sind intime Freunde . Und Tas sagte mir , daß er ihn gebeten hätte , sein Trauzeuge zu sein . Und als er so plötzlich abreiste - « » Wer ? Tas ? « » Aber nein doch ! Herr Forbeck ! Ganz plötzlich ! Er hatte sonst keine Ursache , abzureisen , ganz im Gegenteil ! Und da fuhr es mir gleich durch den Kopf , wie alles zusammenhängt . In meiner Aufregung hab ' und heimlich nach München telegraphiert . « » An wen ? « » An meine Schneiderin . Die kommt hinter alles . Da , lies das Telegramm , das ich gestern abend von ihr bekommen habe ! « Kitty zerrte aus ihrem Kleid das zerknüllte Blatt hervor . Willy las : » Übermorgen mittag ein Uhr in der Frauenkirche . « Erschrocken sprang er auf . » Übermorgen ? Aber das ist ja schon morgen ! « » Morgen ! Ja ! Was sagst du ! « Auch Kitty erhob sich ; sie schlang den Arm um Willys Hals und stammelte : » Und das siehst du doch ein , das dürfen wir nicht geschehen lassen , daß unser Tas in dieser heiligen Stunde allein steht ? Das wäre für ihn nicht nur ein tiefer Schmerz , auch eine Demütigung vor den Verwandten seiner Braut ! « » Ja , Maus , recht hast du ! Das ist eine wahrhaft geniale Idee ! Ich reise . Noch heute nacht . Ich freue mich närrisch auf das Gesicht , das er machen wird . Und dir , das versprech ' ich , dir schick ' ich ein ellenlanges Telegramm . « » Das kannst du dir sparen , « erklärte Kitty , » ich fahre mit ! « » Du ? Nein , Maus , das ist Unsinn ! « » Ich muß zu ihm , ich muß , ich muß ! « Wie in Verzweiflung umklammerte Kitty den Bruder . Etwas ratlos streichelte er das Haar und die Wangen der Schwester . » Sei vernünftig , kleine Maus ! Das geht nicht . Wenn Papa hinter die Geschichte kommt - ich vertrage einen Puff , aber du ? Nein , Maus ! Eine solche Verantwortung darf ich nicht auf mich nehmen . « » So übernehm ' ich sie selbst . Ich verantworte alles . « Energisch richtete sie sich auf und erklärte mit jener Sophistik , wie sie heiß erregten Mädchenköpfen geläufig ist : » Ich weiß wohl , daß ich einen solchen Schritt nicht unternehmen sollte , ohne Papas Erlaubnis einzuholen . Aber wo ist Papa ? In der Hütte droben wie immer , immer , immer ! Es ist nicht meine Schuld , wenn ich Papa nicht fragen kann ! Wäre er mit dir heruntergekommen - nach fünf Monaten für seine Hirsche und Gemsböcke ein einziger Tag für mich , das ist doch nicht zuviel verlangt - , wäre er gekommen , so würde ich ehrlich mit ihm gesprochen haben und hätte ihm so lang mit Bitten zugesetzt , bis er ja gesagt hätte ! « Belustigt sah Willy die Schwester an , schob die Hände in die Hosentaschen und wiegte sich auf den Hacken . » Du kannst ja die Kleesberg fragen ! « Bei diesem Einwurf geriet Kitty ein bißchen aus der Fassung . » Laß doch die Ärmste in Ruh ' ! Soll ich ihr zu allen Schmerzen noch meine Sorgen aufladen ? Auch will ich sicher gehen . Darum frag ' ich nicht ! Ich muß nach München . Willy , ich muß ! Davon bringt mich niemand ab . « Ihre Wangen brannten , und ihre Augen leuchteten . » Nimm mich mit ! Sieh nur , wie ich bitte ! « Er hatte nicht das Herz , um nein zu sagen . Lachend zog er sie an sich und küßte sie auf das Ohrläppchen . » Na also - « Mit ersticktem Freudenschrei umarmte sie ihn . » Machen wir in Gottes Namen den fidelen Streich in Kompanie ! Papa wird uns zwar eine böse Suppe auszulöffeln geben , ganz besonders gesalzen für meine Wenigkeit ! Aber wenn er sich ärgert , wasch ich meine Hände in Unschuld . Hätte er sein Versprechen gehalten und wäre mit heruntergekommen , statt dem verwünschten Rehbock nachzulaufen ! Die Schuld hat er ! Und komm , jetzt wollen wir Kriegsrat halten . « Sie setzten sich Arm in Arm auf das Sofa und sprachen flüsternd miteinander , wie zwei Kinder , die eine Weihnachtsüberraschung vorbereiten . Sie beschlossen , den ersten Lokalzug zu benützen , der früh um sechs Uhr von der Station abging ; da hatten sie Anschluß an den um elf Uhr in München eintreffenden Zug und konnten Tassilos Wohnung noch zeitig genug erreichen . » Punkt halb fünf Uhr müssen wir hier verduften ! « sagte Willy . » Ich bleibe die Nacht über wach , damit ich nicht verschlafe , und lege mich lieber jetzt ein paar Stunden aufs Ohr . Gegen Abend kannst du mich wecken . Dann geh ich ins Dorf , bestelle den Wagen und soupiere beim Seewirt . Ich will eine Begegnung mit Robert vermeiden , und dir rate ich ebenfalls , dich unsichtbar zu machen . Sag ' : du hast Kopfweh . Und sperr ' dich in dein Zimmer ein ! Da kannst du in aller Ruhe packen . Ich schmuggle dir meinen Handkoffer hinüber . Der wird genügen . Große Toilette brauchst du nicht zu machen . Wie ich vermute , werden sich die beiden im Reisekostüm trauen lassen . Ich nehme für mich gar nichts mit . Lackstiefel und Handschuhe kann ich mir in München kaufen . Aber jetzt kommt ein Punkt , über den ich ratlos bin : das Hochzeitsgeschenk ! Geben müssen wir doch was . « » Ich weiß schon , was ! « » Na , da bin ich neugierig . « Kittys Augen blitzten . » Mamas Perlenkollier ! « Willy erschrak . » Aber Maus ! Diese Perlen sind ein Vermögen wert ! Papa wird einen unerhörten Spektakel schlagen . « Stolz richtete sich das Köpfchen auf . » Die Perlen sind mein Eigentum . Und ich weiß sehr gut , was ich tue . Hätte Mama diesen Tag erlebt , so hätte sie selbst diese Perlen um Annas Hals gelegt . « Willy tätschelte ihr die Wange . » Maus ! Du bist ein famoser Kerl ! Tas wird über deine Idee vor Wonne zerfließen . Somit wären wir über alles im reinen ! Mach ' nur in der Aufregung keine Dummheiten . Und in der Nacht schlaf tüchtig , damit du am Morgen frisch bist . Punkt vier Uhr klopf ich an deine Tür . Und jetzt drück ' dich , Maus ! Ich möchte mich niederlegen . « Kitty erhob sich . » Gib mir die Hand darauf , daß alles fest und abgemacht ist ! « » Abgemacht ! « Er reichte ihr die Hand , und Kitty drückte sie mit so feierlichem Ernst , als gält ' es einen Staatsakt von der Bedeutung des Rütlischwures . Einige Minuten später schmuggelte Willy den kleinen Lederkoffer in Kittys Zimmer ; dann kehrte er zurück und warf sich mit der brennenden Zigarre aufs Bett . Er brauchte nicht lange , um den Schlaf zu finden ; aus seinen Fingern fiel die qualmende Zigarre und brannte ein handgroßes Loch in den Teppich . Er erwachte nicht , als Kitty gegen sechs Uhr in das Zimmer trat . Um ihn zu wecken , huschte sie zum Bett . Beim Anblick seines Gesichtes erschrak sie . Die geschlossenen Lider waren von durchsichtiger Bläue , die Züge blutleer und von welker Zerfallenheit , wie das Gesicht eines Schwerkranken in der Erschöpfung nach heftigem Fieber . » Willy ! « Der angstvolle Ruf weckte ihn . Hastig fuhr er auf und sah die Schwester mit heiß glänzenden Augen an , als vermöchte er seine Sinne nicht völlig zu ermuntern . » Bist du krank ? « » Ich ? Unsinn ! Mir ist pudelwohl ! « Lachend sprang er vom Bett , und da mußte er plötzlich husten , lange und heftig . » Willy ! Was hast du denn ? « stammelte Kitty und brachte ihm das Glas Wasser , nach dem er mit einer Geste verlangte . Er leerte das Glas und drückte die Hand auf die Brust . » Ich muß mich im Aufwachen überschluckt haben . Na , nun ist es ja wieder vorüber . « Er stellte das Glas auf den Tisch und atmete tief . Besorgt sah ihm Kitty in das Gesicht , dessen Wangen sich wieder zu röten begannen . » Ist dir auch wirklich wohl ? Ganz ? « » Vollkommen ! « » Gott sei Dank ! Ich kann dir nicht sagen , wie ich erschrocken bin . « » Ach geh , du bist komisch ! « brummte er und schob die Schwester zur Tür hinaus . Er trat vor den Spiegel und betrachtete sein Gesicht , aufmerksam , mit einer Art von sentimentalem Ernst . Dann begann er sich für den Weg zum Seewirt fertigzumachen und pfiff dazu einen lustigen Marsch . So schmuck wie aus dem Ei geschält , in bester Laune , verließ er das Haus und schlenderte durch die Allee . Als er sich dem Adlerkäfig näherte , sah er dünnen Staub aus dem Drahtgitter hervorquellen ; rings um den Käfig war der Boden mit kleinen Federn angestreut , und weißer Flaum flog überall umher . » Mir scheint , sie haben wieder gerauft miteinander ! « Während er näher trat , sah er fünf von den Adlern einträchtig in einem Winkel sitzen , während der sechste mit dem Hals in den verbogenen Drähten einer schadhaften Stelle des Gitters hing ; der Vogel mußte sich schon halb zu Tode gezappelt haben ; sein Gefieder war zerschlagen und abgeschunden , und nur noch wenig zuckten die Schwingen und Fänge . » Moser ! Moser ! « schrie Willy erschrocken . Der Alte kam aus der Zwirchkammer herbeigeschossen . » Was is , Herr Graf ? « » Schnell ! Den Schlüssel zum Adlerkäfig ! Einer der Vögel hängt im Gitter ! « Jammernd holte Moser den Schlüssel und fand den Adler bereits verendet . Dem Alten war das Weinen nah . » Der zweite ! Was wird der gnädig Herr sagen ! Da gnad mir unser lieber Himmelvater ! « Die Hände zitterten ihm , und seine schlotternden Backen waren weiß . » Ich kann mir gar net fürstellen , wie so was passieren hat können ! Die Gschicht is mir schon völlig unheimlich ! Dös geht nimmer zu mit rechte Ding ! Passen S ' auf , Herr Graf , dös muß was bedeuten ! « » Sie alter Narr ! « schalt Willy ärgerlich . » Ich will Ihnen sagen , was es bedeutet : daß Sie immer andere Dinge im Kopf haben , statt für die Vögel zu sorgen , die Ihnen von Papa anvertraut sind wie Kinder einem Vater ! Hätten Sie den Käfig überwacht und Ihre Pflicht getan , so ginge nicht einer nach dem andern zugrunde . Das hat es zu bedeuten ! « Während Moser wortlos neben dem verendeten Adler zurückblieb und sich in Zerknirschung den Kahlkopf kraute , bummelte Willy dem Parktor und der Straße zu . 5 Der Abend war lau und milde - einer von jenen linden Abenden des Hochgebirges , die man nicht schildern kann , nur genießen . Kein Lufthauch regt sich , kein Blatt an den Bäumen . Die Geräusche des Lebens und die Stimmen der Bäche klingen gedämpft und dennoch klar . Der wolkenlose Himmel ist von mattleuchtender Bläue , ein wenig ins Grünliche spielend . Die Zinnen der Berge haben weißes Licht , doch die sinkenden Wälder sind in blauen Schatten gehüllt , aus dem sich die bunten Farben der welkenden Laubkronen hervorheben , so weich und sanft , daß der Blick unersättlich an diesen zarten Tönen hängt wie an einem zauberhaften Reiz . Das Tal mit seinen Gärten , Häusern und Wiesen liegt von schleierfeinem Duft überflossen . Halb ist es dünner Nebel , der aus dem See hervorquoll , halb bläulicher Rauch , der aus den Dächern stieg und sich zerteilte in der ruhigen Luft . Sie atmet sich gut und würzig - es ist , als würde das Blut mit jedem Atemzuge leichter . Es prickelt in allen Nerven . Man wandert , ohne den Körper zu fühlen , und ein gedankenloses Wohlbehagen , die Freudigkeit eines traumhaften Genießens überkommt die Sinne . In solcher Stimmung schlenderte Willy , der bei dem erste Schritt auf die Straße die Tragödie des Adlerkäfigs schon wieder vergessen hatte , dem Dorf entgegen . Da tauchte an einer Biegung der Straße das feine Lieserl auf . Die Kleine schien übler Laune zu sein und ließ das kokett frisierte Köpfchen hängen . Die rechte Hand hielt sie in die Hüfte gestützt , mit der linken schlenkerte sie in müdem Phlegma eine gehenkelte Blechkanne , die erraten ließ , daß das Lieserl zum Mooshofer wanderte , von dem die Zaunerin ihre Milch bezog . Bei Willys Anblick wurde Lieserl rot . Schmollend verzog sie das Mäulchen , und dem Feind das Feld überlassend , schlug sie sich seitwärts in die Büsche . Der zürnende Fluchtversuch schien Willy zu erheitern . Mit ein paar flinken Sprüngen holte er die Ausreißerin ein . » Na , na , na ! Das sieht ja aus , als wäre man beleidigt ? « Er faßte Lieserl um die Hüfte . » Du niedlicher Käfer ! Was hab ' ich dir denn getan ? « » Da können der Herr Graf noch fragen ! « stieß das Lieserl in einem Hochdeutsch hervor , dessen gespreizter Wortlaut sich bei dieser zornigen Schärfe drollig anhörte . » Lassen Sie mich aus , Herr Graf ! Ich bin keine solchene , die man das eine Mal abbusseln kann und das andere Mal beleidigen . « In Tränen ausbrechend , ließ sie die Blechkanne fallen . » Aber Lieserl , « stotterte Willy erschrocken und gab die Weinende frei . Sie machte ein paar taumelnde Schritte , sank auf eine Steinplatte und schluchzte wie vom Bock gestoßen . Ein Mädel weinen zu sehen - dazu noch ein so schmuckes Mädel wie das feine Lieserl - das ging über Willys Kräfte . Er dachte in diesem Augenblick an nichts anderes , nur an diese Tränen . Es waren so hübsche Tränen ! und die Wangen , über die sie rollten , waren so rund und frisch ! Und der Mund , über den sie flossen , so weich und rot . Bei jeder neuen Träne schienen die Lippen noch heißer zu glühen . » Aber Lieserl ! « Willy setzte sich auf die Steinplatte und schlang den Arm um den Hals des Mädels . » So hör ' doch zu weinen auf ! Ich hab ' dir doch nichts zuleid ' getan , ganz im Gegenteil ! Und wenn ich dich kränkte , ohne daß ich es wußte , so will ich es gerne wieder gutmachen ! « Lieserl klagte , ihr Hochdeutsch plötzlich vergessend : » Na , Herr Graf , da is nix mehr gut z ' machen ! Heut haben S ' mich ins Herz troffen . So was tut weh ! Sie wissen ja net , wie gut ich Ihnen gwesen bin ! « Willy quittierte diese kurzgefaßte Liebeserklärung , indem er das Mädel fest an seine Brust drückte . Lieserl sträubte sich nicht , doch allen Ernstes wiederholte sie : » Na , dös wissen S ' net ! Ich hätt mein Leben für Ihnen hergeben können . Die ganzen Täg hab ich allweil an Ihnen denken müssen und hab mir schier d ' Augen ausgschaut auf die Berg auffi ! « » Wirklich ? « Willys Rührung wuchs . » Du liebes , liebes Kerlchen du ! « » Und heut z ' Mittag - ' s allerschönste Nagerl hab ich abgrissen und hab ' s Ihnen zugworfen . Und Sie - « Lieserls Tränen kamen wieder ins Rollen . » Dös arme Nagerl haben S ' mit ' m Fuß davongstössen , als tät Ihnen grausen vor dem Blümerl und - vor mir ! « » Aber Schatz ! « Willy küßte das Lieserl auf die von Tränen nassen Lippen . » Wie kannst du nur auf den Einfall kommen , daß ich die Nelke mit dem Fuß fortgestoßen hätte ? Ein unglücklicher Zufall . Wie ich die Blume haschen wollte , bin ich gestolpert . « Er herzte die Weinende , recht wie ein Verliebter , der in Wärme kommt . » Geh , du Närrlein ! Welche Ursache könnt ' ich denn haben , um dich zu kränken ? Ich hab ' dich ja lieb und - « Er küßte und küßte . Lieserl sträubte sich nicht , sondern schmiegte sich immer enger in Willys Arme . Dabei weinte sie immerzu , als wäre der Zustand dieser fließenden Kümmernis für sie ein Behagen . » Ich bitt dich , Schatz , hör ' doch zu weinen auf ! Ich kann das nicht sehen ! Wenn ich nur wüßte , wie ich dich beruhigen könnte ! « Da fiel ihm der Rubin ein , den er beim Verlassen seines Zimmers mit den beiden Hirschgranen in die Hosentasche geschoben hatte . » Schatz ! Ich hab ' was für dich ! « Hurtig holte er den Stein hervor und hielt ihn vor Lieserls Augen ; trotz der sinkenden Dämmerung glühte der Rubin , als wäre in seinem Innern ein Funke roten Sonnenlichtes eingeschlossen . » Nimm , Lieserl ! Den Stein schenk ' ich dir . Und wenn du willst , laß ich ihn für dich zu einer Nadel fassen oder in einen Ring . Aber hör ' zu weinen auf ! « Halb erschrocken , halb gierig starrte Lieserl das funkelnde Kleinod an . Und als ihr Willy den Rubin in die Hand drückte , schloß sie über dem Stein die Finger zu einer Faust und guckte zweifelnd zu Willy auf , als könnte sie noch immer nicht an die Wahrheit dieses Geschenkes glauben . » Na also ? Bekomm ich keinen Dank ? Der Stein ist mehr wert , als dein Vater in einem ganzen Jahr verdient . « Mit dem Rubin in der krampfhaft geschlossenen Faust warf Lieserl die Arme um Willys Hals und küßte ihn , daß ihm der Atem verging . Linde Klänge gaukelten durch den Wald - im Dorfe läutete man den Abendsegen . » Mar ' und Joseph ! « stotterte das Mädel . » Betläuten ! Jetzt hab ich mich schön versäumt ! « Sie streifte Willy mit einem Funkelblick ihrer schwarzen Augen , und die Faust mit dem Rubin in die Tasche ihres Röckleins grabend , raffte sie mit der anderen Hand die Blechkanne von der Erde und wollte Reißaus nehmen . Willy haschte die Fliehende , riß sie wie ein Berauschter an seine Brust , bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und flüsterte : » Ich komm an dein Fenster ! « Mit Wangen so rot wie blühender Mohn duckte Lieserl das Gesicht . » Aber ! Warten S ' , Sie Schlimmer Sie ! « Kichernd wand sie sich aus seinen Armen und huschte davon . Mit dem Hochgefühl eines Siegers nach heißer Entscheidungsschlacht sah Willy dem Mädel nach . Doch als das flatternde Röckl hinter den Buchenstauden verschwand , schien ein Gefühl in ihm zu erwachen , das mit einem moralischen Katzenjammer eine unleugbare Ähnlichkeit besaß . » Natürlich , « murrte er vor sich hin und schob die Mütze in den Nacken , » da wäre mein heißer Schimmel glücklich wieder mit meinen guten Vorsätzen durchgegangen ! « Eine Weile überlegte er . » Na also ! Den letzten Unsinn noch , und dann Schluß ! « Wie sehr sich auf dem Wege bis zum Seehof seine Stimmung noch zum Besseren wandelte , verriet das Wort , mit dem er auf der laut belebten Terrasse die Kellnerin begrüßte : » Flink , Mädel ! Eine Flasche Monopol ins Eis ! Dann reden wir weiter ! « In rosiger Laune nahm er das ausgiebige Souper - Seelachs , Paprikahuhn und Omelette mit Pilzen - , steckte die Zigarre in Brand und vertiefte sich in die Sektpulle . Träumend blies er die Rauchringe vor sich hin , schmachtete die funkelnden Sterne an oder blickte unter lyrischen Regungen auf den stillen See hinaus . In immer kürzeren Zwischenräumen leerte er den schlanken Kelch , füllte ihn wieder und stieß die Flasche zurück in den rasselnden Eiskübel . Dieses Geräusch weckte die Aufmerksamkeit der Gäste , und wenn sie nach dem stillvergnügten Zecher blickten , redete das Wohlgefallen aus ihren Augen . Die schmucke , schlanke Jünglingsgestalt in der knappen Uniform , das hübsche , liebenswürdige , von Wein und Träumen erwärmte Gesicht , diese lächelnde Verlorenheit und dieses glückselige , um keine Umgebung sich bekümmernde Behagen - das sah sich an wie ein Urbild gesunder und froher Lebenskraft , die sich sorglos einem Stündlein irdischen Genusses ergibt und ein leuchtendes Luftschloß in die Wolken baut . » Glückliche Jugend ! « flüsterte ein bejahrter Herr , der den Heimweg antrat und trotz des lauen Abends den Überrock bis zum Hals zuknöpfte . Die Terrasse leerte sich immer mehr ; immer stiller und träumerischer wurde die schöne Nacht . In der Schifferschwemme waren die Klänge der Ziehharmonika verstummt . Als vorletzter Gast verließ der alte Mooshofer das Wirtshaus . Er hatte schwer geladen . So breit die Straße war , sie wäre ihm fast zu schmal geworden . Häufig geriet er bis an den Rand der Schlucht , in deren Tiefe der Seebach rauschte ; doch es erwies sich an ihm die Wahrheit des Sprichwortes , daß Kinder und Betrunkene einen starken Schutzengel haben ; oft galt es nur einen letzten Schritt , und der Mooshofer wäre nie wieder aus seinem Rausch erwacht ; aber immer im rechten Augenblick schwankte das Gesicht seines taumelnden Körpers wieder einwärts gegen die Straße . Vor Meister Zauners Garten tat er einen Plumps in den ungefährlichen Straßengraben , richtete sich brummend auf und torkelte weiter . An dem einsamen Haus waren zwei Fenster noch erleuchtet : in Lieserls Kämmerchen brannte eine Kerze vor dem Spiegel und in der ebenerdigen Wohnstube die Hängelampe über dem Tisch . Hier saß die Zaunerin auf der Ofenbank , während der Meister beim Fenster stand , mit den Fäusten hinter dem Rücken . Den roten Gesichtern der beiden war es anzumerken , daß sie einen heißen Kampf miteinander ausgefochten hatten . Nun schwiegen sie . Der Waffenstillstand währte nicht lange . Energisch wandte sich der Meister zu seinem Weib und drohte mit dem Finger . » Von heut an steck ich andere Kerzen auf . Und wenn ich dahinterkomm , daß du als Mutter dei ' Pflicht und Schuldigkeit net tust - da kracht ' s aber ordentlich ! « » Jetzt laß mir endlich mei ' Ruh ! So an Spitakl machen ! Wegen nix und wieder nix ! « » So ? Meinst , ich kenn unser Lieserl net ? Den ganzen Abend hab ich ' s gmerkt , daß mit dem Madl was los is . Sie hat was im Sinn . Und nix Guts net ! Aber ich tu mei ' Pflicht als Vater , ich halt meine Augen offen . « » Meintwegen ! « murrte die Zaunerin , trat auf den Tisch zu und blies die Lampe aus ; ein Gewaltstreich , der den Meister Zauner sprachlos machte . Auf einem Umweg tastete sich die Zaunerin in den Flur und stieg über die finstere Treppe hinauf . Sie wollte noch zu einem kleinen Plausch in die Kammer ihrer Tochter treten . Die Tür war von innen versperrt . » Lieserl ? « » Ja , Mutter ? « klang es in der Kammer . » Geh , mach auf ! « » Ich lieg schon . Gut Nacht ! « » Gut Nacht , Schatzerl ! Laß dir was Guts träumen ! « Mit diesem Segenswunsch wollte die Zaunerin ihre Schlafstube aufsuchen ; aber da gewahrte sie den Lichtschein , der durch die Ritzen der Tür quoll , und wurde neugierig . Sie guckte durch das Schlüsselloch und sah , daß ihr feines Lieserl vor dem Spiegel saß und sich frisierte , als ging es zur Kirche oder zum Tanz . Schmunzelnd richtete sich die Meisterin auf , schlich auf den Zehen in ihre Stube , und während sie ihren grauen Schopf der Schlafhaube anvertraute , monologisierte sie im stillen : » Schau , jetzt hat er am End doch recht ? Sie muß was im Köpfl haben ! No also , in Gotts Namen ! Warum soll man ihr an unschuldigs Spassetterl net vergönnen ? ' s Madl is gscheit , ' s Madl wird schon wissen , was verlaubt is und was net ! Man is ja nur einmal jung ! « Sie ließ sich in die Federn fallen , streckte sich , legte die Hände auf die Bettdecke und gähnte . Es währte nicht lange , und die Zaunerin schnarchte . Drunten ging der Meister noch überall im Haus umher , versperrte die Küchentür , die Zimmertür und zuletzt das Haustor ; alle Schlüssel zog er ab und schob sie in die Tasche . » So , « brummte er , als er an Lieserls Kammer vorüberkam , » jetzt flieg aus , du Stieglitz , du leichtsinniger ! Heut hab ich den Käfig versichert ! « Er trat in die Schlafstube , öffnete das in den Garten führende Fenster und suchte sein Bett , ohne daß die Meisterin erwachte . Mit offenen Augen lag er neben dem schnarchenden Weib , wälzte seine Vatersorgen , überlegte , wie er sein » narrisches « Lieserl auf » verstandsame « Wege bringen könnte , und sann auf ein Mittel , durch das sich der Eigensinn seiner Tochter brechen ließ und ihr Herz für den braven Pointner-Andres zu gewinnen wäre . Die Turmglocke hatte schon Mitternacht geschlagen , als auch bei Meister Zauner das Bedürfnis nach Schlaf sich fühlbar machte . Da hörte er drunten vor dem Haus ein sachtes Geräusch . Lauschend richtete er sich auf und vernahm ein leises Klirren , als wäre ein Steinchen gegen eine Fensterscheibe geflogen . » Richtig ! Da kommt er schon ! Aber wart , dem will ich heimleuchten ! « Er konnte sich mit dem Ankleiden Zeit lassen , weil er wohlweislich dafür gesorgt hatte , daß Lieserls Absicht , für einen heimlichen Plausch zur Hausbank hinunterzuschleichen , auf Hindernisse stoßen würde . Eben wollte er in die Joppe schlüpfen , als es merklich an der Mauer raschelte . » Da hört sich doch alles auf ! Jetzt kraxelt er gar am Spalier in d ' Höh ! « Der Zauner sprang zum Fenster . Draußen an der Mauer ließ sich ein Brechen von Ästen und Staketen hören , ein erstickter Schrei , der dumpfe Aufschlag eines schweren Körpers . Der Zauner überhörte diesen Lärm , denn in kochendem Ärger hatte er zu schelten begonnen : » Was is denn dös da draußen in der Nacht ? Himmel Kreuz Teufel ! So was möcht ich mir verbitten ! « Er fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus . Der Garten lag still und dunkel unter ihm . Kein Geräusch in den Büschen , auf der Straße kein enteilender Schritt , kein Laut an Lieserls finsterem Fenster . » Teufel ! Is er am End gar schon herin im Haus ? « Der Meister machte Licht . Die Zaunerin riß die verschlafenen Augen auf . » Was is denn ? Um Gotts willen ! Was is denn schon wieder ? « » Du red nur gar nix , du mit deiner saubern Tochter ! Aber wart , jetzt komm ich ihr mit der Richtung ! « Die flackernde Kerze in der Hand , eilte der Zauner auf die Treppe hinaus und rüttelte an Lieserls verschlossener Kammertür . » Wird aufgmacht oder net ? « Drinnen kein Laut . » Aufgmacht , sag ich , oder ich mach mir selber auf ! « Er wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab , sondern warf sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers gegen die Tür . Die Bretter krachten , und der Riegel sprang . Auf der gewaltsam eröffneten Schwelle stand der Zauner mit erhobener Kerze und leuchtete in die Kammer . Lieserl war allein . In ihrem besten Gewand und kokett frisiert , lehnte sie neben dem offenen Fenster an der Mauer , mit leichenblassem Gesicht , wie gelähmt an allen Gliedern . » Du gottvergessens Madl du ! « So wollte der Zauner seine Moralpredigt beginnen . Da wankte ihm das Mädel verstört entgegen . » An Unglück , Vater ! An Unglück ! « » Ja freilich ! Du ! An Unglück bist für Vater und Mutter ! « Der scheltende Fluß seiner Worte stockte plötzlich ; er schien zu erkennen , daß aus dem entsetzten Gesicht seiner Tochter noch etwas Schlimmeres redete als nur die Angst eines auf Heimlichkeiten ertappten Mädels . » Vater ! Vater ! Unser guter , lieber Herr Graf - « » Graf ? Was Graf ? « stotterte Meister Zauner . » Der junge Herr Graf ! Ans Fenster is er kommen - ich kann nix dafür , ich hab ihm halt gfallen ! Und wie er am Fenster war - « Die Stimme des Mädels versagte fast . » Ich weiß net , was er ghabt hat - gahlings hat er husten müssen , und ' s Köpfl is ihm auf d ' Seiten gfallen , als tät ihm schwindlig sein . Mit alle zwei Arm hab ich griffen nach