da irgend Etwas zu suchen , was sich gar nicht dort befand . So waren wir also ganz allein auf dem Deck und gingen nach der Kajüte . » Warum das Alles so heimlich ? « fragte ich . » Es würde ja gar nicht auffallen , wenn wir es ganz offen täten ? « » Weil John unbedingt zu glauben hat , daß es mir gar nicht einfällt , auch nur einen einzigen Blick auf das Bild zu werfen . Die Tür ist natürlich verschlossen , aber ich weiß , wie man sie auch ohne Schlüssel öffnen kann . Er hat davon gesprochen . « Er drehte den Drücker auf und dann in besonderer Weise wieder zu ; es gelang . Wir traten ein . Er blieb zunächst vorn stehen und schaute sich in einer Weise um , als ob er sich in dem Heiligtum einer ihm nicht bloß fremden , sondern auch unsympatischen Verehrung befinde . Hierauf näherte er sich langsam , Schritt um Schritt , beinahe ängstlich , dem Bilde und sah es lange , lange an . Dann ging er , ohne ein Wort zu sagen , zum Eingange zurück , wo ich stehen geblieben war , schob mich hinaus , schlug die Tür hinter sich zu , holte tief , tief Atem und sagte , als er sah , daß man soeben den Tee servierte : » Trinkt ihn allein , Sir ! Mir ist aller Appetit vergangen . Ich habe jetzt mehr , viel mehr zu verdauen , als Tee mit Toasts ! « Ich setzte mich also an den Tisch und ließ es mir schmecken . Er aber ging gesenkten Kopfes und mit langen Schritten auf dem Deck hin und her . Grad als ich fertig war , kam Bill mit den beiden Matrosen nach oben und meldete , daß alles Suchen vergeblich gewesen sei . Nun ließen wir uns an das Land setzen und stiegen wieder in den Wagen , um heimzufahren . Er gab dem malajischen Kutscher den Befehl , dies nicht direkt , sondern auf einem Umwege zu tun , da es sich um eine Spazierfahrt handle . Dann , als wir so eng und traulich neben einander saßen , ergriff er das Wort : » Charley , was haltet Ihr von Bildern ? « » Sir , was haltet Ihr von Büchern ? « antwortete ich . » Sonderbare Frage ! « » Ganz so , wie die Eure ! « » Aber wie ihr die Frage stellt , kann man sie gar nicht beantworten ! Sie ist zu unbestimmt . « » Habt Ihr bestimmter gesprochen ? « » Hm ! Allerdings nicht ! Wie konnte ich also eine Antwort verlangen ; es ist ja keine möglich ! « » O , doch ! Eure Frage war nämlich gar keine Frage , sondern der Angstruf Eures inneren Menschen , der sich bisher gefürchtet hat , das Bild zu betrachten . Nun habt ihr es aber doch getan , und da schreit er auf , weil er die Folgen kommen fühlt . « Da wandte er sich mir zu , sah mich betroffen an und fragte ; » Bin ich etwa durchsichtig ? « » Ja ! « » Halloh ! Das ist stark ! Glaubt Ihr , durch mich hindurchschauen zu können ? « » In dieser Beziehung allerdings . « » Und was seht Ihr da ? « » Die Yin . « » Oho ! « » Jawohl ! Ganz gewiß die Yin , obgleich Ihr vielleicht versucht , euch hierüber zu täuschen . Diese Yin ist nämlich etwas ganz Anderes , als Ihr denkt ; sie besitzt eine Euch vollständig unbekannte und unbegreifliche Macht . Mit dieser Macht hat sie Euch gepackt . Ihr seid ihr Eigentum geworden und werdet es auch bleiben ! « » Entsetzlicher Mensch ! « » Wer ? « » Ihr ! Ich habe nämlich nicht gewußt was mich so - - so - - nun , auf eine bisher so unbekannte Weise beunruhigt , seit ich in der Kajüte gewesen bin . Es ist nicht Furcht , nicht Angst , nicht Reue . Es ist auch nichts Betrübendes oder gar Häßliches , sondern es scheint im Gegenteile etwas Gutes , etwas Wünschenswertes zu sein . Und dennoch quälte es mich ! Es bohrte in mir . Da kommt Ihr mit Eurer Behauptung , daß ich das Eigentum der Yin geworden sei , und richtig ! In dem Augenblicke , als Ihr es sagt , da wird sie plötzlich in mir wach ; da steigt sie in mir auf , und ich muß Euch sagen , daß ich sie nicht nur sehe , sondern in meinem ganzen Körper fühle , bis an die Fingerspitzen ! Oder ist es nicht mein Körper , sondern der Geist , die Seele , und ich kann es nur nicht unterscheiden ? « » Es ist nicht Euer Körper , sondern der innere Uncle und Governor , ganz derselbe , den Ihr vorhin den inneren Sejjid Omar genannt habt . Wollt Ihr mich nun noch einmal fragen , was ich von Bildern halte , nämlich von solchen ? Denn nur solche sind Bilder . Alles Andere ist nur Malerei , oft sogar Schmiererei ! Das deutsche Wort Bild kommt von bilden her . Versteht Ihr mich ? Das hat mit dem Ausdrucke nachbilden nur den Klang der zweiten und dritten Silbe gemein , weiter nichts . Der wahre Künstler hat stets eigene Gedanken . Er bildet niemals nach , selbst wenn er porträtiert . Er schafft dem vorhandenen Körper Geist und Seele . Er zeigt am dümmsten Bauernkopf die in Wirklichkeit vollständig unsichtbare , aber dennoch vorhandene Intelligenz . Er demonstriert am menschenfreundlich erscheinenden Gesicht des Eroberers die tief in ihm versteckte , stets kampfesfertige Bulldoggennatur . Und ist er nicht bloß Talent , sondern Genie , so schafft er auch die gegebene Gestalt vollständig um , ohne daß gewöhnliche Augen es bemerken , und läßt uns , einem Zauberer gleich , dann Wesen sehen , welche zwar vollständig berechtigt sind , der Wirklichkeit anzugehören , aber in der Sprache ganz anderer , höherer Welten zu uns reden . Diese Sprache ist für den Körper unvernehmbar . Sie klingt nur von Geist zu Geist , von Seele zu Seele . In ihr naht sich die Macht , die Euch ergriff , als Ihr vor der Yin standet und sie betrachtetet . « » So glaubt Ihr , ein Genie habe dieses Bild erschaffen ? « » Unbedingt . Nur das Genie gibt neue Rätsel auf , während das Talent sich mit alten , längst vorhandenen beschäftigt . Und dieses Porträt der Yin ist ein Rätsel , ein neues , ein schönes , ein entzückendes Rätsel , an dessen Lösung ich mein Leben setzen würde , wenn ich Maler wäre . Ihr habt zu mir gesagt : Ich will Euch nach einem Orte führen , wo es spuckt , bei Tage sogar noch deutlicher als bei Nacht . Mein teurer Freund , diese Yin konnte für Euch nur so lange ein Spuk , ein Gespenst sein , als es Nacht in Eurem Innern war . Mir scheint , heut ist es Tag geworden . Wenigstens dämmert es bereits . In diesem Zwielicht erscheint sie bereits klarer , lichter , schöner , doch noch nicht ganz aus der Nacht gelöst , wie ich sagte : noch als Rätsel . Aber wartet nur , Sir ; die Sonne wird kommen , ganz gewiß . Dann muß der Vorhang vom Bilde fallen , und das Geheimnis wird für Euch zur Offenbarung werden , denn jede wahre Kunst ist göttlicher Natur . « » Das sagt Ihr so bestimmt ? « schaltete er ein . » Ja , « antwortete ich . » Ich kenne unsern John . Die ganze Jacht ist , so zu sagen , ein Buch mit sieben Siegeln . Und das Bild ist sicher nicht das geringste dieser Siegel . Oder vergleiche ich die Jacht mit einem Gedichte , so erscheint mir das Bild sogar als die schönste und tiefste seiner Strophen . Glaubt Ihr , daß er , der Dichter , uns die Erklärung vorenthalten wird ? « » Nein . Aber alles das , was Ihr mir da sagt , hat mich nicht klüger gemacht , als ich vorher war . Ich fühle mich im Gegenteile nur noch verworrener . Bitte , laßt mir Zeit ; ich habe nachzudenken ! « Er legte sich in die Lehne zurück und fiel in andauerndes Schweigen . Auch als wir oben in Kota Radscha angekommen waren und am Kratong aus dem Wagen stiegen , bezahlte er den Kutscher , ohne ein weiteres Wort zu sagen , und zog sich sogleich in sein Zimmer zurück . Raffley kam erst zur Zeit der Dämmerung von seinem Spazierritte heim und teilte uns dann beim Abendessen mit , daß der Mijnheer zwar ein Holländer sei , aber dennoch ein Gentleman durch und durch . Sogar wetten habe er wollen , sei aber natürlich abgewiesen worden . Uebrigens scheine sich da oben in den Bergen etwas Kriegerisches vorzubereiten , um die Malaien endlich einmal gründlich zu Raison zu bringen . Der Mijnheer habe ihm einige Züge von Grausamkeiten erzählt , die man allerdings nicht in Schutz nehmen dürfe . Da fiel ihm der Governor sofort in die Rede , um die Malaien zu verteidigen . Er tat dies in der ihm eigenen Weise , die ihn verführte , wiederholt über das Ziel hinauszuschießen , und kam dabei immer wieder auf seinen » Freund , den Heidenpriester « zurück , wie er ihn nannte . John ließ ihn vollständig aussprechen und antwortete aber dann : » Alles , was Ihr sagt , in Ehren , dear uncle ; aber ich bitte , laßt Euch von Eurem guten Willen nicht verführen , weiter zu gehen , als Ihr dürft . Ihr könnt doch unmöglich behaupten wollen , daß diese Rasse auf gleicher Bildungsstufe mit der unserigen stehe ! Und Ideale sucht man doch nicht unten , sondern oben . Ihr kennt meine Ansicht über die Menschenrechte zur Genüge ; aber nicht das Gefühl allein , sondern auch der Verstand hat zu Worte zu kommen . Sollen Kinder mitbestimmen dürfen , auf welche Weise sie zu erziehen sind ? Habt sie lieb ; hebt sie empor , und macht sie zu Männern ! Sind sie das geworden , so mögen sie mit raten und mit tun ; eher aber nicht ! Es ist stets gefährlich , den Unmündigen eine Macht zu gewähren , deren Ausübung klar und überlegt denkende Köpfe verlangt ! « » Well ! Zugegeben ! « gestand der Governor ein . » Gut , so sind wir einig ! Ihr rühmt das Verhalten der Malaien gegen Waller . Ja , sie haben ihm verziehen , ihn nicht bestraft ; aber sind sie nicht um so grausamer gegen seine unschuldige Tochter gewesen , welche von ihnen unter so peinlichen Umständen hinüber nach Penang gebracht wurde ? Wie hätte sich diese ganze Angelegenheit wohl gestaltet , wenn der Priester nicht ein so hochdenkender Mann gewesen und unser Tsi nicht ganz zufälliger Weise dazu gekommen wäre ? Nur das richtige Maß , das richtige Maß bitte ich ! « Da wurde der Uncle für einige Zeit still ; dann sagte er in rührender Aufrichtigkeit : » Kinder , mir scheint , ich werde immer törichter anstatt klüger . Was früher für mich schwarz gewesen ist , das möchte ich nun gleich vollständig weiß erscheinen lassen . Und was ich bisher verachtet habe , das will ich jetzt im Handumdrehen bewundern lassen . Ich sehe , ich bin auch noch ein Kind , wenn auch ein ziemlich altes . Habt mich also lieb ; hebt mich , und macht mich zum Manne ! Das war es ja , was Ihr sagtet , lieber John . Wie Ihr das anfangt , das ist Eure Sache . Ich verschwinde ! « Er wollte fort . » Halt ! « rief da John . » Habe Euch noch mitzuteilen , daß der Mijnheer unsere Jacht gern einmal sehen will . Ich schlug ihm für morgen eine Spazierfahrt vor , und er hat angenommen . Die Wagen nach dem Hafen sind für sechs Uhr früh bestellt . Ihr macht doch mit ? « » Selbstverständlich ! Kinder fahren immer gern spazieren . Gute Nacht ! « Wir waren infolgedessen am nächsten Tage nicht in Kota Radscha und kehrten erst am Abende heim . Da brachte Tsi uns die frohe Botschaft , daß er überzeugt sei , den Missionar retten zu können . Er brachte hierbei den Gedanken an einen Ausflug wieder in Anregung und holte Mary Waller , um diesen seinen Vorschlag von ihr unterstützen zu lassen . Sie sah sehr angegriffen , aber doch nicht körperlich leidend aus und freute sich , als wir den Entschluß faßten , für eine Woche oder auch noch Etwas länger hinüber nach den Nikobareninseln zu dampfen , für welche wir uns noch von früher her lebhaft interessierten . Dann kehrte sie mit Tsi zu dem Kranken zurück . Wir Drei aber blieben noch länger beisammen . Ich wollte natürlich den Sejjid mitnehmen , nicht darum , weil ich ihn während dieser Spazierfahrt zu meiner persönlichen Bedienung brauchte , sondern damit er möglichst viel sehen und nützliche Erfahrungen mit heimbringen möge . Ich wollte ihn nicht ausnützen , sondern in ihm den Grund zu einer bessern Zukunft legen . Aber als ich ihm sagte , was ich beabsichtigte und daß er sich mit einzuschiffen habe , bat er mich , bleiben zu dürfen . Nach dem Grunde dieses Wunsches gefragt , antwortete er : » Wir reisen doch nach China , Sihdi , und da habe ich mich um die Sprache dieses Landes zu bekümmern , wozu ich aber unterwegs auf dem Schiffe wohl keine Gelegenheit finde . Hier in Kota Radscha gibt es einige chinesische Kulis , welche englisch sprechen , und wenn ich während dieser Zeit mit ihnen verkehre , kann ich ihnen zeigen , daß es außer der deinigen und der meinigen keine weitere , ganz vollkommene Sprache gibt . « Ich hatte nichts dagegen . Es war ja kein Unglück , wenn zu dem babylonischen Gewirr in seinem Kopfe , aus welchem er aber gegebenen Falls stets das Nötige herauszufinden wußte , auch noch ein Beitrag kam , der auf » ing « und » eng « zu enden hat . Die Vorbereitungen nahmen den nächsten Vormittag in Anspruch . Am Nachmittag gingen wir in See . Erst als wir die Küste nicht mehr sahen , kam mir ein peinigender Gedanke , den ich John mitteilte . Ich wurde aber beruhigt . Er , der ebenso gütig war , wie er umsichtig zu sein pflegte , hatte , bevor wir Kota Radscha verließen , dafür gesorgt , daß den zurückgelassenen Freunden nichts von dem fehlte , was sie voraussichtlich nötig hatten . Ich war schon früher sehr oft in der Lage gewesen , ihn in dieser Beziehung im Stillen mit einer liebevoll besorgten Mutter zu vergleichen . Wir hatten damals , als wir auf Ceylon miteinander bekannt geworden waren , auf seiner Jacht » Swallow « eine Fahrt nach den Nikobaren unternommen und dort so Interessantes erlebt , daß der Wunsch , diese Erinnerungen bei der jetzigen Gelegenheit wieder aufzufrischen , ein ganz selbstverständlicher war . Da sich aber auf diesem Ausfluge nichts ereignete , was sich auf die vorliegende Erzählung bezieht , will ich nur erwähnen , daß wir , sehr von ihm befriedigt , erst nach vollen zwei Wochen wieder nach Uleh-leh zurückkehrten . Dieses Mal gab es auf der Landungsbrücke und den in ihrer Nähe liegenden Straßen mehr Leben als bei unserer ersten Ankunft . Es lagen mehrere Dampfer im Hafen , von denen einer Passagiere gelandet hatte und dafür andere zur Reise nach Batavia an Bord nahm . Wir fuhren nicht mit der Bahn , sondern per Wagen nach Kota Radscha hinauf . Als wir ankamen , war der erste Mensch , den wir sahen , mein Sejjid Omar . Als er uns erblickte , rief er uns vor Freude überlaut entgegen : » Hamdulillah ! Ni tschi la fan la mei yo ? « Hamdullah ist arabisch und heißt » Gott sei Dank ! « Das Andere aber war chinesisch und heißt : » Haben Sie schon Ihren Reis gegessen ? « Eine sehr beliebte Begrüßungsformel im ganzen Reiche der Mitte . So sehr er sich freute , uns wieder zu haben , so groß war aber auch sein Verlangen , uns möglichst schnell zu zeigen , wie tief er während der verflossenen vierzehn Tage in die Sprache der Chinesen eingedrungen sei . Wir fanden unsere Wohnungen genau so vor , wie wir sie verlassen hatten . Sie waren nicht belegt worden , obgleich es wiederholt Besuch im Kratong gegeben hatte , besonders Offiziere . Das hing wohl mit den kriegerischen Unternehmungen zusammen , von denen ich bereits gesprochen habe . Grad als sich Jeder von uns in sein Zimmer begeben hatte , stellte Tsi sich ein , um uns zu begrüßen und über Waller Bericht zu erstatten . » Er ist gerettet , « sagte er , » aber allerdings einstweilen nur erst körperlich . Und selbst da kann mein Urteil noch kein endgültiges sein . Das Ko-su hat gradezu Wunder getan ; aber diese fürchterliche Krankheit pflegt schon bei gewöhnlichem Auftreten innere Zerstörungen zurückzulassen , welche später noch verhängnisvoll werden können , und hier hatte sie ja in einer Weise um sich greifen dürfen , welche selbst mich , den immer Zuversichtlichen , am Erfolge fast verzweifeln ließ , obgleich ich das nicht sagte . Aber der Geist , der Geist ! Vielleicht ist es ebenso richtig oder noch richtiger , wenn ich sage , die Seele , die Seele ! Ich stehe da vor einem Zustande , von dem ich zwar gehört und auch gelesen habe , der mir aber noch niemals vorgekommen ist . Der Psycholog befindet sich da in einer Lage , die ihn mit den Anschauungen und Behauptungen der Wissenschaft in den allerernstesten Konflikt geraten läßt . Jeder abendländische Arzt würde mit der größten Ueberzeugung sagen , daß Waller wahnsinnig geworden sei . Es versteht sich ganz von selbst , daß ich dies Miß Mary verschweige , zumal ich dieser Ansicht ganz unmöglich beizustimmen vermag . Er spricht nämlich grad während der sogenannten Wahnsinnsanfälle überaus klar und richtig . Ja , seine Logik kommt mir dann so scharf , so unwiderstehlich , so erhaben , fast überirdisch vor . Es ist nichts Monomanes , nichts Gestörtes , nichts krankhaft Unsicheres dabei . Diese Anfälle wirken auf sein körperliches Befinden vorteilhaft , anstatt es zu deprimieren . Er scheint in eine Duplizität oder gar Triplizität gespalten zu sein . Jetzt spricht er selbst , mit seiner eigenen Stimme und in seiner gewöhnlichen , uns Allen bekannten Weise . Plötzlich ändert sich sein Ton . Er redet nicht mehr englisch , sondern deutsch . Sein Ausdruck ist ein höherer geworden . Er bringt sogar Reime , die tadellosesten Reime , die man sich denken kann . Und sie klingen sanft , zart , weich , wie aus einem liebevollen , bittenden Frauenmunde . Und ebenso plötzlich fällt ihm ein tiefer , starker Baß in die Rede , während seine Stimmlage doch fast noch höher als Bariton ist . So ist es , als ob er aus sich selbst und noch zwei andern Wesen bestehe , welche sich um sein Denken und Fühlen mit einander streiten . Es ist dies im höchsten , im allerhöchsten Grade interessant . Glücklicherweise stehe ich da nichts Unbekanntem gegenüber . Unsere chinesische Psychologie erklärt uns das mit größter Leichtigkeit als sehr natürlich . Die abendländische Wissenschaft aber besitzt , vermute ich , kein einziges Werk oder Buch , welches diesen Zustand kennt und sich in eingehender Weise und erklärend mit ihm beschäftigt . Darum - - « Er hielt inne , weil Mary in das Zimmer trat , um uns auch zu bewillkommnen . Sie sah wieder ganz wohl und hoffnungsvoll aus . Die Versicherung des Arztes , daß ihr Vater gerettet sei , hatte ihren Augen den früheren Glanz und ihren Wangen die jugendliche Röte zurückgegeben . Ihr Gemüt war zwar noch nicht frei von jeglicher Sorge , aber doch nicht mehr so schwer bedrückt wie vorher . Der Missionar war soeben in einen tiefen , festen Schlaf gesunken , und so konnte seine Tochter längere Zeit bei uns bleiben . Es erleichterte sie , uns erzählen zu können , wie angstvoll allerseits der Kampf mit dem drohenden Tode gewesen sei , und wie glücklich sie sich jetzt fühle , zu wissen , daß der Vater sich erholen werde . Sie vermiet es sorgfältig , hierbei zu erwähnen , mit welcher aufopfernden Hingebung Tsi sich des Kranken angenommen hatte , aber ihre Augen sprachen um so deutlicher von dem Dank , den sie für ihn im tiefsten Herzen fühlte . Indem ich dies beobachtete , fiel es mir erst auf , wie hager er geworden war . Und später erfuhr ich von ihr direkt , daß er im Sorgen und Wachen gewiß noch mehr geleistet habe wie sie selbst . Als beide , Mary und Tsi , diesen ihren Besuch beendet hatten und ich in mein Zimmer ging , um zu schreiben , fand ich , daß mein Papiervorrat fast ganz zu Ende gegangen war . Ich begab mich infolgedessen nach dem mit dem Hotel verbundenen Verkaufsladen Rosenberg , um das Fehlende zu ergänzen . Nachdem dies geschehen war , setzte ich mich auf die Veranda , um ein Glas Bier zu trinken , » Pilsener « aus Hamburg natürlich . Ich war noch nicht lange da , so kam ein Malaie , welcher die Absicht hatte , vorüberzugehen . Er schien nach der Zitadelle zu wollen . Er war jetzt anders gekleidet ; ich erkannte ihn aber doch als den , welcher mit uns über die Auslieferung Wallers verhandelt hatte . Er trug ein kleines Paket in der Hand . Ich rief ihn an . Er kam zu mir her , und ich sah ihm an , daß er auch mich erkannte . » Wo willst du hin ? « fragte ich . » Nach dem Kratong , « antwortete er . » Zu wem ? « » Zum kranken Tuwan und auch zum Tuwan Governor . Dem Kranken soll ich sein Buch geben und dem Governor einen Brief , den ich in der Tasche habe . « » Was ist das für ein Buch ? « » Wir haben es auf der Brandstätte unseres Tempels gefunden , in welchem Euer Missionar wohnte . Als wir die Asche fortschafften und die Trümmer auseinander räumten , war der steinerne Altar eingefallen , und unter diesen Steinen lag , von ihnen beschützt , das Buch , so daß es nicht mit verbrennen konnte . Ist das nicht wie ein Wunder ? Der Priester hat es sofort sorgfältig eingepackt und einen Brief geschrieben . Ich aber mußte mich auf die Reise machen , um Euch beides zu bringen . « Er hob das Päckchen empor , um es mir zu zeigen . Da kam mir ein Gedanke . Ich dachte an das Gedicht » Tragt Euer Evangelium hinaus ! « Nichts konnte mir da passender sein , als das Erscheinen dieses Eingeborenen mit dem Buche . Das war ja die beste Gelegenheit , der ersten Strophe jetzt die zweite hinzuzufügen ! Uebrigens war die Sendung dieses Boten ein abermaliger Beweis der fast beispiellosen Ehrlichkeit der heidnischen Bergmalaien . » Zeige es einmal her ! « forderte ich ihn auf . Er gab es mir . Es war in große , papierähnliche Pflanzenblätter gewickelt und mit einer Bastschnur fest umwunden . Als ich es geöffnet hatte , sah ich , daß es ein Neues Testament in englischer Sprache war . Ein blauseidenes , miteingeheftetes Band , das Einzeichen bildend , lag bei dem dreizehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes , welches bekanntlich beginnt : » Wenn ich mit den Zungen der Menschen und der Engel redete und hätte aber die Liebe nicht , so wäre ich wie ein tönendes Erz oder wie eine klingende Schelle « u.s.w. Ich hatte die auf Seite 219 dieses Buches bereits angeführten acht Zeilen in meinem Notizbuche stecken , nahm dieses Papier heraus , und ließ mir von dem Kellner Tinte und Feder geben . Das Einzeichen ließ mich vermuten , daß die angegebene Bibelstelle diejenige sei , welche man entweder zuletzt gelesen habe , oder überhaupt gern aufzuschlagen pflege . Zudem paßte sie wie fast keine andere zu dem Inhalte des Gedichtes . Darum probierte ich die Tinte auf ihre gleiche Schwärze und gab der Strophe die Ueberschrift » 1. Korinther 13. « Als es trocken geworden war , legte ich das Papier in dieses Kapitel und hüllte dann das Neue Testament genau wieder so ein , wie es gewesen war , hierauf gab ich es dem Malaien zurück , fügte ein Trinkgeld hinzu , um seine Verschwiegenheit zu belohnen und sagte : » Du kannst den Tuwan nicht sprechen , denn es darf Niemand zu ihm , weil er krank ist . Aber du wirst nach seiner Tochter fragen und ihr das Buch geben , nur ihr , keiner andern Person . Verstanden ? « » Ja , « nickte er . » Es darf Niemand erfahren , daß ich Etwas in das Buch gelegt habe . Du wirst also weder ihr noch einem andern Menschen sagen , daß du mich hier gesehen oder gar mit mir gesprochen hast ! « Er steckte das Trinkgeld ein und versicherte : » Ich schweige wie ein toter Baum , der keine Blätter mehr hat . Er kann nicht einmal mehr flüstern ! « » Du wirst mich überhaupt gar nicht erwähnen , auch gegen den Tuwan Governor nicht , wenn du ihm den Brief deines Priesters gibst . Und dann , wenn du deine Botschaft ausgerichtet hast , kommst du wieder hierher , um noch eine zweite Belohnung zu erhalten . Ich muß wissen , ob du Alles genau so hast tun können , wie ich es wünsche . « » Werde ich auch den großen Sahib aus China treffen , dem wir so gern gehorchen , weil wir seinen Vater lieben ? « » Wenn du es wünschest , ja . Aber auch er darf nicht erfahren , daß du hier bei mir gewesen bist und wieder zu mir kommen wirst ! « » Du brauchst keine Sorge zu haben . Ich weiß von unserem Priester , daß Ihr gute Menschen seid , die absichtlich Böses niemals tun . Es ist also nur Erlaubtes , was du von mir verlangst , und ich werde es genau so tun , wie du gefordert hast . « Er verbeugte sich tief und ging . Es dauerte fast ein Stündchen , ehe er zurückkehrte . Aber er kam nicht allein , sondern mit meinem Sejjid Omar . Sie führten sich Hand in Hand wie Brüder . Er mochte ahnen , was ich dachte , und sagte darum schnell : » Zürne nicht im voraus , sondern höre erst , was ich sage ! Dieser mein Freund hat nichts erfahren , gar nichts , kein Wort . Er sieht erst jetzt , daß du dich hier befindest . Er ist dein Diener , und er ist dir treu ; das weiß ich ganz gewiß . Dennoch werde ich auch weiter zu ihm schweigen . Aber ich bitte dich , für jetzt mit ihm zusammenbleiben zu dürfen . Mein Weg war weit ; ich habe mich auszuruhen , und er will mir dabei Gesellschaft leisten . Dein Wille ist geschehen , ganz genau so , wie du es mir sagtest . « » So soll auch der deinige geschehen . Ich sehe , daß ihr eines Herzens seid , und finde es also begreiflich , daß deine Reise meinen Sejjid Omar ebenso ermüdet hat wie dich selbst . Ihr mögt Euch also mit einander stärken . « Ich reichte ihm das versprochene zweite Backschisch in fürsorglicher Verdoppelung hin , und er steckte es zu sich . Omar aber erklärte : » Hier brauchst du es nicht , sondern du nimmst es mit heim . Du bist mein Gast , denn ich bin Sejjid Omar , und ich liebe dich ! « Dann schritten sie Hand in Hand mit einander von dannen . Als sie sich entfernt hatten , ging ich nach Hause , wo ich mich bis zum Abendessen mit den erwähnten schriftlichen Arbeiten beschäftigte . Es war Alles still . Keiner der Freunde ließ sich sehen , obgleich doch anzunehmen war , daß die Uebersendung des Buches und des Briefes irgend eine Wirkung hervorgebracht haben müsse . Der Grund lag darin , daß man sich die Mitteilung bis zum Essen vorbehalten wollte , weil wir da Alle beisammen waren . Tsi kam auch . Nur Mary fehlte . Sie zog es auch jetzt noch vor , sich selbst während des Mahles nicht von dem kranken Vater zu entfernen . Sobald wir uns an den Tisch gesetzt hatten , bemerkte ich , daß die Freunde innerlich beschäftigt waren . Doch schwiegen sie jetzt noch . Sie wollten das , was sie mitzuteilen hatten , nicht gleich bei Reis und Fleisch , sondern erst später bringen . Aber noch waren wir nicht bei dem letzten Gange , den Früchten , angelangt , so konnte der Governor es nicht länger aushalten . Er sagte : » Ich hatte Besuch , ganz unerwarteten Besuch . John weiß es schon . Dem habe ich es mitgeteilt . Ihr Andern würdet es nicht erraten . Darum will ich es lieber gleich sagen . Nämlich der malajische Bote war bei mir , welcher die Betelnuß nach dem Hotel Rosenberg brachte und dann auch mit