, - das sprach die irrende , einsame Stimme . Stirb , du begehrendes Ich , stirb und werde - ein anderes . Auf , du entbehrende Seele - auf zur heldischen Tat : zur Tat der Freude darüber , daß die Art , die du als die höchste kennst , unter dem Herzen einer Frau geborgen liegt . Auf zur Freiheit , du Ringende , zur höchsten Freiheit . Stirb und werde . - - - Hier war eine glückliche Mutter : Eva . Aber auch eine verlassene Mutter - die vom Elend spricht , welch ein Hohn , welch eine Lüge . War nicht jede Verlassene , eine kaiserlich Besitzende , die vom Geliebten das Kind empfangen ? Verlassen , - das war nur jene , die so stand - wie sie stand . Und wußte sie denn , wohin sie noch mußte ? Auf welche fremde , öde Straßen mochte sie ihr Weg noch führen , - - ehe sie an einem Punkt , der fern in der Ewigkeit lag - den Geliebten wiedersah . Wie ? Verirrten sich ihre Träume ? War die Seele so geschwächt , daß sie sich dennoch an das Märchen klammerte , an das Märchen vom ewigen Begegnen , vom ewigen Wiedersehen , bis es , im Stadium der Vollendung , Vereinigung wurde ? Sie wollte fort . Stanislaus und Lore hatten ihr zugesprochen , eine Italienreise zu machen . Auch Manfred hatte ja gesagt , daß sie dieses nachholen müßte . Ihre Korrespondenz warf ihren Lebensunterhalt ab ; sie konnte wohl ihr kleines Vermögen jetzt angreifen und das Blatt , mit Lores Hilfe , eine Zeitlang auch von ferne leiten . Fluchtgedanken trieben sie nach Italien , aber es war keine Lust und keine Sehnsucht dabei . Auch fürchtete sie sich , im geheimen , vor dieser geplanten Reise . Die Worte des Antonius , die er zu Tasso spricht , kamen ihr in den Sinn : » Schmerz , Verwirrung , Trübsinn harrt in Rom auf dich ... « Sollte sie fort ? War es geboten , war es erlaubt ? War es Feigheit , daß sie fliehen wollte , oder war es Feigheit , daß sie blieb , - weil sie nicht fort wollte , ohne - ihn - noch einmal gesehen zu haben ? Sie konnte ihn jetzt nicht sehen . Manfred war auf einer Reise nach London . Dorthin hatte er einen internationalen Kongreß einberufen . Abend- und morgenländische Gelehrte , vorwiegend Physiologen und Staatsmänner , sollten auf diesem Kongreß über jene Probleme beraten , welche eine internationale Intellektspolitik forderten , und deren Verwirklichung durch die Verschiedenheit der Rassen verhindert war ; ohne die überragende biologische Position der weißen Rasse durch Mischung zu gefährden , mußte doch eine verbindende Brücke über diese verschiedenen Völker geschlagen werden . Sollte sie fort ? Trübsinn harrt in Rom auf dich ... War es Feigheit , wenn sie reiste , Mut , wenn sie blieb , - oder umgekehrt ? Sie war beirrt und sah den Weg nicht klar . - - - Im Unwetter eilt Olga über die Straßen . Große Wassermengen bedecken die Wege . Der Regen strömt im Wolkenbruch . Die Blitze , diese flinken , funkelnden , zornigen Gesellen , stürmen im Zickzack über das Firmament . Jeder tritt , angekündigt von einem Donnerschlag , einen Augenblick lang , zackig und glühend , in Erscheinung und verschwindet wieder , als stürme er durch den Weltenraum . Diese Regenmassen der letzten Tage hatten einen Damm unterwaschen , - einen Damm , auf dem ein Eisenbahnzug - von Vlissingen nach Berlin fuhr . Der Damm war zusammengebrochen und jener Zug entgleist ... Sie jagt über die Wege , sie watet durch das Wasser . Die tiefer gelegenen Plätze in Friedenau sind überschwemmt . Sie wird naß bis zu den Knieen hinauf , sie schürzt das Kleid , so hoch sie kann , und watet weiter , um nur den Bahnhof zu erreichen . Endlich ist sie im Zug . Am Bahnhof Grunewald angelangt , sieht sie sich vergebens nach einem Wagen um . Es ist keiner da . Im Unwetter verfolgt sie die Spuren des verwüsteten Weges durch den Wald . Und dann , dann steht sie endlich am Hause . In ihren nassen , triefenden Kleidern eilt sie hinauf . Frau Wallentin kommt ihr entgegen , - gebeugt - eine alte , alte Frau . Sie zieht sie in die Arme , und das Mädchen läßt hier ihre Tränen fließen . Dann nimmt sie die Mutter an der Hand und führt sie hin , bis an die Tür jenes Zimmers , - in dem Manfred den Tod erwartet ... Der Zug , der einige Teilnehmer des Kongresses von Vlissingen nach Berlin bringen sollte , war entgleist . Als man Manfred nach Hause brachte , war er ein verlorener Mann . Äußerlich unverwundet , hatte er innere tödliche Verletzungen davongetragen . » Hoffnungslos « , sagten die Ärzte . Die Mutter hat leise die Tür geöffnet , aber Olga tritt nicht ein . Sie bleibt im Nebenzimmer , hinter der Portiere , die sie behutsam beiseite schiebt . Sie will sich nicht an sein Lager drängen , dort ist nicht ihr Platz . An seinem Bett sitzt Eva . Sie will nur noch einmal die geliebten Züge schauen . Und zum zweitenmal sieht sie einen Menschen sterben . Sie sieht , wie er die Augen aufschlägt und wie ein letzter , goldener Strahl daraus zu Eva gleitet . Sie sieht , wie Eva sich über ihn beugt , wie er seine Hände hebt , - wie sie auf ihrem Leibe ruhen ... So steht sie an der Tür , so blickt sie , zum letztenmal , in das Antlitz , - über das sich die Schatten lagern , die bald für immer bedecken , was sie geliebt . - - - Manfreds sterbliche Reste wurden in das Krematorium von Gotha überführt und dort verbrannt . Dann wurde die Urne mit seiner Asche provisorisch beigesetzt , - verwahrt . Die endgültige Bestattung sollte von einer besonderen Manifestation der Kulturwelt begleitet sein . Noch waren die Teilnehmer des Kongresses , den Manfred einberufen , in Europa , als die Kunde von seinem plötzlichen Tode bekannt wurde . Sofort bildete sich ein Komitee , welches sich die Aufgabe stellte , die Mitglieder des Kongresses in möglichst großer Zahl zu Manfreds Begräbnis zu führen . Und sie kamen . Sie strömten herbei - hunderte von Menschen , die an den Spitzen der geistigen Entwicklung der Welt standen . Hunderte von Trägern internationaler Kulturgedanken kamen , seine Asche zu bestatten . Es war ein Zug , wie man ihn noch nie gesehen , - ein Zug von Menschen , deren Haltung und Antlitz der Geist die entscheidende Form gegeben , deren Stirne vom Werke leuchteten . Ein Teil des großen Parkes war von einem Gitter umfriedet und bestimmt worden , die Urne zu bergen . Ohne jede religiöse Zeremonie bewegte sich der Zug vom Hause bis zu jenem Teil des Parkes . Das Unwetter hatte ausgerast , und einer jener goldenen Oktobertage überleuchtete Himmel und Erde . Unter einer breitkronigen Rotbuche war ein überwölbter Sockel , von weißem Marmor , errichtet worden , einer Art von steinernem Schrank , in dem die Asche in einer antiken Urne , die Manfred selbst von einer Weltreise mitgebracht , und deren schwärzliche Bronze die Jahrtausende patiniert hatten , beigesetzt wurde . Es war dies in jenem Teil des Parkes , der an herrlichen Gewächsen am reichsten war . In edler Anlage schloß sich hier dichtes Baumwerk zusammen , Kiefern , Taxus , Lebensbäume , und Zypressen ; Kirschlorbeer und Rhododendron rankten sich in geschützten Lagen . Neben jungen Blautannen glühten die granatroten Beeren des Ilex . Moos bedeckte die Erde und den Ansatz der Bäume , und hohe Farne schmiegten , wie tröstend , ihre zärtlichen Spitzen an das marmorne Gehäuse , das in tiefer Nische die Urne barg . Hier rankte echter Wein , von dichten Büscheln roter Kletterrosen durchglüht . Bunte Nesseln leuchteten neben den Farnen und eilten von hier den Sträuchern zu . Weiße Palmlilien hoben sich in schlanker Schwermut aus dem dichten Dunkel des Gartens , und auf kletterndem Gesträuch , wiegten die Passionsblumen ihre rosa , lila und weißen Köpfe , mit ihren sechs-und achtblättrigen Blüten schimmernd , wie entflohene Sterne , Ein großer Dichter trat vor . Sein bartloses , feierliches Antlitz , mit der gewaltigen Stirn , erinnerte an das Haupt eines jungen , geistlichen Sehers , dem in der Stille seiner Zelle Offenbarung wurde . Mit schöpferischen Worten zauberte er das Bildnis des Toten herauf . Er sprach von den erschließenden Augen , die liebreich auf den Dingen geruht . Er stellte sein festliches Wesen vor die Seele der Trauernden . In dem jähen Tode des Freundes sah er ein Symbol , wie es das Schicksal nicht sinnfälliger erdenken konnte : ein Symbol für den tollen Zufall der Vernichtung , der das Hohe auf dem Wege zur Vollendung immer wieder zerschmettert . » Der Neid der Götter schlug hier wieder einen nieder , der die Menschheit in ihre Nähe zu rücken sich vermaß . Ein Ritter , der den leuchtenden Degen schwang , ward hier niedergestreckt . Er starb in der letzten Stunde vor der wohlbereiteten Tat , nachdem er den Ertrag seines Lebens in von ihm gewählte und geeinte Hände gelegt . Von hier aus wird das verwahrte Pfund erwachsen , bis es jene Gestalt erreicht , die die Sehnsucht des Toten war , die ihm vorgeschwebt , deren Bild ihn auf langer Wanderschaft geführt ... Wie eine sagenhaft ritterliche Gestalt , so wird uns , im trüben Tag irdischen Wirkens , sein Bild umschweben ... « Als die letzten Worte verhallten , fluteten aus der Verborgenheit des Parkes die erhabenen Klänge des Trauermarsches , der Siegfrieds Tod begleitet . Und die Töne folgten dem Zug , als er sich langsam in Bewegung setzte und dem Hause zuging . - - - Einsam , in der strahlenden Herbstsonne , blieb die Urne in ihrem steinernen Gehäuse , und die Buche ließ das Blut ihrer Blätter über dem weißen Marmor rauschen . Zärtlich schmiegten die Farne ihre gefiederten Spitzen an den leuchtenden , kalten Stein ; der frische Herbstwind strich durch die bunten Nesseln und fuhr flüsternd weiter , bis er die Sterne der Passionsblumen wiegte und dann aufstieg , in die Kronen der Bäume , denen er raunend erzählte , was sich unten , an dem einsamen Stein , begeben ... Tage verstrichen , Tage , in denen die Seele sich tief und willig ihrem Weh verkettet ... Da kam ein Brief von Werner . Er erzählte von seinem Leben in der Blockhütte ... Zwei Stunden täglich arbeitete er auf dem Acker- und Gartenland , das die Hütten einte , und dessen Ertrag die Ansiedler zum größten Teil nährte . Reichte die Ernte nicht aus , so half der europäische Verein , denn Bettelmönchtum lag nicht im Sinne neubuddhistischer Reform . Vor der Aufnahme hatte er ein tiefschürfendes philosophisches Verhör zu bestehen gehabt . Wie er jetzt erfuhr , hatte ein besonderes Schreiben des Herrn von Bredow seine Aufnahme begünstigt . Die ganze übrige Zeit - außer jener zweistündigen Gartenarbeit , - gehörte den Jüngern , zur Versenkung und zum Gespräche über die tiefsten Fragen . So hatte er den Sommer verbracht , und geistliche Stille hatte sich über seine Seele gebreitet . Manchmal freilich geschah es , daß es wie ein Aufschrecken , wie eine plötzliche Unruhe immer noch über ihn kam ; er glaubte dann hinhorchen zu müssen , - hin , nach der Welt des Kampfes , in der die Muße nur in spärlichen Mengen gewährt ist und in der die höchsten Preise andere sind als die , die ihm jetzt beschieden sein mochten ... Dann fragte er sich wohl , ob nicht seinem scheinbar so einfachen Leben , doch ein Gedanke von Künstlichkeit , ja von Gewaltsamkeit zugrunde lag , - ob nicht dieses absichtsvolle Vermeiden aller Möglichkeiten des Glückes , - dieses ängstliche Erdrücken aller Wunschkeime - - eine Gewalttat war , die dem Gang des Lebens in die Zügel fiel ? ... Gewiß , das Ziel war ein hohes : Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern ; so wurde man frei ... Hier sank der Brief aus Olgas Händen . Ein Gedanke durcheilte sie , ließ sie den Kopf starr aufrichten , als lausche sie einer verborgenen Stimme ... Wie ? War denn nicht gerade das auch die Freiheit , um die sie rang , - hier , mitten am Kampfplatz ? » Ruhe des Herzens ohne die Mitwirkung anderer zu erobern « - war das nicht auch gerade die neue Aufgabe der Frau ? Jahrtausendelang hatte die Frau nur dann im Frieden geruht , wenn ihr das Schicksal zuteil wurde , ihr Leben mit anderem Leben aufs engste zu verknüpfen . Außerhalb dieser Ruhe war für sie - Vogelfreiheit gewesen , Verfolgung , Rastlosigkeit und Gram . Aber die neue Frau - die auf ihr Selbst verwiesene , - die hatte eine neue Ruhe zu erobern , deren Seele mußte es lernen , stille und friedlich zu sein , regsam und frei zu bleiben , - auch ohne die Mitwirkung anderer ... Werner sprach auch über das Geheimnis , das ihm ihr letzter Brief vertraut hatte . Es schien , daß die Gestalt Manfreds - das Schriftbild des teuern Namens grub sich brennend in ihr mühsam bezwungenes Herz , - stark vor sein inneres Auge getreten war ... » Ein vollkommener Mensch ist der , « - so schrieb er - » dessen Erscheinungsform dem Urbild seiner Idee am nächsten kommt . Denn die Urbilder allein sind die letzten Wesenheiten der Dinge . Die Vielen und Meisten , in sich selbst Zerstückelten , in sich selbst Vielfachen , entfernen sich mehr und mehr von ihrem eigenen Urbild , von dem letzten Gedanken , der ihrer Erscheinung zugrunde liegt ; selten taucht Einer empor , der den Sinn seines Wesens erfüllt . Ist Dir das unsagbare Glück begegnet , die Gestalt Deiner Sehnsucht leibhaftig zu sehen , Deinen Weg mit dem jener Erscheinung zu kreuzen , so vergiß niemals dieses wunderbare Geschehen immer nur als Glück zu werten . Einerlei ob der Besitz der geliebten Person damit verbunden ist oder nicht . Öffne diesem einzigen Gedanken Dein Herz , und alles triebhaft Undeutliche wird friedlich und deutlich werden , und alle verstreuten und spukenden Kräfte werden das Zentrum suchen . Du wirst Dich dann stark fühlen - Du wirst Dich fühlen . Du bist dann . Es ist Dir , als müßtest Du Dich einer Führung überlassen , die als höhere empfunden wird . Du bist scheinbar unbeteiligt mit dem Willen , das heißt , Du spürst ihn nicht . Du gelangst in einen wahrhaft seligen Zustand , - wenn selig als das Wort gefaßt wird , das von Seele stammt ... Nur jene Reinigung des Herzens läßt Dir das geliebte Bildnis so hell erstrahlen , daß es Dein bleibt auf allen Wegen ... Gedanken der innigsten Versöhnung mit dem Leben sind in diesen Zeiten , die ich hier verbringe , über mich gekommen . Ich sehe einen beruhigenden Sinn in allem mir früher so sinnlos scheinenden Walten , und einzig der Glaube an diese kristallene Vernunft , die auf dem Grunde der Dinge wirkt , - einzig dieser Gedanke läßt mich das Leben ertragen - ja lieben . Es ist die Flucht vor den Irreführungen des Treibens der Welt , die diese beglückende Hellsichtigkeit in mancher Stunde im Gemüt entstehen läßt - ich weiß es . Aber manchmal überkommt mich dennoch , - ich nach sagte es Dir schon , - etwas wie bange Sehnsucht nach jenem verwirrenden Brausen , - nach der dumpfen Musik des tätigen Lebens . Fast sehne ich mich dann , den geraden und glatten Weg , den ich nun wandle , wieder zu verlassen und an jenen vielfach verkreuzten Pfaden , - von neuem - irrend - die Richtung zu suchen . Stimmen erheben sich , Stimmen der Verführung , Stimmen , die zur Unrast der Welt hinlocken und zu wagemütiger Beteiligung an den Gefechten des Tages . Dann sage ich mir wohl : ist das eine Antwort , die ich hier erhielt , - oder ist es nicht eine neue Frage jener ewigen Sphinx ? ... Weißt Du , was die Koralle im Meer bedeutet ? Darwin erzählt , daß jene Korallenriffe die letzten Anstrengungen untersinkender Kontinente sind , - ihre Häupter über Wasser zu halten . Und ich ? Habe ich nicht das Atmende und Lebende und Zuckende meiner Seele zu rosiger Versteinerung gerüstet ? Eine letzte Anstrengung untersinkender Kontinente ? ... Die Sphinx blickt mich an mit toten , steinernen Augen ... « Und Olga dachte : Weit - weit ist der Weg nach Indien . Die gelbe , mönchische Toga , die er jetzt nur geliehen , - sie zu erwerben wird ihn einer hindern : sein Genius , - sein Dämon ? Wer wollte das entscheiden . - - - Elftes Kapitel Sammlung » Wer frei von hinnen geht , Der ist ' s in Ewigkeit . « Rückert . Die goldenen Oktobertage waren vorüber . Der November war da , und dicht lagen die milchweißen Nebel vor den Fenstern und machten sie undurchsichtig . Für kurze Minuten nur hob und verteilte sich diese brauende Nebelmasse . Und wenn Olga jetzt an Italien dachte , so wuchs ihr die Sehnsucht danach , die Sehnsucht und der Mut . Jetzt band sie hier nichts mehr , - jetzt war sie frei . Wohl war diese Freiheit noch nicht jene fröhliche , jene warme , die neue Gestaltung ruft . Es war eine Freiheit , die sich manchmal wie Eis um das Herz legte , - niemandem gehörig , von niemand gefesselt und durch keinerlei menschliche Bande mit einem bestimmten Orte verknüpft , - so mochte sie gehen oder bleiben , - so war sie frei . Das war freilich noch nicht jene Freiheit , - von der er gesprochen . Mit wehmütiger Inbrunst barg sie das Bild , dessen Glanz auf ihr Leben gefallen war , tief in ihrem Herzen . Sie verschloß es da so fest , wie jene uralte , bronzene Urne verschlossen war . Leuchtend und unnahbar baute sie in ihrem Herzen , weiß und steinern , ein Grabmal um diesen teuren Überrest ihres Glückes , und ihr rotes Blut rauschte darüber , - wie das Laub einer einsamen Buche ... Wenn sie jetzt an Rom dachte , so war es nicht mehr mit den Worten aus dem Tasso : » Schmerz , Verwirrung , Trübsinn harrt in Rom auf dich . « So hatte sie nur denken können , solange es hier Stunden gegeben , auf denen das Licht ihrer Liebe lag . Jetzt ? Wo konnte sie einsamer sein , wo konnte die Trübsal sie schneller erreichen als hier ? Sie dachte jetzt mit anderen Worten Goethes : » Trübe der Himmel und schwer auf meine Scheitel sich senkte , - farb- und gestaltlos die Welt um den Ermatteten lag ... « Und eine unüberwindliche Sehnsucht nach dem » Glanz des helleren Äthers « wurde immer stärker in ihr . Stanislaus riet dringend zur Reise . Er ahnte , was sie hier gelitten , und er wußte , daß ihre empfängliche Seele jetzt Sonne und wieder Sonne brauchte , um aufzuleben ; und da es nicht die Sonne eines glücklichen Schicksals sein konnte , so mochte es der Glanz der südlichen Landschaft sein , von dem er für sie Erweckung zu neuem , starkem Lebenskampf erwartete . Sie sollte sich um die Führung ihrer Korrespondenz keine Sorgen machen , Lore war gut informiert , würde ihr die wichtigsten Einläufe nachsenden und den Vertrieb geschickt besorgen . Sie sollte nicht zögern und reisen , nicht für wenige Wochen , nein , dem ganzen , deutschen Winter sollte sie entfliehen und erst im Frühling oder im Sommer , mit neuen Kräften , wiederkehren . Olga meinte , es sei nur selbstverständlich , daß Lore unter solchen Verhältnissen Mitbesitzerin der Korrespondenz würde . Stanislaus schob jede endgültige Regelung dieser Frage hinaus ; nach ihrer Rückkehr würde sich das finden . Der Plan der Reise gewann immer festere Gestalt . Wenn Olga zu ihren Wegen nach der Stadt meist nur die Mittagsstunden benutzen konnte , nach Hause kam , mit kalten , nassen Füßen und bald nach dem Mittagessen die Lampe anzünden mußte , da schoben sich ihr zauberhafte Szenerien , wie Luftspiegelungen , vor die Seele . Da war das Meer , das sie nie gesehen , - tiefblau funkelnd , mit zart bewegten Hügeln , aus deren geborstenem Kamm es weißlich schäumte , - mit Dampfern und Seglern auf dem Rücken und Vogelscharen über sich , deren geschlossenen Flug sie wie eine dunkle , sich bewegende Linie zu sehen glaubte . Sie sah eine Küste , mit hellen , flachgedeckten Häusern , frohlockend im Sonnenlicht . Die schlanken Kegel der Zypressen und die raumheischenden Kronen der Pinien , die nachbarliche Verschlingung nicht dulden , hoben sich vom Horizont . Sie sah Oliven und Reben flinkfüßig über wellige Hänge klettern und über allem , zitternd und schwingend , das weiße , durchsichtige Licht des Südens . Und dabei saß sie in einer Berliner Vorortsstube bei der Lampe oder eilte , in Nässe und Kälte , mit schweren Kleidern , durch die Straßen . Und sie blickte auf einen kleinen Sonnenfleck , der manchmal längere Zeit auf dem Boden der Loggia blieb , und ihre Phantasie weitete ihn und spannte ihn über das Firmament . Die Sonne , die Sonne - das war jetzt für sie das gelobte Land . War es Manfreds Tod , oder waren es die Worte aus Werners Brief , die ihre Seele gereinigt hatten von jenem » dunklen Zwang « , die sie hochgehoben hatten über das wühlende Leid , welches vordem ihren Lebenswillen zu begraben drohte ? Über dem Leid , das sie jetzt empfand , lag ein Hauch von Frieden , - Wehmut war gekommen und hatte Erbitterung , Auflehnung und den finsteren Gram verdrängt . Nur für Stunden kam noch diese Bitterkeit über sie , die einem Schicksal galt , das sich durch keinen Besitz gefestigt fühlte . Sie ging nun diesen Winter nach Italien , - wie sie im vorigen nach Schlesien gereist war . Ob ihr Weg sie in Schnee und Winter oder zum Lichte des Südens führte , - wen ging es an , wer fragte danach ! Verlassen damals , vereinsamt heute und niemand gehörig , heute wie damals . Aber mit wiederkehrender Kraft schwang sie sich mutig über solche Stimmungen , die sie verdüsterten . Sie bemühte sich , die Wohnung zu vermieten , und nach kurzer Zeit gelang es ihr . Nun hieß es , die Möbel in Aufbewahrung geben . Ein Teil kam zu Stanislaus und Lore , der Rest , für den dort kein Platz war , zum Spediteur . Es war eine lästige Arbeit für sie , all ihre Habe vom kleinsten bis zum größten Gegenstand , durch ihre Finger gehen zu lassen und bei jedem Stück zu überlegen : wohin damit , - was brauche ich davon , was kann ich entbehren , wohin lege ich dies und wohin jenes , damit ich es auch seinerzeit wiederfinde . Ihre überflüssige Garderobe verpackte sie in Koffer , und als sie nach einiger Zeit merkte , daß sie doch noch manches Stück daraus brauchte , da lagerten die Koffer schon im Keller des Spediteurs , und sie mußte hinuntersteigen und allein in dem weiten , dunklen Keller in ihren Koffern nach den gewünschten Sachen suchen ; und weil ihre Seele noch wund und empfindlich war , so prägten sich solche Szenen der Düsterheit , die Zeugnis ablegten von zerrissenem Besitz , von Mühsal und Einsamkeit , schmerzlich in sie ein . Aber trotz aller Bedenken und Beschwerden sollte die Reise angetreten werden , - denn sie schien » erlaubt « - in dem Sinne , wie Eva das Wort verstand ; ja sie erschien geboten . Sollte sie über Genua , Mailand oder Verona fahren , die Strecke über den Simplon , den Gotthardt oder den Brenner wählen ? Fuhr sie über den Gotthardt , so war sie den italienischen Seen nicht fern . Sollte sie Werner aufsuchen ? Auch diese Frage tauchte auf , aber sie verneinte sie schnell . Der mußte noch lange sich selbst allein überlassen bleiben , und ihr Erscheinen wäre ein heftiger Eingriff in den geschlossenen Zustand seines jetzigen Daseins gewesen . Wäre Edda noch in Genua gewesen oder selbst an der azurischen Küste , so würde sie den Weg über Genua gewählt haben , um sie hier zu treffen . Aber Edda lebte in Paris , wo Mr. Macpherson sie im Frühling abzuholen pflegte , um dann bis zum Herbst mit ihr im Car durch Europa zu reisen . In seine Heimat war sie ihm nicht gefolgt , denn es hätte weder seinen noch ihren Wünschen entsprochen , in Heimlichkeit neben der gesellschaftlichen Sphäre , in der er zuhause war , sich zu verbergen ... So traf sie ihn nur , wenn er in Europa war und lebte in der übrigen Zeit in Paris , im Rahmen der Gesellschaft , die der Witwe des berühmten Gelehrten Tür und Tor geöffnet hatte . Ihre sehr diskret gepflegten Beziehungen zu dem amerikanischen Millionär , von denen man munkelte , begegneten hier gefälliger Nachsicht und vollem Begreifen . Man fand sie » belle à miracle « , und das vornehme , kleine Hotel , das sie mit ihrer Dienerschaft bewohnte , wurde von den Angehörigen der besten Kreise , in die sie die Familien hervorragender Ärzte eingeführt hatten , gern besucht . So war auch dieses Leben - nach zwei Seiten hin , - befriedigend geordnet ... Eva wohnte nun nicht mehr in der Nähe des Grunewalds , sondern war mit ihrem Töchterchen ganz ins Haus von Frau Wallentin übersiedelt , deren letztes Sehnen an der Heimkehr ihres Sohnes Florian und dem werdenden Leben hing , das Eva unter dem Herzen trug . Als Olga abreiste , war ihr Zustand schon weit vorgeschritten und das Bildnis der hoffenden Frau , die auf dem Bahnsteig stand und so lange mit dem Tuche winkte , als der Zug zu sehen war , war das letzte , das Olga aus jener Stadt , die ihr fast eine Heimat geworden , mitnahm . Noch in München , wo scharfe Herbststürme wehten und der Regen täglich ein paarmal den Menschen auf die Köpfe fiel , wollte die Schwermut nicht von ihr weichen . Aber als sie sich am ersten Morgen in Florenz die Augen rieb , - das Licht in klarer Stärke durch die Fenster hereinbrach , und über dem lauten , bunten Straßenleben die Sonne so festlich glänzte , als hätte sie sich zu ihrem besonderen Willkomm gerüstet , da fiel mit einem Schlage alles , was ihr Wesen bedrückt und niedergeschwert hatte , von ihr ab . Die Reaktion ihrer Natur auf die Atmosphäre des Südens , auf dieses Klima , diese Luft , dieses Licht , diese starken Farben und scharf umrissenen Formen , war eine vehemente . Stufenweise begann sie sich in den großen Kunstepochen , deren Monumente Florenz umschloß , zurechtzufinden . Sie begann mit Giotto , stieg weiter hinauf zu den Entzückungen des Fra Angelico , schwang sich in die reineren Höhen des Ghirlandajo ; von Bruneleschi kam sie zu Michelozzo , und von da erst näherte sie sich zagend den Höhen Michelangelos . Hier , in Florenz , sah sie zum erstenmal die Entwürfe zur Sixtinischen Kapelle , und ihr Herz klopfte höher , wenn sie an Rom dachte . Aber mehr noch als die Schätze der Museen und die Wucht der Paläste gab ihr die Umgebung . Dieser Kranz von Bergen , dicht mit kleinen Dörfern und Villen besäet , überragt vom alten Fiesole , von Obst , Oliven und Reben beladen , die jetzt in herbstlicher Glut standen , von Zypressen und Pinien gekrönt , - dieser Kranz , der sich da um die Stadt herumschloß , übertraf all ihr Erwarten . Als sie hoch oben in Fiesole , auf dem uralten Platze stand , auf dem das Etruskische Museum steht , vor sich die große Treppe sah , über welche gerade ein Kapuzinermönch hinunterging , als sie diese weite Hügellandschaft in deren Mulden Florenz liegt , überblickte , da schien sie sich selbst wie von einem Alpdruck erlöst . Sie war den ganzen Nachmittag in den etruskischen und römischen Ruinen und in dem kleinen antiken Museum da oben herumgestiegen , und der Sinn , der sie befähigte , diese alten Schätze zu betrachten , war ihr ein durchaus neuer . Niemals hatte sie gedacht , daß man einen versteckten Sinn für Archäologie urplötzlich in sich entdecken könnte . Vielleicht war es nur ein hohes körperliches Wohlbefinden , das sie befähigte , ihre Augen auf den Dingen ruhen zu lassen und liebevoll ihren Formen nachzugehen . Manchmal war ihr , als sähe sie das helle Antlitz Manfreds , welches sie mahnte : betrachte - betrachte liebevoll die Erscheinung ... Wenn sie nun an ihn dachte - wie er gelebt und wie er gestorben , - dann war es ihr , als ob auch über diesem jähen Verschwinden eine geheimnisvolle Logik des Schicksals läge ... Denn von dem bestehenden Heute zum kommenden Morgen , zu seiner Zeit , war - so schien es ihr - ein zu weiter Weg , um ohne Stufen genommen zu werden . Zwischen der Gegenwart und zwischen dem neuen Tag , den er sah , mußten Übergänge liegen , damit sein Werk zu reiner Wirkung gelange . Und seine Erscheinung war aufgeleuchtet und verschwunden , wie die Fata Morgana eines möglichen