sie ; » sofort leisten Sie Abbitte , oder Sie fliegen noch heute . Meine Macht werden Sie kennen lernen . « Daniel verschränkte die Arme und ließ den Blick über die Musiker schweifen . Er sagte : » Leben Sie wohl , meine Herren . Da der Direktor zwischen mir und dieser Dame zu wählen hat , besteht kein Zweifel , daß meine Wirksamkeit hier zu Ende ist . In einem Institut , wo das Fleisch höher im Wert steht als die Musik , bin ich ohnedies überflüssig . « Die übrigen Sänger und Sängerinnen hatten sich aus den Kulissen auf die Bühne gedrängt und schauten schweigend ins Orchester . Als Daniel seinen Platz am Dirigentenpult verließ , erhoben sich auf einmal sämtliche Musiker von ihren Sitzen . Es war ein unwillkürlicher und beinahe ergreifender Ausdruck von stummer Ehrerbietung . Hatten sie diesen Mann auch nicht geliebt , ihn auch stets wie einen fremden , bösen Störenfried im Bezirk ihrer gemütlichen Neigungen empfunden , so ahnten sie doch seine Markigkeit und seinen Adel . Die Sängerin Varini erlitt einen hysterischen Weinkrampf . Der Direktor wurde herbeigerufen . Er versprach Abhilfe und forderte Daniel in einem Brief auf , sich bei der Sängerin zu entschuldigen . In aller Kürze schrieb Daniel zurück , daß er bei seinem kundgegebenen Vorsatz beharre ; er könne mit der Sängerin Varini nicht mehr arbeiten und wenn sie nicht das Feld räume , müsse er es tun . Darauf wurde er von seiner Entlassung verständigt . Am gleichen Abend saß er mit Lenore bei Tisch und nach einem langen Schweigen teilte er ihr in wenigen Worten das Geschehene mit . Lenore hatte nur einen erschrockenen Blick als Antwort . » Es war höchste Zeit , « sagte Daniel , ohne von seinem Teller emporzuschauen , » ich hab ' s satt gehabt , über- und übersatt . « » Und wovon willst du leben , du und dein Kind ? « stammelte Lenore . Sein Auge wurde noch finsterer , als es bisher gewesen . » Du weißt doch , der Gott , der die Lilien auf dem Felde ... , ich kenn das Sprüchlein nicht weiter ; bin schwach in der Bibel . « Sie sprachen dann nichts mehr . Das Fenster war offen ; in der Erde war ein geheimes Beben , die warme Luft schmeckte widrig wie süßes Öl . Als es von den Türmen zehn Uhr schlug , erhob sich Lenore und sagte gute Nacht . » Gute Nacht , « antwortete Daniel mit gesenktem Haupt . 5 So war es nun jeden Abend zwischen den beiden , denn am Tage sahen sie sich kaum . Stundenlang saß Daniel , ohne sich zu rühren , und brütete . Er konnte nicht vergessen . Den angesengten , rauchenden Kleidsaum nicht ; die Schuhe nicht , an denen Kot von der Straße klebte ; das Antlitz nicht mit der verzogenen Oberlippe , die Haare , armselig in ihrem Gewirr , die ängstlich verzogene Braue . Im Spind unter der Wäsche hatte er die Armspange gefunden , die er ihr geschenkt . Warum hat sie das Schmuckstück dort vergraben ? fragte er sich . Der Seelenzustand , in welchem sie das Spind geöffnet und die silberne Spange versteckt hatte , wurde ihm so lebhaft gegenwärtig , daß er mit seinem eigenen verschmolz . Dann entdeckte er die Harfe ohne Saiten . Er stellte sie in seine Stube , und wenn er sie anschaute , glich sie einem Gesicht ohne Fleisch . Bin ich dir zu schwer ? tönte es aus der Vergangenheit herüber . Und das andere Wort : ich will deine junggewordene Mutter sein ; und dieses : ich bin ja auch eine Kreatur . Er erinnerte sich an einige alte Briefe von ihr , die er aufbewahrt hatte . Er las sie mit der Aufmerksamkeit durch , mit der man Verträge studiert , in denen es um Gut und Blut geht . Und es waren Stickereien aus ihrer Mädchenzeit vorhanden , deren er sich jetzt versicherte , um sie wie Heiligtümer zu verschließen . Sie wurde ihm von Tag zu Tag lebendiger . So oft er daran dachte , wie sie dagesessen , wenn er gespielt oder über sein Geschaffenes gesprochen , würgte es ihn im Halse . Und wie sie einst hergekrochen war und die Stirn auf seinen Schenkel gelegt hatte , dieses Bild war vom Schauer des unergründlichsten Geheimnisses umweht . Es war nicht Schuldgefühl , was ihn so an die Tote schmiedete . Auch nicht Reue oder Selbstvorwurf oder die Sehnsucht , die durch die Empfindung gehäufter Versäumnisse zum Ausdruck kommt . Die Phantasie wehrte sich gegen den Tod . In ihrem schöpferischen Trotz verlieh sie der Hingegangenen eine Wirklichkeit , die sie nie besessen hatte , solange sie als wirkliche Gestalt auf der Erde gewandelt war . Für Daniel wurde sie erst jetzt zur Gestalt . Dies ist das Wunderbare und das Lasterhafte am Musiker . Ihm gehören die Dinge und die Menschen nicht , während sie sein eigen sind . Er lebt mit Schatten , und nur , was er verloren hat , wird ein Lebendiges . Losgelöst vom Augenblick greift er nach dem , der gewesen ist , nach dem gestrigen Tag und stürmt ungeduldig in den morgigen . Was er in Händen trägt , ist verdorrt , was hinter ihm am Wege liegt , ist in Blüte . Sein Denken ist ein Winter zwischen zwei Frühlingen , dem wahren , der vorüber ist , und dem kommenden , den er nur träumt und , wenn er einbricht , versäumt . Er sieht nicht , er hat gesehen ; er liebt nicht , er hat geliebt ; er ist nicht glücklich , er war nur glücklich . Gebrochene Augen öffnen sich im Grabe und die lebenden , die hineinblicken , jetzt alles erblicken , alles verstehen , alles verklären und schmücken , erscheinen sich vom Tod und seiner immerwährenden Dauer wie betrogen . Jetzt wurde Gertrud zur Melodie . Was sie getan und gewirkt , war Melodie . Ihr Dumpfes wurde wach , ihr Schweigen beredt . Einst hatte er sie und Lenore geschaut , im braunen Kleid die eine , im blauen die andere , Moll und Dur , die Endpunkte seiner Welt . Nun stieg das Moll empor gleich der Nacht über der einsamen Erde und hüllte alles in Trauer . Der Schmerz nährte sich an Bildern , die einst alltäglich gewesen waren , nun aber die Leuchtkraft einer Vision bekamen . Wie sie im Bett gelegen , rechts und links die Zöpfe und das Gesicht wächsern aus dem dunkeln Rahmen geleuchtet hatte . Wie sie eine Schüssel ins Zimmer getragen , eine Nadel eingefädelt , ein Glas an die Lippen gesetzt , einen Schuh am Fuß festgebunden , und welchen Ausdruck das Auge gehabt , wenn es warnte , bat , staunte oder lächelte . Wie unvergleichlich sternenhaft war dieses Auge auf einmal ! Immer emporgeschlagen , immer erfüllt , immer gegen ihn gewendet . Unter diesem Blick fand er in einer Dämmerungsstunde das dämonisch rufende Motiv einer B-moll-Sonate ; eine Gebärde , deren er sich entsann , es war damals gewesen , als Lenore mit dem Myrthenkranz vorm Spiegel gestanden , gab den Impuls zu dem unterirdisch wühlenden Presto im ersten Satz eines Quartetts , und den zweiundzwanzigsten Psalm , der mit den Worten beginnt : mein Gott , mein Gott , warum hast du mich verlassen , skizzierte er , als er von einem Traum erwachte , in welchem ihm Gertrud in stiller Haltung , unendlich blaß , das Kinn auf die Hand gestützt , erschienen war . Doch arbeitete er nicht . Was so zu Papier gebracht wurde , drang wie aus fieberhaften Anfällen hervor . In aller Eile kritzelte er Noten hin , in schuldbewußter Eile gleichsam . Er stahl es sich selbst . Töne dünkten ihm Verbrechen . Als die ergreifende Hauptmelodie des Psalms in ihm entstand , zitterte er vom Kopf bis zu den Füßen , und wie von Furien gepeitscht verließ er das Haus , trotzdem es mitten in der Nacht war . Die wiederkehrende Baßfigur des Prestos klang wie ein schaurig-angstvoll gestammeltes : Mensch , halt den Atem an , Mensch , halt den Atem an . Und er hielt den Atem an , voller Angst , indes seine Eingebungen den eisigen Bann durchbrachen , in welchen sie eine leidenschaftliche Verhaltenheit seiner Natur gezwungen . Denn in immer weiterem Umkreis sah er die Menschheit von sich zurückweichen , und da er sich nicht von der Zeit gefordert fühlte , verschmähte er die Zeit . Es kam dahin , daß er seine Produkte als etwas behandelte , das für die Welt in keinem Sinn bestimmt war , gegen niemand davon sprach und nie den Wunsch hatte , daß jemand von ihnen erfuhr . Je geheimer er sie hielt , je wahrhaftiger wurden sie ihm , und der Gedanke , man könne ein Werk der Musik für Geld hingeben , war ihm allmählich so unsinnig geworden wie der , daß man seine Mutter , seine Geliebte , sein Kind oder eines seiner Gliedmaßen veräußern könne . Infolgedessen empfand er nur Ekel , wenn er von den geschickten Händlern hörte , die von der Mode hochgetragen wurden . Es graute ihm vor allem , was berühmt war , denn der Ruhm der Mitwelt schmeckte und roch nach dem Gelde . Es graute ihm vor der Wirrnis der Meinungen und Urteile , vor dem Streit über Schulen und Richtungen , vor den herumziehenden Virtuosen aller Zonen und Nationen , dem Lärm , den sie zu entfachen wußten , den Wahrheiten , die sie verkünden ließen , den Lügen , in denen sie plätscherten . Es graute ihm vor Konzertsälen und Theatern , vor dem Geklimper aus den Fenstern der Bürger , vor der falschen Andacht der Menge und ihrer ohnmächtigen Verzückung . Ihre ganze Musik roch und schmeckte nach Geld . Er hatte sich die Lebensbeschreibungen der großen Meister angeschafft . Er erfuhr deren Not und Mühsal und kleinliche Umstände , die schale Alltäglichkeit , die zu ihrem unsterblichen Bild nun nicht mehr hinaufreichte . Doch als er eines Tages las , daß Mozarts Leichnam in einem Massengrab verscharrt worden war , schleuderte er das Buch fort und verschwor sich , dergleichen Bücher nie wieder anzufassen . In das Feuer der Vergötterung schlug der beißende Rauch des Menschenhasses ; er wollte keinen sehen , er eilte aus der Stadt und hatte nicht eher Ruhe , als bis er sich in der tiefen Abgeschiedenheit eines Waldes vor jedem Menschentritt und -blick geborgen fühlte . In der Nacht ging er durch die Gassen , stets schnell und mit gesenktem Kopf . Wenn er müde war , landete er in einer kleinen Kneipe , wo er sicher sein konnte , keinen Bekannten zu treffen . Begegnete ihm einer auf der Straße , so grüßte er nicht , sprach ihn einer an , so war er überlaut und sonderbar in seinen Antworten und entfernte sich mit einem kaustischen Witz . Die Stube zu betreten , in der Philippine mit dem Kind hauste , hatte er im Anfang nur mit Widerwillen vermocht . Später rührte ihn an dem Kind die Bewegung und die Gestalt , er kam ein paarmal am Tage , immer nur für wenige Minuten , nahm es auf den Arm , ließ sich von seinen Händchen betasten , duldete , daß es an seiner Brille zerrte und lauschte verwundert auf sein Lallen und Plappern . Philippine stand währenddessen in der Ecke , hatte die Augen niedergeschlagen und war schweigsam . Da wurde er sich drückend der Verpflichtung bewußt , die ihm durch die rätselhafte Treue dieser Person auferlegt wurde und die er auf keine Weise einlösen konnte , auch quälte es ihn , das Kind so mutterlos , so seltsam verlassen zu sehen , der helle Blick , die ausgestreckten Ärmchen quälten ihn , er hatte Furcht vor dem in der Kinderbrust noch tief schlummernden Gefühl , und es trieb ihn hinaus . Eines Morgens im August erhob er sich bei Sonnenaufgang , bereitete sich sein Frühstück in der Küche selbst , und als er fertig war , griff er nach seinem Stock und verließ das Haus . Er wollte zu Fuß nach Eschenbach wandern . Er wanderte den ganzen Tag mit kurzen Rasten . Nur während der heißesten Mittagszeit erbat er sich von einem Bauern , der ihn mit seinem Leiterwagen einholte , die Erlaubnis , ein Stück mitfahren zu dürfen . Er hatte keine bestimmte Absicht , keinen Plan . Etwas Dunkles , dem er nicht widerstehen konnte , zog ihn in die Heimat . Als er endlich das Städtchen erreicht hatte , war es tiefe Nacht und der Mond schien . Die Gassen waren wie ausgestorben . Die Fenster am Haus der Mutter waren alle schwarz , er setzte sich auf die oberste Stufe am Tor hin und es war ihm , als höre er die Atemzüge der alten Frau und des jungen Kindes , das sie behütete , durch die Fugen der Tür dringen . Es war ihm sonderbar , zu denken , daß die Mutter von seinem Hiersein nichts wußte . Hätte sie darum gewußt , sie hätte das Tor aufgesperrt und ihn erschüttert angesehen , und wenn er nicht hätte reden wollen , hätte er den Kopf in ihren Schoß legen und still weinen müssen . Etwas anderes war nicht möglich ; zu reden war nicht möglich ; die Furcht aber , er werde dennoch reden , er werde erzählen müssen , packte ihn so heftig , daß er beschloß , sich wieder auf den Rückweg zu begeben , ohne die Mutter und sein Kind gesehen zu haben . Die eigentümliche Unruhe , die ihn hergetrieben , war beschwichtigt , seit er im Schatten des Häuschens saß . Aber weil er sehr müde war , versank er in Schlaf . Er träumte , das Kind und die Greisin stünden vor ihm , und jenes trug Trauben in der Hand , indes diese eine Schaufel hielt und mit trauriger Miene die Erde aufgrub . Eva dünkte ihm noch viel schöner als vor einem Jahr , und er fühlte zu dem Kind eine unbezwingbare , schmerzhafte Liebe , die in einer wunderlichen Beziehung zu dem Tun der Mutter stand . Je länger sich die alte Frau mit dem Aufschaufeln der Erde abmühte , je schwerer wurde ihm ums Herz , aber er konnte nichts sagen , und es war ihm , als ob aus seinem Innern ein herrlicher Gesang ströme , dessengleichen er nie zuvor gehört . In dem Entzücken darüber wachte er auf ; zuerst glaubte er den Gesang noch zu vernehmen , doch es war nur das Plätschern des Wassers am Wolframsbrunnen . Der Mond stand hoch am Himmel . Daniel ging hinüber zum Brunnen , da kam der Nachtwächter daher , blies sein Pfeifchen und sang : » Hört ihr Herrn und laßt euch sagen , unsre Glock hat zwei geschlagen . « Er wurde des einsamen Menschen am Brunnen gewahr , stutzte , fuhr aber dann in seinem Gesang fort . Schon oft , als Kind und als Jüngling , hatte Daniel gelesen , was auf dem Sockel der Wolframsfigur geschrieben war . Heute las er die vom Mond bestrahlten Worte mit ganz andern Augen . Vom Wasser kommt der Bäume Saft , Befruchtung gibt des Wassers Kraft aller Kreatur der Welt . Vom Wasser wird das Aug erhellt , Wasser wäscht manche Seele rein , daß kein Engel mag lichter sein . Er tauchte seine Hände in das Becken , strich damit über seine schlaftrunkenen Augen , und nachdem er noch einen Blick auf das Haus der Mutter geworfen , wandte er seinen Fuß gegen die Landstraße . Im Feld war es überall zu feucht , als daß er dort hätte ruhen können . Bei einem alleinstehenden Bauernhaus befand sich ein Heuschober , und er ging hinein und legte sich nieder . 6 Eine immer gleiche Angst erfüllte Lenores Brust , wenn sie Daniel betrachtete . Sie begriff ihn nicht , nichts an ihm begriff sie , und Freudigkeit haftete ihr nur noch aus vergangenen Tagen an . Er schien sich ihrer kaum mehr zu entsinnen . Ein Wort hätte sie von ihrem Kummer befreit , irgendein Wort . Aber er sprach mit ihr wie er mit Philippine sprach , oder mit Frau Kütt , der Zugeherin . Schlimm , mit Philippine zu hausen , den steten Haß der Unheimlichen zu spüren ; zu ahnen , daß sie um Dinge wußte , die das Licht scheuten . Ihr das Kind ausgeliefert zu sehen , welches sie als ihr gehörig behandelte und mit solcher Eifersucht bewachte , daß sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte , wenn Lenore bloß fünf Minuten bei ihm weilte . Schlimm auch die Gesellschaft des stummen alten Vaters , der Tag und Nacht seinen mysteriösen Verrichtungen oblag und friedlos einem unbekannten Ziel zustrebte . Es war so schaurig oft , in den Stuben unten und in denen oben ; Lenore hatte Angst vor dem Winter . Manchmal war ihr , als habe ihre Stimme einen unwirklichen Klang , und das Gewöhnlichste , was sie sagte , hatte einen düsteren Widerhall . Sie flüchtete in ihre früheren Sehnsuchtsbilder , die Landschaften des Südens mit Hainen , Statuen und einem Meer von sagenhafter Bläue . Aber sie war nun doch zu reif , um sich an leeren Traumspielen dauernd zu genügen , lieber wollte sie sich in mühseligster Arbeit vergessen . Erst wenn die Feder ihrer Hand entsank , in dem Leid um die schmucklosen Stunden , drängte es sie mit Macht ins Bilder- und Geisterreich zurück , aber da suchte sie Anhalt bei den Gegenständen ihrer sichtbaren Welt . Da nahm sie etwa eine Birne und sann sich in das Innere der Frucht hinein , wie wenn es möglich wäre , drinnen in der engsten Sphäre Schutz zu gewinnen . Oder sie hielt ein farbiges Glas zwischen den Fingern und schaute hindurch , damit das Gewohnte schöner werde . Oder sie sah ins Herdfeuer und beobachtete lächelnd das romantische Züngeln der Flammen ; oder sie hatte Begierde nach alten Gemälden , da feierte sie einen Morgen lang und ging ins Germanische Museum . Dort stand sie vor einer Kreuzigung , einem Abendmahl , ganz Auge , das Herz voll fließender Bewegung . Dann regte sich ihre Vorliebe für Blumen stärker als je , und sie fing an , sich mit den Blumen abzugeben . Die meisten pflückte sie selbst , die nur in Gärten wuchsen , kaufte sie billig bei einigen Gärtnern . Nachdem sie mehrere Male gekommen war , nahmen die Gärtner kein Geld mehr und schenkten ihr Blumen , so viel und welche sie haben wollte . Sie trug sie heim und band sie zu Sträußen . Eines Abends wurde sie dabei von Philippine gestört , die sie rief , weil die kleine Agnes fieberte . Lenore holte den Doktor , der beruhigte sie , und als sie wieder hinaufkam , blieb sie verwundert auf der Schwelle stehen . Der Blumenstrauß den sie gebunden , erschien ihr so schön , im Zusammenklang der Farben so eigen , daß sie sich unwillkürlich umschaute , im Wahn , ein Fremder habe während ihrer Abwesenheit das kunstvolle Werk getan . Indessen meldete sich der Mangel im Hause . Metzger und Bäcker wollten die Waren nicht mehr auf Kredit liefern ; fünf Menschen konnte Lenore aber mit ihrer Schreibarbeit nicht ernähren , von der Kleidung und der Miete zu schweigen . Wenn sie sich auch noch so sehr anstrengte , konnte sie bloß das Notdürftigste beschaffen , und ihre Sorge wurde von Tag zu Tag größer . Vom Schuldenmachen war sie eine Feindin , aber man konnte ja nicht hungern , und so mußten eben Schulden gemacht werden . Da waren denn bittere Demütigungen unvermeidlich , und mit Bangigkeit blickte Lenore in die Zukunft . Sie zerbrach sich den Kopf mit Pläneschmieden , beklagte ihre Schwäche , ihre lückenhafte Bildung , ihre und Daniels Verlassenheit und bemerkte voller Furcht , wie Philippine an der zunehmenden Bedrängnis ihre Freude zu haben schien . Zweimal am Tag schickte der Drogist um das Geld für die letzte Rechnung , endlich kam er selber . Am Abend kam er und läutete . Philippine war grob mit ihm , darauf wurde er unverschämt und schrie , daß die Bewohner der untern Stockwerke ans Stiegengeländer eilten . Lenore lief herab , mit gefalteten Händen stand sie vor dem Manne , auch der Inspektor trat aus seiner Kammer und schaute seufzend über die Stiege . Auch andere kamen am Abend und machten Skandal . Da huschte Philippine zu Lenore und sagte mit einem Lachen im Gesicht , als ob sie wunder was für ein Glück zu berichten habe : » Es ist schon wieder einer drunten ; komm , Lenore , und geh ihm ein bißchen um den Bart , sonst holt er vielleicht gar die Polizei . « War es dann still im Haus geworden , so räsonierte Philippine und maulte vor sich hin . » Schön dumm ist der Daniel . Könnt ' s haben wie ein Kaiser , wenn er sich an die richtige Person wenden tät . Ich weiß eine , die hat Geld und kriegt noch viel mehr , aber so ein Stockfisch wie der hat ja keinen Schimmer vom menschlichen Leben . « Und sie lachte ingrimmig oder schmiß irgendeinen Gegenstand wütend auf den Boden . Lenore hörte nicht , was sie sagte . Ihr war alle Hoffnung geraubt . Drei Monate war es nun her , daß Daniel in rätselhafter Untätigkeit verharrte . Bald war die Miete fällig und was sollte dann geschehen ? Eines Morgens trat sie in Daniels Zimmer und redete ihn an : » Daniel , es ist kein Geld mehr da . « Er saß lesend am Tisch und schaute sie an , als müsse er sich erst besinnen , wer sie sei . » Nur Geduld , « antwortete er , » ihr werdet nicht umkommen . « » Ich tue ja , was möglich ist , « fuhr Lenore fort , » aber du , Daniel , wie willst du ' s nun einrichten mit der Wirtschaft ? Ich kann mir nimmer helfen . Faß dich doch , Daniel , sag mir , wie du dir ' s denkst . « » Ein Musiker muß arm sein , Lenore , « entgegnete Daniel mit Augen , die wie gefroren aussahen . » Aber er muß auch leben , sollt ich meinen . « » Vom Fraß allein kann man nicht leben , und für den Fraß kann ich nicht schuften . « » Daniel , ach Daniel , wo bist du mit deinem Geist und Herzen ! « rief Lenore verzweifelt . » Dort , wo ich schon längst hätte sein sollen , « war seine finstere Erwiderung . Er erhob sich und sprach halblaut , das Gesicht von Lenore weggekehrt : » Nur jetzt keine Argumente , keine Triftigkeiten , keine Zwangsmaßregeln . Nur jetzt nicht , wo ich mit meinem Lichtstumpf noch an der Erde krieche und den Ausweg aus der Höhle suche . Man verreckt nicht so schnell , Lenore ; der Magen ist ein elastisches Stück Haut . « Er ging in die andere Stube , setzte sich an den Flügel und schlug ein schleppendes Baßmotiv an . Lenore wandte sich gegen die Mauer und drückte die heiße Stirn in die verschränkten Hände . 7 Es lag aber nicht in Lenores Art , sich ohne äußerste Kraftanstrengung in ein Unglück zu fügen . Sie schrieb vierzehn bis sechzehn Stunden am Tage . Die Folge war , daß sie mit ihrem Quantum viel schneller fertig wurde und mehr als dieses Quantum wurde nicht von ihr verlangt . Dann sah sie sich nach einer einträglicheren Beschäftigung um . Es war vergeblich ; Frauenzimmerarbeit stand nirgends hoch im Preis ; auch hatte sie keine Empfehlungen , keine Zeugnisse , nichts , worauf sie hinweisen konnte . Schließlich hatte sie den Einfall , ob sie nicht ihre Blumenkünste verwerten könne . Sie ging zu einem Blumenhändler am Lorenzerplatz und nahm einen aus Nelken und Reseden gewundenen Kranz mit , den sie tags zuvor verfertigt . Sie sagte , sie verstehe sich auf die Hantierung und habe auch hübsche Sträuße gemacht . Der Mann lachte und antwortete , für dergleichen habe er wenig Verwendung , und wenn sich auch Käufer fänden , sei die Bezahlung allzu gering , als daß dem Fräulein die Arbeit lohnen könne . Tief entmutigt trug Lenore ihren Kranz wieder heim . Sie sah ja selbst , was für ein vergängliches Ding es mit den Blumen war ; am Abend welkten sie schon dahin . Sie hatte nicht wahrgenommen , daß ein Herr , als sie den Laden des Blumenhändlers verlassen , auf der andern Seite der Straße stehen geblieben war , um ihr nachzuschauen . Es war ein hagerer , junger Herr von verdrossenem , bläßlichem Aussehen , ein Herr mit einem Drosselbart-Kinn . Er schaute lange in die Richtung , nach der sich Lenore entfernt hatte . Sicherlich hatte etwas im Wesen und im Gesichtsausdruck des Mädchens seine besondere Aufmerksamkeit erweckt , ein Gefühl , das edler war als Neugierde und ernster als das Wohlgefallen eines Müßiggängers . Der junge Herr setzte sich endlich in Bewegung , stelzte gravitätisch über den Platz und betrat den Laden des Händlers . Eine Weile später riß der Blumenhändler , ein bejahrter Mann mit einer Säufernase , die Türe auf und zugleich sein Käppchen vom Kopf , und dies wie auch sein tiefer Bückling verkündeten den benachbarten Ladeninhabern , daß er ein nicht alltägliches Geschäft mit dem jungen Herrn abgeschlossen habe , der mit lässigen Schritten von dannen ging . Am nächsten Morgen kam ein Bursch zu Lenore , der Abgesandte des Blumenhändlers , und richtete ihr aus , sie möge sogleich zu seinem Prinzipal kommen , er habe ihr was Wichtiges mitzuteilen . Lenore folgte dem Ruf und als sie im Laden des Händlers war , begrüßte sie der mit einer seltsamen Artigkeit und sagte ihr , es habe sich gestern noch ein Liebhaber für derlei Sträuße und Kränze gefunden , wie sie ihm gezeigt , und er könne ihr in jeder Woche zwei , nötigenfalls auch drei Stück zu je zwanzig Mark abnehmen ; sie solle sich nur fleißig dranhalten , bei solchem Glücksregen müsse man das Schaff vor die Türe stellen . Das einzige , worum er sie ersuche , sei Verschwiegenheit , die betreffende Kundschaft wolle weder gesehen werden , noch sich mit Namen nennen ; offenbar stecke dahinter eine Schrulle , wie man sie bei vornehmen Leuten häufig finde . Wer war seliger als Lenore ! Sie machte sich gar keine Gedanken über das Ungereimte und Märchenhafte in dem Angebot eines Mannes , der ihr vorher so schlau und vorsichtig erschienen war . Sie glaubte ohne weiteres an die wortreiche Erzählung des Händlers , glaubte , daß es in dieser Stadt und unter ihren Menschen einen Sonderling gäbe , der für ihre Blumengebinde solch fürstliche Preise aus reiner Liebhaberei zahlen wolle . Sie war nicht verwöhnt vom Glück , dennoch erweckte die Wandlung der Umstände durchaus keinen Argwohn , ja nicht einmal Befremdung in ihr ; sie war zu froh , um zu mißtrauen , zu dankbar , um zu zweifeln , und sie dachte nur an Daniel und daß er nun gerettet war . Den ganzen Weg nach Hause lächelte sie traumverloren . Dann saß sie Abend für Abend bei den Blumen , die sie am Vormittag aus dem Wald , von den Wiesen und aus den Gärten hinter der Feste geholt hatte . Dort war ein alter Gärtner , der sie begleitete und ihr immer die prächtigsten Zierblumen aussuchte . Auch hatte er einen lahmen Sohn , der verliebte sich in Lenore und stand meist mit strahlender Miene an der Pforte , wenn sie kam . Er versprach ihr auch für den Winter Blumen aus den Treibhäusern . Der Metzger wurde bezahlt , der Bäcker wurde bezahlt , der Drogist wurde bezahlt , die Miete wurde bezahlt , und Philippine riß die Augen auf , schüttelte den Kopf und sagte , da sei etwas nicht geheuer ; was es sei , werde gewiß ans Tageslicht kommen , und wenn ' s der Hinkel vom Mist kratzen sollte . Sie berichtete den Leuten von einem Gespenst , welches allnächtlich auf dem Dachboden des Hauses sein Unwesen treibe und einmal , bei Mondschein , rannte sie schreiend aus ihrer Kammer und beteuerte , ein knöcherner Finger habe ans Fenster geklopft . Lenore aber band Rosen und Levkoien und Tulpen und Stiefmütterchen und Moosblumen und allerlei anderes Gewächs zu reizenden , teppichartigen Gebilden oder zu Girlanden ; mit vieler Liebe gab sie sich dieser Beschäftigung hin und atmete dabei in solchen Wohlgerüchen , daß ihr manchmal schwindlig wurde . Dann lehnte sie sich aus dem offenen Fenster und sang leise in die Nacht hinein . Daniel wußte nichts von ihrer Tätigkeit . Wie er sich um die Not nicht gekümmert hatte , so fragte er auch jetzt nicht , woher die Fülle kam . 8 Kurze Zeit nach dem Tod Gertrud Nothaffts war Eberhard von Auffenberg in die Stadt zurückgekommen . Die letzte große Summe , die er ein Jahr zuvor von Herrn Carovius erhalten hatte , war nahezu aufgebraucht . Er fand Herrn Carovius in seinem Betragen ihm gegenüber bedeutend verändert . Herr Carovius erklärte , daß er ruiniert sei und kein Geld mehr aufbringen könne . Statt zu wehklagen oder zu prahlen oder seinen freiherrlichen Freund zu umschmeicheln und anzustacheln , wie er sonst getan , hüllte er sich in ein Schweigen , das nichts Gutes hoffen ließ . Eberhard hatte nicht Lust , zu bitten . Die Person des Herrn Carovius war ihm zu verächtlich , als daß