Gute Nacht ! “ sagte Gabriele ahnungslos , ihm die Hand reichend . „ Wir sehen uns ja morgen wieder . “ „ Morgen ! “ wiederholte Raven schwer . „ Ja , gewiß . “ Er hob sanft das Haupt des jungen Mädchens empor , so daß es voll von dem Lichte der herabhängenden Lampe beleuchtet wurde , und sah lange in das holde Antlitz , das jetzt wieder von dem rosigen Hauche des Glückes unflossen war , in die klaren , sonnigen Augen – so lange und tief , als wolle er dieses Bild für ewig festhalten . Dann beugte er sich nieder und küßte sie . „ Lebe wohl , meine Gabriele – gute Nacht ! “ Gabriele entzog sich leise seinen Armen und ging . Auf der Schwelle ihres Zimmers blieb sie noch einmal stehen und warf einen letzten Gruß zurück ; dann schloß sich die Thür hinter ihr . Arno stand regungslos und blickte auf die Stelle , wo sein „ Sonnenstrahl “ verschwunden war . Seine Stimme bebte , als er halblaut sagte : „ Armes Kind , wie wirst Du erwachen ! “ Der nächste Tag begann mit einem trüben , dichtverschleierten Nebelmorgen , wie ihn der Spätherbst häufig bringt . Es war noch sehr früh , und draußen war es eben erst hell geworden , als Oberst Wilten das Schloß betrat . Er kam zu Fuße und wurde von einem Diener , der bereits Weisung erhalten hatte , sofort in das Zimmer des Freiherrn geführt . Gleich darauf erschien dieser selbst . Er war bereits fertig , aber in seinen Zügen deutete auch nicht die leiseste Spur auf eine unruhige oder durchwachte Nacht hin . Er hatte in der That tief und fest geschlafen , bis zu dem Augenblicke , wo sein Diener ihn weckte , und begrüßte jetzt mit ruhigem Ernst den Oberst . Man wechselte einige Bemerkungen über den Nebel , über die Fahrt , über Ort und Stunde der verabredeten Zusammenkunft . Dann zog Raven den Schlüssel zu seinem Schreibtische hervor und übergab ihn dem Oberst . „ Ich möchte Sie ersuchen , für den Fall meines Todes die ersten und nothwendigsten Anordnungen zu übernehmen , “ sagte er . „ Meine Papiere sind geordnet . Dort in jenem Fache liegt mein Testament nebst einigen persönlichen Verfügungen , die ich gestern noch getroffen habe . Sie werden dort auch einen Brief finden , den ich bitte , unverzüglich an seine Adresse – Doctor Rudolph Brunnow – zu befördern . “ „ An Ihren Gegner ? “ fragte Wilten , auf ’ s Aeußerste befremdet . „ Ja . Es handelt sich um eine Erklärung , die ich ihm schuldig bin , die ich ihm aber unmöglich vor dem Duell geben konnte . Er findet sie in jenem Schreiben . Und nun noch Eins ! – “ der Freiherr hielt einen Augenblick inne und zog dann langsam einen zweiten Brief aus seiner Brusttasche hervor . „ Diese Zeilen sind für mein Mündel , Gabriele von Harder , bestimmt . Ich möchte aber nicht , daß sie den Brief unvorbereitet empfängt oder unvorbereitet von einem – Unglück hört ; sie würde tödtlich erschrecken . Ich bitte Sie daher , den Brief selbst in ihre Hände zu geben , aber dabei mit Vorsicht zu Werke zu gehen – mit der äußersten Vorsicht . Ein so zartes junges Wesen , wie Gabriele , bedarf der Schonung . Wenn die Nachricht sie jäh und plötzlich träfe , könnte sie ihr erliegen . “ Wilten verbarg mit Mühe seine Ueberraschung bei diesen Worten , die ein halbes Geständniß enthielten . Es begann ihm jetzt klar zu werden , weshalb sein Sohn eine Abweisung erhalten hatte . „ Ich habe also Ihr Versprechen ? “ fragte der Freiherr . „ Für den Fall Ihres Todes wird Baroneß Harder den Brief nur aus meinen Händen empfangen , und ich selbst werde ihr so schonend wie möglich die Nachricht überbringen . Mein Wort darauf ! “ „ Ich danke Ihnen , “ sagte Raven sichtlich erleichtert . „ Und nun werden wir wohl aufbrechen müssen . Mein Wagen hält bereits unten . Darf ich Sie bitten , allein voraus zu fahren und an der Rückseite des Schloßberges halten zu lassen ? Ich möchte bei diesem frühen Aufbruche jedes Aufsehen vermeiden und deshalb nicht am Hauptportal einsteigen . Ich komme durch den Schloßgarten . “ Oberst Wilten fand diese Anordnung ein wenig seltsam , fügte sich aber schweigend . Raven klingelte nach Hut und Mantel , und nachdem der Diener ihm beides gebracht hatte , verließen die beiden Herren das Zimmer , um sich erst unten an der Treppe zu trennen . Als der Freiherr über den Schloßhof schritt , begegnete er dem Hofrath Moser , der soeben aus seiner Wohnung kam und sehr verwundert aussah , als er seinen Chef zu so ungewohnter Stunde erblickte . Raven blieb stehen . „ Sieh da , Herr Hofrath ! Wollen Sie so früh schon ausgehen ? “ „ Ich sah nur nach dem Wetter , “ erklärte der Hofrath . „ Ich pflege sonst täglich einen Morgenspaziergang zu unternehmen , aber bei diesem kalten , feuchten Nebel ziehe ich es doch vor , zu Hause zu bleiben “ „ Da thun Sie recht , “ meinte der Freiherr . „ Das Wetter ist nicht einladend . “ „ Und Excellenz wollen doch ausgehen ? “ fragte Moser . „ Ich habe einen nothwendigen Gang , der sich nicht aufschieben läßt . Adieu , lieber Hofrath ! “ Damit reichte der Freiherr ihm die Hand , die der alte Herr bestürzt und ehrfurchtsvoll ergriff . Er hatte zwar von seinem Chef schon viele Beweise des Wohlwollens , aber noch kein einziges Zeichen der Vertraulichkeit erhalten . Diese ungewohnte Freundlichkeit ermuthigte den Hofrath zu einer Aeußerung , die er schon lange auf dem Herzen hatte . „ Wenn ich mir eine Frage erlauben dürfte , “ begann er schüchtern . „ Man spricht davon – es war wenigstens gestern Abend in der Stadt das Gerücht verbreitet , Excellenz beabsichtigten Ihren Posten zu verlassen . Ist das wahr ? Wollen Sie wirklich gehen ? “ „ Ja , ich gehe , “ sagte Raven mit ruhiger Bestimmtheit , „ und zwar bald . “ Der Hofrath senkte traurig den Kopf . „ Dann werde auch ich wohl nicht mehr lange bleiben , “ entgegnete er leise . „ Ich habe längst daran gedacht , mein Abschiedsgesuch einzureichen . “ Der Freiherr blickte ihn schweigend an . Die Anhänglichkeit des alten Mannes rührte ihn ; Moser allein hatte stets treu und fest zu ihm gehalten und war der Einzige gewesen , der sich durch keine gegen Raven ausgesprengte Verleumdungen beirren ließ . „ Gehen Sie in das Haus zurück , lieber Moser ! “ sagte Raven freundlich . „ Sie werden sich erkälten in der scharfen Morgenluft und in Ihrem leichten Hausanzuge . Nochmals – Adieu ! “ Er reichte ihm noch einmal die Hand , diesmal mit einem kurzen herzlichen Drucke , und ging dann . Der Hofrath blieb stehen und sah ihm nach . Er , der sonst so ängstlich jede Erkältung scheute , vergaß jetzt völlig , daß er ohne Ueberrock und Kopfbedeckung war . Der Händedruck hatte ihn ganz verwirrt gemacht und das „ Adieu ! “ hatte ihm so seltsam geklungen . Es war ihm , als müsse er seinem Chef nacheilen und noch irgend eine Frage an ihn richten , nur um noch einmal sein Gesicht zu sehen und seine Stimme zu hören , und nur der Gedanke an das Unpassende eines solchen Benehmens hielt ihn zurück . Erst als Jener verschwunden war , ging er wieder nach seiner Wohnung , aber ein schwerer Seufzer entwand sich seiner Brust , als er die Treppe hinaufstieg . Es war also doch geschehen . Der Gouverneur hatte seine Entlassung genommen . Raven schritt inzwischen langsam durch den Schloßgarten . Er hatte dem Wunsche nicht widerstehen können , ihn noch einmal zu betreten , und eine Verzögerung war das kaum . Der Garten stand durch eine kleine Mauerpforte in directer Verbindung mit dem Schloßberge . Von dort führte ein Fußpfad in wenigen Minuten nach der Stadt . Der Gouverneur hatte stets diesen Weg benutzt , wenn er irgendwo durch sein Kommen überraschen , und nicht erst das Hauptportal und die Militärposten passiren [ 584 ] wollte . Er kam wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Wagen an , der einen Umweg machen mußte . Am Nixenbrunnen verweilte der Freiherr einige Minuten lang . Was war aus dem mondbeglänzten Eden von gestern Abend geworden ! Die Morgennebel hielten alles dicht umzogen . Der Rasen schimmerte weiß unter der Reifdecke , die sich darauf gelagert hatte , die mächtigen Linden , mit ihrem spärlichen Laub , standen dunkel und unheimlich in dem feuchten Dunst , und die fallenden Blätter deckten welk und naß den Boden . Der Nixenbrunnen rauschte noch , aber seine Wasserstrahlen waren jetzt nur ein trüber und farbloser Regen , der sich über graue , halbverwitterte Steinfiguren ergoß , und sein Nieseln klang so unsagbar traurig . Das verklärende Licht , das die ganze Umgebung in seinen Glanz getaucht hatte , war geschwunden , und nur die Wirklichkeit blieb zurück – der Herbst in seiner ganzen trostlosen Oede . Raven zog den Mantel fester um die Schultern , der Morgenwind strich eisig an ihm vorüber . Er wandte sich nach der Mauerbrüstung , wo sich sonst die weite Landschaft öffnete . Gestern lag das Thal dort , so zauberhaft schön im duftigen Schleier der Mondnacht ; heute war alles erfüllt von unruhig wogenden Nebelmassen . Nur einzelne Thürme der Stadt tauchten undeutlich daraus hervor ; das Thal , die Berge und die Ferne waren völlig verhüllt . Der Blick des Freiherrn streifte über die Stadt hin , die er so lange beherrscht hatte , und verlor sich dann in jenem gährenden Nebelmeer . Was mochte sich dahinter bergen ? Ein goldener Sonnentag oder düsteres Nebelgrauen ? Noch ein letzter Blick flog hinaus zu den Mauern des Schlosses , aber er blieb nicht dort haften . Gabrielens Zimmer lagen nach der anderen Seite hinaus , man konnte von hier aus ihre Fenster nicht sehen . Raven öffnete die Mauerpforte und trat in ’ s Freie . Er kam fast gleichzeitig mit dem Wagen unten an ; in der nächsten Minute saß er an der Seite des Oberst Wilten und bald lag die Stadt hinter ihnen . Die Fahrt ging rasch vorwärts , an dampfenden Wiesen vorüber , an dem brausenden Flusse entlang , dem Gebirge zu . Nach einer halben Stunde war das Ziel erreicht , die Waldungen , welche hier begannen . Der Freiherr und sein Begleiter verließen den Wagen und gingen zu Fuß weiter nach dem Orte der Zusammenkunft , der in ewiger Entfernung am Rande des Waldes lag . Die Gegenpartei war schon dort eingetroffen , Doctor Brunnow , mit seinem Secundanten und seinem Sohne , welcher der Verabredung gemäß den ärztlichen Beistand leisten sollte . Die Herren grüßten sich schweigend , nur die beiden Secundanten hatten eine kurze Besprechung mit einander und schritten dann sofort zu den Vorbereitungen . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 36 , S. 595 – 600 Fortsetzungsroman – Teil 28 [ 595 ] Max stand neben seinem Vater , dessen bleiches Antlitz und brennende Augen eine durchwachte Nacht verrieten und der sich vergebens bemühte , seine fieberhafte Erregung zu verbergen . Seine Lippen waren fest zusammengepreßt , und durch seine Hand , die in der des Sohnes lag , flog bisweilen ein nervöses Zucken . „ Fassung , Papa ! “ flüsterte Max ihm zu . „ Deine Hand ist so unsicher ; Du wirst kaum abdrücken können . “ „ Sei ruhig ! Ich werde es können , “ versetzte der Doctor , gleichfalls in gedämpftem Tone und mit einem Blicke auf die Waffen , welche soeben von den Secundanten geladen wurden . „ Oberst Wilten ist bereits aufmerksam geworden , “ sagte Max bedeutsam . „ Soll er glauben , daß es die Furcht vor der Kugel ist , die Dich so erregt ? “ Brunnow machte eine heftige Bewegung des Unwillens . „ Du hast Recht . Die Fremden könne ja nicht ahnen , was in mir wühlt . Sie sollen mich wenigstens nicht für einen Feigling halten . “ Er raffte sich zusammen , und es gelang ihm auch wirklich , ruhiger zu erscheinen , aber er vermied es , nach der Stelle zu blicken , wo der Freiherr stand . In seiner gewohnten stolzen Haltung , mit der kalten Festigkeit in den Zügen , schien Raven völlig unbewegt von dem Kommenden . Der Nebel begann allmählich zu fallen ; schon traten die Berggipfel und die höher gelegenen Ortschaften daraus hervor , und die Sonne mußte soeben aufgegangen sein , denn der ganze östliche Horizont schimmerte in rothem Lichte , wenn die Strahlen es auch noch nicht vermochten , sich durchzukämpfen . Die Stadt lag noch in einen weißen Dunstschleier gehüllt , aber das Schloß auf der Höhe war bereits sichtbar , zwar noch undeutlich , wie ein Nebelbild , aber es trat mit jeder Minute klarer und deutlicher durch den Nebel hervor . Dort träumte Gabriele ahnungslos und glücklich dem Morgen entgegen , und hier fiel indessen die blutige Entscheidung auch über ihr Schicksal . [ 598 ] Oberst Wilten verkündete , daß jetzt Alles bereit sei , und die beiden Gegner traten auf den Kampfplatz . Raven stand hochaufgerichtet da , das Auge klar und voll aufgeschlagen und die Waffe lag so fest und sicher in seiner Hand , als könne sie ihr Ziel gar nicht verfehlen . Brunnow ’ s Fassung war augenscheinlich eine gewaltsam erzwungene . Wenn der Augenblick der Entscheidung und die Furcht vor Mißdeutungen ihm auch seine Haltung zurückgaben , seine Hand war doch unsicher und bebte leise , als er das tödtliche Geschoß auf die Brust des einst so leidenschaftlich geliebten Freundes richtete . Wilten gab das Zeichen . Die beiden Schüsse krachten gleichzeitig , und einen Augenblick lang standen beide Gegner noch fest auf ihrem Platze . Dann entfiel dem einen die Waffe ; er preßte die Hand auf die Brust , trat einen Schritt zurück und stürzte dann lautlos zusammen . Arno Raven lag am Boden , und der weiße Reif auf dem Rasen ringsum begann sich dunkel zu färben . Max überzeugte sich hastig , daß sein Vater unverletzt sei , und eilte dann zu dem Verwundeten , an dessen Seite sich bereits der Oberst befand . Brunnow stand regungslos da , die Pistole noch krampfhaft festhaltend ; er blickte mit starren Augen zu jener Gruppe hinüber . Sein Secundant trat an seine Seite . „ Was soll denn das bedeuten ? “ fragte er leise . „ War es denn nicht der Freiherr , der Sie forderte ? Er hat in die Luft geschossen . “ Das Wort schien die Erstarrung zu lösen , welche Brunnow gefesselt hielt . Er warf die Pistole weg und stürzte hinüber . „ Arno ! “ rief er aus – es war ein Schrei der wildesten Verzweiflung . Max machte soeben den Versuch , das Blut zu stillen , aber der Vater drängte ihn ungestüm zurück , als habe er allein ein Recht auf diesen Platz , entriß ihm das Tuch und drückte es auf die Wunde . Der junge Mann zog sich schweigend zurück , während er dem Oberst und dem anderen Secundanten , die betreten dieser Scene zuschauten , einen Wink gab , mit ihm seitwärts zu treten . „ Können Sie dem Freiherrn keine Hülfe leisten ? “ fragte der Oberst halblaut . „ Hülfe ist nicht mehr möglich . “ versetzte Max . „ Der erste Blick auf die Wunde zeigte mir , daß sie tödtlich ist . Es handelt sich nur noch um Minuten , und da wird mein Vater das Nöthige thun . Bitte , lassen Sie ihn allein mit dem Sterbenden ! “ „ Es fiel überhaupt nur ein Schuß , der tödlich werden konnte , “ sagte der Secundant Brunnow ’ s bedeutsam . Der Oberst nickte . „ Ich habe es gleichfalls gesehen . Raven wandte im letzten Moment die Pistole – seltsam ! “ Die drei Männer sahen sich schweigend an ; sie begannen zu ahnen , weshalb dieses Duell provocirt worden war , aber Keiner lieh seinen Gedanken Worte . Sie fühlten , daß dort drüben , wo der Gegner an der Seite des Gefallenen kniete , sich etwas vollzog , was von den gewöhnlichen Vorfällen bei einem Duell weit abwich , und die Bitte des jungen Arztes ehrend , blieben sie in einiger Entfernung stehen . Brunnow hielt mit dem linken Arme den Verwundeten umfaßt , dessen Haupt an seiner Brust ruhte , während er mit der Rechten das Tuch auf die Wunde preßte . War es der Schmerz dieser Berührung oder der Aufschrei : „ Arno ! “ der dem Ohnmächtigen das Bewußtsein zurückgab – er schlug die Augen auf und machte eine matte , abwehrende Bewegung . „ Laß das ! “ sagte er . „ Du hast gut getroffen – ich wußte es . “ „ Arno , warum hast Du mir das gethan ! ? “ stöhnte Brunnow . „ Warum mußte es gerade meine Hand sein ? O , ich weiß es jetzt , weshalb Du mich gezwungen hast . “ Es lag ein so qualvoller Schmerz in diesen Worten , daß sie selbst den tödtlich Verwundeten erschütterten ; er versuchte es , dem Sprechenden die Hand zu reichen . „ Verzeih ’ , Rudolph ! “ sagte er kaum hörbar . „ Mache Dir keine Vorwürfe ! Ich danke Dir . “ Die Stimme versagte ihm , aber er richtete sich mit einer letzten Anstrengung halb empor , und sein Blick schien in der Ferne irgend etwas zu suchen . Brunnow stützte ihn ; er versuchte mit Todesangst , das Blut zu hemmen , den rothen Lebensstrom , den seine eigene Hand entfesselt hatte , und der Arzt wußte doch , daß es hier nichts mehr zu hemmen , zu retten gab . Soeben brach die Sonne durch den Nebelschleier ; drüben stand das Schloß auf seiner Höhe in leuchtender Morgengluth . Seine Mauern und Thürme schimmerten in rothem Lichte , und seine Fenster schienen Flammenblitze wie Grüße herüberzuwerfen . Arno ’ s Auge hing unverwandt an diesem einen Punkte ; sein letzter Blick wandte sich dem „ Sonnenstrahl “ zu , der ihn von dort her grüßte . Dann begann es zu dämmern ; das leuchtende Bild wich weit und weiter zurück , und endlich versank es ganz . Es legte sich um den Sterbenden wie düstere Schatten , wie kühle Wasserschleier und er wurde fortgezogen , weit fort , in geheimnißvoll dämmernde Tiefen , wohin kein Laut des Lebens mehr drang , wo alles Ringen und Sehnen , alles Glück und Weh in einem tiefen Traum erstarb , und in den Traum verflocht sich ein fernes Rieseln , das leise geisterhafte Singen eines Quells , das wie aus endloser Ferne herniedertönte . – Brunnow legte den Körper des Todten sanft nieder . Er wollte sich erheben , aber die Kraft versagte ihm , und fassungslos brach er an der Leiche des Jugendfreundes zusammen . Eine neue Zeit war für das Land angebrochen . Die letzten vier Jahre hatten viel , beinahe Alles geändert ; die einst verfolgte und unterdrückte Partei stand jetzt an der Spitze der Regierung , und mit diesem Umschwunge vollzogen sich auch tief eingreifende Veränderungen in allen Kreisen des öffentlichen Lebens . Bestrebungen , die einst gehemmt und bekämpft wurden , durften sich jetzt frei und offen regen , und mit den neuen Verhältnissen traten auch neue Persönlichkeiten auf den Schauplatz . Unter denen , welche die jetzige politische Richtung ungewöhnlich schnell emportrug , befand sich auch Georg Winterfeld . Er nahm als Ministerialrath bereits eine für seine Jahre sehr bedeutende Stellung ein . Der Gouverneur , welcher gegenwärtig an der Spitze der -schen Provinz stand , war in allen Dingen das Gegentheil seines Vorgängers , liberal , nachsichtig und ohne jede Hinneigung zum Despotismus ; ein energisches Durchgreifen war seine Sache nicht , und doch that dies bisweilen noth . Brunnow hatte unmittelbar nach jener Katastrophe die Stadt verlassen . Er gab den dringenden Bitten seines Sohnes nach , sich nicht einer neuen Haft auszusetzen , der er nach den Duellgesetzen des Landes verfallen war , und die der alternde , durch die letzten Vorfälle so schwer gebeugte Mann wohl kaum ertragen hätte . Der Doctor war ja ohnehin entschlossen , sein Vaterland für immer zu verlassen . Noch ehe das Duell in der Stadt bekannt geworden war , kehrte er nach der Schweiz zurück , trat aber von dort aus öffentlich mit mit vollem Nachdrucke für das Andenken des Gefallenen ein . Er erklärte , unter dem Einfluß eines Irrthums gestanden zu haben und durch eine letzte Eröffnung Raven ’ s darüber aufgeklärt worden zu sein . Jene Beschuldigung sei unwahr und ein schweres Unrecht gegen den Todten . Dieses Zeugniß des Gegners , von dessen Hand der Freiherr gefallen war , fiel natürlich schwer in ’ s Gewicht , wenn auch die Sache jetzt so wenig erwiesen werden konnte wie früher . Der Tod erwies sich auch hier als der beste Vertheidiger . Was man dem Lebenden nie geglaubt haben würde , das glaubte man dem Todten , der gewissermaßen noch mit seinem letzten Atemzuge die ihn schändende Verleumdung für eine Lüge erklärt hatte . Raven hatte seine Dienerschaft mit sehr reichen Legaten bedacht ; im Uebrigen fiel sein ganzes Vermögen nach dem Testamente der jungen Baroneß Harder zu . Gabriele war nach dem Tode des Freiherrn lange und schwer krank gewesen und erholte sich nur sehr langsam . Gegenwärtig lebte sie mit ihrer Mutter in der Residenz , wo sie das Ziel unausgesetzter Bewerbungen war , aber sie schien den Gedanken an eine Vermählung weit von sich zu weisen , zur Verzweiflung der Baronin , die oft ihre ganze Beredsamkeit erschöpfte , nur die Tochter umzustimmen . Gabriele war vor Kurzem mündig und damit freie Herrin ihres Vermögens geworden ; es war also nach Ansicht ihrer Mutter die höchste Zeit , ihre Wahl zu treffen . – – Hofrath Moser hatte schon vor vier Jahren seinen Abschied genommen . Einerseits bestimmte ihn der Tod seines Chefs dazu , diese langgehegte Absicht auszuführen ; andererseits ging es nicht gut an , im Staatsdienste zu bleiben , wenn man sich mit einer Demagogenfamilie verschwägerte , und dieses Schicksal hatte den Hofrath nun doch ereilt . Er sträubte sich zwar mit Händen und Füßen dagegen , aber das half ihm nichts ; Max Brunnow lief so lange Sturm gegen ihn , bis er sich ergab . Dieser unverwüstliche [ 599 ] Freier erschien nämlich Tag für Tag , mit der größten Regelmäßigkeit , um seinem lieben Schwiegervater mitzutheilen , wie sehr er sich darauf freue , sein Schwiegersohn zu werden , und daß ein besserer Schwiegersohn überhaupt gar nicht in der Welt sei . Wenn der alte Herr zornig auffahren wollte , so drohte der gewissenlose Doctor mit Schlaganfällen und verschrieb Beruhigungstropfen . Wenn Jener ihm das Haus verbot , so erklärte Max , er könne den Anblick seiner Braut nicht entbehren , und kam am nächsten Tage eine Stunde früher . Der Hofrath ergab sich endlich in sein Schicksal ; er gehörte zu den Naturen , die , wenn man ihnen täglich dasselbe sagt , es zuletzt glauben , und da er alle Tage hören mußte , daß dieser Schwiegersohn ebenso unabwendbar wie vortrefflich sei , so glaubte er es schließlich und nahm beides als eine unumstößliche Thatsache hin . Einen etwas schwereren Stand hatte man mit der „ geistlichen Vormundschaft “ , die natürlich die Verlobung nicht anerkennen wollte und Himmel und Hölle dagegen in Bewegung setzte . Man drohte dem jungen Bräutigam mit der Hölle ; er drohte dagegen mit der Presse und erklärte , er werde die ganze Stadt zur Vertrauten seiner Herzensangelegenheit machen und in sämmtlichen Zeitungen Lärm darüber erheben , daß man ihm seine Braut entreißen wolle , um sie wider ihren Willen in das Kloster zu sperren . Das erregte denn doch Bedenken . Man hatte bei dem Sturze des Gouverneurs gesehen , was Zeitungsartikel anrichten konnten . Man gab nach . Die feindliche Partei zog sich zurück , und Max behauptete triumphirend das Feld . Er war klug genug , die Hochzeit so rasch wie möglich zu betreiben , und entführte seine junge Frau schon nach wenigen Monaten nach der Schweiz . Brunnow , der durch die Erbschaft seines Vetters völlig unabhängig geworden war , bestand darauf , daß Sohn und Schwiegertochter vorläufig in seinem Hause wohnten , da Max bei seiner schnellen Heirath nicht Zeit gefunden hatte , sich zuvor eine Praxis zu gründen . Dies geschah nun zwar in kürzester Frist ; trotzdem wurde aber das Zusammenleben beibehalten . Das Verhältniß zwischen Vater und Sohn war ein durchaus anderes geworden , seit jener Scene am Krankenbette des Letzteren , und wenn einmal eine Differenz vorkam , so trat Agnes mit ihrer sanften Vermittelung dazwischen . Die junge Frau hatte in Kurzem das ganze Herz des Schwiegervaters gewonnen . Der Hofrath dagegen lebte nach wie vor in R. unter dem Scepter der Frau Christine , aber er befand sich wohl dabei und kam jeden Sommer , um seine Kinder zu besuchen . – – Es war wieder Sommer geworden . Der See und die Stadt an seinen Ufern lagen im hellsten Sonnenschein , und das Gebirge erhob sich duftumhüllt und nur zur Hälfte sichtbar in der Ferne . Die einst so kleine und bescheidene Besitzung Rudolph Brunnow ’ s zeigte jetzt ein weit stattlicheres Aussehen . Der Garten hatte durch Ankauf der benachbarten Grundstücke fast das Doppelte an Raum gewonnen , und auch das Wohnhaus war umgebaut und bedeutend vergrößert worden , da es jetzt Platz für zwei Familien gewähren mußte . Der junge Doctor Brunnow pflegte sonst die Vormittagsstunden zu Besuchen bei seinen Patienten zu benutzen , heute aber war die gewohnte Ausfahrt unterblieben , und Max befand sich im Garten , mit einem Gaste , der erst vor einer halben Stunde eingetroffen war . „ Jetzt kommst Du aber mit mir , Georg , damit ich Dich auch einmal für mich allein habe ! “ sagte er nachdrücklich . „ Papa läßt Dich sonst gar nicht aus den Händen , und Dein Besuch gilt doch vor allen Dingen mir . Das war eine Ueberraschung ! Ich ahnte gar nicht , daß Du in der Schweiz seiest . “ „ Es war eine Dienstreise , “ versetzte Georg . „ Ich mußte zu unserer Gesandtschaft nach B. Meine Aufträge waren schneller erledigt , als ich glaubte , und da konnte ich es mir nicht versagen , auf der Rückreise Dich zu überraschen . “ Winterfeld hatte sich in den letzten vier Jahren kaum verändert . Er war nur reifer , männlicher geworden , und seine Haltung hatte an ruhiger Sicherheit noch gewonnen . Die frühere durchsichtige Blässe aus seinen Zügen war längst der Farbe der Gesundheit gewichen , aber aus der einst so klaren Stirn lag ein Schatten , und die schönen blauen Augen , die sonst nur ernst blickten , hatten jetzt etwas entschieden Düsteres . Der kaum zweiunddreißigjährige Mann mit seiner so viel verheißenden Lebensstellung schien irgend etwas mit sich herumzutragen , was ihm die Freude am Leben nahm . Max Brunnow ’ s Aussehen dagegen entsprach vollständig seiner Behauptung , daß er sich in dieser nichtsnutzigen Welt ganz vortrefflich befinde , und war überdies ein glänzendes Zeugniß dafür , daß Frau Agnes die Hausfrauentugenden sich zu eigen gemacht hatte . „ Sage einmal , Georg , “ fragte Max im Laufe des Gesprächs , „ wie lange dauert es denn noch eigentlich , bis Du Minister wirst ? “ Georg lachte . Wahrscheinlich noch eine ganze Reihe von Jahren . „ Vorläufig bin ich Ministerialrath . “ „ Und die rechte Hand des Ministers , die Seele der ganzen Verwaltung . O , wir wissen ganz genau , wie es in Eurer Residenz zugeht . Ich höre oft genug davon durch meinen Schwiegervater . Die gute Stadt R. muß nun einmal opponiren , das bringt die lange Gewohnheit so mit sich . Der neue Gouverneur ist die Liberalität und Menschenfreundlichkeit selbst ; sie finden eigentlich nichts an ihm auszusetzen und das gerade ärgert sie . “ „ Was man vermißt , “ sagte Georg , „ ist die mächtige Persönlichkeit Raven ’ s , die selbst den Feinden Bewunderung abzwang . Der jetzige Gouverneur ist redlich und wohlwollend , aber er ist durchaus keine hervorragende Natur und vielleicht nicht ganz einem so wichtigen und verantwortungsreichen Posten gewachsen . – Der Hofrath lebt also noch immer in R. ? Ich glaubte , er würde sich endlich zu einer Uebersiedelung zu seiner Tochter entschließen . “ „ Welche beleidigende Idee ! “ spottete Max . „ Mein Schwiegervater , der Inbegriff aller Loyalität , sollte einer schnöden Republik den Besitz seiner Person gönnen ? Er lebt und stirbt unter den Fittigen seines allergnädigsten Souverains . Hier würde sich übrigens das Zusammenleben des alten Herrn mit meinem Vater auf die Dauer doch sehr unerquicklich gestalten . Sie sind zu schroffe Gegensätze , um je mit einander auszukommen . “ Winterfeld warf einen Blick nach dem Hause zurück . „ Max , ich habe Deinen Vater doch recht gebeugt und gealtert gefunden . “ Max zuckte die Achseln . „ Er kann den Tod Raven ’ s nicht verwinden . Ich glaubte , die Zeit würde den Schmerz mildern – leere Hoffnung ! Als Arzt