bleich und verstört aus : » Herr Graf , ich zeige ergebenst an , daß ich die Schule schließen muß . Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute - gestorben . » Die Cholera ? « riefen wir . » Ich denke wohl ... wir müssen ' s beim Namen nennen . Die sogenannte Ruhr , welche unter den Soldaten , die hier einquartiert wurden , ausbrach und der schon zwanzig Mann erlegen sind - es war die Cholera . Im Dorf herrscht großer Schrecken , denn der Doktor , der aus der Stadt hierher gekommen , hat unverhohlen gesagt , daß die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige Bevölkerung ergriffen hat . « » Was ist das ? « fragte ich aufhorchend - » man hört läuten . « » Das ist das Sterbeglöcklein , Frau Baronin , « antwortete der Schulmeister . » Es wird wohl wieder Jemand in den letzten Zügen liegen ... Der Doktor hat erzählt , daß in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhört zu erklingen - « Wir blickten einander Alle in der Runde an - stumm und bleich . Hier war er also wieder - der Tod - und Jeder von uns sah dessen knöcherne Hand nach dem Haupte eines Teuern ausgestreckt . » Fliehen wir ! « schlug Tante Marie vor . » Fliehen , wohin ? « entgegnete der Lehrer . » Ringsum ist ja das Übel schon verbreitet . « » Weit , weit weg - über die Grenze - « » Da wird wohl ein Cordon errichtet werden , über den man nicht hinauskann - « » Das wäre ja entsetzlich ! Man wird doch die Leute nicht hindern , ein verseuchtes Land zu verlassen ? « » Gewiß - die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren . « » Was thun , was thun ? ! « Und Tante Marie rang die Hände . » Den Willen Gottes abwarten , « antwortete mein Vater mit einem tiefen Seufzer . » Du bist doch sonst so bestimmungsgläubig , Marie - ich verstehe Deine Fluchtsehnsucht nicht . Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn , wo er immer sei ... Aber immerhin - mir wäre es auch lieber , wenn ihr Kinder abreisen würdet - und Du , Otto , daß Du mir kein Obst mehr anrührst . « » Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren , « sagte Friedrich , » daß er uns Desinfektionsmittel sende « ... Was dann später folgte , ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten erzählen , denn die Frühstückstisch-Episode war die letzte , die ich zu jener Zeit in die roten Hefte eingetragen . Nur aus dem Gedächtnis kann ich die Ereignisse der nächsten Tage berichten . Furcht und Bangen erfüllte uns Alle , Alle . Wer könnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern , wenn man unter teuern Wesen lebt ? Über dem lieben Haupte eines Jeden schwebt ja das Damoklesschwert - und auch selber sterben , so furchtbar und so unnütz sterben - wem sollte der Gedanke nicht Grauen einflößen ? Der Mut besteht höchstens darin , nicht daran zu denken . Fliehen ? Diese Idee war mir auch gekommen - besonders , meinen kleinen Rudolf in Sicherheit zu bringen ... Mein Vater , trotz allem Fatalismus , bestand auf der Flucht der Anderen . Am kommenden Tage sollte die ganze Familie fort . Nur er wollte bleiben , um seine Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen . Friedrich erklärte auf das Bestimmteste , auch bleiben zu wollen , und da war mein Entschluß gleichfalls gefaßt : von des Gatten Seite würde ich freiwillig nimmer weichen . Tante Marie mit den beiden Mädchen und mit Otto und Rudolf sollten schleunigst abreisen . Wohin ? - das war noch nicht bestimmt - vorläufig nach Ungarn , so weit wie möglich . Die Bräute widersetzten sich durchaus nicht , sondern halfen emsig packen ... Sterben - wenn in naher Zukunft die Erfüllung heißer Liebessehnsucht , das heißt verzehnfachte Lebenswonne winkt , das hieße ja zehnfach sterben . Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht , damit , unter der Beihilfe Aller , die Arbeit schneller von statten gehe . Ich brachte einen Pack von Rudolfs Kleidern auf dem Arm herbei . » Warum thut das nicht Deine Jungfer ? « fragte der Vater . » Ich weiß nicht , wo die Netti steckt ... ich klingelte ihr schon mehrere Male und sie kommt nicht ... So bediene ich mich lieber selber - « » Du verdirbst Deine Leute , « sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem anwesenden Diener Befehl , das Mädchen überall zu suchen und augenblicklich hierher zu führen . Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurück - mit verstörter Miene . » Die Netti liegt in ihrem Zimmer ... sie ist ... sie hat ... sie ist ... « » Kannst Du nicht sprechen ? « donnerte ihn mein Vater an . » Was ist sie - ? « » - Schon - ganz schwarz . « Ein Schrei kam aus unser Aller Munder : Und so war es denn da - das grause Gespenst - in unserem Hause selber ... » Was nun thun ? Konnte man das unglückliche Mädchen hilflos sterben lassen ? Aber , wer sich ihr nahte , holte sich fast sicher den Tod - und nicht nur sich - er gab ihn dann wieder den Anderen weiter . - Ach , so ein Haus , in welches die Seuche eingezogen , das ist , als wäre es von Räubern umzingelt , oder als stände es in Flammen - überall , an allen Ecken und Enden - auf jedem Schritt und Tritt - grinst der Tod . - - » Hole augenblicklich den Arzt , « befahl mein Vater zunächst . » Und ihr , Kinder , beschleunigt eure Abfahrt « ... » Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren , « antwortete der Diener auf meines Vaters Weisung . » Weh ... mir wird übel ! « kam es jetzt von Lilli , welche bis in die Lippen erbleichte und sich an eine Sessellehne anklammerte . Wir sprangen ihr bei : » Was hast Du ? ... Sei nicht thöricht ... das ist die Angst ... « Aber es war nicht die Angst , es war - kein Zweifel : wir mußten die Unglückliche auf ihr Zimmer bringen , wo sie sogleich von heftigen Erbrechungen und den übrigen Symptomen ergriffen wurde - es war an diesem Tage der zweite Cholera-Fall im Schlosse . Entsetzlich war es anzuseher , was die arme Schwester litt . Und kein Doktor da ! Friedrich war der Einzige , der , so gut es ging , das Amt eines Solchen versah . Er ordnete das Nötige an : warme Umschläge , Senfteig auf den Magen und an die Beine - Eisstückchen - Champagner . Nichts half . Diese für leichte Choleraanfälle ausreichenden Mittel , hier konnten sie nicht retten . Wenigstens gaben sie der Kranken und den Umstehenden den Trost , daß etwas geschah . Nachdem die Anfälle nachgelassen , kamen die Krämpfe an die Reihe - ein Zucken und Zerren der ganzen Gestalt , daß die Knochen krachten . Die Unselige wollte jammern : sie konnte nicht , - denn die Stimme versagte ... die Haut wurde bläulich und kalt - der Atem stockte - - Mein Vater rannte händeringend auf und nieder . Einmal stellte ich mich ihm in den Weg : » Das ist der Krieg , Vater ! « sagte ich . » Willst Du den Krieg nicht verfluchen ? « Er schüttelte mich ab und gab keine Antwort . Nach zehn Stunden war Lilli tot . - Netti , das Stubenmädchen war schon früher gestorben - allein auf ihrem Zimmer ; wir Alle waren um Lilli beschäftigt gewesen und von der Dienerschaft hatte sich Niemand in die Nähe der » schon ganz Schwarzen « gewagt ... - - - - - - - - - - - - - - - Mittlerweile war Doktor Bresser angekommen . Die telegraphisch verlangten Medikamente brachte er selber . Ich hätte ihm die Hand küssen mögen , als er unerwartet in unsere Mitte trat , um den alten Freunden seine aufopfernden Dienste zu weihen . Er übernahm sofort den Oberbefehl des Hauses . Die zwei Leichen ließ er in eine entfernte Kammer schaffen , sperrte die Zimmer ab , in welchen die Armen gestorben und unterzog uns Alle einer kräftigen desinfizierenden Prozedur . Ein intensiver Karbolgeruch erfüllte nunmehr alle Räume , und heute noch , wenn mir dieser Geruch entgegenweht , steigen jene Cholera-Schreckenstage vor meinem Geiste auf . Die geplante Flucht mußte ein zweites Mal unterbleiben . Schon stand am Tage nach Lillis Tode der Wagen bereit , welcher Tante Marie , Rosa , Otto und meinen Kleinen fortführen sollte , als der Kutscher - von dem unsichtbaren Würger erfaßt , wieder vom Kutschbock absteigen mußte . » Also will ich euch fahren , « sagte mein Vater , als ihm diese Nachricht gebracht wurde . » Schnell - ist Alles bereit ? « ... Rosa trat vor : » Fahret , « sagte sie - » ich muß bleiben ... ich ... folge der Lilli - - « Und sie sprach wahr . Bei Tagesanbruch wurde auch diese zweite junge Braut in die - Leichenkammer gebracht . Natürlich war in dem Schrecken dieses neuen Unglücksfalles die Abreise der Anderen nicht ausgeführt worden . Mitten in meinem Schmerze meiner tobenden Angst , ergriff mich auch wieder der tiefste Zorn gegen jene Riesenthorheit , welche solches Übel freiwillig heraufbeschwört . Mein Vater war , als sie Rosas Leichnam hinausgetragen , in die Knie gefallen , den Kopf an die Mauer ... Ich trat hin und packte ihn beim Arme : » Vater , « sagte ich - » das ist der Krieg . « Keine Antwort . » Hörst Du , Vater ? - Jetzt oder nie : willst Du jetzt den Krieg verfluchen ? « Er aber raffte sich auf : » Du erinnerst mich daran ... dieses Unglück will mit Soldatenmut getragen werden ... Nicht ich allein ! das ganze Vaterland hat Blut- und Thränenopfer bringen müssen - « » Was hat denn dem Vaterland Dein und Deiner Brüder Leid gefrommt ? Was frommen ihm die verlorenen Schlachten , was diese beiden geknickten Mädchenleben ? - Vater - o thue mir die Liebe : fluche dem Krieg ! Sieh her , « ich zog ihn zum Fenster hin - eben wurde auf einem Karren ein schwarzer Sarg in den Hof gerollt : » sieh her - das ist für unsere Lilli - und morgen ein gleicher für unsere Rosa ... und übermorgen vielleicht ein dritter - und warum , warum ? ! « » Weil Gott es so gewollt , mein Kind - « » Gott - immer Gott ! ... Daß sich doch alle Thorheit , alle Wildheit , alle Gewaltthätigkeit der Menschen stets hinter diesem Schilde birgt : Gottes Wille . « » Lästere nicht , Martha , jetzt läst ' re nicht , da Gottes strafende Hand so sichtbar - « Ein Diener kam hereingerannt : » Ex ' lenz - der Tischler will den Sarg nicht in die Kammer tragen , wo die Komtessen liegen - und Niemand traut sich hinein - « » Auch Du nicht , Feigling ? « » Ich kann nicht allein - « » So werde ich Dir helfen - ich will meine Tochter selber ... « Und er schritt zur Thür . » Zurück ! « schrie er mich an , da ich ihm folgen wollte . » Du darfst nicht mit - Du darfst mir nicht auch noch sterben ... und denke an Dein Kind ! « Was thun ? Ich schwankte ... Das ist das quälendste in solchen Lagen ; nicht einmal zu wissen , wo die Pflicht liegt . Leistet man den Kranken und den Toten die Liebesdienste , zu welchen das Herz drängt , so schleppt man den Keim des Übels wieder weiter und bringt den anderen , den noch verschonten , die Gefahr . Man wollte sich opfern , weiß aber , daß man mit diesem Wagnis auch andere hinzuopfern wagt . Über solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen : mit dem Leben abschließen - nicht nur mit dem eigenen , sondern auch mit demjenigen seiner Teuren ; - annehmen , daß alle zu Grunde gehen - und eins dem anderen , so lange es geht , in den Leidensstunden beistehen . Rücksicht , Vorsicht - das alles muß aufhören : Zusammen ! - an Bord eines untergehenden Schiffes - Rettung gibt es keine - » halten wir uns umfangen , eng , recht eng aneinander - bis zum letzten Augenblick - und : schöne Welt , ade ! « Diese Resignation war über uns alle gekommen ; die Fluchtpläne hatte man aufgegeben ; jeder ging an jedes Kranken und an jedes Toten Lager ; sogar Bresser versuchte nicht mehr , uns dieses Verhalten - das einzig menschliche - zu wehren . Seine Nähe , sein energisches , rastloses Schalten gab uns das einzige Sicherheitsgefühl : wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitän . Ach , diese Cholerawoche in Grumitz ! ... Über zwanzig Jahre sind seither vergangen , aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein , wenn ich daran zurückdenke . Thränen , Wimmern , herzzerreißende Sterbescenen - der Karbolgeruch , das Knochenknarren der Krampfbefallenen , die ekelhaften Symptome , das unaufhörliche Geklingel des Totenglöckleins , die Begräbnisse - nein : Verscharrungen - denn in solchen Fällen gibt es keinerlei Trauerpomp ; - die ganze Lebensordnung aufgegeben : keine Mahlzeiten - die Köchin war gestorben - kein Schlafengehen des Nachts - hier und da ein stehend eingenommener Bissen , und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken . Draußen , wie eine Ironie der gleichgültigen Natur , das herrlichste Sommerwetter , fröhlicher Amselschlag , üppiges Farbenglühen der Blumenbeete ... Im Dorfe ununterbrochenes Sterben - die zurückgebliebenen Preußen alle tot . » Ich bin heute dem Totengräber begegnet , « erzählte Franz der Kammerdiener , » wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof zurückfuhr . Wieder ein paar hinausgeschafft ? habe ich ihn gefragt . Ja , wieder sechs oder sieben ... alle Tag ' so ein halb ' Dutzend , manchmal auch mehr ... es kommt auch vor , daß einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst - aber thut nix - nur ' nein in die Gruben mit die Preußen ! « Am folgenden Tage starb der Unmensch selber und ein anderer mußte sein Amt - zur Zeit das angestrengteste im Ort - übernehmen . Die Post brachte nur trübes ; von überall her Nachrichten über das Wüten der Seuche und Liebesbriefe - ewig unbeantwortet zu bleibende Liebesbriefe - von dem nichts ahnenden Prinzen Heinrich . An Konrad hatte ich , um ihn auf das fürchterliche vorzubereiten , eine Zeile geschickt : » Lilli sehr krank . « Er konnte nicht augenblicklich kommen - der Dienst hielt ihn zurück . Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus gestürzt : » Lilli ? « rief er - » ist es wahr ? « Unterwegs hatte er das Unglück erfahren . Wir bejahten . Er blieb unheimlich still und thränenlos . » Ich habe sie viele Jahre geliebt , « sprach er nur leise vor sich hin . Dann laut : » Wo liegt sie ? - Auf dem Friedhofe ? ... Ich will sie besuchen ... lebt wohl ... sie erwartet mich ... « » Soll ich mitkommen ? « trug ihm jemand an . » Nein , ich gehe lieber allein . « Er ging - und wir sahen ihn nicht wieder . Am Grabe der Braut hat er sich eine Kugel durch den Kopf gejagt . So endete Konrad Graf Althaus , Oberstlieutenant im 4. Husarenregiment , im siebenundzwanzigsten Lebensjahre . Zu einer anderen Zeit hätte die Tragik dieses Vorfalls viel erschütternder gewirkt , aber jetzt : wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar weggerafft - diesen mittelbar . Und in dem Augenblick , als wir von der That erfuhren , war in unserer Mitte ein neues Unglück ausgebrochen , das unsere ganze Herzensangst in Anspruch nahm : Otto - meines armen Vaters angebeteter , einziger Sohn - war von dem Würgeengel gepackt . Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden - unter wechselndem Hoffen und Verzagen - um sieben Uhr abends war alles vorbei . Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschütternden Schrei , daß es das ganze Haus durchdröhnte . Wir hatten Mühe , ihn von dem Toten fortzureißen . Ach , und dieser Schmerzensjammer , der jetzt folgte : heulende , brüllende , röchelnde Laute der Verzweiflung waren es , die der alte Mann stunden-und stundenlang ausstieß ... Sein Sohn , sein Stolz , sein Otto , sein alles ! Auf diese Ausbrüche folgte plötzlich starre , stumme Apathie . Dem Begräbnis seines Lieblings hatte er nicht beiwohnen können . Er lag auf einem Sopha regungslos und - beinahe schien es - bewußtlos . Bresser ordnete an , daß er entkleidet und zu Bett gebracht werde . Nach einer Stunde schien er sich zu beleben . Tante Marie , Friedrich und ich waren an seiner Seite . Er schaute eine Zeit lang mit fragendem Blick herum , dann setzte er sich auf und versuchte zu sprechen . Doch brachte er kein Wort hervor und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem . Da begann es hin zu schütteln und zu werfen , als wäre er von jenen schauerlichen Krämpfen befallen , welche die letzten Symptome der Cholera sind , und doch hatten sich vorher keine der anderen Erscheinungen bei ihm gezeigt . Endlich brachte er ein Wort hervor : » Martha « . Ich fiel kniend an der Bettseite nieder : » Vater , mein teurer , armer Vater ! ... « Er erhob seine Hand über meinem Scheitel : » Dein Wunsch « ... sprach er mühsam - » sei erfüllt ... ich flu- ich verflu- « Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurück . Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ängstliches Fragen Bescheid : Ein Herzkrampf hatte meinen Vater getötet . » Das Fürchterlichste ist , « sagte Tante Marie , nachdem wir ihn begraben , » daß er mit einem Fluch auf den Lippen verschied . « » Laß das gut sein , Tante , « beruhigte ich sie . » Wenn dieser Fluch erst von Aller - Aller Lippen fiele , so wäre das der Menschheit größter Segen . Das war die Cholerawoche von Grumitz ! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn Bewohner des Schlosses dahingerafft : Mein Vater , Lilli , Rosa , Otto , meine Jungfer Netti , die Köchin , der Kutscher und zwei Stalljungen . Im Dorfe starben in derselben Zeit über achtzig Personen . Wenn man das so trocken hersagt , klingt es wie eine beachtenswerte statistische Notiz ; wenn es in einem erzählenden Buche steht - wie ein übertreibendes Phantasiespiel des Autors . Aber es ist weder so trocken wie das Eine , noch so schauerromantisch , wie das Andere , es ist kalte , greifbare , trauerreiche Wirklichkeit . Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden . Wer in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlösser , nachblättern will , könnte daselbst viele ähnliche Fälle von Massenunglück finden . Da ist zum Beispiele - in der Nähe des Städchens Horn - das Schloß Stockern . Von der Familie , die es bewohnte , sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866 , gleichfalls nach Abmarsch der preußischen Einq artierung , vier Mitglieder - der zwanzigjährige Rudolf , dessen Schwestern Emilie und Bertha , Onkel Candid - und außerdem fünf Personen Dienerschaft - der Seuche erlegen . Die jüngste Tochter , Pauline von Engelshofen , blieb verschont . Dieselbe hat sich in der Folge mit einem Baron Suttner vermählt - auch sie erzählt heute noch mit Schaudern von der Cholerawoche in Stockern . Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation über mich gekommen , daß ich stündlich erwartete , der Tod - in dessen Zeichen das Land seit zwei Monaten stand - werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen . Mein Friedrich - mein Rudolf : ich beweinte sie schon im voraus . - Doch , bei alledem , mitten in meinem Harme , hatte ich doch süße Augenblicke . Das war , wenn ich an meines Gatten Brust gelehnt , von ihm liebend umschlungen , mein Leid an seinem treuen Herzen ausweinen durfte . Wie sanft er da - nicht Trost- , aber Worte des Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach , es wurde mir dabei so warm und weit ums eigene Herz ... Nein , die Welt ist nicht so schlecht - mußte ich unwillkürlich denken - die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit : es lebt in ihr das Mitleid und die Liebe ... freilich erst in einzelnen Seelen , nicht als allgültiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand - aber doch vorhanden ; und so wie diese Regungen uns zwei durchglühen , mit ihrer milden Rührung selbst diese Schmerzenszeit versüßend - so wie sie noch in vielen anderen , ja in den meisten Seelen wohnen , so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das allgemeine Verhalten der Menschenfamilie beherrschen : die Zukunft gehört der Güte . - - - - - - - - - - - - - - - Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nähe von Genf . Es war Doktor Bressers Überredungskunst doch gelungen , uns zur Flucht aus der verseuchten Gegend zu bewegen . Anfangs sträubte ich mich dagegen , die Gräber der Meinen so rasch zu verlassen und war überhaupt , wie gesagt , von solcher Todesergebung erfüllt , daß ich ganz apathisch geworden und jeden Fluchtversuch für unnütz hielt ; - aber schließlich mußte Bresser dennoch siegen , als er mir vorhielt , daß es meine Mutterpflicht sei , den kleinen Rudolf so gut wie möglich der Gefahr zu entreißen . Daß wir als Zufluchtsort die Schweiz gewählt , geschah auf Friedrichs Wunsch . Er wollte sich mit den Männern bekannt machen , welche das » Rote Kreuz « ins Leben gerufen und an Ort und Stelle über den Verlauf der stattgehabten Konferenzen , so wie über die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten . Seinen Abschied vom Militärdienst hatte Friedrich eingereicht , und vorläufig , bis zur Erledigung des Gesuches , einen halbjährigen Urlaub erhalten . Ich war nun reich geworden , sehr reich . Der Tod meines Vaters und meiner drei Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des sämtlichen Familienvermögens gesetzt . » Sieh her , « sagte ich zu Friedrich , als mir vom Notar die Besitzdokumente übermittelt wurden . » Was würdest Du dazu sagen , wenn ich den stattgehabten Krieg nun preisen wollte , wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils ? « » Dann wärst Du meine Martha nicht ! Doch - ich verstehe , was Du sagen willst . Der herzlose Egoismus , der sich über materiellen Gewinn zu freuen vermag , welcher aus dem Verderben Anderer sproßt - diese Regung , die der Einzelne , wenn er wirklich niedrig genug ist , sie zu fühlen , doch sorgfältig zu verbergen trachtet - zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien : Tausende sind unter unsäglichem Leid zu Grunde gegangen - aber wir haben dadurch an Territorium , an Macht gewonnen : dem Himmel sei Preis und Dank für den glücklichen Krieg . « Wir lebten sehr still und zurückgezogen in einer kleinen , am Ufer des Sees gelegenen Villa . Ich war von den durchgemachten Ereignissen so gedrückt , daß ich durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte Friedrich respektierte meine Trauer und versuchte gar nicht , das banale Mittel » Zerstreuung « dagegen vorzuschlagen . Ich war es den Grumitzer Gräbern schuldig - das sah mein zartfühlender Gatte wohl ein - ihnen eine Zeit lang in aller Stille nachzuweinen . Die der schönen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten nicht auch noch der Erinnerungsstätte , die sie in meinem trauernden Herzen hatten , ebenso rasch und kalt beraubt werden . Friedrich selber ging oft in die Stadt , um dort den Zweck seines hiesigen Aufenthaltes , das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben . Von den Ergebnissen dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr ; ich führte damals kein Tagebuch , und so ist mir meist wieder entfallen , was mir Friedrich von seinen betreffenden Erfahrungen mitteilte . Nur eines Eindruckes erinnere ich mich deutlich , den mir die ganze Umgebung machte : die Ruhe , die Unbefangenheit , die heitere Geschäftigkeit aller Leute , die ich zufällig sah - als lebte man mitten in friedlichster , gemütlichster Zeit . Fast nirgends ein Echo von dem stattgehabten Krieg , höchstens in anekdotischem Tone , wie wenn derselbe ein interessantes Ereignis mehr abgegeben hätte - weiter nichts - das neben dem übrigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprächsstoff lieferte ; - als hätte das grausige Kanonendonnern auf den böhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres an sich , als eine neue Wagnersche Oper . Das Ding gehörte nunmehr der Geschichte an , hatte einige Landkarten-Umänderungen zur Folge - aber dessen Schauerlichkeit war aus dem Bewußtsein geschwunden - in das der Unbeteiligte vielleicht niemals gedrungen ... vergessen , verschmerzt , verwischt . Ebenso die Zeitungen - ich las zumeist französische Blätter : - alles Interesse auf die für 1867 sich vorbereitende pariser Weltausstellung , auf die Hoffeste in Compiègne , auf litterarische Persönlichkeiten ( es tauchten ein paar neue vielbestrittene Talente auf : Flaubert , Zola ) , auf Theaterereignisse : eine neue Oper von Gounod - eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl. gerichtet . Das kleine pikante Duell , welches die Preußen und Österreicher là-bas en Bohème ausgefochten , das war schon eine etwas verjährte Angelegenheit ... O , was drei Monate zurückliegt oder dreißig Meilen entfernt ist , was nicht im Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt , dort reichen die kurzen Fühlhörnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedächtnisses nicht hin . Gegen Mitte Oktober verließen wir die Schweiz . Wir begaben uns nach Wien zurück , wo die Abwickelung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit erheischte . Nach Erledigung dieser Geschäfte beabsichtigten wir , uns auf längere Zeit in Paris niederzulassen . Friedrich führte im Sinn , der Idee der Friedensliga nach Kräften die Wege zu ebnen , und er war der Ansicht , daß die bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete , einen Kongreß der Friedensfreunde zu veranstalten ; auch hielt er Paris für den geeignetsten Ort , eine internationale Sache wirksam zu vertreten . » Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt , « sagte er , » und zwar habe ich das aus einer im Kriege selber gewonnenen Überzeugung gethan . Für diese Überzeugung nun will ich wirken . Ich trete in den Dienst der Friedensarmee . Freilich noch ein ganz kleines Heer , dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben , als den Rechtsgedanken und die Menschenliebe . Doch Alles , was in der Folge groß geworden , hat klein und unscheinbar begonnen . » Ach , « seufzte ich dagegen , » es ist ein hoffnungsloses Beginnen . Was willst Du - Einzelner - erreichen , gegen jenes mächtige , jahrtausendalte , von Millionen Menschen verteidigte Bollwerk ? « » Erreichen ? Ich ? ... Wahrlich , so unvernünftig bin ich nicht , zu hoffen , daß ich persönlich eine Umgestaltung herbeiführen werde . Ich sagte ja nur , daß ich in die Reihen der Friedensarmee eintreten wolle . Habe ich etwa , als ich beim Kriegsheer stand , gehofft , daß ich das Vaterland retten , daß ich eine Provinz erobern würde ? Nein , der Einzelne kann nur dienen , Mehr noch : er muß dienen . Wer von einer Sache durchglüht ist , der kann nicht anders , als für sie wirken , als für sie sein Leben einsetzen - wenn er auch weiß , wie wenig dieses Leben an und für sich zum Siege beitragen kann . Er dient , weil er muß : nicht nur der Staat - auch die eigene Überzeugung , wenn sie begeistert ist , legt eine Wehrpflicht auf . « » Du hast recht . Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht genügen , dann muß jenes von seinen Verteidigern verlassene , jahrtausendalte Bollwerk auch zusammenfallen . « Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz - dessen Herrin ich nun geworden . Doch ich betrat gar nicht das Schloß . Nur auf dem Friedhof legte ich vier Kränze nieder und fuhr wieder zurück . Nachdem meine wichtigsten Geschäfte geordnet waren , schlug Friedrich eine kleine Reise nach Berlin vor , um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch zu machen . Ich willigte ein . Für die Dauer unserer Abwesenheit übergab ich meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens . Letztere war durch die Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrückt . Ihre ganze Liebe , ihr ganzes Lebensinteresse übertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf . Ich hoffte auch , daß es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde , das Kind eine Zeit lang bei sich zu haben . Am 1. November verließen wir Wien . In Prag unterbrachen wir unsere Reise , um zu übernachten . Tags darauf , statt die Reise nach Berlin fortzusetzen , machten wir eine neue Pilgerfahrt . » Allerseelentag ! « sagte ich , als mein Blick auf das Datum eines mit dem Frühstück in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel . » Allerseelen « - wiederholte Friedrich