deswegen eine hysterische Person genannt . Aber Jeder , wer sich dem Ideale weiht , Held , Heiliger , schöpferischer Künstler , hört diese unsichtbare Stimme , in mehr oder minder vergeistigter Form . Die wunderbare Intuition , der durchdringende Mutterwitz in Beurtheilung praktischer Dinge , der stete Blick für die Realität , den sie stets bewahrte , neben der schwunghaft transcendentalen Begeisterung zeigt in diesem abnormen Wesen unzweifelhaft das , was wir Genialität nennen . « » Sehr schön , « sagte Dondershausen nach einer Pause . » Und doch sagten Sie , Voltaire , der sie so schnöde beschimpft , sei Ihnen noch lieber als Schiller ' s Apotheose ? « » Ja . Es war ein schönes Wort von Gambetta , sein Herz sei groß genug , um Voltaire und die Pucelle zugleich zu beherbergen . In der That , bei all seinen Sünden und Mängeln trug Voltaire selbst viel von jener heiligen Flamme in sich , welche die ritterliche Jungfrau durchzuckte . Das glorreiche , obschon mit Peinlichem gemischte Andenken dieses großen Streiters darf durch kleinliche Benörgelungen nicht getrübt werden . Glauben Sie übrigens nicht , daß ich Schiller herabsetzen will , den ich hoch verehre . Den Geist dieses Sehers beseelte eine ähnliche Lauterkeit , wie den seiner und unserer Madame von Orleans . « » Es liebt die Welt , das Strahlende zu schwärzen Und das Erhabene in den Staub zu ziehn ! Doch fürchte nicht ! Es giebt noch schöne Herzen , Die für das Hohe , Herrliche entglühn . « Citirte der alte Soldat mit Salbung . » Ich kann mir nicht helfen , mein lieber Leonhart , so ' was darf doch nicht realistisch , sondern mit idealer Verklärung behandelt werden . « » So , Sie finden Schiller ' s Geschichtsfälschungen ideal verklärt ? Bedaure . Wir bösen Realisten sind andrer Ansicht . Nicht mit dem Phrasen-Schnickschnack Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude stirbt eine Bekennerin wie Johanna . Sie war wollt Schillern nicht rhetorisch genug , die schaurige Wahrheit , wie sie aus den Flammen noch mit fester Stimme rief : Meine Stimmen waren von Gott , sie haben mich nicht betrogen . Als sie auf dem Scheiterhaufen stand , war ihr letzter Gedanke : O Rouen , ich habe große Angst , daß Du um meinen Tod zu leiden haben wirst ! So blieb sie bis zum letzten Moment ein Wunder selbstloser Aufopferung , getreu dem Beispiel des Gekreuzigten , mit dessen Namen auf den Lippen sie verschied . Ist die Ketzerin aber erst verbrannt , dann besudelt man noch ihre Gebeine , indem man sie später zur Schutzpatronin des pfäffisch-royalistischen Obscurantismus zurechtschneidert ! « » Hm , « machte Dondershausen , » Schani , zahlen ! « Es wurde ihm sehr ungemüthlich in der Nähe dieses Revolutionärs . Jener aber docirte unbeirrt fort : » Nein , die Weltgeschichte ist kein Chaos von Gräuel und Unsinn , wie quietistische Pessimisten , die selbst keinen Finger rühren würden für eine tapfere That , gerne behaupten . Sehen wir nur auf die höheren Stände , auf das Getriebe der sogenannten Politik , den brutalen Kampf ums Dasein auf der schimmernden Oberfläche der Gesellschaft - denn allerdings scheint das Bild für den Wissenden ein trübes . Aber fort und fort offenbart sich der heilige Geist zur Rettung der verschlammten Welt unter den Unscheinbaren und Geringen . Der Unterdrückten Vorrecht ist das Genie - ihr Vorrecht und ihre Rache . « » Empfehle mich . Auf Wiedersehn . « Herr von Dondershausen nahm seinen Hut und machte sich aus dem Staube . Erich von Lämmerschreyer half ihm dienstbeflissen , wie es seine Art , in den Ueberzieher hinein und complimentirte den Herrn Oberst ganz gehorsamst mit vielen Bücklingen bis zur Thür . Er mißbilligte aufs tiefste die thörichte Weltunklugheit , einer so gewichtigen Person verstockt zu wiedersprechen . » Haben Sie das Neuste von Hamerling gelesen , « fragte er , um zu einem neuen Thema abzulenken , » seine Gedichtsammlung Blätter im Winde ? Großartig , nicht ? « » Recht hübsch , « sagte Leonhart trocken . » Du lieber Gott ? Wie kann etwas in Versen heut großartig sein ? Großer Dichter las ich neulich in dem Artikel eines unreifen Epigonen über den Guten . Wer heut nicht in Prosa schreibt , zeigt schon an sich , daß er kein großer Dichter ist . « » Das scheint mir doch etwas einseitig . « » Durchaus nicht . Wie kann man anders als in Prosa die großen Fragen der Zeit realistisch , wahrheitsgemäß behandeln ? Und wer das nicht kann und will , ist überhaupt kein Dichter im höheren Sinn , sondern ein Epigone . « » Aber in Hamerling ' s Epen , wenn sie auch in entlegenen Zeiten spielen , werden doch alle Fragen der Gegenwart berührt . « » Sehn Sie , darin liegt grade der Fehler ! Es giebt nichts Neues unter der Sonne diese Ben Akiba-Phrase ist eine der elendesten , die je verbrochen . Es giebt jede Minute Neues . Die Natur macht kein winziges Blättchen in ihrer unerschöpflichen Fülle dem andern ähnlich - und da sollten Menschen und Dinge sich gleichen ? Ewig gleich sind nur die großen Gesetze der Entwickelung . Wer das Alterthum realistisch zu schildern meint , macht sich für den Geschichtsforscher lächerlich . Wir können uns absolut nicht in den Gedankengang antiker Menschen versetzen . Und wer gar moderne Ideen in antikem Gewande aussprechen will , der thut der Geschichte wie der Dichtung und endlich sich selber , dem modernen Dichtermenschen , Gewalt an . Dostojewski im Raskolnikow , Zola im Germinal - das sind wahre echte Dichter . « Die Beiden verließen das Café Bauer . Es war so schneidend kalt , daß sie unterwegs im Café Kaiserhof einkehrten , um sich durch einen Grog zum Weiterwandern , zu stärken . Leonhart gerieth dabei in so gereizte Stimmung , als er am Nebentisch einige » politische « Journalisten ihr unreifes Tagesgewäsch über die » Wahlen « verzapfen hörte , daß er Lämmerschreyer ' n laut fragte , warum er nicht politischer Journalist geworden sei . Wie könne man ein so schlechtes Metier wie das des Dichters ergreifen , wo man heutzutage ungeheur viel Geist nöthig habe , um überhaupt nur aufzukommen ! Zum politischem Journalisten aber gehöre nur eine gehörige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit , um Schiedsrichter Europas zu werden . Er solle mal hören , wie der Größenwahn der politischen Publicistik aus alles » Belletristische « herabschaue ! In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter . Da sei neulich ein Vetter zu ihm gekommen , der als Offizier in die Armee getreten sei . » Ein Knabe von neunzehn Jahren ! « Da sagte ich zu mir : » Du Junker , der Du nichts bist und weißt , stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal höher , als Ich , der ... « er wollte sagen » der große Dichter « , verschluckte es aber anstandshalber , » Jaja , mein Lieber ! « Die Beiden hatten sich bierselig untergefaßt und schwankten mutterseelenallein durch die bitterkalte Nacht , die durch das bläuliche Licht der elektrischen Laternen auf dem Leipzigerplatz gleichsam noch eisiger angefröstelt wurde . » Darum seien wir uns klar , daß man nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern , aber noch vorsichtiger in der Wahl seines Berufes sein muß . Wir haben das allerschlechteste Theil erwählt . Wie konnten Sie nur so dumm sein , als Dichter geboren zu werden ? « » Ich kann doch aber nichts dafür , « lallte Jener humoristisch . » Und so sind wir ' s doch will mal , daran ist nichts mehr zu ändern . I was , wenn ich nur genug habe , um grade leben zu können und dabei schaffen kann , bin ich scholl ganz zufrieden , « spielte er sich als Diogenes auf . » Na , nun wollen wir uns mal - he , Droschke ! - als schäbiger Geistesproletar ein Nachtfuhrwerk leisten ! Adios , Meister ! « » Ja , wollen Sie etwa gleich vierspännig fahren ? « murmelte Leonhart . III. » Lieber Federigo , komm doch heut Abend in die Weinstube von Huth . Dieser kleine Mensch , der Krastinik , möchte mit uns zusammensein . Er bewundert mich sehr , sagt er . Neulich bei der Ibsenfeier lernt ' ich ihn kennen . Hätt ' st Du doch nur diesen Pipsen gesehn mit seinem Hofrathsgesicht und seinen Ordensketten ! Das will ein Socialist sein , ein Demokrat , haha ! Wenn man mich zum Wirklichen Geheimen Oberregierungsrath erheben wollte , ich stieße den Bettel mit dem Fuße fort . O dieser Pipsen , diese feiste Wildente ! Ich sage Dir , wie die Gespenster sind sie ihm nachgehuscht - K. , der Knochenmann , und dann dieser B. mit der Abrahamsnase und Sch . mit der kalten Bulldoggenschnauze , diese zwei Macher in Ibsen-Schwindel - , als Er mal ' rausgehen mußte . Und dann , als er wiederkam ( sie standen alle , vor der engen Pforte Spalier ) - wie roch der Meister ! « Dein Schmoller . » Unabhängige Gesinnung . Die ist erloschen . Man hat ja die Zunftkritik zu einem Sinnbild der Unanständigkeit erhoben . « Leonhart schimpfte in nervös erregten Fisteltönen auf Krastinik ein . » Halten Sie doch eine Reihe von Recensionen , lobende wie tadelnde , über irgend eilte ungewöhnliche Leistung , die sich nicht mit den üblichen Cliché-Phrasen abspeisen läßt , nebeneinander ! Sie werden schaudern vor dieser abgründigen Unreife . - Sie , Kellner , eine neue Flasche Mosel ! Säure vertreibt Säure . « » Ja wohl , « schrie Schmoller . » Es giebt keine Kritik mehr ! Bestochenes Lob , bestochener Tadel ! Wer bei jeder Recension den Grund kennt , mag vor Ekel keine mehr lesen . Mit der Diogeneslaterne muß man suchen , nur einen Mann von Ehre unter den Schriftstellern und eine Zeitung von nicht allzugroßer Schmutzigkeit zu entdecken . « » Ganz richtig , « fiel Leonhart ein , » vor Allem fehlt überall der weite geschulte Blick , der nicht am Aeußerlichen kleben bleibt , sondern ins Innere der Dinge dringt . Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche , der seichte und nüchterne Formalismus , weht uns allerorts erkältend entgegen - selbst aus den kritischen Ergießungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister . « » Aber was wollen Sie denn ! « warf Krastinik ein . » Ihre neue Richtung hat ja doch theoretisch auf allen Punkten gesiegt , trotz aller Bajazzosprünge der Alten ! Freilich ein Beweis für die Gewalt der Wahrheit . « » Ah pah ! « rief Schmoller . » Werden diese Vers-Erbrechen , diese rhythmischen Diarrhoës nicht immer noch gepriesen und auf der litterarischen Mode-Tafel servirt ? Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch , dies schleichende Gift sentimentaler Lüsternheit den Backfischen , Höheren Töchtern und Salondämchen auf dem Weihnachtstische zu kredenzen ? « » Und doch täuscht dies nicht über die litterarische Vernichtung der ganzen älteren Generation . Schränkt doch eure Polemik ein ! Ignorirt sie doch ! De mortius nil nisi bene . « » Hübsch gesagt , Herr Graf . « Schmoller lachte auf . » Aber diese siegreiche Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige Falstaff-Kompagnie . Was segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus - daß Gott erbarm ! Kraftmeierei , Salonsäuselei , Formdrechselei ! In wie Wenigen lodert das Elementar-Dämonische , der eigentliche Grundtrieb der Poesie - von dem unser Freund Leonhart immer redet . « » Wohl , « sagte dieser ruhig , » aber an glänzender Begabung für alles Technische , an hochgestimmter Auffassung des Schönen , an blendender Stilbehandlung scheint doch kein Mangel . Und was für männliche Charakterköpfe , die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem Vorfechterthum für alles Echte und Gute abzeichnen ! Dafür tausche ich gern das wohlabgetönte abgerundete Künstlerthum der Alten ein ! « » Ah pah ! « warf Schmoller ein . » Mit Deiner warmen Anerkennungs-Manie hast Du so Viele herangezüchtet , die gar keine Realisten sind . Z.B. Albert Wohlheim , diesen hermaphroditisch weichlichen Romantiker mit seiner krankhaft zarten Mimosenhaftigkeit der Charakterskizzirung . Mir ist diese weichliche Schmerzenswollust , diese schwüle nervöse Sinnlichkeit , diese grelle , Effekthascherei zuwider . « » Hm , da steckt doch aber unter aller Koketterie etwas Wahres . Allerdings mehr bildkünstlerischer Formensinn , als eigentliches Dichterthum . Coloristische Makartereien . Doch bleibt er trotzdem ein reifes und in sich geschlossenes Talent . « » Aber kein ursprüngliches . « » Offen gestanden , wenn ich nur ein Urtheil erlauben darf , « meinte Krastinik , » scheint mir Wohlheim doch in seinen Romanen nur ein Lyriker , freilich oft von magischem Stimmungsreiz . Und in seiner form-unsaubern eintönigen Weltschmerz-Lyrik ist er nachahmender Eklektiker . Ueberhaupt ein Epigone . Der gehört noch ganz zu den Alten . « Schmoller begann jetzt furchtbar aus Hans Holbach zu schimpfen , den er einen » vertuschelnden Schönfärber « , halb sentimental halb nüchtern , nannte . Demgegenüber betonte Leonhart Dessen gefällig leichtes Erzählertalent , ungezwungene Stilflüssigkeit , goldklare Durchsichtigkeit der Darstellung , gesunde Fülle des Wirklichkeitssinns , Weltkenntniß ( » ja , sehr praktische Weltkenntniß « schaltete Schmoller ein ) , Thatsächlichkeit der Auffassung ( » ja , kaufmännisch-kluge ! « ) , reisen künstlerischen Geschmack , lyrische Ader , die in feiner Empfindungsmalerei schwelgt . » Bezüglich des reisen Geschmacks , « bemerkte Krastinik , » möchte ich wohl einwenden , daß dieser durch einen organischen Fehler gehemmt wird . Die übersprudelnde Laune seiner realen Weltbetrachtung verlockt ihn , über den Nahmen des Kunstwerks wegzuspringen . Ein neckischer Kobold zupft ihm manchmal am Ohr und der Erzähler überläßt sich seinen Einfällen . « » Darauf beruht grade Holbachs Stärke : auf dem Episodisch Anekdotenhaften . Welche Frische ! Und nirgend wirkt seine weltmännische Gewandtheit parfümirt . So bildet er eine Ergänzung zu Schmoller , einen Uebergang zu dem knorrigen Elementarismus der eigentlichen Realisten : so spielt er eine bedeutsame Vermittlerrolle . « - Als Krastinik gegangen war , fing Schmoller an , diesen kräftig durchzuhecheln . » Diese Dramen-Versuche ! « » Doch nicht ohne Glück . Sein sprühend lebhaftes Naturell befähigt ihn , lebendige wirkungsvolle Scenen aneinanderzureihen . Allerdings versagt bei ihm grade das , was den wahren Dramatiker macht : Straffe Spannung des Conflikts und zielgerechter Aufbau . Handlung macht noch kein Drama . Darüber täuscht er uns nicht weg mit seinen theatralischen Kinkerlitzchen und dem schillernden Kolorit seiner Jamben . « » Und wie vergriff er sich in seinen Stoffen ! Nirgends ein schüchterner Griff ins Realistische ! Oeder Jamben-Epigone . Von eigentlicher Gestaltungskraft und Vertiefung keine Spur . Die psychologische Entwickelung wird stets als etwas schon Vollzogenes gegeben . Fadenscheinige Dürftigkeit der Fabulirung . Alle Vorgänge sprunghaft und unvermittelt . Und dann die vielen Musterweiber und biedern Menschen ! Von denen steckt die Welt ja voll - man merkt ' s nur nicht ! Man kann auch diesen Realisten unbedenklich jeder Salondame empfehlen , um so mehr der ritterliche Sänger dem deutschen Weibe so feinfühlige Complimente sagt . Na , er muß es wissen . « » Gewiß , « gab Leonhart sein abschließendes Urtheil ab . » Seine ideenlose Sinnlichkeit schweift nur ins Theatralische und Bildmäßige aus . Aber er entbehrt nicht einer wirklichen Anschaulichkeit , einer gewissen rauhen Leidenschaftlichkeit . Seine lyrische Formbegabung verleiht auch seiner Prosa einen zarten Schmelz , wo er überall lyrische Momente verschwenderisch ausstreut und einstreut - « » Ja , um mit solchen Ueberflüssigkeiten die allzu langsam rollenden Räder zu schmieren und die Lücken zu stopfen . Dieses lose Bündel mühsam zusammengeschweißter Genrebilder ! Und wird mal ein Ansatz zu aufbauender Komposition sichtbar , so erlahmt er immer wieder . « » Mag sein . Doch neben pikanter Junkerlichkeit begegnen wir hier stets einer unverwüstlichen Natürlichkeit des Ausdrucks . Auch strotzt er voll scharfer Beobachtung und weltmännischer Erfahrung . Und er schreibt meisterlich . « » Ja , darauf legt unsre kümmerliche Zeit ja das Hauptgewicht , « brummte Schmoller . » Ach , das alles sind nur lodderige liebenswürdige Episoden-Dichter . Sie plaudern mit anmuthig ungezwungenem Weltton - das ist alles . « » Ja , aber er kann sehr viel . « » Möglich , aber er will Null . Das sind Alles nur Kunsthandwerker ! Ich sage Dir , Du sollst nicht ewig Leute als Realisten preisen , die keine sind ! « » Ach , nicht davon droht uns Gefahr , sondern ganz wo anders her . Unsere Schulmeister-Aesthetik , die ja stets mit dem Strome schwimmt , fängt an , sich des siegreichen Realismus zu bemächtigen . Nun geht das automatische Einschachteln los , ob dies echter oder das unechter Realismus sei . Es tauchen schon weise Großväter auf , die aus der Weisheit güldner Wolke erhabene Sprüche tönen lassen , um das trockene Studium der Naturwissenschaften als obligatorisch zu empfehlen . Als ob man vom Componisten verlangen möchte , er müsse den Vorlesungen voll Helmholtz über die Schallwellen beiwohnen ! Eine neue Abart der Philister-Pedanterie ! Nächstens wird noch ein realistischer Aesthetiker die Höhere Mathematik für Berechnung der Zufallsmöglichkeiten den Romanschreibern empfehlen ! Daß der Dichter die Bildung seiner Zeit umfassen solle , bestreite ich nicht . Doch dürfte Kenntniß der historischen und litterarhistorischen Entwickelung denn doch dem naturwissenschaftlichen Studium weit vorzuziehen sein . Wer alle Wunder der Physik und Chemie beherrscht , aber von Weltgeschichte und Weltlitteratur nur oberflächliche Kunde erhielt , bleibt ewig ein ungebildeter Mensch - nicht aber umgekehrt . « » Sehr wahr , « brummte Schmoller mit vieler Befriedigung . » Weiß ich etwa ' was ? Wie ? Gar nichts , he ? « Leonhart nickte zustimmend , indem er ein Lächeln unterdrückte . » Und doch bin ich Karl Schmoller . Das Leben muß man kennen , siehst de woll ! « » Natürlich . Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen Hund vom Ofen . Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie Goethe ' s Wahlverwandtschaften fußen auf wissenschaftlicher Grundlage - und mißlingen doch . Hingegen , als Goethe sich die Werther-Krankheit vom Leibe schrieb , da zeigte er uns den richtigen Weg . Man muß seine Dichtung gleichsam mit erleben ; dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres . « » Ja wohl , « fiel Schmoller ein . » Darum verweben alle großen Schriftsteller ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen . So z.B. habe ich ... « » Allerdings , « unterbrach ihn Leonhart , » ist der hohe Lohn der absoluten Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden wühlenden Arbeit zu erringen . Aus diesem Grunde sind all die guten Rathschläge und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter Experimentalmethode in hohem Grade unwissenschaftlich d.h. unwissend über den psychologischen Prozeß der wahren Dichtung , dieses nur dem Dichterdenker erschlossenen Räthsels . - Das echte Poeten-Ingenium beobachtet , fühlt und denkt einfach schärfer , tiefer und schneller , als die Durchschnittsmenschen , seien diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich . Es besitzt tausend unentdeckbare Saugfäden , mit denen es gleichsam naiv-unbewußt und instinktiv alle Bildungselemente in sich saugt . Daher die vielen Momentphotographieen naturalistischer Beobachtung in den Werken großer Dichter , die z.B. den alten Homer zum echten Naturalisten stempeln . « » Jaja , Du docirst heut wieder einen schönen Stiebel zusammen , « gähnte Schmoller , der von der ganzen Auseinandersetzung , bei seiner verblüffenden Stumpfheit allem Theoretischen und Abstrakten gegenüber , kein Wort verstanden hatte . » Kurzum , ein wahrer Dichter ist ein großer Realist . « » Aber nicht jeder große Realist ist ein Dichter , « wendete Leonhart ein . » Ein wahrer Dichter ist auch ein Realist , weil er ein Dichter ist . Aber Realismus ohne Poesie ist gar keine Poesie . Realismus ist kein Zauberwort , das feuilletonistisch-schriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung ummodelt . Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht . Ob man die Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert , ist dabei gleichgültig . Beides soll man lebenswahr schildern - nicht wie Schiller ' s Jungfrau oder Dumas ' Kameliendame . Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie - die Hauptsache ist , daß etwas bedeutend sei . « Er machte sich auf den Heimweg . Irgend Etwas in diesen Bemerkungen mußte wohl auf Schmoller als unbewußt anzüglich gewirkt haben . Wenigstens äußerte er nachher zu Ambrosius Sagusch , den er gleich darauf im » Café Keck « traf , ( wo dieser Sokrates eine Phryne väterlich liebkoste und zur Xanthippe umwandelte , da er sie hinterher nicht » frei hielt « ) - : » Ein ganz begabter kleiner Mensch , dieser Leonhart . Wenigstens als Lyriker ist er ganz bedeutend . Aber sociale Romane will der schreiben ? Lächerlich ! Hat der je ein Berlinisches Lokal-Sittenbild geschrieben , wie ich schon mit zwanzig Jahren ? Und das ist doch das einzig Wahre ! « Als der Andere nicht recht mit der Sprache herauswollte , fuhr er verdrossen fort : » Dieser Mensch ! War der Stammgast je in einer Droschkenkutscher-Destille wie das Kind im Hause ? Das ist mein größter Stolz . Noch nicht ins Leben hineingespuckt hat er ! Immer die Taschen voll Geld gehabt ! Nein , der vermag nicht das Leben zu erfassen . Das ist meine ehrliche Meinung , an der ich erst wankelmüthig werden werde « ( er meinte , in grammatisches Deutsch übersetzt : » die erst wankend wird « ) , » an dem Tage , wo er gehungert haben wird wie ich . « » So , hast Du schon mal gehungert ? « fragte Sagusch trocken . » Beiläufig leih mir doch mal fünf Mark bis morgen ! « ( Unter morgen verstand der zukunftschauende Prophet des Jüngsten Deutschland natürlich das Jüngste Gericht . ) » Bedaure , bin selbst nicht bei Kasse ! « lachte Schmoller auf und verzog sich eilig , indem er den Hohngesang anstimmte : » Nenne mich Du ! Nenne mich Du ! « ... » Ein großartiger Kerl , der Schmoller , « dachte Leonhart . » Und wenn er auch ein Schweinehund sein mag , er hat sicher auch gute Seiten . Allerdings bleibt er ewig in seiner beschränkten Sphäre kleben . Ueber all solchen Detailarbeiten thront aber die kosmische Individualität in ihrer umfassenden Bedeutung , in der wie in einem Brennspiegel alle Strahlen des Realismus sich einen . Hocherhaben über neidisches Gekläff wie über die Blindheit unreifer Philister , schreitet die große Dichtkunst der Zukunft , des idealen Realismus und realen Idealismus , ihre dornige nebelverhüllte Bahn hinauf zum Gipfel des Berges . Haltet den Mund und arbeitet ! Das möge sich Jeder zurufen der sich berufen fühlt zum großen Werk der Erneuerung . « Er dachte dies mehr unbewußt . Ader hätte ihn Jemand gefragt , wen er sich unter der kosmischen Individualität vorstelle , so wäre er entweder die Antwort schuldig geblieben oder hätte sein Erhabenheitsgefühl zu der unerschrockenen Offenheit gesteigert : Mich selbst . Allein , ein dunkles Gefühl seines Größenwahns drängte sich ihm dennoch auf und er erwog mit ruhigem Stolz , ob er an wirklicher Größe oder an Größenwahn kranke , ob er seine unleugbar hohe Bedeutung am Ende nicht doch überschätze . Konnte er nicht bloß der Marlowe eines Shakespeare sein ? Wozu theoretisirte er noch so viel ? Das sollte das Genie doch nicht thun . Vielleicht weilte der wahre große Dichter der Zeit noch unbekannt in unsrer Mitte , und wandelte schweigend in den Werkstätten umher , auf daß des Dichters Wort erfüllet werde : » Der König Karl am Steuer saß , der hat kein Wort gesprochen , Er lenkt das Schiff mit festem Maß , bis sich der Sturm gebrochen . « Allein in solchen Erwägungen tröstete den jungen Dichter immer wieder sein Schicksalsglaube , der durch Geschichtsbetrachtung und eigene Lebensschicksale in ihm eingewurzelt und gereift war . Was sein soll , soll sein ; man wird ja sehn . Wer groß ist , wird nicht klein , ob auch alle Welt ihn klein machen möchte . Wer klein ist , wird nicht groß , ob er auch aller Welt seine Größe aufschwätzt . Nicht der Erfolg , sondern das Urtheil der Nachwelt entscheidet . Außerdem - im Grunde wird doch Jedem , was ihm gebührt . Ausnahmen bestätigen die Regel . Man denkt wohl : Wieviel Cromwells als Landbebauer , wieviel Shakespeares als Dorffiedler , wieviel Moltkes als zur Disposition gestellte Majore , wieviel Rafaels als Zeichenlehrer enden - aber hat man je dafür einen strikten Beweis erbracht ? Wie ließe sich das beweisen ? - Die Wahrscheinlichkeitsberechnung ergiebt freilich , daß meist nur das Mittelmäßige und das sehr Gute in der Welt leicht Erfolg haben kann , das Gute viel schwerer . Jedoch , auch dagegen ließe sich viel einwenden . - Ist ein sogenanntes » Genie « liederlich und faul und kommt daher nicht zur Entwickelung , so ist es auch kein wahres Genie . Ein faules Genie ist in sich ein Unding . Und die äußeren Hindernisse ? So manche Erfahrung lehrt ( man sah es noch zuletzt an Bismarck und an Richard Wagner ) , daß eine höhere Führung , woher auch immer sie stamme , die Erkorenen aus Drangsal , Noth und Niedrigkeit siegreich zu den Höhen der Macht und des Ruhmes emporführt . Es giebt ein Schicksal . Ihm soll man sich demüthig anvertrauen , es wirds wohl machen . » Betet und schüttet frisch Pulver auf die Pfanne , « » dem Tapfern hilft das Glück « - diese Sätze sind nicht nüchtern und skeptisch aufzufassen . Die » Virtus « ( nannten die Alten doch » Tugend « und » Muth « so richtig mit dem gleichen Namen ) und die » Fortuna « bedingen einander innerlich . Gott läßt den Braven nicht sinken . Schlummert unter den Lumpen eines Bettlers , eines Derwisch , ein geborenes Herrschergenie - so wird Allah dies zum Padischah machen , auf die ein oder die andere Art. Jeder erreicht seine volle Bestimmung , ob so oder so . Wozu also der eitle Größenwahn ! Größe ist Größe und bedarf keines anderen Freundes und keiner Ermunterung - denn das Schicksal steht ihm zur Seite . » Ich habe so viel von Ihnen gehört und will mich min an die Lectüre Ihrer Werke machen , damit ich ein ehrliches unabhängiges Urtheil gewinne ! « hob Krastinik plötzlich an . Beide kamen an einem Tingeltangel-Keller vorbei . Aus der Tiefe tönte der Refrain des schönen Blödsinn-Hymnus : » Constantin - Constantin - Constantino - pel « und das nicht minder herrliche Lied : » Mach ' mir nur keine Wippchen vor , Wippchen vor - ! « Leonhart lachte leise . Es war ein stoßweises häßliches » Hähä ! « , in dem man den ganzen Stachel einer verbitterten Seele spürte , die einst unter den Stacheln der Welt geblutet . Oft lag in seinen leichten höflichen Worten ein ätzender Hohn , der gleichsam spielend traf . » Mach ' mir nur keine Wippchen vor ! « summte er halblaut vor sich hin . Krastinik verstand . » Sie mißtrauischer Mensch Sie ! Ich wiederhole Ihnen , ich will mir doch selbst ein Urtheil bilden . Welches Ihrer Werke empfehlen . Sie mir zur ersten Lectüre ? « » Alle ! « erwiderte Jener lakonisch . » Alle ? Das ist etwas viel . « » Bedaure . Meine Werke bilden in sich ein System , ein zusammenhängendes Gebäude . Lassen Sie eins aus , haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter . « Krastinik schwieg einen Augenblick . » Bien , werde Ihren Rath befolgen . - Nun sagen Sie mir aber mal offen : Was halten Sie von der litterarischen Gesellschaft Berlins ? « Leonhart antwortete nicht . » Ah , hier sind wir vor Ihrem Logis , Herr Graf , « sagte er ausweichend . » Gute Nacht . « » Oho , so entkommen Sie mir nicht . Was halten Sie z.B. von Dr. Adolf Kratzenthal ? « » Hm ! « » Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gotthold Ephraim Wurmb ? « » Sie meinen kurzum , von der ganzen Blüthe unsrer Journalistik und Geschäftsfabrikantenlitteratur ? « Leonhart drückte dem Grafen die Hand zum Abschied und entfernte sich eilig mit großen Schritten , nachdem er das eine bedeutungsvolle Wörtchen geflüstert : » Dreck ! « » Hochverehrter Meister , Gestatten Sie , daß ich Sie so anrede ! Ich bin noch ganz außer mir ! Gestern Abend habe ich die Lectüre Ihrer sämmtlichen Werke geschlossen und bin noch weg und paff davon ! Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben , bis ich Alles verdaut hatte . Ja , alles ! Sofort , am andern Morgen nach unserm Gespräch , machte ich mich zum nächsten Sortimenter auf ( nicht zur Leihbibliothek ) und kaufte ( - wird man mir als dem letzten bücherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsäule setzen ? - ) Ihre Bücher en bloc . Ueber Schwächen und Mängel im Einzelnen läßt sich ja rechten . Der Gesammteindruck aber ist der : An Größe der Anschauung , an allgemeiner Productionskraft stehn Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da . Sollte ich denn wirklich der Erste sein , der das entdeckt und der das ausspricht ? Sollte es möglich sein , daß alle Welt mit Blindheit geschlagen ist , das nicht zu sehen , was doch so klar vor Augen liegt ? Wahrlich , ich werde irre an der Welt oder an mir selbst ! Helfen Sie mir , dies Dilemma enträthseln ! Bis dahin aber seien Sie