« » Du darfst . « » Wenn du das Bleichgesicht des Silberlöwen sein willst , welches zu uns herüberkommt , uns unsere Medizinen zu nehmen , so laß mich der junge Indianer des Kriegsadlers sein , der vom Mount Winnetou herniederkommt , um seinen Brüdern ihre Medizinen zurückzugeben ! « » Kannst du das ? « » Wenn du willst , ja ! « » Fliegen ? « » Ja . « » Dreimal um den Berg ? « » Ja ! « Das war ein ganz eigenartiger , vielleicht sogar ein großer Augenblick . Dieses Dunkel ! Dieser schauerliche Ort ! Ein Bleichgesicht im Greisenalter . Ein hochbegabter , kühner Indianer im hoffnungsreichsten Jugendalter ! Beide hier am Altar einander gegenüberstehend , mit kleinen , winzigen Lichtern in den Händen , deren spärlicher Schein von der Finsternis schon zwei , drei Schritte weit verschlungen wurde ! Er sprach vom Fliegen . Er versicherte , es zu können , und zwar mit einer Stimme und in einem Tone , der jeden Zweifel ausschloß ! Er meinte körperliches Fliegen . Ich aber dachte ebenso sehr auch an den seelischen , an den geistigen Flug , den er , der Typus seiner verjüngten Nation , zu nehmen hatte , wenn er ihr die im Verlaufe der Jahrtausende verloren gegangenen » Medizinen « zurückbringen wollte . Aber ich hatte ein großes , ein warmes und ich möchte sagen , ein heiliges Vertrauen zu ihm . » Ich glaube dir ! « antwortete ich . » Ich nehme sie jetzt . Aber ich gebe sie dir , sobald du sie von mir verlangst . « » Deine Hand darauf ! « » Hier ! « Wir reichten einander die Hände . » So nimm sie ! « sagte er und griff nach der Platte , um mir zu helfen , sie auf die Seite zu schieben . Sie war fast noch heiß . Ich nahm die Medizinen aus dem geöffneten Altar . Wir schoben die Platte in ihre vorige Lage zurück und verließen dann , nachdem wir die Lichter verlöscht hatten , das Haus , um nach unserm Lagerplatz zurückzukehren . Die Leiter nahmen wir mit , damit sie nicht nachträglich noch zur Verräterin an uns werde . Unser Aufenthalt am » Dunkeln Wasser « hatte von jetzt an als beendet zu gelten . So kurz er gewesen war , so sehr konnten wir mit seinen Ergebnissen zufrieden sein . Sechstes Kapitel Am Mount Winnetou Es war ungefähr eine Woche später . Wir hatten während der letzten Nacht am untern Klekih Toli gelagert und ritten nun am frühen Morgen an seinem Ufer aufwärts . Klekih Toli ist ein Apatschewort . Es heißt so viel wie » weißer Fluß « . Dieser Fluß hat ein bedeutendes Gefälle . Er kommt in zahlreichen Kaskaden vom Mount Winnetou herab . Der weiße Schaum dieser Kaskaden ist es , der ihm seinen Namen gegeben hat . Er ist tief eingeschnitten . Darum sind seine Ufer hoch und steil , oben mit Wald und unten mit Buschholz bewachsen . Da , wo er aus dem gewaltigen Massiv des Mount Winnetou tritt , bildet er mehrere Wasserfälle , welche ihrer Umgebung ein höchst energisches Aussehen erteilen . Wir waren vier Personen ; das Herzle , der » junge Adler « , Pappermann und ich . Die beiden Enters hatten wir am » Dunkeln Wasser « nicht wieder zu sehen bekommen , zumal kein besonderer Grund für uns vorhanden war , ein solches Wiedersehen herbeizuführen . Daß wir ihnen irgendwo und irgendwann wieder begegnen würden , verstand sich ganz von selbst . Kakho-Oto war am Morgen nach der Beratung im » Hause des Todes « zu uns gekommen und hatte uns berichtet , daß im Lager der Roten nichts Besonderes geschehen sei . Sie fragte uns nicht , was wir erlauscht hätten ; darum schwiegen auch wir darüber , um sie nicht mit sich selbst und ihren Stammespflichten in Konflikt zu bringen . Vor allen Dingen wurde ihr verheimlicht , daß wir uns in den Besitz der Medizinen gesetzt hatten . Je weniger Personen das wußten , um so besser war es für uns . Als wir ihr unsern Entschluß kundgaben , sofort weiter zu reiten , tat ihr diese schnelle Trennung wehe . Sie hätte uns gern begleitet , sah aber wohl ein , daß dies mehr eine Belästigung als eine Erleichterung für uns gewesen wäre , und daß sie mehr und besser für uns wirken konnte , wenn sie bei den Kiowa blieb . Doch wurde verabredet , uns unter allen Umständen am Mount Winnetou wiederzusehen . Diesem Berge waren wir jetzt nun nahe , obgleich wir ihn noch nicht sahen , der tiefen Flußrinne wegen , in der wir ritten . Es gab vom » Dunkeln Wasser « aus einen anderen , bequemeren Weg nach dem Mount Winnetou , den wir aber vermieden hatten , weil wir annahmen , daß er unter den jetzigen Verhältnissen belebter sein werde , als wir wünschten . Wir wollten unnütze Begegnungen vermeiden und am liebsten dort plötzlich eintreffen , ohne vorher gesehen und beachtet worden zu sein . Darum kamen wir von einer nicht gerade übermäßig wegsamen Seite her und waren nun aber doch gezwungen gewesen , nach dem Klekih Toli einzubiegen , um nicht an unserem Ziele vorüberzugehen . Daß wir dadurch auf einen jetzt viel betretenen Weg geraten waren , bemerkten wir an den Spuren von Menschenfüßen und Pferdehufen , die uns in die Augen fielen . Und gar bald sahen wir auch einige Indianer , welche an einer Stelle , an der wir vorüber mußten , zwischen den Büschen hockten . Es waren ihrer vier . Ihre Pferde weideten am Wasser . Sie waren unbemalt und nur mit der Lanze bewaffnet , trotzdem aber sofort als Kanean-Komantschen zu erkennen . Als sie uns erblickten , richteten sie sich aus ihrer hockenden Stellung auf und schauten uns entgegen . Sie bildeten einen Posten , den man hier aufgestellt hatte , um alle , die hier vorüberkamen , zu kontrollieren . Der » junge Adler « ritt uns voran und still grüßend an ihnen vorbei . Ihn ließen sie passieren , uns aber hielten sie an . » Wohin wollen meine weißen Brüder ? « fragte der Aelteste von ihnen . » Nach dem Mount Winnetou , « antwortete ich . » Was wollen sie dort ? « » Wir wollen zu Old Surehand . « » Der ist heut nicht dort . « » Und zu Apanatschka , dem Häuptlinge der Kanean-Komantschen . « » Auch der ist nicht dort . Sie sind beide miteinander fortgeritten . « » So werde ich dort warten , bis sie wiederkommen . « » Das ist unmöglich . « » Warum ? « » Es dürfen jetzt keine Bleichgesichter nach dem Mount Winnetou . « » Wer hat es verboten ? « » Das Komitee . « » Wem gehört der Mount Winnetou ? Gehört er dem Komitee ? « » Nein , « antwortete er verlegen . » So hat dieses Komitee auch nichts zu befehlen und nichts zu verbieten ! « Ich trieb mein Pferd zum Weitergehen an . Da griff er mir in die Zügel und sagte : » Ich muß Euch anhalten . Ich darf Euch nicht vorüberlassen . Ihr habt umzukehren ! « » Versuche es ! « Bei diesen Worten nahm ich mein Pferd vorn hoch und schüttelte ihn ab . Die drei andern wollten Pappermann und das Herzle zurückhalten . Mein Pferd tat einen Satz mitten zwischen sie hinein und trieb sie auseinander . Pappermann rief lachend aus : » Mich zurückweisen ! Den Maksch Pappermann festhalten ! Hat man schon einmal so etwas erlebt ? Wer es wagt , mich anzufassen , den steche ich auf der Stelle nieder ! « Er ließ sein Maultier einige Sprünge dorthin tun , wo die vier Lanzen in der Erde steckten . Im nächsten Augenblick war ich auch dort . Zwei rasche Griffe , und die Lanzen befanden sich in unseren Händen . Er nahm die eine durch die Lederschlinge an den Arm und senkte die andere zum Stoße . Ich tat ganz dasselbe . » So ! « lachte er . » Wer nicht erstochen sein will , der mache sich aus dem Wege ! Vorwärts ! « Wir ritten weiter . Die Komantschen waren junge Leute . Der älteste von ihnen zählte gewiß noch nicht dreißig Jahre . Sie stammten also nicht aus der alten kriegerischen Zeit . Sie wußten vor Verlegenheit nicht , was sie machen sollten . Sie schwangen sich auf ihre Pferde und kamen hinter uns her . Sie baten uns , ihnen ihre Lanzen wiederzugeben und ja nicht weiterzureiten , sondern zu warten , bis sie uns nach vorn gemeldet hätten . Dann würden wir erfahren , ob wir unsern Weg fortsetzen dürften oder nicht . Da es nicht in unserer Absicht liegen konnte , sie vor ihren Kameraden zu blamieren , so gaben wir ihnen ihre Lanzen wieder , setzten unsern Weg aber ununterbrochen fort . Sie getrauten sich nicht mehr , dies zu verhindern , und ritten hinter uns her , denn ohne Beaufsichtigung durften sie , wie es schien , uns nicht lassen . Nach ungefähr einer Stunde kamen wir an einen zweiten Posten , der auch aus vier Personen bestand . Diese machten denselben Versuch , uns anzuhalten . Wir weigerten uns , zu gehorchen . Die ersten vier fühlten sich jetzt stärker als vorher . Da stieg ich vom Pferde , ging zu dem Maultier , welches meinen Koffer trug , öffnete ihn , nahm die beiden Revolver nebst Munition heraus , steckte die letztere zu mir , spannte die Revolver , ging fünfundzwanzig Schritte zur Seite , zielte und gab schnell hintereinander acht Schüsse ab . Jeder der Komantschen bekam einen Ruck in den Arm , in dem er die Lanze hielt . Ich hatte alle acht durchlöchert . Ich lud wieder , kehrte dann zu meinem Pferde zurück , stieg auf und sagte : » Jetzt habe ich nur auf die Lanzen gezielt . Von jetzt an aber ziele ich auf die Männer . Merkt euch das ! « Wir ritten weiter . Sie blieben eine kleine Weile , leise miteinander sprechend , halten ; dann kamen sie hinter uns her , alle acht , ohne es aber zu wagen , sich uns mehr , als wir wünschten , zu nähern . Nach wieder einer Stunde erreichten wir den nächsten Posten , der ebenso wie die vorigen aus vier Mann bestand , die nur Lanzen trugen . Auch sie wollten sich uns in den Weg stellen ; als sie aber sahen , daß wir begleitet wurden , wichen sie zur Seite , ließen uns vorüber und schlossen sich ihren hinter uns reitenden acht Stammesgenossen an . Das machte dem Herzle Spaß . » Nun ist es genau ein Dutzend ! « sagte sie . » Und wir sind nur drei Männer und eine Frau ! Sind das jene kühnen Rothäute , von denen man liest und erzählt ? Sind das jene Komantschen , die man als die verwegensten unter allen Indianern schildert ? « » Irre dich nicht , « antwortete ich . » Sie sind jung , sind ungeübt . Gib ihnen eine Handvoll Erfahrung , so wirst du sehen , daß sie ihren Vätern nichts nachgeben . Wir haben sie einfach verblüfft ; das ist alles ! « Jetzt hatten wir anderthalb Stunden zu reiten , ehe wir den nächsten Posten erreichten . Da stand eine geräumige Blockhütte , bei der zahlreiche Holzklötze lagen , die als Sessel dienen sollten . Hier waren mehr Menschen als nur vier . Ich zählte zehn : acht Indianer und zwei Weiße . Der Pferde waren ebenso viele . Den beiden Weißen schienen die Roten nicht vornehm genug zu sein . Sie hatten sich abseits von ihnen gesetzt . Sie frühstückten aus ihren Satteltaschen und tranken Brandy dazu . Die Flasche stand zwischen ihnen . Das sahen wir von weitem . Als wir aber näher kamen , erkannten wir den Irrtum : die zwei waren nicht Weiße , sondern ein Indianer und ein Halbindianer , aber so wie Weiße gekleidet , während die Komantschen die Tracht ihres Stammes zeigten . Und diese beiden waren uns nicht einmal fremd , sondern Bekannte , sehr gute Bekannte von uns . Nämlich der Halbindianer war Herr Okih-tschin-tscha , genannt Antonius Paper , und der Ganzindianer hatte sich uns als Mr. Evening vorgestellt , Agent für alles mögliche . Neben ihnen lagen ihre Flinten und einige geschossene Vögel . Sie schienen sich also auf einer Jagdpartie zu befinden . Sie sprangen beide auf , als sie uns erkannten . » Halloo , Halloo ! « rief Paper aus . » Das ist ja dieser ekelhafte Burton mit seinem blauen Boy ! Also darum ritt der junge Adler so schnell vorüber ! Er will sie einschmuggeln ! Haltet sie auf ! Sie dürfen nicht weiter ! Ergreift sie ! Nehmt sie gefangen ! « Diese Aufforderung war an die Indianer gerichtet . Mr. Evening aber fügte warnend hinzu : » Nehmt euch aber in acht ! Gewalttätige Menschen ! Dieser Burton ist gewohnt , augenblicklich zuzuschlagen ! « Wir achteten nicht auf diese Rufe , sondern lenkten unsere Tiere nach dem Wasser und stiegen ab , um sie trinken zu lassen . Es war die Zeit dazu . Indem wir das taten , erstatteten unsere zwölf bisherigen Begleiter Bericht über uns . Wir hörten zwar nicht , was sie sagten , konnten uns aber sehr wohl denken , daß sie sich nicht in Lob und Preis über uns ergingen . » Dieser Paper wird doch nicht etwa so töricht sein , wieder mit dir anzubinden ! « meinte das Herzle besorgt . » Er wird es sehr wahrscheinlich ! « antwortete ich . » Derartige Menschen werden niemals klug ! « » Schlägst du wieder ? « » Nein . « » Gott sei Dank ! Ich sehe das gar nicht gerne ! « » Hier ist ein anderer Ort . Da kann man sich auch anders wehren . « Kaum hatte ich das gesagt , so kam der Genannte auf uns zugeschlingert , stellte sich grad vor mich hin und sagte : » Heut rechnen wir ab , Mr. Burton , vollständig ab . Ihr seid mein Gefangener ! « Ich antwortete nicht . » Habt Ihr es gehört ? « fragte er . » Gäbe es hier Handschellen , so würde ich sie Euch anlegen lassen . Denn solche Halunken - - - « » Halunken ? « fragte ich schnell , ihn unterbrechend . » Ja , Halunken ! Denn nur ein Halunke kann - - - « Er konnte den angefangenen Satz nicht vollenden , denn ich packte ihn mit beiden Händen oberhalb der Hüften , trat mit ihm ganz nahe an das Wasser heran und schleuderte ihn , soweit ich konnte , in den hier ziemlich tiefen Fluß hinein . » Hilfe , Hilfe ! « brüllte er noch in der Luft . Dann sank er unter , kam aber schnell wieder zum Vorschein , begann wie ein Hund zu paddeln und wurde von der reißenden Strömung fortgetragen . » Hilfe , Hilfe ! « schrie er weiter . » Holt ihn heraus ! Holt ihn heraus ! « rief William Evening , der Agent für alles . » Laßt ihn nicht ertrinken , laßt ihn nicht ertrinken ! « Die Indianer beeilten sich , dem im Wasser Treibenden zu folgen und ihn mit Hilfe ihrer Lanzen an das Ufer zu ziehen . Ich aber ging auf den Agenten zu , lächelte ihn ebenso verbindlich an , wie er mich am Nugget-tsil angelächelt hatte , machte ganz so , wie er dort , eine noch verbindlichere Verbeugung und sagte mit seinen eigenen , dortigen Worten : » Wir sind in einer wichtigen Angelegenheit an diesen Platz gekommen . Wir glaubten , niemand hier zu finden . Eure Gegenwart ist uns störend . « Er sah mich groß an . » Ihr versteht mich doch ? « fragte ich ihn genau so , wie er mich gefragt hatte . Da kam ihm die Einsicht . Er erinnerte sich der Szene und begann zu ahnen , daß ich jetzt im Begriff stand , den Spieß herumzudrehen . » Gewiß , « antwortete er . » Es ist ja deutlich genug . « » Nun ? « » Ihr wünschet , daß wir uns entfernen ? « » Ja . « » Wann ? « » Sofort ! Sonst helfe ich nach ! « Ich zog den Revolver . Zugleich nahm Pappermann den seinen aus der Tasche . » Wir gehen ; wir gehen ! « versicherte der Agent für alles sehr eindringlich und sehr schnell . » Da bringen sie Mr. Paper . Hoffentlich hat ihm der Schreck nicht die Kraft geraubt , auf das Pferd zu steigen ! « » Sollte dies der Fall sein , so bin ich sehr gern bereit , ihn sofort wieder stark zu machen . Wem gehört der Hut , der dort am Aste hängt ? « » Mr. Paper . « » So paßt auf , was ich tue ! « Die Indianer hatten Herrn Okih-tschin-tscha aus dem Wasser gezogen . Er triefte . Er hatte , wie es schien , genug . Er beeilte sich , in das Innere des Blockhauses zu kommen . Noch hatte er es nicht erreicht , so hob ich den Revolver und zielte nach dem Hute . Ich traf . Paper erschrak so über den Schuß , daß er stehen blieb . Ich deutete nach der durchlöcherten Kopfbedeckung und sagte : » Das war der Hut ! Nun kommt der Mann , der mich arretieren wollte ! Ich gebe Mr. Antonius Paper nur fünf Minuten Zeit . Hat er sich dann nicht davongemacht , so bekommt er ein zweites Loch , aber nicht durch den Hut , sondern durch den Kopf . Fare well , Mr. Evening ! Ich hoffe , Ihr macht Euch ebenso schnell von dannen ! « Da hob Pappermann auch seinen Revolver und rief mir zu : » Also fünf Minuten , nicht mehr ! Dann ich den einen und Ihr den andern ! « Da griff Herr Okih-tschin-tscha schnell nach seinem durchlöcherten Hute , stülpte ihn auf und rannte nach seinem Pferde . Der Agent für alles packte alles , was er aus der Satteltasche genommen hatte , auch die Brandyflasche , wieder hinein , raffte die beiden Gewehre auf , denn Antonius Paper hatte das seinige vor Angst vergessen , und noch waren die fünf Minuten nicht vorüber , so ritten beide , ohne sich umzusehen , in größter Eile davon . Nichts imponiert dem Indianer mehr als Mut und Energie . Unser Verhalten flößte den Komantschen Achtung ein . Die Folge hiervon zeigte sich sofort . Der Aelteste von ihnen kam zu uns heran und fragte : » Meine weißen Brüder kennen , wie man mir sagt , Old Surehand ? « » Ja , « antwortete ich . » Und auch Apanatschka , unsern Häuptling ? « » Auch ihn . Ich kenne sogar Joung Surehand und Joung Apanatschka . Die beiden Väter und die beiden Söhne nennen mich ihren Freund . « » Haben sie dir gesagt , was hier geschehen soll ? « » Ja . Sie haben mir Briefe darüber geschrieben . Sie haben mich eingeladen , nach dem Mount Winnetou zu kommen . « » Hast du diese Briefe mit ? « » Ja . « » Ich bitte dich , sie mir zu zeigen , damit ich sie lese ! « » Sehr gern , sehr gern ! « Ich mußte zwar den Koffer wieder öffnen , zögerte aber gar nicht , es zu tun . Das Herzle half mir dabei . Es gibt Augenblicke , in denen ihr der Schalk im Nacken sitzt ; dann hat man sich vor ihr in acht zu nehmen . Jetzt war ein solcher Augenblick . Sie öffnete nicht meinen , sondern ihren Koffer , nahm vier quittierte Hotelrechnungen aus Leipzig , Bremerhaven , Neuyork und Albany heraus , reichte sie dem Komantschen hin und sagte : » Hier ! Von den beiden Vätern und von den beiden Söhnen ! « Er machte mit der Hand ein Zeichen der Hochachtung und griff nach den Papieren . Er betrachtete sie sehr eingehend . Sein Gesicht nahm dabei mehr und mehr den Ausdruck an , den man als » Kennermiene « bezeichnet . Er wendete sich an seine Leute und bestätigte , indem er die Rechnungen einzeln emporhob : » Es stimmt ; es ist wahr ! Hier ist der Brief von Old Surehand und hier von Joung Surehand , hier von Apanatschka und hier von Joung Apanatschka . Auf allen diesen Briefen steht , daß diese Bleichgesichter Freunde sind , und daß sie nach dem Mount Winnetou kommen sollen ! « Seine Kameraden wußten wahrscheinlich sehr genau , welche Künste ihm zuzutrauen seien und welche nicht , denn einer von ihnen fragte : » Kannst du es denn lesen ? « » Nein , « antwortete er ; » aber ich sehe es . Howgh ! « Er gab dem Frager die » Briefe « hin . Dieser prüfte sie ebenso eingehend und rief dann , indem er sie weitergab : » Auch ich sehe es . Howgh ! « So gingen die Rechnungen weiter von Hand zu Hand . Ein jeder gab sein entscheidendes : » Auch ich sehe es , Howgh ! « dazu , und dann bekamen wir sie zurück , wobei der Anführer unser Schicksal entschied : » Also dürfen meine weißen Brüder mit ihrer Squaw getrost weiterreiten . Die Krieger der Kanean-Komantschen haben ihren Häuptlingen mehr zu gehorchen als dem Komitee ! « Wir steckten die Rechnungen wieder in den Koffer . Das Herzle reichte dem wackeren Schriftverständigen die Hand zum Abschiede und sprach : » Mein roter Bruder ist nicht nur klug und verständig , sondern auch in der Deutung unserer Totems und Wampums sehr wohl bewandert . Er hat ein sehr gutes Herz . Ich danke ihm und werde mich seiner stets gern erinnern . « Das war ihm fast zu viel . Er war beinahe starr vor Glück . Seine Augen strahlten . Er hielt ihre Hand fest , als ob er sie nicht wieder hergeben wolle , und stammelte endlich : » Meine weiße Schwester hat strahlende Worte , wie die Sonne klingende Strahlen hat . Ich danke ihr ! Ich hoffe , wir sehen sie wieder ! « Auch wir gaben ihm die Hand ; dann ritten wir weiter . Meine Frau nahm an , daß der uns vorangeeilte » junge Adler « an irgendeiner Stelle anhalten werde , um auf uns zu warten . Ich aber war anderer Meinung . Er hatte sich von uns getrennt , um uns bei den zu erwartenden interessanten Szenen nicht zu stören . Er wollte denen , die innerlich gegen uns standen , Gelegenheit geben , sich zu blamieren , und um das zu erreichen , durfte er nicht bei uns sein . Ich war also überzeugt , daß wir ihn erst an Ort und Stelle wiedersehen würden . Wir kamen an noch mehreren anderen Wachtstationen vorüber . Die dort befindlichen Indianer hielten uns nicht an . Sie wichen vor uns zur Seite . Die argwöhnischen Blicke , die sie dabei auf uns warfen , sagten nur zu deutlich , daß sie eine Instruktion erhalten hatten , die für uns keine freundliche war . Ich vermutete , daß uns durch Mr. Okih-tschin-tscha ein Empfang bevorstand , auf den uns zu freuen wir keine Veranlassung hatten . Es gab Anzeichen , daß wir uns unserem Ziele näherten . Bei gewissen Krümmungen des Flusses erschien uns ein ganz eigenartig gebildeter Bergkoloß , der , je weiter wir vorrückten , immer höher und höher stieg und alle anderen Höhen , zwischen denen der Fluß sich hindurchzuwinden hatte , weit überragte . Schließlich lag ein Zelt oder ein Halbzelt an unserem Wege , bald wieder eins , hierauf wieder und wieder eins . Sie mehrten sich . Sie traten immer enger zusammen . Es sah ganz so aus , als ob wir durch die äußerste Gasse einer weit ausgedehnten Lagerstadt nach ihrem Mittelpunkte ritten . Vor diesen Zelten saßen Indianerinnen , die uns neugierig und mit ungewöhnlichem Interesse betrachteten . Man sah ihnen an , daß sie von unserm Kommen unterrichtet waren . Kinder gab es keine . Die hatte man nicht mit nach dem Mount Winnetou bringen dürfen . Auch Männer sahen wir nicht . Die waren uns schon voraus , um bei der Szene zugegen zu sein , die uns erwartete . Nun verbreiterte sich das Tal des Flusses sehr schnell , bis die Uferhöhen plötzlich derart nach beiden Seiten zurückwichen , daß wir die ganze vor uns liegende Hochebene mit einem einzigen Blicke zu überschauen vermochten . Der Eindruck , den das , was wir sahen , auf uns machte , war ein derartiger , daß wir wie mit einem gemeinsamen Rucke unsere Pferde und Maultiere anhielten . » Herrlich ! Herrlich ! « rief ich aus . » Mein Gott , wie schön , wie schön ! « sagte das Herzle . » Gibt es denn wirklich so etwas auf Erden ? « Und der alte Pappermann stimmte ein : » So eine Stelle habe ich freilich noch nicht gesehen , noch nie , noch nie ! « Man denke sich einen gigantischen , weit über tausend Meter aufsteigenden Riesendom , vor dem sich ein ebenso riesiger , freier Platz ausbreitet , der durch mehrere Stufenreihen in eine obere und eine untere Hälfte geschieden ist . Der Dom steht auf der westlichen Seite dieses Platzes und geht nach und nach in viele andere Türme über , die in perspektivischer Verjüngung im geheimnisvollen Blaugrau des Westens verschwinden . Auf den anderen drei Seiten ist der Platz von niedrigeren Bergen rundum derart eingefaßt , daß es nur eine einzige Lücke gibt , nämlich das Flußtal im Osten , durch welches wir heraufgekommen sind . Dieser Riesendom ist der Mount Winnetou . Sein Hauptturm steigt wie eine von den kühnsten Naturgewalten improvisierte Gotik hoch über die Wolken empor . Seine Zackenspitze besteht aus nacktem Gestein , welches aus weichen , grünschimmernden Mattendächern emporwächst . Zwischen diesen Zacken liegt weißglänzender Schnee , den unaufhörlich die Sonne küßt , bis er sich , in Liebe aufgelöst , aus Wasserstaub in Wasserstrahl verwandelt und dann von Stein zu Stein , von Schlucht zu Schlucht zur Tiefe springt . Da , wo der Turm sich zum eigentlichen Domgebäude weitet , sammeln sich diese Wasser und bilden mit den von den Nachbarbergen strömenden Bächen einen See , aus dem zu beiden Seiten je ein Wasserfall wohl über sechzig Meter schroff hinunterstürzt und dann , der eine nach Süden , der andere nach Norden fließt , um die Hochebene , also den freien Domplatz , zu umfassen und dann im Osten sich zu dem Klekih Toli-Flusse zu vereinen , an dem wir heut heraufgeritten sind . Unterhalb der grünen Matten hoch oben auf dem Riesenturme beginnt der erste lichte , dann aber immer dunkler und dichter werdende Wald , der den See geheimnisvoll umfaßt und dann am Dom herniedersteigt , bis er den freien Platz erreicht und hierauf , sich in Gebüsch verwandelnd , in die saftgrasige Prärie der Ebene übergeht . Dieser See heißt Nahtowapa-apu24 . Am östlichen Teil des dicht bewachsenen Domes liegt das Portal , ein breit geöffnetes Höhental , in welchem man zum hohen , langen First des eigentlichen Bergmassives und zu dem » See der Medizinen « steigt . Ueber diesem Portal erhebt sich der Nebenturm des Mount Winnetou , welcher zwar nicht so hoch und nicht so schwer wie der Hauptturm ist , aber z.B. in Tirol doch als eine Dolomitennadel allerersten Ranges gelten würde . Auch er ist dicht bewaldet . Aus dem dunkeln Grün der Tannen und Fichten steigen die helleren Hochgebirgswiesen empor . Auf halber Höhe steht ein altindianischer Wartturm , von dem aus man die ganze Ebene und die oberen Windungen des Flusses zu überschauen vermag . Und einige Fuß weiter herab weichen Berg und Wald zurück , um ein weit hervorragendes Plateau zu bilden , auf welchem , einer uneinnehmbaren Festung ähnlich , eine nach beiden Seiten lang ausgestreckte Reihe von Gebäuden steht , deren Alter ganz gewiß noch über die Tolteken- und Aztekenzeit zurückreicht und auf jene graue Vergangenheit deutet , deren Reste jetzt so außerordentlich selten sind . Da oben wohnt Tatellah-Satah , der » Bewahrer der großen Medizin « . Man geht durch den vorderen Teil des Tales und dann durch ein Seitental hinauf zu ihm . Doch ist es keinem Menschen gestattet , ohne seine besondere Erlaubnis diesen Weg zu betreten . Der Hauptturm des gigantischen Domes ist der eigentliche Mount Winnetou , der Nebenturm aber der » Berg der Medizinen « . Und dieser letztere ist es , von dem es heißt , daß der » junge Adler « dreimal um ihn fliegen werde , um dem roten Manne die verloren gegangenen Medizinen zurückzubringen . Die hochebene Prärie vor dem Mount Winnetou war so groß , daß ihr Durchmesser die Länge fast einer ganzen Reitstunde betrug . Sie war jetzt nicht leer , sondern mit Hütten und Zelten besetzt , welche in ihrer Gesamtheit eine ganze Stadt bildeten . Weil nun die eine Hälfte der Ebene höher lag als die andere , zerfiel diese Stadt in eine Ober- und eine Unterstadt . Dies nur der Lage nach . Ob auch in anderer Beziehung ein Unterschied zwischen beiden herrschte , war in der kurzen Zeit , die wir betrachtend auf sie hinblickten , nicht zu sehen . Die untere Stadt war dichter besetzt als