Vaters am entsprechendsten fand , unsern Weg zu ihm an . Er schien angenehm durch Theophaniens Gestalt und Betragen überrascht , das man ihm vermuthlich ganz anders geschildert haben mochte . Er empfing sie als die Wittwe des Demetrius mit unverstellter Achtung , und als seine künftige Tochter mit eben so unverkennbarem Wohlwollen . Mir trug er an , so bald ich ganz hergestellt , und der sorgsamen Pflege nicht mehr bedürftig seyn würde , in seinem Hause zu wohnen . Das war ich beinahe , und so nahm ich mit Dankbarkeit seine Güte an , so wenig mich die Entfernung von Theophanien freuen konnte , die vor der Hand bis zu ihrer Vermählung in dem Wittwenhause blieb . Ich begleitete sie also blos zurück , und kehrte zu meinem Vater wieder , wo ich bereits meine gewohnten Gemächer mit allen meinen Sachen , die er schnell aus dem Quartier der Leibwache hatte abholen lassen , und noch überdies mit allen Bequemlichkeiten versehen fand , die meine Lage jetzt vielleicht nothwendig machen konnte . Mein Vater machte glänzende Anstalten zu unserer Vermählung . Theophania und ich hätten uns mit dem zehnten Theil aller dieser Pracht begnügt , aber wir hatten uns vorgenommen , in allen solchen äußerlichen Dingen ihm , der hierin einen so großen Theil seines Glückes setzt , gar nicht zu widersprechen . Sobald Alles gehörig bereitet war , führte ich Theophanien , als meine Gattin , in das väterliche Haus . Heliodor hatte uns getraut ; aber mein Vater äußerte sehr bestimmt , daß er die Braut seines Sohnes auf alt Römische Art in sein Haus aufzunehmen wünschte . Wir fügten uns auch diesem Wunsche , und so wurden Theophanien die Schlüssel des Hauses übergeben1 , Feuer und Wasser überreicht , die Sclaven vorgestellt u.s.w. ; und bis auf das Opfer am Altar der Laren , das ihre Religion verbot , verrichtete sie Alles mit einem Anstand und einer Liebenswürdigkeit , die , das sah ich wohl , ihr das Herz meines Vaters gewann . Seit der schwere Druck des Unglücks nicht mehr auf diesem zarten Gemüthe liegt , erhebt sie sich in stiller Heiterkeit , und einem reizenden Frohsinn , der sie zu einem von der ehemaligen Larissa ganz verschiedenen Wesen macht . Sie führt das große Hauswesen meines Vaters mit Leichtigkeit und Ordnung , und der frohe Greis scheint sich in dem Umgange seiner Kinder , deren Glück er als sein Werk betrachtet , zu verjüngen . So bin ich unaussprechlich glücklich . Nur Constantin ist mit mir unzufrieden . Mein schnelles Verzichtleisten auf die Reichthümer meines Vaters erregte einen Streit zwischen uns . Constantin ' s Geist , der große Absichten durch kräftige Mittel zu erreichen strebt , glaubt diese zum Theil in beträchtlichen Reichthümern zu finden . Er hat nicht Unrecht , aber mein Ziel liegt nicht ganz bei dem seinigen ; und der geliebte Sohn eines sehr gütigen Vaters , den nie ein Mißverständniß von seinem Herzen riß , hat keine Vorstellung von dem Preise , um welchen ein vernachläßigtes Kind die väterliche Zuneigung gern wieder erkauft . So bleiben unsere schuldlosesten , unsere heiligsten Freuden nicht rein . Ich habe Constantin seit jenem Streite nicht wieder gesehen . In einigen Tagen denke ich nach Synthium zu gehen , und dort in einsamer Stille und reiner Luft meine Kräfte ganz zu erholen . Mein Vater hat versprochen , mich oft zu besuchen . Dort , wo meine treffliche Mutter lebte , wo ihr schönes Daseyn so früh zerriß , wo wir als Kinder um sie spielten , werde ich mit Larissen leben - aber selbst im Arm der Liebe werde ich nie vergessen , daß du von mir getrennt bist , und Constantin mir zürnt . Fußnoten 1 Bei den Hochzeitfeierlichkeiten der Römer wurden der Braut beim Eintritt in das Haus ihres Gemahls die Schlüssel des Hauses , und Feuer und Wasser , als Symbole ihrer künftigen Herrschaft im Hause , dargereicht . 80. Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im April 303 . Einst war eine Zeit , wo ich Thränen und Kummer nur aus fremder Erfahrung kannte , oder ein seltner trüber Augenblick , eine leichte Sorge , ein bald zerstreuter Schmerz nur die hellen Farben in dem Gemälde meines Lebens durch seinen Schatten desto blendender erhob . O goldene Zeit , wo bist du hin ? Mir ist , als hätte ich bis jetzt in dem schönen Traume der Kindheit gelebt , und wäre erst hier in Asien zur Wirklichkeit , zur reisen Besinnung erwacht . Hesperien ! Schönes mütterliches Land ! Wie so ganz anders war es dort ! Wie glücklich , wie beglückend war dort mein Leben ! Und wie reizlos , wie düster ist es hier ! Meine arme Sulpicia werde ich schwerlich wieder sehen . Ihren letzten Brief erhielt ich vor einem Monate in eben der Zeit , wo ein frisch zerrissenes Band anderer Art mein Herz in trübe Stimmung versetzt hatte . Er enthielt Ahnungen ihres nahen Todes . Ich hatte das beinahe gefürchtet , als ich sie im vorigen Frühling in dem unseligen Synthium wieder sah . Ihr Zustand verschlimmert sich jetzt täglich , sie ist nicht mehr im Stande , zu schreiben . Vielleicht während ich dir dies sage , lebt sie nicht mehr . O meine Sulpicia ! Unglückliches , schuldloses Opfer einer allzutreuen Zärtlichkeit ! Vorgestern habe ich einen Brief von Tiridates erhalten , er war im Tone der düstersten Verzweiflung geschrieben . Jetzt , da er auf dem Punkte steht , sie auf ewig zu verlieren , ist seine Leidenschaft in ihrer ganzen Stärke erwacht . Ach , war es nicht ihr Verlöschen , was sie an den Rand des Grabes gebracht hat ? - Welcher Widerspruch im männlichen Herzen ! Die Aerzte , sagt er mir , geben beinahe alle Hoffnung auf . Beinahe ! An diesem schwachen Faden hält sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest , und manchmal schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele . Armer Tiridates ! Er ist sehr unglücklich , und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann ich ihn jetzt nur beklagen ; denn er leidet unaussprechlich , um so mehr , da sein Herz ihm heimlich Vorwürfe machen muß . So leiden denn alle guten Menschen , alle sind gequäkt . Und warum sind wir denn gut ? Warum thut nicht jeder für sich , was ihm die Klugheit räth , ohne sich um die Andern zu bekümmern ? O die Selbstsüchtigen sind die Glücklichsten , und je länger ich in der Welt lebe , je mehr sehe ich die Rechtmäßigkeit und Klugheit ihres Verfahrens ein . Krieg gegen Krieg , List gegen List , Kälte gegen Kälte ! Wer am längsten aushält , ist der Glücklichere , und dann auch in seinen und der Welt Augen der Bessere , der Verständigere . Ist nicht in der ganzen Natur das Recht des Stärkern gültig ? So denn auch in der gesitteten Welt , nur mit dem Unterschied , daß hier Verstand und Geschicklichkeit statt der körperlichen Kraft eintritt . Hier ist der Klügere der Stärkere . So laß uns denn klug seyn , und nichts als klug , so lange das Flämmchen des Lebens brennt . Dann faßt uns die Urne , und wir sind Staub , wir mögen für uns allein gesorgt , oder uns um Anderer willen hingeopfert haben . Als ich dich verließ , als ich mit frohem Muthe das Schiff bestieg - o warum hat kein Gott mir damals mein Geschick verkündet , kein unglückliches Wahrzeichen mich zurückgehalten an dem vaterländischen Ufer ! Zu welchen Erfahrungen bin ich nach Bythinien gekommen ? Die ich liebe , muß ich entbehren und verlieren , die ich hasse , verfolgen mich , die ich vergessen möchte , ruft mir das Schicksal mit immer neuer Lebhaftigkeit zurück . Agathokles ist verheirathet , und lebt in Synthium . O wie viele Erinnerungen drängen sich in das einige Wort ! Um seines Vaters Einwilligung zu seiner Heirath zu erhalten , hat er seinem Erbtheil entsagt . Du weißt , ich bin nicht habsüchtig , aber es ist keine Kleinigkeit , wenn man im Ueberfluß erzogen worden ist , alle die tausend Bequemlichkeiten und Genüsse zu entbehren , die der Reichthum sichtbar und unsichtbar um seine Günstlinge verbreitet . Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient , schon darum nicht , weil er diese Forderung machen konnte : dennoch bringt es Agathokles . Ich konnte seinen Schritt nicht billigen , als ich es hörte , aber ich mußte ihn achten . Noch war die Bewegung , die jene Nachricht in meinem Innern erregt hat , nicht ganz gestillt , als neue Kränkungen und neue Erinnerungen mir sein Bild in einem noch glänzendern , noch gefährlichern Lichte vor die Seele riefen . Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden , und daß diese Schuld , die ich einst so gern übernommen haben würde , mich nun drückt , kannst du wohl denken . Der verächtliche Marcius Alpinus , von dem ich nun bestimmt weiß , daß er in Nicäa niedrige Absichten auf Theophanien gehabt hat , hat vermuthlich berechnet , daß es nicht so übel wäre , den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben , und ist seit jenem unseligen Abend , wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand , mein erklärter Verehrer und Freier . Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit , er wandte sich an meinen Vater , an den Bruder , an einige Freunde , ich wurde von allen Seiten mit thörichten Erzählungen von seiner Leidenschaft , von den Qualen , die er um meinetwillen , und durch meine Härte leide , geplagt . Als mir diese Art von Peinigung zu viel wurde - o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt , mit Anderer Bosheit oder Thorheit Geduld zu haben ! - erklärte ich ihm ein Mal geradezu , daß ich nun und nimmer die Seinige werden könnte . Ich war im Anfange ganz artig , aber der niedrige Mensch glaubte in dieser Schonung eine geheime Neigung , oder Furcht zu sehen - die Götter mögen wissen , was - genug , er wurde zudringlich , ungestüm ; er trotzte auf Rechte , er wollte Ansprüche geltend machen . Da übermannte mich der Unwille , und ich zeigte ihm meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung . Glaubst du , daß der Bösewicht dadurch beleidigt oder entrüstet worden wäre ? Nicht im Geringsten ! Lächelnd , mit einer Miene , die mein ganzes Wesen empörte , neigte er sich , und sagte : » Die schöne Calpurnia kleidet auch der Zorn , aber ich bitte sie nicht zu vergessen , daß diejenige , die in Männerkleidern einem grausamen Geliebten nachläuft , kein Recht hat , in diesem Tone mit einem Manne zu sprechen , der ehrliche Absichten auf sie hat . Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen , aber die Geschichte dieser Verkleidung ist zu lustig , um sie der schönen Welt in Nikomedien länger zu entziehen . « Er neigte sich und ging . Mich hatte Schaam , Zorn , und Erstaunen stumm gemacht . Erst als er entfernt war , vermochte ich den ganzen Umfang seiner Bosheit , und meine Gefahr einzusehen . Ich war außer mir . Ich wagte nicht mit meinem Vater zu sprechen , ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung , und fürchtete zugleich , daß vielleicht irgend eine gewaltsame Maaßregel , die ihn die Sorge für die Ehre seiner Tochter ergreifen machen würde , das Uebel ärger machen könnte . Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glühendem Gesicht und funkensprühenden Augen zu mir . Der Bösewicht Marcius hatte seine Drohung bereits ausgeführt , und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbrüder meine Geschichte , meinen und Agathokles Namen preisgegeben . Einer von den Gästen hatte es unter dem Scheine des Zweifels , und als ein unglaubliches Mährchen meinem Bruder erzählt . Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu , nicht besser war der folgende Tag . Ich zitterte , so oft Jemand eintrat , so oft man meinem Vater einen Besuch meldete , daß jetzt wieder die unselige Geschichte erwähnt werden würde . Plötzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden , doch nicht ohne vorher seine vorige Erzählung als einen Scherz , dessen Veranlassung eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen wäre , ernstlich und feierlich widerrufen zu haben . So war das Gewitter diesmal vorübergegangen , und ich konnte nicht begreifen , wie ? bis ein Paar Tage darauf Quintus durch denselben Centurio , der ihm die Geschichte zuerst erzählt hatte , erfuhr , daß Agathokles in größter Eile von Synthium gekommen , und bei Marcius abgestiegen war , daß man sie sehr lebhaft streiten gehört habe , daß Marcius sogleich seine Pferde zu satteln , und den Sclaven , sich reisefertig zu machen , befohlen habe , und noch denselben Abend , wenige Stunden nach Agathokles , der sogleich wieder auf seine Villa zurückgekehrt war , die Stadt verlassen habe . So war denn die Rettung meines guten Namens Agathokles Werk , so bin ich ihm dafür verpflichtet ! Und er äußert nichts gegen mich , er entzieht sich meinem Dank , er weiß vielleicht gar nicht , daß mir die ganze Sache bekannt ist . O mein Lucius ! Ist es möglich , dies zu denken , ein fühlendes Herz , und einst so lachende Hoffnungen gehabt zu haben , und jetzt ruhig oder kalt zu seyn ? Was wird noch aus mir werden ? Ein Entschluß steht fest in meiner Seele . Wenn mein Schicksal fortfährt , Qual auf Qual , Beschämung auf Beschämung über mich zu häufen , so will ich seinen Launen weichen , ich will den Ort verlassen , an den ich unter so unglücklichen Vorbedeutungen gekommen bin , und meinen Vater bitten , daß er mich nach Rom zu dir und meiner Tante Sempronia zurückschicke . Hier kann ich es nicht länger aushalten . 81. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Cäsarea , im Mai 303 . Haben die Eumeniden mir diesen Agathokles zur Strafe meiner Vergehungen gesandt ? Lebt der Mensch nur , um mir überall , wo ich ihn am wenigsten vermuthe , in den Weg zu treten ? Sein Fanatismus , die Eitelkeit des Einen , die Schwäche des Andern , Alles muß sich vereinigen , um Plane zu zerstören , die weit klüger angelegt waren , als diese schwachen Seelen es je auch nur träumen konnten . Sein Vater hat ihm verziehen , und Alles , was ich seit Monaten mit Verstand und Vorsicht bereitete , wird nun an dem langsamen Feuer häuslicher , kindlicher Zärtlichkeit schmelzen . Wer hätte auch an die ungeheuere Thorheit glauben sollen , daß ein Mensch , der fünf gesunde Sinne hat , um die Einwilligung seines Vaters zum Besitz eines Weibes , das ihm jederzeit gewiß war , zu erhalten , ein Vermögen von mehr als hundert Talenten ausschlagen würde ! Als ich sicher war , daß Theophania nicht blos in Nikomedien , daß sie unter einem Dache mit ihm lebte , und mir den Schluß der Tragicomödie an den Fingern abzählen konnte , war es natürlicher Weise nothwendig , Alles vorzukehren , was diese Verbindung entweder gleich trennen , oder wenigstens auf so lange Zeit verschieben konnte , daß mir Muße und Gelegenheit übrigte , allerlei andere Hindernisse herbeizuführen . Hegesippus ist schwach , eitel - und darum sehr lenkbar . Er hatte im ersten Anfall des Zorns seinem Sohne den Fluch gegeben , als er von ihm hörte , daß er ein Christ sey ; ich durfte also nur auf diesem Grund fortbauen , und that es mit Klugheit und gutem Erfolg . Bei der Nachricht von der Gefahr seines Sohnes bekam zwar der schwache Alte eine Art Rückfall , aber ich machte ihm begreiflich , wie sehr er sein Ansehen vor der Welt und bei Hofe auf ' s Spiel setzen würde , wenn er jetzt nachgäbe , und den Sohn anerkannte , der sich geradezu als Rebell gegen den kaiserlichen Befehl gezeigt hatte , und ich brachte es dahin , daß er wenigstens öffentlich sich gar nicht um ihn zu bekümmern schien . Aber freilich , wie das bei Menschen dieser Art geht , ich konnte nicht hindern , daß nicht täglich ein Sclave heimlich in das Wittwenhaus abgefertigt wurde , der sich unter fremdem Namen nach allen Umständen des Sohnes erkundigen mußte . Ich ließ die Thorheit hingehen , weil ich sie für unschädlich hielt ; aber man soll keinen , auch nicht den unbedeutendsten Umstand außer Acht lassen , besonders wenn man mit unzusammenhängenden Gemüthern zu thun hat . Ein Paar Wochen waren still vergangen , da erschien plötzlich Constantin , und wandte sich im Namen seines Freundes an Hegesippus , und bat ihn um seine Einwilligung , und seinen Segen zur Heirath . Der Alte war bestürzt , geschmeichelt , gerührt . Er hatte auf dies Zeichen von Liebe und Unterwerfung gar nicht mehr gerechnet , und Agathokles hätte den Botschafter nicht besser wählen können . Der Sohn des Abendländischen Cäsars , der als Client im Namen seines Sohnes , seines innigsten Freundes vor ihm stand ! Zum Glück besann sich der schwachsinnige Greis noch so viel , daß er nicht auf der Stelle Ja sagte , sondern die Antwort den folgenden Tag zu geben versprach . Er ließ mich rufen , ich war selbst überrascht . - Wer hätte diese neue Thorheit von Agathokles vermuthen sollen ? Da er mir aber so gutmüthig die Waffen gegen ihn in die Hand gab , wäre es Wahnsinn gewesen , sie nicht zu brauchen . Ich stimmte dem Alten , was überhaupt nicht schwer ist , und ließ ihn in der Ferne eine Aussicht sehen , vor der ihm graute , sein Vermögen zum Nutzen und zur Emporbringung einen Secte angewendet , die er haßte und verachtete , die ihm schon so viel Herzeleid gemacht hatte . Der Entschluß war bald gefaßt , Hegesippus gab seine Einwilligung , aber nur bedingungsweise - nur dann nämlich , wenn Agathokles allen Ansprüchen auf sein Vermögen entsagte . Ich konnte mir nicht denken , daß er diese Bedingungen eingehen würde , und eben so wenig , daß die andächtige Theophania , deren Einwirkung ich in jenem Schritte deutlich erkannte , sich entschließen würde , ihm wider oder ohne des Vaters Einwilligung ihre Hand zu geben . Es war