unsere geistige Speise derb und unschmackhaft verab ­ reichen und genießen ? Diese Barbareien haben wir , Gott sei Dank , mit unseren veredelten Formen ab ­ gestreift . “ „ Sie haben von dem Standpunkte der Gesellschaft aus vollkommen Recht — Frau Gräfin ! Nur wun ­ dert es mich , daß Sie mit solcher Wärme die For ­ men verteidigen , während Sie die Form so gering ­ schätzen . “ Eine dunkle Röte stieg in dem Gesicht der Wor ­ ronska auf . Aber mit ihrem Groll wuchs ihr Vor ­ satz , sich dieser Feindin zu bemächtigen , wenn sie auch ihr Übergewicht mit wachsender Verwunderung erkannte . „ Ja , Sie sprechen es aus , ich liebe die Formen , weil sie uns angenehm , hilfreich und dienstbar sind . Ich hasse die Form , weil sie uns beherrschen will und Sie haben unter der Form die Sitte gemeint — ich verstand Sie wohl . Ja denn ! Ja — ich liebe die Sitten , weil sie das Leben ästhetisch schöner , den Verkehr gefälliger machen , aber ich verabscheue das , was man Sitte nennt . Als ich meinen ersten Gatten in der Verzweiflung über seine Tyrannei und im Abscheu vor seiner Gemeinheit heimlich verließ und mit Lebensgefahr über die nur halbgefrorene Newa zu meinem Vater flüchtete , um mit ihm in Armut und Einsamkeit zu leben , da handelte ich edel , aber man verdammte mich , die entlaufene Gattin war ein Ge ­ genstand der Verachtung , sie hätte ja der Sitte ins Gesicht geschlagen . Als ich jedoch nach erfolgter Schei ­ dung den alten Grafen Worronsky heiratete , nur weil ich mich nach Glanz und Reichtum sehnte , da handelte ich gemein — aber dies war kein Verstoß gegen die Sitte — man bückte sich wieder vor mir und ich genoß des höchsten Ansehens , als ich am Tiefsten vor mir selbst gesunken war ! — Was ist nun die Sitte ? Ein Götzenbild , dem wir geopfert werden , ein hohler Popanz , mit welchem uns der Egoismus der Männer in unsere vier Wände schreckt ! Tyrannei , Haß und Rache , Eifersucht und Neid , Bosheit und Verleumdung , jede Schändlichkeit , jede Kleinlichkeit verkriecht sich in die Falten seines Mantels und stürzt sich wie giftiges Gewürm auf seine Opfer ! Welche freigeborene Seele wird ihm nicht fluchen , wenn sie nur den Schatten seiner Rute über sich hingleiten sah ? Ich habe damit begonnen , ihm zu fluchen — aber damit aufgehört , ihn zu verachten . Fehde habe ich ihm geschworen und glauben Sie mir — es ist eine lustige Fehde , ein wahrer Fastnachtsscherz , wo es nur gilt , eine grimmige Maske herabzureißen ! Louise A .... bekämpft ihn noch mit viel zu edeln Waffen . Er ist es gar nicht wert , daß man mit solch feier ­ lichem Pathos gegen ihn zu Felde zieht . In hundert Jahren schon wird man lachen , daß er einem Weibe , wie Louise , so bange machen konnte . “ Sie schwieg und beobachtete den Eindruck ihrer Worte in Ernestinens Gesicht . Aber noch immer än ­ derte sich kein Zug . „ Ich vermag auf Ihre Sprechweise nicht einzu ­ gehen , Frau Gräfin . Ich bin an konkretes Denken gewöhnt , nicht in Gleichnissen geübt und kann meine Rede nicht mit so reichen Bildern schmücken . Ich kann Ihnen nur einfach und schlicht antworten , daß ich in dem , was Sie als unsern Feind bezeichnen , unsern Schutz erkenne und daß es ein ganz anderer Feind ist , den ich bekämpfe . Deshalb , Frau Gräfin , werden wir uns nie vereinigen und es ist unnützer Zeitverlust , uns einander nähern zu wollen ! “ Die Gräfin bebte , ihre Lippen entfärbten sich , so fest preßte sie sie zusammen ! Aber sie wollte noch einen letzten Anlauf wagen . Sie blickte Ernestinen mit tiefem Mitleid an und zog ihre widerstrebende Hand zu sich hin . „ Armes Kind , also dieser kühne Geist schmachtet auch noch in den Banden des Vorurteils ? Wie schade ! Wie unbegreiflich ! Und darf man wissen , welchen Feind Sie als den schlimmsten betrachten ? “ „ Die Geringschätzung unseres Geschlechtes von Seiten der Männer ! “ „ O — und Sie glauben dieser durch Ihre Werke zu begegnen ? “ „ Ich hoffe es ! “ „ Täuschen Sie sich nicht ! Wir haben hiezu wirk ­ samere Mittel als die Feder . “ „ Es gibt kein wirksameres , als die Entwicklung unserer Fähigkeiten , — denn durch diese zeigen wir ihnen , daß wir ihre Mißachtung nicht verdienen , daß wir zu leisten vermögen , was sie leisten . “ „ Das werden sie aber nicht anerkennen ! Alles Geistige ist relativ — es gibt nichts Absolutes , als die physische Kraft . Wenn wir einen Mann körper ­ lich zu Boden werfen , muß er glauben , daß wir so stark sind als er . Unsere geistige Ebenbürtigkeit aber wird er nie gelten lassen — weil seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit hierin nicht zu kontrollieren ist . So lange Sie auf der Welt keine dritte Autorität finden , die in dem Wettstreit zwischen beiden Geschlechtern entscheidet , — was nur geschehen könnte , wenn Gott selbst vom Himmel herunter stiege , — so lange werden wir der Parteilichkeit der Männer zum Opfer fallen . “ Ernestine blickte sinnend vor sich hin . „ Hierin können Sie leider Recht haben , aber dann muß uns das Bewußtsein trösten , daß wir durch den Wettstreit selbst das Gute fördern halfen . Das Gute zu fördern ist der allgemeine Zweck und das Individuum muß sich bescheiden , keinen Lohn zu fordern , als den Frieden dieses Bewußtseins . “ „ O , welch ein kalter , Trost ! Mich dünkt , die Blumen auf Ihrem Wege müßten absterben unter dem eisigen Hauch einer solchen Moral ! Ich beklage Sie . Kommen Sie , vertrauen Sie sich mir , ich habe trotz Ihrer Schroffheit Sympathie für Sie . Ich werde Sie ein ganz neues Leben kennen , werde Sie das Geheimnis der Rache an den Männern lehren . Sie tragen den Stempel der weiblichen Gottesgeißel auf Ihrer hohen Stirne ! Lernen Sie sich nur erst ver ­ stehen , dann werden Sie einsehen , wie verkehrt Sie Alles angefangen haben . Nicht in den dicken Bänden , die Sie schreiben , in Ihrer Person liegt Ihre Macht , denn unsere Reize sind die Waffen , mit denen wir siegen . So lange die Männer Sinne haben und wir Schönheit , so lange werden wir Sie beherrschen . Und Sie , Sie geniale Törin , sperren sich in Ihre vier Wände ein , arbeiten und quälen sich — während Sie nur hinaus zu treten brauchen vor das Angesicht derer , die über Ihre geschriebenen Buchstaben die Achseln zucken — und sie liegen Alle zu Ihren Füßen ! Ist das nicht ein leichterer Sieg ? “ Ernestine war verstummt , die Gräfin sah zu ihrer Freude , daß eine starke Bewegung in ihr kochte und fuhr ermutigt fort : „ Sie sind schön — wie schön , wissen Sie vielleicht selbst nicht , sonst enthielten Sie der Welt nicht einen Anblick vor , der sie entzückte — sich nicht die Freude , dies Entzücken zu beobachten . O , glauben Sie mir , es gibt keine größere Wonne , als die Siege unserer Persönlichkeit . Sich selbst als einen Gegen ­ stand des Verlangens zu fühlen , beglücken zu können mit einem Blick , das ist Schöpferlust — das ist ein göttliches Vorrecht , um das Tausende Sie beneiden würden ! Was ist dagegen die kalte Genugtuung , die Ihre Studien Ihnen gewähren können ? Was haben Sie , wenn man zwei Meilen von hier sagt , Sie seien eine große Gelehrte ? Ist das Wort eine Blume , deren Duft Sie erquickt , ist es eine Flamme , die Sie wärmt , ein Lichtstrahl , der Ihnen leuchtet ? Beglückt es Jemanden außer Ihnen ? Es ist unsichtbar , un ­ greifbar , es ist eine Idee , ein Phantom , ein Nichts ! Es kann nur dann Wert für Sie haben , wenn Sie dadurch in den Augen Anderer an Wert gewinnen , denn allein sind wir nichts , wir werden erst , was wir sind , durch die Beziehung zu Andern . Gehen Sie nach Sibirien zu den Zobelfängern oder zu den Lapp ­ ländern hinauf und sehen Sie zu , ob Sie dann noch eine Genugtuung darin finden , sich für die größte Gelehrte Deutschlands halten zu dürfen . Was Sie erstreben , hat doch nur den Zweck , in den Augen der Männer etwas zu gelten , sich für die Verachtung , die Sie als Frau erlitten , zu rächen ! Sie suchen das Mittel dazu in Ihrem Tintenfaß , suchen Sie es in Ihren dunkelglühenden Augen , in Ihren langen , sei ­ denen Haaren — da werden Sie es finden . Sie können , wie jene Schöne im Märchen , Perlen und Diamanten aus diesen Haaren kämmen , lassen Sie mich die Fee sein , die Ihnen den Zauberkamm dazu in die Hand drückt . “ 57 „ Gräfin , fahren Sie nicht so fort “ , rief Ernestine tief errötend . „ Diese Sprache darf ich nicht hören ! “ „ Fürchten Sie meine Worte , so beweist das , welchen Eindruck sie Ihnen machen — und ich habe schon halb gesiegt “ , frohlockte die Versucherin . „ O , wenn Sie das glauben “ , rief Ernestine stolz , „ dann bitte ich Sie , sprechen Sie weiter , ich werde Ihnen , nachdem Sie geendet , sagen , was ich lieber verschwiegen hätte ! “ „ Sie werden , wenn Sie mich zu Ende gehört , milder denken “ , sagte die Gräfin . „ Sie halten meine Ansichten für unmoralisch . Was aber ist unmoralisch ? Was den Gesetzen der Natur am Nächsten entspricht ? Welche Moral hat das Tier ? Keine , und deshalb ist es straflos . Es gehorcht dem Gesetze , welches Sie als Naturforscherin für das erste , höchste halten müssen . Die Asketen sagen , die Moral sei notwendig , um die Ordnung zu erhalten , ohne welche das Chaos wieder hereinbräche . Ich frage Sie aber , ist in dem Reich der Tiere das Chaos ? Sind nicht die Rassen eingeteilt in strengster Ordnung ? Hat nicht und be ­ wahrt nicht jede ihre Eigentümlichkeiten ? Bleiben sie nicht untereinander streng geschieden ? Sucht der Löwe die Hyäne , würde die Tigerkatze den Schakal nicht zerreißen , der sich ihr nahen wollte ? Ist das nicht eine unerschütterliche Gesetzlichkeit ? Und so würde es auch bei den Menschen sein . Das Edle würde sich doch stets dem Edlen verbinden , wie das Gemeine dem Gemeinen . Über dem Ganzen waltete nur die Liebe und alle Unsittlichkeit des Zwanges , der Kon ­ vention , der Lüge und Heuchelei fiele weg . Wäre das nicht eine schönere Welt ? Und glauben Sie mir : auch eine bessere ! In dem Bewußtsein , daß kein gesetzlicher Zwang die Gatten mehr an einander bindet , müßte sich Jeder das Herz des Andern durch verdoppelte Güte und Aufopferung zu erhalten suchen , — die Menschen würden gefälliger , selbstverleugnender gegen einander , und der Geist wäre befreit mit der befreiten Sinnlichkeit ; sind wir doch , so lange unsere Wahl gebunden ist , geistig geknechtet ! Und haben denn nicht auch die Männer das Vorrecht der freien Wahl für sich in Anspruch genommen ? Binden sie sich an Gesetze ? Wo ist der , welcher nicht öffentlich oder heimlich an ihnen sündigte ? Uns nur , uns steht keine Entscheidung zu , — wir nur sollen eine Sache sein , die besessen wird , ohne zu besitzen . Wir sollen erhaben sein über das Bedürfnis des Wechsels , das jedem Menschen angeboren ist , über die Anforderungen des Geschmacks , der Leidenschaft , über Alles , nur nicht über den Mann ! Er fordert von uns Siege über die Natur , die ihm zu schwer würden , aber gänzliche Unterwerfung unter seinen Willen , und das , meine Teuerste , das soll eine gerechte Weltordnung sein ? Nein , das können selbst die nicht behaupten , welche nie die Grausamkeit solcher Anforderungen an sich selbst empfanden ! Hat nicht die fortschreitende Kultur die russische Leibeigenschaft aufgehoben ? Und die traurigste von allen , die allgemeine Leibeigenschaft des Weibes , sollte fortbestehen ? Nein , wenn Sie nicht für sich selbst jene Rechte freier Wahl , persönlicher Selbstbe ­ stimmung erstreiten wollen , für welche Frauen , wie eine Louise A. . . . kämpfen — so tun Sie es für die Tausende armer Schwachen , welche sich an jener verkehrten Moral verbluten ! “ Ernestine heftete einen vernichtenden Blick auf sie . Nach einer kleinen Pause sagte sie : „ Und wenn ich das täte , so kämpfte ich für den Verfall der Menschheit ! Ich will nicht über die Be ­ rechtigung einer Moral mit Ihnen streiten , die Sie nicht verstehen — ich will Ihnen die Notwendigkeit derselben beweisen , über die Sie noch wenig nach ­ gedacht zu haben scheinen . Diese läßt sich in einem einzigen Worte aussprechen : Moral ist Maß — wo sie fehlt , da erschöpfen sich alle Kräfte in Maßlosigkeit , denn das Maß ist das Erhaltende in der Natur wie im Leben . Sie blicken mich verwundert an — Sie verstehen mich nicht . — Ich kann Sie nicht in einer Stunde die dunkeln dornenvollen Pfade führen , auf welchen ich mich zur Erkenntnis empor ­ gerungen habe , und weiß daher , daß ich tauben Ohren predige . Aber Sie forderten mich heraus , — haben Sie es denn ! “ Ernestinens Wangen begannen in edlem Zorn zu erglühen . „ Es wirbt ein Jeder Ge ­ nossen für seine Sache , drum sei es Ihnen verziehen , daß Sie den Frieden einer reinen Seele zerstören , daß Sie Gift in ein schuldloses Herz träufeln wollen . Möge es Ihnen überall so mißlingen , wie bei mir ! Ich will es glauben , daß es der Fanatismus Ihres Irrtums ist , der Sie fortriß , nicht die teuflische Freude , mich , die Ihnen nichts zu Leide getan , in Ihren Abgrund mit hinunter zu ziehen ! Aber , Frau Gräfin , welch ’ furchtbarer Irrtum ist es , an den Sie Ihre Kraft , Ihre herrliche Begabung vergeuden ? Ich kenne ihn . Glauben Sie nicht , daß Sie mir etwas Neues sagten , es ist die alte abgedroschene Philosophie der Lüsternheit . Es ist das Entlarven der eigenen Begierden , alles dessen , was der Mensch , wenn nicht um der Sitte , so doch um der ewigen Schönheit willen verbergen sollte , weil es häßlich ist , wenn Sie es nicht unsittlich nennen wollen ! Diese Grundsätze sind es , welche dem Worte ‚ Frauenemanzipation ‘ einen ewigen Schandfleck aufgedrückt haben . — Genug — ! Ersparen Sie mir das nähere Eingehen auf ein so ekelerregendes Thema . Ich kenne es genugsam , um darüber zu urteilen , denn ich hatte als Mitkämpferin für unsere Rechte den Wunsch und die Pflicht , Alles zu prüfen , was von Seiten meines Geschlechtes zu seiner Erhöhung getan worden ist . Aber mit tiefem Schmerz habe ich gesehen , wie sehr alle Wege , die jene Frauen einschlugen , von dem meinen abwichen , wie wenig sie ihre eigene Würde verstehen . Was sie Erhebung nennen , ist Entartung , was sie frei machen soll , macht sie frech , — ihre Offenheit wird zur Schamlosigkeit , — was sie als Entledigung unwürdiger Bande bezeichnen , erscheint mir als Zügellosigkeit ! Was tun , was leisten sie , um sich der Rechte , die sie fordern , würdig zu zeigen ? Sind Spielereien wie Zigarrenrauchen und Pistolenschießen die Attribute unserer Größe ? Und die Rechte selbst , die sie fordern , wie steht es damit ? Was will diese Louise A .... ? Was wollen diese Frauen , die wie Theaterheldinnen auf der Bühne des Lebens einherstolzieren und die Welt erfüllen mit dem Zetergeschrei ihrer unverstandenen Herzen ? Pfui über sie ! Sie würdigen sich zu Sklavinnen herab , indem sie sich emanzipieren wollen , zu Sklavinnen ihrer Begierden , also der Männer , denn ihr ganzer Bombast von Befreiungsphrasen gilt ja nur dem ungeschmälerten Rechte des Verkehrs mit dem anderen Geschlecht ! “ Die Gräfin sprang auf . „ Hören Sie mich zu Ende “ , sagte Ernestine , immer mehr von schönem Feuer entflammt . „ Meine Worte schaden Ihnen keinenfalls so viel , wie mir die Ihren hätten schaden können . Ich muß es tief beklagen , daß meine Bestrebungen eine Verwechselung mit den Ihren zuließen , deshalb will ich keinen Augen ­ blick säumen , mich vor Ihrem besseren Sein von dem Verdachte eines Einverständnisses mit Ihnen zu reinigen . Hören Sie denn , daß ich nichts will , als die geistige Ehre des Geschlechtes retten , die Grenzen unseres Könnens — nicht die unseres Wollens erweitern . Emanzipation des Geistes ist mein Zweck , oder um es einfacher zu sagen : Sie erstreben die Emanzipation des Fleisches , ich die Emanzipation vom Fleische ! Sie sehen , unsere Ziele liegen wie Nord- und Südpol von einander getrennt und ich bekenne offen , ich fürchte den Schein , den ein Verkehr mit Ihnen auf meine reine Sache werfen würde ! “ Die Gräfin nahm ihren herabgeglittenen Spitzenschal um und hüllte sich darein wie in ein schwarzes Gewölk , dann trat sie vor Ernestinen hin , die mit ihr aufgestanden war , und erhob drohend die Hand gegen sie : „ Das werden Sie noch bereuen ! “ Ernestlne hielt ihren Blick ruhig aus : „ Das glaube ich kaum , Frau Gräfin , ich stehe , Dank meiner Richtung , außerhalb der Sphäre , in welcher Sie mir zu schaden vermöchten . “ „ Ich könnte Sie töten ! “ keuchte die Gräfin , nach Atem ringend , und das Blut stieg ihr zu Kopf , daß ihr dunkel vor den Augen wurde . „ O nein , das könnten und würden Sie nicht “ , sagte Ernestine mit schneidendem Hohn . „ Sie würden der Welt nicht das Schauspiel bereiten , eine so kühne Vertreterin unserer Freiheit in einer Strafanstalt enden zu sehen . “ „ Sie haben Recht , es wäre eine Albernheit , ein Verbrechen zu begehen , wo leichtere Mittel genügen . Ich werde Ihnen einen Todesstoß geben , an dem Sie langsam verbluten und den keines unserer vortrefflichen Gesetze bestraft : Ich werde Ihnen den Mann entreißen , den Sie lieben ! Ich will es — und mein Wort darauf , was ich will — das kann ich auch ! “ Ernestine verstummte . Dies Wort hatte sie getroffen wie ein betäubender Schlag . Sie sah nicht , wie die Gräfin schweren Schrittes aus dem Zimmer rauschte , sie sah nur bei dem Scheine der Brandfackel , die das furchtbare Weib in ihre Brust geworfen , ihr eigenes Herz ! Liebte sie denn ? Und wen liebte sie ? Ende des zweiten Bandes Dritter Teil Erstes Kapitel . „ Wenn Frauen die Zügel führen ! “ Atemlos vor Wut schritt die Worronska die Treppen hinab und trat ins Freie . Vor der Tür führte ein Groom mit großer Kraftanstrengung ihr stattliches Viergespann auf und nieder . Sie winkte ihm , er fuhr vor und sprang herab , um der Gebieterin hinauf zu helfen , die sogleich Zügel und Peitsche ergriff und froh , ihren Zorn an etwas Lebendem auslassen zu können , auf die ungeduldigen Rosse einhieb . Mit Mühe und äußerster Gewandtheit schwang sich der Bursche noch auf den Bedientensitz hinter ihr , denn schon bekam der Wagen von den anziehenden Pferden einen jähen Ruck und dahin brauste die moderne Viktoria auf ihrem Siegeswagen , so zornesmutig und sturmesschnell , als gälte es , einem kämpfenden Heer auf dem Schlachtfelde die Rache zu bringen . „ Ist es möglich , diese hektische , boshafte Hexe kann mir einen Mann wie Möllner streitig machen ? “ sprach sie zu sich selbst . „ Schäme Dich , Feodorowna , “ schalt sie sich jedoch sogleich , „ verleumde nicht in Deinem Zorn ! Sie ist schön und edel und tausendmal klüger als Du , — aber der Satan hole sie , ich könnte sie mit eigener Hand erwürgen ! “ Die leidenschaftliche Frau fühlte brennende Tränen über ihre Wangen rinnen , sie rang nach Fassung , wie ihre hochgewölbte Brust nach Atem . Immer heftiger trieb sie die Pferde an , daß der Wagen jäh hin und her geschleudert ward . Sie war herrlich anzusehen in ihrem Grimme , wie sie die starken Tiere gleich Symbolen ihrer eigenen Leidenschaften dahin stürmen ließ , sie entfesselnd und zügelnd zugleich . „ Aber ich werde ihr zeigen , wer sie ist und wer ich bin , “ murmelte sie . „ Von solch einer deutschen Tugendheldin mich insultieren lassen zu müssen ! “ Und sie gab dem Handpferde einen Hieb , daß es sich bäumte und die andern in seiner Flucht fortriß . In wenigen Minuten war das Dorf durchflogen und die nachgelaufenen Bauernköter gaben ihre kläffende Verfolgung auf und kehrten mit gesträubten Haaren knurrend nach Hause zurück . Nun senkte sich die Anhöhe , auf der das Dorf lag , steil ab . „ Gnädige Gräfin , “ sagte der Groom auf Russisch , „ sehen Sie dort ! “ Er zeigte nach einer Warnungstafel mit einem gemalten Hemmschuh . Doch es war zu spät , die Gräfin konnte die Hemmschrauben nicht mehr fassen , sie bedurfte ihrer beiden Hände , denn schwer lagen die herabjagenden Tiere in den Zügeln , denen bereits der rollende Wagen auf das Kreuz drückte . „ Wir kommen schon hinunter , “ rief sie , die vier schönen Pferdeköpfe straff zusammenhaltend . Da gewahrte sie , als die Straße eine Biegung machte , auf dem nahen Fußpfade eine bekannte Gestalt . Ein flammendes Rot ergoß sich über ihr Gesicht — es war Möllner . Jetzt sah sie nicht mehr , daß sie bergab fuhr , nicht mehr , daß die Kirche am Wege lag , in der soeben Gottesdienst gehalten wurde , wo man nach der Polizeiverordnung „ im Schritt “ fahren mußte , jetzt sah sie nur noch Johannes , den sie einholen wollte um jeden Preis . Sie lüftete den Pferden die Zügel , daß sie dahin sausten , als gelte es eine Flucht um das Leben . Da wendete Johannes den Kopf nach ihr um , er winkte ihr , doch sie verstand nicht , was er meinte . Er blieb stehen , — donnernd ging es an der Kirche vorbei , daß einige in ihrer Andacht gestörte Bauern herausliefen und ihr drohend nachschauten . Johannes winkte wieder und noch heftiger als zuvor , jetzt erst verstand sie den Wink , daß sie vor sich hin blicken solle und sie sah zu ihrem Schrecken dicht vor ihr , mitten auf der Straße , einen Knäuel spielender Kinder . Sie wollte seitwärts biegen , wollte anhalten , doch vergebens , — Pferde und Wagen , einmal auf dem steilen Wege im Schuß , waren nicht mehr zu lenken und stürmten gerade auf die dichtgedrängte kleine Schar ein — Johannes sprang in höchster Angst von dem Fußpfad über den Rain nach der Straße herüber . Die Kinder stoben erschrocken auseinander . Da erscholl ein Schrei ! Die Gräfin schaute um , kein Kind war mehr in der Nähe , wo kam der Schrei her ? Er kam unter den Rädern hervor . Im selben Augenblicke hatte Johannes den Wagen erreicht , sich den Pferden in die Zügel geworfen und sie mit einem gewaltigen Griff zum Stehen gebracht . Dann bückte er sich und zog ein kleines reizendes Mädchen leblos unter dem Wagen hervor . Mit einem furchtbaren Blick auf die Gräfin nahm er das Kind in die Arme und murmelte : „ Ich hab ’ s gedacht ! “ „ Ist es tot ? “ fragte die Gräfin schreckensbleich und mit Mühe die aufgeregten Pferde bändigend , während der Groom große Steine unter die Räder legte . „ Tot nicht , “ erwiderte Möller , „ aber jedenfalls schwer verletzt . “ „ Welch ein unglücklicher Zufall , “ klagte die Gräfin außer sich . „ Kein Zufall , “ erwiderte Johannes finster und vorwurfsvoll , „ sondern die unausbleibliche Folge eines Tuns , wie das Ihre , Frau Gräfin . “ Er setzte sich ohne Weiteres auf den Rain und begann , das Kind zu untersuchen . „ Das kommt davon , “ murmelte er mit mühsam verhaltenem Groll , „ wenn Frauen die Zügel führen ! “ „ Möllner , machen Sie mir keinen Vorwurf , “ bat die Gräfin . Er beachtete sie nicht mehr , er hatte nur noch Sinn für das arme Opfer , das er auf den Knieen hielt . „ Wem gehört das Mädchen ? “ fragte er die herbeieilenden Gespielen . „ ’ S ist Kellers Käthchen , “ jammerten die Kleinen . „ Ach — unser herziges Käthchen ! “ Einige umringten Johannes , Andere liefen zur Kirche , um die Eltern zu holen . Johannes band sein Taschentuch dem Kinde mit zarter Hand um die blutende Stirn und zog behutsam das schwere Bauernmieder aus , das Schultergelenk zu prüfen , welches ihm gebrochen schien . Die Worronska verschlang dies Bild mit neidischen Augen . Sie sah nur ihn , sah nur die Anmut seiner Bewegungen , die schöne Sorgfalt , mit der er das Kind pflegte , und wie glühende Lava strömten die Worte über ihre Lippen : „ O , wäre ich das Kind ! “ Johannes hörte diese Huldigung nicht . „ Der Arm wird nicht zu retten sein , “ sagte er dumpf . „ Das Beste ist , Frau Gräfin , Sie fahren in die Stadt und schicken sogleich mit Ihrem Wagen den Professor Kern oder sonst Jemanden von der chirurgischen Klinik heraus . “ „ Möllner , “ flehte die Gräfin , „ ich gehe nicht eher , als bis ich weiß , daß Sie mir mein Versehen verziehen haben . “ „ Ich bitte , eilen Sie , Gräfin , Ihre nächste Pflicht ist , für das Kind zu sorgen — auch befürchte ich Unannehmlichkeiten für Sie , denn da kommen schon die erzürnten Bauern auf uns zu . “ Wie aufgestörte Bienen quoll ein summender drohender Schwarm aus der Kirche und ergoß sich in wenigen Minuten den Hügel herab um die Fremden . „ Was ist geschehen ? “ „ Wer ist verunglückt ? “ „ Ein Kind überfahren ? “ So klang es entsetzensvoll von Mund zu Mund und Jeder wollte sich zuerst überzeugen , ob es nicht sein Kind sei . Aber der erste Schreck machte sogleich dem Zorne Platz , denn Käthchen , das schelmische , muntere Käthchen Keller war ja der Liebling des ganzen Dorfes und Jeder nahm Teil an ihr und Jeden durchzuckte es , als er die gesunde frische Blume so mutwillig geknickt daliegen sah . Wem hatte das Kind etwas zu Leide getan ? Wen hatte es nicht erfreut mit seinem heiteren Lächeln , — wer hatte nicht gern in das runde , unschuldsvolle Gesichtchen geschaut ? Und der tollen Laune einer übermütigen Fremden zu lieb sollte dies harmlose , liebe Geschöpfchen so elend zu Grunde gehen ! Was hatte dies rasende Weib in dem stillen Dorfe zu schaffen , um den Frieden des Feiertages zu brechen und armen Tagelöhnern ihr Bestes zu morden , was sie hatten ? ! Verwünschungen und Flüche waren die Antworten auf alle diese Fragen , die mit Blitzesschnelle durch die vom Wein schon ohnehin erhitzten Köpfe fuhren , und den Frevel zu rächen , das nächste Gefühl . „ So ein Himmelsakramentsweibsbild , “ begann Einer laut — „ so unsinnig zu fahren ! “ „ Wo hattet Ihr denn Eure Augen ? “ Ein Anderer , „ Solch ein Kind fährt man doch nicht zusammen wie einen Hund , da weicht man doch aus . “ „ Sie hat gedacht , auf ein Bauernkind kommt nichts an , “ höhnte ein Dritter . „ Wer wird aber auch vier Pferde nebeneinander spannen , “ riefen Mehrere . „ Das Stadtvolk weiß vor Übermut nicht mehr , was es machen soll . “ „ Kreuzdonnerwetter noch einmal ! “ schrie ein stämmiger Bauer , „ schwatzt nicht lange , greift zu — sie soll mit uns auf die Gerichtsstube . “ „ Ja , ja — zum Bürgermeister , “ brüllte der Haufe durcheinander . Johannes war in der peinlichsten Lage . Er hatte immer noch das Kind auf dem Arm , das ihm Keiner abnahm . Er konnte es nicht wegbringen , er durfte die wehrlose Frau nicht allein den Insulten des Pöbels preisgeben . Er suchte den Leuten zuzureden , — doch umsonst , man achtete nicht auf ihn . Alle hatten noch vor wenigen Minuten die Gräfin an der Kirche vorüberrrasseln gehört und gesehen — auf sie fiel alle Schuld und aller Groll . Johannes machte der Gräfin , die aufrecht im Wagen stand und verächtlich auf das Volk niedersah , ein Zeichen fortzufahren , doch sie rief ihm zu : „ Croyez vous , que je craigne la canaille ? Je ne quitterai pas cette place sans que vous veniez avec moi . “ 58 Da kreischte eine Stimme durch den Lärm : „ Jesus Maria , mein Kind , mein armes Kind , “ und