erschien . Der Fürst war sehr rosiger Laune . Er hatte sich in den Zwischenpausen mit Gisela unterhalten und gefunden , daß sein Schützling zwar ein traurig-ernstes Mädchen , in ihren Antworten jedoch nicht minder schlagfertig sei , als weiland die geistvolle Gräfin Völdern . » Ach , Durchlaucht , ich würde vielleicht recht stolz und eitel geworden sein « , versetzte die schöne Titania mit milder Stimme , » aber die Sorge hat mich wirklich an diese sogenannten Erfolge gar nicht denken lassen ... Ich habe , während ich unerbittlich still liegen mußte , nur mein armes Kind im Auge gehabt , meine kleine Gisela – sie sah so bleich und leidend aus ! Die Angst hat mich fast verzehrt ! ... Durchlaucht , ich fürchte , ich fürchte , mein Töchterchen ist seiner wohltätigen Verborgenheit allzu früh und sehr zu seinem Nachteil entzogen worden ... Gisela , mein Kind – « Sie verstummte . Die junge Dame hatte sich erhoben ; sie stand plötzlich ihrer Stiefmutter in wahrhaft königlicher Haltung gegenüber . Das so schmerzlich bedauerte bleiche Gesicht war mit einem flammenden Purpur übergossen , und die braunen Augen maßen die falsche , erbärmliche Komödiantin mit einem langen , verachtungsvollen Blick . Jetzt war sie die Siegerin , das las Seine Exzellenz ohne Mühe in den Zügen des Fürsten und der herandrängenden lauschenden Menge . » Gisela , keine Szene , wenn ich bitten darf ! « gebot er hervortretend mit finsterer Strenge ; er selbst aber sah aus , als wollten ihm die Nerven treulos werden . » Du liebst es , dich zu steigern ; hier ist jedoch nicht der Ort , einen Ausbruch deiner Krämpfe abzuwarten ... Frau von Herbeck , führen Sie die Gräfin ein wenig seitwärts , bis sie sich beruhigt haben wird ! « Das gequälte Mädchen wollte sprechen : Aber jählings zusammenschreckend , schloß sie die bebenden Lippen wieder . » Ist diese Diamantenpracht echt , Exzellenz ? « fragte in demselben Augenblick die tiefe , ruhige Stimme des Portugiesen . Sie war so durchdringend , daß alles umher verstummte . Oliveira stand neben dem Minister und zeigte auf die » vergötterten Steine « der Elfenkönigin . Der Minister fuhr zurück , als habe er einen Schlag in sein fahles Gesicht erhalten ; seine Gemahlin aber wandte sich mit dem Ausdruck tiefster Empörung in dem schönen Antlitz an den Frager . » Glauben Sie , mein Herr , die Baronin Fleury könne es über sich gewinnen , die Welt auch nur mit einem einzigen dieser Steine täuschen zu wollen ? « rief sie erzürnt . » Ihre Exzellenz hat recht , entrüstet zu sein , Herr von Oliveira « , bestätigte die Gräfin Schliersen hinzutretend , mit ihrem boshaften Lächeln . » Daß diese wundervollen Tautropfen ohne Tadel sind , kann Ihnen jedes Kind im Lande sagen – es sind ja die berühmten gräflich Völdernschen Familiendiamanten ... Zu ihrem hohen Ruf aber sind sie eigentlich erst gekommen , seit sich die schöne Völdern mit ihnen geschmückt hat – sie verstand es , Diamanten zu tragen . « – Sie strich zärtlich über das aschblonde , in einen Silberschein hinüberspiegelnde Haar Giselas . » Ich bin sehr begierig , wie diese junge , reizende Stirn unter dem Diadem da aussehen wird « , setzte sie mit völlig unbefangener , harmloser Miene hinzu und zeigte auf die brillantenen Fuchsien in den Locken der Baronin Fleury . Diese Frau besaß die Gabe in seltener Weise , mittels weniger Worte eine empfindliche Stelle in der Menschenseele bloßzulegen und sie spielend mit tödlich scharfem Messer zu verwunden . Die schöne Exzellenz stand starr , sprachlos vor ihrer unerbittlichen Quälerin , ihre feinen Nasenflügel begannen zu zittern ... Das beneidenswerte Verhältnis zwischen den beiden Damen , infolgedessen sie sich mit lächelnder Anmut zu zerfleischen pflegten , gab dem Fürsten oft genug Gelegenheit , seine Ritterlichkeit und Gewandtheit zu entfalten . Er verhinderte auch diesmal den ausbrechenden Zweikampf . » Sie lieben schöne Steine , Herr von Oliveira ? « fragte er nachdenklich , mit erhöhter Stimme , die sofort alles umher schweigen ließ . » Ich bin Sammler , Durchlaucht « , versetzte der Portugiese – er zögerte einige Sekunden , dann sagte er rasch : » Dieser Schmuck aber « – er deutete nach dem Diadem der Titania – » interessiert mich um deswillen ganz besonders , weil ich den gleichen besitze . « » Das ist unmöglich , mein Herr ! « fuhr die Baronin auf . » Das Diadem ist vor ungefähr vier Jahren nach meiner eigenen Angabe umgefaßt worden , und das Pariser Haus , das die Ausführung übernommen hatte , hat sich verpflichtet , die Zeichnung sofort zu vernichten , weil ich vor der Nachahmung gesichert sein wollte . « » Ich möchte darauf schwören , daß sich die beiden Schmuckstücke hinsichtlich der Form nicht unterscheiden lassen « , sagte Oliveira ruhig , mit einem halben Lächeln auf den Lippen und mehr zu dem Fürsten gewendet . » Oh , mein Herr , Sie verbittern mir mit dieser Behauptung eine meiner liebsten Freuden ! « rief die Baronin halb scherzend , halb mit schmelzend klagender Stimme und hob die Augen mit einem unnachahmlichen Anblick von Sanftheit und zärtlichem Feuer zu ihm empor ; aber sie schrak entsetzt zurück vor der vernichtenden Kälte , dem strengen , unbestechlichen Ernst in den Zügen des Mannes . » Jutta , bedenke , was du aussprichst ! « sagte der Minister verweisend mit heiserer Stimme – aus Lippen und Wangen schien der letzte Blutstropfen entwichen . » Warum soll ich denn leugnen , daß es mich unglücklich macht , einen meiner hübschesten Gedanken beraubt und ausgebeutet zu sehen ? « fragte sie geärgert und impertinent . Sie warf einen feindselig funkelnden Blick nach dem Portugiesen hinüber , der sich urplötzlich aus einem vermeintlichen glühenden Anbeter in einen rücksichtlosen Widersacher verwandelte . » Ich liebe es nun einmal nicht , irgend etwas zu tragen , das Gemeingut geworden ist ! ... Ich gäbe etwas darum , wenn ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen dürfte , inwieweit Ihre Behauptung begründet ist , Herr von Oliveira ! « » Nun , meine Liebe , das ließe sich doch sehr leicht bewerkstelligen « , meinte die Gräfin Schliersen . » Ich gestehe , daß auch ich ein wenig neugierig bin , in welcher Weise Herr von Oliveira seine Aussage rechtfertigt . Das Waldhaus ist so nahe – « » Wollen Euer Durchlaucht nicht die Gnade haben , das Zeichen zum Beginn der Quadrille zu geben ? ... Die junge Welt dort steht auf Nadeln « , fiel der Minister ein ; er ging achtlos über den leidenschaftlich hingeworfenen Wunsch seiner Gemahlin und den Vorschlag der Gräfin Schliersen hinweg , als habe er beides gar nicht gehört . Die Frau mit den klugen Augen und der feinen Zunge streifte mit einem überraschten , beleidigten und stechend forschenden Blick das Gesicht ihres Verbündeten – er erlaubte sich plötzlich , sie zu ignorieren . » Zu früh , zu früh , lieber Baron « , entschied der Fürst ablehnend . » Das Programm schließt mit dem Tanz . « » Ich fürchte , Durchlaucht , unsere bezaubernde Titania beruhigt sich nicht eher , als bis sie das Corpus delicti gesehen hat « , scherzte die Gräfin Schliersen . » Wäre es nicht eine reizende Unterbrechung für alle Damen , wenn Herr von Oliveira uns Gelegenheit gäbe , selbst zu entscheiden , ob er recht hat ? « – Die Dame schien für einen Augenblick völlig zu vergessen , daß es sich hauptsächlich heute abend darum gehandelt hatte , den Portugiesen zu stürzen . » Allzuviel verlangt , teuerste Gräfin ! « meinte der Fürst achselzuckend und lächelnd . » Bedenken Sie , in welche zweideutige Gesellschaft Herr von Oliveira seine kostbaren Schätze bringen soll . Wir haben da Räuber , Zigeuner und Gott weiß was alles für unheimliche Gestalten ! ... Sie sehen , Herr von Oliveira « , wandte er sich an den Portugiesen , » ich möchte mich gern Ihrer annehmen ; allein Sie haben unvorsichtigerweise einen Feuerbrand hingeworfen ; ich fürchte , es wird Ihnen nichts übrig bleiben , als – den Beweis zu bringen . « Oliveira verbeugte sich schweigend . Der grelle Schein einer Fackel fiel auf sein ruhiges Gesicht und überhauchte die braune Haut mit einer tiefen Blässe . Er nahm eine Karte aus seiner Brieftasche , warf flüchtig einige Zeilen hin und schickte das Blättchen durch einen Lakaien nach dem Waldhause . » Wir werden die Brillanten zu sehen bekommen ! « jubelten einige junge Damen auf und klatschten in die Hände . Man kam von allen Seiten herbei ; auch die schöne Hofdame , die sich bis dahin fern gehalten hatte , erschien am Arm der zarten , blassen Blondine . » Aber , Herr von Oliveira , Sie verwahren so viel Kostbarkeiten in dem abgelegenen Hause ? « fragte die Blondine und schlug die großen blauen Augen , die ein äußerst empfindliches Nervenleben verrieten , ängstlich unschuldig zu ihm auf . Die Gräfin Schliersen lachte . » Kindchen , « rief sie » haben Sie sich das Waldhaus nicht besser angesehen ? ... Es steckt freilich nicht hinter Palisaden und Gräben , und ich weiß nicht einmal , ob es Selbstentladungsrevolver besitzt , aber es hat ein Etwas , was da warnt : › Komme mir nicht zu nahe ! ‹ ... Die Wände starren von Waffen und Siegestrophäen – ob auch einige Indianerskalpe mit unterlaufen , kann ich allerdings nicht mit Bestimmtheit behaupten ; allein wohin man sieht , liegen Tiger- und Bärenfelle ; man überzeugt sich auf den ersten Blick , daß die Kugel des Besitzers unerbittlich zu treffen weiß ... Herr von Oliveira , Sie verstehen es aus dem Grunde , Ihren Wohnsitz durch die Macht des Geheimnisvollen zu schützen ; es nötigt uns einen Schauer ab , man nennt ihn das Gruseln ... Übrigens « , unterbrach sie ihre scherzhafte Schilderung in sehr lebhafter Weise , » ich gestehe Ihnen aufrichtig , daß ich heute sogar vor Ihrem Papagei die Flucht ergriffen habe ! Sagen Sie mir ums Himmels willen , weshalb schreit denn das unheimliche Tier mit seiner haarsträubenden Stimme unaufhörlich : › Rache ist süß ‹ ? « Nahm die lodernde Fackel eine andere Färbung an , oder war es in der Tat das Gesicht des Portugiesen selbst , das sich so auffallend verwandelte ? Es sah aus , als ob eine Flamme aufsteigend über die Wangen hinzüngle und sich in einem glühenden , quer über die Stirn laufenden breiten Streifen konzentriere . Oliveira sah einen Augenblick schweigend vor sich nieder , während ihn alle neugierig und erwartungsvoll anstarrten . » Das Tier hätte vorzeiten ein blödes Menschenkind beschämen können , so viel gesellschaftliche Phrasen hatte es aufgefangen « , sagte er . Er verschränkte die Arme in scheinbar unerschütterter Ruhe über der Brust und ließ seinen ernsten Blick über die Umstehenden schweifen . » Es hat sie merkwürdigerweise über diesen einen Satz vollständig vergessen ... Sein Herr , der es zärtlich liebte , hat die drei Worte im Delirium fast unausgesetzt wiederholt , ja , mit seinem letzten Atemzuge hat er sie noch einmal ausgestoßen ... An diese drei Worte knüpft sich eine seltsame Geschichte . « Die Gräfin Schliersen heftete ihre klugen Augen scharf fixierend auf das Antlitz , das wohl seinen Ausdruck , nicht aber die stürmisch aufbrausenden und sinkenden Wogen , die vom Herzen aus kreisen , zu beherrschen vermochte . » Sie mystifizieren uns , Herr von Oliveira « , drohte sie lächelnd mit dem Zeigefinger , » Sie fordern die weibliche Neugierde heraus , um dann achselzuckend und geheimnisvoll sagen zu können : › Ich darf nicht ! ‹ « » Wer sagt Ihnen das , Frau Gräfin ? Ich könnte ohne weiteres beginnen ; aber Sie selbst würden es mir sicher am wenigsten verzeihen , wenn ich ohne besondere Erlaubnis des Durchlauchtigsten Fürsten mit meiner Erzählung das Festprogramm störend unterbrechen wollte . « » Ach , Durchlaucht , eine interessante Geschichte aus Brasilien ! « wandten sich die junge Damen einstimmig bittend an den Fürsten . » Ei , meine Damen , ich glaubte , Ihre kleinen Füße ständen bereits auf Nadeln wegen des Tanzvergnügens ! « scherzte er . » Nun gut , ich nehme die Geschichte des Herrn von Oliveira sehr gern in das Festprogramm auf – wir streichen dafür eines der Männerquartette , die im Walde gesungen werden sollen . « 27 Welch eine unerwartete Wendung der Dinge ! Der verfemte Portugiese war der Löwe des Festabends geworden . Freilich stand er auf einem Boden , der auf und ab schwankte wie die Schiffsplanke , und die aufgescheuchten Wespen summten nur weniger laut und hörbar um sein Haupt . Das wußte niemand besser als die schöne Hofdame . Sie warf ihm einen langen , bedeutungsvollen Blick zu . » Lasse dich nicht beirren ! « warnten die dunklen Augen . Gisela , die bisher schweigend neben dem Fürsten gestanden und nicht ein einziges Mal gewagt hatte , den Portugiesen anzusehen , während er sprach , fing diesen Blick auf – er durchfuhr ihr Herz wie ein Dolchstoß ... Sie wollte ja nie heftig werden ; aber wie schoß ihr jetzt das empörte Blut nach den Schläfen ! Wie in der Kindheit , da sie selbst ohne weiteres ihrer Abneigung Ausdruck gegeben hatte , hob sie auch jetzt die Hand , um das Mädchen dort fortzustoßen . – Worte der tiefsten Erbitterung drängten sich auf ihre Lippen ... Wie töricht ! ... Was gab ihr denn das Recht , sich zwischen diese beiden Menschen zu drängen ? ... Sah er nicht selbst in diesem Moment hinüber nach der reizenden Zigeunerin und erwiderte den langen Blick so ausdrucksvoll , daß das liebliche Gesicht bis unter die dicken , braunen Locken errötete ? ... Die zwei waren wohl längst einig ! ... Wie konnte sie es überhaupt wagen , sich neben jenes Mädchen zu stellen ? An dem Namen der Hofdame haftete kein schlimmer Leumund , sie war sehr schön , galt für geistreich und handhabte die gesellschaftlichen Formen mit unvergleichlicher Grazie ... Pfui , wie häßlich ! ... Sie mit dem bleichen Gesicht , mit der tiefen Unwissenheit hinter der Stirn und dem ungelenken Benehmen , sie empfand Neid , blassen Neid gegen jene schöne , gefeierte Rose ! ... Das unschuldige Herz , das ja bis dahin nie geliebt , hatte keine andere Erklärung für das heiße Gefühl der Eifersucht . Sie wandte die Augen ab von dem schreiend roten Käppchen mit den Perlenbehängen , das sich so anmutig hin und her bewegte , und sah über das Lichtmeer hinweg in den dunklen Weg hinein , der nach Greinsfeld führte . Eine tiefe Sehnsucht nach dem finsteren , schweigenden Wald erfaßte sie ... Fort , fort , alle diese Larven im Rücken lassen und die unausgesprochenen Qualen , die ihr in Kopf und Herzen wühlten , in der Dunkelheit verbergen ! ... Eilige Flucht aus dieser sogenannten Welt , in die sie nur geblickt hatte , um sofort von grellen Blitzen getroffen und verwundet zu werden ! Tausendmal lieber in finsterer Nacht mit bedrohtem Leben an den schauerlichen Abgründen der Steinbrüche vorüberwandeln , als hier gleichsam an der Martersäule stehen , diese schmetternde , jubelnde Musik hören und die lächelnden Gesichter sehen zu müssen , während in den schmerzenden Augen die mühsam verhaltenen Tränen brannten ! ... Sie hatte mit Enthusiasmus den Gedanken ergriffen , die Menschen lieben zu wollen – wie schwer war es auszuführen ! Konnte sie diese eitle , gleisnerische Menge lieben , die , Falschheit im Herzen und auf den Lippen , ihr reines Wollen unmöglich verstand ? ... In den Steinbrüchen war es dunkel und todeseinsam , nicht einmal die kleinen Vogelaugen blickten tröstlich auf die heimwärts Fliehende , sie schliefen wohlgeborgen in den Nestern und Felsennarben . Drunten lagen die armen Blumenleichen , die er mit unbarmherziger Hand von sich geschleudert hatte , und am Wegrand zitterten die elastischen Nesselzweige , die ihr Kleid streifte – diese einzige Bewegung hauchte Leben in die Einöde ... Und der Fuß des jungen Mädchens schritt wieder über die Stelle hinweg , wo es eine so schmerzliche Demütigung erlitten hatte . Der Weg war schrecklich , aber er führte ja in das Heim zurück , dort konnte sie die Türen verschließen und sich für immer verbergen vor Menschenaugen und Menschenstimmen ... Fort ! Fort ! Quer über den Festplatz konnte sie freilich nicht gehen ; sie mußte im Waldesdunkel die Wiese umkreisen , wenn sie den gegenüberliegenden Greinsfelder Weg erreichen wollte . Langsam und scheu wandte sie sich um und forschte im Dickicht nach einer Stelle , wo sie unbemerkt entschlüpfen konnte . Da tauchte plötzlich ein Gesicht vor ihr auf , ein Gesicht mit harten , dunklen Zügen , das sie kannte und fürchtete – es war der alte , strenge Mann aus dem Waldhause . Er trug einen kleinen Koffer , den er auf die nächste Bank stellte ; sein finsterer Blick streifte an der jungen Dame vorüber und heftete sich sehr beredt auf den Portugiesen , vor dem bereits der zurückgekehrte Lakai stand und mit einer entsprechenden Handbewegung die Anwesenheit des alten Soldaten meldete . » Ah , die Brillanten ! « scholl es von allen Seiten . Sofort bildete sich ein dichter Kreis um den alten Soldaten und seine kostbare Bürde ... Für diesen Augenblick war Giselas Flucht vereitelt . Der Fürst stand neben ihr , und die Gräfin Schliersen ergriff schmeichelnd ihre Hand und zog sie dicht an sich heran . Oliveira schloß den Koffer auf . Der Inhalt war freilich angetan , Frauenherzen zu berauschen ; und der stille Gedanke aller , der Brasilianer wolle mit seinen Schätzen prunken , wurde zur Gewißheit ... Wer aber Gelegenheit hatte , in sein gesenktes Gesicht zu sehen , der wußte sofort , daß der Seele dieses Mannes augenblicklich nichts ferner lag als die Eitelkeit – ein so furchtbarer Ernst , eine so finstere Entschlossenheit lag auf der düstergefalteten Stirn . Er nahm mit raschen Händen ein schwarzes , mit Juwelen beladenes Samtpolster um das andere aus dem Koffer und legte es achtlos auf die Seite . Neben ihm stand die Baronin Fleury mit halbgeöffneten Lippen und vorgebeugtem Oberkörper . Allmählich begann ein leiser Triumph in ihren Augen zu funkeln . Sie sah allerdings glitzernde Wunderdinge aus dem Koffer emporsteigen , die ihr unerstättliches Herz klopfen machten , allein es waren lauter antike Schmuckstücke , die » der Sammler « da angehäuft hatte – nicht ein einziges erinnerte an ihren » hübschen Gedanken « ... Hatte sich der Portugiese hinsichtlich des » Corpus delicti « doch getäuscht ? Da hob er , bedeutend langsamer als zuvor , ein großes Etui hervor und schlug fast zögernd den Deckel zurück . Ein Ausruf der Überraschung ertönte von allen Lippen , und die schöne Exzellenz wich bestürzt zurück . Bis auf das kleinste in ihren Locken glitzernde Staubfädchen getreu kopiert , lag der Fuchsienkranz auf dem Samtpolster – aber er hatte einen Vorzug : die » gräflich Völdernschen Familienbrillanten « erloschen neben dieser funkelnden Steinpracht . Und der Kranz lag nicht allein – ihn umkreiste dasselbe Halsband , das dort auf dem weißen , stürmisch atmenden Busen Titanias blitzte , und die Agraffe , die den silberdurchwobenen Schleier auf ihrer Schulter festhielt , leuchtete auch hier mit ihren großen bläulichen Brillanten . » Welch ein schändlicher Betrug ! « stieß die junge Frau zornbebend hervor . » Siehst du , Fleury « – wandte sie sich an ihren Gemahl ; er befand sich nicht mehr an ihrer Seite – Seine Exzellenz stand an einem entfernten Büfett und stürzte ein Glas Wein hinunter . Er wurde alt und stumpf , der Mann , er zeigte für nichts mehr das wahre , feurige Interesse wie ehedem – war es ihm doch sogar unangenehm geworden , seine schöne Frau diamantengeschmückt zu sehen ... Sie stand allein unter all den schadenfrohen Gesichtern . Die ganze furienhafte Leidenschaft dieser Frauenseele , die bis dahin nur Seine Exzellenz und die engen Wände Ihres Zimmers kennen gelernt hatten , war nahe daran , angesichts des Hofes hervorzubrechen . » Fleury , Fleury ! « rief sie mit unbeschreiblichem Ärger hinüber . » Ich bitte dich , komme hierher und überzeuge dich , wie recht ich hatte , gegen das völlig überflüssige Putzen und Reinigen der Steine in Paris zu protestieren ! ... Du hast es durchgesetzt , und diese treulosen Franzosen haben die Gelegenheit benutzt , die köstlichen Formen zu stehlen ... Oh , hätte ich sie doch nicht aus den Händen gegeben ! « Jedes dieser schneidend scharf betonten Worte sollte den Besitzer der Brillanten beleidigen . War er in der Tat vollkommen unempfindlich gegen die anmaßende Art und Weise der gereizten Dame ? Kein Zug seines Gesichts bewegte sich , und auf die Frage des Fürsten , wo er diesen Schmuck erworben habe , versetzte er lakonisch : » In Paris . « Der Minister kam langsam über den Platz . Welch ein Gegensatz zwischen diesem steinernen Gesicht und den fieberhaft erregten Zügen der schönen Titania ! ... Es gehörte ein sehr scharfer Blick dazu , das leichte nervöse Zucken an den schlaffen Augenlidern zu entdecken ... » Ich kann dir nicht helfen , liebes Kind , das Unglück ist nun einmal geschehen , und du wirst dich trösten müssen « , sagte er in seiner ganzen kaltlächelnden Ruhe und Diplomatengleichgültigkeit . Er warf auch nicht einen Blick auf das Etui , das die Gräfin Schliersen in den Händen hielt , während der Fürst die Pracht der Steine bewunderte . » Übrigens können dir diese Nebenbuhler weiter nicht gefährlich werden « , fuhr er mit einem leichten Achselzucken fort , » Herr von Oliveira verwahrt sie , wie es scheint , als Kuriosum , und da er sie selbst nicht tragen kann , so werden sie schwerlich deinen Weg wieder kreuzen . « Sie wandte ihm zornig den Rücken . So wie sie ihn kannte , war er trotz seiner ausgezeichneten Maske in diesem Augenblick furchtbar erregt . Weshalb zeigte er seine gerechte Empörung nicht und behandelte im Gegenteil den abscheulichen Betrug wie eine Kinderei ? ... Bei den letzten Worten Seiner Exzellenz sahen sämtliche junge Damen sofort nach dem Portugiesen , der , die lodernden Augen starr und unverwandt auf das Gesicht des Sprechenden gerichtet , wie eine erzene Bildsäule dastand ... Was fiel dem Minister ein , zu behaupten , weil dieser majestätische Fremde die Steine nicht selbst tragen konnte , sie würden nun auch für immer in der Gefangenschaft des Kastens bleiben müssen ? War es nicht ein naheliegender Gedanke , daß er über kurz oder lang ein beglückendes junges Wesen an seine Seite ziehen und als » sein besseres Ich « mit all diesen wundervollen Schätzen überschütten würde ? ... Vielleicht kreiste diese Betrachtung auch hinter der Stirn der Gräfin Schliersen . Sie nahm lächelnd den Kranz vom Polster , und ehe Gisela sich dessen versah , fühlte sie die schweren , kalten Steine auf der Stirn ... Sie ahnte nicht , daß ihr in diesem Augenblick der Preis der Schönheit und des höchsten Liebreizes von allen stillschweigend zuerkannt wurde ; sie sah auch nicht , wie ein unbezähmbarer Ausbruch leidenschaftlicher Zärtlichkeit sekundenlang die düsteren Züge Oliveiras durchstrahlte – unfern stand die schöne Hofdame , sie schüttelte unwillig die braunen Locken , der tiefe Verdruß spiegelte sich in ihren Augen und schmollte in den herabgesenkten Mundwinkeln ; sie hatte bereits Rechte an das Eigentum des Mannes dort , aber sie waren noch nicht öffentlich anerkannt ; und nun mußte sie es stillschweigend leiden , daß eine fremde Stirn mit dem Diadem geschmückt wurde ! Bei diesem Gedanken griff Gisela hastig nach den tödlich-kalten Steinen und legte sie mit zitternden Händen auf das Polster zurück – in Gesicht und Gebärden lag der Ausdruck eines heftigen , energischen Widerspruches . » Um Gott , liebes Kind ! « – rief die Gräfin Schliersen erschrocken und ergriff besorgt ihre Hand . » Da siehst du ja diese , › ungesunde Kraft ‹ , Leontine ! « rief die Baronin Fleury triumphierend – sie vergaß über dieser Genugtuung selbst ihr eigenes Herzeleid . » Gisela hat eine Abneigung gegen die Steine , und du wirst dich eben überzeugt haben , daß schon allein eine solche Berührung genügt , ihre Nervosität bis zu einem beängstigenden Grade zu steigern . « Die Gräfin Schliersen reichte dem Portugiesen schweigend mit fest zusammengekniffenen Lippen das Etui hin . Der Fürst aber , der augenscheinlich wünschte , die Diamantenstreitfrage beigelegt zu sehen , zeigte ein lebhaftes Interesse für die antiken Schmuckgegenstände ; sie gingen von Hand zu Hand , wobei Oliveira kurz erklärte , wie er sie aufgefunden hatte und woher sie stammten , dann wanderten sie zurück in den Koffer . » Schöne Elfenkönigin , Sie haben nun erreicht , was Sie so lebhaft wünschten « , sagte der Fürst zu der sich tief verbeugenden Baronin Fleury , während Oliveira den Koffer schloß . Er sprach halb scherzend , zum Teil aber auch mit ziemlich ernstem Nachdruck : » Ich will hoffen , daß das Ergebnis nicht nachteilig auf die Laune gewirkt hat , meine Gnädigste ... Und nun wollen wir sehen , was die Büfette enthalten « , wandte er sich an seine Gäste . » Dann mag Herr von Oliveira seine interessante brasilianische Geschichte erzählen , vorausgesetzt , daß uns die heimtückischen Wolken da oben nicht vorher die Fackeln auslöschen . « Das Gewitter war allerdings im Anzuge . Auf dem Wasserspiegel des Sees , der bis dahin glatt und unbewegt jedes Lichtlein widergestrahlt hatte , hüpften jetzt Feuerfunken – ein schwaches , . kaum hörbares Säuseln zog durch die Waldwipfel , und das Fackellicht , das kerzengerade in die Höhe gestiegen war , flackerte beunruhigt . Alle diese drohenden Anzeichen wurden vergessen über dem verlockenden Knall der Champagnerpfropfen , dem Gläserklirren und den begeisterten Hochs , die dem Durchlauchtigsten Festgeber gebracht wurden . Gisela hatte es abgelehnt , dem Fürsten an das Büfett zu folgen . Sie hoffte , jetzt den günstigen Moment zu finden , wo sie entfliehen konnte , aber wie täuschte sie sich ! Frau von Herbeck wich und wankte nicht von ihrer Seite ... Die kleine , fette Frau war von überströmender Liebenswürdigkeit – sie fühlte sich ja so glücklich ! Seine Exzellenz hatte ihr eben zugeflüstert , daß er ihr unbedingt vertraue und morgen früh vor seiner Abreise noch eine » vertrauliche Unterredung « mit ihr wünsche ; er hatte es ihr aber auch zur strengen Pflicht gemacht , für den Rest des Festabends wie ein Argus über ihre Schutzbefohlene zu wachen . Nun hatte sie das junge Mädchen auf eine Bank genötigt , die hart an den Saum des Waldes stieß , und von der aus man den ganzen Festplatz bequem übersehen konnte . Die Gouvernante saß am anderen Ende der Bank neben einer alten Freundin , die sie jahrelang nicht wiedergesehen hatte . Beide Damen ließen sich von einem Lakai Speisen herantragen , und während sie den köstlichen Leckerbissen wacker zusetzten , fanden sie nicht genug Worte für die beispiellose Unverschämtheit des fremden Eindringlings , des Portugiesen . Er war ein Abenteurer , ein Prahler erster Sorte – wer konnte denn wissen , wo er alle diese Kostbarkeiten aufgerafft hatte ? ... Übrigens ließ es sich Frau von Herbeck nicht nehmen , daß der » ganze Kram « unecht sei , er habe einen zu » unnatürlichen Glanz « gehabt – ein Kind hätte das neben den unvergleichlichen gräflich Völdernschen Familiendiamanten herausfinden müssen . Seine Exzellenz hatte aber auch den Schwindler vortrefflich ablaufen lassen – er hatte ihn und seine Brillantenausstellung nicht eines Blickes gewürdigt . Gisela legte müde wie ein krankes Kind den Kopf an die Banklehne . Eine rauschende Musik scholl herüber und verschlang die Fortsetzung der geistreichen Unterhaltung ... Wie elend und verlassen fühlte sich diese junge , mit sich selbst ringende Seele ! ... Sie hatte vorhin schweigend die hämische Bemerkung der Stiefmutter hingenommen , sie war des Kampfes müde , und schließlich war es sehr gleichgültig , was die Welt von ihr dachte ... Binnen weniger Stunden verschwand sie für immer wieder von diesem heißen Boden und wurde vergessen , vergessen von allen ... Sie redete sich in eine dumpfe Resignation und Gleichgültigkeit hinein – bis jetzt waren es noch verunglückte Versuche ... Wie ein Magnet zog das rote Käppchen , das dort drüben aus der Menge wie ein neckischer Kobold auf und nieder tauchte , ihren verfinsterten Blick immer wieder auf sich ; jedesmal schoß ihr das Blut siedend nach dem Herzen und raubte ihr den Atem , wenn eine hohe Männergestalt sich neben den reizenden braunen Lockenkopf drängte . Sie täuschte sich stets , er war es nicht – und doch , welche Qualen litt sie immer wieder von neuem ! Sie wollte nichts mehr sehen und lehnte den Kopf zurück . Aus dem Dickicht kam ein Zweig herüber und legte seine breiten , kühlen Blätter schmeichelnd auf ihre fiebernde Stirn . Sie schloß die brennenden Augen , aber im jähen Aufschrecken hob sie sofort die Wimpern wieder ... Der Portugiese stand hinter ihr und rief ihren Namen . Sie blieb regungslos , wie versteinert sitzen – es war seine Stimme , allein wie erschütternd verändert klang sie ! ... » Gräfin , hören Sie mich ? « wiederholte er lauter , während gewaltige Akkorde von drüben her erbrausten . Sie neigte langsam den Kopf , ohne ihm das Gesicht zuzuwenden . Der Portugiese trat dicht an die Bank heran und bog sich zu dem jungen Mädchen nieder . » Sie machen es nicht besser als die Leute da drüben , Gräfin « , sagte er mit gedämpfter Stimme . » Sie lassen sich durch die rauschende Musik