beschäftigte sich angelegentlich mit der Theemaschine und erwiderte keine Silbe . Frau Almers bemerkte das mit Mißfallen , sie hielt es natürlich für Schüchternheit , aber diese seltenen Annäherungen durften doch nicht so aufgenommen werden , es war Zeit , daß man da mit einer Aufklärung zu Hilfe kam . Ulrich wußte sich dies Schweigen besser zu deuten . Er sah , daß ihm seine » Unbarmherzigkeit « gegen Zarzo noch nicht verziehen war , machte aber keinen Versuch , wieder einzulenken , sondern stand auf und erklärte , er müßte noch ausreiten , um einen Forstbestand zu besichtigen . Er verabschiedete sich kurz von den Damen und ging . – Der Gutsherr war bereits fertig zu dem Ausritt und hatte eben Befehl gegeben , sein Pferd vorzuführen , als er das Notizbuch vermißte , das im Salon liegen geblieben war . Er ging also noch einmal hinüber , um es zu holen ; aber als er die Thür des Vorzimmers öffnete , klang ihm Paulas Stimme entgegen , in so erregtem Laute , daß er betroffen stehen blieb : » Sie sind im Irrtum , gnädige Frau ! Herr von Berneck hat mir das nie mit einem Worte oder auch nur mit einem Blick verraten . Sie müssen im Irrtum sein ! « Ulrich begriff sofort : seine Tante hatte die Sache , die , ihrer Meinung nach , nicht von der Stelle kam , selbst in die Hand genommen und nach seiner Entfernung zur Sprache gebracht . Daß sie dabei seinem Wunsch und Willen direkt entgegen handelte , kam für sie nicht in Betracht , sie war es gewohnt , eigenmächtig zu handeln . Sie wollte ihrem Neffen den Weg ebnen , den er sich eigensinnig selbst verschloß , und griff nun mit voller Energie ein . Ihre kühle , gelassene Stimme bildete den vollsten Gegensatz zu der Erregung des jungen Mädchens . » Ich weiß es , daß du keine Ahnung davon hattest , mein Kind , dennoch ist ein Irrtum hier ausgeschlossen . Ich habe die Sache mit meinem Neffen bereits erörtert und halte es jetzt doch für nötig , dich vorzubereiten , damit du nicht so fassungslos , so förmlich bestürzt bist wie in diesem Augenblick , wenn er mit seiner Werbung vor dich hintritt . « Es erfolgte keine Antwort , das junge Mädchen schien in der That fassungslos zu sein . Ulrich Berneck hätte sich sonst nie mit dem Lauschen abgegeben , sondern sich sofort bemerklich gemacht , aber was war aus ihm geworden in den letzten Wochen ! Wie oft hatte er nicht da draußen auf der Terrasse gestanden , unter dem hängenden Weinlaub verborgen , und zugehört , wenn Paula mit dem alten Ullmann lachte und plauderte . Da allein sah und hörte er sie ja , ohne den Zwang , den seine und der Tante Gegenwart ihr auferlegten , da hatte auch er den » Sonnenschein « kennen gelernt , und auch für ihn war es hell geworden in Restovicz . Nun konnte er es ja erfahren , wie seine Werbung aufgenommen wurde , noch ehe Ueberredung und Beeinflussung sich geltend machten , und das entschied . Er trat leise einen Schritt seitwärts , wo die geöffnete Thür ihm einen Einblick in den Salon gestattete . Frau Almers saß noch am Theetische , der Thür den Rücken zuwendend , und Paula stand vor ihr , ganz umflimmert vom Lichte der Abendsonne , aber trotzdem eigentümlich bleich , mit großen , erschrockenen Augen . » Ich begreife deine Ueberraschung vollkommen , « hob die Dame wieder an , die dies völlige Verstummen vor dem » großen , unverhofften Glück « ganz natürlich fand . » Ulrich hat dir allerdings bisher seine Gefühle nicht verraten , er ist eben kein Jüngling mehr , der da schwärmt und schmeichelt , doch dem Ernste seiner Neigung darfst du trauen . Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen , daß dein künftiges Geschick sich hier in Restovicz entscheiden würde ? « » Nein , gnädige Frau ! « kam es gepreßt von den Lippen des jungen Mädchens . Paula hatte ihre Beschützerin nie anders genannt und war auch nie aufgefordert worden , es zu thun . Jetzt wurde es ihr gnädig zugestanden : » Du wirst mich fortan › Tante ‹ nennen , mein Kind . Die Braut meines Neffen hat ein Recht darauf , und ich billige seine Wahl vollkommen . Ulrich braucht eine Frau , eine Gefährtin in seiner Einsamkeit , damit er sich der Welt und den Menschen nicht ganz entfremdet . Du bist mein Schützling und ich habe es deiner Mutter versprochen , für deine Zukunft zu sorgen . Daß sie sich so glänzend gestalten würde , hast du wohl nicht gehofft , aber ich bin überzeugt , du wirst dankbar dafür sein und dem Manne , der dir mit seiner Hand so viel bietet , nun auch mit voller Hingebung und Aufopferung lohnen . « Das klang trotz des gütigen Tones doch sehr gönnerhaft . Es fiel der Dame gar nicht ein , nach der Einwilligung des jungen Mädchens zu fragen . Für sie war diese Verbindung bereits eine vollendete Thatsache , die selbstverständlich in Demut und Dankbarkeit hingenommen wurde . Paula stand noch immer vor ihr , blaß und bestürzt ; endlich sagte sie leise , mit hörbar bebender Stimme : » Ich hatte in der That keine Ahnung davon , daß Herr von Berneck mir seine Neigung zuwendet . Sie sind sehr gütig , daß Sie mich bereits als Verwandte begrüßen , aber ich – ich kann das nicht annehmen . « » Was kannst du nicht ? « fragte Frau Almers ruhig , denn sie verstand die Antwort gar nicht . » Das Ja aussprechen , das Sie und Ihr Neffe erwarten – ich kann nicht , gnädige Frau ! « Jetzt fuhr die Dame vom Stuhle auf . » Was soll das heißen ? Willst du ihn etwa zurückweisen ? « » Ich liebe Herrn von Beineck nicht , « die Stimme des jungen Mädchens gewann zusehends an Festigkeit . » Wenn er wirklich beabsichtigt , mir seine Hand zu bieten , so bitte ich , ersparen Sie ihm und mir eine peinliche Stunde . Ich müßte Nein sagen . « Frau Almers sah die Sprechende an , als zweifelte sie an deren Verstände , auf einmal aber kam ihr ein Gedanke , dem sie sofort Worte lieh . » Du liebst einen anderen ? « fragte sie scharf . » Du hast irgend eine heimliche Neigung ? Ich wüßte zwar nicht , wie das möglich wäre , denn du hast seit zwei Jahren ausschließlich an meiner Seite gelebt , allein es ist die einzige Erklärung . Gestehe ! « » Ich habe nichts zu gestehen , « entgegnete Paula mit aufsteigendem Trotz . » Wenn ich eine Neigung hätte , so würde ich es offen bekennen , aber mir ist noch niemand so nahe getreten , daß ich ihn hätte lieben können . « Die Worte trugen so sehr das Gepräge der Aufrichtigkeit , daß die Dame ihren Argwohn fahren ließ , aber sie erhob sich jetzt vollends , in zürnender Majestät : » Nun , dann weiß ich in der That nicht , was ich sagen und denken soll ! Dir wird ein Glück geboten , wie es unter hundert Mädchen kaum einem zu teil wird , und du willst es von dir stoßen ? Was hast du gegen Ulrich ? « » Ich habe nichts gegen Herrn von Berneck , aber ich kann auch kein Herz zu ihm fassen . Er hat mir immer wie ein Fremder gegenübergestanden . « » Das ist kein Grund ! « fiel Frau Almers entrüstet ein . » Für Sie vielleicht nicht , gnädige Frau , aber für mich ! « Es war ein eigentümlich herber Ton , den die Dame gar nicht kannte an ihrer jungen Gesellschafterin . Sie ließ jenen Grund allerdings nicht gelten , denn ihr wie ihrer Schwester war der Gatte von den Eltern zugeführt worden . Man hatte für die ältere Tochter den reichen Gutsherrn Berneck bestimmt und für die jüngere den noch reicheren Industriellen Almers . Das Leben beider Frauen war in all dem Glänze und der Behaglichkeit verlaufen , den Vermögen und Lebensstellung nur geben können . Sie hatten das ganz natürlich gefunden und nichts vermißt . Und nun wagte es solch ein blutjunges und blutarmes Ding , die Hand eines Ulrich von Berneck zurückzuweisen , weil es ihn nicht liebte ! Vielleicht war es der unbewußte Vorwurf in jener Antwort , der Frau Almers verletzte , ihre Stimme konnte eine eisige Schärfe annehmen , wenn sie gereizt war . » Das Blut deiner Mutter scheint sich in dir zu regen , es ist , als ob ich Lena hörte ! Gerade so sprach sie , als man ihr Vernunft predigen wollte , da sie einen reichen , angesehenen Mann zurückwies , um deinen Vater zu heiraten . Aber sie hatte wenigstens die Entschuldigung einer Jugendliebe , der sie dies Opfer brachte . Dein Herz ist noch frei ! Bei dir ist es also nur romantische Ueberspanntheit , Phantasterei eines Mädchenkopfes ! Denkst du , ich werde das so ohne weiteres hinnehmen ? Du hast dir wohl noch gar nicht klar gemacht , daß dein Nein eine direkte Beleidigung für meinen Neffen ist ? « » Herr von Berneck wird mein Nein sehr ruhig hinnehmen , « sagte Paula mit einer tiefen , ihr sonst ganz fremden Bitterkeit . » Er hat sich ja nicht einmal die Mühe gegeben , mir seine Neigung zu zeigen , und er hält es auch nicht der Mühe wert , mich selbst zu fragen , sondern läßt mir einfach ankündigen , daß er mir seine Hand zugedacht hat . Nein , gnädige Frau , für eine solche Werbung habe ich kein Ja und für ihn am wenigsten ! « » Für ihn am wenigsten ? « wiederholte Frau Almers entrüstet . » Was hast du dir denn eigentlich gedacht von der Werbung eines Mannes , der , wie Ulrich , sich seines Wertes und seiner Stellung bewußt ist ? Sollte er vielleicht eine Romanscene mit dir spielen , vor dir auf die Kniee sinken und um deine Liebe flehen ? Dergleichen kommt ja vor bei Männern , die eben nichts weiter zu geben haben als solche wohlfeile Tändeleien . Deine Mutter hat sie kennen gelernt in ihrer Brautzeit , leider lernte sie dann auch die Kehrseite der Medaille kennen – das ist immer das Ende solcher Romanspielereien ! « Dem jungen Mädchen schossen die heißen Thränen in die Augen bei dieser schonungslosen Hindeutung . » Meine Eltern sind tot ! « sagte sie leise . » Sie wissen es ja , daß mein armer Vater mitten in seinem Schaffen und Streben gelähmt wurde durch die schwere , jahrelange Krankheit , die ihm endlich den Tod brachte . Das war ein Unglück – und ich habe es doch so oft von Ihnen hören müssen , daß es ein verdientes Schicksal war . Er und meine Mutter waren ja arm , und sie wollten sich doch angehören . Das war ihre ganze Schuld ! « Es lag ein so bitteres Weh in den Worten , daß selbst die kalte , stolze Frau nicht unempfindlich dagegen blieb . Ihre Stimme milderte sich , als sie antwortete : » Ich habe dir nicht wehe thun wollen , Paula , ich wollte dich nur bewahren vor einem gleichen Schicksal . Du bist noch so jung und hast es doch schon erfahren , wie bitter das Leben sein kann . Du hast schon als Kind Kummer und Sorgen kennen gelernt in deinem Elternhause . Hast du vergessen , wer es war , der dich und deine Mutter vor dem Schlimmsten bewahrte , als die nackte , bittere Not vor euch stand ? « Paula senkte den Kopf , ihre Thränen versiegten , und kaum hörbar erwiderte sie : » Nein , gnädige Frau , ich habe es nicht vergessen . Ich weiß , was wir Ihnen danken ! « » Du zeigst mir aber nichts von dieser Dankbarkeit . Du weißt es , daß diese Verbindung mein Wunsch ist , daß ich damit auch dein Glück begründen will , und sträubst dich dagegen mit kindischem Eigensinn . Du kannst Ulrich nicht lieben ? Was weißt du denn überhaupt von Liebe ? Die findet sich bald genug in einer glücklichen Ehe , das habe ich an mir selbst erfahren . Du bist eine Waise , bist arm , und wenn ich meine Hand von dir abziehe , mußt du unter Fremden dein Brot suchen . Jetzt sollst du eine reiche , vornehme Frau werden , die Herrin von Restovicz , die Gattin eines Mannes , auf dessen Werbung du stolz sein kannst . Gibt es denn da überhaupt noch eine Wahl ? « Das wurde mit der ganzen kühlen Gelassenheit gesprochen , die der Dame eigen war , aber Paula kannte diesen Ton und wußte , daß sich die vollste Ungnade dahinter barg . Sie verstand auch die versteckte Drohung in den Worten : wenn ich meine Hand von dir abziehe ! Die Scheu vor der Frau , die ihr im Grunde doch nur eine Gebieterin war , der langgewohnte Gehorsam , die Erinnerung an die empfangenen Wohlthaten – das alles schloß dem jungen Mädchen die Lippen und ließ Frau Almers glauben , daß der Widerstand bereits gebrochen sei . » Wir sprechen morgen weiter darüber , « sagte sie , indem sie ihren Stuhl zurückschob . » Jetzt bist du ja noch ganz fassungslos , und ich verlange nicht , daß du dich augenblicklich entscheidest . Auf morgen also ! Da wirst du mir eine andere Antwort geben ! « » Nein ! Nein ! « brach Paula plötzlich mit vollster Leidenschaftlichkeit aus . » Soll ich denn nicht einmal glauben dürfen an das Leben und an das Glück wie all die anderen , nur weil ich arm bin ? Soll ich das alles begraben an der Seite eines Mannes , dessen ganzes Wesen mir fremd und unheimlich ist , der mir noch nicht ein warmes , herzliches Wort gesagt hat , der mir seine Hand bietet wie ein Gnadengeschenk . Es liegt etwas in ihm oder um ihn , irgend etwas Dunkles , das mich ängstigt . Ich werde nie Vertrauen zu ihm haben , ich fürchte schon seine bloße Nähe . Und dieses Mannes Frau soll ich werden ? Das kann ich nicht , und wenn ich könnte , ich will nicht ! Es suchen und finden ja so viele arme Mädchen ihr Brot in der Welt , ich werde es auch finden . Dann darf ich doch wenigstens noch träumen und hoffen auf ein Glück , das vielleicht nie kommt , aber es ist doch mein , solange ich darauf hoffe . Das gebe ich nicht hin für all den Reichtum Ihres Neffen – ich verkaufe mich nicht ! « Es war , als habe dieser stürmische Ausbruch etwas in dem Mädchen befreit und erlöst , das sich nun gewaltsam Bahn schaffte . Sie stand da , wie zum Kampfe bereit , das vorhin so blasse Gesicht heiß gerötet , die Augen flammend in dem ganzen hoffnungsreichen Trotz der Jugend , die sich um ihr Glück und ihre Zukunft wehrt . Jener Trotz , den sie oft so hart büßen muß im Leben , und der doch ihr schönstes , heiligstes Vorrecht ist , weil er noch alles wagt und alles hofft . Frau Almers hörte zu , als redete man zu ihr in einer fremden Sprache , dergleichen verstand sie einfach nicht , aber es wäre das erste Mal in ihrem Leben gewesen , daß sie einen wohlüberlegten und lange vorbereiteten Plan aufgegeben hätte , sie dachte nicht daran . » Paula , du vergißt dich ! « sagte sie schneidend , und der Ton legte sich wie ein Eishauch auf das heiße Aufflammen des jungen Mädchens . » Man sieht es , unter was für Einflüssen du aufgewachsen bist . Wenn ich dem nicht Rechnung tragen wollte , so würde ich dich jetzt dem Schicksal überlassen , das du dir selbst bereiten willst , dem harten Kampf mit dem Leben , an dem deine Eltern zu Grunde gegangen sind . Doch aus dir spricht mehr die Erziehung als die eigene Verblendung . – Wir bleiben noch vierzehn Tage in Restovicz , so lange hast du Bedenkzeit . Ich werde dich natürlich nicht zwingen , aber ich bin auch nicht gesonnen , Undankbarkeit und offene Auflehnung zu unterstützen . Bleibst du bei deinem Nein , dann müssen wir uns selbstverständlich trennen , weder ich , noch Ulrich werden eine solche Beleidigung hinnehmen . Ich stelle dir noch einmal die Wahl – hoffentlich kommst du zur Besinnung ! « Damit verließ sie das Zimmer . Paula blieb allein oder glaubte wenigstens allein zu sein , als sie jetzt beide Hände auf die Brust preßte und tief aufatmete . Sie ahnte nicht , daß da draußen im Vorzimmer der Blick eines Mannes wie gebannt an ihr hing , als sie so dastand , in der roten Abendsonne , die dunklen Augen halb verschleiert von Thränen , aber mit dem Ausdruck trotziger Energie in den sonst so weichen Zügen . Ulrich Berneck fühlte es in diesem Augenblick , wie sehr er das Mädchen unterschätzt hatte , und fühlte auch , was er verlor , ohne es je besessen zu haben . Am Ufer des Sees , unterhalb des Schlosses von Restovicz , lag die Marienkapelle , ein altes Kirchlein , schmucklos und einfach , wie man es oft in den Bergen findet . Nur an einigen Wallfahrtstagen wurde dort Messe gelesen , und dann kamen auch wohl die Bewohner der nächsten Ortschaften , sonst lag das kleine Gotteshaus meist in stiller Einsamkeit . Eine Steintreppe mit tief eingesunkenen , moosbewachsenen Stufen führte vom See herauf , und dicht hinter den grauen Mauern begann der Wald , der den ganzen Schloßberg bedeckte . Das Kirchlein war uralt . Vor ein paar hundert Jahren , bei einem Einfall der Türken , war es zerstört worden , bis auf die nackten Mauern , und die Glocke hatten die heidnischen Eroberer in den See gestürzt . Später , als wieder Friede im Lande war , hatte man die Marienkapelle wieder aufgebaut , aber die Glocke ruht noch heute da unten im See und an stillen Abenden klingt sie leise und geheimnisvoll , als flehe sie um Erlösung . Es war die alte Sage , die sich so oft wiederholt , sei es am Meeresstrande oder an den Ufern der einsamen Bergseen . Die feuchte Tiefe hat eben ihre seltsamen , rätselhaften Stimmen , und der Volksglaube schafft sich dann die Märchen dazu . Auf einer schmalen , kunstlos gezimmerten Bank , die an der Kirchenmauer stand , saß Paula Dietwald und blickte träumend hinaus auf den See . Es war einer ihrer Lieblingsorte , sie kannte ja die ganze nähere und fernere Umgebung des Schlosses und hatte sie oft durchstreift , meist in den frühen Morgenstunden , die ihr allein gehörten , denn Frau Almers pflegte sehr lange zu schlafen . Sie waren so schön gewesen , diese sechs Wochen in Restovicz , hier war es dem jungen Mädchen zum erstenmal aufgegangen , wie eine Ahnung von Freiheit und Glück , und nun endete das mit einem solchen Mißklange ! Ueber den heutigen Tag hatte ja die Abwesenheit des Schloßherrn hinweggeholfen . Er hatte sich schon am Morgen bei seiner Tante entschuldigen lassen , er müßte in Geschäften nach der Stadt , die volle drei Stunden entfernt war , und würde erst gegen Abend zurückkommen . Paula hatte aufgeatmet bei der Ankündigung , aber das war doch nur für heute . Morgen ließ sich ein Zusammentreffen nicht vermeiden , und das sollte so noch volle vierzehn Tage währen ! Der eine Tag hatte dem jungen Mädchen bereits hinreichend gezeigt , was sie von der Ungnade ihrer Dame zu erwarten hatte . Ein Ja aus ihrem Munde konnte freilich alles ändern . Dann war sie die Braut des Schloßherrn , die künftige Herrin von Restovicz und – das Eigentum jenes harten , finsteren Mannes , vor dem sie nur Furcht empfand . Nein , nein , nur das nicht ! Lieber wollte sie hinausgehen unter Fremde , lieber alles ertragen , als sich selbst eine Kette schmieden , die sie dann unlösbar gefesselt hielt , das ganze Leben lang . Paula Dietwald war eben die Tochter ihrer Mutter , und die verkaufte sich nicht . Der frische Ostwind , der gestern abend mitten in das Regengewölk hineingefahren war , hatte einen völligen Umschlag der Witterung gebracht . Ein leuchtender Sonnentag war gefolgt , und gerade jetzt , wo die Sonne schon hinter die Berge tauchte , kam die ernste Schönheit der Landschaft zur vollen Geltung . Droben standen die Berggipfel noch in voller Abendglut , und ein Purpurschein lag über den Wäldern , welche den See wie mit einem dichten , dunkelgrünen Kranze umgaben . Aber auf der vorhin so hell glitzernden Flut ruhte schon kühler Schatten , und zarte , bläuliche Nebel schwebten darüber hin . Da ließen sich Schritte vernehmen auf dem Fußwege , der sich vom Schlosse durch den Wald hinabzog . Paula achtete nicht viel darauf , vielleicht war es Ullmann , der wußte , wohin sie gegangen war , vielleicht einer von den Schloßleuten , die oft diesen Weg benutzten . Der Schritt kam näher und jetzt – das junge Mädchen zuckte zusammen – jetzt trat Ulrich von Berneck selbst aus dem Walde hervor und blieb eine Minute lang stehen , während sein Blick suchend die Kirche und deren Umgebung überflog . Ein seltsames Zusammentreffen ! Er konnte ja kaum zurückgekehrt sein , und Paula fühlte es auch , daß diese Begegnung keine zufällige war , er kam ja sonst niemals hierher . Hatte Frau Almers noch geschwiegen gegen ihren Neffen oder ihm die gestrige Unterredung in einer Form mitgeteilt , die ihn nicht an eine ernstliche Abweisung glauben ließ – jedenfalls war es ihr Werk , daß er sich nun doch herabließ , selbst zu dem Mädchen zu sprechen , das er mit seiner Hand beglücken wollte . Also eine zweite peinvolle Erörterung ! Der ganze Trotz Paulas flammte wieder auf bei dem Gedanken . Wollte man sie denn durchaus zwingen ? Er kam , sich die Antwort zu holen auf eine Frage , die er nicht einmal persönlich gestellt hatte – nun denn , er sollte sie haben ! » Ich störe Sie wohl in Ihrer Einsamkeit , Fräulein Dietwald ? « fragte Ulrich , indem er grüßte und näher trat . » Ich hörte bei meiner Rückkehr von Ullmann , daß Sie hier seien , und mir lag daran , Sie einmal allein zu sprechen . Da müssen Sie mich schon entschuldigen . Wollen Sie mich anhören ? « Das hieß allerdings geradeswegs auf das Ziel losgehen , er hielt sich nicht lange auf mit einer Einleitung . Paula neigte nur bejahend das Haupt , sie kämpfte schon wieder mit jener seltsamen Angst , gegen die kein Mut und kein Trotz half . Sobald sie die Stimme dieses Mannes hörte und im Bann seiner Augen war , fühlte sie sich wehrlos ihm gegenüber . » Vor allen Dingen eine Erklärung ! « fuhr er fort . » Ich bin nicht gekommen , um die Frage und Bitte an Sie zu richten , die Sie so sehr fürchten . Sie können unbesorgt sein . « Das junge Mädchen senkte die Augen in peinlicher Verlegenheit . » Herr von Berneck , ich weiß in der That nicht – « » Sie wissen , was ich meine ! « unterbrach er sie ruhig . » Sie ahnen wohl selbst nicht , wie deutlich das › Nein ! ‹ aus Ihrer ganzen Haltung spricht . Sie haben es ja bereits gestern ausgesprochen , das genügt . « Paula stand betroffen vor ihm . Das klang ganz anders , als sie erwartet hatte , aber sie sah , daß sie dieser Unterredung standhalten mußte , hier gab es kein Ausweichen . » Frau Almers hat Ihnen das bereits mitgeteilt ? « fragte sie , ohne aufzublicken . » Nein , meine Tante hat mir nichts mitgeteilt . Sie wird mir überhaupt die gestrige Unterredung verschweigen , denn sie hat gegen meinen Willen gesprochen . Ich bat sie ausdrücklich , das mir zu überlassen , sie hat trotzdem eingegriffen in eine Sache , die ihren Eingriff am wenigsten vertrug . – Ich kehrte gestern zurück , um mein vergessenes Notizbuch zu holen , und da wurde ich im Vorzimmer Zeuge des ganzen Gespräches . « » Sie haben es gehört ? « fuhr das junge Mädchen auf , dessen Antlitz sich plötzlich mit einer tiefen Glut bedeckte . » Wenn ich das geahnt hätte – « » So wären Sie weniger aufrichtig gewesen ! « ergänzte Ulrich . » Ich habe Sie unterschätzt , Paula ! Ich glaubte , mein Restovicz und mein Vermögen fiele bei Ihnen so schwer ins Gewicht , daß Sie mich dafür – hinnehmen würden . Das war es ja , was mir bisher immer noch die Lippen schloß Ihnen gegenüber . Nicht Ihre Weigerung , Ihr Jawort habe ich gefürchtet ! Ich that Ihnen unrecht . Sie haben sich und Ihre Freiheit mutig genug verteidigt gegen den ungeliebten Mann , der Ihnen aufgedrungen werden sollte . Es war ja eine bittere Stunde für mich , aber – ich danke Ihnen für diese Wahrheit ! « Paula hörte in steigender Betroffenheit zu . Der Argwohn hatte ihm die Lippen geschlossen ? Daher stammte seine Zurückhaltung , sein Schweigen , das sie so tief verletzt hatte ? Langsam und scheu hob sie die Augen zu ihm empor . Er war bleicher als sonst , aber der herbe Ausdruck in seinen Zügen war gewichen , es lag nur eine ernste Ruhe darauf . » Sie sollen nichts mehr von meiner Werbung hören , mein Wort darauf ! « fuhr er fort . » Aber ich konnte es doch nicht ertragen , in dem Lichte vor Ihnen zu stehen , in dem Sie mich gestern sahen . Sie können kein Herz zu mir fassen – ich begreife das . Aber fürchten sollen Sie mich nicht mehr ! Wollen Sie mir das versprechen ? « » Ja ! « sagte das junge Mädchen mit einem tiefen Atemzuge , sie empfand in der That keine Furcht mehr , aber ein Gefühl , das fast der Beschämung glich . Ueber Bernecks Antlitz zuckte ein flüchtiges Lächeln bei diesem Ton , der unbewußt ein erwachendes Vertrauen verriet , aber es ging schnell unter in dem gewohnten Ernst . » So lassen Sie uns Frieden schließen , jetzt dürfen wir es ja wohl ! Ich habe Sie gestört , aber der Abend ist so schön , und ich habe so selten eine Stunde des Ausruhens – wollen wir nicht den Sonnenuntergang hier abwarten ? « Er deutete auf die Bank an der Kirche . Paula hatte nicht den Mut , sich zu weigern . Halb willenlos folgte sie , und sie nahmen beide dort Platz . Ein seltsames Beisammensein ! Da saß der Mann , den ihre gestrigen Worte doch tödlich gekränkt haben mußten , ganz ruhig an ihrer Seite . Er schien ihr in der That nicht zu zürnen , und doch war es ihr , als hätte er ein Recht dazu . Langsam zerfloß das Abendrot droben am Himmel , und mit ihm erlosch der verklärende Schein , der Berge und Wälder so seltsam erglühen ließ , sie standen ernst und dunkel da , und auf dem See stiegen die Nebel dichter empor . Die Dämmerung begann ihre träumerischen Schleier zu weben . Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an : » Sie wollen also meine Tante verlassen ? « » Sobald wir wieder in Berlin sind . Sie hat mir ja selbst die Trennung angekündigt , und ich – « » Sie werden aufatmen , wenn endlich die Kette bricht , die Sie so schwer gedrückt hat ! « unterbrach sie Berneck mit voller Bestimmtheit . » Scheuen Sie sich , mir das einzugestehen ? Ich habe es längst gewußt , ich kenne ja meine Tante ! Sie ist eine sehr kluge Frau und meint es auch gut in ihrer Weise , besonders mit mir . Aber sie vergißt immer , daß andere Menschen so etwas wie ein Herz in der Brust haben . Mit dem armen Dinge rechnet sie nie , und da scheitert bisweilen der klügste Plan . « Es lag ein bitterer Spott in den Worten , und doch sprachen sie nur aus , was das junge Mädchen Tag für Tag erfahren und sich selbst kaum eingestanden hatte . » Sie werden mich für sehr undankbar halten , Herr von Berneck , « sagte sie , noch kämpfend mit der alten Scheu vor ihm und doch zugleich mit schüchterner Vertraulichkeit . » Frau Almers ist meine Wohlthäterin , ich habe ihr alles zu danken und fühle das tief genug , aber sie kann zu Boden drücken mit ihren Wohlthaten . Ich war an so viel Liebe gewöhnt in meinem Elternhause , und ich bin so grenzenlos einsam und unglücklich gewesen in all dem Glanz des fremden , reichen Hauses . Erst hier in Restovicz habe ich es gefühlt , daß ich noch froh sein kann , denn da durfte ich stundenlang frei und allein sein . Ich bin so glücklich hier gewesen – « Sie brach plötzlich ab , denn es kam ihr erst in diesem Augenblick zum Bewußtsein , zu wem sie sprach . Bernecks Stirn war wieder finster zusammengezogen , aber die drohende Falte , die dort stand , galt nicht ihr . » Armes Kind ! « sagte er halblaut . » Ja , es