kontra Schlome Rosental ? Wenn es aber schon vom hochlöblichen kaiserlich-königlichen Bezirksamt leider angenommen worden ist , daß wir den Bart ausgerissen haben , so erheben wir Gegenklage und zwar ich , Naphtali Ritterstolz wegen eines verletzten Ohrs , und ich , Chaim Fragezeichen , wegen eines blauen Augs . Dann steht ein großer Tintenfleck da . Dann Blaue Augen und hundertunddreizehn Ausrufungszeichen . Dann : Allerliebste Träumerin ! wie sehr bewundere ich dein sanftes , liebevolles Herz . Dann : Wir Endesgefertigten bitten daher um Gerechtigkeit . Das nächste Irrenhaus ist in Lemberg . Es ist die höchste Zeit ! « » Ich hab ' mich verschrieben .... Das kann jedem begegnen . Ich will ' s noch einmal machen . « » Sehr gnädig ! Verschrieben - haha ! Seit zwei Wochen tust du nichts als dich verschreiben . Allerliebste Träumerin ! und dreihundertzweiundvierzig Ausrufungszeichen . Ich sag ' dir , das kann nur einem begegnen , der ... Aber ich sprech ' s nicht aus , ich schäm ' mich ! - Du bist doch auch ein Jude . Das kommt von den deutschen Büchern ! « » Davon kommt es wirklich . Es ist ein Zitat aus einem Stück , das ich eben lese , aus Schillers Räubern . « » Hahaha ! Das soll eine Entschuldigung sein . Wie kommt eins zum anderen ? Sind Chaim Fragezeichen und Naphtali Ritterstolz Räuber ? Arme Melamdim ( Lehrer ) sind sie , denen durch die Verdrehungen dieses Luiser blutiges Unrecht geschieht . Ich aber sag ' dir , du allerliebster Träumer , die Sach ' ist anders , und ich kenn ' diese Träumerin . Werd ' nicht rot - oder nein ! werd ' rot , dunkelrot und schäm ' dich und mach ' der Sach ' ein End ' ... « » Ich schwör ' Euch , wir haben bisher immer nur von deutschen Büchern gesprochen . « » Schlimm genug , daß ihr überhaupt so viel gesprochen habt , dafür spricht man über euch zehnmal mehr ! Ich wunder ' mich nur , daß mein Vetter , Reb Jossef , es duldet . Er ist doch sonst ein frommer , braver Mann . Mach ' ein End ' , sag ' ich , oder ich mach ' s. Es ist die höchste Zeit . Entweder das Mädel gefällt dir und du paßt ihrem Vater , dann bitt ' deine Mutter , daß sie durch den Marschallik bei ihm anfragen läßt . Oder du hast nichts Ernstes vor , dann schreib ' mir nicht in meine Eingaben siebenhundertzweiundachtzig Ausrufungszeichen und unsinnige Sachen hinein ! Die höchste Zeit , sag ' ich , die höchste Zeit ! « Und Herr Morgenstern erhob beide Hände zum Himmel und verschwand in der » Prifat-Agentschaft « . Sender aber blieb wie vom Donner betäubt auf seinem Platze und starrte regungslos vor sich hin . Allzu klar waren seine Gedanken und Empfindungen in den beiden letzten Wochen ohnehin nicht gewesen ; jetzt vollends fühlte er sie toll durcheinander wirbeln , als hätte jedes von ihnen seinen eigenen Willen und nur er selbst keinen mehr . So saß er wohl eine halbe Stunde mit weitgeöffneten Augen und sah und hörte nichts , kaum daß er ab und zu auf das Korpus delikti blickte , das Dovidl erzürnt vor ihn hingeworfen . Es stand alles wirklich da : der Tintenfleck , die Worte , die Ausrufungszeichen . Nur ihre Zahl hatte der Winkelschreiber ein wenig übertrieben , es waren nur ihrer drei . Aber Sender seufzte doch jedesmal tief , tief auf , so oft sie ihm in die Augen fielen . Endlich raffte er sich auf . » Aber das ist ja alles Unsinn « , murmelte er und preßte die Hand auf die Stirne . » Unsinn « , wiederholte er halblaut . » Ich hab ' manchmal mit ihr gesprochen - ja , aber solche Sachen ! Die Leut ' reden ? Was können wir dafür ? « Und : » Unsinn , Unsinn ! « rief er nun fast schreiend , als müßte er sich selbst überzeugen , und suchte in rechter Herzensangst alles zusammen , was für diese harmlose Auffassung sprach . Niemals hatten sie von der Liebe gesprochen , nicht einmal in demselben Sinn wie am ersten Abend . Sie unterhielten sich von dem Leben um sie her , von den Büchern , die er kannte , von anderen , die sie ihm empfahl - und immer war sie die überlegene , aber freundlich herablassende Lehrerin gewesen , er der ehrerbietige , wenn auch nicht immer zustimmende Schüler geblieben . Alles wußte sie , alles ! Da neckte ihn Taube einmal mit seinen schüchternen Versuchen , Kaftan und Wangenlöckchen kürzer zu tragen . Aber damit kam sie bei Malke übel an . » Glaubst du , daß das jüdische Tracht ist ? Wir haben sie von den Polen angenommen , als wir hier eingewandert sind . Nun tragen sie eine andere , und uns soll ihre alte heilig sein ? « Man sprach von dem Neujahrsfest , das eben gefeiert wurde . » Alles haben wir anders als die Christen « , meinte er . - » Die Zeitrechnung freilich « , erwiderte sie , » aber die meisten Feste nicht . Ostern und Pfingsten zum Beispiel haben sie von uns übernommen . « Es klang unerhört , fast sündhaft , aber sie wußte es zu begründen . Zuweilen wollte ihm ob solcher Gelehrsamkeit fast bange werden ; er begann Scherze auszukramen , wie sie die Leute sonst gern von ihm hörten , aber da blickte sie ihn groß an , und er verstummte . Oder er fragte nach ihrem Leben daheim und nach ihren Jahren in Czernowitz . Darauf gab sie Bescheid , aber nur ganz kurz . Er verübelte es ihr nicht , es mochte traurig sein , nun wieder in dem öden Nest zu leben - » unter Larven die einzig fühlende Brust « - wie sie einmal zitiert hatte , » aus Schillers Taucher , den müssen Sie lesen ! « - und zudem war ja eine Stiefmutter im Hause . Er selbst enthüllte ihr auch nicht alles . Zwar von Wild erzählte er und von den Büchern , die er gelesen , aber nicht von seinen Plänen . » Taube verrät mich am Ende sonst « , dachte er . Gleichwohl schien es ihm einmal , als ob sie ihn durchschaut hätte . » Es ist merkwürdig « , sagte sie , » daß Sie bisher nur Dramen gelesen haben und mich auch nur nach Dramen fragen . Auch Romane sind schön , und gar Gedichte . « Ihre Augen leuchteten . » Laura am Klavier oder Das Lied an die Freude . Goethes Gedichte sind ja auch hübsch , aber nicht wie diese ! Aber Sie kümmern sich nur um Spiele . Warum ? « Sie blickte ihn lächelnd an . Er errötete . Dann begann sie vom Czernowitzer Theater zu sprechen und welch großer Künstler Nadler sei . » Den kenn ' ich ja « , rief er , » und ein guter Mensch ist er auch ! « Wieder lächelte sie ganz eigentümlich . » Also Sie kennen ihn ? « sagte sie . » Das erklärt mir vieles . « Er war sehr verlegen , sie aber fuhr rasch fort : » Es ist übrigens ein gefährlicher Beruf ! Wie leicht gleitet man da in die Tiefe , wie schwer ist ' s , nach oben zu klimmen ! Es kommt nicht auf das Talent allein an , auch auf den Charakter . Da war im Frühling eine Truppe bei uns , erbärmliche Schmierenkomödianten , aber ein Mädchen war wirklich begabt . Ich habe mich für sie interessiert , schon ihres Talents wegen und dann weil die Leute fanden , sie sähe mir ähnlich . Aber sie war nicht mehr zu retten ! « All der Gespräche erinnerte er sich nun . » Nein , Dovidl , du tust mir unrecht ! « Aber es war ja auch aus anderen Gründen » Unsinn « . Hätte es sonst der Vorsteher geduldet ? Es geschah ja unter seinen Augen . » Und du , Langnasiger « , murmelte er , » weißt nicht , was ich weiß : daß er sie seinem Mosche bestimmt hat . Der Alte würde schön dreingefahren sein , wenn so was zu wittern wäre . « Er streckte den Kopf aus der Ladentür und atmete tief auf . Aber da fuhr er erschreckt zusammen und wurde bleich . Und warum ? Ein Tropfen war ihm auf die Nase gefallen , und als er emporblickte , sah er , daß der Himmel umwölkt war . » Um Gotteswillen , es wird regnen bis zum Abend , wie vorgestern , und ich seh ' sie nicht ! « Und da schoß ihm auch wieder das Blut in die Wangen . » Warum war ich vorgestern so unglücklich , warum bin ich jetzt so erschrocken ? Weil sie mich belehrt ? Das mag ich Dovidl erzählen , aber nicht mir selber . Lüg ' nicht , Sender ! Wenn ' s dir nur um die Belehrung ist , warum klopft dir das Herz zum Zerspringen , sobald es dämmert ? Warum zieht ' s dich wie mit Ketten zu Jossefs Haus ? Warum starrst du ihr immer so ins Gesicht ! Du horchst kaum auf das , was sie spricht , und siehst sie nur immer an und denkst : O wie schön sie ist ! Deine Lehrerin ! Hast du je von dem Furbes geträumt oder jetzt vom Pater Marian ! Und von ihr allnächtlich ! Und du arbeitest ja auch in all der Zeit nichts mehr , und was du machst , ist verkehrt . Du träumst am hellen Tag und denkst ja an nichts , gar nichts mehr als an sie . Du bist verliebt , Sender . Ja , das ist das , was in den Büchern die Liebe heißt , und nichts anderes ! « Er sank auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und schlug die Hände vors Gesicht . Um Himmelswillen , das war ja ein Unglück , er konnte sie ja nicht heiraten , er mußte doch nach Lemberg gehen , sobald die Sache mit dem Mautvertrag der Mutter in Ordnung war . Aber wie sollte er fort ? Er war vorgestern wie ein Narr im Regen auf dem Marktplatz auf und ab gelaufen , ob sie sich nicht doch blicken lasse , und war dann endlich ebenso durchnäßt wie verzweifelt heimgeschlichen , und heute hatte ihn der eine Tropfen entsetzt - er blickte hinaus , nun regnete es wirklich , o Jammer - wie sollte er sie nun gar für immer entbehren ! Sie lassen ? Unmöglich ! Sein Ziel lassen ? Unmöglich ! Aber eins von beiden mußte doch sein . Das war ja ein Unglück , ein wirkliches , wahrhaftiges , großes Unglück ! Erregt sprang er auf und begann im Laden auf und nieder zu gehen . Noch einmal suchte er sich zu verteidigen . » Aber von solchen Sachen war doch wirklich nie - « Nein ! aber weshalb nicht , lieber Sender ? Nur weil du dich nicht getraut hast , davon zu beginnen . Sie ist ja schon bei der geringsten Schmeichelei unwillig geworden ! » Da war das mit den Namen « , murmelte er , » und dann mit dem Haar . « Sie hatte der Annahme christlicher Vornamen das Wort geredet , auch Taube , Jütte , Hirsch , Wolf seien ja deutsche Namen . » Und Sie heißen dann Regina « , meinte er , » Königin bleibt Königin ! « Da wandte sie den Kopf ab und ging bald ins Haus . Sie sprachen von der grausamen chassidischen Sitte , den Mädchen vor der Trauung das Haupthaar abzuschneiden . » Wenn ich daran denke « , rief er grimmig , » daß Ihr herrliches Haar geopfert werden soll ! « - sie lohnte es in gleicher Weise . Er war natürlich nie darüber erfreut gewesen , hatte sich aber getröstet : » Sie fühlt sich eben schon als Mosches Verlobte und hat sich in ihr Schicksal gefunden . « Erst jetzt fiel ' s ihm ein , daß diese Ergebung sie nicht hinderte , im Beisein ihrer künftigen Schwägerin so scharf über derlei ungleiche Ehen herzuziehen und von Mosche als von einem verzogenen Knaben zu sprechen . Hatte es einen anderen Grund ? Etwa dieser Bernhard , den sie so oft zitierte ... ? Unmöglich , er mußte ja weit , weit älter sein als sie , sie hatten sich seit Jahren nicht mehr gesehen . Es war doch wohl nur der Gedanke : » Wenn ich Jossef Grün gefalle , bin ich die Braut seines Sohnes . « Aber es war fast unmöglich , daß er , einer der Frömmsten im Ghetto , eine solche Schwiegertochter wählte . Darum gestattete er wohl auch den Verkehr mit Sender : von Jossef also war kein Einspruch zu befürchten . Und ebensowenig von ihrem Vater , er gab wohl nach , wenn er sah , daß es auch mit Mosche nichts war . Sie selbst aber ? » Wenn sie Mosche gewollt hat « , dachte er , » so wird sie doch auch mich nehmen . « Nur an ihm selbst lag das Hindernis ! - er mußte ja Schauspieler werden . - » Ich muß « , murmelte er . » Ich muß « , wiederholte er lauter . » Schon heut ' abend geh ' ich nicht mehr hin . Das Herz wird mir weh tun , ich kann ihm nicht helfen ... Und jetzt wird wieder gearbeitet . « Er schritt an seinen Platz zurück . » Mit aller Kraft ! « rief er laut und streckte die Arme . » Jesus Maria ! ... O du armer Senderko ! « Er sah sich erschreckt um . An der Tür des Ladens stand Fedko und blickte ihn scheu , aber mitleidsvoll an . » Du , Fedko ? Komm ' näher . « Aber der Alte blieb an der Tür stehen , und als Sender auf ihn zutrat , wich er einen Schritt zurück . » Also du sprichst jetzt schon immer mit dir selbst ? « sagte er bang und musterte ihn scharf . » Ich hab ' dir immer gesagt , Senderko , das nimmt kein gutes Ende .... Läßt du dich deshalb nicht mehr blicken ? « » Nein , Fedko , ich bin noch bei Vernunft . Ich bin seit der Wahl ausgeblieben , weil ich nicht gewußt habe , ob Pater Marian wieder Zeit für mich hat . « » So , so ? « Der Pförtner schüttelte den Kopf . » Und Augen macht er heute auch « , murmelte er , » wie ich sie noch nicht an ihm gesehen habe . Aber was geht das mich an ? Also « , fuhr er laut fort , » der Hochwürdige läßt dir sagen , daß du von heut ' mittag ab wieder in die Bibliothek kommen kannst , obwohl er seit vorgestern nicht mehr daneben wohnt . « » So ? Warum ? « » Weil er kein ganzer Sünder mehr ist , sondern nur noch zur Hälfte , oder zu einem Viertel oder vielleicht gar nicht . Nämlich ein neuer Prior , eine neue Frömmigkeit . Dieser hochwürdige Valerian « - er seufzte tief auf - » stellt alles auf den Kopf . Ein bißchen Trinken ist eine Sünde , aber den Juden Baugründe verkaufen , das darf ein Christ . Die Mönche brauchen zu viel , sagt er , aber bei einer Malerin in Lemberg ein neues Altarbild für die Klosterkirche bestellen , dazu hat er das Geld . Den Pater Ökonom hat er in eine Nonnenzelle gesetzt , weil er ihm nicht glaubt , daß die Försterin , die Frau Putkowska , seine Nichte ist , und sie ist es doch schon seit acht Jahren . Aber der Pater Marian , der einem Juden eine , Kommedia ' lehrt , bekommt ein schönes Zimmer im ersten Stock . Das heißt , das weiß der Prior freilich nicht und soll ' s auch nicht erfahren . Also kommst du heute an die Tartarenpforte ? « » Ja , und ich lasse dem Pater schön danken . « Da fiel sein Blick auf die Eingabe ; die mußte ja sofort geschrieben sein . » Erst morgen , lieber Fedko , da aber gewiß . « » Gewiß ? « fragte der Alte und schüttelte traurig den Kopf . » Was ist in solchen Zeiten gewiß ? Am Ende verlier ' ich auch diesen Slibowitz . Aber wie Gott will . « Sender machte sich an die Arbeit . Vorerst besah er sich noch die verhängnisvolle Stelle . Nun fiel ihm bei , wie der Schaden entstanden . Der mächtige Tintenfleck war zuerst auf den Bogen gekommen . Er hatte gewartet , bis er etwas getrocknet sei , um ihn wegradieren zu können . Dabei waren ihm die Gedanken von Chaim Fragezeichens blauem Auge zum Marktplatz gewandert . Dann hatte er den Bogen umschreiben wollen , aber am nächsten Morgen das Blatt gewendet und den Schluß beigefügt . » Heute soll mir so was nicht passieren « , dachte er . Er faltete einen neuen Foliobogen und begann das Rubrum zu schreiben . » Replik in Sachen « ... Dovidl sollte diesmal zufrieden sein , das Wort » Replik « ein Muster kalligraphischer Kunst werden , wie er es liebte . An dem » R « malte er allein einige Minuten . » Arbeiten « , dachte er dabei . » Und die Sach ' muß ein End ' nehmen . Aber heut ' schon soll ich nicht mehr hingehen ? « Er blickte hinaus , der Regen hatte aufgehört . » Was soll sie denn davon denken ? Sie wird gekränkt sein . Und einmal mehr oder weniger macht doch keinen Unterschied . Und heut ' hat sie mir ja versprochen , das Trauerspiel von Schiller zu erzählen , wo eine Königin die andere köpft . Das liest sie am liebsten , sagt sie , ich glaub ' s. Malke heißt sie , eine Königin ist sie , eine Regina , wie die Christen sagen .... O , wie schön sie ist , o , wie schön ! « Die Tür wurde aufgerissen , Dovidl stürzte herein . » Die Eingab ' - bist du fertig ? Noch nicht ? Ich fahr ' aus der Haut . Was hast du in den zwei Stunden getan ? « Er riß das gefaltete Blatt vom Tische . » Was ! ... Was ? « Seine Augen wurden immer größer . » Regina - hahaha ! Nach Lemberg - morgen , heute , in diesem Augenblick . Eine Zwangsjacke und nach Lemberg ! « Schreckensbleich starrte Sender auf seine neue Missetat . Wahrhaftig , da stand der Name in so schönen lateinischen Buchstaben , wie er sie irgend leisten konnte . » Verzeiht ... « stammelte er , » ich - ich hab ' nur die Feder probieren wollen . « » Probieren ! « lachte Dovidl krampfhaft . » Seit zwei Stunden hat er die Feder probieren wollen und nichts ist ihm dabei eingefallen , als wie Malke auf christlich heißt .... Hahaha ! Aber was lach ' ich noch .... Blutige Tränen sollt ' ich weinen . Das ist die Arbeit für sechs Gulden monatlich ! Du machst mich arm , du reißt mir den Kaftan vom Leibe , die Hosen reißt du mir von den Beinen , die Unterhosen ... « Der erregte Mann hätte sein Elend wohl bis auf die Haut enthüllt , wenn nicht seine Frau in diesem Moment die Tür der » Prifat-Agentschaft « geöffnet und ihm mit den Augen gewinkt hätte . » Wer ist denn da ? « rief er , stürzte aber , als sie ihn bedeutungsvoll anblickte , eilig hinaus . Sender machte sich wieder an die Arbeit . Er nahm seine ganze Kraft zusammen und der Teil , den er bis zur Mittagsstunde fertig brachte , enthielt keine Fehler . Dann lief er eilig zum Essen heim , er wollte raschestens zurück sein , sein Gewissen drückte ihn . Er mußte allein essen . Frau Rosel war nicht daheim . Sie war es gewesen , um derentwillen Dovidl abberufen worden . Rabbi Manasse hatte sie zu sich entbieten lassen und ihr ein gestern an ihn gelangtes Schreiben des Rabbi von Marmaros-Szigeth in Oberungarn vorgelesen . Sein Amtsbruder teilte ihm mit , Froim Kurländer lebe seit einigen Monaten dort . Da er als morscher und verlotterter Mensch der Gemeinde zur Last falle , habe diese mit großem Vergnügen zur Kenntnis genommen , daß jemand nach ihm suche , und dies dem Bettler mitgeteilt . Froim sei auch gern bereit , nach Barnow zu kommen , jedoch nur gegen Erhalt der Reisekosten . Ob die Barnower Gemeinde sie senden wolle ? Wo nicht , so wollte die Szigether den alten Lumpen jedenfalls los sein und ihn gleich nach den Feiertagen entfernen , aber ob er dann nach Barnow komme , könnte sie nicht verbürgen . » Er lebt also wirklich « , schloß Frau Rosel ihren Bericht an den Winkelschreiber verzweiflungsvoll , » und kommt her , obwohl unsere Gemeinde ihm natürlich kein Geld schickt . Aber wenn die Szigether ihn fortjagen , bettelt er sich doch wohl nach Barnow durch , da er ja hier gesucht wird . Rabbi Manasse sagt , er muß Luiser den Brief geben . « » Dem Schurken ! « rief Dovidl wütend . » Seht Ihr nun ein , welcher Stümper er ist ? « Sie blickte ihn befremdet an . » Ich denke « , erwiderte sie , » diesmal hat er seine Sache nur allzu gut gemacht . « » Ein Stümper « , wiederholte Dovidl nur umso heftiger . » Er wird den Brief beim Bezirksamt einreichen und den Antrag stellen , dem Froim Eure Klage durch das Szigether Amt zuzustellen . Natürlich ist es nun mit der Todeserklärung nichts , und wir haben einen Prozeß , der jahrelang dauert und weiß Gott wie endet . Aber deshalb ist er doch nur ein elender Stümper . Warum ? Weil er sich auf den Zufall verläßt ! Wenn dieser Froim nicht zufällig noch leben würde , wie stünde Luiser jetzt da ? Ein Prifat-Advokat , der sich auf den Zufall verläßt - hahaha ! Ich tu ' das nie . « Aber das war kein genügender Trost für Frau Rosel , und auch ihre größte Sorge vermochte er nicht zu beseitigen . » Er wird nicht herkommen ! « rief er . » Ganz gewiß nicht ! Oder doch wahrscheinlich nicht ! Oder es ist doch wenigstens möglich , daß er nicht kommt . Übrigens , wenn er kommt , - ich hab ' s Euch ja immer gesagt , daß er kommen wird ! Nicht ? Da irrt Ihr Euch ! Ich hab ' s gesagt , oder ich hab ' s doch wenigstens immer geglaubt - also , wenn er kommt , so ist ' s für uns umso besser . Dann will er entweder nicht zu Euch ziehen , und Ihr werdet geschieden , oder er will , dann ist alles in Ordnung , in schönster Ordnung . Und ich hoff ' , Frau Rosel , daß wir das erreichen . Er ist ja ein alter Bettler , warum sollt ' er sich nicht von Euch versorgen lassen ? « » Aber das wär ' ja mein größtes Unglück « , schrie sie entsetzt auf . » Und was soll ich dann meinem Sender sagen ? « » Verzeiht « , sagte Dovidl , » das gehört nicht mehr zu der Sach ' Kurländer kontra Kurländer , in Familiengeschichten misch ' ich mich nicht . Und da bald Jom-Kippur ( Versöhnungstag ) ist , und ich bis dahin sehr viel zu erledigen hab ' - « Sie ging » Nun muß er heiraten « , dachte sie . » Binnen zwei Wochen muß es sein . Denn wenn Froim früher da ist , so geht er mir auf und davon . « Und sie eilte zum Marschallik . Itzig Türkischgelb nickte . » Binnen vierzehn Tagen « , sagte er . Und als sie ihn zweifelnd anblickte : » Frau Rosel , hab ' ich je mehr versprochen , als ich halten kann ? Heut ' ist Montag . Spätestens am Donnerstag sind die beiden verlobt , wenn nicht geradezu ein Sched ( böser Geist ) dazwischen kommt . Am Sonntag , wo wir Jom-Kippur haben , könnt Ihr unserem Herrgott nicht bloß Eure Sünden sagen , denn damit werdet Ihr arme , gute Frau , bald fertig sein , sondern auch Eure Freuden . Und die werden groß sein . So ein Mädchen ! « » Aber wird er wollen ? « Der Marschallik lächelte . » Er ? Er glüht , er brennt , er flammt ! Gegen sein Herz ist ein Kalkofen eine Eisgrube .... Da macht mir anderes mehr Sorge , aber das wird sich auch finden . Freilich müssen wir es vernünftig anstellen . Wißt Ihr , wie es unser Kaiser vor drei Jahren gemacht hat , als er mit den Ungarn nicht hat fertig werden können ? « Sie blickte ihn verblüfft an . » Er hat die Russen gerufen . Kommt zum Telegraphenamt . « Dort ließ er den Beamten eine Depesche schreiben . Sie erfuhr nicht , was drin stand , obwohl sie einen Gulden Gebühr bezahlen mußte . Aber der Marschallik tröstete sie : » Das Geld ist vernünftig angelegt , verlaßt Euch drauf . Und nun will ich mit Sender reden . « Vergnügt lächelnd schritt er neben ihr dem Mauthause zu . Da wurde sein Gesicht plötzlich gramvoll und finster . » Schneidet ein bestürztes Gesicht « , flüsterte er ihr hastig zu . Es gelang ihr nur zu gut , als sie in seine jählings verwandelten Züge blickte . » Da ist er ja « , fuhr er leise fort . In der Tat kam Sender rasch des Weges , er wollte in den Laden zurück . » Frau Rosel « , begann der Marschallik , als der junge Mann in Hörweite war , mit lauter Stimme , » ich hab ' Euch gleich gesagt und wiederhol ' s nun : Euch geb ' ich keine Schuld , aber mit Sender bin ich fertig ! Fertig ! « wiederholte er , » obwohl mir das Herz dabei sehr weh tut . « Seine Stimme brach sich vor Wehmut . » Denn ich hab ' ihn lieb gehabt wie einen Sohn und war gegen ihn wie gegen einen Sohn ! Und er , er tut mir dafür das an , das , Frau Rosel ! « » Was ? « wollte sie fragen . » Schweigt ! « murmelte er hastig und fuhr laut fort : » Ihr schweigt ! Recht habt Ihr ! Da ist nichts mehr zu sagen . So einen Undank , wie ich von diesem Pojaz - « » Von mir ? « rief Sender bestürzt und trat heran . » Was redet Ihr da , Reb Itzig ? Was hab ' ich Euch getan ? « Der Marschallik lachte krampfhaft auf . » Was er mir getan hat ? Das arme , unschuldige Kind ! Soll ich ihm überhaupt noch antworten , Frau Rosel ? Verdient er , daß ich ihm antworte ? Aber weil Ihr mich drum bittet - meinetwegen .... Komm ' ! « und er schritt finster dem Mauthaus zu . » Was ist geschehen ? « wandte sich Sender kleinlaut an die Mutter . Sie zuckte die Achseln . » Geh ' nur « , erwiderte sie . » Du wirst ja hören . « Sie selbst trat in die Küche ; sie wußte nicht , welches Gesicht sie bei dieser Unterredung machen sollte . Als sie in der Wohnstube waren , begann der Marschallik : » In mir kocht ' s , aber ich will ruhig bleiben . Ich will dich nur etwas fragen : Weißt du , daß das Vermitteln von Heiraten mein Erwerb ist : Ja oder nein ? « » Natürlich , Ihr lebt davon . Aber - « » Gut oder schlecht ? Bin ich ein reicher Mann ? « » Nein . Aber - « » Hast du gewußt , daß es mein Geschäft ist , wenn Reb Hirschs Malke heiratet ? Und hast du gewußt , wozu Malke in das Haus des Vorstehers gekommen ist ? Nun ? Werd ' nicht rot wie ein Krebs , nicht grün wie eine Gurke , schnapp ' nicht nach Luft wie ein Karpfen im Sand , sondern antworte : Ja oder nein ! « » Nun - ja ! « » Und woher hast du es gewußt ? « donnerte Türkischgelb . » Weil ich es dir anvertraut hab ' . Als Geheimnis meinem besten Freund anvertraut ! Und wie hast du das Vertrauen benützt ? Du hast mein Geschäft zerstört , hast die Partie zerstört ! « Sender konnte nichts erwidern . Schuldbewußt stand er mit bleichen Mienen vor seinem Ankläger . » Zerstört , zerbrochen « , fuhr der Marschallik fort , » wie ich das zerbreche . « Er riß ein Zweiglein des Lindenbaums ab und zerstückelte es . » Heut ' komm ' ich ahnungslos zu Reb Jossef und freu ' mich schon auf den guten Lohn , den mir Reb Hirsch versprochen hat , da donnert er mich an : Ich will nichts mehr von Euch wissen und nichts mehr von dem Mädchen . Eine , die sich jeden Abend