wieder so was ? « » Nein , Frau Imme , diesmal war es mehr . « Frommel traute . Die Kirche war dicht besetzt , auch von bloß Neugierigen , die sich , ehe die große Orgel einsetzte , die merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten . Die Barbys seien eigentlich Italiener aus der Gegend von Neapel , und der alte Graf , was man ihm auch noch ansehe , sei in seinen jungen Jahren unter den Carbonaris gewesen ; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter an seiner heiligen Sache geworden . Und weil in solchem Falle jedesmal einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde ( was der Graf auch recht gut gewußt habe ) , hab er vorsichtigerweise seine schöne Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof . Und Friedrich Wilhelm IV. , der ihn sehr gern gemocht , hab auch immer italienisch mit ihm gesprochen . Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt , notgedrungen en petit comité , da das große Mittelzimmer , auch bei geschicktester Anordnung , immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte . Der weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns schon bekannten Personen zusammen , obenan natürlich der alte Stechlin . Er war gern gekommen , trotzdem ihm die Weltabgewandtheit , in der er lebte , den Entschluß anfänglich erschwert hatte . Tante Adelheid fehlte . » Trösten wir uns « , sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit . Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da , desgleichen Rex und Czako sowie Cujacius und Wrschowitz . Außerdem ein behufs Abschluß seiner landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin lebender junger Baron von Planta , Neffe der verstorbenen Gräfin , zu dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy ( Freund und früherer Regimentskamerad von Woldemar ) und des weiteren ein Doktor Pusch gesellte , den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten . Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter beziehungsweise Schwiegerväter . Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte , so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben , drin Ernst und Scherz , Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt waren . Alles war entzückt , der alte Stechlin , Frommels Tischnachbar , am meisten . Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet , und als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging , sahen sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren Privatunterhaltung nicht weiter behindert . » Ihr Herr Sohn « , sagte Frommel , » wovon ich mich persönlich überzeugen konnte , wohnt sehr hübsch . Darf ich daraus schließen , daß Sie sich bei ihm einlogiert haben ? « » Nein , Herr Hofprediger . So bei Kindern wohnen ist immer mißlich . Und mein Sohn weiß das auch ; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch bloß die Schrullenhaftigkeit seines Vaters , und so hat er mich , was immer das Beste bleibt , in einem Hotel untergebracht . « » Und Sie sind da zufrieden ? « » Im höchsten Maße , wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht . Ich bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg , an dem mich immer nur die Französierung ärgerte - sonst alles vorzüglich . Aber solche Gasthäuser sind eben , seit wir Kaiser und Reich sind , mehr oder weniger altmodisch geworden , und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel Bristol untergebracht worden . Alles ersten Ranges , kein Zweifel , wozu noch kommt , daß mich der bloße Name schon erheitert , der neuerdings jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt . Als ich noch Leutnant war , freilich lange her , mußten alle Witze von Glaßbrenner oder von Beckmann sein . Beckmann war erster Komiker , und wenn man in Gesellschaft sagte : Da hat ja wieder der Beckmann ... , so war man mit seiner Geschichte so gut wie raus . Und wie damals mit den Witzen , so heute mit den Hotels . Alle müssen Bristol heißen . Ich zerbreche mir den Kopf darüber , wie gerade Bristol dazu kommt . Bristol ist doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges , aber Hotel Bristol ist immer prima . Ob es hier wohl Menschen gibt , die Bristol je gesehn haben ? Viele gewiß nicht , denn Schiffskapitäne , die zwischen Bristol und New York fahren , sind in unserm guten Berlin immer noch Raritäten . Übrigens darf ich bei allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen , unberühmte sind meist interessanter . So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge , wo man eine dicke Wirtin hat , von der es heißt , sie sei mal schön gewesen und ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht . Und dazu dann Forellen und ein Landjäger , der eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über den stillen See bringt . An solchen Stellen ist es am schönsten . Und ist der See aufgeregt , so ist es noch schöner . Das alles würde mir unser Baron Berchtesgaden , der da drüben sitzt , gewiß gern bestätigen , und Sie , Herr Hofprediger , bestätigen es mir schließlich auch . Denn mir fällt eben ein , Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm , dem letzten Menschen , der noch ein wirklicher Mensch war , immer in Gastein zusammen und viel an seiner Seite . Jetzt hat man statt des wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert ; eigentlich gibt es aber bloß noch Untermenschen , und mitunter sind es gerade die , die man durchaus zu einem Über machen will . Ich habe von solchen Leuten gelesen und auch welche gesehn . Ein Glück , daß es , nach meiner Wahrnehmung , immer entschieden komische Figuren sind , sonst könnte man verzweifeln . Und daneben unser alter Wilhelm ! Wie war er denn so , wenn er so still seine Sommertage verbrachte ? Können Sie mir was von ihm erzählen ? So was , woran man ihn so recht eigentlich erkennt . « » Ich darf sagen ja , Herr von Stechlin . Habe so was mit ihm erlebt . Eine ganz kleine Geschichte ; aber das sind gerade die besten . Da hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein , so daß der alte Herr nicht ins Freie kam und , statt draußen in den Bergen , in seinem großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte , so gut es eben ging . Unter ihm aber ( was er wußte ) lag ein Schwerkranker . Und nun denken Sie sich , als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete , seh ich ihn , wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und übereinanderpackt , und als er mein Erstaunen sieht , sagt er mit einem unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln : Ja , lieber Frommel , da unter mir liegt ein Kranker ; ich mag nicht , daß er die Empfindung hat , ich trample ihm da so über den Kopf hin ... Sehn Sie , Herr von Stechlin , da haben Sie den alten Kaiser . « Dubslav schwieg und nickte . » Wie beneid ich Sie , so was erlebt zu haben « , hob er nach einer Weile an . » Ich kannt ihn auch ganz gut , das heißt in Tagen , wo er noch Prinz Wilhelm war , und dann oberflächlich auch später noch . Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine Kaiserzeit . « » Gewiß , Herr von Stechlin . Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken . « » Richtig , richtig « , sagte Dubslav , » das schwebte mir auch vor ; ich konnt es bloß nicht gleich finden . Ja , so war er , und so einen kriegen wir nicht wieder . Übrigens sag ich das in aller Reverenz . Denn ich bin kein Frondeur . Fronde mir gräßlich und paßt nicht für uns . Bloß mitunter , da paßt sie doch vielleicht . « Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen , und um halb acht ging der Zug , mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte , dieser herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden . Man erhob sich von der Tafel , und während die Gäste , bunte Reihe machend , untereinander zu plaudern begannen , zogen sich Woldemar und Armgard unbemerkt zurück . Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon voraus , und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen Hause . Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares miteinander verabredet und nahmen jetzt , ohne daß Woldemar und Armgard es hindern konnten , die beiden Rücksitze des Wagens ein . Das ergab aber , besonders zwischen den zwei Schwestern , eine vollkommene Rang- und Höflichkeitsstreiterei . » Ja , wenn es jetzt in die Kirche ginge « , sagte Armgard , » so hättest du recht . Aber unser Wagen ist ja schon wieder ein ganz einfacher Landauer geworden , und Woldemar und ich sind , vier Stunden nach der Trauung , schon wieder wie zwei gewöhnliche Menschen . Und sich dessen bewußt zu werden , damit kann man nicht früh genug anfangen . « » Armgard , du wirst mir zu gescheit « , sagte Melusine . Man einigte sich zuletzt , und als der Wagen am Anhalter Bahnhof eintraf , waren Rex und Czako bereits da - beide mit Riesensträußen - , zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets wieder zurück . Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges . In dem von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch zwei Reisende ; der eine , blond und artig und mit goldener Brille , konnte nur ein Sachse sein , der andre dagegen , mit Pelz und Juchtenkoffer , war augenscheinlich ein » Internationaler « aus dem Osten oder selbst aus dem Südosten Europas . Nun aber hörte man das Signal , und der Zug setzte sich in Bewegung . Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern . Dann bestiegen sie wieder den draußen haltenden Wagen . Es war ein herrliches Wetter , einer jener Vorfrühlingstage , wie sie sich gelegentlich schon im Februar einstellen . » Es ist so schön « , sagte Melusine , » Benutzen wir ' s. Ich denke , liebe Baronin , wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung . « Eine Weile schwiegen beide Damen ; im Augenblick aber , wo sie von dem holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen , sagte die Baronin : » Ich begreife Stechlin nicht , daß er nicht ein Coupé apart genommen . « Melusine wiegte den Kopf . » Den mit der goldenen Brille « , fuhr die Baronin fort , » den nehm ich nicht schwer . Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung . Aber der andre mit dem Juchtenkoffer . Er schien ein Russe , wenn nicht gar ein Rumäne . Die arme Armgard . Nun hat sie ihren Woldemar und hat ihn auch wieder nicht . « » Wohl ihr . « » Aber Gräfin ... « » Sie sind verwundert , liebe Baronin , mich das sagen zu hören . Und doch hat ' s damit nur zu sehr seine Richtigkeit : gebranntes Kind scheut das Feuer . « » Aber Gräfin ... « » Ich verheiratete mich , wie Sie wissen , in Florenz und fuhr an demselben Abende noch bis Venedig . Venedig ist in einem Punkte ganz wie Dresden : nämlich erste Station bei Vermählungen . Auch Ghiberti - ich sage immer noch lieber Ghiberti als mein Mann ; mein Mann ist überhaupt ein furchtbares Wort - , auch Ghiberti also hatte sich für Venedig entschieden . Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu passieren . « » Weiß , weiß . Endlos . « » Ja , endlos . Ach , liebe Baronin , wäre doch da wer mit uns gewesen , ein Sachse , ja selbst ein Rumäne . Wir waren aber allein . Und als ich aus dem Tunnel heraus war , wußt ich , welchem Elend ich entgegenlebte . « » Liebste Melusine , wie beklag ich Sie ; wirklich , teuerste Freundin , und ganz aufrichtig . Aber so gleich ein Tunnel . Es ist doch auch wie ein Schicksal . « Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Bouquets vom Bahnhof her in die Königgrätzer Straße zurückgezogen , und hier angekommen , sagte Czako : » Wenn es Ihnen recht ist , Rex , so gehen wir bis in das Restaurant Bellevue . « » Tasse Kaffee ? « » Nein ; ich möchte gern was Ordentliches essen . Drei Löffel Suppe , ' ne Forelle en miniature und ein Poulardenflügel - das ist zuwenig für meine Verhältnisse . Rundheraus , ich habe Hunger . « » Sie werden sich zu gut unterhalten haben . « » Nein , auch das nicht . Unterhaltung sättigt außerdem , wenigstens Menschen , die , wie ich , wenn Sie auch drüber lachen , aufs Geistige gestellt sind . Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande selbst schuld sein . Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und begreife nach wie vor unsren Stechlin nicht . Nimmt da die Schwester ! Er hatte doch am Ende die Wahl . Der kleine Finger der Gräfin ( und ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß ) ist mir lieber als die ganze Comtesse . « » Czako , Sie werden wieder frivol . « Vierunddreißigstes Kapitel Unter den Hochzeitsgästen hatte sich , wie schon kurz erwähnt , auch ein Doktor Pusch befunden , ein gewandter und durchaus weltmännisch wirkender Herr mit gepflegtem , aber schon angegrautem Backenbart . Er war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und hatte damals nicht Lust gehabt , sich ein zweites Mal in die Zwickmühle nehmen zu lassen . » Das Studium der Juristerei ist langweilig und die Karriere hinterher miserabel « - so war er denn als Korrespondent für eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt . Das ging so durch Jahre . Ziemlich um dieselbe Zeit aber , wo der alte Graf seine Londoner Stellung aufgab , war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte sich nach Amerika hinüberbegeben . Er fand indessen das Freie dort freier , als ihm lieb war , und kehrte sehr bald , nachdem er es erst in New York , dann in Chicago versucht hatte , nach Europa zurück . Und zwar nach Deutschland . » Wo soll man am Ende leben ? « Unter dieser Betrachtung nahm er schließlich in Berlin wieder seinen Wohnsitz . Er war ungeniert von Natur und ein klein wenig überheblich . Als wichtigstes Ereignis seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener zum Weihenstephan . » Sehen Sie , meine Herren , vom Weihenstephan zum Pilsener , das kann jeder ; aber das Umgekehrte , das ist was . Chinesen werden christlich , gut . Aber wenn ein Christ ein Chinese wird , das ist doch immer noch eine Sache von Belang . « Pusch , als er sich in Berlin niederließ , hatte sich auch bei den Barbys wieder eingeführt ; Melusine entsann sich seiner noch , und der alte Graf war froh , die zurückliegenden Zeiten wieder durchsprechen und von Sandrigham und Hatfield House , von Chatsworth und Pembroke Lodge plaudern zu können . Eigentlich paßte der etwas weitgehende Ungeniertheitston , in dem der Doktor seiner Natur wie seiner New Yorker Schulung nach zu sprechen liebte , nicht sonderlich zu den Gepflogenheiten des alten Grafen ; aber es lag doch auch wieder ein gewisser Reiz darin , ein Reiz , der sich noch verdoppelte durch das , was Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte . Brillanter Korrespondent , der er war , unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und , was fast noch schwerer ins Gewicht fiel , auch zu den Gesandtschaften . Er hörte das Gras wachsen . Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein ; die vielen Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm gezeitigt , dessen er sich nur entschlug , wenn er ins Ausmalen kam . Es war im Zusammenhang damit , daß er gegen Worte wie » Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat « einen förmlichen Haß unterhielt . Herzog von Ujest oder Herzog von Ratibor waren ihm , trotz ihrer Kürze , immer noch zu lang , und so warf er denn statt ihrer einfach mit » Hohenlohes « um sich . In der Tat , er hatte mancherlei Schwächen . Aber diese waren doch auch wieder von ebenso vielen Tugenden begleitet . So beispielsweise sah er über alles , was sich an Liebesgeschichten ereignete , mit einer beinah vornehmen Gleichgültigkeit hinweg , was manchem sehr zupaß kam . Ob dies Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war oder ob er all dergleichen einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger langweilig fand , war nicht recht festzustellen ; er kultivierte dafür mit Vorliebe das Finanzielle , vielleicht davon ausgehend , daß , wer die Finanzen hat , auch selbstverständlich alles andere hat , besonders die Liebe . Das war Doktor Pusch . Er schloß sich , als man aufbrach , einer Gruppe von Personen an , die den » angerissenen Abend « noch in einem Lokal verbringen wollten . » Ja , wo ? « » Natürlich Siechen . « » Ach , Siechen . Siechen ist für Philister . « » Nun denn also , beim schweren Wagner . « » Noch philiströser . Ich bin für Weihenstephan . « » Und ich für Pilsener . « Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße , wo man beides haben könne . Die Herren , die dahin aufbrachen , waren außer Pusch noch der junge Baron Planta , dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend Premierleutnant von Szilagy , der , wie schon angedeutet , früher bei den Gardedragonern gestanden , aber wegen einer großen Generalbegeisterung für die Künste , das Malen und Dichten obenan , schon vor etlichen Jahren seinen Abschied genommen hatte . Mit seinen Genrebildern war er nicht recht von der Stelle gekommen , weshalb er sich neuerdings der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen Titel » Bellis perennis « veröffentlicht hatte . Lauter kleine Liebesgeschichten . Alle fünf Herren , mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner Barons , erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt , und jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen , daß hier viel Explosionsstoff aufgehäuft sei . Trotzdem ging es zunächst gut ; Wrschowitz hielt sich in Grenzen , und selbst Cujacius , der nicht gern andern das Wort ließ , freute sich über Puschs Schwadronage , vielleicht weil er nur das heraushörte , was ihm gerade paßte . Leutnant von Szilagy - man kam vom Hundertsten aufs Tausendste - wurde bei den Fragen , die hin und her gingen , von ungefähr auch nach seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe . » Nein , meine Herren « , sagte Szilagy , » das kann ich leider nicht sagen . Ich habe Bellis perennis auf eigne Kosten herstellen lassen und hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt , unter Beilegung eines Zettels ; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden , aber nur von ganz wenigen . Im übrigen schweigt die Kritik . « » Oh , Krittikk « , sagte Wrschowitz . » Ich liebe Krittikk . Aber gutte Krittikk schweigt . « » Und doch « , fuhr Szilagy fort , der sich in dem etwas delphischen Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte , » doch sind diese schmerzlichen Gefühle nichts gegen das , was voraufgegangen . Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung in mir , einige dieser kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und , als dies mißlang , in einem Familienjournal unterbringen zu können . Aber ich scheiterte ... « » Ja , natürlich scheiterten Sie « , sagte Pusch , » das spricht für Sie . Lassen Sie sich sagen und raten , denn ich weiß in diesen Dingen einigermaßen Bescheid . War nämlich drüben , ja ich darf beinah sagen , ich war doppelt drüben , erst drüben in England und dann drüben in Amerika . Da versteht man ' s. Ja , du lieber Himmel , dies bedruckte Löschpapier ! Man lebt davon , und es regiert eigentlich die Welt . Aber , aber ... Und dabei , wenn ich recht gehört habe , sprachen Sie von Parteiblatt - furchtbar . Und dann sprachen Sie von Familienjournal - zweimal furchtbar ! « » Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete ? « » Nein , Herr von Szilagy , so tief ließ mich die Gnade nicht sinken . Aber ich treibe mein Wesen über dem Strich , und wenn man so Wand an Wand wohnt , da weiß man doch einigermaßen , wie ' s bei dem Nachbar aussieht . Ach , und außerdem , wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet und mir dabei seine liebe Not geklagt ! Wer ' s nicht leicht nimmt , der ist verloren . Roman , Erzählung , Kriminalgeschichte . Jeder , der der großen Masse genügen will , muß ein Loch zurückstecken . Und wenn er das redlich getan hat , dann immer noch eins . Es gibt eine Normalnovelle . Etwa so : tiefverschuldeter adeliger Assessor und Sommerleutnant liebt Gouvernante von stupender Tugend , so stupende , daß sie , wenn geprüft , selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde . Plötzlich aber ist ein alter Onkel da , der den halb entgleisten Neffen an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten wünscht . Höhe der Situation ! Drohendster Konflikt . Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Cousine nicht nur , sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr Gesamtvermögen . Und wenn sie nicht gestorben sind , so leben sie heute noch ... Ja , Herr von Szilagy , wollen Sie damit konkurrieren ? « Alles stimmte zu ; nur Baron Planta meinte : » Doktor Pusch , Pardon , aber ich glaube beinah , Sie übertreiben . Und Sie wissen es auch . « Pusch lachte : » Wenn man etwas der Art sagt , übertreibt man immer . Wer ängstlich abwägt , sagt gar nichts . Nur die scharfe Zeichnung , die schon die Karikatur streift , macht eine Wirkung . Glauben Sie , daß Peter von Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte , wenn er so etwa beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte , das Grab Christi sei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden ? ! « » Sehr gutt , sehr gutt . « » Und so auch , meine Herren , wenn ich von moderner Literatur spreche . Herr von Szilagy , den wir so glücklich sind unter uns zu sehn , soll aufgerichtet , seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden . Oder aber mit Heiterkeit , was noch besser ist . Er soll wieder lachen können . Und wenn man solche Wirkung erzielen will , ja , dann muß man eben deutlich und zugleich etwas phantastisch sprechen . Indessen auch ernsthaft angesehen , wie steht es denn mit der Herstellung ( ich vermeide mit Vorbedacht das Wort Schöpfung ) oder gar mit dem Verschleiß der meisten dieser Dinge ! Lassen Sie mich in einem Bilde sprechen . Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze , voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte Weidenrute geflochtenen Urkranz . Und nun treten Sie , je nach der Situation , an die sich Ihnen mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin heran , um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen , zu drei Mark oder zu fünf oder zu zehn . Und genau dieser Bestellung entsprechend , werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe . « » Kenne die Orchidee « , rief Wrschowitz in höchster Ekstase , » lila mit gelb . « Pusch nickte , zugleich in steigendem Übermut fortfahrend : » Und genauso mit der Urnovelle . Die liegt fertig da wie der Urkranz ; nichts fehlt als der Aufputz , der nunmehr freundschaftlich verabredet wird . Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit eingeflochten . Das ist dann die große Orchidee , lila mit gelb , wie Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat . « » Unter diesen Umständen « , bemerkte hier Baron Planta , » will es mir als ein wahres Glück erscheinen , daß Herr von Szilagy , wie ich höre , mehrere Eisen im Feuer hat . Was ihm die Novellistik schuldig bleibt , muß ihm die Malerei bringen . « » Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie tuen wird « , lachte Szilagy halb wehmütig , » trotzdem ich vom Genrebild aus , mit dem ich anfing , eine Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung meines Freundes Saltzmann neuerdings der Marinemalerei zugewandt habe . Mitunter auch Bataillen . Und was die blauen Töne betrifft , so darf ich vielleicht behaupten , hinter keinem zurückgeblieben zu sein . Habe mich außerdem in Gudin und William Turner vergafft . Aber trotzdem ... « » Aber trotzdem ohne rechten Erfolg « , unterbrach hier Cujacius , » was mich nicht wundernimmt . Was wollen Sie mit Gudin oder gar mit Turner ? Wer das Meer malen will , muß nach Holland gehn und die alten Niederländer studieren . Und unter den Modernen vor allem die Skandinaven : die Norweger , die Dänen . « Wrschowitz zuckte zusammen . » Wir haben da beispielsweise den Melbye , Däne pur sang , der sehr gut und beinah bedeutend ist . « » O nein , nein « , platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder Stimme heraus . » Nicht serr gutt , nicht bedeutend , auch nicht einmal beinah bedeutend . « » Der sehr bedeutend ist « , wiederholte Cujacius . » Grade darin bedeutend , daß er nicht bedeutend sein will . Er erhebt keine falschen Prätensionen ; er ist schlicht , ohne Phantastereien , aber stimmungsvoll ; und wenn ich Bilder von ihm sehe , besonders solche , wo das graublaue Meer an einer Klippe brandet , so berührt mich das jedesmal spezifisch skandinavisch , etwa wie der ossianische Meereszauber in den Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade . « » Niels Gade ? Von Niels Gade spricht man nicht . « » Ich spreche von Niels Gade . Seine Kompositionen reichen bis an Mendelssohn heran . « » Was ihn nicht größer macht . « » Doch , mein Herr Doktor . Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen , dazu reichen Überheblichkeiten nicht aus . « » Was Sie nicht abhielt , mein Herr Professor , den großen Gudin culbütieren zu wollen . « » Über Malerei zu sprechen steht mir zu . « » Über Musik zu sprechen steht mir zu . « » Sonderbar . Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen bei uns das große Wort . « » Ich bin Tscheche . Weiß aber , daß es ein deutsches Sprichwort gibt : Der Deutsche lüggt , wenn er höfflich wird . « » Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte . « » En quoi vous réussissez à merveille . « » Aber meine Herren « , warf Pusch hier ein , den die ganze Streiterei natürlich entzückte , » könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben ? Proponiere : Begegnung auf halbem Wege ; shaking hands . Nehmen Sie zurück , hüben und drüben . « » Nie « , donnerte Cujacius . » Jamais « , sagte Wrschowitz . Und damit erhoben sich alle . Cujacius und Pusch hatten die Tête , Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung . Szilagy war vorsichtigerweise abgeschwenkt . Wrschowitz , immer noch in großer Erregung , mühte sich , dem jungen Graubündner auseinanderzusetzen , daß Cujacius ganz allgemein den Ruf eines Krakeelers habe . » Je vous assure , Monsieur le Baron , il est un fou et plus que ca - un blagueur . « Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu wollen . Aber er bekehrte sich , als er einen Augenblick danach von der Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte hörte : Kaschube , Wende , Böhmake . Fünfunddreißigstes Kapitel Um dieselbe Stunde , wo sich die fünf Herren von der Barbyschen Hochzeitstafel entfernt hatten , waren auch Baron Berchtesgaden und Hofprediger Frommel aufgebrochen , so daß sich , außer dem Brautvater , nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand . Dieser hatte sich - Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da - vom Eßsaal her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die Loggia zurückgezogen , um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn und einen Zug frische Luft zu tun . An dieser Stelle fand ihn denn auch schließlich der alte Graf und sagte , nachdem er seinem Staunen über den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte : » Nun aber , mein lieber Stechlin , wollen wir endlich einen kleinen Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen . Ihr Zug geht erst zehneinhalb ; wir haben also noch beinah anderthalb Stunden . « Und dabei nahm er Dubslavs Arm , um ihn in sein Wohnzimmer , das bis dahin als Estaminet gedient hatte ,