die große Mittelallee hinauf , die durch den ganzen Park führte , und bog erst in einen Seitenweg ab , als er meinte , vom Schlosse aus gesehen werden zu können . Er hätte gern vergessen machen mögen , daß er fort gewesen sei , weil er selbst die Ursache seines Fortgehens zu vergessen wünschte . Wie er nun durch die sauber gehaltenen Wege wandelte , durch deren blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen , goldenen Lichtstreifen warfen , kam ihm die Stille , kam ihm die Einsamkeit so wonnig entgegen . Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten , den Anglaisen und den Schleifern , welche die Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte . Er freute sich , daß die Baronin dies nicht gesehen hatte , und er schämte sich dessen sogar . Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher , daß er gestern tanzen - sich mit Anderen hatte vergnügen können , während Angelika ' s Bild in seinem Herzen wohnte und während sie - es konnte gar nicht anders sein - an ihn gedachte , dem sie ihren Schmerz gezeigt , auf dessen Theilnahme sie vielleicht ihre Hoffnung , ihren Trost gebaut , mit dem sie selbst sich durch die Worte : Dort oben dürfen wir keine Capelle bauen ! zu einem innigen Geheimnisse verbunden hatte . Wie war es zugegangen , daß er dies Alles vergessen , wie hatte die natürliche Zurückhaltung einer reinen , schönen Seele , wie hatten die dreisten Aeußerungen des Amtmannes , der in seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog , ihn irre machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen können selbst an ihr , der hehrsten Frauengestalt , die ihm noch je begegnet , der er je genaht war ? - So trat er in das Schloß und in sein Zimmer . Die Dienerschaft empfing ihn wie Einen , der hier heimisch war . Herbert erkundigte sich , ob die Herrschaft etwa nach ihm gefragt habe . Man verneinte es , und er gab die Weisung , dem Herrn Baron zu sagen , daß er zurückgekehrt wäre und seine Befehle erwarte . Das Zimmer , welches die Baronin bewohnte , lag über dem seinen . Er hörte oben die Fenster öffnen , die Sommerladen schließen , die Tische rücken . Er dachte , ob sie schon wach sein möge , und auf jedes leise Geräusch achtend , fühlte er sich ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt . Sich zu beruhigen , setzte er sich vor dem Tische nieder , auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet lagen , denn für Angelika und ihre Absichten arbeiten , hieß ja auch bei ihr sein ; und eben hatte er sich gelobt , daß nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem Dienste abwendig machen solle , als einer der Diener ihn ersuchen kam , sich in das Frühstückszimmer hinauf zu bemühen , da die Herrschaft ihn zu sprechen wünsche . Herbert war nicht sicher , wer ihn hatte rufen lassen , und mochte doch nicht danach fragen . Bewegt stieg er die Treppe hinauf ; er wünschte und hoffte , die Baronin vielleicht allein zu treffen , aber nicht sie , sondern der Freiherr war es , der ihn erwartete . Er hieß ihn willkommen , fragte , ob er sich gehörig in der Gegend umgesehen habe , und ließ ihm dann , obschon er ihm mit gewohnter Güte begegnete , doch nicht zur Antwort Zeit , sondern ging gleich zu der Angelegenheit über , wegen welcher er ihn hatte kommen lassen . Mit unserem Capellenbau ist es nichts , mein lieber Herbert , sagte er heiter , als habe er gar niemals irgend einen Werth auf diesen Plan gelegt und nicht von dem Architekten bereits die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür beansprucht . Die Baronin will davon nichts hören , und da guter Rath über Nacht kommt , so habe ich den Gedanken selber aufgegeben , ohne deßhalb auf eine Verzierung der Höhe zu verzichten , die Sie mir provisorisch vielleicht noch in diesem Herbste zu Stande bringen müssen . Ich denke da oben nämlich einen Pavillon zu errichten . Einen Pavillon ? fragte Herbert überrascht . Ja , mein Lieber , einen Pavillon , etwa in Tempelform , der eine schöne Aussicht bietet . Man könnte ihn der Flora , der Pomona , der Freundschaft weihen - das findet sich ! Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu . Sie können die Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten annähern , um die Harmonie mit dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten , die wir herzustellen wünschten ; nur muß das Ganze natürlich auf den bestmöglichen Effect berechnet werden . Herbert wagte es nicht , die Frage zu thun , welche ihm in diesem Augenblicke vor allem Anderen am Herzen lag , die Frage , ob es Angelika gewesen sei , welche den Vorschlag zu dem Pavillonbau gethan hatte . Er glaubte , nur sie allein könne seinem eigenen Gedanken in solcher Uebereinstimmung begegnet sein , und während sie so gleich mit ihm gefühlt , während sie darauf gesonnen hatte , ihn in so schöner und lieber Weise neben sich zu beschäftigen , hatte er sie gemieden , sie in seinem Herzen angeklagt und verdammt ! Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen , ob die Frau Baronin mit der neuen Anordnung einverstanden sei , als sie selber mit der Herzogin in das Zimmer eintrat . Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte entgegen , aber Angelika , welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen Haltung war , eilte auf ihren Gatten zu und umarmte und küßte ihn . Dann begrüßte sie Herbert mit dem heiteren Vorwurf , daß er so plötzlich fortgegangen sei und sie und seine Arbeit im Stiche gelassen habe , um im Amthause eine ihm zusagendere und angenehmere Geselligkeit aufzusuchen . Das war Alles völlig gegen ihre sonstige Art. Herbert hatte das Bedürfniß gefühlt , sobald als möglich der Baronin zu gestehen , wie tolle Ungeduld und sträflicher Zweifel an ihr ihn aus ihrer ersehnten Nähe fortgetrieben hätten , wie er bereuend wiedergekehrt sei , und nun sollte er sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen , welche man ihm leichter verzieh , als er es wünschen konnte ! Er stand vor der Baronin wie vor einem unheimlichen Räthsel . Er kannte diese Miene , diese Stimme , und kannte sie auch nicht . Es war Angelika und sie war es doch auch nicht . Daß sie ihn täuschte , eine Rolle spielte , das war seine ganze Hoffnung . Aber weßhalb that sie das ? Woher ihre Heiterkeit , woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen ihren Gatten ? Zürnte sie Herbert ? Wollte sie ihn strafen , weil er ihr durch seine Entfernung wehe gethan , so mußte er das tragen , ja , er hatte sich dessen zu freuen ! Wie jedoch vermochte sie es , seiner zu spotten in Gegenwart des Mannes , an dessen Seite sie nicht glücklich war , wie konnte sie es vergessen , daß sie in Herbert ' s Armen über diesen Mann geweint ? Ihre Worte , ihr Ton schnitten ihm in das Herz und beleidigten ihn um so tiefer , je weniger er sich in der Lage befand , eine Erklärung ihres veränderten Betragens zu begehren . Ihr Scherzen zu erwidern , war gegen sein Gefühl , und sich mit raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend , auf welchem er sich mit Sicherheit behaupten konnte , sagte er , sich zur Ruhe zwingend : Ich glaubte , hier nicht vermißt zu werden , ehe die Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche entschieden hatten und .... Angelika ließ ihn aber , grade wie der Freiherr , nach Art der Vornehmen , wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen , seine Antwort gar nicht erst vollenden . So haben Sie also schon gehört , daß ich unnachgiebig auf meinem Sinn beharre ? fiel sie ein . Herbert verneigte sich . Sie sprachen es mir ja neulich , als ich die Ehre hatte , Sie , gnädige Frau , nach der Birkenhöhe hinauf zu führen , bereits aus , daß da oben keine Capelle erbaut werden dürfe ! antwortete er , während sein Blick auf ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte , daß sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte vor der Erinnerung , welche er ihr damit wachrief , und Ihre Absicht , statt der Capelle einen .... Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden , denn der Baron gab ihm lebhaft und heimlich ein Zeichen , zu schweigen , und er bemerkte an den Mienen Angelika ' s , daß sie nicht wußte , weßhalb man ihm Schweigen auferlegte . Sie also hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht ! Seine Hoffnung hatte ihn getäuscht ! Wie aber war der Freiherr denn auf den Bau dieses Freundschafts-Tempels gekommen ? Es entstand eine Pause , und die Herzogin , welche bis dahin sich gar nicht in die Unterhaltung gemischt hatte , kam Allen zu Hülfe , indem sie plötzlich von dem Feste zu reden anhub , das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen habe und für welches man sich vielfach auf die Hülfe des Baumeisters angewiesen hielt . Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen , der Plan mußte also vermuthlich eben so wie der neue Bauplan in den beiden letzten Tagen entstanden sein , und die Verhältnisse wurden ihm immer unbegreiflicher . Man sprach von den verschiedenen Vorkehrungen für das Fest ; der Marquis , welcher inzwischen auch dazu gekommen war , erkundigte sich bei Herbert um Costume und Decorationen , man sagte zuversichtlich : Herbert werde dieses schaffen , jenes thun , ein Drittes besorgen müssen , und Niemand fragte ihn , ob er geneigt sei , die Dienste zu leisten , welche man von ihm begehrte . Selbst Angelika bestimmte anscheinend ohne alles Bedenken über ihn , und wie sie bei der ganzen Begegnung auch empfinden mochte , die Gewohnheit der Vornehmen , über jede Kraft zu verfügen , die sich ihnen nicht gradezu entzieht , und der Glaube , daß sie eine Gunst gewähren , wenn sie Dienste für sich fordern , lagen auch ihr im Blute . Aber Herbert war nicht der Mann , seine Kraft wider seinen Willen verbrauchen zu lassen , noch eine solche Rücksichtslosigkeit geduldig hinzunehmen . Man schien offenbar geneigt , ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten , welche man ihm bisher eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deßhalb als sein Recht ansah . Man stellte an ihn bestimmte Forderungen für ein Unternehmen , über das man mit sich selbst noch nicht im Klaren war . Die Baronin sprach von Gästen , welche man laden wolle . Es war die Rede davon , daß man für den betreffenden Fall das ganze linke Erdgeschoß zum Unterbringen der Fremden brauchen würde ; aber eben in dieser linken Seite des Erdgeschosses wohnte Herbert , und mit einem Male tauchte der Gedanke in ihm auf , daß die Baronin es bereue , sich ihm auch nur einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben , und daß sie ihn aus ihrer Nähe zu entfernen wünsche . Das wies ihn vollends auf sich selbst zurück . Ich fürchte , daß ich mich nicht in der Lage befinden werde , sagte er höflich , aber fest , den Herrschaften , wie sie es wünschen , meine Dienste widmen zu können . Wie , rief die Baronin , die über ihre sonstige formelle Weise hinausgetrieben wurde , da sie eine Freiheit und Heiterkeit zur Schau zu tragen hatte , die sie zu fühlen weit entfernt war - wie , mein Herr , Sie wollen sich unserem Dienste entziehen , da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unternehmen rüsten ? Ich habe hier immer länger verweilt , entgegnete er , von dem Tone ihrer Stimme wie von ihrem Blicke wieder schnell beherrscht , als ich es im Grunde vor meinen anderen Unternehmungen verantworten konnte , und ich .... Und Sie bedauern das , wie es scheint , und wollen sich in Zukunft davor wahren , das ist in der Ordnung ! sprach Angelika , während sie die schönen Lippen spöttisch aufwarf . Dem Freiherrn , welcher seine Gattin mit Befremdung beobachtete , schien ihr Verhalten zu mißfallen , denn er sagte mit entschiedener Kälte : Du darfst nicht vergessen , Beste , daß unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer Unterhaltung , sondern des Baues wegen hergekommen ist ! Das traf Herbert wie ein Schlag , obschon es wie eine Rechtfertigung für ihn gesprochen worden war , und sich verneigend , sagte er : Daran dachte ich eben , Herr Baron , und ich wollte mir um deßhalb die Erlaubniß erbitten , nach Rothenfeld hinüberzuziehen , um an Ort und Stelle die Arbeit zu überwachen , so lange ich hier verweile und so oft ich in die Gegend wiederkehre . Das Herz schlug ihm , als er so sprach , und wider seinen Willen hegte er doch im Innersten die heimliche Hoffnung , daß man ihn nicht gehen lassen werde . Er sah , daß Angelika die Farbe wechselte , aber weit entfernt , ihn für die Kränkung zu entschädigen , welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem Freiherrn zugezogen hatte , sagte sie : Ja , freilich , Ihr Beruf und Ihre Arbeit gehen vor , denn es haben ja Andere an Sie die gleichen Ansprüche wie wir ! - Sie gab damit ihre Zustimmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und erinnerte ihn , wie er glaubte , ebenfalls daran , in welchem Verhältnisse er sich neben ihr befinde . Herbert , der dies nie vergessen hatte , der sich bewußt war , eine solche Erinnerung nicht zu verdienen , empfand sie schwer und sich zusammenfassend , sagte er mit möglichster Ruhe : So gestatten Sie , gnädigste Frau , daß ich diese Bemerkung als das Zeichen meiner Beurlaubung betrachte und mich jetzt gleich nach Rothenfeld begebe ! Sie entgegnete ihm nichts ; nur der Baron sagte leichthin , aber mit gewohnter Freundlichkeit , während er schon der Herzogin den Arm bot und der Marquis sich der Baronin näherte , um sie zum Frühstücke zu führen : Machen Sie das , lieber Herbert , wie Sie wollen , ganz wie Sie wollen , Lieber ! - aber er forderte ihn nicht wie sonst auf , ihnen wenigstens jetzt noch zum Frühstücke zu folgen , sondern schritt ohne Weiteres dem kleinen Speisezimmer zu . Alles Blut strömte Herbert nach dem Herzen zurück . Er verbeugte sich und verließ bleich vor Zorn und unterdrückter Bewegung das Gemach . Gehen Sie nicht fort , ehe ich Sie nicht noch über die bewußte Angelegenheit gesprochen habe , lieber Herbert ! hörte er den Freiherrn ihm nachrufen ; aber er beachtete es nicht , obschon er die Worte vernahm . Draußen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan , welcher sich zum Frühstück begab . Was ist geschehen ? fragte dieser , als er die Verstörung des jungen Mannes sah . Ich habe eine Lehre erhalten , die mir nöthig war ! gab Herbert ihm zur Antwort . Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen , wollte ihn zum Sprechen bringen : Herbert wies ihn zurück . Ein Diener kam nach dem Caplan sehen , den man beim Frühstück vermißte . Gehen Sie , gehen Sie , Hochwürden , rief Herbert , Sie müssen ja gehorchen ! Ich aber bin noch frei und , bei Gott , ich denke es auch zu bleiben ! Neuntes Capitel In einer Stunde war sein Gepäck gemacht , eine halbe Stunde später war er auf dem Wege nach Rothenfeld . Als er dort ankam , war der Amtmann im Felde ; Eva empfing ihn mit heller Freude . Er gab die nöthige Auskunft über den äußeren Anlaß seiner Wiederkehr und bat um Nachsicht , wenn er ihr freundliches Willkommen nicht , wie er müsse , anerkenne . Sie blickte ihn an , wurde plötzlich ernsthaft und sagte , indem sie ihm die Hände reichte : Mosje Herbert , Ihnen ist ein Unglück geschehen . Vertrauen Sie es mir , denn ich werde keine Ruhe haben , ehe ich es weiß ! Er sagte , er habe nur etwas Sammlung nöthig , um einen Brief zu schreiben , und wenn er das gethan , so werde er wieder munter sein . Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in das Zimmer , welches er während der beiden letzten Tage inne gehabt hatte . Mit leiser , eilender Hand zog sie die Vorhänge auf und rückte die Möbel zurecht , wie er es brauchte . Sie war so natürlich in dieser Dienstbarkeit , daß er dieselbe wie ein Selbstverständliches ohne Danken hinnahm . Sie half ihm den Mantelsack öffnen und legte ihm die Papiere , welche er herausnahm , behutsam an Ort und Stelle . Dann verließ sie ihn , aber man hätte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende Mädchen wiedererkannt , das es noch am verwichenen Tage allen andern an Munterkeit und Uebermuth vorausgethan hatte . Noch unter der Thüre wendete sie sich nach ihm um . Sie sah , wie er im Zimmer auf und nieder ging , und wollte zu ihm zurückkehren ; da er sie jedoch gar nicht beachtete , zog sie die Thüre leise zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit . Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder , aber wie er seinen Brief beginnen wollte , wurde er gewahr , daß er innerlich fassungslos und also nicht zu schreiben im Stande sei . Er konnte das Erlebte nicht verstehen , obschon er sich jedes gesprochenen Wortes , jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen deutlich erinnerte . Es kam ihm Alles unglaublich vor , weil er es mit der Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wußte . Das Eine stand fest , er hatte eine schwere Beleidigung empfangen , eine Beleidigung , für welche er Rechenschaft zu fordern hatte ; indeß die Art der Genugthuung , nach welcher er verlangte , konnte er , der bürgerliche Baumeister , von dem Freiherrn von Arten nicht begehren , weil er wußte , daß man sie ihm mit Lachen verweigern würde . Herbert war von seinem Vater , der eine ansehnliche Kundschaft unter dem Adel besaß und manchen Gönner unter ihm zählte , in der Achtung vor dem Adel auferzogen worden . Aber er hatte in seiner bürgerlich gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel um die Vorrechte des Adels gekümmert oder , wenn dies doch geschehen war , bisher nicht Ursache gehabt , sie ihm zu neiden . Jetzt stand er zum ersten Male vor den Schranken , welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und in seinem privaten Leben von dem Edelmanne trennen , und er fand sie hoch genug , obschon man sie ihn bis auf diesen Tag nicht fühlen lassen . Er erinnerte sich , mit welcher verehrenden , von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für das freiherrlich von Arten ' sche Haus er nach Richten gekommen und wie gütig man ihm von Anfang begegnet war . Man hatte ihn als einen Gast des Hauses , als den Sohn eines Freundes behandelt , man hatte ihn zu fesseln gesucht , hatte seine Neigung gewonnen - und was hatte er denn gethan , jetzt plötzlich eine so schnöde Behandlung zu erleiden ? Wie war es möglich geworden , daß die Baronin sich derselben nicht nur nicht widersetzt , sondern recht eigentlich die Veranlassung dazu geboten hatte ? Er hatte Angelika bewundert , ja , er hatte sie zu lieben geglaubt . Aber war das ein Verbrechen , da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch gründete ? Nur ihr eigenes Betragen , nur ihre eigene Hingebung hatten ihn ermuthigt , ihr sein verehrendes Gefühl kund zu geben . Nur eines Wortes , nur eines Winkes von ihr hätte es bedurft , ihn schweigen zu machen und den Ausdruck der reinen , liebevollen Theilnahme zurückzuhalten , mit der er ihr an jenem Abende genaht war . Wodurch also verdiente er ihren Zorn ? Wodurch hatte er die Verhöhnung verdient , die sie , sie allein ihm bereitet ? Je länger er darüber nachdachte , desto zorniger wurde er , und doch fühlte er dabei immer , wie werth diese Menschen ihm geworden waren , die ihn so absichtlich zurückgestoßen hatten , und wie schwer es ihm fiel , Böses von ihnen zu denken , von denen er sich bisher nur des Besten versehen . Er hegte ein widerwilliges Bestreben , sie zu rechtfertigen , weil es ihm zu schmerzlich war , von ihnen beleidigt zu sein . Er stellte sich vor , daß irgend ein Zufall , irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verrathen habe , was zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei , und er fand eine Genugthuung darin , sich selbst eine Schuld anzudichten , an welche er im Innern seines Herzens doch wieder nicht glaubte , nur um das Verhalten des Freiherrn und Angelika ' s weniger hart und ungerecht nennen zu dürfen . Er hielt sich vor , daß er die Eifersucht des Freiherrn erregt , daß ein Zerwürfniß und eine Versöhnung zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben müsse , weil er sich daraus die Zärtlichkeit Angelika ' s für ihren Gatten herzuleiten wünschte . Aber wie sollte er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise , mit welcher sie ihm entgegengetreten war ? Keine seiner Voraussetzungen bot eine völlig genügende Erklärung dar , keine seiner Empfindungen war rein , alle waren sie gebrochen , und , empört gegen den Freiherrn , gegen Angelika und gegen sich selber , rief er endlich aus : Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Haß ! Bald wollte er der Baronin schreiben , bald dem Baron , um von ihnen eine Aufklärung zu heischen und sich über die Herzens- und Ehrenkränkung zu beschweren , die man ihm zugefügt hatte ; aber wo man sich mit den Personen , mit denen man zu thun hat , nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet , wird selbst das Zugeständniß einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen Gunstbezeigung , und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen , war ihm das Widerstrebendste . Dazu band ihn sein Contract , den er nicht ohne Wortbruch lösen konnte , an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn ; der Bau stieg edel und schön empor , und Herbert war Künstler genug , ein begonnenes und so bedeutendes Werk nur mit höchstem Widerstreben zu verlassen ; indeß die Aussicht , eben um dieses Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgängen doch in fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen , war ihm so quälend , daß sich von dieser Abhängigkeit zu befreien ihm für den Augenblick als das Nothwendigste erschien . In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue . » Hochgeborener Herr Baron ! « - schrieb er - » Eure Gnaden haben mich heute mit Recht und sehr zur Zeit daran erinnert , daß ich nur um einer Arbeit willen und als Künstler nach Richten gekommen bin . Diese Arbeit zu vollenden , mit ihr den gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Kräften zu entsprechen , ist mir eine Ehren- und Gewissenssache gewesen , und die huldvolle Güte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Muth und Aufmunterung gegeben . Zu meinem großen Bedauern habe ich aber die Bemerkung machen müssen , daß Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben , und ich möchte Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen , wenn beide aufgehört haben , Ihnen genehm zu sein . Erlauben Eure Gnaden mir also die Versicherung , daß ich bereit bin , Ihnen alle von mir gemachten Pläne und Detailzeichnungen zur Verfügung zu stellen , falls es Ihnen aus irgend einem Grunde wünschenswerth sein sollte , den Bau durch einen anderen Baumeister fortführen und vollenden zu lassen . Ich wage wohl keine vergebene Bitte , wenn ich Eure Gnaden ersuche , mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen . « Er siegelte den Brief und bat Eva , ihm einen Boten zu schaffen , der denselben nach dem Schlosse trage . Als er das Schreiben unterwegs wußte , wurde ihm leichter um das Herz . Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung gethan hatte , glaubte er schon frei zu sein , und nun erst loderte sein Zorn gegen Angelika und den Freiherrn rein und hell empor . Jetzt , da er sich nicht mehr um das Weßhalb der erlittenen Beleidigung kümmerte , sondern sich nur der Thatsache gegenüberstellte , erwachte in ihm das Selbstgefühl , welches überall verloren geht , wo man sich mit den Andern mehr , als sie verdienen , zu schaffen macht . Er verließ sein Zimmer und ging , ohne bestimmte Absicht , hinunter in das Haus . Der Amtmann war zurückgekehrt ; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den Mittagstisch . Sie hatte den Bruder von Herbert ' s Ankunft schon in Kenntniß gesetzt , und dieser trat ihm mit der Frage entgegen , was es gegeben habe . Herbert fühlte keinen Beruf , ihm die ganze Wahrheit mitzutheilen . Es widerstrebte ihm , dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes einzugestehen , da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte , und eben so wenig konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen , wie es um ihn und um sein neuliches Erlebniß mit der Baronin stand . Er berichtigte also nur , daß man ihn , gegen die frühere Weise , kalt , ja daß man ihn ungebührlich behandelt habe , und daß und was er dem Baron geschrieben . Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lächeln , das seinem gescheiten Gesichte einen noch größeren Ausdruck von Klugheit gab : Ich hätte es Ihnen voraussagen können , wie es mit Ihnen kommen würde , Herr Baumeister . Es ist ein ordinäres Sprüchwort , aber wahr ist ' s darum nicht minder : » Es ist nicht gut mit den großen Herren Kirschen essen ! « Und , fügte er hinzu , um wieder einmal vor dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen , ich hab ' s oft zur Eva gesagt , es ist wie mit den Granatäpfeln in der Mythologie ; man muß nichts von den Herrschaften geschenkt nehmen , wenn man mit ihnen durchkommen und frei bleiben will . Das sagen Sie , dessen Familie dem freiherrlichen Hause seit Menschenaltern dient ? wendete Herbert ein . Das sage ich Ihnen eben deßhalb ; denn wir haben unsere Manier probat gefunden von Vater auf Sohn . Seine Schuldigkeit thun , seinen Lohn empfangen , nichts darunter , nichts darüber , und Herr und Diener sein , rein weg ! Herbert fragte , ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben hätten . Nicht daß ich ' s sagen könnte , meinte dieser . Aber das hat sich bei uns so fortgeerbt von Einem auf den Andern , es ist unsere Bauernweisheit ! Wir kennen hierlandes den Grund und Boden und die Leute , und wir kennen auch unsere Herrschaft und den Adel rund herum ! Sie sind Einer wie der Andere ! Eva meinte , die Herrschaften könnten aber doch sehr freundlich sein und hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt . O ja , rief der Amtmann , aber es würde bald damit aus gewesen sein , hätte ich mich darauf eingelassen , wie sie ' s mit Dir und mir versuchten ! Heute hieß es , weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt hätte , als es sonst hier im Amte zu geschehen pflegte , so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener Arbeit helfen , nicht als Diener , Gott bewahre ! nur weil er mich leiden und mich um sich haben möchte ! Und morgen meinten sie , die Eva sähe gut aus und hätte recht anständige Manieren ; sie könnte also , wenn sie wollte , bisweilen auf das Schloß kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im Schlosse annehmen und lernen . Aber wir kennen das ! Für einen Finger , den sie uns reichen , wenn sie Lust und Langeweile haben , verlangen sie gelegentlich die ganze Hand von uns , und will man sich dann dafür auch einmal an ihrer Hand halten , so wird ' s ihnen gleich zu viel , und sie ziehen die Hand zurück und nehmen ' s uns noch übel , daß wir ihnen die Mühe machen , uns abzustoßen ! - Er lachte dabei und sagte zuversichtlich : Nichts da ! Die vornehmen Nücken kennen wir ! Sie dort und wir hier ! Guter Dienst und gutes Recht ! Wir sind uns hier selber genug ! Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung zu . Es war , als sprächen sein eingeschläfertes Gewissen , seine heimliche Einsicht selbst zu ihm , und zu seiner eigenen Beruhigung sagte er : Ich sehne mich eigentlich auch danach , dieses Contractes und des ganzen Verhältnisses , an das ich mit so gutem Glauben gegangen bin , erst wieder ledig zu werden . Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den Kopf . Herbert fragte , ob er an der Wahrheit dieser Worte zweifle . Nein , versetzte Jener , daß Sie es in diesem Augenblick wünschen , daran zweifle ich nicht , aber Sie kommen nicht los . Der Freiherr ist ein Mann von Wort , das muß man ihm lassen , und wie er selbst sein Wort hält , so besteht er darauf ,