, wenn man von dem Schwanken absah , das ein beginnendes Fieber in mir hervorrief , konnte man merken , daß ich bereits so dahinging , wie zuvor der Holländer . Wie wir in diesem Zusammensein einander ähnlich geworden waren ! Als ich ins Lager kam , lag van den Dusen am Rücken und ächzte . Sein Gesicht war gedunsen , seine Lider waren gesenkt , aber ungleichmäßig und aus den Spalten kam ein kalter , stechender Blick . Die Lider sahen übrigens durch kleine , violette Äderchen wie verletzt aus ; sie färbten sich rot und schienen eiterig am Augapfel zu kleben . Und dieser Umstand verunstaltete das Gesicht . Ich kannte es , es war nicht lange her , da hatte ich es gesehen - es war ein kaltes , gemeines Katzengesicht . Ein Stück von dem Holländer entfernt lagen seine Brillen . Ich ergriff sie und setzte sie zum Spaße auf ; dabei sah ich van den Dusen scharf in die Augen . Sofort wurde die lichte Welt eine violette Grotte . Meine Kindereien machten den Kranken jedoch nervös , er bog in Verzweiflung den Hals zurück , das Gesicht nach hinten - es war das einer Leiche . Ein tiefer Seufzer sprengte seinen verschnürten Gaumen . Dieser Seufzer brachte mich auf einen Gedanken . » Was ist das für eine komische Manier , Charlie , ha ? « erkundigte ich mich teilnahmsvoll . » Jetzt weiß ich doch , wo ich diesen Ton her habe . Er wollte mir eine Zeitlang gar nicht aus dem Kopfe . - Sie seufzen wohl oft so des Nachts ? Was ist denn los mit Ihnen , he , alter Knabe , reden Sie ! « Er sagte aber nichts und wir schwiegen . Ich untersuchte das Gepäck . » Das Chinin ist fort ! « , rief ich plötzlich . Das war ein böser Fall , aber ich bekam kein Wort aus ihm heraus . Er hatte sichtlich einen schlimmen Tag . Ich war mit meinen Gedanken auf mich angewiesen . Das Chinin war alle ! Wenn jetzt einer von uns kräftig das Fieber bekam - ach , daß doch Slim noch dagewesen wäre ! Dummes Zeug ; ein solcher Kerl und mußte auf diese stupide Art und Weise zugrunde gehen . Daß er aber nicht schwimmen konnte - es war unverständlich . Merkwürdige Dinge ! » Charlie , sagen Sie mal « , sagte ich wieder , » Vielleicht haben Sie schon etwas davon gehört - nämlich feuchtes Holz , nicht wahr , oder Holz in einem Wasser sagen wir , das zieht doch an - nicht , scheint Ihnen das nicht plausibel ? « Er schwieg . » Es gibt so Gravitationsgesetze , von denen wir noch nichts wissen « , fügte ich als Erklärung hinzu . » Das heißt , ich meine nur so . Ich kann mich möglicherweise auch irren . - Soll ich Ihnen Wasser bringen , Charlie ? « » Nicht vom Fluß « , sagte er . » Warum denn nicht ? Aber Charlie , sonst ist ja keines hier rund herum ! « » Ich weiß nicht ; lassen Sie mich . Ich weiß nichts . « Seine Stimme war scharf , sein Gesicht verzerrt . Die Augenlider klafften und entblößten einen grauen , verschleierten Blick . » Aber ich verstehe Sie nicht , Mensch , wir haben doch den Filter , warum wollen Sie es denn nicht aus dem Flusse ? « » Es ist ja Leichengift darin , Sie Dummkopf , verstehen Sie denn nicht ? « schrie er . Er richtete sich auf und sah mich triumphierend an . » Ach so « , sagte ich . » Na ja , ich glaube , das macht nichts . Wir haben ja früher auch schon immer dieses Wasser getrunken ! « Er lachte . Ich war offenbar ein unerhörter Idiot . Mit flüsternder Stimme sagte er : » Man muß die Leiche aus dem Wasser herausziehen . Das Wasser ist jetzt kleiner , der Wirbel gibt jetzt alles von sich , was er gefressen hat . Man muß die Leiche in die Höhle bringen , ja - Slim war ja ein großer Mann hähä , er hatte dort so ein - eine Art von Mausoleum - - - Sie sind ein Dummkopf , Mann . Was sehen Sie mich denn so an ? Sie verstehen nichts . Gar nichts verstehen Sie . Verstehen Sie etwa das , daß Slim doch ein Höhlenbewohner ist , ein Urmensch , und daß er jetzt in die Höhle gehört ? Der neue Mensch und der Urmensch . - Sie , Sie - - - das ist Symbolismus . Haben Sie eine Ahnung , Mann ? Sie halten mich für verrückt . Ich bin auch verrückt . Aber darum denke ich doch scharf . Ich denke ungefähr zehnmal schärfer , zehnmal mikroskopischer , sagen wir in zehnfacher Vergrößerung ! - Haben Sie noch nie bemerkt , daß Verrückte Sprachfatalisten sind ? Passen Sie auf , Mann . Die Zufälligkeiten der Sprache sind die Schicksale des Gedankens - - - die Leiche des neuen Menschen gehört also in die Höhle ! Man muß die Leiche in die Höhle bringen . Sie vergiftet den Fluß ! « » Ach , meinen Sie « , sagte ich sanft , » das könnte ja sein . Aber vielleicht ist sie schon in der Höhle . Vielleicht ist sie gar nicht mehr im Flusse ! « » Man sollte die Leiche wirklich in die Höhle bringen . Aber man muß acht geben « - fuhr er fort - » sie nicht ganz zu zerbrechen . Kein Knochen ist ganz im Leibe . Man muß sie mit den Rudern heraufschleifen - - - « » Ja , mit den Rudern . « Er warf mir einen Blick zu und hielt inne , als ob er sich auf etwas besönne . » Mit den Rudern « , sagte er langsam . » Woher wissen Sie das ? Haben Sie das etwa geträumt ? Ich habe es heute geträumt . Man benützt die Ruder als Tragbahre - der Wirbel gibt seine Beute jetzt wieder her . Es ist wenig Wasser da ; das Gift verbreitet sich in diesem wenigen Wasser zu schnell . Verstehen Sie ? « Er legte sich zurück und zerrte mit den Händen pantomimisch etwas vom Halse weg , das ihn dort würgte . Sein Gesicht stand nach oben . » Das Gewehr muß auch dazu « , sagte er plötzlich ; » man muß ihn rituell begraben , er war ein großer Jäger ; man muß ihm eine Kugel geben , er ist an einer Kugel gestorben . Unsinn , ein Mann wie Slim kann nicht ersaufen . Er stirbt kriegerisch , die Kugel geht mitten durchs Herz . Puff , da liegt er . Dann haben Sie ihn erschossen . - Geben Sie zu , Sie haben ihn erschossen ? Sie brauchen ihn nie wirklich erschossen zu haben . Aber Sie haben so einmal unter der Hand daran gedacht , so nebenbei , zum Vergnügen , hähä . Der Gedanke allein tötet . Die Kugel kommt dann später . Gestehen Sie also , haben nicht vielleicht Sie ihn getötet ? Sie glauben natürlich , ich sei ein Narr , oder ich triebe meinen Spaß mit Ihnen . Aber Sie sind kein moderner Mensch ; Ihre Sinne sind nicht scharf . Riechen Sie zum Beispiel hier - dort , riechen Sie nicht , daß das Wasser nach Leiche schmeckt ? Es schmeckt ganz bestimmt danach . Was sage ich Ihnen ? « Sein Gesicht erhielt einen Zug von bösartiger Schlauheit , es drückte eine erschreckende , verwickelte Intelligenz aus . Er lächelte , seine Lider fielen herab und bekamen rote und violette Knötchen , darunter kroch glasig sein Blick hervor . Seine Gedanken waren offenbar mit einem bestimmten Bilde beschäftigt . Er lächelte immerfort und ließ mich nicht aus den Augen . Sein Gesicht wechselte die Farbe , sein Lächeln verkrampfte sich , Angst und Ironie erhellten seine Züge etwas und ließen sie einen Augenblick ganz vernünftig erscheinen , seine Versponnenheit wich . Wir kämpften mit Blicken um den Vorrang ! Da verdrehte er die Augen . Im nächsten Augenblick hatte er aufgeheult . Der Speichel floß ihm über die Lippen . » Was sehen Sie mich so an ? Gehen Sie weg . Weg , weg von hier . Ich kann Sie nicht ertragen . Sie schleichen sich in meine Gedanken ein , Sie stehlen mir meine Seele , Sie - weg , gehen Sie weg von hier ! « » Aber , was ist denn los « , sagte ich ; » beruhigen Sie sich doch . Ich tue Ihnen ja nichts . Ich will Ihnen doch helfen . Ich suche schnell noch einmal nach , vielleicht ist doch noch etwas Chinin da . « Ich hatte mich zu ihm herabgebeugt und die Hand auf seine Schulter gelegt . Er krümmte sich zusammen und entzog sich der Berührung . » Um Gottes willen , tun Sie das nicht « , weinte er . » Rühren Sie mich nicht an . Ich erbreche , wenn Sie mich berühren . Ich hasse Sie . Nein , ich hasse Sie ja nicht . Ich habe gar nichts gegen Sie . Ich kann Sie vielleicht ganz gut leiden . Aber ich vertrage Sie nicht , ich gehe zugrunde , wenn Sie nicht fortgehen . Ihre Nähe demoralisiert mich , sie braucht das Mark auf , das noch in mir ist . Wie Sie Slim ähneln ! Wenn Sie ahnten , wie Sie ihm ähnlich sind ! Alle sind wir derselbe geworden , seit wir so zusammenleben müssen - ich ertrage es nicht mehr , ich werde Sie töten , gehen Sie fort , lassen Sie mich verkommen , lassen Sie mich um Gottes willen verkommen ! « Er lag schief auf der Hüfte wie ein Blessierter , dicke Tränen rannen ihm in den Bart. Ich entfernte mich ein Stück und blieb ratlos stehen . Wohin sollte ich denn gehen ? » Gehen Sie , Hund ! « schrie er mir nach . Ich fühlte einen stechenden Schmerz am Herzen , ich war tief traurig , ich hatte das paradoxe Bedürfnis umzukehren , um mit ihm zu schluchzen . Ich entschloß mich niederzuknien und ihn um seine Liebe zu bitten , ich ging aber schnell weiter , hinaus in die heiße Luft und empfand sofort eine große , monotone Klarheit gegenüber meiner letzten Sentimentalität . Er war geistesgestört . Aber ich hatte damals kein Maß für Menschliches , ich hatte keine Exemplare zum Vergleiche , ich nahm ihn also für voll . XXXII Das Fieber brach ins Lager ein und die Hungersnot kam ihm zuhilfe . Wir beiden Europäer lagen hilflos in uns begraben . Unsere Macht ging nicht über unsere Fingerspitzen hinaus und unter unseren Leuten hauste die Empörung . Ein wüster Tumult war unter ihnen ausgebrochen . Einer der Männer lag von Messerstichen zerfleischt neben uns ; Zanas weibliche Natur kam zum Durchbruch , sie nahm sich seiner an und heilte ihn mit den Künsten der Priesterin . Sie sprach viel und in erregtem Ton : sie hatte eine Rolle unter den Männern . Plötzlich schoß mir , der ich alle diese Dinge im Zustand des Halbbewußtseins wahrnahm , der Gedanke durch den Kopf : wie , wenn sie nun den Vorschlag gemacht hätte , die beiden höchst überflüssigen Europäer aus dem Wege zu räumen ? Zuzeiten konnte man sie jetzt singen hören . Sie sang einförmige tiefe Lieder , eine natürliche singvogelartige Schwermut lag in ihnen . Vielleicht besang sie ihr Heimatdorf , vielleicht waren diese halben Noten die Sehnsucht nach dem Stamme und nach den Tänzen des herrlichen , allgewaltigen Moki ? Ach , ich hatte die süße Emanzipierte nie gehabt ! Mit allen war sie auf behenden Knöcheln in den Djungle geschlüpft , allen hatte sie sich in ihrer wilden Lust gezeigt , rings herum hatte sie ihre Liebe verschenkt und niemand hatte sie richtig gewürdigt . Ich aber , der ich allein Verständnis für die Art ihrer Leidenschaft gehabt hätte , ich hatte sie niemals besessen . Ich war an ihr verdorben und verhungert . Denn jetzt war es Zeit , jetzt kam es zutage : dürr und unbefruchtet war meine Männlichkeit geblieben . Es war die alleinige Ursache aller meiner Schwächen gewesen . Meine Herren , Sie wissen , das bringt herunter - und ich hatte ja Zana nie gehabt ! Erfolglosigkeit untergräbt den besten Charakter , in der Liebe aber ist es eine unmögliche Position . Slim hat behauptet , unser Geschlecht kenne die Sehnsucht nicht mehr . Dies bleibe dahingestellt . Sicher ist , daß es tausend Gründe für einen Mann gibt , sich zu verlieren , und diese tausend Gründe sind oft nur ein Weib . Ich habe Zana nie bekommen . Das genügt , um alle diese Verwickelungen zu erklären und eine Geschichte zu schreiben . Es genügt , um sich in Träumen zu nehmen , was einem in der Wirklichkeit versagt ist . Die Zwiebackkaissons waren erbrochen , die Konservenbüchsen geleert und eingetreten . Niemand brachte Wildbret ins Lager . Aber je stärker der Hunger sich meldete und je dünner ich um die Hüften wurde , desto unwiderstehlicher wurde die gleichfalls magere Schönheit Zanas , diese Hungerschönheit , diese krankhafte asketische Zärtlichkeit , die in ihren Körperformen festgehalten war . Ich liebte Zana mit dem Geschmacke , ihr Anblick zerlief mir am Gaumen . In meinen Hungerdelirien beschäftigte ich mich mit den Reizen ihrer Knochen , über denen die Haut gespannt lag . In meiner eigenen Bauchhöhle wurden die edlen Organe muskulös , ich konnte sie gebrauchen wie dressierte Bestien , und ich gebrauchte sie , um mir auf Grund ihrer originellen Kräfte die unerhörtesten Zärtlichkeiten für Zana vorzustellen . Der Zusammenhang zwischen den primitiven Nöten der Menschheit war hergestellt . Jawohl , ich schmeckte damals den Liebreiz Zanas . Ich umarmte sie mit meinen Eingeweiden , ich bewegte mein Herz aus dem Brustkasten und legte es sanft an ihre Wange , ich ließ es eine Weile stillstehen vor Jubel und ließ es wieder tanzen zum Preise Zanas , ich zog meinen Körper in Demut zu einem einzigen sehnigen Splitter zusammen und sprengte ihn in die Luft durch einen einzigen heftigen Willensakt . Dies alles tat ich und viel andere Muskelkunststücke mehr um Zanas willen , und weil der Hunger mir die Männlichkeit zurückgab , die ungestillte Liebe mir genommen hatte . Träume kamen und Tage . Sie glichen sich und enthielten einander . Aber dann kam ein Tag , und an diesem Tage bekam ich Zana doch . Nichts hatte ich im Magen , ich war nüchtern bis auf die Knochen aber voll Glut , und ich erfaßte die scharfsinnigsten Dinge im Fluge . Es war die leere Wärme , mit der mein Mastdarm sich beschäftigte . Doch dieser Dunstumschlag von innen her tat gut , er bewirkte eine einigermaßen lebhafte Verdauung , so daß ich meine eigenen Gifte zu schlucken und zu fressen anhub . Am zweiten Tage , da ich nichts gegessen hatte , war ich soweit , daß ich mich inmitten der lustigen Hitze , die mich umgab , zu dehnen und zu strecken begann , Herz , Leber , Darm und Milz einzeln springen ließ , wie gesagt , und einen deutlichen Aufschwung meiner Energie wahrnahm . Dies war der Höhepunkt , mußte ich mir sagen . Die Hitze war gut aufgelegt , sie krachte , sie sprudelte vor Klapperdürre . In diesen Tagen hatte ich keine Empfindungen . Es war , als wäre ich an eine Vergrößerungsvorrichtung angeschnallt , so unermeßlich und ewig war der Ausschlag , den alle Reize in ihrer Art hervorriefen . In diesen Tagen fiel die Sonne vom Himmel zur Erde herab . Dort lag sie am Buckel wie eine ungeheure vollgesogene Wanze und zappelte mit tausend Beinen , stach mit tausend Rüsseln und konnte sich nicht mehr erheben . Ich fühlte nun genau , wie sie am Rücken lag und nicht mehr aufkonnte . Ich fühlte sie am eigenen Leibe , ihre Verlassenheit und Breitspurigkeit , es war eine ungeheuer wirkliche Mitempfindung trotz ihrer Seltsamkeit , die mir übrigens nicht weiter auffiel . Manchmal fühlte ich , ich selbst wäre die Sonne . Als aber während des Tages die bissige Riesenwanze sich doch einmal zusammenraffte und langsam in den Schatten hinter der grünen Laubwand kroch , kam eilig der Mond gefedert und wurde immer deutlicher und schwerer . Zuletzt spießte er sich an einen hervorragenden Ast und beutelte sich zu Tode wie ein kleiner Vogel . In ein paar Zuckungen war es getan . Der flockige Seidenballon platzte entzwei und daraus schlüpfte zart eine dünne weiße Frau , die sich bald in Zanas schmachtende Formen verwandelte . Sie wechselte die Farbe und wurde rot . Wolken dampfenden Sonnenunterganges brachen aus ihr hervor und hüllten sie ein . Ich entsinne mich dieser Vision genau . Plötzlich gingen diese Wolken auf und nieder . Sie trugen etwas dahin , sie waren Wasser , und was sie trugen , war der Körper eines bärtigen Mannes . Ich strengte mich an , das Bild zu verfolgen . Und da es Abend war und mein Kopf sich scharf und klar fühlte , gelang es mir , lückenlose Verläufe zu bilden von Dingen , die das unberauschte Gehirn nur als Fragmente und Rätsel erlebt . Atemlos folgte ich den Bewegungen des Körpers , indem ich mich mit Spannung wie in Erinnerungen verlor . Der Körper tauchte ein paarmal auf und nieder und kam dann wieder über Wasser . Man konnte sehen , daß er lebte . In mich gehend stellte ich mir vor , was nun geschehen müßte . Der Mann im Wasser streckte die eine Hand empor und ballte sie zu einem Griffe . An seiner linken Schläfe klaffte eine lange Wunde , aus der Blut floß . Diese Wunde speiste das umliegende Wasser mit einem trüben Rot . Dann kam eine kleine Verwirrung , ein Rudel von Bewegungen , das ich nicht zergliedern konnte , weil es zu schnell aufeinander folgte . An diesem Punkte war meine Phantasie etwas weniger exakt . Ich hatte immerhin Zeit genug , zu bemerken , daß von irgendwoher aus der Luft der Schaft eines Ruders sich löste und mit Vehemenz auf die linke Schädelseite des Mannes herabsenkte . Der Getroffene hatte einen Seufzer ausgestoßen , einen unbedeutenden melodischen Schrei , der alle Töne einer Brust umfaßte . Diesen Ton kannte ich , hihi . Es ist das Liebesflöten des Kakaduweibchens , wenn der leidenschaftliche Herr und Gebieter von ihm Besitz nimmt , wenn sein scharfer Schnabel die Geliebte am Halse , an den Augen , an der großen Schlagader kitzelt . Diesen tiefen Brunstschrei stieß der Mann aus , dann sah ich ihn ruhig im Boote sitzen . Dort saß ich selbst . Das Boot glitt über zwei Welten dahin . In der einen konnte ich nur vorwärts und nicht hinter mich sehen . Die untere Welt aber eröffnete mir ungeheure Möglichkeiten von Teilnahme . Ich war bei verschiedenen Dingen , zum Beispiel bei mir selbst , gegenwärtig , ich konnte eine ganz eigenartige reichhaltige Kontrolle über das Leben ausüben . Dort saß ich und hielt einen großen berühmten Monolog über Spiegelungen und Phantoplasmen . Inzwischen kamen die Sterne zu mir herab , sie dufteten warm und waren rot und grün und bläulich , sie bewirkten eine sanfte Harmonie , während sie flogen . Manche aber hatten einen giftigen Atem , sie stießen mich an und bissen mich ins Blut . Ich schlug sie mit der flachen Hand tot . Dann gab es einen lauten Klatsch , sie erhoben sich jedoch und verließen mich in meiner Undankbarkeit . Wenn ich munter und für Augenblicke kühler wurde , wischte ich mir die blutigen Leichen zerschmetterter Moskitos von Kinn und Händen . Ich hatte sie unglückseligerweise mitgetroffen , während ich nach bösen Sternen jagte . Das war der Zauberer Hunger . Er machte mich zur Vergrößerungslinie für Ereignisse des Lebens unbedeutender und brutaler Art. Er stürzte mich ins tiefste Elend und in die schmutzigste Schmach . Zugleich aber gaukelte er Trug vor mich hin , und als ich am tiefsten in mich und meinen Niedergang getaucht war , da riß er mich empor in die Ekstase und gab mir verzweifelte Kräfte . Eine große , schwarze Sammethummel brummte , und da war es wieder wie vor Jahren , als ich ein Bub war und lag daheim zwischen hohen Gräsern in der Wiese . Das Hummelchen in dem schönen , schwarzen Pelze mit den goldenen Tressen brachte seinen kleinen , kräftigen Körper vor einer Blüte zum Stillstand und summte eine Honigweise . Der Bub lauschte ; es war wie die Stimme einer alten Frau hinterm Walde . Da wußte er , daß er allein sei und ein zärtliches Gefühl zog ihm über den Magen herauf Alle die Heimlichkeiten seines Körpers kamen da über ihn , seine Intelligenz wurde scharf und findig , und er erkannte , wer er war . Er erkannte sich als einen Körper . Wenn man die vielen seltsamen Dinge , die man an seinem Körper erlebt , erzählen könnte , welches Märchen , welche wunderbare , unglaubliche Geschichte würde das werden , welches wichtige Werk für die Menschheit ! Gibt es Abenteuer ? Alle Abenteuer sind nur Abenteuer der Nerven . Hier lag ich unter dem glühenden Himmel , dessen ich mich damals in meinen Träumereien gleichsam entsonnen hatte . Nun war da wirklich jenes Blühen und Gedeihen , das mir der heimische Wald nur ahnungsvoll versprochen hatte . Ein summendes Insekt , ein mystischer Mechanismus , wie eine kleine fellige Hand , die durch die Luft fliegen und Blüten ergreifen konnte , hatte die Stimmung der Hummel wieder . Hier war das Original knabenhafter Wollust der Ahnung . Und nun kamen alle die himmlischen Gefühle wieder und rumorten in meinen Eingeweiden . O , mein nüchterner Magen war schwer von Liebe ! Ich war mager wie ein Asket , aber meine Nerven waren so fein , daß ich an der Art , wie das Leinen meines Anzuges sich an ihnen scheuerte , mich über meine dünnen Sehnen unterrichten konnte , die gute Kraft beherbergten . Ich war biegsam wie ein Fakir und ekstatisch wie nur ein Hungernder . In diesem Zustande hatte ich dann mit mir und meinen Nerven ein Abenteuer , das mir bis heute nicht genügend aufgeklärt erscheint , um Schlüsse für die Wirklichkeit daran zu knüpfen . Mir ist , als hätte ich Zana doch bekommen . Ich fühle mich frei und bereue nichts . Ich habe nicht die Empfindung , als wäre diese Reise in irgendeiner Art ein Minderwertigkeitsbeweis für mich geworden . Wäre ich unbefriedigt , so dürfte ich daraus wohl schließen , daß ich Zana niemals bekam . Ich fühle mich aber wohl , und es geht mir gut . Ich möchte es hier gleichwohl nicht als Tatsache hinschreiben , daß ich Zana bekam . Denn ich weiß über diese letzten Ereignisse so wenig , wie über die wichtigsten äußeren Ereignisse während dieser Fahrt überhaupt . Sie sind für mich in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt , den ich noch heute oft genug zu lüften mich bemühe . Aber ich habe nichts behalten als die Erinnerung an Gedanken und unerklärliche Vorgänge , die mich seelisch beeinflußten . Man muß in Rechnung ziehen , daß ich wahrscheinlich von allem Anfange an bereits unter dem Fieber litt , ohne es in bestimmender Weise zu merken . Ich erzähle , was ich erfuhr und dachte . Die einzelnen Vorgänge durch ein sachliches und detektivartiges Schließen zu verbinden , liegt nicht in meinem Interesse . Ich kann und darf nicht die letzten Konsequenzen aus den Vorgängen ziehen , so wie sie sich mir eingeprägt haben . Ich gelangte sonst zu Ergebnissen , die mich abhalten müßten , dieses Buch zu schreiben . Auf der anderen Seite habe ich mir bei meiner Berichterstattung schonungslose Aufrichtigkeit zur Pflicht gemacht . Ich halte es daher für einen wesentlichen Teil dieser Geschichte , meine damaligen Zustände und Empfindungen in ihrer ganzen Verschwommenheit festzuhalten . Van den Dusen wälzte sich von einer Seite auf die andere , erhob sich und blickte mich starr aus roten Augen an , als ahne er , was in mir vorging . Er hielt um diese Zeit lange Selbstgespräche , in denen geheimnisvolle Sätze vorkamen . Er war irr , und ich gebe sie hier nicht wieder . Ich sprang auf und lief hinaus an die Sandbänke des Flusses . Dort stand Zanas lange Gestalt . Sie stand mit beiden Füßen im Wasser . Der Strom war im Steigen und überflutete die verwischten Dünen . Ein heller Ton , ein Klingen lag in der Luft , an verschiedenen Stellen rieselte ein seichtes Gefälle über das Geröll , haha , hoho ! und Zana stand mit den Füßen im Wasser . Ihr im Rücken lagen verstreut einige Blöcke . Dahinter duckte ich mich und pirschte mich an . Bei dem letzten Stein hatte ich eine Begegnung . Dort saß , Zana zugewandt , unsere alte Rothaut . Der alte Kerl saß ziemlich welk und vergrämt da und sang leise , sah zu , wie Zana im Wasser stapfte . War vielleicht verliebt und besang ihre Beine , der alte Herr . O Gott , sie waren jetzt so dünn wie sein eigener alter Arm . Ich sprang unversehens hervor und verursachte für Zana ein kleines Bad , sie zeigte sich aber durchaus nicht erschrocken , als ob sie mich geahnt hätte . » Was hat er denn ? « frug ich , auf den alten Indianer weisend , dessen Anwesenheit mich ein wenig enttäuschte . Ich frug es englisch und eigentlich nur , um einen Anknüpfungspunkt zu finden , obwohl alle Verständigung mit solchen bürgerlichen Mitteln hier hoffnungslos war . Zana verstand es aber nun doch , antwortete zischend und fauchend und legte die Hand auf den Magen , indem sie ihn einzog . Ein darbender Greis ! Die Jungen verließen ihn , seine alten Knochen waren nicht mehr rüstig genug zur Jagd , nun siechte er dahin und gab in Hungerstimmung seine letzte Lebensweisheit preis . Wer weiß , vielleicht machte es ihn produktiv , und er erfand neue Themen über das Leben eines Indianers oder neue Behandlungen , was das gleiche ist . So wie er dasaß , schien er zu seinem Stein zu gehören , ein Stück Urgebirge , die Verwitterung selbst , ein Abbild alles dessen , was in der Wildnis an dem Menschen zehrt . Und weil es nun schon einmal sein Schicksal wollte und weil auch ich mit Hunger gesegnet war , ließ ich ihn dort sitzen , wo er saß , und nahm Zana bei der Hand . Ich inszenierte eine regelrechte Entführung , rekonstruierte gleichsam das Urbild aller Liebesehen . Zana wog federleicht , als ich sie auf meine Arme nahm . Ich rannte ein Stück stromauf , bis sich eine Gelegenheit ergab , dort flogen wir in die Büsche . Sie riß mir die Kleider vom Leibe , sie selbst war nackt , sie biß mir die Lippen wund und geiferte mir ins Gesicht vor Liebe . Sie stöhnte und führte Tänze auf , während sie in meiner Umarmung hing . Ich sah das Weiße ihrer Augen durch einen Spalt , ich hielt mit rasendem Entzücken ihre dünnen Knochen in meiner Hand ... da krachte ein Schuß . Kurz darauf folgte ein zweiter und ein dritter . Die Kugeln vibrierten einen Augenblick über unseren Köpfen und trafen dann klatschend in fleischige Stengel . Der Knall war stoßartig und dünn und stammte aus einem leichten Gewehr . Den Knall kannte ich . Zana entsprang mir aus den Armen , ich folgte ihr und befühlte mein Gewehr , ob es auch das meine war . Denn in diesen Zeiten , da so allerlei Sonderbares vor sich ging - - - Ah , Zana war süß in ihrer Liebe , und es ist fraglich , ob ich sie jemals anders bekam , als in den schwülen Träumen des Fiebers . Und doch ist es sonderbar , wie alle diese Visionen von damals in mir haften blieben , während ich mich auch nicht der kleinsten Tatsache folgerichtig entsinnen kann . Ich schluchze vor Freude , ich habe noch jenes innige Gefühl von damals in der Magenhöhle , wenn ich mir die Süßigkeit Zanas aus jenen Zwischenzuständen ins Gedächtnis rufe , die Wirklichkeit und Ausgeburt zu einem untrennbaren Erlebnis verschmolzen . Wie anmutig ist sie damals gewesen , als wir unseren Freund van den Dusen mit allem Pomp der Zärtlichkeit für seine sinnige Art , auf uns zu schießen , durch brausende Gunstbezeugung glücklich machten ! Ich schoß ihm eine Kugel durch und durch , sie traf ihn auch richtig an einer kitzlichen Stelle in die Eingeweide , wo die Liebe wohnt . Aber dann hättet ihr Zana sehen sollen ! Ich entbrannte lichterloh , ich fand sie reizend wie nie , als sie ihm die Nase abschnitt und nichts zurückblieb , als ein merkwürdiges , interessantes Gehäuse , das einer entkernten Pflaume ähnlich sah . Ich war verliebt bis zum Wahnsinn , als sie mit den Füßen auf den Bauch trat , und ich tat mein möglichstes , ihr darin beizustehen . Aber du mein Gott , mein Talent dazu erwies sich als gering , ich war europäisch verzärtelt , und außerdem war es ja nur ein Traum , in dem allerlei Hemmungen die Tätigkeit zu beschweren pflegen - - - Ja , es hatte in der Tat einmal jemand auf uns geschossen , dessen kann ich mich als bestimmt erinnern . Und gerade als wir , erfreut über diese Zutat zu unserem Liebesidyll , aus dem Busch herausstürmen , will es der Zufall , daß wir dem Holländer