wir den Gefangenen liegen . Der Blick , den er auf uns richtete , war nicht etwa verlegen , sondern trotzig , und geradezu unverschämt klang es , als er uns sofort entgegenrief : » Ihr habt mich augenblicklich freizugeben ! Ich bin ein hochgestellter Mann , kein Lump , den man in dieser Weise behandeln darf ! Gib mich frei , Effendi ! « Ah , der kannte mich ja schon ! Also scharfe Augen und feine Ohren ! Aber pfiffig war es keineswegs , es mir zu verraten ! Ich blieb vor ihm stehen und fragte ruhig : » Wer bist du ? « » Das sage ich nur dir allein ! « » Woher ? « » Auch das nur dir ! « » Was willst du hier ? « » Auch das darf Niemand wissen , als nur du ! « » So ? Dann mag ich es überhaupt nicht wissen ! Kara , binde ihn fester , aber so , daß ihm die Schwarte knackt ! Wer uns mit solcher Frechheit kommt , der sehe zu , was für ihn daraus entsteht ! « Der Hadeddihn kniete zu ihm nieder , zog das Zeug aus der Tasche und begann , ihn fester zu schnüren . Da rief der Fremde aus : » Ich bin ein Abgesandter des Schah-in-Schah ! « » An wen ? « » An den Ustad , also an dich ! « » Und kommst nicht offen und direkt zu mir , sondern versteckst dich hier wie ein Verbrecher ? « » Ich habe meine Gründe ! « » Das glaube ich . Aber auch ich habe welche , und diese gelten , nicht die deinigen ! « » Ich kam zu Eurem Glück zu Euch ! « » Und stichst mit dem Messer auf meine Leute ? Wir danken für solches Glück ! « » Du bist ein Christ . Darum sage ich dir : Ich komme als Missionar ! « » Willst uns wohl Frieden predigen ? Heil verkündigen ? « » Ja ! « » Das kennen wir ! Sorg für dein eignes Heil ; das unsere liegt in den besten Händen ! « Das brachte ihn zum Schweigen . Er schien zu überlegen . Kara vollzog seine Arbeit so gut , daß dem » Missionar « alle Glieder zu schmerzen begannen . » Er hat das Messer gegen dich gezogen , um dich zu erstechen , « sagte ich . » Das bestrafe ich mit dem Tode . Wirf ihn dort hinter die Steine ! Da mag er liegen , bis er in den Duar geschafft wird , um gehenkt zu werden . « Hierauf wendete ich mich nach der Tür , scheinbar um zu gehen . Das wirkte . » Bleib hier , Effendi ! « bat er . » Ich werde antworten ! « Ich ging weiter . Da schrie er auf : » Effendi , Effendi , geh nicht fort ! Ich gebe dir Auskunft , und du wirst dich freuen ! « Da drehte ich mich um , langsam , wie widerwillig , und befahl : » So antworte kurz auf das , was ich dich frage ! Anderes mag ich nicht wissen . Seit wann bist du jetzt hier ? « » Seit dieser Nacht . Ich kam , als in dem Duar schon alle Leute schliefen . « » Warst du schon öfters hier ? « » Vor einem Jahre zum ersten Male . Seitdem in jedem Monat nur einmal . « » Sonst nicht ? « » Nein . « » Du warst also vor einem Monate zum letzten Male da ? « » Ja . « » Kamst heut in dieser Nacht und weißt doch so genau schon , wer ich bin ? Wer täuschen will , muß besser lügen können ! « » Ich wußte nicht , wer du bist ; ich vermutete es nur . Effendi , glaube mir ! « » Gibt es bei uns Jemand , auf den du dich berufen kannst ? « » Pekala und Tifl . « » Wer noch ? « » Niemand . « » So ist es schlecht um dich bestellt . Tifl ist ein Abtrünniger und Pekala eine Plaudertasche , die Alles verraten wird , was sie von dir weiß ! « » Das mag sie immerhin ! Sie weiß von mir nur Gutes . Ich habe eine Mission vom Schah und bin sein Diener , bin sein Auserwählter . Als Bote seiner Liebe und auch zugleich der wahren Menschenliebe , bin ich gekommen - - « » Um deine eigentliche Absicht zu verstecken , « fiel ich ein , » hier Jahre lang von unsrer dummen Pekala zu leben und dann den Frieden deines falschen Schah uns mit dem Messer vorzuschreiben ! « » Meines falschen Schah ? « fragte er . » Ich verstehe dich nicht ! « » Wenn du mich nicht verständest , wärest du sogar noch dümmer als Pekala , die es gewiß und wahrhaftig glaubt , daß ihr Aschyk imstande sei , ihr bei dem Schah die Wonnen aller Paradiese zu vermitteln . Doch mich betrügst du nicht mit dieser deiner Seligkeit ! Uns ist der Schah in Wirklichkeit bekannt , doch in den Löchern Teherans , in denen du und deinesgleichen steckt , lernt man ihn niemals kennen . Dich schickt der Scheik ul Islam , doch nicht der Schah-in-Schah ! « Da reichte seine ganze Frechheit nicht aus , den Schreck zu verbergen , der über sein Gesicht zuckte . » Der - - Scheik - - ul - - Islam- - ! « wiederholte er . » Wie kommst du auf diesen Gedanken ? « » Ich habe es aus seinem eignen Munde , und wenn ich dir das sage , so ist es wahr ! Willst du es eingestPehen ? « » Nein , denn es ist Lüge ! « schrie er zornig auf . » Es ist wahr ! Und ich sage dir : Nur kurze Zeit , so wirst du mich auf deinen Knieen bitten , die Beichte anzuhören , welche du mir jetzt verweigerst . Für hier und jetzt bin ich mit dir fertig ! « Kara hatte ihn derart gefesselt , daß an einen Fluchtversuch gar nicht zu denken war . Dieser Verführer unserer strahlenden » Festjungfrau « versuchte zwar noch immer , uns zu einem andern Verhalten gegen ihn zu bereden , doch vergeblich . Er wurde zwischen die hier liegenden , hohen Steinhaufen gesteckt , und dann gingen wir . Als wir dann draußen im Freien standen , sagte Schakara , indem sie mich fast ängstlich anschaute : » Wie streng du sein kannst , Effendi , wie unerbittlich kalt und streng ! Das wußte ich noch nicht . « » Meine Freundin , es handelt sich hier nicht um mich , sondern um das Wohl und Wehe vieler , vieler Menschenkinder , « antwortete ich . » Da hat etwas ganz Anderes zu sprechen , als das , was man das Herz zu nennen pflegt . Auch ist das Schicksal dieses Mannes ja noch nicht fest bestimmt . Es steht in seiner Hand . Er kann sich retten , wenn er Reue zeigt . Und grad das , was ich mit ihm vorhabe , ist geeignet , ihn am schnellsten zu dieser Reue zu führen . « » Was wird das sein ? « » Ich gebe ihm ein Gefängnis , wo er sich zu entscheiden hat : Wahnsinn oder Reue . Weiter gibt es dort nichts . « » Wo ? « » Unten im Bassin , im finstern Bergesinnern , ein kalter , nasser Sitz auf jenem Stein , auf dem wir das Skelett gefunden haben . In solcher Art Gesellschaft wird man mürbe ! « » Entsetzlich , entsetzlich ! Effendi , bist du ein Mensch ? « » Schakara , Schakara ! Ich will ihn retten . Und wer den Ausweg aus der innern Hölle nur durch die äußre Hölle finden kann , dem muß man diese öffnen . Mit Baklawa53 das Raubtier zähmen wollen , ist Unsinn und bringt doppelte Gefahr . Wir lassen ihn bis nachts im Turme liegen und schaffen ihn sodann an Ort und Stelle . Ich wette , daß es gar nicht lange dauert , so tut er das , was ich ihm voraussagte : Er bittet mich um die Genehmigung , mir seine ganze Schuld gestehn zu dürfen . - - - Was sehe ich da unten im Duar ? Ist etwa Pferdemarkt ? « » Nicht Markt , doch aber Schau , und zwar für unser Rennen . Der Chodj-y-Dschuna hat sie anbefohlen . Ein jeder Dschamiki , der sich beteiligen will , muß sich mit seinem Pferde bei ihm melden . Hierauf wird dann die Rennbahn abgesteckt , und Jeder kann sich üben nach Gefallen . « » So gehen wir hinab ! Ich möchte sehn , was sich für Kräfte stellen . « » Wird dich das nicht zu sehr anstrengen ? « fragte Schakara . » Keinesfalls . Ich fühle , daß ich neues Blut besitze , und neues Blut bringt immer neue Kraft , im Körper wie im Geiste . Ich fand noch nie bei einem andern Kranken , daß die Genesung sich so wunderbar beeilte , wie sie bei mir es tut . Was ich noch vor drei Tagen für ganz unmöglich hielt , das kommt mir jetzt , wo ich die Fläche überblicke , die vielen Pferde unten stehen sehe und rechts da drüben meinen Assil schaue , in meiner Stimmung recht gut möglich vor - - - ihn gegen unsre Feinde selbst zu reiten . « » Effendi , welch ein Gedanke ! « rief Kara aus , indem seine Augen leuchteten . » Wenn das mein Vater hört , läßt es ihn schnell genesen ! « » Nur nicht sogleich entzückt ! Ich bin noch viel zu schwach , kann höchstens daran denken , jedoch bestimmen nichts . Trotzdem , trotzdem , trotzdem ! Nimm die Begeisterung , die Euch beseelen wird ; denk auch ans Andere : daß wir geschlagen werden , von Ritt zu Ritt besiegt von solchen Gegnern , und stelle dich dann vor die letzte Tour , die das Verlorne wiederbringen kann , so werfe ich mich auf den schlimmsten Gaul und reite mit , daß alle Knochen fliegen , die seinen und die meinen , bis miteinander wir zusammenbrechen , wir beide tot , jedoch am Ziel - - - als Sieger ! « Wir kehrten nicht erst nach dem hohen Hause zurück , sondern gingen in entgegengesetzter Richtung hinüber nach den Steinbrüchen und den dortigen , breiten Weg hinunter in den Duar . Das war ein Jubel , als man uns bemerkte ! Die Begeisterung , von welcher ich gesprochen hatte , schien sich schon heute eingestellt zu haben . Es gab so viele , fernwohnende Dschamikun , die mich noch nicht gesehen hatten . Die drängten sich alle , alle herbei , und jeder von ihnen hatte es ganz besonders darauf abgesehen , uns zu versichern , daß wir das Rennen unbedingt gewinnen würden . Wir gingen mit dem Chodj von Pferd zu Pferd . Ein jeder Besitzer war bemüht , uns von den Vorzügen des seinigen zu überzeugen . Darum freute es mich , daß der Chodj sich als vortrefflicher Kenner zeigte . Er ließ sich nicht durch Worte enthusiasmieren , blieb kalt , bedächtig , überlegen und wies Alles zurück , was keinen Erfolg versprach . Aber grad dadurch erreichte er , daß unser Vertrauen stetig wuchs , und als wir zu Ende waren und er uns nach unserm Urteile fragte , konnte ich ihm zu seiner wie auch meiner Freude sagen : » Das Material ist gut . Nicht nur im gewöhnlichen Sinne , sondern sogar in Beziehung auf den ungewöhnlichen Zweck . Nachdem ich diese Pferde gesehen habe , bin ich unbesorgt . Ich habe nicht gewußt , daß die Dschamikun so viel des edelsten Blutes besitzen , und kann die Gegner nicht begreifen , daß sie gewagt haben , mit uns anzubinden . « » Der Grund ist leicht einzusehen , « antwortete er . » Sie prahlen mit ihren Pferden , geben ihnen hochtrabende Namen , wie zum Beispiel das beste Pferd von Luristan , bringen die Stammbäume derselben unter das Publikum und verbreiten über ihren unschätzbaren Wert so viele und so vollmäulige Geschichten , daß es schließlich Niemand mehr wagt , daran zu zweifeln . Jeder , der doch vielleicht noch den Mut besitzt , eine Wette einzugehen , tut dies aber unter dem Drucke der Angst , höchst wahrscheinlich besiegt zu werden , und da die Angst niemals zum Guten führt , so stellt sich stets auch hier die Niederlage ein . Man verliert ; aber nicht das Pferd ist schuld , sondern die Furcht , welche die Energie und Geistesgegenwart des Reiters lähmte . Bei uns aber ist das anders . Wir sprechen nicht von unserer Zucht ; ja , wir halten sie sogar und ganz geflissentlich geheim . Und besondere Stammbäume ? Wozu diese , wenn überhaupt alles edel ist ? Und das ist es ja , was wir erreichen wollen und erreichen werden ! Auch wissen wir nur allzu gut , wie oft solche Stammbäume täuschen , zumal bei fortgesetzter Binnenzucht . Darum greifen wir fleißig nach außen hin , um zu verbessern , zu veredeln . Sodann hüten wir uns vor prunkenden Namen . Sie sind doch bloß nur Sand , den man schließlich sich selbst in die Augen streut . Kein vernünftiger Mensch glaubt mehr an Namen . Darum wählen wir zur Benennung grad unserer allerbesten Pferde nur Worte , welche möglichst schüchtern , ja oft sogar herabsetzend klingen , dabei aber eine bessere , tiefere Bedeutung haben , die nur von uns selbst , aber von keinem Fremden verstanden wird . Das wirst du noch sehen . Denn unsere Hauptrenner sind heut noch gar nicht hier , weil eine Prüfung bei ihnen nicht nötig ist . Aus allen diesen Gründen ist man über das , was wir besitzen , fast gar nicht orientiert . Frag draußen im ganzen Lande herum , ob wir imstande sind , ein großes Rennen gegen auswärtige Pferde zu gewinnen . Man wird lächeln , sogar über Sahm , deren Name übrigens der einzige ist , der nicht verschwiegen klingt , und dir sagen , daß man uns Ritt auf Ritt besiegen würde . Doch mögen sie nur kommen . Wir wissen , was wir haben , und verstehen , es zu reiten . Und was die Angst betrifft , nun , lähmen wird uns nichts . Weißt du , wer unser bester Reiter ist ? « » Wohl du ? « » O nein , o nein , sondern der Ustad selbst . In dem Augenblicke , an welchem er den Sattel berührt , ist er nicht mehr der Ustad der Dschamikun , sondern etwas ganz , ganz Anderes . Er gleicht dann einem plötzlich jung gewordenen Djinni54 , dem jede Faser des Pferdes untertänig ist , und wer es mit ihm aufnehmen will , der wagt mehr , als er denkt ! Hierbei fällt mir ein , dir zu sagen , daß der Scheik ul Islam einen Eilboten heim nach Chorremabad geschickt hat , natürlich nicht von hier , sondern von unterwegs aus , denn wir sollten höchst wahrscheinlich nichts davon erfahren . Aber dieser Bote traf auf einen unserer Pferdehirten , begann aus Rache für unser Verhalten hier ein Wortgefecht mit ihm und war dabei so unvorsichtig , sich zu verraten . Er rief dem Hirten höhnisch zu , daß wir verloren seien , weil Ghulam el Multasim zum Ustad der Takikurden erhoben werde . Hältst du das für möglich oder nur für eine Lüge , um uns zu ärgern , Effendi ? « » Ghulam el Multasim , der Bluträcher , der Ertappte und Ueberführte , der vollständig Ehr- und Gewissenlose - - - Ustad der frommen , kurangerechten Takikurden ? Warum soll das nicht möglich sein ? Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich , nachdem ich den Scheik ul Islam kennen gelernt habe . Dergleichen Leute sind zu Allem fähig . Warten wir es ruhig ab ! Geschieht es wirklich , so kann es uns nur nützlich sein . « » Nützlich ? Uns ? Dieser Mensch an der Spitze unserer neidischesten Feinde ? « » Ja . Denn wird man einmal zum Kampf gezwungen , so ist es besser , man hat den ganzen Pöbel hübsch beisammen , weil man die Hiebe dann umso dichter fallen lassen kann . Es sollte mich freuen , wenn es würde ! « Da begann es in den buschigen Brauen des Chodj-y-Dschuna zu spielen ; seine Augen leuchteten auf , und er sagte in frohem Tone : » Dank sei Chodeh ! Ich sehe immer mehr , daß wir uns keinesfalls zu sorgen brauchen . Ich habe dir bereits gesagt , daß ich hier verschiedene Stellen bekleide . In gewissem Sinne bin ich auch so etwas Aehnliches wie Sypahsalar55 und weiß also genau , was es bedeutet , wenn wir das Dschamikun in Waffen ! rufen . Ich wittre Krieg . Hast du vielleicht den Wunsch , einmal Heerschau zu halten ? « » Allerdings ; aber ich versage mir seine Erfüllung . Es würde Aufsehen erregen , und ich wünsche aber sehr , daß man uns für unvorbereitet halte . Man soll unbedingt der Meinung sein , uns vollständig zu überrumpeln . Sei noch verschwiegen ! Wir werden uns zur rechten Zeit besprechen , sobald ich meine , daß sie gekommen sei . Die Fäden sind bereits in meinen Händen . « Da kam der Pedehr , zur Schau leider zu spät , doch versicherte er , sich der Sache umso eifriger anzunehmen . Er war oben im Walde in seiner Jagdhütte gewesen und versprach mir in liebenswürdigster Weise , gleich neben der seinigen auch für mich eine bauen zu lassen und sie mir zu schenken . Hierauf trennten wir uns , und ich ging mit Schakara und Kara Ben Halef heim . Der Letztere hatte seinen täglichen Uebungsritt zu machen , und die Erstere bat ich , von jetzt an ein Auge auf Pekala zu haben und sie zu verhindern , etwa nach den Ruinen zu gehen . Oben angekommen , besuchte ich meinen Halef und seine Hanneh . Sie hatten sich da oben auf dem ebenen Dache der Halle vortrefflich eingerichtet und freuten sich über diese meine erste Visite hier in ihrem » Duar « , wie sie es nannten . Ich sage » sie « , denn Halef schlief nicht , sondern war wach . Als ich mich zu ihm gesetzt hatte und ihm zärtlich über die abgemagerten Hände strich , sagte er : » Mein lieber , lieber Sihdi ! Ich habe gehört , daß jetzt du der Herr des hohen Hauses bist . Wie kannst du das Alles nur versorgen , ohne daß ich imstande bin , dir mit zu helfen ! « Seine Stimme klang verhältnismäßig kräftig ; sein Atem versagte nicht mehr , und seine Augen hatten wieder Leben . » Sorge dich nicht ! « antwortete ich . » Ich brauche keine Hilfe . « » Aber du bist ja selbst noch krank und schwach ! « » Krank nicht mehr , sondern gesund , vollständig gesund . Und was die Schwäche betrifft , so fühle ich , daß sie mit jeder Stunde geringer wird . Ich erhole mich mit einer Schnelligkeit , die zum Erstaunen ist , und hoffe , daß dies nun auch bei dir der Fall sein werde . « Als ich hierauf von der Pferdeschau erzählte , war es , als ob das zugleich heilende Medizin und stärkende Nahrung sei . Und das wirkte augenblicklich . Seine Wangen bekamen Farbe und seine Züge fast lebhafte Beweglichkeit . Das Wettrennen war der Punkt , an welchem für ihn die Spannkraft neu geboren zu werden schien . Darum blieb ich mit ihm bei diesem Gegenstande , bis er ermüdete und schließlich die Augen schloß , um mitten im Gespräche einzuschlafen . Inzwischen war es Mittag geworden , und ich aß mit Hanneh und Schakara in der Halle . Dann , als ich hinauf in meine Wohnung kam und das Tal überschaute , sah ich zahlreiche Reiter ihre Pferde auf der Rennbahn tummeln , was von jetzt an jeden Tag und zwar von früh bis abends geschah . Ich blieb den ganzen Nachmittag oben , auch zum Abendessen , welches ich mir heraufbringen ließ . Kara wußte Bescheid . Ich hatte ihm denselben während unserer Heimkehr von der Pferdeschau erteilt . Er stand , als alle Andern , Schakara ausgenommen , schliefen , mit neuen Fackeln unten im Hofe bereit . Wir gingen erst hinab nach dem Landeplatze , um die Fackeln in das Boot zu legen . Es war der zweite Tag des neuen Mondes , die Sichel am Himmel schon breiter und heller als gestern . Sie leuchtete uns . Nun benutzten wir den schon früh erwähnten , breiten Steinbruchweg , von welchem aus die hier ebene Fläche bis zu dem Quaderturm hinüberführte . Da dieser eingestürzt war und also oben offenstand , war es auch in ihm mondeshell . Für den Nebenbau , durch welchen wir mußten , hatte Kara ein Talglicht mitgenommen , welches angebrannt wurde . Der » Aschyk « lag noch genau so , wie wir ihn verlassen hatten . Es war ihm unmöglich gewesen , sich zu bewegen . Man sollte denken , daß diese Qual , verzehnfacht durch den Schmerz , den die scharfen Fesseln verursachten , ihn veranlaßt hätte , sich gefügig zu zeigen . Das war aber keinesweges der Fall . Am Morgen hatte er seine Zuflucht schließlich doch zur Bitte genommen ; nun aber schien er sich das wieder anders überlegt zu haben . Er empfing uns mit Vorwürfen , sprach von seiner » Botschaft des Friedens « , nannte sich wiederholt den » Auserwählten « , den » Missionar « , ohne dessen Hilfe wir verloren seien , und erdreistete sich endlich gar , zu sagen , daß er uns verzeihen und bei dem Schah-in-Schah für uns bitten wolle , wenn wir unsere Fehler einsehen und sofort verbessern würden . Ich machte durch dieses blöde , prahlerische Geschwätz einen Strich , indem ich ihn summarisch fragte : » Kennst du den Scheik ul Islam persönlich ? « » Nein , nein , nein ! « behauptete er zornig . » Hast nichts , gar nichts mit ihm zu tun ? « » Nichts , nichts und dreimal nichts ! « » Bist nicht in seinem Auftrag hier bei uns ? « » Nein , nein und tausendmal nein ! « » Gut ! Jetzt bin ich überzeugt ; aber wovon , das wirst du sehen . Wir geben dir jetzt die Füße frei , doch weiter nichts . Du hast mit uns zu gehen , gehorsam , still , wenn du den Tod vermeiden willst . Wir wissen mit entsprungenen Verbrechern umzugehen und kehren uns nicht daran , daß sie im Schutz des Scheik ul Islam stehen ! Merkst du etwas ? ! « Da sagte er nichts mehr ! Kara nahm ihm die Riemen von den Beinen und ließ ihn aufstehen . Er wankte infolge der Blutstockung so , daß er gehalten werden mußte . Doch als wir ihn erst einmal draußen im Freien hatten , bekam er nach und nach immer festern Schritt . So kamen wir den Berg hinab und an die Landestelle . Als er aufgefordert wurde , in den Kahn zu steigen , weigerte er sich und begann , wieder laut zu werden . Da warf ihn Kara einfach nieder , zwang ihm ein Stück mitgebrachtes Zeug als Knebel in den Mund , fesselte ihm die Beine wieder und schob ihn dann hinüber in das Boot , um ihm dort die Augen zu verbinden . Dann stiegen wir ein und ruderten nach dem Kanale . Als wir das Gestrüpp am Eingang desselben hinter uns hatten , wurde die Fackel angebrannt und in das erwähnte Loch gesteckt . Erst schoben und dann ruderten wir uns weiter , bis wir das vordere Bassin erreichten . Der Aschyk sollte nicht wissen , wo der Weg zur Freiheit zu suchen sei , denn es war meine Absicht , ihn von den Fesseln zu befreien , und er konnte vielleicht ein guter Schwimmer sein , obgleich dies von einem binnenländischen Perser , dessen Mutter Erde ihn so trocken behandelt , nicht zu vermuten war . Darum trieben wir das Boot in das Becken hinein , bis der Kanal nicht mehr zu sehen war , und nahmen ihm dann die Binde von den Augen . Der Knebel verhinderte ihn am Sprechen und sein Gesicht lag so im Schatten , daß wir weder die Augen noch das Spiel der Mienen beobachten konnten , doch nahm ich an , daß der Anblick dieses schauerlichen Ortes von nicht geringem Eindruck auf ihn sein werde . Um diesen zu verstärken , nahmen wir uns die Zeit zu einer vielfach verschlungenen Rundfahrt . Da er auf dem Boden des Fahrzeuges lag , sah er nur , was oben war , und mußte also die Größe des Beckens in hohem Grade überschätzen . Das wollte ich ! Als ich meinte , daß es genug sei , hielten wir bei dem Steine an , auf welchem das Gerippe lag , dasselbe Gerippe , welches in meinem Traume so vorzüglich schwimmen konnte und so viel gesprochen hatte . Nun aber war es still . Die Beine eng und fast bis zu den Rippen emporgezogen , grinste es uns an , als ob es sich trotz seines Schweigens freue , einen Gesellschafter zu bekommen , der diese entsetzliche Einsamkeit mit ihm zu teilen habe . Er aber sah es nicht und ahnte es auch nicht . Wir schoben , damit er das Skelett nicht sofort bemerken möge , das Boot nach der andern Seite des Steines . Kara legte den obern Teil seines Anzuges ab , um ihn nicht zu beschmutzen , und kletterte hinauf . Ich packte den Gefangenen am Genick und richtete ihn empor . Er war fast so starr wie eine Mumie und hatte die Augen zu . War das Ohnmacht , Schreck oder nur Verstellung ? Kara faßte ihn von oben ; ich schob nach ; so brachten wir den Aschyk mit größerer Leichtigkeit hinauf , als zu vermuten gewesen war . Ich hatte angenommen , daß er sich möglichst widersetzen werde . Nun wurden ihm die Fesseln ab- und der Knebel aus dem Munde genommen . Dann stieg Kara wieder zu mir herunter und wickelte ein Paket auf , welches mit den Fackeln zusammengebunden gewesen war . Es enthielt für mehrere Tage Brot . Er warf es hinauf . Bis jetzt hatte der Gefangene ruhig gelegen ; nun aber regte er sich . Er tastete zunächst wie blind umher . Dann richtete er , auf die Hände gestützt , den Oberkörper auf , starrte erst rundum in die gähnende Finsternis hinein und dann zu uns herunter und stieß dann einen Schrei aus , dessen Echo wie aus Wahnsinnstiefen von allen Säulen widerklang . » Was ist das hier , was , was , was , was ? « heulte er . » Die Hölle , in die wir unsere Opfer stürzten ! Die Finsternis , über welche wir lachten , wenn wir von oben herablauschten und die Körper auf das Wasser schlagen hörten ! Und da liegt Brot , Brot , Brot ! Gibt es denn hier noch gute Geister , die sich sogar des Teufels noch erbarmen , wenn er in der Verdammnis zu sich kommt ? « Er betrachtete uns . Sein Gesicht war vor Angst verzerrt , doch nahm es allmählich einen andern Ausdruck an . Die Wirkung des Schreckes begann , zu weichen . Er besann sich . » Du bist es , Effendi , du ! « rief er in fast frohem Tone aus . » Also doch anders , anders als ich dachte ! Was soll ich hier ? Warum habt Ihr mich an diesen Ort gebracht ? « » Du gehörst hierher , « antwortete ich . » Der Mörder zu den Ermordeten ! « » Ich , ich - - mordete nicht ! Das waren Andere ! Diese meine Hand ist frei davon . Ich habe sie nie , nie , nie zum Sturze hergegeben ! Sie ist vom Morde rein , rein , rein ! « Er hob die Hand wie zum Schwure empor . » Aber geliefert hast du die Opfer und schadenfroh auf ihren Fall gelauscht . Was ist wohl teuflischer als das ! Nun hast du Zeit zum stillen Weiterlauschen ! Sie kommen , sie kommen , diese Opfer ; darauf verlasse dich ! Du wirst sie hören , du Friedensbote unseres Schah-in-Schah ! Es ist dir hier der ganze Raum und alle Zeit gegeben für das , was sie mit dir zu reden haben . Wir lassen dich allein ; wir werden dich nicht stören ! « Ich griff zum Ruder , Kara auch . » Halt , halt ! Bleibt ! « schrie er auf . Das Boot begann , sich zu bewegen . » Nicht fort , nicht fort - - - nicht fort ohne mich ! Ich muß mit , mit , mit ! « bat er . Ganz so , wie wir unten um die Säule bogen , kroch er oben in gleicher Richtung weiter . Da sah er das Skelett und brüllte förmlich auf : » Der Tod , der Tod - - - leibhaftig , als Gerippe ! Hinweg , hinweg , hinweg ! Das halte ich nicht aus ! « Er erhob sich auf die Kniee , streckte