jetzt über niedergestürzte Bäume hin , deren schon angefaultes Holz unter dem Drucke der Räder zerbricht und in Moderstaub aufwirbelt . Entzückendes Steeple chase ; das Gefühl der Fährlichkeit geht in der Wonne des Hindernisnehmens unter . So still der Wald , und doch erzählt er auf Schritt und Tritt , freilich mehr ernstes als heiteres . Wo der Pascher ein Jahrhundert lang zu Hause war , wo Förster und Wildschütz ihre nicht endende Fehde führen , wo der Sturm die Bäume bricht und die tiefen Waldseen , die sich von uralter Zeit her einen Hang nach Menschenopfern bewahrt haben , ihre Polypenarme phantastisch ausstrecken , da sind immer » Geschichten « zu Haus . Tabellen wären hier anzufertigen mit drei Rubriken nur : erschlagen , erschossen , ertrunken . Eben haben wir eine Stelle passiert , die solche » Geschichte « hat und noch von neuestem Datum dazu . Hier , wo das Unterholz sich durch die Waldrinne zieht , gleich links neben der Weißbuche , da lag er , da fanden sie ihn , den Kopf nach der Tiefe zu , den einen Fuß im Gestrüpp verwickelt und neben ihm die Büchse . Der grüne Aufschlag des einen Ärmels war rot und man sah deutlich , er war mit der Rechten nach der Brust gefahren . Wessen Kugel hatte ihn getroffen ? Einen Augenblick schien es , als sei man dem Geheimnis auf der Spur : in Herz oder Lunge des Toten hatte man das Kugelpflaster gefunden und an eben diesem Pflaster acht scharfmarkierte , schwarze Strichelchen , die es dem Kundigen verrieten , daß die Kugel aus einer Büchse mit acht Rillen gekommen war . Und solche Büchsen gab es am Rande der Menzer Forst hin nicht allzu viele . So wies man denn mit Fingern auf den und den . Aber die Sache kam zu früh in Kurs , und als an den verdächtigsten Stellen gesucht wurde , waren die achtrilligen Büchsen verschwunden . Ein großes Begräbnis gab es , groß wie die Teilnahme , aber das Geheimnis seines Todes hat der Tote mit ins Grab genommen . So ging das Geplauder , als plötzlich , zwischen den Stämmen hin , eine weite Wasserfläche sichtbar wurde , darauf hell und blendend fast die späte Nachmittagssonne flimmerte . » Das ist der Stechlin « hieß es . Und im nächsten Augenblicke sprangen wir ab und schritten auf ihn zu . Da lag er vor uns , der buchtenreiche See , geheimnisvoll , einem Stummen gleich , den es zu sprechen drängt . Aber die ungelöste Zunge weigert ihm den Dienst , und was er sagen will , bleibt ungesagt . Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vorsprunges und horchten auf die Stille . Die blieb , wie sie war : kein Boot , kein Vogel ; auch kein Gewölk . Nur Grün und Blau und Sonne . » Wie still er da liegt , der Stechlin « , hob unser Führer und Gastfreund an , » aber die Leute hier herum wissen von ihm zu erzählen . Er ist einer von den Vornehmen , die große Beziehungen unterhalten . Als das Lissaboner Erdbeben war , waren hier Strudel und Trichter und stäubende Wasserhosen tanzten zwischen den Ufern hin . Er geht 400 Fuß tief und an mehr als einer Stelle findet das Senkblei keinen Grund . Und Launen hat er und man muß ihn ausstudieren wie eine Frau . Dies kann er leiden und jenes nicht , und mitunter liegt das , was ihm schmeichelt , und das , was ihn ärgert , keine handbreit auseinander . Die Fischer , selbstverständlich , kennen ihn am besten . Hier dürfen sie das Netz ziehen und an seiner Oberfläche bleibt alles klar und heiter , aber zehn Schritte weiter will er es nicht haben , aus bloßem Eigensinn , und sein Antlitz runzelt und verdunkelt sich und ein Murren klingt herauf . Dann ist es Zeit , ihn zu meiden und das Ufer aufzusuchen . Ist aber ein Waghals im Boot , der es ertrotzen will , so gibt es ein Unglück , und der Hahn steigt herauf , rot und zornig , der Hahn , der unten auf dem Grunde des Stechlin sitzt , und schlägt den See mit seinen Flügeln , bis er schäumt und wogt , und greift das Boot an und kreischt und kräht , daß es die ganze Menzer Forst durchhallt von Dagow bis Roofen und bis Alt-Globsow hin . « Die Sonne war mittlerweile tiefer hinabgestiegen und berührte schon die Wipfel des Waldes . Uns eine Mahnung zur Eile . Der Erdwall , auf dem wir gesessen und geplaudert hatten , lag nach Norden hin , aber ehe zehn Minuten um waren , hatten wir die große Biegung gemacht und fuhren wieder an der entgegengesetzten südlichen Seite . Das Revier , das uns hier aufnahm , war das Revier der Glashütten , die wie Squatteransiedlungen am Waldsaume lagen . Hütte neben Hütte ; sonst nichts sichtbar als der Rauch , der über die Dächer zog . Nur bei der Globsower Glashütte , die ( hart an einer Buchtung des Großen Stechlin gelegen ) einen weitverzweigten Handel treibt mit Retorten und Glaskolben , nur hier herrschte Leben , am meisten in der schattigen Allee , die , von den Wohn- und Arbeitshütten her , zur Ladestelle hinunterführte . Hier spielten Kinder Krieg und fochten ihre Fehde mit Kastanien aus , die zahlreich in halbaufgeplatzten Schalen unter den Bäume lagen . Die einen retirierten eben auf den See zu und suchten Deckung hinter den großen Salzsäureballons , die hier dichtgereiht am Ufer des Stechlin hin standen , aber der Feind gab seinen Angriff nicht auf , und die Kastanien fielen hageldicht auf die gläserne Mauer nieder . Tausend Schritte weiter südwärts , da wo sich ein paar Wege kreuzen und das ansteigende Terrain einen Überblick über eine Lichtung und ein inmitten derselben gelegenes Wasserbecken gestattet , fiel uns eine parkartige , von alten Eichen überragte Einfriedigung auf , an deren Front wir , als wir hielten und abgestiegen waren , die Worte » Metas Ruh « lasen und leicht erkannten , daß wir uns hier auf dem Friedhofe der Glashüttenaristokratie dieser Gegenden befinden müßten . Aber » Metas Ruh « ( soviel leuchtete kaum weniger ein ) konnte nicht wohl die Bezeichnung für diesen Begräbnisplatz überhaupt , sondern der Name für jenen seltsamen Bau sein , der sich inmitten dieses Eichenkampes erhob . Hohlwegartig , die Seitenwände gemauert , lief in leiser Schrägung ein absteigender Gang auf eine Gittertüre zu , hinter der wir leidlich bequem in das Dunkel einer rundgewölbten Gruft blicken konnten . Drei , vier Särge waren sichtbar . Über diesen Tatbestand hinaus aber schien unsere Neugier nicht befriedigt werden zu sollen . Wir hatten uns auch bereits darin ergeben , als ein Alter , den wir von Dagow her des Weges kommen sahen , unsere Hoffnung neu belebte . » Der wird es wissen . « Und jetzt war er dicht heran . Guten Tag , Papa . » Goden Dag ook . « Was bedeutet dies » Metas Ruh « ? Wer ist Meta ? » Meta wihr sien ' ihrste Fru . « Die Sache schien sich hiernach nicht allzu rasch entwickeln zu sollen , weshalb wir uns setzten und den Alten einluden , auch Platz zu nehmen . Er blieb aber stehen und erzählte . » Meta , as ick Se all seggt hebb ' , wihr sien ' ihrste Fru . Un as se nu starven deih , doa wihr he ganz van een und bugte ehr disse Gruft . Awers , as dat so geit , int dritte Joar , doa hädd he wedder ne Fru , un noch dato een ' , de he sien besten Frünn wegnoamen hädd . Na , he leevde joa so wiet ganz goat mit ehr , man blot dat he keen Roh nich hädd un nich sloapen künn , und de Lüd ' hier herümmer – he wihr dunn in Strelitz – de seggten : » Dat wihr man bloot , wiel sien ' ihrste Fru nich richtig begroaben wihr . De Doden , de möten in de Ihrd , seggten se , un nich in so ' n Keller . « Und wer war es denn ? Wie hieß er ? » Da weet ick nich . Awers da weet ick , dat he eens Dags hier ankoamen un to sien Verwann ' n seggen deih : › Kinnings , wi wüll ' n dat Dings nu inriten und hunnert Fuhren Ihrd upschüdden . ‹ Awers dat wullen joa nu siene Verwann ' n nich . › Dat kannste nich dohn ‹ , seggten se , › wi hebben joa nu ook all en poar von uns ' mit in . Und denn , wat wühren de Lüd seggen , wenn du dien eegen › Meta ' s Ruh ‹ wedder inriten deist ? ‹ « Und was wurde ? » Nu , he seggte joa vörihrst wieder nix un woahr man bloot noch so veer or fiew Doag hier rümmer ; awers as nu sülwigen Harwst wedder een in de Gruft rinn süll , doa wihr joa Meta nich mihr in . Un nu frögten se so lang , bis et rut kam . Een von de Globsower Glashüttenlüd ' , de all Nacht um Klock een up Arbeit güng , de wiehr niglig west und hädd öwern Tuhn kuckt , und doa hädd he joa siehn , dat Een een ' Sark uttrecken un dat Sark inn ' Graff insetten deih , dat he all vörher moakt hädd . Und nu seggen ' s , dat is he west . Ick weet et nich . Awers dat heww ick immer hührt , dat he von dunu an sloapen künn . « Wir dankten dem Alten und weiter ging es in den bereits dunkelnden Forst hinein . Willkommen waren uns jetzt die lichten Stellen , wo gerodet war , oder aber auf graugelben Sandstrecken nichts anderes wuchs , als niederes , aus dem Samen windverschlagener Kiehnäpfel aufgeschossenes Buschwerk . Eine solche Heidestrecke lag eben wieder hinter uns , als wir in die namengebende Metropole dieser Gegenden , in Groß-Menz , einfuhren . Es fielen Worte wie Burgwall , Ritter Menz , hohles Gemäuer , unterirdischer Gang , alles verlockendste Klänge also , die mich sechs Stunden früher in den Zirkel dieses Dorfes wie in einen Zauberkreis gebannt haben würden . Aber bei dem schon herrschenden Zwielicht siegten allerlei kritische Bedenken , und statt den Forderungen wissenschaftlicher Neugier nachzugeben , ging es in wachsender Hast über den beinah städtisch angelegten Dorfplatz hinweg und an einer lindenumstandenen Oberförsterei vorüber , in die mit jedem Augenblicke reizloser werdende Landschaft hinein . Nicht nur Groß-Menz lag hinter uns , auch die Groß-Menzer Forst . Immer kühler wurde es , wir wickelten uns in unsere Plaids und niemand sprach mehr . Die prustenden Pferde warfen den Schaum nach hinten , und Acker , Sand und Schonung – immer schattenhafter kamen und schwanden sie . Jetzt ein Steindamm jetzt lange Pappelreihen , und nun auch jener wärmere Luftstrom , der uns die Nähe menschlicher Wohnungen bedeutete . Noch eine Biegung , zwischen den Bäumen hindurch schimmerte Licht und – unser Wagen hielt . Eine halbe Stunde später , und der hohe Kamin sah uns im Halbzirkel um seine Flamme versammelt . Die Scheite , echte Kinder der Menzer Forst , brannten hoch auf , auf uns hernieder aber sahen die Ahnen des weitverzweigten Hauses : die Neales , die Oettinger und La Roche-Aymon , und zwischen ihnen das leuchtende Bild des » Saalfelder Prinzen « . Die Rede ging von alter und neuer Zeit . Märchenhaft verschwamm uns Jüngsterlebtes mit Längstvergangenem , und während wir eben noch über den Rheinsberger See hinglitten und das Gekicher schöner Frauen zu hören glaubten , weitete sich plötzlich das stille Wasserbecken und bildete Strudel und Trichter , und der Hahn , der unten auf dem Grunde des Großen Stechlin sitzt , stieg herauf und krähte seinen roten Kamm schüttelnd über den See hin . Mitternacht war heran , die Scheite verglimmten und nur ein Flackerschein spielte noch um die Bilder . Es war , als lächelten sie . An Rhin und Dosse Das Wustrauer Luch Das Wustrauer Luch Es schien das Abendrot Auf diese sumpfgewordne Urwaldstätte , Wo ungestört das Leben mit dem Tod Jahrtausendlang gekämpfet um die Wette . Lenau Der Rhin , dessen Bekanntschaft wir in einem voraufgehenden Kapitel machten , nimmt auf der ersten Hälfte seines Weges seine Richtung von Nord nach Süd , bis er , nach Passierung des großen Ruppiner Sees , beinah plötzlich seinen Lauf ändert , und rechtwinkelig weiter fließend , ziemlich genau die Südgrenze der Grafschaft zieht . Auf dieser zweiten Hälfte seines Laufes , Richtung von Ost nach West , gedenken wir ihn in diesem und den nächsten Kapiteln zu begleiten , dabei weniger ihm selbst als seinen Dörfern unsere Aufmerksamkeit schenkend . Das erste unter diesen Dörfern ist Wustrau , das wir bereits kennen . Nicht aber kennen wir das gleichnamige Luch , das der Rhin hier , unmittelbar nach seinem Austritt aus dem See , auf Meilen hin bildet , und diesem » Wustrauer Luch « gilt nunmehr unsere heutige Wanderung . Wir beginnen sie vom Zentrum des Fehrbelliner Schlachtfeldes , von dem hochgelegenen Hakenberger Kirchhofe aus , und steigen , nach einem vorgängigen Überblick über die Torf- und Wiesenlandschaft , an die Rhinufer nieder . Kahnfahrten werden uns aushelfen , wo Wasser und Sumpf jede Fußwanderung zur Unmöglichkeit machen . Unser nächstes Ziel aber ist eine zwischen den Dörfern Wustrau und Langen gelegene » Faktorei « , deren rotes Dach hell in der Sonne blitzt . Es war ein heißer Tag und der blaue Himmel begann bereits kleine grauweiße Wölkchen zu zeigen , die nur verschwanden , um an anderer Stelle wiederzukehren . Auf einem schmalen Damme , der wenig mehr als die Breite einer Wagenspur haben mochte , schritten wir hin . Alles mahnt hier an Torf . Ein feiner , schnupftabakfarbener Staub durchdrang die Luft und selbst die Sträucher , die zwischen den Gräben und Torfpyramiden standen , sahen braun aus , als hätten sie sich gehorsamst in die Farben ihrer Herrschaft gekleidet . Das Ganze machte den Eindruck eines plötzlich ans Licht geförderten Bergwerks , und ehe zehn Minuten um waren , sahen wir aus wie die Veteranen einer Knappschaft . Wir mochten eine halbe Stunde gewandert sein , als wir bei der vorgenannten » Faktorei « mit dem roten Dache ankamen . Ich weiß nicht , ob diese Etablissements , deren wohl zehn oder zwölf im Wustrauer und Linumschen Luche sein mögen , wirklich den Namen » Faktorei « führen oder ob sie sich noch immer mit der alten Bezeichnung Torfhütte behelfen müssen . Jedenfalls sind es Faktoreien , und drückt dieses Wort am besten die Beschaffenheit einer solchen Luchkolonie aus . Die Faktorei , vor der wir uns jetzt befanden , lag wie auf einer Insel , die durch drei oder vier hier zusammentreffende Kanäle gebildet wurde . Sie bestand aus einem Wohnhaus , aus sich herumgruppierenden Stall- und Wirtschaftsgebäuden und endlich aus einer Reihe von Strohhütten , die sich , etwa zwanzig an der Zahl , an dem Hauptgraben entlang zogen . Nach flüchtiger Begrüßung des Obermannes schritten wir zunächst diesen Hütten zu . Sie bilden , nebst hundert ähnlichen Behausungen , die sich hier und überall im Luche vorfinden , die temporären Wohnplätze für jene Tausende von Arbeitern , die zur Sommerzeit die Höhendörfer der Umgegend verlassen , um auf etwa vier Monate hin ins Luch hinabzusteigen und dort beim Torfstechen ein hohes Tagelohn zu verdienen . Die Dörfer , aus denen sie kommen , liegen viel zu weit vom Luch entfernt , als daß es den Arbeitern möglich wäre , nach der Mühe und Hitze des Tages auch noch heimzuwandern , und so ist es denn Sitte geworden , zeitweilige Luchhäuser aufzubauen , eigentümliche Sommerwohnungen , in denen die Arbeiter die Torfsaison verbringen . An diese Wohnungen , so viel deren dieser einen Kolonie zugehören , treten wir jetzt heran . Die Hütten stehen , behufs Lüftung , auf und gestatten uns einen Einblick . Es sind große , vielleicht 30 Fuß lange Strohdächer von verhältnismäßiger Höhe . An der Giebelseite , wo die Dachluke hingehören würde , befindet sich die Eingangstür , und gegenüber , am anderen Ende der Hütte , gewahren wir ein offenstehendes Fensterchen . Zwischen Tür und Fensterchen läuft ein schmaler , tennenartiger Gang , der etwa dem gemeinschaftlichen Flur eines Hauses entspricht . An diesen Flur grenzen von jeder Seite her vier Wohnungen , d.h. vier niedrige , kaum einen Fuß hohe Hürden oder Einfriedigungen , die mit Stroh bestreut sind und als Schlaf- und Wohnplätze für die Torfarbeiter dienen . Wie viele Personen in solcher Hürde Platz finden , vermag ich nicht bestimmt zu sagen , jedenfalls aber genug , um auch bei Nachtzeit ein Offenstehen von Tür und Fenster als ein dringendes Gebot erscheinen zu lassen . Es war Mittag und wir fanden fünf , sechs Leute vor , die sich ausruhten oder ihr Mittagsmahl verzehrten . Ein Gespräch ergab das Folgende . Die Arbeit ist schwer und ungesund , aber einträglich , besonders für geübte Wochenarbeiter , die mittels ihrer Geschicklichkeit das Akkordquantum überschreiten und ihre Arbeitsüberschüsse bezahlt bekommen . Drei Arbeiter bilden immer eine Einheit , und als das täglich von ihnen zu liefernde Durchschnittsquantum gelten 13000 Stück Torf . Leisten sie das , so haben sie einen mittleren Tagelohn verdient , der aber immer noch beträchtlich über das hinausgeht , was für Feldarbeit in den Dörfern bezahlt zu werden pflegt . Gute Arbeiter indes ( immer jene drei als Einheit gerechnet ) bringen es bis zu 20000 Stück , was bei zehn Arbeitsstunden etwa zwei Sekunden für die Gewinnung eines Stückes Torf ergibt . Über diese Produzierung sei noch ein Wort gesagt . Man hat es eine Zeitlang mit Maschinen versucht , ist aber längst zur Handarbeit , als zu dem rascheren und einträglicheren zurückgekommen . Das Verfahren ist außerordentlich einfach . Drei Personen und drei verschiedene Instrumente sind nötig : ein Schneideeisen , ein Grabscheit und eine Gabel . Das Schneideeisen ist die Hauptsache . Es gleicht einem Grabscheit , das aber zwei rechtwinklig stehende Flügel hat , so daß man beim Eindrücken desselben drei Schnitte a tempo macht . Die Arbeiter stehen nun an einem langen , glatt und steil abfallenden Torfgraben , und zwar zwei in ihm , der Dritte auf ihm . Dieser Dritte drückt von oben her das Schneideeisen oder Torfmesser in den Grabenrand ein und schneidet dadurch ein fix und fertiges Torfstück heraus , das nur noch nach unten zu festhaftet . In demselben Augenblick , wo er das Eisen wieder hebt , um es dicht daneben in den Boden zu drücken , sticht einer der im Graben stehenden Leute mit dem Grabscheit das Stück Torf los und präsentiert es , wie ein vom Teller gelöstes Stück Kuchen , dem dritten . Dieser spießt es sofort mit einer großen Gabel auf und legt es beiseite , so daß sich binnen kurzem die bekannte Torfpyramide aufbaut . Wir schritten nun zu dem eigentlichen Faktoreigebäude zurück . Dasselbe teilt sich in zwei Hälften , in ein Bureau und eine Art Bauernwirtschaft . An der Spitze des Kontors steht ein Geschäftsführer , ein Vertrauensmann der » Torflords « , der die Wochenlöhne zu zahlen und das Kaufmännische des Betriebes zu leiten hat . Er ist nur ein Sommergast hier , ebenso wie der Arbeiter , und kehrt , wenn der Herbst kommt , für die Wintermonate nach Linum oder Fehrbellin zurück . Nicht so der Obermann , der Torfmeier , dem das Gehöft gehört . Er ist hier zu Haus , jahraus , jahrein , und nimmt seine Chancen , je nachdem sie fallen , gut oder schlecht . Der Novembersturm deckt ihm vielleicht das Dach ab , der Winter schneit ihn ein , der Frühling bringt ihm Wasser statt Blumen und macht die » Faktorei « zu einer Insel im See , aber was auch kommen mag , der Obermann trägt es in Geduld und freut sich auf den Sommer , wie sich die Kinder auf Weihnachten freuen . Dabei liebt er das Luch . Er spricht von Weizenfeldern , wie wir von Italien sprechen , und bewundert sie pflichtschuldigst als etwas Hohes und Großes , aber sein Herz hängt nur am Luch und an der weiten , grünen Ebene , auf der , wie ein Lagerplatz , den die Unterirdischen verlassen haben , der Torf in schwarzen Kegeln steht . Der Obermann hieß uns zum zweiten Male willkommen und rief jetzt seine Frau , die uns freundlich-verlegen die Hand schüttelte . Beide zeigten jene lederfarbene Magerkeit , die mir schon früher in Sumpfgegenden , namentlich auch bei den Bewohnern des Spreewaldes , aufgefallen war . Die blanke , straffe Haut sah aus , als wäre sie über das Gesicht gespannt . Die Frau ging wieder , um in der Küche nach dem Rechten zu sehen , und ließ uns Zeit , das Zimmer zu mustern , in dem wir uns befanden . Es war , wie märkische Bauernstube zu sein pflegen : zwei Silhouetten von Mann und Frau unter gemeinschaftlichem Glas und Rahmen zwei preußische Prinzen daneben und ein roter Husar darunter . Die Katze , mit krummem Rücken , strich an allen vier Tischbeinen vorbei , der flachsköpfige Sohn verbarg seine Verlegenheit hinter dem Kachelofen , und die Wanduhr , auf deren großem Zifferblatt Amor und Psyche vertraulich nebeneinander lehnten , unterbrach einzig und allein die langen Pausen der Unterhaltung . Denn der Obermann war kein Sprecher . Endlich trat die Magd ein , um den Tisch zu decken . Sie öffnete die kleinen Fenster und zugleich mit der Sonne drangen Hahnenschrei und Gegacker ins Zimmer : war doch der Hühnerhof draußen seit lange daran gewöhnt , ein dankbares Hoch auszubringen , sobald das rote Halstuch der Köchin an Tür oder Fenster sichtbar wurde . Nun kam auch der Flachskopf aus seinem Versteck hervor und stellte Stühle , während eine Flasche Wein aus unserem Reisesack die Vorbereitungen vollendete . Das Mahl selbst war ganz im Charakter des Luchs : erst Perlhuhneier , dann wilde Enten und schließlich ein Kuchen aus Heidemehl , dessen Buchweizen auf einer Sandstelle des Luches gewachsen war . Wir ließen den Obermann leben und wünschten ihm guten Torf und gute Kinder . Aber kein Glück ist vollkommen : als wir um ein Glas Wasser baten , brachte man uns ein Glas Milch ; das Luch steckt zu tief im Wasser , um Trinkwasser haben zu können . Bald nach Tisch nahmen wir Abschied und stiegen in ein bereitliegendes Boot , um nunmehr unsere Wasserreise durch das Herz des Luches hin anzutreten . Der Himmel , der bis dahin zwischen schwarz und blau gekämpft hatte , wie einer der schwankt , ob er lachen oder weinen soll , hatte sich mittlerweile völlig umdunkelt und versprach unserer Wasserfahrt einen allgemeineren und strikteren Charakter zu geben , als uns lieb sein konnte . Dennoch verbot sich ein Abwarten , und unter Hut- und Mützenschwenken ging es hinaus . Es war eine Vorspannreise , kein Ruderschlag fiel ins Wasser , keine Bootsmannskunst wurde geübt , Ruderer und Steuermann waren durch einen graukitteligen , hochstiefeligen Torfarbeiter vertreten , der ein Riemenzeug um den Leib trug und mittelst eines am Mast befestigten Strickes uns rasch und sicher die Wasserstraße hinaufzog . Gemeinhin war er links vor uns und trabte den grasbewachsenen , niedrigen Damm entlang , immer aber , wenn wir in einen nach rechts hin abzweigenden Graben einbiegen mußten , ließ er das Boot links auflaufen , sprang hinein , setzte sich als sein eigener Fährmann über und trat dann am anderen Ufer die Weiterreise an . Eine andere Unterbrechung machten die Brücken . Dieselben sind sehr zahlreich im Luch , wie sich ' s bei einundsiebzig Meilen Kanalverbindung annehmen läßt , und dabei von einfachster aber zweckentsprechender Konstruktion . Ein dicker mächtiger Baumstamm unterhält die Verbindung zwischen den Ufern und würde wirklich , ohne weitere Zutat , die ganze Überbrückung ausmachen , wenn nicht die vielen mit Mast und Segel herankommenden Torfkähne es nötig machten , den im Wege liegenden Brückenbalken unter Umständen auch ohne sonderliche Mühe beseitigen zu können . Zu diesem Behufe ruhen die Balken auf einer Art Drehscheibe , und die Kraft zweier Hände reicht völlig aus , den Brückenbaum nach rechts oder links hin aus dem Wege zu schaffen . Die zahllosen Wasserarme , die das Grün durchschneiden , geben der Landschaft viel von dem Charakter des Spreewalds und erinnern uns mehr denn einmal an das Kanalnetz , das die fruchtbaren Landstriche zwischen Lehde und Leipe durchzieht . Aber bei aller Ähnlichkeit unterscheiden sich beide Sumpfgegenden doch auch wieder . Der Spreewald ist bunter , reicher , schöner . In seiner Grundanlage dem Luch allerdings nahe verwandt , hat das Leben doch überall Besitz von ihm genommen und heitere Bilder in seinen einfach grünen Teppich eingewoben . Dörfer tauchen auf , allerlei Blumen ranken sich um Haus und Hütte , hundert Kähne gleiten den Fluß entlang , und weidende Herden und singende Menschen unterbrechen die Stille , die auf der Landschaft liegt . Nicht so im Luch . Der einfach grüne Grund des Teppichs ist noch ganz er selbst geblieben , das Leben geht nur zu Gast hier , und der Mensch , ein paar Torfhütten und ihre Bewohner abgerechnet , stieg in eben diesen Moorgrund nur hinab , um ihn auszunutzen , nicht um auf ihm zu leben . Einsamkeit ist der Charakter des Luchs . Nur vom Horizont her , fast wie Wolkengebilde , blicken die Höhendörfer in die grüne Öde hin ein ; Gräben , Gras und Torf dehnen sich endlos , und nichts Lebendes wird hörbar , als die Pelotons der von rechts und links her ins Wasser springenden Frösche oder das Kreischen der wilden Gänse , die über das Luch hinziehen . Von Zeit zu Zeit sperrt ein Torfkahn den Weg und weicht endlich mürrisch zur Seite . Kein Schiffer wird dabei sichtbar , eine rätselhafte Hand lenkt das Steuer , und wir fahren mit stillem Grauen an dem häßlichen alten Schuppentier vorüber , als wäre es ein Ichthyosaurus , ein alter Beherrscher dieses Luchs , der sich noch besönne , ob er der neuen Zeit und dem Menschen das Feld räumen solle oder nicht . So hatten wir etwa die Mitte dieser Torfterritorien erreicht , und die nach Süden zu gelegenen Kirchtürme waren uns aus dem Gesicht entschwunden , während die nördlichen noch auf sich warten ließen . Da brach das Gewitter los , das seit drei Stunden um das Luch herum seine Kreise gezogen und geschwankt hatte , ob es auf der Höhe bleiben oder in die Niederungen hinabsteigen sollte . Diese Luchgewitter erfreuen sich eines allerbesten Rufs ; wenn sie kommen , kommen sie gut , und ein solches Wetter entlud sich jetzt über uns . Kein Haus , kein Baum in Näh ' oder Ferne ; so war es denn das Beste , die Reise fortzusetzen , als läge Sonnenschein rings um uns her . Der Regen fiel in Strömen , unser eingeschirrter Torfarbeiter tat sein Bestes und trabte gegen Wind und Wetter an . Der Boden ward immer glitschiger und mehr denn einmal sank er in die Knie ; aber rasch war er wieder auf und unverdrossen ging es weiter . Wir saßen derweilen schweigsam da , bemaßen das Wasser im Boot , das von Minute zu Minute stieg , und blickten nicht ohne Neid auf den vor uns hertrabenden Graukittel , der , in der Lust des Kampfes , Gefahr und Not einigermaßen vergessen konnte , während wir in der Lage von Reservetruppen waren , die Gewehr bei Fuß stehen müssen , während die Kugeln von allen Seiten her einschlagen . Jeder hat solche Situationen durchgemacht und kennt die fast gemütliche Resignation , die schließlich über einen kommt . Mit dem Momente , wo man die letzte trockene Stelle naß werden fühlt , fühlt man auch , daß der Himmel seinen letzten Pfeil verschossen hat und daß es nur besser werden kann , nicht schlimmer . Lächelnd saßen wir jetzt da , nichts vor uns als den grau-grünen , mit Regen und Horizont in eins verschwimmenden Luchstreifen , und sahen auf den Tropfentanz um uns her , als ständen wir am Fenster und freuten uns der Wasserblasen auf einem Teich oder Tümpel . Endlich aber hielten wir . Wir hatten den ersehnten Nordrand erreicht , und die Sonne , die , sich durchkämpfend , eben ihren Friedensbogen über das Luch warf , vergoldete den Turm des Dorfes Langen vor uns und zeigte uns den Weg . In wenigen Minuten hatten wir das Wirtshaus erreicht , bestellten , in fast beschwörendem Ton , » einen allerbesten Kaffee « und baten um die Erlaubnis , am Feuer Platz nehmen und unsere Garderobe stückweise trocknen zu dürfen . Und wirklich traten wir gleich danach in die große Küche mit dem Herd und dem Hängekessel ein . Der Rauchfang war mit allerlei kupfernem Geschirr , die roten Wände mit Fliegen bedeckt , und die jetzt brennend über dem Hause stehende Sonne drückte von Zeit zu Zeit den Rauch in die Küche hinab . Eine braune , weitbäuchige Kanne paradierte bereits auf dem Herd , und eine behäbige Alte , die ( eine große Kaffeemühle zwischen den Knien ) bis dahin mit wunderbarem Ernste die Kurbel gedreht hatte , stand jetzt von ihrem Schemel auf , um das braune Pulver in den Trichter zu schütten . Ebenso war die Magd mit dem Hängekessel zur Hand , und im nächsten Augenblick zischte das Wasser und trieb die Schaumblasen hoch über den Rand . Wir aber standen umher und sogen