zuerkannt werde ... Frau Löhn , die treue Seele , solle dem Neffen , der Sicherheit wegen , persönlich den Zettel übergeben , dessen Glaubwürdigkeit er noch in der Weise verbürgen wolle , daß er unmittelbar nach geschehenem Abdrucke das Siegels den Smaragdring in die » ungetreuen « Hände des » entarteten « Bruders lege . » Schön , schön ! Der Herr Landstreicher hat mich ja sehr schmeichelhaft geschildert – dies der Dank für meine unermüdliche Pflege , die vielen schlaflosen Nächte ! « sagte der Hofmarschall sich erhebend mit nervös zuckendem Gesichte , während Mainau das Dokument in seine Brusttasche steckte . » Er ist eben ein charakterloser Bursche bis zu seinem letzten Atemzuge gewesen , den die zwei lügnerischen Weiberzungen windelweich gemacht haben ... Bah , mich ärgert nur , daß ein Geschöpf , wie diese Löhn , mich düpieren durfte . « Mainau trat von dem Sprechenden weit zurück , mit Ostentation zeigend , daß nun auch er jede Beziehung zu dem » ehrenfestesten , respektabelsten Manne der Familie « als gelöst ansehe . » Soll ich morgen als Bevollmächtigter Gisberts von Mainau das « – er drückte die Rechte bezeichnend auf die Brusttasche – » vor Gericht niederlegen ? « » Eh , man wird sich die Sache überlegen ... Man hat ja auch seine Dokumente . Es wird sich herausstellen , wer siegt , ob du mit diesem Wische oder die Kirche mit dem Zettel , der im Raritätenkasten liegt . Der Hofprediger ist ja auch noch da , ein anderer Zeuge als Frau Löhn , die Beschließerin ! ... Hm , ich glaube , das famose Schriftstück , das du so zärtlich an dein Herz genommen , wird dir mehr Kopfschmerzen machen , als du denkst ... Einstweilen nimm dich der Dame dort an ! Die nichtswürdige Intrige , die sie so liebevoll und bereitwillig in Szene gesetzt , scheint sie doch ein wenig mitgenommen zu haben . « Schon während Mainau las , hatten unheimliche Nervenschauer die junge Frau überrieselt . Es war ihr , als habe ein blutroter , wallender Nebel das Zimmer erfüllt , der auf und ab flutend das verstörte Gesicht des gegenübersitzenden Hofmarschalls fratzenhaft verzerre ... Nun breitete sich eine tiefe , eisige Nacht über sie hin . Ein halb irres Lächeln erzwingend , streckte sie beide Hände nach der Richtung aus , wo Mainau stand , und brach , von seinen Armen aufgefangen , mit einem dumpfen Schrei bewußtlos zusammen ... Fünf Minuten später brauste eine Equipage nach der Stadt , um Aerzte an das Bett der schwererkrankten Herrin von Schönwerth zu holen . 28. Es waren liebliche , sonnenglänzende Herbsttage , die über das Schönwerther Thal hinzogen . Der warme , weiche Lufthauch trug schwer an den Düften der Resedabeete und des reifenden Obstes , und der wilde Wein breitete seine wuchtige Purpurfahne über graue Turmmauern und die majestätischen Säulenbündel der offenen Gänge . Vor zwei Fenstern im Erdgeschosse des Schlosses hingen zugezogene blaue Vorhänge ; ein Fensterflügel stand offen , und das dufterfüllte Nachmittagslüftchen stieß an die schweren Seidenfalten und schob sie wie mit mutwilliger Kinderhand auf einen kurzen Moment auseinander . Dann flog stets ein feuriger Sonnenpfeil durch die blaue Dämmerung drinnen und weckte glitzernde Reflexe in dem rotgoldenen Haargespinst , das auf der weißen Bettdecke lag ... Wochenlang hatten Leben und Tod um den dort ruhenden , jungen , tieferschöpften Frauenleib erbittert gerungen ; seit gestern aber hofften die Aerzte wieder , und jetzt , in dem Augenblicke , wo das Sonnenlicht abermals wie ein zitterndes Goldstäbchen bis auf die sanft atmende Brust hineinschlüpfte , hoben sich die blonden Wimpern , und der erste verständnisvolle Blick brach aus den verschleierten Augen . Er fiel auf den Mann , der zu Füßen des Bettes saß . Das war sein Platz gewesen , von der Stunde an , wo er die Bewußtlose auf ihr Schmerzenslager niedergelegt – da hatte er zum erstenmal in seinem bisher so sorgenlosen , dem Genusse hingegebenen Leben alle Stadien jener unbeschreiblichen Seelenangst durchlaufen , die uns am Krankenbette wünschen läßt , selbst zu sterben , weil jeder Nerv in uns unausgesetzt auf der Folter liegt und weil wir meinen , nach dem letzten Herzschlage dort müsse es tiefe , grausame Nacht werden für immer . » Raoul ! « – Wer ihm gesagt hätte , als er in der Rudisdorfer Schloßkirche von diesen Lippen das » Ja « so gleichgültig hingenommen , sie würden ihn binnen kurzem mit einem einzigen geflüsterten Laut in einen Wonnerausch versetzen ! ... Er zog die schmale Hand an sich und bedeckte sie mit Küssen , dann legte er den Finger auf den Mund . Die Augen irrten mit lächelndem Ausdrucke weiter – wie wurden sie weit und glänzend ! Vom Tische her , den Löffel mit der Medizin sorgsam in der Hand haltend , trat die unschöne Dame mit dem brennendroten , starren Haare , dem sommersprossenbedeckten Gesichte , an das Bett – ihre Ulrike . Noch in jener furchtbaren Nacht hatte Mainau die Schwester telegraphisch herbeigerufen ; sie war seine Stütze , sein Halt geworden , das häßliche Mädchen mit dem besonnenen , willenskräftigen Kopfe und dem Herzen voll zärtlicher , aufopfernder Mutterliebe für sein junges Weib . Keine andere Hand , als die ihre , hatte Liane berühren dürfen . Er hatte damit schwere Opfer an Kraft und Hingebung auch für sich gefordert , und sie waren freudig gebracht worden . Beide legten mit bittend erhobenen Händen der Kranken Schweigen auf ; aber sie lächelte . » Wie geht es meinem Kinde ? « flüsterte sie . » Leo ist gesund , « sagte Mainau . » Er schreibt täglich ein halbes Dutzend zärtliche Briefe an die kranke Mama – dort liegen sie aufgestapelt . « » Und Gabriel ? « » Er wohnt im Schlosse , hat sein Zimmer neben dem Hofmeister , der ihn unterrichtet , und wartet sehnsüchtig auf den Moment , wo er seinem schönen , mutigen Anwalte dankbar die Hand küssen darf . « Die Augen schlossen sich wieder , und die Kranke fiel in einen tiefen Genesungsschlaf . Acht Tage später schritt sie an Mainaus Arme zum erstenmal wieder durch ihre Gemächer . Es war der letzte Tag im September und noch wölbte sich ein kristallblauer Sommerhimmel droben ; noch taumelte selten ein angekränkeltes Blatt zur Erde . Die Kronen der hochstämmigen Rosen strotzten in unerschöpflicher Blütenfülle , und auf den Rasenflächen lag ein jugendgrüner Flaum wie im Frühling ! Die Welt draußen strahlte , als könne es nie Nacht , nie Winter werden . Die junge Frau blieb im Salon , der Glasthür gegenüber , stehen . » Ach , Raoul , es ist doch himmlisch , zu leben und – « » Und , Liane ? « » Und zu lieben , « sagte sie und schmiegte sich an seine Brust . Fast in demselben Momente schauerte sie aber auch in sich zusammen und horchte mit erschreckten Augen auf ein dumpfrollendes Geräusch draußen . » Leo fährt mit seinen Ziegenböcken durch die Halle , « beschwichtigte Mainau . » Sei unbesorgt , der Fahrstuhl , der dich in deinen Fieberphantasien Tag und Nacht verfolgt hat , rollt schon längst nicht mehr durch das Schönwerther Schloß « ... Es geschah zum erstenmal , daß er der unseligen Ereignisse wieder gedachte ; aber er biß sich sofort auf die Lippen . » Ich bin dir Erklärungen , vor allem Beruhigung schuldig , Liane , und der Arzt hat auch jede Mitteilung erlaubt ; aber es ist mir noch unmöglich , darüber zu sprechen , so wenig , wie ich imstande bin , den indischen Garten zu betreten , wo das Furchtbare geschehen ist . Ulrike , unsere weise , verständige Schwester , wird dir im blauen Boudoir alles sagen , was du wissen willst und mußt . « Nun lag sie wieder auf dem Ruhebette , und der blauatlassene Wolkenhimmel hing über ihr ... Was zwischen heute und ihrem ersten Eintreten in dieses kleine , blaue Boudoir lag , es war genug des Schlimmen für ein ganzes langes Frauenleben , und sie hatte es in wenigen Monaten durchleiden müssen . Und doch durfte kein Glied in der Kette fehlen , die zwei gleichgültig nebeneinander verharrende Geister allmählich entzündet und schließlich so rasch zusammengeführt hatte ... Noch sah sie nicht mutig und innerlich befreit auf das Ueberwundene zurück ; sie wußte ja nicht , was nach jenem Augenblicke gekommen war , wo sie zusammenbrechend den Hofmarschall in all seiner Impertinenz , seinem ungebrochenen Uebermute drohend und hohnlächelnd vor Mainau hatte stehen sehen . Dieses Bild war ihr in der Seele haften geblieben , und wie der unverwüstliche Jasminduft von Zeit zu Zeit , als schüttle ihn die Geisterhand der vorüberschwebenden , » aus Spitzen gewobenen Seele « höhnisch aus den Atlasfalten der Wände , sie unheimlich anhauchte , so traten die furchterweckenden Gestalten vor sie hin und ließen sie nicht ruhig werden ... Ulrike saß neben ihr . Frau Löhn trat eben ein und brachte ein Körbchen voll Trauben , welche Mainau für die Damen abgeschnitten hatte . » Von dem Spalier , das dem Herrn Hofmarschall allein gehörte , « sagte sie . » Es sind die besten Trauben im ganzen Garten ; die schönsten schickte er immer der Frau Herzogin , und die anderen wurden für teures Geld – verkauft , nicht einmal der kleine Baron Leo kriegte eine Beere . « Mainau hatte sie offenbar instruiert ; sie erwähnte – was bisher streng verboten gewesen war – so sicher die früheren Verhältnisse . » Wann hat der alte Herr Schönwerth verlassen ? « fragte Liane unumwunden . » Gleich am anderen Morgen , gnädige Frau . Er kam in der Nacht vom Säulengange her und war so böse und bissig , wie ich ihn mein Lebtag nicht gesehen – na , ich wußte ja , wo ihn der Schuh drückte . Wir standen noch alle in der Halle . › Na , was steht ihr da und gafft und horcht ? Und gleich die ganze Gesellschaft beieinander ? Geh ' hinauf zum Herrn Hofprediger , ‹ sagte er zu dem Anton , › ich lasse ihn dringend bitten , in mein Schlafzimmer zu kommen . ‹ Der Anton stand da wie ein Geist , und alle anderen machten sich aus dem Staube . › Na , was wird ' s ? ‹ fuhr er den Burschen an , und da sagte ihm der , was geschehen war , und daß er den Herrn Hofprediger nicht holen könne , weil er auf und davon sei . Ich stand hinter der Treppe – den Anblick vergess ' ich in meinem ganzen Leben nicht ... Der Anton mußte ihn die Treppe hinaufführen . Ins Bett ist er nicht gekommen ; er hat die ganze Nacht gepackt ; nur ein paarmal ist er ' nübergegangen und hat die Thür aufgemacht und in die dunkle Stube geguckt und hat gemeint , der mit dem geschorenen Kopfe müsse absolut drin sein ... Am anderen Morgen , Punkt sieben Uhr , fuhr er zum Schloßthore ' naus . « » Er ist ein ganz erbärmliches Subjekt , dieser Herr Hofmarschall , « sagte Ulrike , während Frau Löhn einen Teil der Trauben auf den Kiesplatz hinaustrug , wo Leo noch mit seinen Ziegenböcken auf und ab fuhr . Gabriel war der Insasse des Wagens . » Von seinem Enkel hat er keinen Abschied genommen ; er muß ihn geradezu vergessen haben ... Er hat nach wenigen Tagen nur insofern ein Lebenszeichen gegeben , als er durch seinen Anwalt den dritten Teil von Onkel Gisberts Hinterlassenschaft reklamieren ließ ... Schönwerth wird verkauft werden . Mainau will diese Besitzungen nie wieder betreten , wenn er sie einmal im Rücken hat . Schon ein Aufblinken des Teiches von ferne versetzt ihn in eine unbeschreibliche Aufregung ... Nach Franken geht er aber vorläufig nicht , später allerdings , denn er will seine Güter so viel wie möglich , selbst beaufsichtigen ... Weißt du , Herzchen , wo dir diesmal der Weihnachtsbaum brennen wird ? Im weißen Saale zu Rudisdorf , auf der Stelle , wo Papa uns immer bescherte . Mainau hat von den Gläubigern Schloß und Park auf Jahre hinaus gemietet ; dort sollst du völlig genesen . Ich gehe vor euch zurück , um alles einzurichten ; die neuen Möbel sind bereits bestellt . Magnus schreibt mir , die alte Lene renne wie toll vor Freude im Schlosse umher , und juble , daß die schöne , › vornehme ‹ Zeit wiederkomme ... Mama werden wir freilich nicht in unserer Mitte haben . Sie ist ebenso glücklich wir Lene , aber darüber , daß ihr Mainau ihr die Wahl gelassen hat zwischen Rudisdorf und einem andauernden Aufenthalte in Dresden , den er bestreiten will . Selbstverständlich ist sie nicht einen Augenblick im Zweifel gewesen und wird nur noch so lange in Rudisdorf verbleiben , um dich und deinen Mann anständigerweise zu begrüßen , dann geht endlich , wie sie mir schreibt , ein Strahl der Lebenssonne für eine einsame , unverdient leidende Frau auf – das sind eben Ansichtssachen , Kind ... Frau Löhn geht mit uns . Mainau will sie stets in deiner Nähe wissen , weil sie so goldtreu ist . Er möchte sie auch noch nicht von Gabriel trennen , der noch einige Zeit den vortrefflichen Unterricht des Hofmeisters genießen , dann aber als junger Herr von Mainau behufs seiner künstlerischen Ausbildung nach Düsseldorf gehen soll . Dein Retter aber , der Jäger Dammer , ist wohlbestallter Förster in Wolkershausen geworden und wird schon in zwei Monaten seine kleine , tapfere Försterin heimführen ... Das wäre so ziemlich alles , was ich dir auf Wunsch deines Herrn und Gemahls mitzuteilen habe ; er schmeichelt sich , es sei alles auf diese Weise nach deinem Sinne eingerichtet ... Sieh , liebes Herz , ich gehöre nicht zu den überschwenglichen Seelen , aber mir ist es stets , als müsse ich eine Dankeshymne anstimmen , wenn ich sehe , wie mein Liebling geliebt wird . Und was meinst denn du dazu , daß ich , Ulrike Gräfin von Trachenberg , in eigener Person das große Wirtschaftsgebäude in Rudisdorf von den Gläubigern gemietet habe , um eine ausgedehnte Blumenfabrik zu errichten ? Mainau billigt meinen Entschluß vollkommen ; er gibt mir – selbstverständlich leihweise – das Einrichtungskapital und hofft zuversichtlich mit mir , daß es mir glücken wird , durch Thätigkeit und Arbeit allmählich etwas von dem wieder frei zu machen , was Uebermut und Verschwendung in die Haft der Sequestration gebracht haben . Gott gebe mir Kraft dazu ! « Sie schwieg , während die junge Frau , die verschränkten Hände auf die Brust gedrückt , mit geschlossenen Augen und einem entzückten Lächeln dalag , kaum atmend , als könne ein einziger Hauch alle diese lieblichen Gebilde der Zukunft verwehen ; nur ein Schatten flog darüber hin . » Der Schwarze , Ulrike ! « fuhr sie empor . » Er ist spurlos verschwunden , « versetzte die Schwester . » Man glaubt allgemein , daß er sich unter klösterlichen Schutz geflüchtet hat . Er kann dir nichts mehr anhaben ; sei ruhig ! In die Oeffentlichkeit darf er sich nie wieder wagen ; der Vorfall macht ein derartiges Aufsehen , und die gesamte protestantische Bevölkerung ist so aufgebracht , daß selbst seine Beschützerin , die Herzogin , es für nötig befunden hat , sich für längere Zeit nach Meran › zur Heilung ihrer angegriffenen Brust ‹ zurückzuziehen – « Mainau trat ein . Die beiden Knaben folgten ihm . » Raoul , wie soll ich dir danken ? « rief die junge Frau . Er lachte und setzte sich neben sie . » Du mir danken ? Lächerlich ! Ich habe mir als rechtschaffener , unverbesserlicher Egoist alles wohlüberlegt zu einer glücklichen Zukunft eingefädelt ; daß es aber auch so himmlisch schön werden wird , wie ich mir träume , das liegt allein in den Händen meiner – zweiten Frau . «