. Wäre der Zug nicht bereits im Rollen gewesen , er würde dem Knaben nachgeeilt sein , ihn ausgeforscht , ermutigt haben ; er wäre morgen dann mit viel leichterem Herzen heimgereist . Ohne Zweifel trug der Arme sich mit dem Plan , nach verfehltem Examen zu seiner Mutter und Martin zu flüchten . Und auch Schulden hatte der Unglücksmensch ! Freilich kein Wunder , denn der Vormund hielt ihn knapp , und er war nicht knapp gewöhnt ; auch mochte die Mutter heuer nicht , wie sonst in der Ferienzeit , sein Beutelchen heimlich gefüllt haben . Dezimus nahm sich vor , des Knaben Lage noch einmal recht ernstlich mit Vater Blümel und sogar mit Fräulein Lydia zu besprechen . Seine vorgeschrittene geistliche Würde machte ihn schier verwegen . Das ist wohl etwas Großes , wenn ein Kandidat , reif zum Amt und obendrein als gedruckter und honorierter Schriftsteller , zum ersten Male einkehrt in ein pfarrliches Elternhaus , in welchem ihm eine sorgenlose Zukunft und köstlicher Segen gesichert ist . Da gibt es Lachen und Weinen und Beten und Singen und Händedrücken und zärtliches Umfangen ; da gibt es eine schlummerlose Nacht unter Luftschlösserbauen und buntem Erinnern . Aber die glücklichste von allen ist doch die Mutter ! Wie gestern erlebt steht vor Hanna Blümels Seele die Stunde , wo sie das arme nackte Dezemkind von ihres Konstantin Schoße nahm und es in ihres Töchterchens Wiege legte mit dem Gelöbnis , ihm eine Mutter zu werden . Dazumal glänzte ihr Haar noch wie eitel Gold ; heute ist es ein Silberscheitel , und blühen die Wangen auch noch rosenrot , glatt und gleich sind sie nicht mehr , sondern in hundert krause Greisenfältchen zusammengezogen . Aber ihr Ziel ist ja auch erreicht und so froh erreicht . Wie oft begegnet ihr denn einer Mutter , die im siebenten Jahrzehent , von acht Kindern nicht um ein einziges Herzeleid oder gar ein Trauerkleid getragen hätte ? Die sechs Töchter glücklich in das Leben gestellt hat und nun die siebente am allerglücklichsten gestellt weiß , Herz an Herz mit dem einzigen Sohn ! So inbrünstigen Dankes voll wie in dieser Nacht hat Hanna Blümel wohl noch nie an ihren Gott gedacht . Und die Herzenslust währte noch den ganzen anderen Tag ; und wie wurde sie laut in Sang und Schwank , als gegen Mittag Peter Kurze zum Ministeriumsschmause einsprang ! Ein redlicher Freund war er , Peter Kurze , das müßte der Feind ihm lassen , wenn er einen hätte . Sonder Falsch noch Neid ! Beim eigenen Doktorschmause war er nicht fideler gewesen . Freund Kandidat konnte vor lauter Jokus es nicht ein einziges Mal zu einer eifersüchtigen Wallung bringen . Wo hatte Peter Kurze denn aber die Uhr ? Den Erbsackseiger ? - Peter Kurze wußte von ihm nichts . Ach , nur zu natürlich , daß Philipp in seiner Not das Abholen vergessen hatte . Der arme Junge ! Zwischen Mitleid und lustiger Torheit fehlte dem Kandidaten das gewohnte Picken auf seiner Leberseite aber doch . Ein Mittelmaß von Gewöhnsamkeit - geniale Leute schimpfen sie Pedanterie - gehört , so scheint es , zu der Substanz eines Glücklichen . Just um dieser Substanz willen mußte nun aber nach dem Jubeltag der Werkeltag der Pflicht wieder in seine Rechte treten . Und da war es denn zunächst Peter Kurze , der ein ernsthaftes Dilemma zu allseitigem Gehör brachte . Peter Kurze nannte sich Herr Doktor , laborierte aber , wie die Mehrzahl junger Anfänger seines Zeichens , kläglich am Patientenfieber , und gering war zurzeit die Aussicht auf ein stillendes Labsal in seiner heimatlichen Provinz , der er den Segen seiner Kunst doch vorzugsweise gegönnt haben würde . In einer anderen Provinz dahingegen hatten Mißwachs , Hunger und Not eine böse Seuche gezeugt , von welcher die Zeitblätter ein grauenvolles Gesamtbild entwarfen . Noch grauenvollere Einzelnschilderungen waren in die Pfarre gedrungen durch Lydia , die ein Kind dieser Gegend war und mit ihr noch in manchem Zusammenhange stand . Von verschiedenen Universitäten , und auch von der unseren , waren junge Mediziner zu freiwilligem Helferdienst aufgerufen worden . Sollte Peter Kurze nun diesem Rufe folgen ? Sein väterlicher Freund Blümel sagte mit Entschiedenheit : » Ja « , und sein brüderlicher Freund Dezimus wenigstens nicht mit Entschiedenheit : » Nein « . Das liebe Röschen sagte gar nichts , denn das liebe Röschen war gleich bei dem Worte » Typhus « aus der Ratsstube gelaufen . Mutter Blümel aber sagte achselzuckend : » Ja , mein Junge , wenn du nur ein Tischchendeckedich in deinen Arzneikasten packen könntest ! « Und da saß eben der Haken ! Peter Kurze war Arzt mit Leib und Seele , und Arzt sein heißt das Gegenteil von einem Hasenfuß . Er dachte nicht an Ansteckungsgefahr , und er schmachtete nach einem ernsthaften Duell mit dem Würgeengel Tod . Aber wo blieb die Ehre der Wissenschaft ? wo der Erfolg ? und wo der Lohn , dessen ein braver Arbeiter doch allemal wert ist , insofern er mit dem Pflasterkasten nicht zugleich einen Brotschrank aufzuschließen hatte ? » Erst wenn die Hungerleider satt gemacht sind , kann der Vielfraß ausgehungert werden , « sagte er und zog schließlich ab mit der Entscheidung , die Sache erst noch ein paar Wochen mit anzusehen , ehe er in den saueren Apfel beiße . Privatim versprach er Freund Dezimus noch , den armen Philipp ins Gebet zu nehmen und umgehend über den Ausfall des Examens Bericht zu erstatten ; sich auch gelegentlich nach der Uhr umzutun . Nun aber saßen im geistlichen Gemach Vater und Sohn allein sich gegenüber zum Ratschluß über die beiden Wege , die vor dem letzteren geöffnet lagen . Auf jeden von ihnen zog ein Magnet , und jeder von ihnen bedingte einen schweren Verzicht . Entweder Altersruhe für den Vater und Rosenwonne für den Sohn ; dann aber blieb die Chaldäerforschung ein Fragment . Oder die Chaldäerforschung fortgesetzt bis zu einem zünftigen Grad und statt der Rosenwonne Hangen und Bangen . Und wie entschied der väterliche Berater ? » Ich fühle mich noch nicht fertig , und du bist es noch nicht , mein Sohn . Lehre und lerne weiter wie bisher . Wenn es not tut , werde ich dich rufen . « Was aber war das Hauptmoment bei dem Entscheid , das Moment , aus welchem der Greis auch keineswegs ein Hehl machte ? Nun eben die ersehnte Rosenwonne . » Keine Jünglingständelei , mein Sohn , aber auch keine Jünglingsehe . Mannesreife - - « Bei diesem Worte stockte er ; denn die Tür wurde hastig aufgerissen , und wie in des Sohnes erster Lebensstunde stürzte ein verzweifelter Mensch in das geistliche Gemach . Lydia , die stille , unbewegliche Lydia ! Bleich wie ein Geist , schauernd und bebend über den ganzen schönen Leib , sank sie in den Stuhl , von welchem Dezimus entsetzt in die Höhe gefahren war , und reichte ihm , keines Wortes mächtig , ein Blatt , das sie zusammengeknittert zwischen ihren fliegenden Händen hielt . Ein Brief , an Dezimus adressiert , aber erbrochen . Philipps knabenhafte Züge . » Ich fliehe , Dezimus . Wohin ? sage ich Ihnen nicht , weil Sie es nicht verschweigen würden , wenn Lydia Sie fragt . Ich will mich nicht langsam zu Tode quälen lassen . Ich will leben oder meinetwegen auch sterben ; aber ordentlich sterben ; wie ein Hartenstein , nicht wie ein Sklave . Ich schreibe in Ihrer Stube . Wenn Sie den Brief finden , bin ich lange dort , wohin ich will . Dezimus , guter Dezimus , ich habe Sie beraubt . Ich hätte es keinem anderen getan ; aber ich weiß : Sie schimpfen mich keinen Dieb . Ich konnte nicht anders . Den ganzen Sommer habe ich gespart , bei Mama und den Schwestern gebettelt , nur bei Lydia nicht , weil die mir doch nichts gegeben hätte . Aber ich weiß gar nicht , es wurde immer wieder alle , und ich mußte immer wieder von vorn anfangen . Nun habe ich alle meine Sachen und Bücher heimlich verkauft , aber es reichte doch noch nicht . Und Sie kommen nicht drum , lieber Dezimus . Lydia gibt es Ihnen wieder ; der Schande wegen . Aus Liebe für mich hätte sie es nicht getan . Und wenn wir uns einmal wiedersehen , lohne ich es Ihnen tausendfach ; denn dann kann ich es . Lange wirds freilich dauern . Und vielleicht sehen wir uns auch gar nicht wieder . Aber dann glauben Sie mir , Dezimus , daß ich in meiner letzten Stunde an Sie gedacht habe als an den , der außer meiner Mama es auf der Welt ganz allein mit mir gut gemeint hat . Ach , meine liebe , liebe Mama ! Aber sie hat ja nun die kleine Tili , und sie wußte ja , wie schrecklich unglücklich ich gewesen bin . Sobald ich angekommen , schreibe ich ihr und Ihnen auch . Philipp . P. S. Die Uhr hat Aaron Kalb . Sie ist nur versetzt ; für zehn Taler kriegen Sie sie wieder . Meine eigene habe ich verkauft um ein Lumpengeld , weil sie nur von Silber war . Und ich könnte sie auf der Reise so gut brauchen . Ach ! Wäre ich nur erst fort ! « Was war für eine Lydia der Bruch mit dem Geliebten , was selbst der Tod des Vaters gegen dieses Erleben ! Angeklagt der härtesten Lieblosigkeit , gehaßt von dem Bruder den Gott als Kind an ihr Herz gelegt hatte ; verzweifelnd in einen Abgrund , vielleicht in den Tod durch sie getrieben dieses Kind , das einzig auf ihren Schutz gestellt gewesen war ! » Mörderin ! « stand es geschrieben in ihren wahnsinnstarren Augen . » Wo - wo soll ich ihn suchen ? « rang es sich aus ihrer Brust . » Nicht Sie ; überlassen Sie es mir , « sagte Dezimus , selbst erschüttert bis auf den Grund ; und sie darauf wie belebt : » Ja , ja , gehen Sie mit mir . Ich bin so fremd in der Welt . « Pastor Blümel aber und auch der Vormund , welcher während der letzten Worte eingetreten war - das erstemal , daß er diese geistliche Schwelle überschritt - , widersprachen ihrem Vorhaben . Sie sei körperlich zu angegriffen , um einem rastlos Eilenden zu folgen ; die Rücksicht auf eine Frau könne ihn nur aufhalten und hindern . Sie senkte das Haupt bis auf die Brust . » Den , welchen er geliebt hat , läßt Gott ihn vielleicht finden - mich nicht ! « Laut gesprochen hat sie diese Worte wohl kaum ; aber Dezimus las sie in ihrer gemarterten Seele . Er vernahm nur Bruchstücke der Erläuterungen , welche der Vormund nunmehr über das Entweichen seines Pfleglings gab . Hier war so wenig zu sagen wie zu hören , nur Eile tat not , fliegende Eile ! Der alte Herr hatte die Schilderung seiner Ängste , seines Harrens , Forschens und Suchens , der vergeblichen Anfragen nach allen Seiten , auch seiner Fehlgriffe und falschen Schritte , die laut machten , was geheimgehalten werden mußte , bis zur endlichen Erspürung des Briefes und dem Aufbruch nach Werben noch nicht vollendet , als Dezimus reisegerüstet in das Zimmer zurückkehrte . Nicht einmal den Abschied von seinem irgendwo umherschweifenden Röschen hatte er sich gegönnt ; der nächste Zug durfte nicht verfehlt werden . Die günstige Fügung , daß die Mutter die Sparsumme des königlichen Patengeschenkes , deren er zum Zweck etlicher Anschaffungen bedürftig geworden war , kürzlich erhoben hatte , befreite ihn auch hinsichtlich des wesentlichsten Reisebedürfnisses von zeitraubenden Weitläufigkeiten . » Was darf ich Ihrem Bruder von Ihnen sagen , wenn es mir gelingen sollte , ihn aufzufinden ? « fragte er , indem er zum Abschied Lydia die Hand reichte . » Was das Herz Sie heißt ! « hauchte Lydia und bedeckte in Angst und Qual dann wieder das Gesicht mit ihren bebenden Händen . Ihr Bruder , ihr Kind : ein Landstreicher , ein Dieb ! seine Spur erforscht von einem Fremden , den er geliebt hatte und sie - sie gehaßt ! Um die Mittagsstunde erreichte Dezimus die Universitätsstadt . Er hatte während der Fahrt mit so kaltem Blute , als er das seine abzudämpfen imstande war , den spürenden Blick auf das Ziel gerichtet , das dem Flüchtigen vorgeschwebt haben konnte , und was ist solch ein anstrengendes Erstreben anderes als ein Gebet um Erleuchtung von oben ? Bei seiner Mutter oder einem der Geschwister war der Knabe nicht , und den heimischen Militärdienst - so viel mußte ihm klar sein - verscherzte er durch sein heimliches Entweichen . Was kannte er aber , und was gab es außer diesem Dienst Lockendes für ihn in der Welt ? Der Weg nach Rußland , wohin sein Vetter Hilmar geflüchtet , war langwierig und schwierig , die Grenze unentdeckt kaum zu erreichen ; ohne Empfehlung , ja ohne Legitimation die bescheidenste Stellung nicht zu erwarten . Amerika ? Aber da galt es zu arbeiten mit Axt und Pflug , die Freiheit , die dort zu finden , war nicht die , welche ein junger Brausekopf suchte . Die Fremdenlegion in Algier ? Nein doch , nein ! Der Franzosenhaß lag allen Hartenstein seit Generationen im Blute , und Freund Philipp gebärdete sich gern wie ein kleiner Marschall Vorwärts . Aber halt doch , halt ! Ein Werbeplatz für die holländischen Kolonien ! Das war so eine von den luminösen Hypothesen wie die beim jüngsten Meteorenschwarm , und : » jegliche Entdeckung ist einmal Hypothese gewesen , « hatte sein weiser Sternenvater gesagt . Wie Schuppen fiel es dem Freunde plötzlich von den Augen . Er sah des Knaben glühende Blicke bei Bruder Steuermanns Wundermären von der Pracht des indischen Himmels , der Üppigkeit der Natur , dem wollüstigen Schlürfen der eingewanderten Nabobs . Möglich , daß auch noch aus weniger redlichem Munde ihm ein Brillantfeuer vorgespiegelt worden war oder daß er irgendwo gelesen hatte von den zahlreichen deutschen Landsleuten unter den geworbenen Truppen , von ihrem glänzenden Sold , dem raschen Aufsteigen , den reichen Pensionen , den Schätzen , die um den Preis des Lebens im Kampfe mit wilden Bestien und Völkerstämmen aufzuraffen sein sollten . Die Jugend nimmt manches Katzengold für echt , und was fragt ein freiheitsdurstiges Herz nach dem Freiheitspreis ? Das indische Pfefferland war jener Zeit immer noch das gelobte für abenteuernde Naturen und verlorene Söhne . Die goldenen Berge , welche der arme Junge so hoffnungssicher in Aussicht stellte , bestärkten die Eingebung , daß es auch sein Kanaan gewesen sei . Je mehr dem Freunde nun aber diese jähe Vorstellung zur Gewißheit ward , um so bänglicher schlug sein Herz . Auch er , der Ältere , war im weiten Weltwesen ja noch ein Kind . Der Zufall aber hatte gewollt , daß er von einem leichtsinnig verlockten Studenten , der als Deserteur sich wieder in das Vaterland durchgeschlagen , die Wahrheit erfahren hatte über den entwürdigenden Zustand des holländischen Fremdenkorps nicht bloß fern in den Kolonien , sondern selbst auf den heimischen Drill- und Einschiffungsplätzen , und so hätte er sich Flügel anheften mögen , um den Verblendeten zu überholen und Lydias Bruder einem Elend zu entreißen , dem von zehnen neun physisch oder moralisch unterliegen . Sein erstes war , von dem Beamten jenes zweiten Schalters die Erkundigung zu erfahren , welche Philipp neulich an ihn gerichtet hatte . Der Jüngling war eine auffällige Erscheinung , schön wie alle Hartenstein , mit Ausnahme Martins , und dieser Auffälligkeit es zu danken , daß der Beamte sich der Erkundigung noch erinnerte : der schöne junge Mensch hatte nach dem Preise eines Fahrbilletts bis zur niederländischen Grenzstation gefragt ; zuerst nach dem der zweiten Klasse , dann bescheidentlich nach dem der dritten , und die unerwartet hohe Summe auch dieser dritten ihn sichtbar niedergeschlagen . Der Arglose ahnete nicht , daß diese Fragen zu einem Fingerzeig für einen praktischeren Verfolger , als sein gelehrter Vormund , werden konnten . Für Dezimus wurden sie zum Beweis , wennschon weder dieser Beamte noch irgendein anderer sich erinnerte , den auffälligen jungen Mann bei der späteren Abreise wiedergesehen zu haben . Da er an jenem Nachmittag nicht nach Hause zurückgekehrt war , vermutete Dezimus , daß er zu Fuße bis zur nächsten , nur eine Meile entfernten Station gegangen sei und von da aus den Nachtzug benutzt habe . Dezimus selbst blieben bis zum Abgang des westlichen Zuges zwei lange bange Stunden . Um sie nicht völlig nutzlos hinzubringen , begab er sich zu dem Pfandleiher und - und Kandidat , Kandidat ! du fühlst dich zum Priester reif und sündigst wider Gottes heiliges Gebot ? Du lügst , lügst ohne Erröten , lügst wie gedruckt , daß du in augenblicklicher Geldverlegenheit , im Begriff , eine kleine Reise anzutreten , deinen jungen Freund beauftragt habest , ein Darlehn auf deine Uhr aufzunehmen , und daß du jetzt kämest , sie auszulösen ? Da der Hüne der Studentenschaft eine wohlbekannte Persönlichkeit war und sein junger Freund ausdrücklich auf diese Persönlichkeit behufs der Auslösung hingewiesen hatte , erlitt dieselbe keinen Anstand und war dem bösen Leumund , soweit in der Eile oder leider überhaupt noch möglich Einhalt getan . Einigermaßen erleichtert trabte Dezimus , sein Pretiosum auf dem Herzen , nach dem Bahnhofe zurück , und nun , du Glücklicher , leite dich dein Johannisstern ! In der Nachmittagsstunde , in welcher er mit seinem Röschen einen Superintendentenbesuch in der Stadt verabredet hatte , dampfte er in die Welt hinein auf der Suche nach dem verlorenen Sohn . Er sah im Geiste das liebe Kind daheim unruhig hin und wieder trippeln , wohl auch ein bißchen schmollen und schmälen , und dann sah er eine andere sich die Hände wund ringen im bittersten Seelenjammer ; von der weiten Gotteswelt aber , die sich zum ersten Male vor ihm auftat , sah er leider wenig , was - versteht sich in anderer Stimmung - sein Neulingsauge erquickt haben würde . Er hätte sich , wie bei seinem ersten Abenteuer eine Universität , so heute beim zweiten eine Reise anders denken können . Endlose Stoppel- oder Rübenfelder , wirres Bahnhofsdrängen und Treiben , langweilige Gesichter , Gesellen ohne Reiselust wie er selbst , und bald sah er nichts mehr , denn es kam die Nacht , und mit der Nacht kam endlich auch der Genius , der selbst den Unruhigsten ruhig macht . Als des Schaffners Ruf : » Station Deutz ! « den Genius verscheuchte , rang sich das erste Morgengrauen durch den Nebel , der über dem Rheinstrom brütete . Der nordwärts führende Zug ließ ihm so viel Zeit , um über die Schiffbrücke zu gehen und einen Blick auf den Torso des Domes zu werfen , dessen Herstellung seit etlichen Jahren mit so viel Eifer betrieben wurde . Das Königswort , das dieses » Werde « rief , hatte in der Pfarre von Werben einen mächtigen Widerhall gefunden . Es deutete gleich einem Meisterspruch auf einen weit größeren und noch weit unfertigeren Bau , für welchen Hammer und Kelle zu rühren waren . Die Erinnerungen seiner glorreichen Zeit und die Entsagungen , die ihnen folgten , wurden in dem Greise jung ; zum ersten Male empfing der Sohn aus dem Munde des alten Christen die Lehre des alten Heiden , daß es süß sei , für das Vaterland zu sterben . Und dieses Lehrwort wachte an diesem Morgen in seiner Seele auf , als er in dem Irren nach einem sein Vaterland fliehenden betörten Kinde den Strom überschritt , der , von sich hebenden Dunstschleiern umflattert , glanzlos und doch majestätisch , breit und ruhig zu seinen Füßen wallte . Auch dieser Fluß galt ja als Symbol . In gärenden Zeiten wirkt alles Bedeutende als ein Deutnis , und die Zeit , in welcher Dezimus Frey ein Jüngling hieß , kennzeichnete ja durchweg ein gleichsam dichterisches Ringen aus der Vorstellung in die Darstellung . Jählings haftete sein Blick , starrte sein Schritt . Herr der Welt ! Wer ist die jugendlich schmächtige Gestalt , die , bleich wie ein Schatten , mit weiten , übernächtigen Aug en , bebend und schwankend sich über das Gitter beugt , so als ob die nebelumwogten grauen Fluten sie zugleich lockten und schreckten ? Der Hut ist vom Kopfe in den Strom gesunken ; der feuchte Morgenwind weht durch die wirren , gelben Locken . » Philipp ! « schreit Dezimus auf , und - der verlorene Sohn taumelt halb ohnmächtig in seine ausgespannten Arme . Er zog ihn in das nächste Wirtshaus am Kölnischen Ufer ; ein warmer Trunk belebte ihn , die beklommene Brust erleichterte ein Tränenstrom . Ach , dieses ungestählte Muttersöhnchen , wie bald würde es den Heischungen der Macht , die es Freiheit nannte , erlegen sein an jedem Orte , wo es sie wirklich gefunden hätte , nicht bloß sie zu finden gewähnt ! In der Verfolgungsangst und doch wieder der Seligkeit eines der Galeere Entsprungenen hatte er sich keine Raststunde gegönnt , nur immer vorwärts gedrängt von einem Haltepunkt zum anderen , bis er den Werbeplatz am Zuydersee erreichte . Was er dort zu finden hoffte ? Eine deutliche Vorstellung wird er nicht gehabt haben . Aber einen bunten Schauplatz , einen lustigen Tummelplatz , vielleicht so etwas von einem preußischen Paradeplatz , auf dem man sang : » Ein freies Leben führen wir ! « Und statt dessen sah er das rohe Treiben und Drillen der fremden Söldlinge - der Masse nach Deserteure , Vagabonden , Ausgestoßene aus dem Walle der Familie , der Heimat , der Gesellschaft ; mancher mit einem Kainszeichen auf der Stirn - , wurde er Zeuge einer körperlichen Züchtigung , die ihm das Blut erstarren machte . Ein wohlmeinender Bürger , mit dem er in einem Wirtshaus zusammentraf und den der Anblick des schönen , betörten Jünglingsknaben rührte , belehrte ihn , daß nach den neueren Bestimmungen kein Ausländer es im Kolonialdienst weiter als bis zum Unteroffiziersposten bringen könne , - und der Knabe hatte von Generalsepauletten , von Orden und Lorbeerkronen geträumt ! Der wohlmeinende Warner belehrte ihn fernerhin , daß unbärtige Bürschchen wie er fast ausnahmslos schon den Einflüssen des Klimas und seiner lockenden Bodenfrüchte erliegen , daß aber selbst abgehärtete , entsagungsstarke Männer sich nur in einem Bruchteil gegen die Strapazen des Dienstes behaupten , - und das Bürschchen hatte von lustigen Elefantenritten , von Tigerjagden in Palmenwäldern und einer Nabobsheimkehr geträumt ! Aus allen Himmeln gestürzt , entsetzt , verzweifelnd , kehrte der freiheitslüsterne Junge , wiederum ohne Atem zu schöpfen , die Straße , die er gekommen war , zurück . Die Luft war kühl und seine Kleidung noch sommerlich , sein Sparpfennig aufgezehrt . Hungernd , übernächtig , schauernd vor Frost , schaudernd vor Angst und Scham stand er nun auf der Rheinbrücke von Köln zwischen der Wahl - der Heimkehr , als Bettler und Vagabond ? nein , der Heimkehr nicht ; aber vor der , als Bettler und Vagabond sich bis über die Grenze zu einem Werbebureau für die französische Fremdenlegion durchzuschlagen oder durch einen Sprung in die Tiefe seinem Elend rasch ein Ende zu machen . So stand er , kaum mehr fähig zu einem Entschluß , und sehr möglich , daß die Erschöpfung den Taumelnden jedes Entschlusses überhoben haben würde , wenn der Stern der Glücklichen ihm nicht einen Wegweiser mit stämmigen Armen entgegengeführt hätte . Dezimus erfuhr diese klägliche Robinsonade von vier Tagen erst nach und nach in weit späterer Stunde . In der gegenwärtigen begnügte er sich , zu dem Ausgehungerten zu sagen : » Iß ! « und nachdem er sich sattgegessen , zu dem Übermüdeten : » Nun schlaf ! « Und was hätte auch ein weiserer Mentor , als der Kandidat von Werben sich zu sein vermaß , diesem willenlosen Gottesgeschöpf zur Stunde Weiseres heißen können als : iß und schlaf ? Nachdem das Gottesgeschöpf aber ausgeschlafen hatte , lange und fest wie ein Murmeltier , ließ es sich sonder Skrupel noch Unterhandlungen nach dem Bahnhofe von Deutz zurückführen ; alle seine Sorge warf es , zwar nicht auf den Herrn , aber auf seinen lieben guten Dezimus , der würde es wohlmachen . Der liebe , gute Dezimus wollte und konnte zwar nichts versprechen als die Vergebung Schwester Lydias nach vorausgegangener reumütiger Buße ; dennoch währte es nicht lange , und das leichte Bösebubenblut wallte so frohgemut auf wie je . Was auch über ihn verhängt werden mochte , alles war besser als die Fuchtel von Harderwyk und der Hunger auf der Rheinbrücke von Köln . Es war spät am Abend , als sie die heimische Pfarre erreichten , unangemeldet , da Telegramme des Privatverkehrs es auf dieser Strecke zu jener Zeit noch nicht gab . Die Bewohner hielten sich schonend zurück ; nach flüchtiger , freudiger Begrüßung des Sohnes überließen sie es diesem Glücklichen , seinen Findling in die eigene Bodenkammer zu geleiten und in sein eigenes Bett zu verweisen , allwo er sich denn wiederum in Bälde des Schlummers des Gerechten oder des Murmeltiers erfreute . Dezimus dagegen begab sich , so spät es war , nach dem Schloß . Dort hatten sich infolge der Schreckenspost die gesamte Familie und deren nächste Freunde zusammengefunden : die Mutter mit ihrem kleinen Pflegling , Martin , seine Schwestern und ihre Gatten , der Vormund und selber der alte , treue Magister Klein waren herbeigeeilt , um gemeinsam mit dem anerkannten Haupte der Familie , mit Lydia , zu beten , zu ratschlagen , je nachdem zu handeln , oder auch nur zu weinen und verzweifelnd die Hände zu ringen . In allen Zimmern des Schlosses brannte noch Licht ; ein jeder saß angstvoll wach in seinem Kämmerlein . Doch sah Dezimus nur Lydia . Als sie seine frohe Botschaft vernommen hatte , faßte sie seine beiden Hände , neigte ihre Stirn zu ihnen herab , und heiße Tränen , die ersten , welche den Krampf des Herzens lösten , rannen auf sie nieder . Ein vernehmliches Wort sprachen die zitternden Lippen nicht . Als sie das schöne Haupt aber wieder erhob , da stand in ihren Augen geschrieben : » Du hast mir mehr als das Leben gerettet , Freund . « Keiner wußte besser als Dezimus selbst , wie so gar gering sein Verdienst bei dieser Rettung war , wie alles nur das Wirken jener heimlichen Macht , welche die einen Zufall nennen , die anderen Stern , und die Glücklichsten Gottes Rat . Was er im Leben aber noch von Menschenkreuz und Leid zu tragen haben mag , der Dankesblick , der in dieser Nacht aus seines weißen Fräuleins Augen strahlte , wird ihn bis in seine Sterbestunde beseligen . Eine schriftliche Weisung des Vormunds entbot am anderen Morgen den verlorenen Sohn und » seinen edlen Erretter « - » hört , hört ! « spottete das lustige Röschen - nach dem Schlosse . Ein schwerer Gang für den edlen Erretter , denn er ahnte mit Fug , kein festliches Gewand werde dem verlorenen Sohne entgegengetragen und kein gemästetes Kalb zu seinem Willkomm geschlachtet werden , dagegen ein strenger Areopag den Spruch über ihn fällen und das Los über seine Zukunft werfen . Selbst wenn Lydia nach den Erschütterungen der letzten Tage mit solch einer Manifestation des Familienrechtes nicht einverstanden gewesen wäre , wenn sie im stillen Kämmerlein , wo ein Erlöster betet , zu ihrem Bruder hätte sagen mögen : » Ich vergebe dir , « würde sie über Nacht inmitten eines bluts- und wahlverwandten Kreises den hohen , feierlichen Grundton , auf welchen bei aller Abgeschlossenheit ihr Vaterhaus gestimmt worden war , haben herabstimmen können ? Auch Philipp mutmaßte eine widerwärtige Szene , und seine Stimmung war halb trotzig , halb verzagt . » An Ihnen , Dezimus , habe ich mich vergangen , das ist richtig , « sagte er . » Sie aber haben mir vergeben , haben meinen dummen Streich sogar vertuscht . Und was habe ich den anderen getan ? « » Die Ungehörigkeit gegen meine Person war bei weitem die leichtere , « entgegnete Dezimus , » wenngleich sie , nach dem Maße der Welt gemessen , schwer genug in das Gewicht fallen mag . Das bittere Herzeleid aber , das Sie Ihrer Mutter und Schwester angetan haben , kann Ihnen kein Mensch vergeben , bis Sie es durch freudigen Gehorsam gesühnt . « » O , meine Mama , die ist bloß froh , daß ich wieder da bin , « versetzte der Leichtfuß mit obligater Torenzuversicht . » Und Lydia , was für ein Recht hat denn Lydia über mich ? Und was kann sie mir am Ende denn auch tun ? Legt sie mich noch zehnmal an die Kette , reiße ich mich noch zehnmal wieder los . Sie wird sich aber wohl hüten ; denn mit dem Pastorwerden habe ich es - Gott sei Dank ! - doch ein für allemal verschüttet . « » Mit dem Soldatwerden aber auch , « entgegnete Dezimus . Der Leichtfuß seufzte und ließ ein Weilchen den Kopf hängen . » Sie sollen mich wie Vetter Hilmar nach Rußland schicken - « meinte er darauf . » Ich wäre von selber hingegangen , wenn es nur nicht gar zu weit gewesen wäre . Und dann wollte ich doch für mein Leben gern einmal eine große Seereise machen . « Das Wort verhallte in diesem Augenblick eindruckslos an des Freundes Ohr ; in dem Augenblick der Entscheidung aber wachte es plötzlich lebendig in dem Herzen auf , wie ein Samenkorn , das ein Insekt in einen Blütenkelch getragen hat . Sie hatten den wenig bemerkten Eingang über die Terrassen