gehalten hatte , wurde feuerrot , » kommen wir alle auf den Hund . « Konrad atmete auf - also lebte doch noch etwas in dem Künstler - und drückte ihm freundschaftlich die Hand . » Darum werden wir mit Gewalt aus diesem Sumpf gerissen werden , « sagte er mit ungewöhnlicher Zuversicht . » Oder sanft in ihm ersaufen ; wenn er auch dreckig ist , so ist er doch mollig und warm , « ergänzte Bernhard in bitterer Selbstironie . Als er im Bedürfnis , sich auszusprechen , zu Warburg kam und an der Türe schon wieder umkehren wollte , da er die ärztliche Sprechstunde zu stören vermeinte , trat der Freund ihm entgegen , - sehr blaß , mit Augen , die tief und glanzlos in den Höhlen lagen . » Bleib nur , « sagte er müde , » die Sprechstunde wird uns ' nicht stören , ich habe meine Kassenpraxis aufgegeben und meine Tätigkeit auch sonst erheblich eingeschränkt . Nur solchen Leuten helfen zu können , die sich Essen und Trinken , Luft und Licht , Ruhe und Bewegung zu bezahlen vermögen , und nicht imstande zu sein , denen , die es am nötigsten brauchen , diese Bedingungen allen Gesundens zu verordnen , das paßt mir nicht , das ist ein Hohn auf meine Wissenschaft und meine Ideale . Doch das nur nebenbei . « Und er erzählte , daß Gerhard Fink seine Beziehungen zu Sara Rubner endgültig gelöst habe . » Sie hatte ihn vor die Wahl gestellt zwischen sich und den Eltern . Da spielte er zuerst den schmerzvoll Entsagenden vor ihr , den gehorsamen Sohn , der Vater und Mutter nicht unglücklich machen dürfe . Es muß darauf zu einer bösen Szene gekommen sein , nach dem zu schließen , was Sara noch bebend vor Zorn und Aufregung mir andeutete . In ihrem Verlauf hat er die Haltung völlig verloren und scheint ihr - ich habe auch das aus ihren wilden Reden nur herausgefühlt - zynisch erklärt zu haben , daß er , « Warburgs Stimme sank und das Blut schoß ihm jäh in die Stirn , » nicht mehr nötig habe , sie zu heiraten . « » Elender Schurke ! « stieß Konrad zwischen den Zähnen hervor . » Sie ist ganz vernichtet « , fuhr Warburg fort . » Von Ausbrüchen elementaren Hasses und pathetischer Verzweiflung wird sie hin- und hergerissen . « » Man muß sie vor sich selber retten , ihr die Hand bieten , daß sie zurückfindet , « warf Konrad lebhaft ein , » eine Aufgabe , die in diesem Augenblick niemand erfüllen kann als du . « Warburg nickte . » Ich habe von Anfang an eine Katastrophe kommen sehen ; wie eine Schildwache habe ich darum immer vor ihrem Leben gestanden . Nur , daß der Kerl sie einmal so - so wegwerfen könnte , - « er brach ab , um nach einer Pause leise und langsam fortzufahren : » Sie fühlt sich vor sich selbst und vor der Welt - entehrt . « Konrad sprang so heftig auf , daß der Stuhl zu Boden krachte . » Weil ein Schuft sich als solcher enthüllte , - entehrt ? ! « rief er . Warburg hatte sich gleichfalls erhoben , schritt ein paarmal stumm mit gesenktem Kopf im Zimmer auf und ab und blieb dann dicht vor dem Freunde stehen , ihm fest ins Auge blickend . » Ich will ihr dienen , Konrad , dienen wie bisher , « sagte er leise , » vielleicht - vielleicht - « und er legte die Hand über die Augen . » Armer Freund , « murmelte Konrad . Dann ging er , um , von einem unbewußten Entschluß getrieben , Frau Sara Rubner aufzusuchen . Er erschrak , als sie ihn empfing . Sie war blaß und schmal geworden . Die breiten Backenknochen standen scharf aus ihrem Gesicht . » So sehen wir uns wieder - , « sagte sie . Er beugte sich über die dargebotene Hand , um sie zu küssen . Sie entzog sie ihm hastig . » Sie wissen nicht ? ! « Er nickte . » Auch , daß ich - besudelt bin ? « und ihre dunklen , fieberglühenden Augen richteten sich auf ihn . » Sie - besudelt ? ! « Er lächelte ein wenig . Frau Sara ließ ihn nicht weitersprechen . » Ich warf mich immer weg , « begann sie mit krampfhaftem Versuch , einen ruhigen , überlegen-spöttischen Ton anzuschlagen , » an eine Sehnsucht , die in den Sumpf führte , an ein Ideal , das sich als Fata Morgana erwies , an einen Menschen , der ein Schurke ist . Meinen Sie , man könne dabei reinlich bleiben ? Man käme nicht schließlich um vor Ekel ? « » Das ist , wie mir scheint , übertriebene Selbstqual ; es kommt doch wohl nur darauf an , sich nichts vorwerfen zu müssen , « meinte er , die ganze Kläglichkeit seines phrasenhaften Einwurfs , den er an Stelle eines Trostes fand , peinlich empfindend . Ihr Lachen verletzte ihn darum nicht . » Gibt es einen stärkeren Vorwurf gegen sich selbst , einen deutlicheren Beweis für die eigene Nichtigkeit , als solche Sehnsüchte , solche Ideale und Neigungen zu haben ? « antwortete sie . » Wahrhaft große , starke Menschen verlieren sich nicht ! « Er suchte vergebens nach einer Erwiderung , - er war sich noch nie so hilflos vorgekommen . Sie empfand offenbar seine Verlegenheit . » Was plagen Sie sich , Baron , « sagte sie , » es tut mir wohl , daß Sie mir nichts sagen können , - ich sehe daraus , daß Sie mich verstehen , und das brauche ich mehr als alles . Doch genug , übergenug der Geständnisse . « Auf ihren Glockenruf brachte das Mädchen den Tee , und sie saßen einander gegenüber als korrekte Gesellschaftsmenschen , die Konversation machen , auch wenn sie wissen , daß sie eine unwiederbringliche Stunde verpassen , in der sie einander so viel zu sagen gehabt hätten . Konrad erzählte ihr von den Eindrücken der letzten Tage . Sie hörte aufmerksam zu und sagte dann : » Schon lange fühl ' ich ' s : es liegt ein großes Sterben in der Luft . « » Aber auch eine große Sehnsucht nach Auferstehung , « meinte Konrad . Ein ironisches Lächeln flog um ihren Mund : » Glauben Sie ? Mir scheint vielmehr , daß Ideen und Menschen sich noch im Grabe wehren würden , wenn ein grausamer Gott sie aus dem Schlafe wecken wollte . « Und rasch , als fürchte sie jede Möglichkeit einer Vertiefung , lenkte sie das Gespräch wieder in die ausgefahrenen Gleise der Konvention . Konrad verließ sie nicht weniger enttäuscht , als er vorher Warburg verlassen hatte . Aber schon am nächsten Tage bat sie ihn schriftlich um seinen Besuch . » Ich habe gezögert , ob ich es tun sollte , « schrieb sie . » Wir lieben uns nicht , sind nicht einmal befreundet , - die übliche Schlußfolgerung daraus wäre , daß wir einander Fremde sind . Es gibt jedoch , wie mir scheint , Situationen , in denen dies Fremdsein zum größten Nahesein berechtigt und befähigt , weil keine Empfindung Blick und Urteil trübt und zu Schonung und Lüge verleitet . Ich muß jemanden haben , der offen und unbestechlich ist wie das , was mich in der Wirrnis der letzten Tage im Stiche ließ : mein Gewissen ... « Konrad eilte zu ihr . Eine einzige , große , gelbe Kerze brannte in Frau Saras grauem Salon . Darunter lag ihre schwarz gekleidete Gestalt lang ausgestreckt auf dem niedrigen Diwan . Ihre Lider waren gerötet , zwei dunkle Flecken brannten auf ihren Wangen . » Ich habe keine Zeit zu verlieren , « sagte sie . Erst jetzt bemerkte er die Unordnung auf ihrem Schreibtisch , in ihrer Umgebung . In wirrem Durcheinander befanden sich Bücher und Papiere . » Sie wollen fort ? « frug er , umschauend , dabei fiel sein Blick auf die Kerze , die feierlich , wie in einer Altarnische , in der einen Ecke des Zimmers stand und mit den zarten Rauchschleiern den feinen Duft frischen Wachses um sich verbreitete . » Vielleicht , « antwortete sie gleichmütig und dann , seinem Blicke folgend : » Meiner Schwester Todestag , - im vorigen Jahre vergaß ich , ihn zu feiern . Um so inbrünstiger geschieht es heut . « Sie kämpfte mit den Tränen . Er streichelte unwillkürlich ihre Hand wie einem kranken Kinde . » Nicht weich werden , Baron , bitte nicht , « fuhr sie fort , » wenn Sie mir helfen wollen , müssen wir Fremde bleiben . Denn eine deutliche Antwort erwarte ich - keine Ausrede - auf das , was ich Sie fragen will . Ich brauche Grausamkeit , keinen Trost . « Und mit einem jäh hervorbrechenden Schluchzen vergrub sie den Kopf in die Hände . » Sprechen Sie , « sagte er erschüttert , » wenn Ihnen Wahrheit helfen kann , wie könnte ich sie Ihnen vorenthalten ? « Sie hob den Kopf : » Ich danke Ihnen . « Dann fuhr sie mit vollkommen gefestigter Stimme fort : » Nach meiner Frage , Baron Hochseß - das wird Ihnen , sobald ich sie gestellt habe , ohne weiteres verständlich sein - , werden wir uns nicht wiedersehen . Sie dürfen mir , mag Ihre Antwort so oder so ausfallen , mag ich ihre Richtigkeit durch mein Handeln anerkennen oder nicht , danach nicht mehr begegnen . Und nun merken Sie gut auf : es stürzte sich jemand nächtlicherweile , in Fieberhitze glühend und fast erlöschend vor Durst , in dunkles Wasser , das ihm Erlösung schien . Dann erst , im Tageslicht , entdeckte er , daß es schmutzig war und häßliche Zeichen davon auf seinem Körper hinterließ . Und er lief weit fort . Und Scham und Verzweiflung liefen mit ihm . Trotzdem trieben ihn Fieber und Durst immer wieder zurück nach dem Wasser - « Draußen knarrte die Eingangspforte ; es ging ein Schritt . Sara schnellte empor , starrte mit reglosen Pupillen zur Türe , und ein Schrei tiefster Verzweiflung entrang sich ihrer Brust : » Wenn er käme , wenn er in diesem Augenblick käme , er , an dem ich mir selbst zum Spott und zur Verachtung geworden bin , - ich stürzte ihm in die Arme - ich küßte seine Füße - « Sie sank zusammen . Draußen war es still . Konrad hatte sich abgewandt , bis Saras rauh gewordene Stimme sein Ohr traf . » Kann so jemand weiter leben , Baron Hochseß ? « frug sie laut und scharf . Er öffnete schon den Mund zu rascher , beschwichtigender Antwort , als sein Auge dem der gequälten Frau vor ihm begegnete . Aus seiner dunklen Tiefe flehte eine in Ketten schmachtende reine Seele um Erlösung . Da verstummte er , verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll , ohne daß er gewagt hätte , auch nur die Fingerspitzen derjenigen , von der er Abschied nahm , noch zu berühren und ging . In derselben Nacht erschoß sich Frau Sara Rubner . Die große , gelbe Kerze brannte noch immer ihr zu Häupten , als man sie fand . Konrad legte Warburg ein rückhaltloses Geständnis von allem ab , was sich zwischen ihm und ihr begeben hatte . » Du wirst verstehen , « sagte ihm dieser mit jener Kühle , die er jetzt ständig wie eine Maske trug , » daß auch wir geschieden sind . « Auf dem Totenbett , wohin er blasse Spätherbstrosen trug , sah er Frau Sara zum letztenmal . Man hatte ihr nach jüdischem Brauch die dichten , schwarzen Haare in kleine , feste Zöpfchen geflochten ; zwei alte , häßliche Klageweiber plärrten Gebete und aßen dazwischen ihr Frühstück aus fettigem Zeitungspapier . Und nicht einmal mit Blumen durfte man das Lager bedecken . Das war gegen die rituellen Gesetze . Lange stand Konrad neben der Toten , verloren in Phantasien . Das war ja gar nicht Frau Sara , die dort geschlossenen Auges ruhte , jedes Reizes beraubt , den sie einst besessen hatte , fast unschön . War das die Zeit , die sich aus Ekel vor sich selbst entleibt hatte , - die Vergangenheit , die an ihren unerfüllten Sehnsüchten verwelkt war ? Und waren die draußen , die noch herumliefen und lärmten , als lebten sie , nichts als ihre Gespenster ? Schon am nächsten Tage fuhr er nach Hochseß zurück , glücklich , mit der wieder allein zu sein , die ihm einzig noch lebte . Da er weder einen Bildhauer noch einen Baumeister für das Werk , durch das er sie verewigen wollte , gefunden hatte , ließ er von einem alten Maurer aus dem Dorf aus unbehauenen heimischen Dolomitblöcken über ihrem Grabe im Part einen kleinen Tempel errichten . Nur eine Platte brauchte man in seinem Innern hochzuheben , um ihn zu ihr herabzulassen . Daß es nicht lange dauern würde , wußte er . Was konnte dem Leben an ihm noch liegen , nachdem ihm am Leben nichts mehr lag ? Im Laufe des Winters starben die Tanten , ohne viel Geräusch zu machen . Nun war er ganz allein auf Hochseß . Am Wechsel der Jahreszeiten allein merkte er , daß sich die Zeit bewegte . Unablässig fiel der Schnee . Die Hochebene der Langen Meile , wo die schwarzen Wacholderbüsche verstreut auf der Öde stehen , wie zerzauste Lebensbäume auf vergessenen Gräbern , und die kleinen , einsamen Häuser , die im Herbst , wenn in den dürftigen Gärtchen davor alles Blühende kahl und welk geworden ist , mit der Schamlosigkeit des Bettlers ihre Wunden und Blößen enthüllen , hatte er schon in den weißen Samt seiner königlichen Herrschaft geborgen . Und nun schlug er glitzernde Sternenschleier um die Bäume auf den Bergen und breitete unten im Tal die prunkende Schleppe seines Brautkleides aus . Er duldete nichts Dunkles . Wenn Wagenräder , Pferdehufe , Menschentritte sein Festgewand befleckten , so löschte er in einer Nacht jede Spur davon ; wenn der Schneepflug mühselig durch die Dorfstraßen knirschte und der Landmann sich ächzend Fußsteige grub , so triumphierte er , ein Herrscher von Gottes Gnaden , schon in den nächsten Stunden über die Kärrner . Und danach gaben sie ihren Widerstand auf , saßen mit gefalteten Händen hinter den eisblumigen Scheiben und sahen zu , wie die Flocken fielen . In der offenen Säulenhalle über Norinas Ruhestätte bedeckten blühende Blumen den Boden . Sie blieben lange Zeit hindurch das einzig Farbige . Bis der Schnee eines Nachts den Wind zuhilfe gerufen und auch diesen letzten Gegner überwunden hatte . Nun war alles weiße , reine Unendlichkeit . Und eine große Stille kam und verschlang jeden Laut . Unwirklich erschien Konrad der Frühling , als er danach wieder begann , wie eine Komödie mit gemalten Kulissen . Allmählich stellten sich die Nachbarn bei ihm ein , um ihn zu trösten , » herauszureißen « , » dem Leben zurückzugewinnen « . Er hätte ihnen am liebsten ins Gesicht gelacht , als sie davon sprachen . Ihr Leben : Wirtschaftssorgen , Familientratsch , Parteihader , und daneben - um dieses unheilvolle Dreigestirn vergessen zu lassen - offene und versteckte , von Spiel , Wein und Weibern beherrschte Amüsements ! Als ihm überdies Hilde Rothausen , die Verblühte , Verbitterte , mit deutlicher Absicht wieder zugeführt wurde , zog er sich in fast verletzender Weise zurück . Daß er der letzte seines Stammes war , - das wußte und das wollte er . Nachkommen in die Welt zu setzen , denen nur ein Erbe , in diesem mechanisierten Leben aber keine Aufgabe mehr zufiel , die mehr bedeutete als ein bloßes Erhalten dieses Lebens , - wie hätte er das verantworten können ? Die Kletterrosen um Norinas Tempel begannen zu blühen . Das war der Sommer , der kam . Noch nie war er so reich an Blumen und Erntehoffnung gewesen . Aber eine bleierne Schwüle lag in der Luft , die lastete schwer auf allem , was wachsen wollte , die verschleierte den Himmel , dämpfte die Farben und ließ die kleinen nesterbauenden Vögel unruhig flattern . Als in der Johannisnacht die Feuer von den Höhen flammen sollten - es war zum Brauch geworden , daß die Jugend sie überall schürte , ein Fanal ihres Frohsinns und ihrer Hoffnungen - , und die entfachte Glut schon zu knistern begann , brach ein Unwetter aus , und Ströme rauschenden Regens erstickten jeden Funken , wenn er auch noch so hartnäckig zu zünden begehrte . Ein paar Tage später sprengte ein Reiter in den Hof von Hochseß : Alex Rothausen . Er war heiß und rot und überhörte völlig Konrads gemessene Begrüßung . » Weißt du schon ? « rief er , sein Pferd zügelnd . » Eben telegraphierte der Amtsrichter an den Vater : Ein Attentat ! - Der österreichische Thronfolger ist ermordet ! Beim Einzug in Serajewo von einem Russophilen , wie es scheint ! Das ist das Signal - « » Zum Kriege ! « fiel ihm Konrad ins Wort ; sein Antlitz strahlte - » nun hat das große Sterben ein Ende ! « Entgeistert sah der Reiter den Schloßherrn an : sollte die Nachbarschaft dennoch recht haben , wenn sie nur noch vom verrückten Hochseß sprach ? ! Er hatte keine Zeit , darüber nachzudenken . » Ich trag ' s weiter , um alle Schlafmützen wach zu rütteln , « rief er lachend und stob zum Tore wieder hinaus . Danach stand der letzte des alten fränkischen Ritterstamms vor dem Bilde dessen , der auf dem weißen Mantel das große schwarze Kreuz trug , und hielt Zwiesprache mit ihm . Vom nächsten Morgen ab aber bestellte er Haus und Hof , war von früh bis spät auf Feld und Flur zu finden , den Knechten und Mägden ein strenger Herr , den Bauern ein Vorbild . Alles regte wetteifernd die Hände , als gelte es zu schaffen und zu bergen auf mehr als ein Jahr hinaus . Und er selbst hißte auf dem Turm von Hochseß wieder die Fahne . Zehntes Kapitel Von der Auferweckung In der Sommerschwüle unter den hohen Kastanien auf dem Hof von Hochseß summten und surrten Fliegen und Wespen , und die Pferde vor dem leichten Selbstfahrer am Portal stampften ungeduldig . Konrad stand auf der Schwelle , der alte Greifensteiner neben ihm . » Es bleibt mir wohl kaum noch etwas zu sagen übrig , « begann er , mit einem raschen , hellen Blick , der wie von Zärtlichkeit glänzte , um sich schauend . » Nur , daß ich noch immer nicht begreife , « brummte der andere . Ein Lachen , klar und froh , wie sorglose Jugend zu lachen pflegt , unterbrach ihn : » Nenn ' s eine Schrulle - eine neue Verrücktheit - , wie du willst ! Hochseß steht auf zwei Augen . Da ist ' s immerhin gut in diesen romantischen Zeitläuften , ein Paar andere in die Verhältnisse einzuweihen . « » Du tust , als wärst du ein fahrender Ritter und wolltest dich vom österreichischen Bundesbruder zum Kampf gegen die Serben und sonstige dreckige Balkanvölker werben lassen , « erwiderte Rothausen noch immer voll Mißmut . Noch einmal lachte Konrad : » Das Schlechteste wär ' s nicht ! « um dann ernster hinzuzufügen : » Besinnst du dich auf die Verwandtschaft zwischen Adel und Abenteurer , die die Großmutter einmal definierte ? Der alte Kreuzritter droben zog auch aus keiner anderen als der inneren Berufung ins Preußenland wider die Polen . Im übrigen : du kennst ja meine Ansichten über die Weltlage . Und er sprang elastisch auf den Bock , noch einmal die Hand herunterreichend . « Kräftig in sie einschlagend , sagte der Greifensteiner : » Gott verzeih ' mir meine Schnauze , die ich in der letzten Zeit nicht im Zaume hielt , wenn sie über dich herzogen ; bist doch ein Kerl vom alten Schrot und Korn , Konrad . Wir sehen uns vielleicht noch in Berlin , wenn du recht behältst und es wirklich losgeht , - müssen doch auch von dem Jungen , dem Alex , Abschied nehmen . Leb ' wohl indessen und Glück auf den Weg ! « Die Pferde zogen an . Da fiel Konrads Blick auf den Turm mit der flatternden Fahne . Er wandte sich noch einmal um . » Ich vergaß - « rief er zurück , seine Stimme hallte laut unter dem Torweg - » daß sie mir keiner herunterholt - jetzt blühen die Rosen ! « In scharfem Trabe ging es den Berg hinab . Erst unten zügelte Konrad die Füchse . Denn vom Parkhügel leuchtete , überschüttet von brennenden Blütenbüscheln , Norinas Tempel ins Tal . Und langsam , ganz langsam , gesenkten Kopfes , als schritten sie im Trauerkondukt , zogen die Pferde den Herrn vorüber . Und nun umfing ihn der Wald , und es war , als ob die Bäume mit ihrem trauten , tiefen Schatten ihn wie mit zärtlichen Armen halten wollten . Dann kam die Wiese und lachte ihn an , und der Bach , der sie durchzog , lud ihn zum Plaudern . Doch immer nur rascher griffen die Pferde aus . Da - welch ein Hindernis ? Noch rasch zog der Fahrer die ungebärdig sich bäumenden Tiere zurück . Vor dem Wirtshaus von Gasselsdorf unter dem Kastaniendach stauten sich die ländlichen Gefährte , die vom Markte kamen , und um einen , der vorlas , drängten sich Männer und Frauen mit heißen Gesichtern . Kaum , daß jemand dafür Gedanken hatte , beiseite zu treten . » Hallo ! - « rief Konrad . » Hallo ! « sekundierte der Reitknecht , der neben ihm saß , mit gewohntem rauheren Tonfall . » Laß das , Johann , « verwies ihn der Herr , » heut hat jeder ein Recht auf die Straße . « » Der Hochseß ist ' s , « schrie einer erregt . » Der fährt schon ? ! « fiel eine zitternde Weiberstimme ein . » Gibt ' s Krieg , Herr Baron ? « und ein Alter mit schlohweißem Haar , die Greisenhände über der Brust gefaltet , trat vor . Konrad beugte sich nieder und reichte ihm die Hand . » Bist noch einer von Siebzig , Vater Lorenz , und fürchtest dich ? « sagte er . Der Alte warf den Kopf in den Nacken : » Fürchten ? ! Ne ! - Nur daß ich im Winkel hock ' - « und er wischte sich mit der rissigen Faust über die Augen . Jetzt umringten junge Burschen den Wagen . Sie riefen alle durcheinander : » Wann geht ' s los ? - « » Bald ! « - Da machten sie mit einem Hurra die Straße frei . Nur ein blondhaariges Mädchen - mußte sie immer am Wege sein , wenn er kam ? - lehnte am Zaun und weinte . Auf dem Bahnhof in Bamberg liefen die Reisenden hin und her , viele Frauen und Kinder darunter , die mit Koffern und Schachteln und Sträußen beladen , aus den Bergen kamen . Aller Mienen schienen gespannt , alle Augen eine Frage . Nur langsam setzte sich die unendliche Wagenreihe des Zuges in Bewegung . Weich und zärtlich schmiegten sich die Umrisse der fränkischen Höhen an den in der flirrenden Hitze silbern glänzenden Horizont , während die vier Türme des Doms sich seltsam nah und schwarz in den Himmel streckten wie Lanzenspitzen . Konrad sah ihnen nach , bis eine Biegung des Zugs sie verschwinden ließ . Daß ihn das plötzlich so schmerzen konnte , als wären sie etwas Lebendiges , etwas , das ihm gehörte ! Er schloß die vom grellen Licht geblendeten Augen . Wirbelnde Funken und Sterne und Kreise sah er . Sie schmolzen ineinander , verdichteten sich . Und dann war es , als ritte der steinerne Ritter vom Dom vor ihm her im leeren , im pechschwarzen Raume , weiß und leuchtend , - bis er kleiner und kleiner wurde - immer kleiner - ein gleitender Schwan - ein schwebender Vogel - zuletzt nur noch ein Stern - und im nachtdunklen Meer der Unendlichkeit versank . Es wetterleuchtete fern am Horizont . Aber in den abendlichen Straßen der Stadt brütete die Glut des Tages ; jede Mauer strömte die Hitze der Sonne aus , die sie stundenlang in sich gesogen hatte . Und wo Menschen in Gruppen beieinander standen , war es , als wäre eine unsichtbare Flamme mitten unter ihnen . Man sprach nicht viel - man lauschte mit gespannten Nerven - selbst im Rollen der Räder lag ein gedämpfter Ton . Da : - von fern her ein Ruf , unverständlich zunächst , dann deutlicher : » Österreich macht mobil ! « Und unten , am Ende der Straße , flutete es hervor mit schwarz-gelben Fähnchen , in festem Schritt , dem der Gesang den Rhythmus gab : » Gott erhalte Franz den Kaiser - « Konrad war bis zum Potsdamer Platz vorgedrungen , als der Zug sich näherte . Die Bogenlampen überströmten ihn jetzt mit ihrem weißen Licht : es war Jugend , lauter Jugend , rundbäckige Knabengesichter darunter , Jugend , durch die Wonne des Erlebens allein beseligt . Singend verlor sie sich wieder , rasch übertönt von entfesselten Stimmenfluten ringsum , die vom nächsten Café aus brausten und prasselten , sich selbst überstürzend . Konrad ging vorüber . » Nieder mit Serbien ! « klang es . » Hoch Österreich ! « vom nächsten Tisch , und die Bierseidel klapperten aneinander . » Expansionspolitik - « » Platz an der Sonne - « fing er weitere Gesprächsfetzen auf . Er eilte weiter ; in allen Nebenstraßen war es leer , - an den Ecken standen Dirnen und lachten ihm ins Gesicht - Bettler traten aus dunklen Türen . Sein Schritt wurde schneller . War er gekommen , um Gespenster von einst zu sehen ? Da und dort , wie die letzten Raketen eines Feuerwerks , stiegen noch abgerissene Klänge gen Himmel . Und der nächste Tag erwachte , noch leuchtender als der vorangegangene . Aber niemand in der Stadt hatte irgendeinen Sinn für seine blaue , glühende Sommerstille . Die Straßen , die Cafés waren von früh an überfüllt . Aber nicht mehr von jener Jugend , die sich in der Nacht zuvor an dem ersten großen Ereignis ihres Daseins berauscht hatte . Reife Männer waren es , die in aller Frühe von der Sorge von ihrem Lager getrieben worden waren , und mit übernächtigen Gesichtern überall beieinander standen , um ihre Ansichten und Befürchtungen über die politische Lage auszutauschen . Wenn sich auch die Hoffnungen vieler an die Friedensbemühungen des Kaisers knüpften , von denen die Presse erfüllt war , so schienen die meisten am Kriege kaum noch zu zweifeln . Krieg ! - Wer von der Generation der Gegenwart wußte noch etwas von ihm ? Der ängstlichen Gemüter bemächtigten sich fast mittelalterliche Vorstellungen . Besonders die Frauen schienen einen Zusammenbruch des gesamten wirtschaftlichen Lebens für möglich zu halten und suchten mit einer Aufregung , die oft an Paroxismus grenzte , Einkäufe für den Haushalt zu machen , als gelte es , sich für eine Belagerung vorzubereiten . Aber auch ruhige Männer wurden vom Fieber ergriffen . Krieg ! - Für die Generation des Friedens bedeutete dieses Wort ein dunkles Rätsel , erfüllt von tausend Schrecknissen . Konrad gehörte zu den Zuschauern dieses Schauspiels . Er fürchtete nichts . Er hoffte nur . Wie der Landmann angesichts der durstenden Felder den schwarzen Wolken hoffend entgegensieht , die sich drohend am Himmel ballen . Je höher die Sonne stieg , desto mehr schien sie die Luft zwischen den Häusern zu etwas greifbar Schwerem zusammenzupressen . Sie lastete förmlich auf den Köpfen und beengte den Atem . Die Schatten schrumpften verängstigt zusammen . Auch der Tiergarten , in den Konrad einbog - den alten Weg zu Walter Warburg ging er - , bot keine Kühle . Kein Luftzug regte sich . Jedes Blatt am Baum stand wie gebannt im blendenden Glast der Mittagshitze . » Ich suche den Arzt , wenn ich den Freund nicht finde , « sagte Konrad , als Warburg , den unerwarteten Patienten erkennend , mit rasch verhärtetem Gesichtsausdruck vor ihm zurücktrat . » Bitte , « erwiderte er kühl , ihn mit flüchtig einladender Handbewegung zum Sitzen nötigend . » Du weißt , « begann der Ankömmling , mit einem Blick voll Schmerz und Mitgefühl des Arztes durchfurchtes Antlitz streifend , » daß ich seinerzeit wegen eines Herzfehlers für dienstuntauglich erklärt wurde . Jeder , der was auf sich hielt , bereitete sich damals « - und er lächelte leise - » mittels einer durchschwärmten Nacht wirkungsvoll auf die Untersuchung vor . Jetzt « - mit einer energischen Gebärde richtete er den Oberkörper auf - » wünsche ich nichts mehr , als gesund zu sein und hoffe , deine Untersuchung wird das ergeben . « Warburg hielt den Blick hartnäckig gesenkt , keine Muskel in seinem Gesicht zuckte . Er kramte zwischen den Notizen auf seinem Schreibtisch und sagte dann geschäftsmäßig wie zu einem völlig Fremden : » Hier ist die Adresse eines Militärarztes , der für diese Frage allein in Betracht kommt . « Er umging sichtlich jede Anrede , um das » du « nicht aussprechen zu müssen . Konrad sprang auf , er atmete schwer , und die drohende Falte zwischen seinen Brauen strafte den freundlichen Ton , mit dem er sich zu sprechen zwang , Lügen . » Danke . Ich werde zu ihm gehen - nachher