geworfen , der ihm auf dem Wege zu seinen Zielen hindernd entgegentrat , und nun sollte er nicht einmal mit bloßen Einbildungen fertig werden . Leichter freilich wär ' s gegangen , wenn er Zuseln recht fröhlich gesehen hätte . Die aber schlich wie ein Schatten herum und fragte wohl fast ein dutzendmal , was doch auch Hansjörg zu der schnellen Wendung der Dinge gesagt habe . Erst am Montag , als der Krämer das Haus verließ und an seine neue Stellung in der Gemeinde , ja sogar schon an Ämter und Ehrenstellen dachte , die dem wohlhabenden Mitglied einer solchen Verwandtschaft in seinem Ruhestand nicht mehr fehlen konnten , vermochte er sich des Errungenen wieder ganz von Herzen zu freuen . Er machte , damit Hans nicht in seinem Behagen gestört werde und nur mit seiner Mutter über sein Vorhaben rede , die zur Vorbereitung der Hochzeit nötigen Schritte selbst und weidete sich an dem Erstaunen der Leute , daß die Sache noch so schnell ins reine gekommen sei . Ein Vergnügen aber war ihm auch dafür zu gönnen , daß er an einem so stürmischen Tage den Pfarrer und den Vorsteher , Musikanten und Kleidermacherinnen aufsuchen mußte . Sicher würden alle Häuser abgedeckt worden sein , wenn nicht die allerdings nur noch unbedeutende Schneelast die Schindeln festgehalten hätte . Dabei stoben die großen Flocken herum , daß man halbe Viertelstunden lang nicht von einem Hause zum anderen sehen konnte . Wer einen Gang zu machen hatte , kam geschlossenen Auges auf dem verwehten Wege daher , als ob er einen schwerbeladenen Schlitten nachziehen müßte . Doch wenn ein vorteilhaftes Geschäft zu machen war , pflegte der Krämer sich weder von Schloßen noch Schneeflocken abschrecken zu lassen . Und galt es jemals ein vorteilhafteres als heute ? Am Sonntag mußte Zusel sich als Braut gehörig stellen , und nun sollten Schuster , Schneider und Näherin den Arbeitszuwachs doch rechtzeitig erfahren . Es ging schon stark gegen Abend , als er , von seinen vielen Ständen und Gängen zurückkommend , vor dem Hause des Rößlewirtes anlangte , dem er noch den gewiß willkommenen Auftrag hinterlassen wollte , daß er sich auf einen gehörigen Hochzeitsschmaus vorzubereiten habe . Des alten Mannes übrigens noch ziemlich gute Augen waren von der Schneewolke , die ihn im Freien überall umgab und jeden dunkleren Ruhepunkt verhüllte , so angegriffen und geblendet , daß er einen Grenzjäger , der ihm unter der Haustüre entgegenkam , beinahe noch umgestoßen hätte . Und noch war der Schreck über den unvermuteten Anblick des grünen Kragens ihm nicht aus den müden Gliedern , als ein kräftiger Arm ihn in einen Winkel schob und Hansjörgs aus Tausenden zu erkennende Stimme ihm kühl und fast verächtlich einen guten Abend wünschte . » Jetzt ist ' s gefehlt ! « klagte der fast zu Tode erschrockene Krämer und taumelte in die Stube . Hier aber ward er nicht besonders freundlich empfangen . Mehrere Tausende der von ihm gekauften Zigarren hatte der Grenzjäger hier gefunden und für streng verbotene Ware erklärt . Nach dem Berichte des Wirtes war es nur dem Treiben und Fortdrängen Hansjörgs , der als des Grenzjägers Schlafkamerad noch viel bei ihm galt , und seinen listigen Antworten auf alle an den Wirt gerichteten Fragen zuzuschreiben , daß der Krämer nicht verraten wurde . » Er ist aber doch der Verräter . Niemand kann das wie er und hat so viel Grund , wenn er ein Auge hergeben will , daß ich beide verliere « , jammerte der Krämer . » Die Kronenwirtin « , erzählte nun eine Magd , » hat viel eher deinen Töchtermann , den Andreas , im Verdacht . Er soll gestern bei ihr im Zorne fort sein und mit etwas Derartigem gedroht haben . « Der Krämer , nur Hansjörgen fürchtend , glaubte das nicht , aber mit Schrecken dachte er an die im Stadel versteckten Waren . Sollten die ihn jetzt , wo er aufhören wollte , noch in Unglück und Schande bringen ? Mit der Kronenwirtin mochte der Trunkenbold Händel haben , doch ihn , den Schwiegervater , durfte er wohl schon aus Eigennutz nicht in eine so hohe Geldstrafe bringen . In der Krone fand die erste Haussuchung statt . Dorothee mochte dem Bruder das geschwind berichtet haben , und nun ließ das übrige sich denken . Andreas machte die erste Dummheit nur , weil er nichts von der Ware in seinem Stadel wußte . Aber Hansjörg , der verkaufte , ins Joch gespannte , angelogene , ausgebeutete und weggeworfene Hansjörg , mußte heute die Gelegenheit , sich zu rächen , mit Freude benützen . Dem sonst so weitsehenden Mann hätte einfallen sollen , daß der beeidete Soldat fürchten mußte , am tiefsten in die ihm gegrabene Grube zu fallen . Er meinte , der Kampf zwischen Verstand und Leidenschaft sei schwer zu berechnen , und da hatte er ganz recht . Selbst ihm gelang es nicht , sonst würde er viel ruhiger bei seinem Schoppen gesessen sein . Hansjörg , der auch den Vorrat seines Freundes , den ganzen Reichtum des Jos und die Sparpfennige seiner armen Freunde neben der Ware des Krämers verborgen wußte , war fast zu Tode erschrocken , als er vom Grenzjäger , den er zufällig antraf , erfuhr , warum er bei dem Unwetter mit dem betrunkenen Andreas ins Dorf gekommen sei . Wohl redete der alte Bekannte so freundlich und offen , daß Hansjörgen alle Angst wieder vergangen wäre , wenn er nicht gefürchtet hätte , der Krämer könnte von einem der Wirte verraten werden , um sich straffrei zu machen . Schon sich selbst und dem Jos zulieb ' mußte der Spitzbube diesmal geschützt werden . Zum lieben Glücke kannte er den Grenzjäger als einen grundgemütlichen Kerl , der gewiß kein Wässerlein trübte , wenn ' s nicht von seiner traurigen Pflicht gefordert war . Da schien es das klügste , gleich mit ihm in alle Wirtshäuser zu gehen , die durchsucht werden mußten , und mit Scherz und Ernst so viel als möglich alles abzuschneiden , was den pflichttreuen Freund etwa zu weiteren Fragen und Untersuchungen zwingen mußte . Wohl war das ein sehr gewagtes Spiel , aber der Schwärzer fand kein anderes Mittel , sich und diejenigen , an die sein Schicksal nun einmal gekettet war , zu retten . Der Krämer aber legte den Eifer ganz anders aus , mit welchem Hansjörg sich dem Grenzjäger nach dem Berichte des Rößlewirtes dienstbar zu zeigen suchte . Wenn er sein eigener Angeber wurde , so suchte er sich doch jedenfalls noch einen vielleicht mächtigen Fürsprecher zu gewinnen . Das erklärte alles , oder besser , der Krämer glaubte , daß er an Hansjörgs Platze so handeln würde . An seinem Platz ! Es war das erstemal , daß der Krämer sich in die Lage eines Menschen dachte , der ein Opfer seiner Geldgier wurde . Jetzt aber tat er das , gedachte schaudernd der großen Rechnung , welche gestern nicht ausgeglichen ward , und glaubte nun zu wissen , was er zu erwarten habe . Und was Hansjörg , dem er vielleicht zweimal sein Lebensglück zerstörte , gegen ihn auch unternehmen mochte , er konnte ihm nicht unrecht geben . Ja , das war noch beinahe das quälendste , daß bei allem dem ein herzliches Mitleid mit dem Armen sich in ihm zu regen begann . Es litt ihn nicht lange bei seinem Schoppen . Auf mußte er , fort , hinaus in Nacht und Sturm , wo er wenigstens ungestört sinnen konnte . Mit zitternder Hand legte er zwei Sechser neben den kaum berührten Schoppen und ging . Jetzt schien ihm der verschneite Weg nicht mehr gar so schlecht zu sein , auch peitschte der Sturm einem den Schnee nicht mehr gar so arg ins Gesicht als nachmittags . Nur sehen konnte man auch jetzt nicht weit , das war womöglich schlimmer geworden ; und doch hätte er es vermeiden mögen , unversehens jemandem zu begegnen , da man ja leicht Verdacht schöpfen konnte , wenn man ihn auf dem Wege sah , während ein Grenzjäger im Dorfe verweilte . Unwillkürlich verließ er den durchs Dorf hinein zu der Wohnung des Andreas führenden Weg und merkte nun , daß ihn der alte Schnee ganz vortrefflich trug . Er lief also gerade so bequem oder unbequem ob dem Dorfe hinein als durch die verschneite und überdies unter der glatten Decke des neugefallenen Schnees recht holperige Gasse , mußte nicht zwischen Häusern hindurch und war sicher , daß ihm kein Mensch begegne . Schon eilte er hinauf , als ob es das Leben gelte . Schon mußte er jedem , der im Dorfe war , in der Schneewolke verschwunden sein , und doch eilte er immer noch weiter hinauf , bis er sich endlich ein wenig stillzustehen und zu verschnaufen gezwungen fühlte . Bitter lachend sank er zusammen . Es wurde ihm jetzt nicht so schnell zu kalt auf dem neugefallenen Schnee . Er saß und sann , während es im Tale dunkler und dunkler ward . Zum Teil war es ihm doch noch lieb , daß Hansjörg sich zu solchem verräterischem Spitzbubenstreich fähig zeigte . Nun hatte man wenigstens die Beruhigung , ihn an und für sich schon für einen grundschlechten Kerl halten zu dürfen , an dem wohl nicht viel mehr zu verderben gewesen war . Die tausend Gulden , oder was der Spaß allenfalls kostete , konnte er den Kindern ohne Sorge noch wegnehmen , und mithin war dann alles wieder aus . Alles ? Wahrhaftig nicht . Es blieb noch der heillose Spott und die frömmelnde Schadenfreude aller der Einfaltspinsel zu überstehen , die in den elenden Nestern ihrer Väter gewissenhaft am Hungertuche nagten und schon längst gerne sehen wollten , wie lang er es treiben könne , bis ihm endlich das Wasser in die Schuhe rinnen werde . Nicht überstanden und sicher kaum zum Überstehen war das Gejammer der alten Stigerin , die mit frommem Augenverdrehen jedes Abweichen von Gesetz und Ordnung zu verdammen pflegte . Ängstlich malte der Krämer sich die traurigen Folgen dieses verwünschten Zwischenfalles aus , alles Mögliche , ja noch viel Unmögliches fiel ihm ein , nur das nicht , daß Hansjörg ihn so gut als möglich aus der Geschichte zu wickeln bemüht sei . Wäre er nur sicher gewesen , daß die beiden jetzt noch nicht im Stadel herumschnüffelten , so würde er gleich hinabgegangen sein und wenigstens soviel als irgend möglich zu retten versucht haben . Vielleicht noch das meiste ! Ja , und dann wäre Hansjörg vergebens sein eigener Verräter geworden ! Es war zum Rasendwerden , ruhig hier sitzen zu sollen , während da drunten weiß Gott was geschehen oder versäumt werden konnte . Traurig blickte er über das Dorf , welches wie ein schwarzer Strich unter ihm sich hinzog , wenn das Schneegestöber einmal für eine Minute freie Aussicht ließ . Alles war dann ruhig und still , die meisten Häuser mußten des Unwetters wegen schon von allen Seiten geschlossen sein , denn nur hier und da sah man den Schimmer eines Lichtes . Jetzt saßen sie beim Nachtessen oder beim Abendrosenkranz still und behaglich , wie er es früher daheim hatte , da die Eltern noch lebten und alles im Frieden beisammen war . Welch ein unruhiges Leben hatte er durchlebt seit damals , wieviel sich versagt und wie oft gegen die eigene Überzeugung reden und handeln müssen , um schließlich hier zu stehen wie ein Ausgestoßener , während der Sturm jeden heimtrieb und auch des elendesten Nestes froh machte . - Regierte denn nicht Geld die Welt ? Oder fehlte ihm das ? Nein , er war einer der Wohlhabendsten - und sollte nicht mehr in sein Heimatsdorf , etwa zu seiner armen Angelika und ihrem holden Kinde gehen dürfen ? Jetzt gleich wollte er es zeigen , und mochte daraus entstehen , was wollte , er konnte schon zahlen . Nebenbei ließ sich dann wohl erhorchen , wie es im Stadel stand . Vielleicht gelang es ihm noch , wenigstens den Tabak und das Schießpulver auf die Seite zu bringen und die ungestempelten Kalender und den Kaffee und die Tuchballen und alles . Dann konnte er später , so zwischen Feuer und Licht , auch ganz behaglich daheim sitzen , so behaglich als einer . Das bisherige Leben war nur ein beständiger Krieg gewesen , nun aber mußte Frieden werden für die letzten Tage . Ein Heimweh , eine nie so empfundene Sehnsucht nach einem ruhigen , gottgefälligen Leben erfaßte ihn . Die Lichter da drunten sah er nur noch in den Tränen schwimmen , die seinen Augen entquollen . Er wollte gewiß ordentlich und fromm werden , recht fromm , und zur Messe gehen und Stiftungen machen und alles - nur noch heute , zum letztenmal , sollten List oder Gewalt ihm irgendwie durchhelfen . Hansjörg mußte noch ungefährlich gemacht und Zusel in Ehren versorgt werden auf dem Stighof , sonst war ' s ja gar nicht möglich , seinen guten Vorsätzen gehörig nachzukommen . Mit solchen Gedanken beschäftigt , war er , immer schneller gehend , endlich beim Stadel seines Töchtermanns angelangt . Derselbe stieß gegen die durchs Dorf gehende Gasse hinab hart an den hinteren Teil des der Gasse entlang stehenden Hauses , den die Stallungen und Heulager einnahmen , während die Wohngebäude sich jenseits des mitten auf dem hohen Dachfirst aus dem Schnee hervorragenden Kamins befanden . Aber wie fern auch der Stadel der Wohnstube stand , hörte der Krämer doch , wie Angelikas Margretle mit vor Weinen halberstickter Stimme der Mutter rief . Zuerst glaubte er , sich jetzt um Wichtigeres kümmern zu müssen als das Schreien eines Kindes , dessen Mutter gewiß in der Nähe war . Aber das Kind rief immer schmerzlicher , so daß er endlich , wenn auch mürrisch , hinüberfragte : » Wo ist denn die Mutter ? « » Beim Großvater . « » Das ist nicht wahr « , sagte er etwas freundlicher . Das Mädchen mit den goldigen Locken und dem schnellen Blicke hatte längst sein Herz gewonnen , und er spielte lieber mit ihm , als er früher mit seinen eigenen Kindern gespielt hatte . Margretle wußte das , und seine Stimme klang viel heiterer , als es dem schon Erkannten zurief : » Komm doch herein ! Ich geh ' gleich mit , wenn die Mutter auch wegbleibt . « Der Krämer vergaß , warum er herkam , und ging in die Stube . Das Mädchen war allein und erzählte , daß die Mutter schon vor dem Dunkelwerden das Haus verlassen habe . » Der Vater « , klagte dann das Kind , » ist nachmittag heimgekommen und hat nicht mehr gehen und kaum reden können . Dann ist er ins Bett . Die Mutter ist aufs Kanapee gefallen und liegen geblieben , aber sie hat nicht geschlafen . Geweint hat sie recht grausam , und ich hab ' auch weinen müssen . Die Kühe haben das Futter viel zu spät bekommen , dann ist die Mutter fort zu dir und hat gesagt , sie frage dich , ob es nicht auch für uns noch Platz gab ' in deinem Hause , weil es hier doch nicht mehr zum Aushalten sei . « Nun konnte der Krämer sich alles erklären . Es tat ihm wohl , daß jetzt auch Angelika , die sich bisher immer etwas scheu stellte , zu ihm die Zuflucht nehmen und so das Werk ihrer stolzen mütterlichen Verwandten öffentlich verdammen wollte . Nun waren noch schöne Tage zu erleben in seinem Hause . » Möchtest du zu mir ? « fragte er freundlich . Das Kind warf einen traurigen Blick nach dem Schlafzimmer des Vaters und antwortete : » Ich möchte nicht mehr dableiben , wenn die Mutter gehen tät . Wenn doch nur der Vater nicht krank wär ' ! Oh , du hättest ihn heute sehen sollen ! Er hat nicht einmal essen mögen , und der fremde Mann mit dem langen Rock und dem grünen Kragen und dem großen Messer ist allein bei dem Braten gewesen , den Mutter schon gestern abends für den Vater gerichtet und heute weinend wieder gewärmt hat . « Das erinnerte den Krämer wieder an den Stadel . Hastig langte er nach der Laterne auf dem buntbemalten Wandschrank , und indem er die darin stehende Lampe rasch anzündete , sagte er : » Die Mutter kommt schon , leg ' dich nur aufs Kanapee , bis sie kommt , und schlaf - oder bete . « Ohne sich noch um die Einwendungen des Kindes zu kümmern , verließ der Krämer die Stube und eilte dem Stadel zu . Seine Hast , die alle Vorsicht vergaß , mußte ihn verraten , wenn irgendein Beobachter in der Nähe war . Trug er doch sogar die Laterne ganz frei in der Hand , als ob es keinem Menschen auffallen könne , wenn er gesehen werden sollte . Von vorsichtigem Horchen vor Eröffnung des großen Tores war keine Rede mehr . Erst als er im Stadel war , dachte er daran , wie sehr er die beiden schon hier zu treffen fürchtete . » Gott Lob und Dank ! « hauchte er , als er alles in Ordnung fand . Auf dem Boden , unter welchem er seine Waren versteckt wußte , lagen eine Menge Hobelspäne , wie sie Hansjörg immer herumzustreuen pflegte . Die , in viele Teile zerlegt , hier an der Wand aufgebeigten Heuwagen warfen lange , gespensterhaft aussehende Schatten an Wand und Decke , deren sonderbares Nicken und Winken dem Krämer grausig vorkam , einem anderen aber sicher nur das Zittern der Hand verraten hätte , welche die Laterne krampfhaft festhielt . Endlich stellte er sie auf den Boden - und schrie vor Schrecken laut auf , als er dabei die Schatten länger werden und gegen ihn herausfahren sah . Seine Hand war zu unsicher , sein Arm zu kraftlos , um gleich eines der schweren Bretter zu heben , welche , lose nebeneinander gelegt , den Boden des Stadels bildeten . Er glaubte jemand reden zu hören , und nun dachte er mit Schrecken an seine Vorsichtslosigkeit beim Hereingehen . Es war nichts Gewisses zu erhorchen , denn der Sturm , obwohl er jetzt bedeutend nachgelassen hatte , pfiff , brummte und klapperte noch überall . Aber das nun - was war das ? Sturmläuten in der Pfarrkirche ! Der Krämer fuhr zuerst erschrocken auf , dann aber zog etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht . » Gott , nun bin ich sicher da , gewiß ganz sicher . Jetzt haben sie zu tun ohne mich . Wie doch alles auch wieder zu etwas gut ist ! Es soll nur brennen meinetwegen , wenn nur - « Er eilte vor den Stadel , um zu sehen , wo Feuer ausgebrochen sei . Aber er sah nichts und hörte , da es wieder windstill geworden war , die Glocke ganz regelmäßig anschlagen , während die Wellen des Sturmes nur einzelne Klänge da hereingetragen hatten . Ha , nur Feierabend läutete es , zur Ruhe und zum Gebet . Alle konnten daheim bleiben und sich wohl sein lassen , nur er nicht . Und da kamen auch noch zwei schnellen Schrittes die Gasse herauf ? ! Der eine just so groß wie der Grenzjäger - und auch der lange Rock und die Bewaffnung ? ! Herrgott ! Und der andere redete und war wie der ganze , leibhaftige Hansjörg . Oh , jetzt hätte es brennen sollen , fürchterlich , daß alles zu tun gehabt hätte . Fliehen ? Ein Alter zwei Jungen entrinnen ? Unmöglich ! Und zudem hatte er sich vorhin schon mit der Laterne verraten . Die beiden kamen näher , näher - Brennen mußte es , oder er war verloren , gefangen neben den Beweisen wie ein Dieb ! Und dann das Lächeln Hansjörgs - und Dorotheens , wenn gar auch aus Zusels Heirat nichts mehr werden sollte . Das konnte man um keinen Preis erleben ! Wäre der Krämer noch wenige Sekunden auf seinem Platze geblieben , so hätte er die beiden hinter dem stattlichen Hause seines Töchtermannes wieder verschwinden sehen . Aber es litt ihn nicht mehr auf seinem Platze . Schon in der nächsten Minute mußten sie im Stadel sein , daran hätte er seine Seligkeit setzen dürfen . Nun , sie sollten schon Arbeit bekommen , daß er auf eine Weile vergessen wurde . Als ob es das Leben gelte , sprang er in den Stadel zurück , riß das Licht aus der Laterne , zündete mit zitternder Hand in einen Haufen Hobelspäne , und schon im nächsten Augenblick wälzte sich die Flamme , größer und größer werdend , über den Boden hin gegen die ordentlich aufgebeigten Heuwagen , deren Schatten jetzt der Krämer mit furchtbarer Schnelle kleiner und kleiner werden sah . Schon knisterte und prasselte es , daß nichts mehr zu hören war vom Tosen des Sturmes , der jetzt das Tor aufwarf und die schon überall emporleckenden Flammen gegen den Holzvorrat hintrieb , welcher in der dem Hause zugekehrten Ecke des Stadels aufgehäuft war . Die Hitze wurde schon fast unerträglich . Der Krämer hatte gleich fliehen und das Löschen und Lärmschlagen seinen Verfolgern überlassen wollen , jetzt aber stand er zitternd und innerlich verzweifelnd vor seinem Werke , bis es ihm zu heiß wurde . Sollte noch gar das Haus in Gefahr kommen und die Nachbarschaft ? Himmel , das hatte er nicht wollen ! Ohne noch an die Folgen zu denken , die es für ihn haben mußte , wenn er hier von denen angetroffen wurde , die zuerst zur Hilfe herbeieilten , trug er einen Arm voll Schnee nach dem anderen herein , um vielleicht die wachsende und wachsende Flamme doch noch ein wenig zu zähmen . Erst als er gelbliche Streifen an der Decke herumziehen sah , wie vorher die Schatten der jetzt in vollem Brande stehenden Heuwagen , und als draußen die Dachtraufe zu plätschern begann , nicht nur wie wenn der heißeste Frühlingstag den Schnee zu schmelzen beginnt , sondern gerade wie ein Brunnen , sank er vernichtet nieder und starrte gleich einem Wahnsinnigen in die immer wilder um sich schlagende Flamme , bis hart neben ihm ein Dachbalken herunterstürzte und zwei Bretter des Bodens brach , daß er nun auch sehen konnte , wie seine Warenballen Feuer fingen . Mit einem lauten Schrei dachte er an das Schießpulver und stürzte hinaus . Ohne zu wissen , wohin er ging , eilte er wieder ob das Dorf hinauf . Er hatte keinen anderen Gedanken mehr als den , dem Schießpulver und dem furchtbaren Geprassel zu entrinnen . Ohne Furcht , sich zu verraten , würde er um Hilfe gerufen haben , wenn er nicht durch den Schreck und die Angst um Besinnung und Stimme gekommen wäre . Aber die Nachbarn in ihren wohlverschlossenen Häusern hörten jetzt das Geprassel und eilten hinaus . Die ersten kamen mit leeren Händen auf den erhellten Platz , als eben das letzte Wasser des auf dem Dache geschmolzenen Schnees in das leise zischende Flammenmeer tropfte . Schon begann auch die Dachtraufe des Hauses zu rinnen , und lawinenartig stürzte der Schnee vom hohen Dachstuhl nieder . Ein gewaltiger Windstoß trieb die weit über den Stadel hinwallende Flamme gegen das Haus , an dessen oberer Ecke sie schon im nächsten Augenblick mit der Schnelligkeit des Sturmes rechts und links emporklomm . Das Feuer schwoll und schwoll , die einzelnen Flammenstränge liefen wie Bäche zusammen , der Sturm trug den ersten schrillen Klang der Sturmglocke wie einen Wehruf übers Dorf , dessen hintere Hälfte verloren war , wenn der Wind nicht ruhiger wurde . Die zum Löschen Herbeigekommenen jammerten , beteten und riefen den Bewohnern des weiter und weiter nach vorn in Brand stehenden Hauses . Viele Nachbarn eilten , um die eigene Habe noch zu retten , und dem mit Hansjörg herbeigekommenen Grenzjäger fehlte es wieder an Leuten , als er , um weiteres Unglück zu verhüten , das Haus niederzureißen befahl . Die Gegenwärtigen wollten nicht an ein so schönes Haus . » Und Andreas ? « riefen mehrere . » Und Angelika ? ! « schrie Hans , der in diesem Augenblick atemlos herbeistürzte . Während nun die Bauern , auf die Feuerspritze wartend , die Nachbarhäuser mit einer schützenden Schneemauer zu umgeben anfingen , sprang Hans , abwechselnd Andreas und Angelika rufend , um das Haus herum . Endlich polterte der erstere in seinen Holzschuhen heraus und eilte den brüllenden Kühen zu . » Wo sind Weib und Kind ? « fragte Hans in furchtbarer Aufregung . » Weiß nicht « , war des Andreas kurze Antwort , dann eilte er in den schon überall brennenden Stall , um die brüllenden Tiere zu erlösen . Eben waren die ersten Männer mit Feuerhaken angekommen und hatten die Antwort des Andreas gehört . Daß er noch nicht ganz ernüchtert war , wußten sie nicht , und seine Herzlosigkeit kam ihnen so unnatürlich vor , daß sie wie erstarrt stehen blieben und den aus einer Rauchwolke heraustaumelnden Tieren nachsahen . Nur Hans war immer unruhiger . » Angelika ! « schrie er , daß es den Leuten durch Mark und Bein ging , und mit einer Schnelligkeit , die kein Mensch ihm zugemutet hätte , sprang er durch den schon brennenden Schopf in das Haus . Zwei Flammensäulen schlugen hinter ihm zusammen und fuhren durch die nicht mehr ganz zugeworfene Türe dem Burschen nach . Die Zuschauer sprachen ein stilles Gebet , bis sie in der Andacht gestört wurden durch ihren Ärger über Andreas , der jetzt seiner letzten Kuh nach aus dem Stalle schwankte . Hunderte standen ums Haus herum , und jeder wollte befehlen , obwohl er selbst nicht wußte , was er sollte . Einzelne sagten vom Niederreißen des Hauses , aber ihnen wurde erwidert , es seien noch Leute drinnen , und so geschah denn eigentlich nichts , wieviel auch jeder tat und wie günstig die Zeit auch gewesen wäre . Der Wind hatte gänzlich aufgehört , und ruhig verglühten die letzten Reste des Stadels auf dem Boden . Andreas starrte eine Weile in die Glut , dann rief er : » Plündert das Haus , ihr Narren ! Werft alles heraus , das Geld , die Kleider , Herrgott , und das Kind und - - « Niemand wußte , ob die Hölle sich aufgetan oder der Blitz vom Himmel eingeschlagen habe . Auf einmal war ' s da , wo der Stadel stand , hell - furchtbar , gewaltig . Balken , Steine und Eisenzeug flogen aus der blitzartigen Flamme . Andreas lag schwer getroffen im Schnee , den das Blut des Bewußtlosen färbte . Des Krämers Pulverfaß war in die Luft geflogen . Fünfundzwanzigstes Kapitel Was an diesem Abend noch weiter geschah Auch Zusel und Angelika , die beisammen in der mit Heiligenbildern verzierten , ungewöhnlich stark eingeheizten Wohnstube saßen , hatten das nur in einzelnen Klängen vom Sturm da herüber geworfene Feierabendläuten gehört . Aber wie seltsam auch die Glocke klang , die beiden Schwestern dachten doch an gar nichts Besonderes . Stehend beteten sie laut den Englischen Gruß und setzten sich dann wieder zu dem kleinen Tischchen , auf welchem Zusel die verschiedensten Seidenstoffe zur Auswahl für ihre Hochzeitsärmel ausgelegt hatte . Das Mädchen prüfte , verglich , stellte sich bald näher , bald ferner , wand jedes Stück um die schöngeformten runden Arme und schien über die Vorbereitungen zur Hochzeit alles andere vergessen zu haben . Oder war es gar etwas noch Ärgeres als nur ihr Leichtsinn , was ihr bang machte , wenn Angelika von der Zukunft redete und sie sogar zum Weinen brachte , da die so unglücklich verheiratete Schwester sagte , daß nun sie den einsamen Väter zu pflegen und ihm nach Kräften frohe Tage zu machen gedenke ? Angelika kam zu der Überzeugung , daß die Leidenschaft für Hansen , wohl nur aus Trotz und Hochmut entstanden , fast schon wieder mit den anfänglich im Wege stehenden Hindernissen vergangen sei . Hansens ehemaliger Geliebten tat diese Bemerkung jetzt noch doppelt und dreifach weh . Sie konnte die Frage nicht mehr zurückhalten , ob wohl Dorothee und Hans einander unglücklich gemacht hätten . Zusels kleiner Mund konnte sich recht unschön verziehen bei dem Ausruf : » Du bist auch noch auf der Seite der Elenden , die mir Hansen hat wegnehmen wollen ! « » Sie hat ihn vielleicht so innig geliebt wie du . « » Das wär ' für so ein armes Ding schon anfangs eine Dummheit gewesen . « » Wenn aber so eine Neigung ohne jede Aussicht war , hättest du das arme Mädchen bedauern sollen , statt sie mit den allergemeinsten Mitteln zu bekriegen , ja fast zugrunde zu richten « , sagte das Weib , und ohne das unfreundliche Gesicht der Schwester bemerken zu wollen , fuhr sie , immer wärmer werdend , fort : » Vor dir steht eine schöne Zukunft , wenn du nur nichts Böses mit hineintragen mußt . Sonst aber wär ' s schade , wahrhaftig schade um alles . Denke dir nur , daß du jetzt nicht mehr bloß für dich allein da bist , sondern daß ein gewiß lieber , guter Mensch nun sein Schicksal an das deine knüpfen will . Es wär ' schon grad ' zum Weinen , wenn du nicht einmal empfinden solltest , wie wichtig das ist . Hans gehört dein , du kannst glücklich werden , wenn dein Weg zum Glücke rein ist . Wäre doch die Welt so weit und groß oder der Mensch so gut und vernünftig , daß niemand gestoßen und getreten würde , wenn man auf diesem Wege vorwärts ginge ! Euch beide will , muß ich glücklich sehen , das Gegenteil tät mir noch weher als alles andere . « » Zur Unterweisung « ,