allein ... wie verschmäht von einem Wunder , dessen Ruf er ohne Andacht gehört hatte . Von einem nahen Kirchturm schlug es zehn Uhr . Fünf Stunden erst , dachte Georg . Und wie ferne war schon alles . Nun durfte er wieder frei durch die Welt treiben , wie früher einmal ... Durfte er wirklich ? Heinrich kam aus dem Haustor . Hinter ihm fiel das Tor zu . » Nichts « , sagte er . » Ganz ahnungslos ist die Mutter . Ich habe nach der Adresse gefragt , als wenn ich ihr was Wichtiges mitzuteilen hätte . Ich wäre gerade aus dem Prater gekommen , und da fiel mir ein ... na und so weiter . Eine gute , alte Frau . Der Bruder sitzt am Tisch und zeichnet auf einem Reißbrett eine Ritterburg mit unzähligen Türmen aus einer illustrierten Zeitung ab . « » Jetzt seien Sie einmal aufrichtig « , sagte Georg . » Wenn Sie sie auf diese Weise retten könnten , würden Sie ihr auch jetzt nicht verzeihen ? « » Ja Georg , merken Sie denn noch immer nicht , daß es sich gar nicht darum handelt , ob ich verzeihen will oder nicht ? Denken Sie doch , ich hätte einfach aufgehört sie zu lieben , was doch gelegentlich passieren kann , auch ohne daß man verraten worden ist . Denken Sie , eine Frau , die Sie liebt , würde Sie verfolgen , eine Frau , vor deren Berührung Ihnen aus irgendeinem Grunde graut , würde Ihnen schwören , sie bringt sich um , wenn Sie sie verschmähen . Wären Sie verpflichtet ihr nachzugehen ? Könnten Sie sich den leisesten Vorwurf machen , wenn sie wirklich aus sogenannter verschmähter Liebe in den Tod ginge ? Würden Sie sich als ihr Mörder fühlen ? Das ist doch lauter Unsinn , nicht wahr ? Also wenn Sie glauben , daß es das sogenannte Gewissen ist , das mich jetzt peinigt , so irren Sie sich . Es ist einfach die Sorge um das Schicksal eines Wesens , das mir einmal nahestand und gewissermaßen heute noch nahesteht . Die Ungewißheit ... « ... « Plötzlich blickte er starr nach einer Richtung . » Was ist Ihnen ? « fragte Georg . » Sehen Sie nicht ? Ein Telegraphenbote . Er kommt auf das Haustor zu . « Ehe der Mann noch klingeln konnte , war Heinrich bei ihm , und sagte ihm ein paar Worte , die Georg nicht verstehen konnte . Der Bote schien Einwendungen zu machen , Heinrich erwiderte , und Georg , der nähergetreten war , konnte es hören . » Ich habe Sie ja hier vor dem Tor erwartet , weil mich der Arzt dringend darum gebeten hat . Dieses Telegramm enthält ... vielleicht ... eine traurige Nachricht ... und es könnte für meine Mutter der Tod sein ... nun wenn Sie mir nicht glauben , so klingeln Sie doch , ich geh mit Ihnen ins Haus . « Aber schon hatte er auch die Depesche in Händen , öffnete sie hastig und las beim Licht einer Straßenlaterne . Sein Antlitz blieb völlig unbeweglich . Dann faltete er die Depesche wieder zusammen , reichte sie dem Boten hin , drückte ihm ein paar Silbermünzen in die Hand und sagte : » Sie müssen sie doch selbst drin abgeben . « Der Bote war befremdet , aber durch das Trinkgeld milde gestimmt . Heinrich klingelte und wandte sich ab . » Kommen Sie « , sagte er zu Georg . Sie gingen stumm die Straße weiter . Nach ein paar Minuten sagte Heinrich : » Es ist geschehen . « Georg erschrak heftiger , als er erwartet hätte . » Ist es möglich ... « rief er aus . » Ja « , sagte Heinrich . » Im See hat sie sich ertränkt . In dem See , an dem Sie heuer im Sommer ein paar Tage gewohnt haben « , setzte er hinzu , in einem Ton , als trüge Georg nun auch irgendwie einen Teil der Verantwortung für das , was geschehen war . » Was steht in dem Telegramm ? « fragte Georg . » Es ist vom Direktor . Er hat eben die Nachricht erhalten , daß sie beim Kahnfahren verunglückt ist . Erbittet nähere Weisungen von der Mutter . « Er sprach kühl , hart , als läse er eine Notiz aus der Zeitung vor . » Die unglückliche Frau ! Sollten Sie nicht doch , Heinrich ... « » Was ... ? Zu ihr ? Was soll ich denn bei ihr tun ? « » Wer denn als Sie , kann ihr jetzt ... und muß ihr beistehen ? « » Wer denn als ich ? « Er blieb stehen . » Sie denken , weil es sozusagen meinetwegen geschehen ist ? Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich , daß ich mich total unschuldig fühle . Der Kahn , aus dem sie sich hat sinken lassen , und die Wellen , die sie empfangen haben , können sich nicht schuldloser fühlen , als ich . Das will ich nur feststellen . Aber daß ich zu der Mutter hinein muß ... Ja , damit haben Sie vollkommen recht . « Und er schlug wieder die Richtung nach dem Hause ein . » Wenn Sie wollen « , sagte Georg , » so bleibe ich bei Ihnen . « » Was fällt Ihnen ein , Georg . Gehen Sie nur ruhig nach Hause . Was soll ich noch alles von Ihnen verlangen ? Und grüßen Sie Anna und sagen Sie ihr , wie sehr ich beklage ... na Sie wissen ja ... Da wären wir . Sie gestatten , daß ich noch ein paar Sekunden verziehe , ehe ich ... « Er blieb stumm stehen . Dann begann er wieder , und seine Züge verzerrten sich : » Ich will Ihnen etwas sagen , Georg . Folgendes : Es ist ein großes Glück , daß man in gewissen Augenblicken gar nicht weiß , was einem eigentlich begegnet ist . Wenn man die Unheimlichkeit solcher Augenblicke nämlich sofort so stark empfände , wie man sie später in der Erinnerung empfinden wird , oder wie man sie in der Erwartung empfunden hat man würde verrückt . Auch Sie Georg , ja Sie auch . Und manche werden eben wirklich verrückt . Das sind wahrscheinlich die Leute , denen die Gabe verliehen ist , sofort richtig zu empfinden . Meine Geliebte hat sich ertränkt , hören Sie ? Es ist nicht anders zu sagen . Ist wirklich früher andern etwas Ähnliches passiert ? O nein . Sie glauben sicher , daß Sie schon ähnliches gelesen oder gehört haben . Es ist nicht wahr . Heute das erstemal ... das erstemal , seit die Welt steht , ist so etwas passiert . « Das Tor öffnete sich und fiel wieder zu . Georg stand allein auf der Straße . Der Kopf war ihm wirr , das Herz bedrückt . Er ging ein paar Schritte , dann nahm er einen Wagen und fuhr nach Hause . Er sah die Tote vor sich , so wie sie an jenem hellen Sommertage vor der Bühnentür gestanden war , in roter Bluse und kurzem , weißen Rock , mit den irrenden Augen unter dem rötlichen Schopf . Er hätte damals übrigens geschworen , daß sie mit dem Komödianten , der Guido ähnlich sah , ein Verhältnis hatte . Vielleicht war es auch so . Das konnte eine Art von Liebe gewesen sein und was sie für Heinrich fühlte , eine andere . Es gab wirklich viel zu wenig Worte . Für den einen geht man in den Tod , mit dem andern liegt man im Bett , vielleicht noch in der Nacht , eh man sich für den einen ertränkt . Und was beweist ein Selbstmord am Ende ? Vielleicht nur , daß man in irgendeinem Augenblick den Tod nicht recht verstanden hat . Wie wenige versuchen es noch einmal , wenn es ihnen einmal mißglückt ist . Das Gespräch mit Grace fiel ihm ein , an Labinskis Grab , das glühend-kalte , an dem sonnigen Februartag im schmelzenden Schnee . In jener Stunde hatte sie ihm gestanden , daß sie von keinem Grauen erfaßt worden war , als sie Labinski erschossen vor ihrer Wohnungstür gefunden hatte . Und als vor vielen Jahren ihre kleine Schwester gestorben war , hatte sie eine Nacht lang am Totenbett gewacht , ohne auch nur eine Spur von dem zu empfinden , was andere Menschen Grauen nannten . Aber etwas , das diesem Gefühle ähnlich sein mochte , so erzählte sie Georg , hatte sie in der Umarmung von Männern kennen gelernt . Zuerst war ihr das selbst rätselhaft gewesen , später glaubte sie es zu verstehen . Sie war nach der Aussage von Ärzten zur Unfruchtbarkeit bestimmt , und darum mußte es wohl geschehen , daß der Augenblick der höchsten Lust , durch dieses Verhängnis gleichsam sinnlos geworden , ihr wie in ahnungsvollen Schauder versank . Dies war Georg damals wie ein affektiertes Gerede erschienen , heute zum erstenmal spürte er einen Hauch von Wahrheit darin . Sie war ein seltsames Geschöpf gewesen . Ob ihm noch einmal ein Wesen solcher Art begegnen würde ? Warum nicht ? Am Ende bald . Nun fing ja eine neue Epoche seines Lebens an , und irgendwo wartete vielleicht schon das nächste Abenteuer . Abenteuer ... ? Durfte er daran noch denken ... ? Hatte er von heute an nicht ernstere Verpflichtungen als je ? Liebte er Anna nicht mehr , als je zuvor ... ? Das Kind war tot ... Aber das nächste würde leben ... ! Heinrich hatte wahr gesprochen : Anna war dazu bestimmt , Mutter zu werden . Mutter ... Aber , dachte er fröstelnd , ist sie denn auch bestimmt , Mutter meiner Kinder zu werden ? ... Der Wagen hielt . Georg stieg aus , ging die zwei Treppen hinauf in seine Wohnung . Felician war noch nicht zu Hause . Wer weiß , wann er kommt ? dachte Georg . Ich kann ihn nicht erwarten , ich bin zu müd . Er entkleidete sich rasch , sank ins Bett , und tiefer Schlaf nahm ihn auf . Als er erwachte , suchten seine Augen durchs Fenster , wie er es nun seit Tagen gewohnt war , eine weiße Linie , zwischen Wald und Wiesen : den Sommerhaidenweg . Er sah aber nur einen bläulichen , leeren Himmel , in den eine Turmspitze sich bohrte , mit einemmal wußte er , daß er zu Hause war , und alles , was er gestern erlebt hatte , fiel ihm ein . Doch fühlte er Leib und Seele morgenfrisch , und ihm war , als hätte er außer dem Traurigen , das geschehen war , sich auch irgendeiner günstigen Sache zu entsinnen . Ach ja . Das Telegramm aus Detmold ... War das denn etwas so Günstiges ? Gestern Abend hatte er es nicht so empfunden . Es klopfte an seine Tür . Felician trat zu ihm ins Zimmer , Hut und Stock in der Hand . » Ich hab gar nicht gewußt , daß du heute zu Hause geschlafen hast « , sagte er . » Grüß dich Gott . Also was gibts denn draußen neues ? « Georg hatte den Arm auf den Polster gestützt und blickte zu seinem Bruder auf . » Es ist vorüber « , sagte er . » Ein Bub , aber tot . « Und er sah vor sich hin . » Geh « , sagte Felician bewegt , trat auf ihn zu und legte unwillkürlich die Hand auf des Bruders Haupt . Dann tat er Hut und Stock beiseite , setzte sich zu ihm aufs Bett , und Georg mußte an Morgenstunden seiner Kinderjahre denken , da er beim Erwachen manchmal seinen Vater so am Bettrand sitzen gesehen . Er erzählte Felician , wie alles gekommen war , sprach insbesondere von Annas Geduld und Sanftmut , aber mit einem gewissen Unbehagen fühlte er , daß er sich ein wenig zwingen mußte , um seinen Mitteilungen den Ton von Ernst und Gedrücktheit zu bewahren , der ihnen ziemte . Felician hörte mit Anteil zu , erhob sich dann und ging im Zimmer auf und ab . Indes stand Georg auf , begann Toilette zu machen und berichtete dem Bruder , wie merkwürdig sich der weitere Verlauf des Abends gestaltet hatte ; sprach von den Gängen und Fahrten mit Heinrich Bermann , und von der eigentümlichen Art , wie sie endlich von dem Selbstmord der Schauspielerin erfahren hatten . » Ah , das ist die « , sagte Felician . » Es steht nämlich schon in der Zeitung . « » Also wie ist es denn geschehen ? « fragte Georg neugierig . » Sie ist in den See hinausgefahren und hat sich vom Kahn aus ins Wasser gleiten lassen ... Na , du wirst ja lesen ... Jetzt fährst du wohl gleich wieder aufs Land hinaus ? « fügte er hinzu . » Natürlich « , erwiderte Georg . » Aber ich hab dir ja noch was zu sagen , Felician , was dich interessieren dürfte . « Und er berichtete dem Bruder von dem Detmolder Telegramm . Felician schien erstaunt . » Das wird ja ernst « , rief er aus . » Ja , es wird ernst « , wiederholte Georg . » Du hast noch nicht geantwortet ? « » Nein , wie hätt ich können ? « » Und was gedenkst du zu tun ? « » Aufrichtig gestanden , ich weiß nicht recht . Du begreifst , daß ich nicht auf der Stelle hinfahren kann , besonders unter diesen Umständen . « Felician schien nachdenklich . » Mit einem kleinen Aufschub wird ja wohl nichts verloren sein « , sagte er dann . » Das denk ich mir auch . Vor allem muß ich wissen , wie ' s draußen geht . Ich möchte mich natürlich auch gern mit Anna beraten . « » Wo hast du denn das Telegramm , darf man ' s lesen ? « » Drin auf dem Schreibtisch liegt ' s « , sagte Georg , der eben damit beschäftigt war , sich die Schuhe zuzuschnüren . Felician begab sich ins Nebenzimmer , nahm die Depesche zur Hand und las . » Das ist ja viel dringender « , bemerkte er , » als ich gedacht habe . « » Mir scheint , Felician , es kommt dir noch immer merkwürdig vor , daß ich nun bald einen wirklichen Beruf haben soll . « Felician stand wieder bei seinem Bruder , strich ihm übers Haar und sagte : » Es ist vielleicht eine gute Fügung , daß die Depesche gerade gestern gekommen ist . « » Gut ? Inwiefern ? « » Ich meine , nach so einem trüben Ereignis dürfte dir die Aussicht auf praktische Betätigung doppelt wohltun ... Aber ich muß dich jetzt leider verlassen . Ich hab noch eine ganze Menge zu tun ; Abschiedsbesuche unter anderm . « » Wann fährst du denn , Felician ? « » Heut in acht Tagen . Sag Georg , du kommst doch heut wahrscheinlich noch vom Land zurück ? « » Wenn draußen alles in Ordnung ist , ganz bestimmt . « » Wir könnten uns vielleicht am Abend noch treffen ? « » Das wär mir sehr lieb , Felician . « » Also wenn ' s dir recht ist ich bin von sieben Uhr an zu Hause . Wir können vielleicht zusammen soupieren , aber allein , nicht im Klub . « » Ja , gern . « » Und ich möcht dich was bitten « , begann Felician nach kurzem Schweigen wieder . » Bestell draußen einen Gruß von mir , einen herzlichen ... und sag ihr , daß ich den innigsten Anteil nehme . « » Ich danke dir , Felician , ich werde es ihr ausrichten . « » Wirklich , Georg , ich kann dir gar nicht sagen , wie sehr es mich berührt hat « , fuhr Felician mit Wärme fort . » Ich hoffe nur , sie kommt bald darüber hinweg ... ... Und du auch . « Georg nickte . » Weißt du « , sagte er leise , » wie er hätte heißen sollen ? Felician ! « Felician sah seinem Bruder ins Auge , sehr ernst , dann drückte er ihm die Hand . » Aufs nächstemal « , sagte er mit einem guten Lächeln . Noch einmal drückte er dem Bruder die Hand und ging . Georg sah ihm nach , zwiespältig bewegt . Ganz unangenehm ist es ihm ja doch nicht , dachte er , daß es so gekommen ist . Rasch machte er sich fertig und beschloß , heute wieder einmal zu Rad aufs Land zu fahren . Erst als er über die belebteren Straßen hinaus war , kam er zum Gefühl seiner selbst . Der Himmel hatte sich ein wenig getrübt , und von den Hügeln her wehte Georg ein kühler Wind wie Herbstgruß entgegen . Er wollte in der kleinen Ortschaft , wo das gestrige Ereignis jedenfalls schon bekannt geworden war , niemandem begegnen und nahm den obern Weg zwischen Wiesen und Gärten zum rückwärtigen Eingang . Je näher der Augenblick kam , da er Anna wiedersehen sollte , um so schwerer wurde ihm ums Herz . Am Gitter saß er vom Rad ab und zögerte ein wenig . Der Garten war leer ; unten lag das Haus , in Stille versunken . Georg atmetet tief und schmerzlich auf . Wie anders hätte es sein können ! dachte er , schritt hinab und hörte den Kies unter seinen Füßen knirschen . Er trat auf die Veranda , lehnte das Rad ans Geländer und schaute durch das offene Fenster ins Zimmer hinein . Anna lag mit offenen Augen . » Guten Morgen « , rief er möglichst heiter . Frau Golowski , die an Annas Bett gesessen war , erhob sich und erzählte gleich : » Gut haben wir geschlafen , fest und gut . « » Na , das ist schön « , sagte Georg und schwang sich über die Brüstung ins Zimmer . » Du bist ja sehr unternehmend heute « , sagte Anna mit ihrem verschmitzten Lächeln , das Georg an längst vergangene Zeiten erinnerte . Frau Golowski teilte mit , der Professor wäre am frühen Morgen dagewesen , hätte sich vollkommen zufrieden gezeigt , und Frau Rosner in seinem Wagen mit in die Stadt genommen . Dann entfernte sie sich , mit guten Blicken . Georg beugte sich zu Anna nieder , küßte sie innig auf Augen und auf Mund , rückte den Stuhl näher , setzte sich und sagte : » Mein Bruder grüßt dich herzlich . « Es zuckte unmerklich um ihre Lippen . » Danke « , erwiderte sie leise und bemerkte dann : » Du bist ja mit dem Rad herausgekommen ? « » Ja « , erwiderte er . » Da muß man nämlich auf den Weg aufpassen , was zuweilen sein Gutes hat . « Dann berichtete er vom Abschluß des gestrigen Abends , erzählte das Ganze wie eine spannende Geschichte , und erst zum Schluß , wie es sich gehörte , durfte Anna erfahren , wie Heinrichs Geliebte geendet hatte . Er erwartete sie bewegt zu sehen , aber sie behielt einen sonderbar harten Zug um den Mund . » Es ist doch furchtbar « , sagte Georg . » Findest du nicht ? « » Ja « , erwiderte Anna kurz , und Georg fühlte , daß ihre Güte hier völlig versagte . Er sah den Widerwillen aus ihrer Seele fließen , nicht lau wie von einem Wesen zum andern hin , sondern stark und tief , wie einen Strom des Hasses von Welt zu Welt . Er ließ das Thema fallen und begann von neuem : » Jetzt was Wichtiges , mein Kind . « Er lächelte , hatte aber ein wenig Herzklopfen . » Nun ? « fragte sie gespannt . Er nahm das Detmolder Telegramm aus seiner Brusttasche und las es ihr vor . » Was sagst du dazu ? « fragte er mit gespieltem Stolz . » Und was hast du geantwortet ? « » Noch gar nichts « , erwiderte er beiläufig , als wäre er nicht gesonnen , die Sache sonderlich ernst zu nehmen . » Ich wollt es natürlich vorher mit dir besprechen . « » Also was denkst du ? « fragte sie unbeweglich . » Ich ... lehne natürlich ab . Ich depeschiere , daß ich ... in der nächsten Zeit keineswegs hinkommen könnte . « Und er erläuterte ihr ernsthaft , daß mit einem Aufschub weiter nichts verloren sei , da er ja als Gast jedenfalls willkommen und diese dringende Aufforderung doch nur einem Zufall zu verdanken war , auf den zu hoffen man nicht das Recht gehabt hätte . Sie ließ ihn eine Weile reden , dann sagte sie . » Du bist schon wieder einmal leichtsinnig . Vor allem find ich , hättest du gleich antworten sollen . Und ... « » Nun , und ? ... Vielleicht auch gleich heute früh fortfahren , statt zu dir herauszukommen wie ? « scherzte er . Sie blieb ernst . » Warum nicht ? « sagte sie . Und auf sein befremdetes Zurückwerfen des Kopfes : » Mir geht es ja Gott sei Dank sehr gut , Georg ; und auch wenn es mir etwas schlechter ginge , helfen könntest du mir ja doch nicht , also ... « » Ja , Kind « , unterbrach er sie , » mir scheint , du verstehst gar nicht recht , um was es sich handelt ! Das Hinfahren ist natürlich eine ziemlich einfache Sache aber das Dortbleiben ! Das Dortbleiben mindestens bis Ostern ! So lange dauert die Saison . « » Na , daß du nicht fortgefahren bist , ohne mir vorher adieu zu sagen , Georg , das finde ich natürlich ganz in der Ordnung . Aber siehst du , fort mußt du ja jedenfalls , nicht wahr ? Wenn wir auch gerade in der letzten Zeit nicht darüber gesprochen haben , wir haben ' s doch beide gewußt . Also ob du in vier Wochen wegfährst , oder übermorgen oder heute ... « Nun begann Georg sich ernstlich zu wehren . Das sei durchaus nicht gleichgültig , ob in vier Wochen oder heute . Im Laufe von vier Wochen könne man sich doch mit gewissen Gedanken vertraut machen und überdies alles genau besprechen hinsichtlich der Zukunft . » Was gibt es da viel zu besprechen « , erwiderte sie müd . » In vier Wochen nimmst du ... kannst du mich ebensowenig mitnehmen als heute . Ich glaube sogar , daß jede ernsthafte Besprechung zwischen uns erst nach deiner Rückkunft einen Sinn erhalten kann . Bis dahin wird sich mancherlei geklärt haben ... Wenigstens in Bezug auf deine Aussichten . « Sie blickte zum Fenster hinaus , in den Garten . Georg zeigte eine gelinde Entrüstung über ihre kühle Sachlichkeit , die sie auch in einer solchen Stunde nicht verließe . » Ja wahrhaftig ! « sagte er , » wenn man so bedenkt was das bedeutet , daß du hier bleibst und ich ... « Sie sah ihn an . » Ich weiß , was es bedeutet « , sagte sie . Unwillkürlich wich er ihrem Blick aus , nahm ihre Hände , küßte sie , war innerlich aufgewühlt . Als er wieder aufblickte , sah er ihre Augen mütterlich auf sich ruhen . Und wie eine Mutter sprach sie ihm zu . Sie erklärte ihm , daß er gerade in Hinsicht auf die Zukunft und es schwebte um dieses Wort kaum wie ein linder Hauch eigener Hoffnung eine solche Gelegenheit nicht versäumen dürfe . In zwei oder drei Wochen konnte er ja von Detmold aus auf ein paar Tage wieder nach Wien zurückkommen . Denn das würden die Leute dort gewiß einsehen , daß er seine Angelegenheiten hier in Ordnung bringen müßte . Aber vor allem wäre es notwendig , ihnen einen Beweis seines ernsten Willens zu geben . Und wenn er auf ihren Rat etwas halte , so gäbe es nur eins : noch heute abends abzureisen . Um sie brauche er keine Sorge zu hegen , sie fühlte , daß sie außer jeder Gefahr sei , ganz untrüglich fühle sie das . Natürlich werde er täglich Nachricht haben , zweimal , wenn er wollte , früh und abends . Er gab nicht gleich nach , kam nochmals darauf zurück , daß das Unerwartete dieser Trennung ihn geradezu niederdrücken würde . Sie erwiderte , daß ihr ein solcher rascher Abschied viel lieber sei , als die Aussicht auf weitere vier Wochen in Bangen , Rührung und Abschiedsangst . Und das wesentliche bleibe doch immer : daß es sich um nicht viel mehr handle als ein halbes Jahr . Dann hatte man wieder ein halbes für sich , und wenn alles gut ginge , so standen vielleicht nicht mehr viele solcher Trennungszeiten bevor . Nun fing er wieder an : » Und was wirst du in diesem halben Jahr tun , während ich fort bin ? Es ist doch ... « Sie unterbrach ihn : » Vorläufig wird es schon so weitergehen , wie es eben jahrelang gegangen ist . Aber ich hab heute früh über vielerlei nachgedacht . « » Die Gesangschule ? « » Auch das . Obzwar das natürlich nicht so leicht ist und nicht so einfach und überdies « , setzte sie mit ihrem verschmitzten Gesicht hinzu , » es wäre doch schade , wenn man sie gar zu bald wieder zusperren müßte . Aber über all das werden wir nachher reden . Jetzt geh einmal telegraphieren . « » Ja was ? « rief er so verzweifelt aus , daß sie lachen mußte . Dann sagte sie : » Sehr einfach . Werde morgen mittag die Ehre haben , mich in Ihrer Kanzlei einzufinden . Aller- , alleruntertänigst , oder ergebenst ... oder allerhochmütigst ... « Er sah sie an . Dann küßte er ihr die Hand und sagte : » Du bist entschieden die Gescheitere von uns zweien . « Sein Ton deutete an : auch die Kühlere , aber ein Blick von ihr , mild , zärtlich und etwas spöttisch , lehnte diesen Nebensinn ab . » Also in zehn Minuten bin ich wieder da . « Er verließ sie mit heiterer Stirn , trat ins Nebenzimmer und schloß die Türe . Gegenüber , hinter jener andern , jetzt fiel es ihm mit Macht wieder ein , lag sein totes Kind im Sarg ... denn das » Nötige « , wie gestern Doktor Stauber sich ausgedrückt hatte , war ja wohl schon besorgt worden . In einer wehen Sehnsucht krampfte sich sein Herz . Frau Golowski kam aus dem Vorzimmer . Sie trat auf ihn zu , sprach bewundernd von der Ergebenheit und der Gefaßtheit Annas . Georg hörte etwas zerstreut zu . Seine Blicke glitten immerfort über jene Türe hin , und endlich sagte er leise : » Ich möcht es doch noch einmal sehen . « Sie schaute ihn an , leicht erschrocken zuerst und dann mitleidig . » Schon zugenagelt ? « fragte er angstvoll . » Schon fortgeschafft « , erwiderte Frau Golowski langsam . » Fortgeschafft ? ! « Sein Gesicht verzerrte sich mit einmal so peinvoll , daß die alte Frau wie beruhigend die Hände auf seinen Arm legte . » Ich war in aller Früh die Anmeldung machen « , sagte sie , » und das andre ist dann sehr schnell gegangen . Vor einer Stunde hat man ' s abgeholt in die Totenkammer . « In die Totenkammer ... Georg erbebte . Und er schwieg lange , verstört , wie wenn er eine völlig unerwartete grauenhafte Neuigkeit erfahren hatte . Als er wieder zu sich kam , fühlte er noch immer die freundliche Hand Frau Golowskis auf seinem Arm und sah ihren Blick aus übernächtigen , gütigen Augen auf seinem Antlitz ruhen . » Also erledigt « , sagte er , mit einem empörten Blick nach oben , als wär ihm jetzt erst die letzte Hoffnung tückisch geraubt . Dann reichte er Frau Golowski die Hand . » Und Sie haben alles das auf sich genommen , liebe gnädige Frau ... Wahrhaftig ich weiß nicht ... wie ich Ihnen das je ... « Eine Bewegung der alten Frau wehrte jeden weitern Dank ab . Georg verließ das Haus , warf auf den kleinen , blauen Engel , der wie ängstlich zu den verblühten Beeten niederschaute , einen verächtlichen Blick und trat auf die Straße . Auf dem Weg zum Amt überlegte er angestrengt die Fassung des Telegramms , das seine Ankunft in dem Ort des neuen Berufs und der neuen Verheißung ankündigen sollte . Neuntes Kapitel Der alte Doktor Stauber und sein Sohn saßen beim schwarzen Kaffee . Der Alte hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und schien darin etwas zu suchen . » Der Termin für den Prozeß « , sagte er , » ist noch nicht festgesetzt . « » So « , erwiderte Berthold , » Leo Golowski glaubt , daß er Mitte November , also in etwa drei Wochen stattfinden wird . Therese hat ihren Bruder nämlich vor ein paar Tagen in der Haft besucht . Er soll vollkommen ruhig sein , geradezu gut aufgelegt . « » Nun wer weiß , vielleicht wird er freigesprochen « , sagte der Alte . » Das ist recht unwahrscheinlich , Vater . Er muß eher froh sein , daß er nicht wegen gemeinen Mords unter Anklage gestellt worden ist . Der Versuch dazu ist ja für alle Fälle gemacht worden . « » Das kann man doch keinen ernsthaften Versuch nennen