erhält für eine Quadratrute einen höheren Preis als ihn einst der ganze Morgen gekostet . Der Grundwert ist hier in wenigen Jahren verzehnfacht , vielleicht verhundertfacht . Und was hat der Eigentümer für ein Verdienst um diese beträchtliche Erhöhung seines Kapitals ? Gar keins . Er hat nicht durch Arbeit oder sonst welche Aufwendung den Wert seines Eigentums erhöht ; ohne sein Zuthun ist dies geschehen . Durch wessen Verdienst ? Durch das Verdienst der Gesamtheit - des Staates , der Gemeinde . Nur durch die gemeinsame Unternehmung , durch die Schaffung von Verkehrswegen und Verbesserung der Verkehrsmittel auf gemeinsame Kosten , durch Erhöhung des Kulturzustandes unter allgemeiner Mitwirkung , kommt die Werterhöhung des Grundbesitzes zu stande . Es wäre nun recht und billig , wenn der erhöhte Wert auch von der Gesamtheit in Anspruch genommen würde . Jetzt macht thatsächlich die Gesamtheit in solchen Fällen dem Einzelnen ein Geschenk , das er nicht verdient ; ja sie macht sich sogar noch zum Schuldner des Beschenkten , denn dieser fordert für den erhöhten Wert seines Eigentums einen erhöhten Zins . Die Mieter auf dem im Werte gesteigerten Grundstück müssen dem Eigentümer das hohe Kapital verzinsen , das ihm die Gesamtheit erst geschenkt hat ... « Nachdem er tief Atem geholt , ein Glas Kognak getrunken und sich eine feine Havanna angesteckt , sagte er , sich spöttisch die Glatze reibend : » Mein lieber Herr Kommerzienrat , folglich bist du ein Gauner , wenn du in Isarufergründen spekulierst und das miserable Erdreich draußen an der Auenstraße und am Scheyernplatz aufkaufst , um es eines Tages wieder mit Profit als Bauplatz loszuschlagen oder selbst zu bebauen ! Solchen Unsinn muß man sich in unserer aufgeklärten Zeit bieten lassen . Die Unternehmungslust wird zum Verbrechen gestempelt , die kapitalistische Entwickelung wird gebrandmarkt ! Da muß ich schließlich noch den Konsul Schmerold aus Moralität zum Haus hinauswerfen , wenn er mich zu größerer Rührigkeit in der Ausnützung meiner kapitalistischen Stellung freundnachbarlich antreibt ... Wär ' ich noch um zwanzig Jahre jünger , ich wollte ganz anders ausgreifen . Mit dem Schmerold zusammen würde ich das ganze Isargebiet aufkaufen , ohne erst die Zeitungsschreiber zu fragen . Und was wäre erst mit der Kunst zu machen , die ohnehin auf Privatunternehmungsgeist angewiesen ist : den ganzen Münchener Kunstbetrieb könnte man auf Aktien gründen wie die Vierbrauerei ... Ach was , fort mit diesen blödsinnigen Blättern ! « Er nahm jetzt die Briefe zur Hand . » Schöner Zufall , da ist gleich eine Zuschrift von Schmerold . Was sagt Biswanger dazu ? Schmerold hat Recht , das Kapital der Münchener Lokalbahn-Aktiengesellschaft muß um die vorgeschlagene Summe erhöht werden , nur durch Vermehrung der Mittel kann so gearbeitet werden , wie es für das Unternehmen von Vorteil ist . Brav , Biswanger , du wirst in deinen alten Tagen doch noch ein schneidiger Spekulant . Hätt ' ich mir nicht gedacht . Weiter : Wegen der Isarthalbahn Unterredung mit dem Minister gepflogen ; sehr günstige Stimmung für Privatausführung mit eventuellem Staatszuschuß . Aber keine Zeit zu verlieren , da der Bankier Weiler die größten Anstrengungen macht , eine Gruppe von Finanzleuten für das Projekt zu interessieren , sich an die Spitze zu stellen und alles was mit der baulichen und verkehrsmäßigen Umgestaltung des Isarthals zusammenhängt , an sich zu reißen . Besagter Weiler ist überhaupt in Beobachtung zu nehmen : auch auf dem Gebiete der Bräuerei-Spekulation trägt er sich mit Plänen , welche im Interesse des Münchener Vierexports schleunigst durchkreuzt werden müssen . Nur durchkreuzt ? Dieser Schuft muß endlich am hiesigen Platze vollständig unmöglich gemacht werden . Ich könnte mir ja alle Haare ausraufen , daß ich früher dieser Filzlaus geholfen habe , sich immer tiefer hier einzufressen mit Filialen in allen Spelunkengassen . Wenn ich denke , wie bescheiden der alte Weiler angetreten ist ... die kleine Wechselstube am Dracheneck des Marienplatzes , bei der alten Hauptwache ... Aber an der Offiziers- und Beamtenkundschaft hat er sich frech gemästet ... Ganze Offiziersheiratsgüter hat er verschluckt ... Weiter : Die bayerische Brauindustrie hat zweifellos ihren Höhepunkt erreicht ; es liegt im Interesse der Aktionäre - - « » Verzeihung , Herr Kommerzienrat , ich habe zweimal vergeblich angeklopft ; der Wagen ist vorgefahren , « meldete der Diener . » Ich fahre nicht . Ich habe noch zu viel zu thun . Fragen Sie in einer halben Stunde nach meinen Befehlen . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat . « Dieser für sich : » Ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen gearbeitet . Wenn mich jetzt Leo sähe , wie ich in meinem Element bin ! Das wäre mein Ehrgeiz : sie müßte mich noch in das Gesicht ihres Barons hinein bewundern . Was der alles mit Redensarten zusammenwurstelt - und wo man ihn anfaßt , da hat er nichts , und wo er hingreift , da findet er nichts . Es scheint , Leo hat ihn selber satt . Seit dem Karneval kommt er seltner ins Haus . Ich mein ' fast , er weicht mir aus . Auf dem Faschingsball wollten mich die Esel mit ihm auf ziehen , dann schickten sie mir anonyme Briefe . Jawohl , der Kommerzienrat Raßler wird so dumm sein , auf euere Sticheleien und Angebereien ' reinzufallen ! Daß ihn Leo gern gesehen hat , daß seine Suada ihr Ohr kitzelte , das macht mich noch lange nicht bedenklich . Ich kenne Leo ; ich kenne auch diese Sorte von Süßholzrasplern . Der Rasp , dieser lächerliche Börsianer , und der Parklas , diese hölzerne Zählmaschine , und zum Schluß dieser Drillinger , der alle Vierteljahr einen andern Beruf verfehlte ! Ja , diese eleganten Kurmacher - die sind akkurat wie die Zeitungsschreiber : ihre Hauptstärke ist das große Maul . Damit wollen sie Berge versetzen . Herrgott , beinah ' möcht ' ich einen Witz machen . Aber das Geschäft ruft . Wo bin ich stehen geblieben ? Ah so , da : es liegt im Interesse der Aktionäre , nicht nur die Produktionssteigerung nicht höher zu treiben , sondern auch der Finanziierung auswärtiger Brauereigeschäfte auf dem hiesigen Markte entgegenzuarbeiten . Nach letzter Richtung müssen dem Weiler die Hände gebunden werden . Er will uns mit einer österreichischen Brauerei auf den Buckel steigen und sucht überall nach kapitalkräftigen Dummköpfen , die ihm die Leiter halten sollen . Details nächstens . Übrigens soll er sich tief mit der Diskonto-Gesellschaft eingelassen haben , deren Wirtschaften mit den gewagtesten , ja , zweifellos unerlaubten Mitteln im finanziellen Verkehr einen baldigen Zusammenbruch wahrscheinlich macht . Gott gebe , daß er dabei den Hals bricht . Wie unsinnig hat mich der Kerl damals mit seinen faulen Aktien beschwindelt ! ... Lieber Nachbar Schmerold , du kannst auf mich rechnen ... Jetzt wär ' mir aber eine kleine Erholung doch willkommen ... « Gähnend öffnete er einen anderen Brief . » Aus der Hölle ! Ja , das ist noch eine lustige altmünchnerische Gesellschaft und eine vornehme obendrein . Das verdank ' ich meinem Kunstmäzenatentum , daß die Herren bei feierlichen Veranlassungen mich niemals übersehen . Was ist ' s diesmal ? Eine Einladung zum Frühlings Diner , oder wie sie es nennen : zum Höllenfraß ! Nun ja , da hab ' ich ja gleich meine Erholung - leider nur in Gedanken einstweilen . Hier das Menn in ihrer Geheimsprache : Höllenfraß . Teufelsbrühe . Kleine Drachen mit Nachtschatten-Knollen Hexenlenden mit Zubehör . Pech und Schwefel . Mephistoschweif mit feurigen Kohlen Lasciate ogni Speranza-Pudding . Großmutterkäse . Früh-Obst aus Sodom und Gomorrah . Gesöffe : Satansblut M. 2. - Grüneberger Auslese M. 2. - Fünfmalhundertausend Teufel-Wein M. 5. - Ditto M. 10.50 . Das verspricht einen höllisch fidelen Abend . Schade , daß man keine Satansweiber einführen darf . Da würde mein Leo Augen machen , wenn ich sie mit mir in diese Unterwelt schleppte ... Aber so gut geht mir ' s auf keinen Fall mehr in diesem Leben - Leo ' s Sinn ist nicht mehr umzustimmen ; alles Gesellschaftliche ist ihr verhaßt . Wie einsiedlerisch hat sie mich gemacht ! Oft kenn ' ich mich selbst nicht mehr ... Das lustige Vereinsleben in meiner Jugend ... « Er saß einen Augenblick nachdenklich und seufzte . Der rot und schwarz gedrückte , mit allerlei Teufeleien zeichnerisch verschnörkelte Höllenspeisezettel zitterte in seiner Hand . » Und nun rasch den Rest der Korrespondenz erledigt , damit ich endlich an die Luft komme , « fuhr er ärgerlich auf ... » Eine umfangreiche Denkschrift über die Bebauung der Isarufer , Ausbau der Quaistraße vom Lehel bis zu den Isarauen u.s.w. von einem gewissen Joseph Zwerger , begutachtet vom Architekten-und Ingenieurverein . Das soll ich doch nicht lesen ? Nein , lieber Schmerold , das hättest du behalten können . Und was sagt mein Biswanger dazu ? Verfrüht , kann erst in Erwägung gezogen werden , wenn der geschäftliche Teil erledigt ist ; überdies scheinen Zwergers Pläne für Münchener Verhältnisse viel zu großartig und zu spezifisch künstlerisch . Wir müssen erst Praktiker von bewährtem Rufe hören , bevor wir mit Künstlern und Theoretikern ohne Namen uns einlassen . Ich begreife den Schmerold nicht , daß er mir so etwas schickt ... Wir wollen doch nicht bauen , um den Künstlern einen Spaß zu machen ? Was architektonische Phantasieen losten , das zeigt uns das Beispiel des Königs . Das kleine Stückchen Quaistraße , das wir jetzt haben , ist doch wahrhaftig nicht übel . Wenn wir so fort bauen , wird die neue Isarstadt schön genug und wir kommen auf unsere Rente ... « Ein anderes Schreiben überfliegend : » Hab ' ich ' s nicht gesagt , die Zeitungsschreiberei ist nur Wasser auf die Mühle der Sozialdemokraten ? Jetzt marschiert das Lehel bereits gegen die Quaistraße an und verlangt Paläste für die Arbeiter ! Dieses Schriftstück sollte ich eigentlich dem Xaver Schwarz , dem ewigen Vorstande des Hausbesitzervereins , vorlegen , der während der Gemeinde-und Landtagswahlzeit nicht müde geworden ist , als frommer Ultramontaner ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen , und den Noten um den Bart zu gehen . Jetzt sitzt er in der Kammer und im Reichstag und dünkt sich wunder was . Schwarz heißt er und schwarz ist er wie ein Schlotfeger - und er segt und scharrt auch fleißig , für seinen Sack wenigstens . Warum wenden sich die roten Lehelbrüder nicht an dieses Volksvertretungsmuster ? Was wollen sie von mir , der ich weder Stadtvater noch Land- und Reichsbote bin , sondern einfacher Geschäftsmann ? Meinen diese roten Lehelbrüder , in meinen Geschaftsbüchern hätte ich eine Rubrik für ihre Wünsche und Hirngespinnste ? Warum belästigen sie mich , da ich niemals etwas mit ihnen zu schaffen hatte ? Und dieses Zeug soll ich lesen ? « Er wog den dicken Brief , aus dem er flüchtig einige Stichproben gelesen , in der Hand . » Wie unverschämt diese Leute gleich ins Zeug gehen ! Unser Volksverein hat vernommen , daß nächstens der Ausbau der Quaistraße , d.h. die vollständige Umgestaltung und Neubebauung des linken Isarufers in München , in großem Stile durchgeführt werden soll ; das halbe Lehel , die Ländstraße , die Wasser-und Auenstraße werden diesem Plane zum Opfer fallen . Hunderte von armen Familien , die seit undenklichen Zeiten still und zufrieden da gewohnt , werden von den , Isarufern vertrieben oder in ungesunde Kellerwohnungen oder in entlegenere Pesthöhlen des Proletariats gedrängt werden . Der Grund und Boden , an den uns so viele Familienerinnerungen knüpfen , der uns gewissermaßen heilig ist , wird uns von der Bauspekulation entrissen , um ihn mit glänzenden Straßen , mit Villen und Zinspalästen zu bedecken . Uns einen Ersatz dafür zu bieten durch die Anlage von gesunden und billigen Arbeiterwohnungen in nicht zu großer Entfernung von dem Weichbilde der Stadt und dem uns liebgewordenen Flusse , daran scheint keiner der Herren Spekulanten , die doch auch unsere Mitbürger sind , zu denken . Dabei wäre ja wenig oder nichts zu verdienen ! Das Gesindel mag zusehen , wo es in Zukunft Obdach findet ! Es kann ja in irgend einer Arbeiterkaserne Unterschlupf suchen ! Luxuriöse Herrschaftswohnungen herzustellen , das verspricht diesen Herren vom Raubbauwesen ein besseres Geschäft , als das Erbauen von zweckmäßigen Wohnungen für Arbeiter , kleine Beamte und andere Angehörige unserer Weißen Kultursklaverei . Was brauchen diese armen Schlucker überhaupt zu wohnen und Familienwohnungsbedürfnisse zu entwickeln ? Es ist auch weit sicherer und angenehmer , eine Wohnung um 1200 Mark zu vermieten an eine sogenannte seine Partei , als drei Wohnungen zu 400 Mark an Leute , die es trotz aller Anstrengung nicht weiter bringen , als von der Hand in den Mund zu leben . Dies ist der Standpunkt des Münchener Hausbesitzervereins , der natürlich nicht müde werden wird , die Bebauung der Isarufer so zu beeinflussen , wie es in seinen Interessenkram paßt . Die Vertreter von Gemeinde und Staat kümmern sich ja nicht um die soziale Seite der Bausachen . Daß bei dieser Wohnungsfrage hohe sittliche Güter des Volkes auf dem Spiele stehen , kommt keinem dieser Herren in den Sinn . Die Macht des Kapitals rechnet nicht mit sittlichen Werten . Trotzdem wagen wir ' s unsere Stimme zu erheben ... Wagt es immerhin , ihr Krakehler vom Volksverein im Lehel ... Was geht denn mich diese ganze Geschichte an ? Sehe ich denn aus wie einer , der die Rolle eines Wortführers für die sozialdemokratischen Wühlhuber spielen und ihre umstürzlerischen Bestrebungen bei der Münchener Finanzwelt vertreten möchte ? Oder soll ich Baugesellschaften für Arbeiterpaläste gründen , wo sich die armen Teufel einnisten und ihren Mietzins schuldig bleiben können ? Es ist unglaublich , was sich diese Leute für freche Abgeschmacktheiten in den Kopf setzen . Sind das Zustände : auf der einen Seite wird man von den Künstlern und Architekten mit der Forderung belästigt , möglichst großartig und kostspielig zu bauen und die Millionen nur so auszustreuen , auf der andern Seite wird man von den roten Arbeitern ermahnt , in erster Linie auf ihre Bequemlichkeit zu denken ... ! Da soll man nicht wild werden . « Eben wollte Raßler dem Diener klingeln , als dieser schon hereinkam und meldete , daß ein Herr Pfaffenzeller den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wünsche . » Nichts da , jetzt wird ausgefahren . Pfaffenzeller ? Den kenn ' ich gar nicht . Er soll in die Fabrik kommen , wenn er Geschäftliches vorzutragen hat . « » Der Mann kommt von der Fabrik . Er bittet dringend . Er will sich nicht abweisen lassen . « » Er will nicht ? Den Menschen möcht ' ich mir doch ansehen , der nicht will , wenn ich will . Ich bin nicht da , verstanden ? « » Doch , Sie sind da , Herr Kommerzienrat , « sprach mit wohlklingender Stimme ein junger Mann , dessen intelligentes Gesicht schmerzliche Entschlossenheit ausdrückte . Sein Anzug wie sein Auftreten verrieten den gebildeten , selbstbewußten Arbeiter . » Ich muß Sie sprechen , denn mir ist Unrecht geschehen . « » Hier ist kein Gerichtshof ! « » Verzeihung , Herr Kommerzienrat , in meinem Falle doch . Mein Name ist Pfaffenzeller . Auf die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger habe ich vor kurzem Stellung in Ihrer Fabrik gefunden - und heute Vormittag hat mich Ihr Verwalter Nordhäuser kurzer Hand entlassen , ohne daß ich mir etwas im Geschäft hätte zu Schulden kommen lassen . « » So ? Davon weiß ich nichts . Es geht mich auch eigentlich nichts an . Aber wenn Sie von Drillinger empfohlen worden sind , so kann ich einmal eine Ausnahme machen und Ihre Geschichte anhören . Erzählen Sie ! « Während sich der Kommerzienrat in seinem Amerikaner wiegte , erzählte der junge Mann : » Infolge eines Antrittes mit dem Direktor des Kohlenwerks in Penzberg und weil ich dort schon lange gern weggegangen wäre , kündigte ich und ging nach München . Hier hatte ich das Glück , durch die Empfehlung des Herrn Baron v. Drillinger einen passenden Posten in Ihrem Geschäfte zu finden . Am ersten dieses Monats trat ich ein , Bezahlung und Arbeit gefiel mir , nur mußte ich eine Erklärung unterschreiben , von der mir vorher nichts gesagt worden war , nach welcher ich bis zur weiteren Regelung des Verhältnisses sofort entlassen werden konnte ... Ich habe die Handelsschule und das Polytechnikum besucht , Herr Kommerzienrat ... « » Das geht mich nichts an , bleiben Sie bei der Sache ! Der Arbeiter ist für mich nur Arbeiter , so lange er mein Brot ißt , und nicht Privatmann , studiert oder unstudiert . « » Wie es Ihnen beliebt , Herr Kommerzienrat . Also ich unterschrieb die Erklärung , weil ich sah , daß andere Neueintretende sie gleichfalls unterschreiben mußten . Heute Vormittag nun kam Ihr Herr Verwalter auf mich zu und zeigte mir an , daß ich sofort entlassen sei . Als ich ihn um den Grund fragte , wollte er mit der Sprache nicht herausrücken , zuckte mit den Achseln und sagte endlich , weil ich Handschuhe bei der Arbeit angehabt hätte . Als ich ihm bemerkte , daß dieses der wahre Grund nicht sein könne , wurde er hochfahrend und äußerte , mehr könne und wolle er nicht sagen , ich sei entlassen und damit wäre die Sache abgethan . « Der Kommerzienrat : » Wie , war denn das mit den Handschuhen ? « » Mit dem Handschuhanhaben verhält sich ' s so : Ich arbeitete im Gußwarenmagazin selber mit , um alles genau kennen zu lernen . Das hätte ich ja nicht nötig gehabt , aber ich bin der Meinung , daß man überall mit handanlegen und so viel als möglich alles praktisch lernen müsse zur Ergänzung der theoretischen Studien ... « Raßler fuhr in seinem Stuhle herum und betrachtete den Kopf des Sprechers . Das Benehmen des jungen Mannes überraschte ihn , es lag etwas im Klang und Tonfall seiner Stimme , was ihm sogar imponierte . Die Stimme hatte metallischen Klang und zugleich etwas Kommandomäßiges , Herrisches , ohne Überhebung ; der Kopf hatte scharfes Relief , wie aus Eisen gegossen . Unbeirrt durch den prüfenden Blick Raßlers fuhr Pfaffenzeller fort - so ruhig und bestimmt , als verfechte , er die Sache eines Dritten : » Ich habe bemerkt , daß auch die anderen Leute mit schwieligen Händen bei ihren Arbeiten im Gußwarenmagazin sich der Putzwolle oder gewöhnlicher Lumpen bedientest , um ihre Haut zu schützen . Da meine Hände doch noch etwas mehr empfindlich sind , weil ich jahrelang vorwiegend in Büreaus thätig gewesen , und ich mit Lumpen nicht ordentlich zugreifen konnte , so zog ich ein Paar alte Handschuhe an . Das war ' s. « » Und Sie glauben nicht , wenn Ihnen Nordhäuser sagte , der Handschuhe wegen hätte man Sie entlassen ? Warum glauben Sie nicht ? « » Weil der Grund ein kleinlicher wäre , ein so kleinlicher , daß ein richtiger Geschäftsmann sich schämen müßte , ihn ihm Ernste vorzubringen . Meine Vermutung , was der wirkliche Grund meiner Entlassung sei , wurde bald bestätigt . Ein Kollege teilte mir heute Mittag mit , Herr Nordhäuser habe schon vor einigen Tagen die Bemerkung fallen lassen , ich wäre vom Polizeikommissär und noch von anderer Seite - sehr wahrscheinlich vom Direktor in Penzberg - als Sozialdemokrat bezeichnet worden und in der Arbeiterliste auf der Polizei stände schon längst hinter meinem Namen das böse Zeichen SD , womit ich der besonderen Ausspionierung angelegentlichst empfohlen sei . « » Und das sagen Sie so ruhig , junger Mann ? « » Gewiß , denn es ist eine elende Verleumdung . Wäre ich je Anhänger der heutigen Sozialdemokratie gewesen , meine Beobachtungen hätten mich davon geheilt . « » Also verkehrten Sie mit Sozialdemokraten ? « » Ich habe über die Sozialdemokraten und ihre Lehren die maßgebenden Schriften gelesen und zur Ergänzung meiner Studien habe ich an einigen sozialdemokratischen Versammlungen teilgenommen als stiller Beobachter . Neulich im Lehel in der Sankt Annabrauerei , wo sie über die Arbeiterwohnungsfrage debattierten , bin ich zum letztenmal dabei gewesen ; man hat mich als verdächtiges Subjekt gemustert und beinahe hinausgeworfen . Ich bin von selbst gegangen . Die Leute konnten mir nichts mehr neues bieten . Es ist wie der Hund , der , wenn ihn die Flöhe beißen , nach seinem Schwanz schnappt und wie toll im Kreise herumfährt ; der Grund dieser Bewegung ist einleuchtend , aber bei der Art der Bewegung kommt nichts heraus . Die Flöhe beißen- sich nur um so tiefer ins Fleisch . Ich bitte um Entschuldigung , Herr Kommerzienrat , wegen des drastischen Vergleichs . « » So , so , bei den Sozialdemokraten im Lehel haben Sie Ihre Abende zugebracht ... « » Verzeihung , nur wenige Abende und bloß studierenswegen . « » Das ist gleich . Die Thatsache genügt , daß man Schlimmes von Ihnen denkt . « » Mir genügt sie auch , jedoch in einem andern Sinne . Traurig genug , daß man sich bei den herrschenden Klassen in besseren Geruch bringen kann , wenn man die Abende , statt sie mit sozialen Studien und Beobachtungen auszufüllen , in den Kneipen totschlägt oder mit Vereinssimpeleien und lüderlichen Frauenzimmern verbringt . Das gilt nicht für staatsgefährlich , denn es ist in den besten Kreisen Sitte . Hätte ich Geld dazu , wurde ich am Abend die besseren Abführungen im Theater besuchen und gute Vorträge hören . Allein das Gute ist zugleich das Teuere und das Teuere können sich nur die wohlhabenden Leute leisten . Ich bin leider noch nicht wohlhabend . « » Nein , Sie sind jetzt der freie Mann mit dem leeren Portemonnaie und dem Kopf voll sozialdemokratischer Studien und ihre Stellung ist futsch . « » Sehr gütig , Herr Kommerzienrat . Zunächst liegt mir nicht an der Stellung , sondern den wahren Grund zu erfahren , warum ich sie verloren habe . Daß ein fleißiger Mensch davongejagt werden kann wie ein Hund , ist schon stark genug von einer Geschäftsverwaltung , die sich selbst respektiert , daß man aber auch noch mit Lügen , Verleumdungen und Ausreden davongejagt wird , ist beleidigend . « » Was wollen Sie also , kurzgesagt ? « » Ich will , daß Sie Ihren Verwalter Nordhäuser veranlassen , den wahren Grund und die Quelle zu nennen ... « » Dazu kann in meinem Geschäfte niemand gezwungen werden . « » Gut . Der Herr Kommerzienrat ist also als Chef gegen seine eigene Beamtenmaschinerie machtlos oder hat nicht einmal den Willen zur Macht , was auf das Gleiche hinausläuft . Ich bedauere , meine Zeit mißbraucht zu haben . « » Was haben Sie vor ? « » Ich werde nun den Baron v. Drillinger aufsuchen und ihm die Sache vortragen , vielleicht kann er für mich erreichen , was Sie ablehnen , vielleicht mir auch zur Wiedererlangung einer Stellung behilflich sein . Vorläufig druckt mich keine Not als das mir widerfahrene Unrecht . « » Unrecht ! Unrecht ! « rief Raßler phlegmatisch . » In einem großen Geschäfte mit hunderten von Arbeitern muß auf Disziplin gehalten werden . Das verstehen Sie nicht . « » Im Gegenteil , das verstehe ich sehr wohl . Aber ich gebe nicht zu , daß man sich auf Disziplin hinausredet , wo man ein handgreifliches Unrecht begeht . Die Soldatenschinder kennen ja auch den Kniff . « » Sind Sie mit dem Baron verwandt ? « » Nein . « » Sie kennen ihn schon länger ? « » Ja und nein , je nach dem , was man unter kennen versteht . « » Was halten Sie , von ihm ? « » Was ich von ihm halte ? Das kann wohl für Sie gleichgültig sein , für meine Sache ist es gleichgültig . « » Ihr Urteil interessiert mich . Ich lege sogar Gewicht darauf . « Dein Kommerzienrat kam es jetzt komisch vor , den Baron v. Drillinger in diese Sache , gezogen zu sehen . Aber er fühlte ein seltsames Bedürfnis , gerade die Meinung dieses Mannes über ihn zu hören . » Er ist ein guter Mensch - alles in allem . « » Weiter nichts ? « » Mir genügt er so . « » Mir auch ... Wie sind Sie mit ihm bekannt geworden ? « » Ein Verwandter von nur , der Architekt und frühere Genie-Offizier Joseph Zwerger , zur Zeit in Italien , ist als Studiengenosse mit dem Baron altbefreundet , daher datieren unsere Beziehungen . Ich bin in Franken geboren , ein Maingrüuder aus der Würzburger Gegend ... « » Architekt Zwerger , so so , das interessiert mich . Und aus der Würzburger Gegend - na , das macht der Liebe kein Kind . Von dort stammt die Familie meiner zweiten Frau her . Bitte , wollen Sie nicht ein wenig Platz nehmen , Herr Pfaffenzeller , Sie sind so lange gestanden , wir können ja noch ... « Sich unterbrechend , gegen den eintretenden Diener gewendet , der mit der Mahngrimasse eines unverschämten Bücklingmachers zur Ausfahrt drängte : » Ich weih schon . Lassen Sie wieder ausspannen ; ich gehe zu Fuß . « » Herr Kommerzienrat , ich habe in der That keinen Grund , Ihnen länger lästig zu fallen . Sie können und wollen mir nicht zu meinem Rechte verhelfen , damit ist meine Angelegenheit an dieser Stelle vorerst erledigt . Das Weitere wird sich finden . Ich habe die Ehre , Herr ... « Diese Klarheit und Entschiedenheit , verbunden mit höflicher Form und Frische des Ausdrucks , berührten den Kommerzienrat immer sympathischer . Das war vielleicht eine Gelegenheit , seinen Verwaltern und Aufsehern einmal zu zeigen , daß er ihnen auch als Menschenkenner überlegen sei ... Der Biswanger steht hoch in den Sechzigern ... Wenn dieser Pfaffenzeller sich an dessen Seite zu seinem einstigen Nachfolger ausbilden ließe ! Der scheint ja ganz das Zeug zu haben , einen solchen wichtigen Vertrauensposten auszufüllen zum Vorteile des Geschäftes . Den Nordhäuser würde es freilich entsetzlich wurmen . Das schadet aber nichts . Nordhäuser kehrt neuerdings immer eine gewisse Überlegenheit heraus , spielt den Unfehlbaren , zieht fremde , besonders preußische Elemente mit Vorliebe ins Geschäft - in München haben ohnehin die alten Münchener bald nichts mehr zu sagen , wo eine einflußreiche Stelle offen ist , wird ein Ausländer untergebracht , alles wird verpreußt , überall werden Nordlichter auf die bayerischen Leuchter gesteckt , das hat ja dem König sein Land und seine Hauptstadt so entfremdet , in den Bergen hat er doch noch echte , treue Bayern um sich - - , jawohl , mein lieber preußischer Nordhäuser , der bayerische Pfaffenzeller wird dir sehr gut bekommen ... » Herr Kommerzienrat , ich muß gestehen ... warum halten Sie mich denn auf ? « Raßler hielt ihn am Ärmel und betrachtete ihn gedankenvoll mit seinen wässerig schimmernden Bulldoggenangen . Jetzt lächelte er ihn an , klopfte ihm auf die Schultern und quakte gemütlich : » Also die Bezahlung und die Arbeit hat Ihnen in meinem Geschäft gefallen ? Wissen Sie was ? Sie gefallen nur auch in meinem Geschäft . Ihre Entlassung scheint mir jetzt selbst eine Unzukömmlichkeit . Auf der einen Seite sind Sie entlassen , dabei bleibt ' s , der Disziplin wegen ; auf der andern Seite stelle ich Sie wieder an , weil ich Sie für einen brauchbaren Menschen halte . So befriedigen wir beide Teile . Sagen Sie mir , wo haben Sie schon gearbeitet ? In Penzberg und wo noch ? « » Nach kürzerem Aufenthalt in Belgien und im Elsaß , wo ich mich noch einmal als Architekt ohne genügende Erfolge erprobte , schlug ich mich in die Schweiz , wo ich zwei Jahre in Genf , zuletzt in der Girardschen Eisengießerei , Rue du Petit-Salève , thätig war . Damit glaubte ich meine Auslandsstudien vorerst abschließen zu können und ich kehrte wieder nach Bayern zurück . « » Sie verstehen fremde Sprachen ? « » Des Französischen bin ich , soweit wir ' s im Geschäft brauchen , vollkommen mächtig , mit dem Englischen bin ich gleichfalls genügend vertraut . « » Sehr gut . Das wird dem alten Biswanger recht sein . « Pfaffenzeller lächelte : » Warum dem alten Biswanger ? « » Das sollen Sie gleich erfahren : Biswanger braucht einen Adlatus sozusagen , und dazu werde ich Sie ernennen , sobald Sie eine gewisse Probezeit in meinem Privatbüreau bestanden haben . « » Ich stelle nur eine Bedingung : meine Sache mit Herrn Nordhäuser muß vorher ins Reine gebracht werden . Ich bin nicht der Mann , der sich zur Thür hinauswerfen und zum Fenster wieder hereinziehen läßt . « » Selbstverständlich , wenn Sie darauf bestehen . Darüber wie über alles übrige werden wir morgen in meinem Büreau einig werden . Jetzt sagen Sie mir nur noch eins : wissen Sie etwas von den Plänen Ihres Vetters Zwerger ? Es sind mir da durch zweite und dritte Hand ein ganzer Stoß Denkschriften , Zeichnungen , Risse , Kostenvoranschläge und so weiter von ihm zugestellt worden . Haben Sie von seinen Absichten oder Unternehmungen schon etwas gehört ? « » Sie meinen seine Pläne zur baulichen Umgestaltung Männchens an der Isar , am Marienplatz und auf der Theresienwiese ? « » An der Isar , bloß an der Isar . Das ist das nächste Projekt , das uns interessiert . « » Gewiß , Herr Kommerzienrat . Seit Jahren beschäftigt ihn eigentlich nichts anderes . Diese Pläne sind sein Lebenswerk sozusagen . Bei seiner großen künstlerischen Begabung fehlt ihm nur die Geduld und Leidenschaftslosigkeit des praktischen Geschäftsmannes , um endlich im rechten Zeitpunkt an den rechten Platz zu kömmen . Seine Isarpläne , so unausführbar großartig sie auch auf den ersten Blick scheinen - ich