den Tisch und verlangte Korn für die ganze Gesellschaft . Als er nach einigen Stunden die Schenke verließ , war Karl zwölf Mark losgeworden . Er war schwer betrunken , lallte und heulte wie ein Kind . Von zwei Leuten mußte er geführt werden , die ihn bis nach Wörmsbach vor sein Haus brachten . Die beiden Führer klopften an die Haustür , bis Therese den Kopf zum Fenster hinaussteckte und ärgerlich fragte : wer da sei . Die Männer setzten den Besinnungslosen auf die Türschwelle und entfernten sich schnell . Sie verspürten nicht die geringste Lust nach einem Zusammentreffen mit der bösen Sieben . Therese schleifte den Betrunkenen ins Zimmer . Sie war außer sich . Nun fing Karl noch an , zu saufen . Das hatte wirklich gefehlt zu allem Unglück ! Sie entkleidete ihn , um ihn ins Bett zu schaffen . Als sie ihm die Beinkleider herunterzog , hörte sie ein Klirren und Klappern . Sie untersuchte die Taschen . Dabei fiel ihr das Geld in die Hände . Sie suchte alles zusammen , legte es auf den Tisch und zählte hundertundachtundzwanzig Mark . Zunächst war Therese erschrocken . Wie kam Karl zu dem Gelde ? - Sie schrie ihn an , er solle ihr antworten . Er hatte nur ein unverständliches Grunzen . Noch einmal zählte sie das Geld durch ; es blieb dabei . Einstweilen mußte sie sich damit beruhigen , bis er nüchtern sein würde . Ob er ' s gefunden hatte ? - Daß er es verdient habe , war nicht anzunehmen . Oder war es geschenkt ? - geborgt ? - oder ... Nein ! Das war undenkbar ! Anders als ehrlich hatte sie ihn nie gekannt . Auf alle Fälle mußte so viel Geld gut aufgehoben werden ! Therese dachte lange nach über einen sicheren Ort . Dann fiel ihr etwas ein : am Ofen war eine Kachel locker geworden , man konnte sie herausnehmen und wieder hineinsetzen ; das hatte sie neulich entdeckt . Dort würde schwerlich jemand suchen . - Sie stieg auf einen Stuhl , hob die Kachel aus , legte das Geld sorgfältig eingewickelt in das Loch und setzte die Kachel wieder an ihre Stelle . Karl erwachte erst im Laufe des Vormittags von seinem schweren Rausche . Noch länger als gewöhnlich brauchte er heute zum Überlegen . Wo war er gestern gewesen ? was war ihm zugestoßen ? wie war er nach Haus gekommen ? - Er sann und sann . Die letzte feststehende Tatsache , die aus dem Nebel auftauchte , war die Jagd . Nach und nach kamen ihm einzelne Momente ins Gedächtnis zurück : das Frühstück , als ein besonderer Lichtpunkt , der Major und damit das Geldgeschenk . Hatte er das alles etwa geträumt ? - Aber er glaubte sich noch ganz genau der einzelnen Geldstücke zu entsinnen ; er hatte sie ja in seiner Hand gefühlt . Es fiel ihm auch ein , daß er sie in seinen Tabaksbeutel getan und in die Tasche gesteckt habe . Er griff nach seinen Hosen , sie lagen mit seinen übrigen Sachen am Bette . Der Beutel war da , auch ein Rest von Tabak darin , aber das Geld fehlte ! Therese war inzwischen in Haus und Stall tätig gewesen . Sie tat die Arbeit für zweie . Erst hatte sie Karls Kleider gereinigt , die Kinder versorgt und schließlich das Vieh gefüttert . Sie besaßen zwei Ziegen , außerdem standen ein paar Kühe im Stalle . Harrassowitz hatte sie eingestellt , damit sie für den Fleischer fett gemacht werden sollten . Wahrscheinlich hatte Sam die Tiere zum Pfände für eine Schuld angenommen ; nun ließ er sie hier mästen . Nachdem Therese noch eine Karre mit Krautblättern für das Vieh hereingebracht , wollte sie daran gehen , das Mittagbrot anzusetzen . Als sie in das große Zimmer trat , hörte sie nebenan in der Kammer schluchzen . Sie riß die Tür auf ; da saß Karl auf seinem Bette , halb angezogen , und heulte . Therese stemmte die Hände auf die Hüften und wollte eben anfangen , loszuwettern . War der Mensch denn verrückt geworden ? Da saß er und plärrte wie ein kleiner Junge ! - Auf einmal aber mußte sie lachen . Er sah zu dumm aus mit seinem roten Kopfe , dem offenen Hemde , aus dem die haarige Brust hervorsah , wie er so auf , der Bettkante saß , der große Kerl , und mit schief verzogenem Munde die Tränen laufen ließ . Dazu barmte er : » Mei Geld ! mei Geld ! Se han mersch gestohlen ! « Therese trat an ihn heran , stieß ihn nicht gerade sanft gegen die Schulter . » Dummer Kerl ! her uff , zu natschen ! « Karl sah sie unverständig an . » Ich hatt ' se dohie in Tabaksbeitel , ane ganze Hansel Goldsuche . Nu sen se weg ! Die schlachten Karlen han ' s genummen ! « Er wollte von neuem aufheulen . » Halt ' s Maul ! Dei Geld is gurr uffgehoben . « » Soi mer ack , wu ' s is ? « Therese antwortete nicht auf seine Frage . Nach einiger Zeit meinte sie : » Soi du mer lieber , wie ' s du zu suvills Geld gekummen bist ? « Karl erzählte ihr darauf mit vielen Wiederholungen und Unterbrechungen den Verlauf des gestrigen Tages . Von dem Augenblicke an freilich , wo er zum zweiten Male Schnaps für die ganze Gesellschaft bestellt hatte , konnte er sich auf nichts mehr besinnen . Therese ärgerte sich , daß so viel von der Summe bereits draufgegangen war . Nun war sie erst recht entschlossen , ihn nicht wissen zu lassen , wo das übrige sich befinde ; sonst würde das am Ende auch desselben Weges gehen . Sie war längst mit sich im reinen , was von dem Gelde angeschafft werden solle : ein paar Ferkel zur Mast , für die Kinder neue Kleider ; die liefen in Lumpen herum , daß es eine Schande war . Dieser Geldsegen kam ihr wie gerufen ins Haus . Als Karl in Erfahrung gebracht hatte , daß sie das Geld an sich genommen , verlangte er Herausgabe . Sie fuhr ihn an , er sollte aufstehen und machen , daß er zur Arbeit komme , alles andere werde sich später finden . Karl war zu schwach , um seinem Willen Geltung zu verschaffen . Hände und Knie zitterten ihm . Er mußte froh sein , daß Therese ihm etwas zu essen vorsetzte . Nachdem er gegessen , saß er am Tische und brütete . Sein Geld wollte er wieder haben ! Ihm war es geschenkt , folglich war es sein , und sie hatte kein Recht darauf ! - Sie veranlaßte ihn aufzustehen , drückte ihm eine Hacke in die Hand und gab ihm einen Schubkarren mit ; er solle Kartoffeln graben gehen auf dem Felde . Karl gehorchte stumm . Er begann zu hacken , aber bald wurde ihm die Arbeit sauer . Der Rücken schmerzte . Seine Gliedmaßen waren schwer von der nächtlichen Schlemmerei . Ihm war gar nicht wie arbeiten zumute heute . An dem Bummelleben der letzten Tage hatte er Gefallen gefunden ; er wollte heute nochmal blaumachen . Wozu nutzte das schlechte Leben ! Besaß er denn nicht außerdem jetzt einen ganzen Haufen Geld , wenn Therese ' s ihm auch nicht herausrücken wollte . Sein war ' s doch ! Mochte die sich ihre Kartoffeln selber ausmachen ! Er warf die Hacke in den Karren , wandte dem Felde den Rücken und ging querfeldein auf Saland zu . Dort war heute gewiß wieder was Extraes los . Als er an den herrschaftlichen Parke kam , traf er eine Anzahl Leute , die gleich ihm das Hochzeitsfest der Komtesse zum Vorwande nahmen , nichts zu tun und , auf Außergewöhnliches erpicht , in der Nähe des Schlosses umherlungerten . Auch einige von Karls Saufbrüdern von der vorigen Nacht waren darunter . Sie begrüßten ihn mit Hallo , schlossen sich ihm an in der Annahme , daß er Geld bei sich habe . Dann traten Männer mit Soldatenmützen und Denkmünzen auf . Einer von ihnen fragte Karl Büttner , ob er sich nicht am Fackelzuge beteiligen werde . Karl hatte davon noch nichts gehört . Man erklärte ihm , die Militärvereine der Umgegend würden dem Brautpaare abends einen Fackelzug bringen . Karl , aufgefordert mitzumachen , sagte nicht nein ! Die Fackelträger stellten sich in einer entlegenen Ecke des Parkes auf . Der Ehrenvorsitzende des Kriegerbundes , Hauptmann Schroff , ordnete den Zug . Karl bekam eine Fackel in die Hand gedrückt . Es solle am Schlosse vorübergezogen werden , hieß es . Der ganze Bau war bis zum dritten Stockwerk hinauf taghell erleuchtet . Mächtige Holzstöße brannten zu beiden Seiten . In Pfannen und Becken loderte Pech . Die mächtige Fassade , der klobige Eckturm , die Fensterreihen und Erker lagen in rote Glut getaucht . Das Ganze schien eine große Feuersbrunst und war doch nur ein Freudenspiel . Nun brach der Fackelzug aus den Gebüschen und Baumgruppen des Parkes hervor ; wie eine feurige Schlange näherte sich ' s dem Schlosse . Von der breiten steinernen Freitreppe , die vom erhöhten Parterre des Schlosses in den Park hinabführte , sah die Hochzeitsgesellschaft dem Schauspiele zu : Herren mit Epauletten und Ordenssternen , Damen mit Spitzen , Brillanten , weißen Pelzkragen und Mantillen . Greise Häupter , liebliche Mädchengesichter ! Ein Flor von hellen , duftigen Toiletten ! Dazwischen der Ernst des Frackes und das Blitzen der Uniformen . - Karl war es , als träumte er . Wie eine Erscheinung aus anderer Welt , ein Wunder , nie gesehen , von ungeahntem , unbegreiflichem Glanz , stand dieses Bild auf einmal vor den erstaunten Augen des Dorfkindes . Als wär ein Vorhang weggerissen , und er dürfe einen Blick tun in den Himmel , war ihm zumute . Er konnte nur starren und starren . Das Bild stand da , lebendig , in tagheller Beleuchtung ; ringsherum war Nacht . Der Zug machte Halt . Jemand sprach . Der Bräutigam verneigte sich und schüttelte einigen Deputierten die Hände . Die Braut winkte mit ihrem weißen Arme . Dann schrie eine Stimme : » Hoch ! « Hunderte fielen ein und schwenkten die Hüte . Karl schrie aus Leibeskräften mit . Ihn hatte es auf einmal wie Begeisterung erfaßt . Feierlich war ihm zumute ; er mußte gegen das Weinen ankämpfen . Kommandoruf ! Die Spitze setzte sich in Bewegung . Die einzelnen Rotten marschierten im Gleichtritt vorüber , den Kopf stramm nach rechts gewandt wie bei der Parade . Noch einmal sah Karl das Bild , jetzt zum Greifen nahe . Die einzelnen Gesichter ganz deutlich , den bloßen Arm einer Dame , die Bärte der Männer . Wie sie dastanden , lächelten , sich unterhielten , kaum zu ihnen hinabblickten . Dann war der Traum vorüber , der Vorhang wieder gefallen . - Der Zug marschierte um das Schloß herum , über die steinerne Brücke , bog von hinten in den Schloßhof ein . Die Fackeln wurden in den Wallgraben zusammengeworfen . Auch in dem steingepflasterten Schloßhofe brannten Pechpfannen und Holzstöße . Tische und Bänke waren hier in langen Reihen aufgestellt . Der Graf ließ die Fackelträger bewirten . Karl war bereits berauscht , nur vom Sehen . Nun hätten die größten Wunder geschehen können , es hätte ihn nicht sonderlich in Erstaunen gesetzt . Sie bekamen zu essen : Braten , dazu wurde Wein kredenzt . Karl dachte bei sich , so ungefähr müsse es im Himmel zugehen . - Ein Mann mit einem Jägerhute auf dem Kopfe und einer breiten , farbigen Schärpe um den Leib hielt eine Ansprache an die » Kameraden « . Andere Reden , Hochs und Hurras folgten . Später erschien der Graf , gefolgt von Offizieren und Herren mit Ordenssternen . Der Schloßherr sprach einige Worte des Dankes . Wiederum Hochs und Hurras und noch mehr Wein . Karl hatte nur noch das Gefühl unaussprechlich seligen Wohlbehagens . So etwas hatte er noch nie erlebt und würde er nie wieder erleben . Von da ab kam er nur noch augenblicksweise zum Bewußtsein . Auf einmal stand er mit anderen Leuten zusammen im Parke vor der steinernen Freitreppe , die jetzt leer war . Die hohen Fenster des ersten Stockes waren erleuchtet . Man hörte Musik von drinnen . An den Fenstern vorüber huschten Schatten ; sie tanzten . Nun saß er auf einmal in einem rauchigen Zimmer . Vor Tabaksqualm vermochte er seinen Nachbarn kaum zu erkennen . Auf dem Holztische vor ihm stand ein Schnapsglas , daneben ein Fläschchen . Rings um ihn her Gesichter , und vor jedem eben solch ein Gläschen und Fläschchen . » Büttner bezahlt de Zeche , der hat ' s gruße Gald , « hieß es . » Ich - ich - ha nischt ne mih , de Frau hat ' s ! « Ein lautes Gelächter erscholl . Karl stand auf , schlug auf den Tisch und wollte den Freunden erzählen , wie ihn Therese um sein Geld gebracht hätte ; da schwanden ihm die Sinne , er stürzte hin . Als er erwachte , lag er im Straßengraben , über und über mit Tau bedeckt . Am Himmel zeigten sich rötliche Streifen . War es Abend oder Morgen ? Er befühlte seine Glieder . Der Kopf schmerzte ihm . Einige Zeit darauf befand sich Karl Büttner auf dem Weg nach Haus . Die Mütze fehlte ihm , er hinkte , über die Backe lief ihm eine blutunterlaufene Strieme . So humpelte er weiter , die Zähne aufeinandergebissen , die Fäuste geballt . Sein Hirn war noch umnebelt ; kaum daß er begriff , wo er sei . Aber er hatte einen Gedanken , der sich seines gesamten Sinnens und Denkens bemächtigt hatte , ein Ziel , auf das er mit der stieren Wut des Betrunkenen losging : sein Geld ! Er wollte das Geld zurückhaben . Seine Frau hatte es ihm weggenommen . Es gehörte ihm . Heraus damit ! So kam er mit blutunterlaufenen Augen heran . Er schwankte und turkelte , aber er näherte sich seinem Ziele . Es war bereits heller Tag , als er vor das Haus kam . Die Tür war verschlossen . Er donnerte mit schwerer Faust dagegen . Therese steckte den Kopf zum Fenster hinaus . » Bist de ' s ? - Schwein ! « Damit warf sie den Flügel wieder zu . Er lehnte da eine ganze Weile , rüttelte an der Tür , brüllte um Einlaß . Endlich öffnete sie . Er stürzte ihr halb in die Arme . Sie fing seine schwere Last auf , bewahrte ihn so vor sicherem Sturze . » Wo hast de gesteckt de ganze Nacht ? - De stinkst nach Schnapse ! « Damit stieß sie ihn durch den Gang vor sich her . Er strebte , die Tür zum großen Zimmer zu gewinnen . » Nich hiernei giehst de ! Daß d ' ch de Kinder sahn , besussen , wie ' s de bist ! « Sie wollte ihn in die Kammer stoßen , aber er stemmte sich zwischen die Türpfosten . Es entstand ein Ringen zwischen den Ehegatten . Sie glaubte , seiner leicht Herr werden zu können wie bereits manch liebes Mal in früherer Zeit ; sich zur Wehr zu setzen , hatte er noch nie gewagt . Aber sie fand einen ganz anderen in ihm heute . Er drang auf sie ein . Den wuchtigen Hieben seiner schweren Fäuste vermochte sie nicht standzuhalten . Sie versuchte loszukommen von ihm , er hielt sie wie in eiserner Umklammerung . Sie schrie und wehrte sich , wie eine Verzweifelte . Aber es gab kein Entkommen . Er hielt sie mit einer Hand und gebrauchte die andere wie einen Hammer . » Mei Geld ! « gröhlte er zwischen den einzelnen Schlägen : » Mei Geld ! Gib mei Geld raus ? « » ' s Geld kriegst de ne ! « sagte sie mit weißem Gesicht . Der Kampf ging weiter . Therese war keine schwächliche Frau ; sie brachte ihn mehrfach zum Wanken . Aber gegen seine ungeschlachten Kräfte konnte sie auf die Dauer doch nichts ausrichten . Karl Büttner glich einem wilden Tiere in seiner Wut . Niemand hatte ihn je so gesehen : das Gesicht gänzlich verzerrt , mit geiferndem Mund und funkelnden Augen . Das war nicht mehr der vom Vater ererbte trotzige Bauerngrimm - zum Tiere war der alte Traugott Büttner nie geworden , auch im Zorne nicht . - Das mußte von weiterher kommen . Zurückgedämmte Wildheit brach hier durch , niedere Triebe stiegen aus einem dunklen , langverdeckten Abgrunde ursprünglicher Verwilderung auf . - Therese hielt sich tapfer . Bleich wie Leinewand , stöhnte sie mit versagender Stimme : » ' s Geld kriegst de ne ! Und wenn de mich tutschlägst ! « Er raufte ihr das Haar , riß ihr die Kleider in Stücke . Dann faßte er sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib , hob sie aus und warf sie zu Boden wie ein Bündel . Er stolperte dabei , fiel über sie hin , lag auf ihr und schrie ihr ins Ohr : » Mei Geld ! gibst de mei Geld raus ? « Sie lag da mit geschlossenen Augen . Schon griff er nach ihrem Hals , um die Ohnmächtige zu würgen , als er sah , daß Blut unter dem Haar hervordrang : ein dünner , roter Faden , der über die Stirn , an der Nase hin , nach dem Munde zueilte . Da hielt er inne ; hiervor erschrak selbst die bestialische Wut . Er erhob sich , betrachtete sie . Die Frau sah schrecklich aus mit ihrem zerfetzten Haar und dem entblößten Busen . Er zog sich unwillkürlich vor dem zurück , was er angerichtet hatte . Ihm ward schwül ; die Beine versagten ihm plötzlich den Dienst . Er schlug auf das Bett hin . In wenigen Minuten schnarchte er , die Glieder weit von sich streckend . Nach einer Weile fing Therese an , sich zu regen . Sie öffnete die Augen , bewegte die Arme , richtete sich mühsam auf . Nach dem Kopfe tastend , entdeckte sie das Blut . Sie wischte es ab , so gut sie konnte . Dann erhob sie sich ganz , befühlte ihre Gliedmaßen . Sie konnte noch stehen und gehen , wenn auch mit argen Schmerzen . Nebenan heulten die Kinder . Therese öffnete die Tür zur Hälfte und rief ihnen zu : Sie sollten stille sein , gleich würde sie kommen . Dann fiel ihr Blick auf den schlafenden Karl . Der Kopf war ihm über die Bettlehne gesunken . Sein Gesicht war bereits blaurot . Er röchelte . Sie betrachtete ihn einen Augenblick , dann griff sie unwillkürlich zu , um ihn aus der gefährlichen Lage zu befreien . Sie hob seinen schweren Kopf und schob ihm ein Kissen unter . Nicht gerade mit zarter Hand , aber doch in sorgender Frauenweise tat sie das . Dann untersuchte sie ihren Leib und ihre Kleidung . Beschunden war sie und zerfetzt , ein ganzes Büschel Haare hatte er ihr ausgerauft , aber totgeschlagen hatte er sie doch nicht . Und das Geld hatte er auch nicht und sollte es auch nicht bekommen ; nun erst recht nicht ! Ein Lächeln des Triumphes flog über das Gesicht des tapferen Weibes . VII. Die Herbstarbeiten hatten für die Sachsengänger angefangen : Kartoffelhacken und Rübenroden . Der Oktober war feucht gewesen . Der schwere Boden hatte sich vollgesogen mit Nässe , die Ackerscholle war zäh und klebrig . Rübenroden ist schwere Arbeit . Sie hatten sich dazu in Gruppen geteilt . Ein Mann ging an der Spitze , um die Erde mit dem Spaten zu lockern . Das ihm zunächst folgende Mädchen zog mit jeder Hand eine Rübe und klopfte sie gegeneinander , bis sie von Erde befreit waren . Die nachfolgenden Mädchen schlugen dann den Rüben mit dem Hackmesser die Blätter ab . Diese Arbeit mußte äußerst sauber geliefert werden . Der Inspektor kam häufig und kontrollierte . Gustav hatte seine liebe Not mit den Mädchen , die oft genug Erdreste an den Runkeln sitzen ließen und zu viel oder auch zu wenig von dem grünen Kopfe der Rübe abschlugen . Im Hintergründe drohte die Fabrik , die nur allzu schnell mit der Klage über mangelhafte Lieferung da war . Der Besitzer machte dann dem Inspektor Vorwürfe , der nahm den Aufseher vor , der Aufseher schließlich schalt die Arbeiter . Und so kam das Ungewitter im Instanzenwege endlich bis zu den armen Runkelmädchen , über deren Häuptern es sich grollend entlud . Abends kehrte man todmüde von der anstrengenden Arbeit in die Kasernen zurück , durchnäßt , mit beschmutzten Kleidern . An den Stiefeln und Röcken klebte das Erdreich . Selbst die ordentlichsten Mädchen konnten jetzt nicht mehr reinlich zur Arbeit antreten . Es hatte sich der geplagten Menschenkinder eine große Sehnsucht nach der Heimat bemächtigt . Man setzte dem Aufseher zu , daß er um baldige Entlassung aus dem Dienst einkommen solle . Im Kontrakte war ein Termin nicht genannt ; es stand darin nur , daß die Wanderarbeiter bis zur Beendigung der Rübenernte zu bleiben hätten . Die Ausbeute war in diesem Jahre reichlich gewesen : die Köpfe groß und schwer ; die Pflanzen hatten nur wenig durch Auswachsen und Faulwerden gelitten . Das Gut mußte laut Kontrakt ein bestimmtes Quantum Rüben an die Fabrik liefern . Diese Bedingung , war erfüllt . Der Rest der Rübenernte sollte eingemietet werden . Hierzu waren die Weiber nicht nötig ; das Bewerfen der Rübenmieten mit Erde besorgten besser starke Männerhände . Der Inspektor erklärte auf Gustavs Ansuchen , sie zu entlassen : Herr Hallstädt gestatte den Mädchen heimzukehren , die Männer jedoch müßten bleiben , bis die letzte Rübe eingemietet sei . Gleichzeitig wurde von seiten der Gutsverwaltung der Versuch gemacht , Gustav mit seinen Leuten für den nächsten Sommer anzuwerben . Der Inspektor ließ sich zu leutseligem Wesen herab , als er mit diesem Ansinnen kam . Statt des hochfahrenden Vorgesetztentones , den er bisher den Wanderarbeitern gegenüber gehabt , schlug er auf einmal mildere Weisen an , suchte sich dem Aufseher gegenüber als Kamerad aufzuspielen . Aber bei Gustav verfingen diese Künste nicht . Er hatte das zweideutige Verhalten des Mannes , der sich jetzt als Arbeiterfreund gab , von der Ausstandszeit her noch zu gut im Gedächtnis ; auch wünschte er sich keinen zweiten Sommer wie diesen . Er lehnte daher das Anerbieten rundweg ab . So reisten denn die Mädchen in ihre Heimat zurück . Gustav ließ seine Frau und den Jungen mit ihnen fahren . Pauline hatte sich in der letzten Zeit todunglücklich gefühlt . Die Häuslichkeit fehlte ihrem Ordnung und Ruhe bedürftigen Sinn . Sie sehnte sich nach der Mutter und ihrem kleinen Häuschen in Halbenau zurück . Manche Träne hatte sie heimlich verschluckt , um Gustav nicht durch ihr Leid noch trüber zu stimmen . Ernestine war leichten Herzens . Unter allen Mädchen hatte sie am meisten zurückgelegt vom Verdienst . Was sie mit Häschke verabredet habe , erfuhr niemand ; aber es war anzunehmen , daß sie einig seien . Er hatte ihr seine Ersparnisse übergeben als eine Art von Unterpfand , daß er sie nicht sitzen lassen werde . Man munkelte , er wolle zunächst in seine Heimat zurückkehren , um sich dort nach festem Erwerb umzusehen , dann würde er Ernestinen nachholen und Hochzeit mit ihr machen . Das andere Liebespaar machte es ähnlich . Fumfack wollte nach beendeter Rübenarbeit wieder zu seinem Schmiedegewerbe zurückkehren . Mit dem von ihm und seiner Braut verdienten Gelde hatte er vor , sich selbständig zu machen . Dann sollte geheiratet werden . Von der ganzen Gesellschaft blieb nur einer im Westen zurück , das war Welke , der ehemalige Stallbursche . Der hatte eine Stelle als Kutscher bei einem Fabrikanten der Nachbarschaft angenommen . Die vier Männer arbeiteten noch ihre Aufgabe ab . Endlich war die letzte Schaufel Erde auf die große Rübenmiete geworfen . Nun konnten auch sie reisen . Gustav hatte zum Schluß noch eine häßliche Auseinandersetzung mit dem Inspektor . Die Gratifikation , welche ihm im Frühjahr in Aussicht gestellt worden war , sollte ihm jetzt vorenthalten werden . Und in seinem Kontrakte stand doch , er solle eine Extravergütung erhalten , falls man mit den Leistungen seiner Leute zufrieden sein würde ! - Nun war es außer allem Zweifel , daß diese Gruppe mehr und besser gearbeitet hatte als irgendeine andere . Aber jetzt , wo Gustav erklärt hatte , daß er im nächsten Jahre nicht wiederkommen würde , gab man ihm zu verstehen : man habe keinen Anlaß , ihm die Gratifikation auszuzahlen . Gustav war empört über diese Ungerechtigkeit . Er verlangte , mit Herrn Hallstädt persönlich zu sprechen . Aber auch jetzt noch wurde der Gutsherr wie ein Gott hinter Wolken gehalten ; Herr Hallstädt sei nach dem Süden verreist , hieß es . Das war Wasser auf Häschkes Mühle . Längst hatte er gewarnt , Gustav solle sich vorsehen . Aber der war natürlich wieder der Dumme gewesen in seinem Vertrauen auf die Großen . Nun hatten sie ihn doch übers Ohr gehauen . So waren die Reichen ja alle ! Wenn sie einem armen Luder das Fell über die Ohren ziehen konnten , das war ihnen ein wahrer Hochgenuß ! Gustav hatte früher auf Häschkes Brandreden nichts gegeben . Wenn er ihn dergleichen in Gegenwart der anderen äußern hörte , hatte er ihm wohl das Maul verboten . Jetzt sagte er nichts . Der Gedanke kam ihm , daß Häschkekarl vielleicht nicht so unrecht habe . * * * Häschke hatte schon immer auf Gustav eingeredet , er müsse ihn auf der Heimatreise begleiten . Vielleicht gefalle es ihm dort , und sie fänden ein gemeinsames Unterkommen für die Zukunft . Häschke hatte sich , seit Gustav um sein Verhältnis zu Ernestine wußte , unwillkürlich vertraulicher zu ihm gestellt ; er nannte Gustav neuerdings » Schwager « , und der hatte sich nicht dagegen gesträubt . Gustav ging schließlich auf Häschkes Plan ein . Warum sollte er den Umweg nicht machen ? Er bekam auf diese Weise ein Stück Welt zu sehen , vielleicht fand er sein Glück dabei . Die Zukunft war ja immer noch ungewiß für ihn . Er schickte sein Geld und die überflüssigen Kleidungsstücke an Pauline nach Halbenau , behielt sich nur so viel , daß er ungefähr vierzehn Tage lang damit auskommen konnte . Dann verschafften sich die beiden ihre Arbeitszeugnisse und ließen sich ihre sonstigen Papiere von der Behörde abstempeln . Denn die Hauptsache beim Reisen sei , daß man die » Flebben « in Ordnung habe , erklärte der in solchen Dingen erfahrene Häschke . So machten sie sich eines Tages im Anfang November auf die Reise , den » Berliner « auf dem Rücken und den » Stenz « in der Hand , als echte und rechte Wanderburschen . Ein paar Tage marschierten sie auf der großen Landstraße . Des Nachts schliefen sie in der » Katschemne « , die Häschke , der diese Fahrt schon einmal » abgetippelt « hatte , genau kannte . Da sie » Asche « hatten , gab der » Penne-Boos « auch gerne eine » Hulke « , daß sie nicht » Bankarbeit machen « mußten , wie die Kunden das Schlafen auf der Diele bezeichnen . Die Herbergen zur Heimat vermied Häschke , denn dort war es langweilig , da wurde des Morgens und Abends gebetet , und » Soruff « bekam man nicht einmal , wenn man ihn bezahlte . Da zog er sich die Katschemnen oder wilden Pennen vor , dort gab es immer was zu sehen und zu hören und Schnaps so viel man wollte . Dann trat schlechtes Wetter ein . Häschke schlug daher vor , » mit dem Feurigen zu walzen « , um seine Kleider zu schonen . Sie wandten sich der nächsten Eisenbahnstation zu und lösten sich Billetts dritter Klasse auf Häschkes Rat . In der vierten reiste jetzt wieder allerhand Gesindel , Polacken und Russen , nach der Heimat zurück , und da konnte man am Ende gar » Barach « auflesen . Häschkekarl war in prächtiger Laune . Die Erinnerung an die alte Stromerherrlichkeit war neu in ihm erwacht . » Fremd machen « , wie er das Feiern von der Arbeit nannte , und so dritter Güte durch die Welt kutschieren , das war etwas für seinen leichten Sinn . Und dazu noch das Bewußtsein , einen ganzen Sommer durch bei einer Arbeit und bei einem Mädel ausgehalten zu haben , das hob sein Selbstbewußtsein mächtig . Sie waren ein Paar rechte Kerle , er und Gustav . Es müßte mit dem Teufel zugehen , wenn sie zusammen sich nicht durch die Welt finden sollten ! Das nächste Ziel ihrer Reise war eine große Handels- und Industriestadt im Königreich Sachsen . Mit einer gewissen Wichtigtuerei deutete Häschke seinem Wandergenossen an , daß er dort Freunde habe . Gustav irrte nicht in der Annahme , daß er damit Parteigenossen meine . Häschkes politische Gesinnung war Gustav schon lange verdächtig gewesen . Einmal hatte er ihn direkt zur Rede gestellt : er sei doch nicht etwa ein » Roter « ? Häschkekarl hatte darauf vielsagend gelächelt und vor sich hingepfiffen . Die Roten seien gar nicht so schlecht , war seine endliche Erklärung , die wollten nur das Beste der Menschen . Und gelegentlich hatte er versucht , dem Freunde ein kleines gelbes Büchlein in die Hand zu drücken ; da werde er alles drinnen finden , was man wissen müsse