wen preisgegeben ! Wer hatte die Niederlage jenes Corps verschuldet , das ungewarnt , ohne jede Deckung , einem Angriffe , ausgesetzt war , gegen den es sich durch die Vorhut des Fürsten Baratowski gesichert glaubte ? Waldemar raffte seine ganze Fassung zusammen . » Woher haben Sie die Nachrichten ? Sind sie zuverlässig , nicht bloß Gerüchte ? « » Der Haushofmeister Pawlick brachte sie mir , « erklärte der Administrator . » Er ist drüben – « » Bei Ihnen ? Und Ihnen bringt er die Nachricht , während er weiß , daß ich hier seit Stunden auf seine Rückkehr harre ? Weshalb kommt er nicht ins Schloß ? « Franks Auge suchte wieder den Boden . » Er wagt es nicht – die Frau Fürstin , die junge Gräfin hätten am Fenster sein können ; sie müssen doch erst vorbereitet werden – Pawlick ist nicht allein , Herr Nordeck . « » Was ist geschehen ? « brach Waldemar ahnend aus . » Mein Bruder – « » Fürst Baratowski ist gefallen , « sagte der Administrator leise , » Pawlick bringt die Leiche . « – Waldemar schwieg . Er legte nur einige Sekunden lang die Hand über die Augen , dann raffte er sich gewaltsam auf und eilte hinüber nach dem Gutshofe , Frank ihm nach . Drüben im Hause des letzteren trat ihnen Pawlick entgegen . Er blickte scheu zu seinem Herrn auf , den er , der treu ergebene Diener der Fürstin , als Feind zu betrachten gewohnt war , aber der Ausdruck Nordecks zeigte ihm , was ihm schon der heutige Morgen gezeigt hatte , daß es nur noch der Bruder seines jungen Gebieters sei , der jetzt vor ihm stand , und da brach die Fassung des alten Mannes zusammen . » Unsre Fürstin ! « jammerte er , » sie wird es nicht überleben und Gräfin Wanda auch nicht . « » Sie haben den Fürsten also nicht mehr erreicht ? « fragte Waldemar . » Doch , « berichtete Pawlick mit halb gebrochener Stimme . » Ich holte ihn noch rechtzeitig ein und überbrachte ihm die Warnung . Er wollte nicht darauf hören , wollte trotz alledem den Uebergang versuchen ; er meinte , das Waldesdickicht werde ihn schützen . Ich bat ; ich lag auf den Knieen vor ihm und fragte ihn , ob er sich denn von den Grenzposten niederschießen lassen wolle , wie ein gehetztes Wild . Das half endlich . Er willigte ein , zu warten bis zum Abend . Wir überlegten eben , ob wir die Einkehr in die Försterei wagen dürften , da begegnete uns – « » Wer ? Eine Patrouille ? « » Nein , der Pächter von Janowo . Von dem war kein Verrat zu besorgen ; er hat von jeher zu uns gehalten . Er hatte Vorspanndienste bei den Truppen leisten müssen und kam nun zurück von der Grenze . Bei der Gelegenheit hatte er gehört , was man sich dort erzählte , drüben bei W. sei es heute zum Kampfe gekommen , und der sei noch jetzt nicht entschieden , das Morynskische Corps wehre sich verzweifelt gegen einen Ueberfall . Da war es aus mit der Vernunft und Besinnung unsres jungen Fürsten ; er hatte nur den einen Gedanken noch , nach W. hinüber zu kommen und sich mit in den Kampf zu werfen . Wir konnten ihn nicht halten – er hörte auf keinen mehr . Eine halbe Stunde war er fort , da hörten wir Schüsse fallen , erst zwei rasch hintereinander , dann ein halbes Dutzend auf einmal , und dann – « Der alte Mann konnte nicht weiter reden ; die Stimme versagte ihm , und ein heisser Tränenstrom stürzte aus einen Augen . » Ich habe die Leiche mitgebracht , « sagte er nach einer Pause . » Der Herr Rittmeister , der gestern hier im Schlosse war , hat es mir ausgewirkt von denen da drüben . Mit dem Toten konnten sie ja doch nichts mehr anfangen . Aber ich wagte nicht , mit ihm ins Schloß zu kommen . Wir haben ihn einstweilen dort niedergelegt . « Er wies nach dem gegenüberliegenden Zimmer , Waldemar gab ihm und dem Administrator einen Wink zurückzubleiben und trat allein in das bezeichnete Gemach . Grau und trübe fiel das schon im Schwinden begriffene Tageslicht herein und auf die leblos hingestreckte Gestalt des jungen Fürsten . Schweigend stand der Bruder an der Leiche . Das schöne Antlitz , das er so strahlend von Leben und Glück gesehen hatte , war jetzt starr und kalt ; die flammenden dunkeln Augen waren geschlossen , und die Brust , die so hoch aufschwoll von Freiheits- und Zukunftsträumen , trug jetzt die Todeswunde . Was das heiße , wilde Blut des Jünglings verbrochen , das hatte auch das Blut gesühnt , das aus der zerschossenen Brust quoll ; es rötete in unheimlich dunkeln Flecken die Kleidung . Noch vor wenig Stunden stürmten in dieser nun entseelten Hülle alle Leidenschaften der Jugend , Haß und Liebe , Eifersucht und Rachegedanken , Verzweiflung über die eigene nicht gewollte That mit ihren entsetzlichen Folgen – jetzt war das alles vorbei , erstarrt in der eisigen Ruhe des Todes . Nur eines stand noch auf dem stillen , bleichen Antlitz , stand so fest darin ausgeprägt , als sei es eingegraben für ewig , jener Zug bitteren Schmerzes , der um die Lippen des Sohnes zuckte , als seine Mutter ihm das letzte Lebewohl verweigerte , als sie ihn ohne ein Wort der Verzeihung , des Abschiedes von ihrer verschlossenen Thür gehen ließ . Alles andre sank mit dem Leben zusammen . Dieses Weh hatte Leo Baratowski mit hinübergenommen in den Todeskampf , in den letzten Schimmer des Bewußtseins – selbst der Schleier des Grabes vermochte es nicht zu decken . Waldemar verließ das Gemach , stumm und düster , wie er es betreten hatte , aber als er den draußen Harrenden entgegentrat , sahen sie es doch , daß er den Bruder geliebt hatte . » Bringt die Leiche hinüber ins Schloß ! « befahl er . » Ich gehe voraus – zu meiner Mutter . « Es war Frühling geworden , zum zweitenmal seit dem Beginne des Aufstandes , der im Anfange so mächtig emporloderte , und der jetzt erdrückt , vernichtet am Boden lag . Jene winterlichen Märztage des vergangenen Jahres hatten nicht bloß Unheil über die Bewohner von Wilicza gebracht , sie waren auch für die ganze Insurrektion verhängnisvoll geworden , die mit der Niederlage des Morynskischen Corps eine ihrer Hauptstützen verlor , Graf Morynski hatte sich bei jenem Ueberfalle , der ihn und die Seinigen so gänzlich unvorbereitet traf , während sie sich durch die Deckung des Fürsten Baratowski gesichert glaubten , mit der Kraft der Verzweiflung gewehrt , und selbst da , als er sich umringt und verloren sah , noch das Aeußerste daran gesetzt , um Leben und Freiheit so teuer wie möglich zu verkaufen . Solange er an der Spitze stand , hielt sein Beispiel noch die Wankenden , aber als der Führer blutend und bewußtlos am Boden lag , war es vorbei mit jedem Widerstande . Was nicht fliehen konnte , wurde niedergemacht , oder fiel gefangen in die Hände der Sieger . Die Niederlage kam einer Vernichtung gleich , und wenn sie auch noch nicht das Schicksal der Revolution entschied , so bezeichnete sie doch einen Wendepunkt darin . Von da an ging es abwärts , unaufhaltsam abwärts . Der Verlust Morynskis , der unter den Führern des Aufstandes weitaus der bedeutendste und energischste gewesen war , der Tod Leo Baratowskis , den Namen und Traditionen seiner Familie , trotz seiner Jugend , zum Hauptaugenmerke der Partei für die Zukunft gemacht hatten , waren schwere Schläge für diese Partei , die , längst unter sich uneins und gespalten , jetzt noch mehr auseinanderfiel . Zwar blitzte der schon im Sinken begriffene Stern hie und da noch einmal auf ; es gab noch Kämpfe und Gefechte voll Verzweiflung und Heldenmut , aber es trat immer deutlicher hervor , daß die Sache , für die man kämpfte , eine verlorene war . Die Insurrektion , die sich anfangs über das ganze Land verbreitet hatte , wurde immer mehr zurückgedrängt , in immer engere Grenzen eingeschlossen ; ein Posten nach dem andern fiel , eine Schar nach der andern wurde zersprengt oder löste sich auf und das Ende des Jahres , mit dessen Beginne der Aufstand so drohend aufflammte , sah ihn erlöschen bis auf den letzten Funken . Nur Schutt und Trümmer zeugten noch von dem letzten verzweifelten Todeskampfe eines Volkes , über das die Geschichte längst das Urteil gesprochen hatte . Es dauerte lange , ehe das Schicksal des Grafen Morynski entschieden wurde . Er erwachte erst im Kerker wieder zum Bewußtsein , und seine schwere , anfangs für tödlich gehaltene Verwundung machte in der ersten Zeit jedes Verfahren gegen ihn unmöglich . Er schwebte monatelang zwischen Leben und Tod , und als er endlich genas , war das erste , was ihn an der Schwelle des Lebens erwartete – das Todesurteil . Für einen Führer der Revolution , der im Kampfe , mit den Waffen in der Hand , in die Gewalt des Siegers gefallen war , konnte der Spruch nicht anders lauten . Das Todesurteil wurde über ihn ausgesprochen , und es wäre sicher vollzogen worden , wie so viele andre , ohne die lange schwere Krankheit . Gegen den vermeintlich Sterbenden wollte man den Spruch doch nicht zur Ausführung bringen , und als seine Vollziehung möglich wurde , war der Aufstand bereits bewältigt , die drohende Gefahr für das Land beseitigt , und damit ließ auch die eiserne Strenge des Siegers nach . Graf Bronislaw Morynski wurde zu lebenslänglicher Deportation begnadigt , allerdings zur Deportation in ihrer schärfsten Form , nach einem der entlegensten Orte Sibiriens – eine furchtbare Gnade für den Mann , dessen ganzes Leben nur ein einziger Freiheitstraum gewesen war , der selbst während der ersten jahrelangen Verbannung in Frankreich keine Beschränkung seiner persönlichen Freiheit gekannt hatte . Er hatte die Seinigen nicht wiedergesehen seit jenem Abende , wo er in Wilicza von ihnen Abschied nahm , um in den Kampf zu gehen . Weder der Schwester noch selbst seiner Tochter wurde es erlaubt , ihn zu sehen . Was sie auch unternahmen , um bis zu ihm zu dringen , es scheiterte alles an der Strenge , mit der man den Gefangenen von der Außenwelt und dem Verkehre mit seinen Anverwandten abschloß . Diese hatten freilich die Strenge selbst verschuldet , denn sie versuchten es mehr als einmal , ihn seiner Haft zu entreißen . Sobald der Graf nur einigermaßen genesen war , wurde von seiten der Fürstin und Wandas alles nur mögliche aufgeboten , ihm zur Flucht zu verhelfen , aber die sämtlichen Befreiungspläne mißlangen , und der letzte hatte Pawlick , dem alten treuen Diener des Hauses Baratowski , das Leben gekostet . Er hatte sich freiwillig zu dem gefährlichen Dienst erboten , und es glückte ihm auch wirklich , sich mit dem Grafen in Verbindung zu setzen ; dieser war benachrichtigt , der Fluchtplan verabredet , aber bei den Vorbereitungen dazu wurde Pawlick entdeckt und , als er in der ersten Bestürzung die Flucht nahm , von den Festungswachen niedergeschossen . Die Folge dieser Entdeckung war eine nur noch strengere Bewachung des Gefangenen und die schärfste Beobachtung seiner Angehörigen ; sie konnten keinen Schritt mehr thun , ohne sich neuem Verdachte auszusetzen , ohne die Haft des Vaters und Bruders noch härter zu machen ; sie mußten endlich der Unmöglichkeit weichen . Die Fürstin hatte unmittelbar nach dem Tode ihres jüngsten Sohnes Wilicza verlassen und war gänzlich nach Rakowicz übergesiedelt . Die Welt fand es sehr natürlich , daß sie ihre verwaiste Nichte jetzt nicht allein ließ , Waldemar verstand besser , was seine Mutter forttrieb . Er hatte es schweigend hingenommen , als sie ihm ihren Entschluß ankündigte , und nicht den geringsten Versuch gemacht , sie zu halten ; er wußte , daß sie weder den Aufenthalt in seinem Schlosse , noch seinen täglichen Anblick mehr ertrug , war er ja doch die Ursache jener unglückseligen That Leos gewesen , die diesem den Tod und den Seinigen das Verderben brachte . Vielleicht war es für Nordeck auch eine Erleichterung , daß die Fürstin ging , jetzt , wo er gezwungen war , sie täglich und stündlich zu verletzen durch die Art , wie er die Zügel der Herrschaft in Wilicza führte . Seine Hand , die sie mit so eiserner Willenskraft ergriffen hatte , wußte sie auch eisern zu regieren , und das war in der That notwendig . Er hatte recht , es war ein Chaos , was die zwanzigjährige Beamtenwirtschaft unter seinem ehemaligen Vormunde und die vier letzten Jahre unter dem Baratowskischen Regimente ihm auf seinen Gütern geschaffen hatte , aber er ging mit einer unglaublichen Energie daran , Ordnung in dieses Chaos zu bringen . Im Anfange hatte Waldemar freilich genug zu thun , wenn er sich mit allen Kräften der auch auf seinem Gebiete drohenden Rebellion entgegenstemmte , aber sobald er sich nur wieder frei regen konnte , sobald der Aufstand , der mit tausend geheimen Beziehungen auch nach Wilicza hinübergriff , zu erlöschen anfing , begann dort ein Umwälzungsprozeß , der seinesgleichen suchte . Was sich von den Beamten nicht unbedingt fügte , wurde entlassen und jeder Zurückgebliebene der schärfsten Kontrolle unterworfen . Die Forstverwaltung wurde durchweg mit neuen Persönlichkeiten besetzt , die Pachtgüter , zum Teil mit bedeutenden Geldopfern , aus den Händen der bisherigen Pächter befreit und der Herrschaft selbst zugeteilt , an deren Spitze der junge Gutsherr ganz allein stand . Es war eine Riesenaufgabe für einen einzelnen , das alles zu bewältigen , jetzt , wo all das Alte zusammenstürzte und das Neue erst geschaffen werden sollte , wo noch nichts sich fügte , nichts ineinander griff , aber Waldemar zeigte sich dieser Aufgabe gewachsen . Er war doch schließlich Sieger geblieben im Kampfe mit seinen Untergebenen ; zwar die eigentliche Bevölkerung von Wilicza blieb ihm nach wie vor feindlich gesinnt ; sie haßte fortgesetzt in ihm den Deutschen , aber auch sie hatte die Hand des Herrn fühlen und sich ihr beugen gelernt . Mit der Entfernung der Fürstin verlor der Ungehorsam seine stärkste Stütze , und mit dem Erlöschen des Aufstandes drüben im Nachbarlande sanken auch hier Trotz und Widerstand zusammen . Von ruhigen , geordneten Verhältnissen , wie sie auf den Gütern in andern Provinzen herrschten , war freilich noch keine Rede , dazu hätte es andrer Zeiten und Umgebungen bedurft , aber der Anfang war doch wenigstens gemacht , die Bahn gebrochen , und das übrige mußte der Zukunft aufbehalten bleiben . Der Administrator Frank befand sich noch in Wilicza und hatte seine beabsichtigte Entfernung um ein Jahr hinausgeschoben . Er gab darin hauptsächlich dem Wunsche des Gutsherrn nach , dem viel daran lag , den tüchtigen , erfahrenen Mann noch eine Zeit lang zur Seite zu haben . Erst jetzt , wo das Notwendigste geordnet war , hatte Frank seine Entlassung genommen und zugleich den langgehegten Plan ausgeführt , sich selber anzukaufen . Das hübsche , gar nicht so unbedeutende Gut , das er erworben , lag in einer andern Provinz des Landes , in angenehmer Gegend und befand sich , im Gegensatz zu der » polnischen Wirtschaft « , die der Administrator zwanzig Jahre lang bekämpft hatte und die er so gründlich verabscheute , in durchaus geordneten , friedlichen Verhältnissen . Es sollte erst in zwei Monaten in die Hände des neuen Besitzers übergehen , und so lange blieb dieser noch in seiner alten Stellung . Was Gretchen betraf , so hatte der Vater bei ihrer Verheiratung bewiesen , daß sie in der That sein Liebling war , ihre Mitgift übertraf all die Berechnungen , die Assessor Hubert so genau und gründlich für einen andern angestellt hatte . Die Hochzeit war schon im letzten Herbste gefeiert worden , und das neue Ehepaar lebte in I. , wo Professor Fabian nun wirklich die ihm angebotene Stellung angenommen hatte , und wo » wir ganz außerordentliche Erfolge haben « , wie die Frau Professorin ihrem Vater schrieb . In der That überwand Fabian seine Scheu vor der Oeffentlichkeit weit schneller und besser , als er glaubte , und rechtfertigte all die Erwartungen , die man von dem so schnell berühmt gewordenen Verfasser der » Geschichte des Germanentums « hegte . Sein bescheidenes , liebenswürdiges Wesen , das im schärfsten Gegensatze zu der schroffen Selbstüberhebung seines Vorgängers stand , gewann ihm die allgemeine Sympathie , und seine junge hübsche Frau , die in ihrer reizenden , durch die Großmut des Vaters mit allen nur möglichen Annehmlichkeiten ausgestatteten Häuslichkeit so anmutig die Honneurs zu machen wußte , trug das Ihrige dazu bei , auch seine gesellschaftliche Stellung zu einer höchst angenehmen zu machen . Gegenwärtig wurde das junge Paar zu dem ersten Besuche im Vaterhause erwartet und sollte in den nächsten Wochen eintreffen . Nicht so gut war es dem Assessor Hubert ergangen , obgleich ihm im Laufe des Jahres eine ganz unerwartete und ziemlich bedeutende Erbschaft zugefallen war , aber sie kostete ihm leider die Familienberühmtheit . Professor Schwarz war vor einigen Monaten gestorben , und da er unverheiratet war , ging sein Vermögen auf die nächsten Verwandten über . Die äußeren Verhältnisse Huberts hoben sich dadurch bedeutend , aber was half ihm das ? Die Braut , auf deren Besitz er mit solcher Sicherheit gerechnet hatte , gehörte einem andern , und er selbst war noch immer nicht Regierungsrat und hatte auch vorläufig keine Aussicht , es zu werden , obwohl er sich im Amtseifer überstürzte , obwohl er jede Minute das Polizeidepartement von L. mit seinen sogenannten Entdeckungen alarmierte und alles aufgeboten hatte , um in diesem Revolutionsjahr auch für seinen eigenen Staat ein paar Hochverräter aufzugreifen , was ihm bekanntlich nicht gelungen war . Aber dieser Staat benahm sich in einer wahrhaft himmelschreienden Weise gegen seinen treuesten Diener . Er schien gar kein Verständnis für die Aufopferung und Hingebung desselben zu besitzen , sich vielmehr der Auffassung Franks anzuschließen , der in seiner derben Weise behauptete , der Assessor mache jetzt » eine Dummheit nach der andern « und werde sich damit noch für den ganzen Staatsdienst unmöglich machen . In der That wurde Hubert bei jeder Beförderung in einer so absichtsvollen Weise übergangen , daß die Kollegen zu sticheln anfingen ; da reifte ein finsterer Entschluß in der Seele des Tiefbeleidigten . Die Schwarzsche Erbschaft machte ihn ja völlig unabhängig – weshalb sollte er noch länger Verkennung und Zurücksetzung ertragen , weshalb noch länger dieser undankbaren Regierung dienen , die seine glänzenden Fähigkeiten so beharrlich verkannte , während sie unbedeutende Menschen , wie den Doktor Fabian , zu den ehrenvollsten Stellungen berief und mit Auszeichnungen überhäufte ? Hubert sprach davon , seine Entlassung zu nehmen ; er wiederholte das sogar in Gegenwart des Präsidenten und mußte die Kränkung erleben , daß dieser ihm mit vernichtender Freundlichkeit beistimmte . Seine Excellenz meinten , der Herr Assessor habe bei seinem Vermögen eine Anstellung ja gar nicht nötig und thue ganz recht , sich der anstrengenden Thätigkeit zu entziehen ; er sei ohnehin etwas zu » nervös « für einen Beamten , von dem man doch in erster Linie Besonnenheit verlange . Der Wink war deutlich genug , Hubert fühlte etwas von dem Menschenhaß und der Weltverachtung seines berühmten Verwandten in sich , als er stehenden Fußes nach dieser Unterredung nach Hause ging , um sein Entlassungsgesuch aufzusetzen . Es wurde abgeschickt und auch wirklich angenommen . Noch waren der Staat und das Polizeidepartement von L. darüber nicht aus den Fugen gegangen , aber es geschah vielleicht noch nachträglich , wenn die Entlassung eine Thatsache wurde , was im nächsten Monat bevorstand . Der Assessor war viel zu sehr der Neffe seines Onkels , dessen verunglücktes Manöver er nachgeahmt hatte , um nicht auf den Eintritt eines solchen Ereignisses zu warten . – Im Hofe von Rakowicz stand das Pferd des jungen Gutsherrn von Wilicza . Es geschah nur äußerst selten , daß er herübergeritten kam , und auch dann dauerten seine Besuche stets nur kurze Zeit . Die Kluft , welche ihn von seinen nächsten Verwandten trennte , wollte sich noch immer nicht schließen , die letzten Ereignisse schienen sie nur noch weiter aufgerissen zu haben . Im Zimmer der Gräfin Morynska befand sich diese allein mit Waldemar . Wanda hatte sich sehr verändert ; sie war wohl immer bleich gewesen , aber die Blässe hatte nichts gemein mit jener totenhaften Farbe , die jetzt ihr Antlitz deckte . Man sah es , was sie gelitten hatte in der Zeit , wo sie den so leidenschaftlich geliebten Vater im Kerker wußte , krank , dem Tode nahe , ohne ihn auch nur auf einen Augenblick sehen zu dürfen , als der Freiheitstraum , für den er sein Leben so begeistert in die Schanze geschlagen , den auch seine Tochter mit voller Seele umfaßte , für immer zu Ende ging . Die Todesangst bis zur Entscheidung dieses Doppelschicksals , das fortwährende Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung , die Aufregung bei den immer wiederholten Befreiungsversuchen , das alles hatte seine deutlichen Spuren hinterlassen . Wanda war eine jener Naturen , die mit verzweiflungsvoller Energie auch dem schwersten Unglücke standhalten , solange noch ein Schimmer von Hoffnung vorhanden ist , die aber , wenn dieser Schimmer erlischt , machtlos zusammenbrechen , und sie schien jetzt nahe bis an diesen Punkt gelangt zu sein . Für den Augenblick lag freilich noch eine fieberhafte Ueberreizung in ihrem Wesen , ein Zusammenraffen der letzten Kräfte , aber es waren eben auch die letzten . Waldemar stand vor ihr , unverändert in seiner trotzigen Erscheinung , aber er schien wenig von der Schonung zu üben , die das Aussehen der jungen Gräfin so dringend forderte . Seine Haltung war eine beinahe drohende , und in seiner Stimme lag ein Gemisch von Zorn und Schmerz , als er zu ihr sprach : » Ich bitte dich zum letztenmal : gib den Gedanken auf ! Du gibst dir den Tod damit , ohne deinem Vater helfen zu können . Es ist nur eine Qual mehr für ihn , wenn er dich vor seinen Augen hinsterben sieht . Du willst ihm folgen in jene furchtbare Einöde , in jenes mörderische Klima , dem die Stärksten erliegen , du , die du von Jugend auf verwöhnt , mit allem umgeben worden bist , was das Leben nur Angenehmes zu bieten vermag , willst dich jetzt den schlimmsten Entbehrungen aussetzen . Was die stählerne Natur des Grafen vielleicht noch aushält , dem erliegst du in den ersten Monaten . Frage den Arzt , frage dein eigenes Aussehen , und sie werden dir sagen , daß du nicht das nächste Jahr dort erlebst ! « » Glaubst du , daß mein Vater es erlebt ? « entgegnete Wanda mit bebender Stimme . » Wir hoffen und verlangen ja auch nichts mehr vom Leben , aber wir wollen wenigstens zusammen sterben . « » Und ich ? « fragte Waldemar mit bitterem Vorwurf . Sie wandte sich ab , ohne zu antworten . » Und ich ? « wiederholte er heftiger . » Was wird aus mir ? « » Du bist wenigstens frei . Du hast das Leben noch vor dir . Trage es ! Ich habe noch schwerer zu tragen . « Waldemar wollte auffahren ; ein Blick auf das bleiche , schmerzdurchwühlte Antlitz verbot ihm das . Er zwang sich zur Ruhe . » Wanda , als wir uns vor einem Jahre endlich fanden , da stand das Wort zwischen uns , das du meinem Bruder gegeben hattest . Ich hätte dich ihm abgerungen um jeden Preis , aber es kam nicht dazu . Sein Tod hat die Schranke niedergerissen , und was jetzt auch von außen herandrohen mag , sie ist nieder zwischen uns . An Leos frischem Grabe , in jener Zeit , wo das Todesschwert täglich über dem Haupte deines Vaters hing , habe ich es nicht gewagt , dir von Liebe , von Vereinigung zu sprechen , habe es über mich gewonnen , dich nur selten und flüchtig zu sehen . Du und die Mutter , ihr ließet mir ja bei jedem Besuche in Rakowicz fühlen , daß ich von euch immer noch als Feind betrachtet werde , aber ich hoffte auf die Zukunft , auf bessere Zeiten – und nun trittst du mir mit einem solchen Entschluß entgegen . Begreifst du denn nicht , daß ich dagegen kämpfen werde bis zum letzten Atemzuge ? › Wir wollen zusammen sterben . ‹ Das ist leicht gesagt und auch leicht gethan , wenn man wie Leo von einer Kugel mitten ins Herz getroffen wird . Hast du dir schon klar gemacht , was der Tod in der Verbannung ist ? Dieses langsame Dahinsterben , dieser monatelange Todeskampf unter Entbehrungen , die den Geist brechen , noch ehe sie den Körper vernichten , fern vom Vaterlande , abgeschnitten von der Welt und ihren Interessen , von jedem geistigen Lebenshauche , der dir so notwendig ist wie die Luft zum Atmen , erdrückt werden , ersticken unter der Last des Elends ! – Und du verlangst von mir , daß ich es ertrage , daß ich es geschehen lasse , wenn du dich freiwillig einem solchen Lose weihst ? « Es ging ein leiser Schauer durch die Gestalt der jungen Gräfin . Sie mochte wohl die Wahrheit seiner Schilderung empfinden , aber sie verharrte in ihrem Schweigen . » Und dein Vater nimmt dieses unglaubliche Opfer an , « fuhr Waldemar in immer wilderer Erregung fort , » und meine Mutter läßt es zu . Freilich , es gilt ja , dich meinen Armen zu entreißen ; um den Preis weihen sie dich selbst dem Lebendigbegrabenwerden . Wäre ich an Leos Stelle gefallen , und den Grafen hätte das jetzige Schicksal ereilt , so hätte er dir befohlen zu bleiben , so würde meine Mutter mit vollster Energie die Rechte ihres Sohnes vertreten und dich zurückgehalten haben ; jetzt haben sie dir selbst den Märtyrergedanken eingegeben , obgleich sie wissen , daß er dir den Tod bringt , aber er macht ja jede Verbindung zwischen uns auch für die fernste Zukunft unmöglich ; und das ist ihnen genug . « » Laß die Bitterkeit ! « unterbrach ihn Wanda . » Du thust den Meinigen unrecht damit ; ich gebe dir mein Wort , daß ich den Entschluß allein gefaßt habe . Mein Vater steht an der Schwelle des Greisenalters ; die Wunden , die lange Gefangenschaft , mehr als das alles unsre Niederlage haben ihn geistig und körperlich gebrochen . Ich bin das einzige , was ihm geblieben ist , das letzte Band , das ihn noch an das Leben knüpft – ich gehöre zu ihm . Was du vorhin so furchtbar schildertest , das ist sein Los . Glaubst du , ich könnte auch nur eine Stunde ruhig an deiner Seite leben , wenn ich wüßte , daß er allein und verlassen einem solchen Schicksal entgegengeht , daß ich selbst ihm den bittersten Schmerz seines Lebens bereite durch die Vermählung mit dir , den er doch nun einmal als Feind betrachtet ? Das einzige , was ich jenem erbarmungslosen Urteilsspruche abringen konnte , war die Erlaubnis , den Vater zu begleiten , und auch das habe ich nur mit Mühe erreicht . Ich wußte , daß es einen schweren Kampf mit dir geben würde ; wie schwer er ist , das zeigst du mir erst jetzt . Schone mich , Waldemar ! Ich habe nicht viel Kraft mehr übrig . « » O nein , für mich nicht ! « sagte Waldemar bitter . » Was du an Kraft und Liebe besitzest , das gehört allein deinem Vater ; was aus mir wird , wie ich die Trennung ertrage , danach fragst du nicht . Ich war ein Thor , als ich der Aufwallung glaubte , die dich damals im Momente der Todesgefahr in meine Arme warf . Nur einen Augenblick lang warst du mir Wanda ; als ich dich am nächsten Tage wiedersah , hörte ich schon wieder die Gräfin Morynska aus dir sprechen , und sie spricht auch heute zu mir . Meine Mutter hat recht : Eure nationalen Vorurteile sind das Lebensblut , mit dem ihr genährt seid von Jugend auf , von denen ihr nicht lassen könnt , ohne das Leben selbst zu lassen ; denen opferst du uns beide ; denen opfert dein Vater sein einziges Kind . Er hätte nun und nimmermehr deine Begleitung angenommen , wenn es ein Pole wäre , der dich liebte . Da ich es bin , willigt er in alles , was dich von mir reißt . Wenn er dich nur vor dem Schicksale bewahrt , einem Deutschen anzugehören , wenn er nur dem alten Nationalhasse seine Schuld abträgt ! Könnt ihr Polen denn nur hassen und nichts als hassen , selbst über Tod und Grab hinaus ? « » Wäre mein Vater frei , « sagte Wanda tonlos , » ich hätte vielleicht den Mut gefunden , ihm und allem zu trotzen , was du Vorurteil nennst , um deinetwillen . Jetzt kann ich es nicht , und « – hier flammte ihre ganze Energie wieder auf – » jetzt will ich es auch nicht , denn es wäre Verrat an meiner Kindespflicht . Ich gehe mit ihm , und müßte ich wirklich sterben daran . Ich lasse ihn nicht allein in seinem Unglück . « Die Art , wie sie die letzten Worte sprach , zeigte , daß ihr Entschluß nicht zu erschüttern war , und auch Waldemar schien das einzusehen . Er gab den Widerstand auf . » Wann willst du abreisen