Rosenstock , den sie einstens selbst gepflanzt , und seither immer gepflegt hatte , in der letzten Zeit aber , da sie der Liebe erlag , vernachlässigte sie ihn , und er war umgekommen bis auf einen Zweig , der eine weiße Rose trug , die dem Verwelken nahe war . In dieser Blume schien sie sich gesehen zu haben , denn neben ihr steht eine Lilie , die ich pflanzte , als wir uns das erstemal sahen , die Lilie beugt das Haupt nieder , und leert ihren Kelch über der Rose aus sie ahndete ihren Tod , und mir ist es ebenso . Mir war eigentlich nur stille zu Mute , traurig nicht , dies Wesen ist nun schon ganz mein Leben , und man kann in jedem Leben zur ruhigen Erhebung gelangen . Ich setzte mich in das Gartenhaus , dessen Fenster auf die Landstraße geht , und schlief allmählich ein . Ich möchte vergehen , Marie , vor Ärger , plötzlich störte mich etwas , ich erwachte : ein Mann hatte mich vertraulich umschlungen , und küßte mich , ich schrie um Hülfe , und er sprang zum offen stehenden Gartenfenster mit einer lächerlichen Leichtigkeit hinaus . Es war so närrisch , daß ich mich umsehen mußte , da hörte ich ihn in den Büschen singen : Non gridate per aiuto O lo farò senz ' ogn ' aiuto . Ich empfand nie einen lächerlichern Widerwillen , die Bedienten der Gräfin liefen ihm nach , aber sie fanden niemand . Ich habe dies gleich nach dem abgeschmackten Vorfalle geschrieben , und jetzt will ich Wallpurgis noch gute Nacht sagen . Lebe wohl ! grüße Joseph , und sag dem Vater , ich wäre wieder ruhig . Ich bin gerne hier , denn dieser Aufenthalt stärkt mich für mein ganzes Leben . Annonciata Marie ward sehr traurig durch diesen Brief , so auch Joseph und der Vater ; dieser sagte : » Man sollte nicht denken , was die Umgebung der Mutter auf das Kind für einen Eindruck machte . Einige Monate lang vor Annonciatens Geburt war ihre Mutter sehr traurig über den Tod ihrer Eltern , und bald darauf des jungen B. wegen , der sich aus Liebe zu ihr das Leben nahm ; so ist das Mädchen in Kummer und Ängsten geworden , und muß nun ewig das Zeugnis davon in ihrem trüben Gemüte tragen . « Bald hierauf kam noch ein Brief von der Gräfin selbst : sie bat Wellner , ihr Annonciaten noch zu lassen , weil ihre Tochter gewiß früher ohne sie sterben würde ; sie lobte dabei sehr Annonciatens vortreffliche Seele und versprach , ihr einstens alles zu vergelten . Da einige Tage nachher die Zeit von Josephs Abreise sehr nahe war , und der Vater sehr gern den Genueser mit Annonciaten bekannt gemacht hätte , so nahm er den Vorwand , daß Joseph sie noch einmal sehen müsse , und fuhr mit ihm , Marien und dem Italiäner nach dem Gute . Vierundzwanzigstes Kapitel Ich hatte gegen das Ende meiner Beschäftigung etwas im Gebüsche rauschen hören , und da ich sah , daß es Georg der Diener war , der am Teiche stand und die Fische fütterte , rief ich ihn herein , um ihm Unterricht auf der Laute zu geben . Als ich ihn die ersten Töne und einige Akkorde gelehrt hatte , begriff er es gar bald , und wünschte nur , daß er besser singen könnte . Ich bat ihn , leise und gelinde eine Melodie zu singen ; er weigerte sich auch nicht lange , und sang folgendes Lied mit einem wehmütigen Tone : Ein Fischer saß im Kahne , Ihm war das Herz so schwer , Sein Liebchen war gestorben , Das glaubt ' er nimmermehr . Und bis die Sternlein blinken , Und bis zum Mondenschein Harrt er , sein Lieb zu fahren Wohl auf dem tiefen Rhein . Da kömmt sie hergegangen Und steiget in den Kahn , Sie schwanket in den Knieen , Hat nur ein Hemdlein an . Sie schwimmen auf den Wellen Hinab in tiefer Ruh , Da zittert sie und wanket ; O Liebchen , frierest du ? Dein Hemdlein spielt im Winde , Das Schifflein treibt so schnell ; Hüll dich in meinen Mantel , Die Nacht ist kühl und hell . Sie strecket nach den Bergen Die weißen Arme aus , Und freut sich , wie der Vollmond Aus Wolken sieht heraus . Und grüßt die alten Türme , Und will den hellen Schein Mit ihren zarten Armen Erfassen in dem Rhein . O setze dich doch nieder , Herzallerliebste mein ! Das Wasser treibt so schnelle , O fall nicht in den Rhein . Und große Städte fliegen An ihrem Kahn vorbei , Und in den Städten klingen Der Glocken mancherlei . Da kniet das Mädchen nieder Und faltet seine Händ Und seine hellen Augen Es zu dem Himmel wendt . Lieb Mädchen , bete stille , Schwank ' nicht so hin und her , Der Kahn , er möchte sinken , Das Wasser treibt so sehr . In einem Nonnen-Kloster Da singen Stimmen fein Und in dem Kirchenfenster Sieht man den Kerzenschein . Da singt das Mädchen helle Die Metten in dem Kahn , Und sieht dabei mit Tränen Den Fischerknaben an . Der Knabe singt mit Tränen Die Metten in dem Kahn , Und sieht dabei sein Mädchen Mit stummen Blicken an . So rot und immer röter Wird nun die tiefe Flut , Und weiß und immer weißer Das Mädchen werden tut . Der Mond ist schon zerronnen , Kein Sternlein mehr zu sehn , Und auch dem lieben Mädchen Die Augen schon vergehn . Lieb Mädchen , guten Morgen ! Lieb Mädchen , gute Nacht ! Warum willst du nun schlafen ? Da schon die Sonn erwacht . Die Türme blinken helle , Und froh der grüne Wald Von tausend bunten Stimmen In lautem Sang erschallt . Da will er sie erwecken , Daß sie die Freude hör , Er sieht zu ihr hinüber Und findet sie nicht mehr . Und legt sich in den Nachen Und schlummert weinend ein , Und treibet weiter weiter Bis in die See hinein . Die Meereswellen brausen Und schleudern ab und auf Den kleinen Fischernachen , Der Knabe wacht nicht auf . Doch fahren große Schiffe In stiller Nacht einher , So sehen sie die beiden Im Kahne auf dem Meer . Die Tränen standen ihm dabei in den Augen , und als ich ihn fragte , warum er so traurig sei und das Lied ihn so bewege , sagte er : » Die Weise ist von des einen Pächters Tochter ; sie sang es oft , ich war dem Mädchen gut , und sie ist nun gestorben ; es ist mir nur immer , als trieb ich auch in die weite See . « Ich spielte ihm einige naive lustige Lieder , um ihn zu trösten , denn das Naive ist der Trost einfacher Seelen . Dann gab ich ihm einiges , was er lernen sollte , und ging nach Godwi . Ich fand Flametta bei ihm : es schien uns in ihrer Gegenwart allen wohlzusein . Das Mädchen ist so fest , so rein und kalt wie Marmor , und dabei doch so unendlich beweglich und lebendig . Ihre Figur ist vollkommen die der Atalanta , und ich habe eine große Liebe für diese Figur . Es ist mir , als könne man sie noch erbitten , und als habe sie in dem Charakter ihrer Gestalt einen überwindlichen Gegensatz . Sie kam , um Godwi eine kleine dramatische Arbeit vorzulegen , und um seine Erlaubnis und Unterstützung bei der Aufführung zu bitten ; auch bat sie uns , an allen männlichen Rollen zu ändern , wo es uns gut dünke , weil sie , so sagte sie lächelnd , dies Geschlecht täglich weniger begreife . Godwi sagte scherzend : » Das ist doch schon ein Beweis , daß Sie über dieses Geschlecht studieren , und Sie werden es vielleicht einstens wohl gar umfassen . « Wir nahmen uns dann vor , ihr Gedicht zu lesen , und Godwi gab ihr die Erlaubnis , eine kleine Summe für die Aufführung anzuwenden . Sie bat sehr um unser Mitspielen , wir konnten es ihr nicht versagen , und versprachen , bald zu kommen , sie möge nur einstweilen die Zubereitungen vollenden . Das Gedicht hieß : Vertumnus und Pomona . Fünfundzwanzigstes Kapitel Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern Die Gesellschaft fuhr fröhlich nach dem Gute hinaus ; der Italiäner war vergnügt , sang scherzhafte Lieder , und schnitt den Bauernmädchen Gesichter aus dem Wagen ; als sie aber den Schloßhof hineinfuhren , ward Wallpurgens Sarg in den Leichenwagen geschoben , die schwarzen Männer bewegten sich , und stille , wie das Geschäft einer andern Welt , ging der Zug an ihnen vorüber . Sie konnten alle kein Wort sprechen , Joseph und Marie hatten sich angesehen , da der Wagen vorüberging , und dann nicht wieder . Nach dieser Pause sprang der Italiäner aus der Kutsche mit den Worten : » Das war dumm . « - Dann folgten die andern . Joseph erkundigte sich im Hause , und brachte die Nachricht , daß die Gräfin mit Annonciaten , gleich nach dem Tode ihrer Tochter , auf ihr anderes Gut gereist sei . Sie entschlossen sich daher , sogleich zurückzukehren , nachdem sie einige Erfrischungen eingenommen hätten , für welche der Hausmeister sorgte . Sie waren in den Garten gegangen : Wellner und den Italiäner reizten einige Statuen , einen andern Weg einzuschlagen , und die beiden Liebenden setzten sich in eine Laube . Anfangs sprachen sie nicht ; es war , als seien sie ganz fremd geworden , und müßten sich ihre Liebe von neuem gestehen , so war der Tod der armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren . Morgen war nun der Tag , an dem Josephs Abreise festgesetzt war , und wie traurig der Abend vorher . Er war herausgefahren , um Annonciaten noch manches zu sagen , was ihm das Herz schwer machte , denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen . Er wollte die Beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich und einander fester verbinden , damit sie sich in seiner Abwesenheit gegenseitig unterstützen könnten , und nun mußte er sie in solcher Zerrüttung verlassen . Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten , welche nur eine Taxuswand trennte ; an den einen setzte sich unsre Gesellschaft , ohne zu wissen , wer den andern einnehmen werde . Es war schon dunkel , und man aß mit brennenden Lichtern ; doch blieben sie nicht lange ungestört , und Wellner , Joseph und Marie verließen den Tisch , als sie die Leichenträger Wallpurgens sich an der andern Tafel versammeln sahen , ihren herkömmlichen Schmaus zu halten ; der Italiäner allein blieb zurück . Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem Schmaus war ihm äußerst fatal ; er nahm sich daher ganz allein für sich vor , sich an den schwarzen Männern zu rächen . Um dieses zu bewerkstelligen , ging er nach dem Tore , einen der Gesellschaft , der noch kommen sollte , zu erwarten und zu seiner Absicht zu gebrauchen . Er hatte die übrigen sehnlichst nach diesem verlangen hören , weil er der vierzehnte war , und sie nach einem alten Aberglauben , daß einer von dreizehnen , welche miteinander essen , sterben müsse , diesen Retter von Tod und Hunger wie den Messias erwarteten . Der Italiäner empfing diesen am Tor , und bezahlte ihn so gut für einen Botengang , den er ihn eine halbe Stunde weit machen ließ , daß er ihm seinen schwarzen Mantel hingab , und sich sogleich auf den Weg machte . Er aber hüllte sich in den Mantel , und ging zu den übrigen hin . Diese machten ihm Vorwürfe über sein Ausbleiben , er schwieg ; sie fuhren fort , ihren Unwillen zu äußern , und er , stumm zu sein ; dann setzten sie sich nieder , um zu essen . Es war dunkel , sie hatten nur eine Lampe , welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an einen tiefen Ast des Baumes gehängt war , der neben dem Tische stand , und der Italiäner saß völlig im Schatten . Da der Becher herumging , und die Reihe an ihn kam , zu trinken , war er weggeschlichen , ohne daß man ihn bemerkt hatte . Die Leichenmänner stutzen hierüber nicht wenig , denn sie waren nun wieder zu dreizehn , und einer stand deswegen auf , ihren Kameraden zu suchen und zu prügeln . Die Zurückgebliebenen aber ließen es sich indessen recht gut schmecken . Als der dreizehnte weg war , setzte sich der Italiäner wieder hin , und da sie ihn bemerkten , fingen sie an sich zu zählen , indem sie ihre Namen hintereinander her nannten , und als die Reihe an ihn kam , warf er mit einer Erdscholle die Lampe vom Baum , und schrie laut : eccomi . - Die Leute erschracken hierüber so sehr , daß sie auseinander liefen , um ihren Kameraden zu rufen , er aber nahm die große Leichenbrezel , kletterte , indem er sie um den Hals hängte , den Baum hinauf , und erwartete den Ausgang . Bald kamen die Leute mit großem Lärm zurück , sie hatten einen Fremden in ihrer Mitte , der sich lebhaft verteidigte . Da sie sich dem Tische genähert hatten , und einer ausrief , daß die Leichenbrezel auch fort sei , fragte der Fremde , wer gestorben sei , und als er den Namen Wallpurgens hörte , sank er an die Erde . Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen , auch Wellner , Joseph und Marie kamen herbei , der Italiäner aber stieg bestürzt vom Baume , und ging nach der Kutsche , welche schon angespannt war , ließ die andern rufen , und sie fuhren weg . Joseph erzählte , daß er in der Verwirrung gehört habe , der junge Mensch sei der Mann , um dessenwillen Wallpurgis gestorben sei ; er habe sie besuchen wollen , und von ihrem Tode noch nichts gewußt , und als er zur Hintertüre des Gartens hereingekommen , sei er auf so eine lärmende Weise von den Leichenmännern empfangen und von ihrem Tode unterrichtet worden , daß er fast vor Schreck gestorben sei ; doch habe er sich nicht zurückhalten lassen , und sei gleich weitergeritten . Der Italiäner sagte nichts , und der ganze Tag hatte sich traurig und polternd geendigt . Den folgenden Morgen trennten sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen , sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen , und da das Schiff schon weit weg war , und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftücher sehen konnten , bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich . Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere Zeit , und die Munterkeit des Italiäners ward ihnen unangenehm . An Annonciaten und die Gräfin schrieben sie mehrmal , um sie zu bewegen , zurückzukommen , aber die letzte bat dringend , ihr Annonciaten zu lassen , und eröffnete zugleich ihren Willen , das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen , wenn er seine Einwilligung dazu geben wolle . Sie schrieb : » Annonciata soll nichts davon wissen , es würde ihren gereizten Sinn vielleicht kränken ; aber lassen Sie es uns im Stillen über sie verhängen . « Von dem Mädchen lag folgender Brief dabei . Lieber Vater ! Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen - Wallpurgis ist tot , und ich bin ruhig . Jemand so sterben sehen , giebt Ruhe , denn ein solcher Tod ist gastfrei , und wer zugegen ist , genießt alles mit : ich bin mit ihr ruhig geworden . Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekümmert sein , denn alles , was Bangigkeit und Unruhe in mir war , ist mit ihr hinübergegangen , und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zurück ; sie war immer ein freundliches , teilendes Wesen , und hat sich auch im Himmel nicht verändert . Es ist mir , wenn ich an sie denke , als stehe sie vor mir , empfange meine Gedanken , und gebe sie mir in einen stillen wohltätigen Strom von Ruhe gelöst zurück . Du kannst es nicht glauben , lieber Vater , was das für eine Empfindung ist ; mit allem bin ich versöhnt , und kann so glücklich hier im Garten herumgehen , denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben . Ich will deswegen recht offen mit dir reden , denn ich bin nun so , daß ich nichts mehr zu verbergen brauche , da auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm : ob ich denke oder spreche , das ist einerlei . Ich weiß , wie du mich liebst , und wie du immer um mich besorgt bist . Die Erziehung ist etwas , was der Erzieher immer weiß , und ein Gemüt ist etwas , was er nicht weiß ; da er aber doch mit der sorgenden schönen Liebe , die ihn treibt , erziehen muß , so wird er sehr traurig , wenn er niemals das werden sieht , was er bezweckt . So warst du und Joseph immer traurig um mich , und ihr würdet noch viel trauriger geworden sein , wenn ich nicht die Hälfte des Verdrusses in mich genommen hätte , und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar wirkender machte , so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Tätigkeit des Selbstbildens und Sichbildenlassens , so daß dieser Betrug , den ihr in mir bemerktet , euch wieder kränkte . Sei versichert , lieber Vater , daß alles aus mir werden wird , was aus mir werden kann , denn ich bin ernsthaft und unbefangen . Was man erkennen kann , erwäge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand , und alles , was über den Menschen schwimmt , wie die Luft über der Pflanze , giebt mir das Leben : ich bin fromm und andächtig , es zu empfangen , denn fromm ist der , der das Schöne und Reine mit Liebe sucht und emsig betet , wenn er vor der Natur und schönen Werken steht , und andächtig ist der , welcher über seinem Denken nicht ein trennendes Ende fühlt , sondern einen leisen Übergang in die unendliche Liebe . Die Andacht ist ein gelinder Rausch , der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten eröffnet , und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem , das wir nie sahen , noch wußten . So sind die halben Töne in der Musik , und die milden Farben des Übergangs in der Malerei , und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Züge , denn alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Überganges . - So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz , denn ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis Tod - o ! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen . Ich fühle auch schon , wie ich mich ins Leben zurückwende , und bald ganz froh sein werde . Sicher hat dir die Gräfin schon geschrieben , wie mein Mut wohl oft zum Mutwillen wächst - daß ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden bin , ist nicht wunderbar , denn durch ihn habe ich erfahren , was ich erdulden muß - ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden , und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm , damit er einstens wie mein Spielgeselle zu mir komme , wenn er kömmt . Lasse mich bei der Gräfin ; die arme Frau hat niemand auf der Welt , und sie liebt mich . Es ist vor einigen Tagen ein italiänischer Lautenist hierhergekommen , und hat vor der Gräfin gespielt . Sie wünschte , daß ich es lerne , und der Mann bleibt nun einige Wochen hier , mir Unterricht zu geben . Die Gräfin hat mir eine schöne Laute dazu geschenkt , und ich werde dir einmal viel Freude damit machen . Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespeare vor , und finde es sehr nützlich , denn es härtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab . - Ich fürchte mich ordentlich vor seinen Personen , und vor denen immer am meisten , die ich besonders liebe . Wenn ich abends allein im Garten gehe , gehe ich oft schnell oder langsam , und möchte beides zugleich , denn irgend ein Wesen aus diesen Gedichten geht mir entgegen , und verfolgt mich . In vielen einzelnen finde ich mich wieder , und erkenne eine ganze Welt in ihnen . Könnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen , so würden Begriffe und Erfahrungen draus werden . Nun aber bleibt es immer Empfindung , denn die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich , und noch stärker , jede ihrer Erscheinungen strömt mit diesen Empfindungen zusammen , und dadurch scheinen sie mir so drückend werden zu können . Jede Beleuchtung des Himmels und jede berührendere Zusammenstellung von Landschaft erhält für mich ein phantastischeres Leben , indem sie sich mit diesen Männern und Frauen Shakespeares verwebt , und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuß daliegt , sondern in eine Art von Handlung , von dramatischem Leben tritt . Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so , ja selbst in diesem Briefe sind Anklänge dieser Hinneigung zu einem bloßen allgemeinen Verkehr mit allem , was lebt , und einer völligen Unfähigkeit , mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wenden . Lieber Vater , ich hoffte nicht , daß es dich schmerzen wird , dies so aufrichtig von mir zu hören , denn es ist mir sehr wohl , indem ich es schreibe , auch will ich nur immer an dich schreiben , du kannst dann Marien vorlesen , was dir gut dünkt , daß sie es wisse . Lebe herzlich wohl . Annonciata Obschon für Wellner viel Unverständliches und Fantastisches in diesem Briefe war , so rührte ihn doch das Vertrauen Annonciatens , und er entschloß sich , sie noch bei der Gräfin zu lassen . Der Italiäner war weggereist , ohne Abschied zu nehmen , das verdroß Wellnern , und es tat ihm nun doppelt wohl , keiner Verbindungen mehr zu bedürfen , da er mit Mariens Glück auf dem Reinen war , und auch Annonciata glücklich und zufrieden schien . Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort , in einer einsamen Stille . Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs , die der Vater mit Marien freundlich teilte . Annonciatens Briefe wurden seltener , kürzer , und hatten weniger Verhältnis zueinander , in einigen war sie helle Glut , in andern schien sie zu verlöschen , und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet . Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England , in dem er seine Überfahrt nach Amerika meldete . Dieser Brief war sehr rührend , und Marie war lange nicht zu trösten . Sie beschäftigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Weltteil , sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika vor . Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umständen dieses Landes auf , und lebte in der Neuen Welt . Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Übergewicht über ihre Ruhe , und neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Dasein hin . Wellner bemerkte mit Verdruß diese Veränderung , die doch bloß eine höhere Entfaltung war , denn sie ward so mannichfacher , und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige Entdeckungen für ihre Liebe . Sie lernte nun erst wissen , daß sie liebe , berechtigte sich dazu , und beschützte sich dies Recht . Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward , und es sehr lange her war , daß Annonciata geschrieben hatte , so entschloß sich Wellner , mit ihr nach dem Gute der Gräfin zu reisen . Sechsundzwanzigstes Kapitel Als ich so weit geschrieben hatte , führte mich Godwi nach dem Bildersaal , wir traten vor ein großes Gemälde , er zog den Vorhang in die Höhe , und wir sahen es stille an ; es stellte Wallpurgis und die Blumen vor , und war von dem nämlichen Künstler , der das Bild Annonciatens gemalt hatte , in demselben Stil , doch mystischer gearbeitet , so wie jenes Allegorie des Lebens , so dieses Hindeuten auf den Tod . Jenes Bild hatte mich heftig bewegt , und in diesem löste ich mich auf . » Vor diesem Bilde « , sagte ich zu Godwi , » kann ein liebes Mädchen ruhig sterben . Alles schwindet , es ist , als vergehe es unter meinen Augen . Die Farben sind beweglich , sie fliehen alle gegen die ferne Glut des Himmels , und scheinen schon im Nachklang zu wallen . Ich habe nicht gedacht , daß der Abend so könne gefesselt werden , wie er hier aus den dunklen Gewölben der Bäume dringt . Seine geheimnisreichen Seelen schleichen über den dicht belaubten Boden , fließen mit leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf , aus deren Kelchen zarte Geister an der größten holdesten Blume des ganzen Bildes , dem stillen liebe- und lebenmüden Mädchen , hinaufsteigen . Es herrscht um das Mädchen eine wunderbare Haltung des Lichtes , die Farben werden gleichsam zu verschiedenen Form-Atomen , und scheinen nur im Lichte zu schwimmen , besonders wo die Blumen ihr näherstehen , gegen ihren Busen wird es schon einiger , um ihre Wangen und Lippen verschwimmt es ganz , und aus ihren Augen strömt wieder völlige Einheit des Lichts , doch ein anderes , unbeschreiblicheres . Ihre Stirn und ihre Locken aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages , der von oben durch die geöffnete grüne Pforte der Bäume niederbricht , ringsum die Zweige in grüne Glut setzt , und den großen Früchten , die schwer aus ihnen niederblicken , feurige Blicke giebt . « » Ich habe vergessen , « sagte Godwi , » Ihnen zu sagen , daß diese Gemälde von Franzesko Firmenti sind , dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans Seite 165 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt , der ihn wieder gefunden hatte ; es ist derselbe , von dem Römer Seite 50 schreibt , daß er seine Stelle ersetze und mit meinem Vater viel allein sei . Ehe er sich in die Handlungsgeschäfte einließ , an denen er seinen Geist wieder systematisieren wollte , hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt . Es war damals eine begeisterte Melancholie in seiner Seele , in der sich seine Verrücktheit gelöst hatte . Doch wir werden mehr von ihm hören . Alle seine Bilder haben einen eignen Charakter , und zwar den , daß sie eigentlich nicht sind , sondern ewig werden , und dies entsteht durch eine Manier , in dem er das Licht der Pflanzen , des Himmels und des Fleisches in verschiedene Haltungen setzt , obschon nur eine Beleuchtung stattfindet . In Bildern dieser Art macht dieses oft einen glücklichen Effekt . « » Ja , « fuhr ich fort , » es ist auffallend , denn eben hierdurch entsteht diese Bewegung , ich möchte sagen , dieses leise Wogen der Farben über das Ganze , das Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehör , das die Schwingungen der einzelnen Töne durch den vollen Akkord hört , und ich möchte seine Malerei rhythmisch und deklamatorisch nennen : es ist , als wallen die Wellen sanfter Jamben durch das Gemälde . Es ist wunderbar dargestellt und gemalt , was ich für unmöglich hielt , ein Bild , das nicht historisch ist , keinen Moment erfüllt , sondern die fortdaurende stille Bewegung eines dichten Gemütes vorstellt . Ich sehe , daß das Mädchen spricht , obschon ihre Lippen nur leise geöffnet sind ; ich sehe , daß sie sich den Blumen vergleicht , und die Blumen sich , denn nur auf ihren Lippen , in ihren Augen wird sie Jungfrau ; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie eine Pflanze , ihre Arme gleichen zarten Zweigen , ihre Brüste drängenden sehnenden Knospen , welche gelinde vorstreben , und um die sich die samtenen Blätter lebendiger regen . Über diesem Throne des milden Herrschens wallt ihr Antlitz wie Duft ; auf den Lippen wird alles ein stiller Erguß ; die Augen sind reflektierendes holdseliges Sinnen , und das Haupt ergießt sich mit den Locken in das flammende Element des Himmels . Alles , was sie empfindet , steht in dem Lichtgrade , in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet . Aber ich werde nimmer fertig , das Bild wächst unter meinen Augen , und hänge ich an den Formen des Mädchens , und suche sie zu enträtseln , so rufen mich die Blumen , als sollte ich sie hinaufheben , an ihr keusches begehrendes Herz ; gehe ich nieder , um die stummen Kinder zu brechen , so werde ich zur Biene , und schwebe über ihren Kelchen , deren Süßigkeit sie selbst nie leeren , dann zieht mich wieder der feurige Himmel hinauf , und meine Empfindung verliert alle Gestalt . Diese Geschichte meines Anschauens aber beruhet allein auf diesen drei Lichtern , die in dem Bilde herrschen und sich auf allen Punkten auswechseln . « » Es scheint , « sagte Godwi , » als wären die Blumen in einem Opfer entzündet , und alles andere sei nur ein Gedicht , das sich in ihren Dampfwolken gebrochen habe , um zu erscheinen , und als wäre das Mädchen nur der Mittler zwischen ihnen und dem Himmel , denn in diesen Blumen liegt ganz der Charakter von Wallpurgis Gestalt und des Himmels . Es ist