Schleier sah ich nur noch , daß Herrn Claudius ' Arme mich auffingen - dann legte sich ein rätselhaftes Dunkel über mich . Wie lange diese Betäubung angedauert , weiß ich nicht - aber es kam mir vor , als erwache ich allmählich und zwar ganz in der Weise , wie ich als Kind oft auf Ilses Schoß aufgewacht war . Ich fühlte mich sanft umschlungen , und an meinem Ohr hin strich dann und wann ein geflüsterter Hauch , den ich nicht verstand , und der mir doch genau so klang , wie Ilses scheu kosende Schmeichelnamen , die ich eigentlich auch nicht hören sollte . Aber das Herz , an welches mein Kopf gedrückt wurde , war ein heftig klopfendes - das war anders als bei Ilse ... Erschrocken schlug ich die Augen auf und sah in ein völlig entfärbtes Gesicht , dessen Ausdruck voll leidenschaftlicher Angst ich nie vergessen werde . Ich begriff plötzlich die Situation , in der ich mich befand , und bog erglühend den Kopf weg , der bei der heftigen Bewegung zu schmerzen anfing . Sofort zog sich der Arm von meinen Schultern zurück , und Herr Claudius , der neben mir auf dem Sofa gesessen hatte , sprang auf . » Ach mein liebes , süßes Kindchen - Gott sei Dank , da sind ja Ihre großen Augen wieder ! « rief Fräulein Fliedner , die eben ein Leinenstück in einer Porzellanschüssel ausrang , mit bebender Stimme hinüber . Ich griff nach meinem Kopf , er war verbunden , und an der linken Schläfe nieder sickerte das kühle Wasser des Umschlags . Schneller als ich selbst gedacht hätte , war ich Herr über meine Nerven und die wunderbar ungekannte Empfindung , die mich für einen Augenblick so unbeschreiblich süß und beseligend durchschauert hatte ... Voll Angst dachte ich an Charlotte und das Strafgericht , das über sie ergehen würde - ich mußte so schnell wie möglich wieder heil und gesund auf meinen Füßen stehen . » Was habe ich denn für Streiche gemacht ? « fragte ich , mich energisch wieder aufrichtend . » Sie sind ein klein wenig in Ohnmacht gefallen , Herzchen , « sagte Fräulein Fliedner , sichtlich erfreut über meine Munterkeit . » Wie , ein so schwaches Geschöpf bin ich ? ... Wenn Ilse das wüßte ! Sie kann die nervenschwachen Frauenzimmer nicht ausstehen ... Aber wir wollen das Tuch wieder abnehmen , Fräulein Fliedner - es ist wirklich nicht nötig « - ich griff danach . » Ach meine Rose ! « rief ich unwillkürlich . » Sie sollen sie wieder haben , « sagte Herr Claudius niedergeschlagen - ich sah , wie ein Seufzer seine Brust hob . Er ging in das anstoßende Zimmer , wo die Blume noch auf dem Boden lag , und nahm sie auf . » Ich muß sie in Ehren halten , Frau Helldorf hat sie so lange für mich gepflegt - wir haben zusammen jedes Blättchen beobachtet und wachsen sehen , « sagte ich , zu ihm aufblickend , als er mir sie hinreichte . Diese wenigen Worte hatten eine seltsame Wirkung - mit ihnen verflog das traurig finstere Gepräge auf Herrn Claudius ' Stirn bis auf die letzte Spur , und dort rauschte die Gardine , und Charlotte , die sich offenbar in der ersten Bestürzung in das schützende Dunkel der Fensternische geflüchtet hatte , trat rasch hervor . Sie kam auf mich zugeflogen und warf sich auf die Kniee nieder . » Prinzeßchen « - flehte sie in weichen , halbgebrochenen Tönen und streckte mir , um Verzeihung bittend , die Rechte hin . Herr Claudius trat zwischen uns . Ich zitterte - ich hatte ja noch nie diese großen blauen Augen im unbezähmbaren Zorn auflodern sehen . » Du berührst sie mit keiner Fingerspitze ! Nie wieder ! Ich werde sie künftig vor dir zu schützen wissen ! « rief er heftig und stieß ihre Hand zurück ... Wie sie unerbittlich hart und grausam klingen konnte , diese ruhige , gelassene Stimme ! Fräulein Fliedner fuhr entsetzt herum und sah angstvoll in sein Gesicht - zum erstenmal seit langen Jahren wieder durchbrach die Leidenschaft , die bis auf den letzten Funken erloschen schien , den Damm einer streng geübten , beispiellosen Selbstbeherrschung ... Geräuschlos drückte die alte Dame die Thüre zu - in Charlottens Zimmer waren ja noch die Herren anwesend . » Ich bereue - bereue bitter jenen Moment , wo ich dich auf meinem Arm in eine reinere Atmosphäre zu retten meinte ! « fuhr er in gleicher Heftigkeit fort . » Ich habe Wasser mit Sieben geschöpft - Art läßt nicht von Art , und das wilde Blut in deinen Adern - « » Sage lieber das stolze , Onkel ! « unterbrach sie ihn , sich vom Boden erhebend - sie war bleich wie der Tod ; dieser herausfordernd in den Nacken geworfene Kopf schien förmlich versteinert in seiner hohnvollen Ruhe . » Stolz ? « wiederholte er mit einem bitteren Lächeln . » Sage mir , wie du diese schöne Zierde des Weibes zu zeigen gewohnt bist , und wann ! Vielleicht in dieser Stunde , wo du , bar aller Weiblichkeit und Würde , eine zügellose Bacchantin warst ? « Sie fuhr zurück , als habe er sie in das Gesicht geschlagen . » Und was nennst du sonst stolz ? « fuhr er unerbittlich fort . » Dein ungerechtfertigtes Haschen nach Rang und Stellung ? Deine Art und Weise , wie du Menschen , die deiner Meinung nach tief unter dir stehen , wegwerfend und herzlos behandelst ... Mit dieser Handlungsweise erbitterst du mich oft aufs tiefste , und ohne es zu wissen , rüttelst du bedenklich an dem morschen Boden unter deinen Füßen ... Hüte dich . « » Vor was , Onkel Erich ! « unterbrach sie ihn kalt mit spöttisch gesenkten Mundwinkeln . » Haben wir , mein Bruder und ich , nicht bereits alle Stadien der Unterdrückung durchlaufen ? Gibt es wirklich noch eine Saite auf unseren allerdings hochgespannten Seelen , die du nicht mit harter Hand angegriffen und als verkehrt , als unvereinbar mit dem praktischen - sage hausbackenen - Leben verworfen hättest ? Suchst du nicht unsere Ideale zu zertreten , wo du kannst ? « » Ja , als giftiges Gewürm , als Hirngespinste , die mit Moral und einem wirklich erhabenen Aufflug des Menschengeistes nichts gemein haben ... Ihr in tiefster Seele Unadeligen ! Ihr habt nicht einmal Raum für Dankbarkeit ! « » Ich würde dir danken für das Brot , das ich gegessen habe - wenn ich nicht mehr von dir zu fordern hätte ! « - brauste sie auf . » Um Gottes willen schweigen Sie , Charlotte ! « rief Fräulein Fliedner mit völlig entfärbtem Gesicht und erfaßte ihren Arm . Zornig schüttelte sie die Dame ab . Herr Claudius maß , starr vor Ueberraschung , die dräuend gehobene Mädchengestalt von Kopf bis zu Füßen . » Und was forderst du ? « fragte er mit der alten , vollkommenen Gelassenheit . » Vor allem Licht über meine Abkunft ! « » Du willst die Wahrheit wissen ? « » Ja , « sagte sie . » Ich brauche sie nicht zu fürchten ! « stieß sie in einer Art von Triumph heraus . Er wandte ihr den Rücken und ging einmal im Zimmer auf und ab - es war so totenstill , daß ich meinte , man müsse das Klopfen der stürmisch aufgeregten Pulse hören . » Nein , jetzt nicht - jetzt nicht , wo du mich so tief gekränkt und beleidigt hast - es wäre unedle Rache ! « sagte er endlich , vor ihr stehen bleibend . Er hob den Arm und zeigte nach der Thüre . » Gehe - nie warst du weniger fähig , die Wahrheit zu ertragen , als in diesem Augenblick ! « » Ich wußte es ! « lachte sie auf und rauschte hinaus in den Korridor . Fräulein Fliedner legte mir schweigend mit zitternden Händen einen frischen Umschlag auf den Kopf ; dann ging sie hinüber , » um nur einmal nach den Herren zu sehen « . Mir schlug das Herz - ich war allein mit Herrn Claudius . Er setzte sich neben mich auf einen Stuhl . » Das war eine wilde Szene , nicht geeignet für diese erschrockenen Augen , die ich doch um alles gern vor schlimmen Eindrücken behüten möchte ! « sagte er mit sicherer Stimme . » Sie haben mich heftig gesehen - wie mir das leid ist ! ... Das schwache Vertrauen zu mir , das Sie mir heute gezeigt haben , ist nun wieder spurlos verflogen - ich kann mir das denken . « Ich schüttelte den Kopf . » Nicht ? « fragte er aufatmend und sein verschleierter Blick leuchtete . - » Eine Flamme züngelte mir nach dem Gehirn - ich kenne sie und habe sie stets unter meinen Fuß gezwungen ; nur heute nicht , wo ich Ihren Aufschrei hörte und das Blut über Ihr blasses Gesichtchen rieseln sah . « Er stand auf und durchmaß das Zimmer , als überwältige ihn der Eindruck nochmals . Seine Augen schweiften über die Zimmerdecke und den altmodischen Kronleuchter . » Das böse , alte Haus ! « sagte er stehen bleibend . » Es webt ein schlimmer Zauber um diese Wände und Gerätschaften ... Ich kann jetzt begreifen , weshalb die Karolinenlust entstehen mußte - ich verstehe den alten Eberhard Claudius ... Meine schöne Urgroßmutter ist in diesen Mauern vergangen wie eine Blume - jenen schlichten , ruhigen Herzens gewählten Hausfrauen , deren genug hier geschaltet und gewaltet haben , sind sie eine stille , friedliche Heimat gewesen - einem abgöttisch geliebten Frauenleben aber ist das alte Haus stets gefährlich geworden . « Mir ging die aufgeregte Stimme durch Mark und Bein . In diesen Tönen hatte er gewiß auch zu jener Treulosen gesprochen - wie war es möglich gewesen , daß sie ihn dennoch verlassen konnte ? ... » Ihr unschuldiges Kindergemüt hat Sie instinktmäßig vor dem kalten , dunklen Vorderhause zurückschaudern lassen , « fuhr er fort , sich wieder zu mir setzend . » Ja , das war im Anfang , « unterbrach ich ihn lebhaft , » wo ich aus der Heide kam und jede unbekannte Mauer für einen Kerker hielt - das war sehr kindisch ... Auf dem Dierkhof ist ' s ja auch nicht hell - da gibt ' s alte , blinde Scheiben genug , durch die die Sonne nur blinzelt , und in der Tenne ist ' s kühl und dämmerig , mag auch draußen die ganze flimmernde Sonnenglut über der Heide liegen ... Nein , ich habe es jetzt lieb , das alte Vorderhaus , ich betrachte es mit ganz anderen Augen , und seit ich über Augsburg und die Fugger gelesen habe , ist mir ' s immer , als müßten die Frauen mit dem Stirnschleier aus ihrem Rahmen steigen und mir in den Gängen und auf der breiten Steintreppe begegnen . « » Ach , das ist die Poesie , mit der sich das Heideprinzeßchen auch die öde , arme Heimat verklärt hat ! ... Sie würden mit ihr aushalten im alten Kaufmannshause und sich nicht hinüber in die Karolinenlust retten lassen ? « » Nein - es ist mir trauter und heimischer hier ... War denn niemand im Vorderhause , den die schöne Urgroßmutter lieb hatte ? « Was hatte ich denn gesagt , daß er zurückfuhr und mich wie versteinert ansah ? ... Da ging die Thüre auf und Fräulein Fliedner trat mit dem herbeigeholten Hausarzte ein ; gleich darauf kam auch mein Vater . Er war anfänglich sehr betroffen über meinen Unfall ; aber nach Aussage des Arztes war nicht der mindeste Grund zur Besorgnis vorhanden . Eine meiner Locken fiel unter der Schere , dann wurde ein kleiner Verband angelegt ; nur durfte ich nicht mehr in die Nachtluft hinaus . Zum erstenmal schlief ich , bewacht von Fräulein Fliedner , im Vorderhause ; und durch meine leichten Fieberträume ging eine kleine Gestalt ; sie trug den Stirnschleier , wie die Hausfrauen der alten Claudius , und schritt durch die hallenden Gänge und die breite Steintreppe hinab ; aber ihre Füße berührten die kalten Fliesen nicht , die ganzen Blumen des Gartens waren ja da hingeschüttet worden , und das kleine Wesen - ich wußte es unter einem unbeschreiblichen Glücksgefühl - war ich ... 28 Am anderen Morgen , als ein bleicher , kalter Sonnenstrahl auf mein Bett fiel , da zerstob freilich der wonnige Spuk nach allen vier Wänden . Ich schämte mich und wußte doch eigentlich nicht weshalb ... Fräulein Fliedner protestierte energisch ; aber das half alles nichts - ich sprang aus dem Bett , kleidete mich eiligst mit bebenden Händen an und lief nach der Karolinenlust - ich floh aus dem Vorderhause ... Allein dem scharfen Blick , unter dem ich mit einem Male wehrlos zitterte , konnte ich doch nicht mehr entfliehen , und seltsam - Herr Claudius , der bis dahin meinem abweisenden Benehmen eine ruhig ernste Stirn , eine völlig reservierte Haltung entgegengestellt hatte , er wich nicht um Haaresbreite mehr von dem Standpunkte zurück , auf welchem er an jenem Abend Fuß gefaßt ... Er hatte mich einmal stützend umschlungen , und nun war es , als geschähe das unsichtbar fort und fort , bis in alle Ewigkeit . Meine scheue Flucht bei seinem Erblicken , meine konsequent gesenkten Augenlider , wenn er mit mir sprach , mein Schweigen in seiner Nähe , das alles blieb ohne Wirkung - er sprach unverändert in den warmen Tönen zu mir , die er einmal angeschlagen , und seine strahlend heitere Stirn furchte sich nicht . Er hielt mich eisern fest , ohne mich zu berühren , und den Ausspruch , daß er mich zu beschützen wissen werde , machte er in jeder Beziehung wahr . Er war beinahe mehr in der Sternwarte als in seiner Schreibstube ; Theeabende gab es nicht mehr im Vorderhause - dafür saß Herr Claudius oft an unserem kleinen Theetisch in der Bibliothek , und während der Wintersturm draußen um die Ecken heulte und die herabgelassenen grünen Wollvorhänge leise in das Zimmer hereinblies , hielt mein Vater vor seinen zwei Theetischgenossen einen seiner weltberühmten Vorträge . Tief nachsinnend hörte Herr Claudins zu ; nur dann und wann fiel ein Einwurf von seinen Lippen - dann fuhr der Redner betroffen zurück ; denn es war neu und originell , was er da hörte , und stützte sich auf einen Wissensschatz , den er bei » dem Krämer « am allerwenigsten vermutet hatte . Unser Uebereinkommen bezüglich meiner schriftlichen Leistungen für die Firma war auch in Kraft getreten . Ich erhielt die Arbeit durch Fräulein Fliedner und lieferte sie in ihre Hände wieder zurück und war sehr erstaunt , daß man mit Schreiben so unmenschlich viel Geld verdienen könne ; denn die Sorgen traten nie mehr an mich heran , und doch blieb mir immer noch ein kleiner Schatz zur Verfügung . Welche Veränderung ! Ich fühlte mich unrettbar umstrickt und festgebunden an eine andere Seele , und doch beneidete ich den Vogel nicht mehr , der frei über die heimische Heide streifen durfte - ich hätte aufjubeln und es allen Winden erzählen mögen , daß ich gefangen sei , und meine Stirn mochte ich in der That an den Bäumen wund stoßen , nur um noch einmal wonnig zu fühlen , wie die andere Seele um mich leide . Um des einen willen vergaß ich mich und die ganze Welt und auch die Thatsache , daß ich zwei Sünden auf dem Gewissen hatte - die der Lüge und der verschwiegenen Mitwissenschaft eines ihn so tief berührenden Geheimnisses . Wie fiel ich dann aus all meinen Himmeln , wenn Charlottens Stimme mein Ohr traf , oder ihre gewaltige Erscheinung in meinen Gesichtskreis trat ! Zwar , sie hüllte sich jetzt in eine stolze Zurückhaltung . Am Tag nach jenem stürmischen Abend war sie in mein Zimmer gekommen . - » Ich will Sie nicht mit meinen Fingerspitzen , ja nicht einmal mit dem Hauch meines Mundes berühren ! « hatte sie mir von der Schwelle aus bitter zugerufen ! - » Ich will nur Frieden mit Ihnen machen , Prinzeßchen ! - Verzeihen Sie mir , was ich Ihnen angethan ! « - Ich war auf sie zugesprungen und hatte gerührt ihre Hand ergriffen . » Haben Sie gesehen , wie ich unseren Tyrannen gestern auf die Zinne führte ? ... Er ist verloren ! ... Ich gehe mit geschlossenem Munde und unterdrücktem Herzschlag im Krämerhause herum - jeden Bissen , den ich esse , vergällt mir der Ingrimm , die innere Empörung ; aber ich halte aus - ich muß unseren kostbaren Schatz im Schreibtisch hüten , ich darf nicht gehen , ehe Dagobert kommt ! ... O , wie will ich aufjubeln , wenn ich endlich die Thüre der Krambude für immer hinter mir zuschlagen und meinen Fuß auf den Boden des Elternhauses setzen werde ! « Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch hatte ich scheu ihre Hand sinken lassen und war zurückgetreten . Seit jenem Augenblick trafen wir uns selten allein ; nur wenn ich im Hofwagen von der Prinzessin zurückkehrte , da kam sie in den Hof und begleitete mich durch den Garten , und ich mußte ihr erzählen und berichten ... Kurz nach dem Besuch im Claudiushause war die fürstliche Frau an einem Nervenleiden schwer erkrankt und hatte K. behufs einer schleunigen Kur verlassen müssen . Während ihrer Abwesenheit war ich selbstverständlich nicht an den Hof gekommen ; nun aber mußte ich allwöchentlich zweimal erscheinen - das waren die einzigen Momente , wo Herr Claudius mit kaltfinsterem Gesicht umherging . So unter Glück und herzbeklemmender Angst , unter innerem Kampf und doch auch wieder seligem Ausruhen war Woche um Woche verstrichen , und nun kamen die letzten Tage des Januar , und mit ihnen Dagobert ... Ein tödlicher Schrecken durchfuhr mich , als es hieß , der Herr Lieutenant sei mit Sack und Pack angekommen - so nahe , stieg der gefürchtete Moment tiefdunkel und riesengroß vor mir auf , ich mochte die Augen schließen , um ihn nicht zu sehen ; und doch sagte ich mir , daß ein rasch befreiender , schmerzhafter Schnitt dem Schweben zwischen Fürchten und Hoffen vorzuziehen sei . Mochte doch die Entscheidung fallen , wie sie wollte , ich war dann meiner unseligen Mitwissenschaft ledig , ich durfte sprechen und meinen Leichtsinn reuig bekennen . Das waren schwere Tage für mich ; denn auch noch eine andere Last bedrückte meine Seele - mein Vater erschien mir plötzlich unheimlich verändert . Sein ganzes Thun und Wesen erinnerte mich an die Zeit , wo es sich um den Ankauf der Münzen gehandelt hatte ; er aß nicht , und des Nachts hörte ich ihn ruhelos umherwandern . Eine befremdliche Flut von Briefen aus allen Richtungen her überschwemmte ihn , und mit jedem neuen , den er hastig erbrach , erhöhte sich die Fieberglut auf seinem eingefallenen Gesicht . Er schrieb anhaltend , aber nicht an dem Manuskript , das den Fund in der Karolinenlust behandelte - es lag unberührt auf dem Schreibtisch ... Angestrengt lauschte ich auf das Gemurmel seiner Selbstgespräche , unter denen er oft das Zimmer durchmaß ; aber ich konnte kein Wort verstehen , und zu fragen wagte ich nicht , um ihn nicht ungeduldig zu machen . Nie werde ich die Stunden vergessen , in denen seine gewaltsam beherrschte innere Unruhe endlich zum Durchbruch kam ! Es war an einem jener trüben , dunklen Winternachmittage , die sich wie Blei über die Erde und die Menschenseelen legen . Mein Vater hatte sich nach Tische in sein Zimmer zurückgezogen und die eben eingelaufenen Zeitungen mitgenommen . Schon nach wenigen Minuten hörte ich ihn drinnen aufspringen ; er schlug die Thüre krachend zu und rannte hinauf in die Bibliothek . Angstvoll ging ich ihm nach . » Vater ! « rief ich bittend und umschlang ihn , als er , ohne mich zu bemerken , an mir vorüberstrich . Ich mußte wohl sehr erschrocken aussehen ; denn er fuhr mit beiden Händen durch die Haare und bemühte sich sichtlich , ruhig zu scheinen . » Es ist nichts , Lorchen , « sagte er gepreßt . » Gehe nur wieder hinunter , mein Kind ... Die Leute lügen ! Sie gönnen deinem Vater den Ruhm nicht - sie wissen , daß sie ihm den Todesstoß versetzen , wenn sie ihm seine Autorität antasten ... Und nun kommen sie zu Haufen , und jeder hat einen Stein in der Hand ... Ja , steinigt ihn , steinigt ihn ! Er hat schon allzulange geleuchtet ! « Er schwieg plötzlich und sah über meinen Kopf hinweg nach der Thüre . Eine Dame war geräuschlos eingetreten , eine hohe Erscheinung in schwarzem Samtmantel und breitem Hermelinkragen . Sie schlug einen weißen Schleier zurück - Himmel , welche Schönheit ! Ich mußte an Schneewittchen denken - Augen , schwarz wie Ebenholz , die Stirn weiß , und auf den Wangen lag eine sanfte Rosenglut . Mein Vater starrte sie befremdet an , während sie mit schwebenden Schritten auf uns zukam . Ein feines Lächeln flog um ihren Mund , und schelmisch blinzelnd streifte ihr Seitenblick meinen Vater - das sah reizend , fast kindlich ungezwungen aus ; und doch meinte ich , hinter den harmlosen Gebärden müsse ein ängstliches Herz klopfen , die kirschroten Lippen zuckten in nervöser Aufregung . » Er kennt mich nicht , « sagte sie in wohllautenden Tönen , als mein Vater konsequent schwieg . » Ich werde ihn wohl an die Zeit erinnern müssen , wo wir im Garten zu Hannover gespielt haben , wo die ältere Schwester willig als Pferdchen umhergaloppierte und Wilibalds Peitsche zu fühlen bekam - weißt du noch ? « Mein Vater wich zurück , als kämen aus dem Samtmantel der wunderschönen Frau die Krallen eines Ungeheuers . Mit einem eisigen Blick maß er sie von Kopf bis zu Füßen - nie hätte ich gedacht , daß dieser stets so unsicher umherhastende Mann ein so festes Gepräge abweisender Härte und Kälte anzunehmen vermöchte . » Ich kann mir unmöglich denken , daß Christine Wolf , die allerdings einst im Hause meines Vaters , des Herrn von Sassen , gelebt hat , in der That meine Schwelle betritt , « sagte er streng . » Wilibald - « » Ich muß sehr bitten , « unterbrach er sie und hob abwehrend die Hand , » wir haben nichts miteinander gemein ! ... Wäre es nur die Verirrte , die aus unbesiegbarer Neigung zur Kunst heimlich das mütterliche Haus verlassen hat - ich nähme sie sofort auf - mit der Diebin aber will ich nichts zu schaffen haben . « » O mein Gott ! « Sie schlug die Hände zusammen und sah schmerzhaft gen Himmel - ich begriff nicht , wie er diesem Madonnenblick widerstehen konnte , wenn mich auch das Wort » Diebin « wie ein elektrischer Schlag berührt hatte . - » Wilibald , sei barmherzig ! Richte nicht so streng diese eine Jugendsünde ! « flehte sie . » Konnte ich denn die heißersehnte Laufbahn mit leeren Händen beginnen ? Die Mutter bewilligte mir keinen Pfennig , das weißt du , und es war doch so wenig , so geringfügig , was ich von der reichen Frau verlangte - « » Nur zwölftausend Thaler , die du aus ihrem festverschlossenen Sekretär mitnahmst - « » Hatte ich nicht doch ein Recht darauf , Wilibald ? ... Sage selbst . « » Auch auf die Brillanten unseres damaligen Gastes , der Baronin Hanke , welche mit dir spurlos verschwanden , und die meine Mutter mit den größten Opfern ersetzen mußte , nur um unser Haus vor der öffentlichen Schande zu bewahren ? « » Lüge , Lüge ! « schrie sie auf . » Gehe hinaus , Lorchen - das ist nichts für dich ! « sagte mein Vater zu mir und führte mich nach der Thüre . » Nein , gehe nicht , mein süßes Kind ! Sei barmherzig und hilf mir ihn überzeugen , daß ich schuldlos bin ! ... Ja , du bist Lenore ! ... O ihr süßen , wonnigen Augen ! « Sie zog mich in ihre Arme und küßte mich auf die Lider - der weiche Samtmantel fiel über mich her ; ein köstlicher Veilchenduft entströmte ihrem Busen und berauschte mich förmlich . Mit harter Hand riß mich mein Vater von ihr los . » Bethöre mir mein unschuldiges Kind nicht ! « rief er heftig und führte mich hinaus . Ich ging die Treppe hinab und kauerte mich auf der untersten Stufe wie betäubt nieder ... Das war also meine Tante Christine , » der Schandfleck der Familie « , wie sie Ilse , » der Stern « , wie sie sich selbst genannt hatte ! ... Ein Stern war sie , diese hinreißend schöne Frau ! ... Alles , was ich an weiblicher Lieblichkeit bis jetzt gesehen , es erblaßte neben dem Farbenreiz , dem Jugendhauch auf dem Gesicht meiner Tante ! ... Wie schwer und wuchtig lagen die schwarzen Locken auf dem weißen Hermelin ! Wie glänzte diese ungefurchte Stirn , von der feine Adern in zartem Blau sich über die Schläfen herabringelten ! Ach , und diese köstlich schmeichelnde Stimme , sie war wieder da , die Kur hatte geholfen ! ... Die schlanken Hände , die mich so weich und lind angefaßt und an den Busen der bezaubernden Frau gezogen hatten - sie sollten gestohlen haben ! ... Nein , nein , die Entrüstung meiner Tante widerlegte diese Beschuldigung vollständig - sah ich doch Thränen in ihren Augen blitzen ! Mit klopfendem Herzen horchte ich auf den Wortwechsel droben in der Bibliothek - ich konnte kein Wort erhaschen , und er dauerte auch nicht lange an . Die Thüre wurde geöffnet - » Gott mag dir vergeben ! « hörte ich meine Tante sagen , dann rauschte ihre Schleppe die Treppe herab ... Ihre Schritte wurden immer matter und langsamer - plötzlich legte sie die Hand über die Augen und lehnte sich an die Wand . Ich sprang die Stufen hinauf und faßte ihre Rechte . » Tante Christine ! « rief ich tief ergriffen . Sie ließ die Hand langsam von den Augen sinken und sah mich mit einem traurigen Lächeln an . » Mein kleiner Engel , mein Augentrost , gelt , du glaubst nicht , daß ich eine Verbrecherin bin ? « sagte sie , mir sanft das Kinn streichelnd . » Die bösen , bösen Menschen , wie hetzen sie mich mit ihren Verleumdungen durch das Leben ! ... Was alles habe ich schon erdulden müssen ! Und in welcher entsetzlichen Lage bin ich nun , wo dein strenger Vater mich unerbittlich verstößt ! Kind , ich habe kein Dach über mir , keinen Pfühl , auf den ich nachts mein Haupt legen kann ! Mit dem letzten Groschen in der Tasche habe ich K. mühsam erreicht - ich wollte ja dich sehen , dich , meine kleine Lenore ! ... Gott im Himmel , nur für einige Tage ein Obdach , dann werde ich mir ja weiterhelfen ! « Das war eine peinliche Lage für mich ... Ich hätte ihr sofort mein eigenes Bett eingeräumt und auf dem Stroh geschlafen - so sehr umstrickte mich der Zauber dieser Frau ; aber gegen den Willen meines Vaters durfte ich sie doch nicht im Hause behalten . Ich dachte an Fräulein Fliedner - sie war so gut und bereitwillig zu helfen , vielleicht wußte sie Rat ... Ach , alle meine schönen Vorsätze , nach welchen ich stets zuerst überlegen und dann handeln wollte , wo waren sie hin ? ... Ohne ein Wort zu sagen , führte ich meine Tante die Treppe hinab und hinaus über den Kiesplatz - sie folgte mir lenksam wie ein Kind . Wir wollten eben in das Boskett einbiegen , da traten uns die Geschwister entgegen - Charlotte in weißglänzender Atlaskapuze und den violetten kostbaren Samtpelz um die Schultern geschlagen - sie wollten offenbar promenieren . Ich hatte » den Herrn Lieutenant « noch nicht gesehen , denn ich war ihm konsequent ausgewichen , so oft er auch tagsüber die Karolinenlust aufsuchte . Nun erschrak ich vor ihm bis in das innerste Herz und fuhr zurück . Aber auch er schien überrascht - seine braunen Augen , vor denen ich mich seit jenem Auftritt im Saal der Bel-Etage stets entsetzte , hingen mit einem seltsamen Aufblitzen an meinem Gesicht . Ich that , als sähe ich die Hand nicht , die er mir lächelnd hinreichte , und stellte Charlotte meiner Tante vor . Mit Befremden sah ich , daß eine heftige Bewegung blitzschnell durch die schönen Züge der unglücklichen Frau lief - sie wollte sprechen , und doch kam kein Laut über ihre Lippen . Charlotte neigte flüchtig und vornehm den Kopf , während ein ziemlich hochmütig musternder Blick die vor ihr stehende Erscheinung streifte . » Fräulein Fliedner wird Ihnen schwerlich raten können , « sagte sie kalt zu mir , als ich ihr mein Vorhaben mit einigen Worten andeutete . » Und helfen noch viel weniger - wir haben sehr wenig Platz im Vorderhause ... Wenn ich Ihnen raten soll , so gehen Sie zu Ihren Freunden Helldorf - die haben doch gewiß ein Stübchen , wo Sie Ihre Frau Tante unterbringen können . « Ich wandte mich empört ab , und meine Tante ließ hastig ihren Schleier über das Gesicht fallen . In dem Augenblick ging der Gärtner Schäfer grüßend an uns vorüber . Das Schweizerhäuschen war sein Eigentum , und ich wußte , daß er die sogenannte Putzstube seiner verstorbenen Frau öfter an Fremde vermietete .