Lippen zweier Menschen längere Zeit auf einander geruht und sich plötzlich wieder getrennt hatten . Mit der Entstehung dieses höchst eigenthümlichen Geräusches hing es aber so zusammen : Als das promenirende Paar - ganz zufällig - in den dunklen Erker gerathen war , hatte Mademoiselle Marguerite sogleich wieder umkehren wollen , der löwenkühne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone gesagt : Haben Sie gelesen , was auf dem Zettel stand ? Nun hatte Marguerite es allerdings gelesen , aber sie wäre keine kleine Lacerte gewesen , wenn sie auf eine so directe Frage nicht mit : Non , Monsieur ! hätte antworten sollen . Erlauben Sie denn , daß ich es Ihnen sage ? Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zittern , ohne weder Ja noch Nein zu sagen ; Herr Anastasius Bemperlein aber , der mit großem Scharfsinn das Zittern und das Schweigen zu seinen Gunsten auslegte , schlang seinen Arm um die feine Taille der kleinen Lacerte und flüsterte ihr in ' s Ohr : Mademoiselle Marguerite Martin ! je vous aime de tout mon coeur . Da das Zittern in Folge dieser loyalen Erklärung nur noch zunahm , ohne daß von Seiten der Dame irgend ein Versuch gemacht wurde , sich den Armen des Ritters zu entziehen , so sagte dieser noch leiser und dringender : Marguerite , antworten Sie mir : lieben Sie mich ? Ja , oder nein ? Da Marguerite auf diese kurze Frage mit einem kaum hörbaren : Oui ! geantwortet hatte , so blieb einem in Liebesaffairen so ausnehmend bewanderten Manne , wie Herrn Anastasius Bemperlein , offenbar nichts anderes übrig , als die Dame noch fester in seine Arme zu schließen und ihr einen schallenden Kuß auf die nicht widerstrebenden Lippen zu drücken . Oh , mon Dieu ! rief die kleine Lacerte , erschrocken aus des Ritters Armen schlüpfend . Sei nur ruhig , erwiderte der Ritter ; Sie müssen es ja doch erfahren . Sprach ' s , faßte die kleine Dame bei der Hand , schlug den Vorhang zurück , trat , wie der Edelknappe im Taucher , » sanft und keck « auf die Freunde zu und sagte : Meine Freunde , ich habe das unaussprechliche Vergnügen , Ihnen Fräulein Marguerite Martin als meine liebe Braut vorzustellen . Da Bemperlein unter dem Siegel der Verschwiegenheit Sophie in sein Geheimniß eingeweiht , und diese es unter demselben Siegel an Franz und den Vater weitergegeben hatte , so konnte , besonders nach der Amorscene und nun gar nach dem Kuß im Erker , durch diese Nachricht eigentlich Niemand so recht gründlich überrascht werden . Indessen waren die Glückwünsche von Seiten der Freunde darum nicht weniger warm . Die Männer schüttelten sich herzlich die Hände . Sophie küßte Marguerite mit einer bei ihr sehr ungewöhnlichen Rührung , und es dauerte eine geraume Zeit , bis die hochgehenden Gefühlswogen sich wieder zu einem klaren Spiegel ebneten . Wir müssen ein solches Ereigniß auch äußerlich durch eine entsprechende Feierlichkeit documentiren , sagte der Geheimrath , griff nach der Klingel und hieß den eintretenden Diener , die letzte von den zwölf Flaschen Johannisberger Cabinet bringen , die er alljährlich von einem Fürsten , den er durch seine Kunst vom Tode errettet hatte , zum Geschenk erhielt . Und als der edle Wein in den Gläsern funkelte , sprach der Geheimrath : Meine Lieben ! In froher Stunde spricht sich ' s gut von vergangenem Leid , und so laßt denn auch mich das heiter schöne Bild des Augenblicks in einen dunklen Rahmen fassen , aus dem seine glänzenden Farben noch um so viel heller strahlen werden . - Ich habe in diesen letzten Leidenstagen , wo ich , dessen Pflicht und Amt es ist , zu helfen , wo ich kann , selbst so ganz hülflos auf dem Krankenbette lag , oft an ein Wort denken müssen , ein klagendes , thränenreiches Wort , das die von Kriegsdiensten überbürdeten römischen Plebejer einst ihren stolzen irdischen Göttern , den Patriciern , zuriefen : Sine missione nascimur ! zu deutsch , Ihr Mädchen : » Ohne Urlaub werden wir geboren . « Ob unsere Kräfte in der endlosen Reihe der Kriege , die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und Frommen führt , aufgerieben werden , ob unsere Aecker brach liegen und unsere Weiber und Kinder sterben und verderben - Euch kümmert ' s nicht . Zu den Waffen , zu den Waffen ! tönt Euer Ruf Jahr aus , Jahr ein ; und wir , wir müssen frohnden Jahr aus , Jahr ein : Sine missione nascimur . Der Geheimrath that einen tiefen Zug aus seinem Glase und fuhr mit bewegter Stimme fort : Auch wir , so dachte ich weiter , auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts werden ohne Urlaub geboren . Die ungeheuren Aufgaben , die uns gestellt sind in der Wissenschaft , in der Politik , auf jedem Gebiete menschlicher Thätigkeit , nehmen von frühester Jugend auf unsere Kräfte in eine erdrückende Frohnde . Zu den Waffen , zu den Waffen ! - so ergeht auch an uns der ewige Ruf , ob unsere Waffen nun Feder oder Pinsel , Pflug oder Hammer , Zirkel oder Lanzette sind . Und die Arbeit , die unerbittliche , gebieterische Arbeit , was fragt sie nach dem Arbeiter ? ob seine Schläfen im Fieber pochen , ob sein Hirn bis zum Wahnsinn überreizt ist , ob seine Glieder vor Ermattung zittern - sie kümmert es nicht . Sie lohnt ihm mit Armuth , Krankheit und Noth und verlangt von ihm , dem Gemißhandelten , dem Geächteten die Thaten eines Hercules . Ja meine Freunde , auch wir sind Proletarier im Frohndienst der Arbeit , wie jene römischen Proletarier im Frohndienst des Krieges und können mit ihnen klagen und sagen : Sine missione nascimur ! Und dennoch , fragte ich mich : wie ist es möglich , daß wir , Schwächlinge und Epigonen , wie wir sind , Thaten vollbringen , neben denen sich die des Hercules und anderer Heroen wie die Spielereien von Pygmäen ausnehmen ? daß unsere wegen ihrer Schlaffheit und Thatlosigkeit vielgescholtene Zeit trotz all dem und all dem ein kreisender Berg ist , der nicht lächerliche Mäuse , sondern schnaubende Dampfrosse , Riesenwerke der Industrie , Triumphe der Erfindsamkeit aller Art ohne Unterlaß gebiert ? Nur dadurch , meine Freunde , daß sich das Verhältniß eines Zeitalters , wo der Kampf und die Arbeit der Menschheit von einzelnen Heroen gethan wurde , während die große Masse als ein stumpfsinniges , thatenloses Gesindel schreiend hinterherzog , gerade umgekehrt hat . Heut zu Tage gilt der Einzelne , und wäre er noch so bedeutend , wenig ; die ganze Kraft liegt in der Masse , die in dicht geschlossener Colonne , langsam aber unaufhaltsam auf der Bahn des Fortschritts weiter drängt . Das ist noch nicht Vielen klar geworden ; ja Herrscher , Fürsten und Fürstenknechte , die eine dunkle Ahnung von der Sache haben , möchten in ihrem brutalen Egoismus und ihrer frivolen Eitelkeit die alte Zeit wieder heraufführen , wo der Einzelne Alles und die Menge nichts war ; aber es hilft ihnen wenig . Mit dem todesmuthigen Instinct der Wanderratte ausgerüstet , marschirt die Fortschrittsarmee in langer , unabsehbarer Linie heran , Schulter an Schulter , der Hintermann in den Fußstapfen des Vordermanns , und wenn hier oder da eine Lücke entsteht , so schließt sie sich auch in demselben Momente wieder . Und dieser Gedanke , meine Freunde , den ich mir so recht klar zu machen suchte , hatte etwas wunderbar Tröstendes für mich . Ich dachte : was ist daran gelegen , ob du heute oder morgen zusammenbrichst ; hinter dir marschirt ein jüngerer , stärkerer Krieger , der sofort über dich weg an deine Stelle treten und mit denselben Waffen , die deiner ermattenden Hand entfielen , Größeres vollbringen wird , denn du . Bei diesen Worten drückte der Geheimrath innig die Hand seines Schwiegersohns ; Sophie aber , die schon lange mit den Thränen gekämpft hatte , warf sich schluchzend in ihres Vaters Arme . Nein , nein , mein Kind , sagte dieser , ihr das weiche Haar liebevoll streichelnd : Du mußt nicht weinen ; ich wollte Dir und Euch Allen ja eben beweisen , wie wir nicht weinen und klagen , sondern uns freuen müssen , daß wir in den Andern und mit den Andern unüberwindlich und unsterblich sind . Ja , es ist ein schönes und wahres Wort , das ich noch heute in Freiligrath ' s Glaubensbekenntniß las : » Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth ' an Blüthe . « Ich sehe hier um mich herum Alles knospen und blühen , einen ganzen Menschenfrühling im Kleinen . Wie lang ' wird es dauern , und diese Knospen und Blüthen werden zu herrlichen Blumen und Früchten reifen . Ob ich ' s erlebe ? ich wünsche es , ich hoffe es ; aber selbst , wenn es nicht sein sollte , wenn es mir nicht vergönnt wäre , Eure Kinder um meine Kniee spielen zu sehen - nun denn , Ihr Lieben : Leid will Freud ' und Freud ' will Leid haben . Wo Blüthe sich an Blüthe drängen soll , da muß das dürre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen werden , und wenn ' s geschieden sein muß , sei ' s , wenn auch nicht fröhlich , doch muthig geschieden . Während der Geheimrath sprach , hatte man vor den Fenstern auf der Straße ein dumpfes Geräusch von Tritten und das verworrene Gemurmel gedämpfter Stimmen gehört ; dann war es wieder lautlos still geworden , und als der Geheimrath das letzte Wort sprach , da erschallte in den prachtvollen Tönen eines gewaltigen Männerchors , leise wie Frühlingswehen , und doch mächtig wie Donnersturm : Es ist bestimmt in Gottes Rath , Daß man vom Liebsten , was man hat , Muß scheiden ; Wiewohl doch nichts auf dieser Welt Dem Herzen ach ! so sauer fällt , Als Scheiden . Die im Zimmer ergriff es , wie wenn eine überirdische Stimme zu ihnen spräche . Sophie lehnte schluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Brust ; in den Augen der Männer standen die hellen Thränen ; Marguerite , obgleich sie kein Wort verstand , war so ergriffen , daß sie ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte und laut weinte . Dann erhoben sich Alle und traten in den dunklen Erker . Unter dem Fenster auf der sehr breiten Straße in einem weiten , von hellen Laternen bezeichneten Halbkreis standen die Sänger - Männer des Handwerkervereins , den der Geheimrath vor Jahren gestiftet hatte und dessen Präsident Franz in den letzten Wochen gewesen war ; weiterhin eine dunkle Menschenmenge , Kopf an Kopf , Männer und Frauen , Bürger , Studenten , Arbeiter - lautlos , regungslos , wie in einer Kirche . Und mächtiger flutheten die Toneswellen : Nur mußt Du mich auch recht versteh ' n : Wenn Menschen auseinandergeh ' n , So sagen sie : Auf Wiedersehn ! Auf Wiedersehn ! Die Töne waren verhallt ; die Laternen wurden ausgelöscht ; still , wie sie gekommen war , entfernte sich die Menge . Wieder war es dunkel auf der Straße , aber in den Herzen der Menschen , die da oben im Erker standen und sich innig umfangen hielten , war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen . Achtundzwanzigstes Capitel Die weiten Wälder von Berkow standen entlaubt . Wo sonst durch grüne Dämmerung Vögel singend schlüpften und Käfer und Mücken summend schwärmten , pfiff jetzt der kalte Herbstwind durch kahle Aeste und Zweige , und wo an den knorrigen Eichen das dürre Laub noch haftete , da flüsterte es nicht mehr lieblich , wie in der schönen Sommerzeit , sondern raschelte unheimlich und unwirsch . Nur die Tannen thaten , als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu schaffen hätte ; aber auch ihr Nadelhaar hatte sich dunkel gefärbt , und sie sahen , da Alles um sie her kahl war , schwärzer und schauriger aus . Auch in dem Garten hinter dem Schlosse war der rauhe Herbst durch die dichte Taxushecke , mit der derselbe von allen Seiten umgeben war , hereingeschnaubt , hatte die Blumen von den Beeten gefegt und die langen Gänge voll dürrer , nasser Blätter geweht . Auf der Terrasse unter dem breitastigen Tannenbaum , dem Lieblingsplätzchen der Herrin , stand nur noch das runde Tischchen mit der Marmorplatte , weil sein Fuß fest in der Erde wurzelte ; aber die grünen Bänke und Stühle waren in ' s Gartenhaus getragen . Auf dem Platz vor dem Hause sah es melancholisch aus . Die nach dieser Seite fast immer geschlossenen Läden wurden eben von innen durch eine alte runzlige Hand geöffnet , worauf ein altes runzliges Gesicht mit einem eisgrauen langen Schnurrbart auf ein paar Minuten herausschaute , um zu beobachten , wie ein hoch mit Holz beladener Wagen von vier kräftigen Gäulen mit Mühe durch den tiefen Schlamm geschleppt wurde , der den Seiteneingang des Hofes zwischen den beiden Scheunen selbst im Sommer zu einer bedenklichen Passage machte . Der alte Mann zog unwillig die buschigen Augenbraunen zusammen , wie der Knecht mit Hot ! und Hü ! und manchen Peitschenhieben die Kraft der Thiere auf ' s äußerste antrieb . Er murmelte etwas von : infamer Schlingel ! in den grauen Bart ; erhob aber seine Stimme nicht zu einigen kräftigen Flüchen , wie ' s sonst wohl seine Gewohnheit ; denn schließlich war doch nicht der Knecht schuld , sondern der Pächter , der seit fünf Jahren nicht dahin zu bringen gewesen war , die böse Stelle ausbessern zu lassen . Der alte Mann versenkte sich in dies unerquikliche Thema , die alten scharfen Augen dabei auf die bleichenden Gebeine eines Habichts heftend , den er vor vielen Jahren schoß , und zur Warnung aller Missethäter in den Lüften und auf der Erde an die Scheunenthür nagelte , bis die Stimme eines Knaben , der eben aus dem Garten getreten war und sich auf dem Hofraum umgesehen hatte , zu ihm heraufschallte . Holla ! Baumann ! Beim Ton dieser Stimme hellte sich das Gesicht des alten Mannes auf , wie wenn ein Sonnenschein über eine rauhe Gebirgslandschaft gleitet . Es war dieselbe Stimme , zum mindesten derselbe Ton in der Stimme , der dem alten Mann nun schon seit dreißig Jahren und darüber das Herz erwärmt hatte . Er legte sich mit den beiden Ellbogen in das Fenster und schaute herab in das schöne , zu ihm empor gewandte Gesicht des Knaben mit den hellbraunen freundlichen Augen . Was giebt ' s Junker ? Will Er nicht ein bischen mit mir ausreiten , Baumann ? Der alte Mann warf einen prüfenden Blick hinauf nach dem Himmel , an welchem trübe , schwere Wolken zogen , schaute dann wieder hinab und sagte : Es sieht bedenklich aus , Junker . Ich vermeine , wir haben in einer halben Stunde einen tüchtigen Regen , oder auch Schnee , was noch vraisemblabler ist . Ach , Baumann , Er hat auch immer was einzuwenden , antwortete der hübsche Junge schmollend ; der Pony steht sich die Beine steif , und ich habe so große Lust zu reiten . Na , na ! brummte der alte Mann , wir sind ja erst gestern bis nach Cona gewesen . Das ist was Rechtes ! die halbe Meile ! Und der Doctor sagt : ich soll alle Tage ausreiten . Ja , wenn es der Doctor sagt , so hilft es wohl nicht , erwiderte Baumann , der nur nach einem triftigen Grund gesucht hatte , um mit Ehren nachgeben zu können . Ich will nur noch hier die Fenster in dem Saal öffnen , dann komme ich hinab . Gehen Sie nur derweilen zur Frau Mama und sagen Sie ihr Adieu ! Ja , aber mach ' Er nur schnell . Na , na ! sagte der alte Mann , und sein grauer Kopf verschwand vom Fenster . Der Knabe eilte in das Haus zurück , aber seine Mutter war in dem » Gartensaal « nicht zu finden , auch nicht in der » rothen Stube « nebenan . So stürmte der Knabe aus dem Gartensaal in den Garten , den langen Gang zwischen den Taxuspyramiden hinab nach der Terrasse . Da er die Mutter hier nicht fand , überlegte er , ob er sich nicht mit diesem Versuch begnügen könne . Er stand einen Augenblick nachdenklich da , und schon wollte er den Rücken wenden , als ihm einfiel , daß Baumann ihn ganz gewiß unterwegs fragen würde : Junker , haben Sie der Frau Mama Adieu gesagt ? und daß er sich dann schämen würde , wenn er , wie er doch nicht anders könnte , mit Nein antworten müßte ; und er sprang mit einem Satz die Stufen , die zur Terrasse führten , hinab und lief tiefer in den Garten , dabei von Zeit zu Zeit Mama rufend . Hier ! antwortete plötzlich eine Frauenstimme ganz in der Nähe , und rasch um ein dichtes Gebüsch biegend , das , im Schutz alter dickstämmiger Linden , noch einen guten Theil seiner Blätter behalten hatte , stürzte er beinahe seiner Mama in die Arme . Was giebt ' s , mein Wildfang ? sagte Melitta , ihre Hände auf des Knaben Schultern legend . Wir wollen ausreiten , sagte der Knabe , der vor lauter Eile kaum Zeit zum Sprechen hatte . Aber der Himmel sieht sehr trübe aus . O , Baumann sagt - nein , das sagt Baumann auch . Aber ich habe so große Lust zum reiten . Bitte , bitte liebe Mama ! Wenn es nicht schon so spät wäre , sagte Melitta , nach ihrer Uhr sehend , möchte ich wohl mit . Ach , bitte , liebe Mama , thu ' s ein ander Mal . Du mußt Dich erst umziehen , und dann fängt es vielleicht vorher noch an zu schneien ; und es wird gar nichts daraus . Da könntest Du Recht haben , antwortete Melitta lächelnd . Dann mach ' , daß Du fortkommst . Zieh Dir aber den Ueberrock an . Sie küßte den Knaben auf den rothen Mund und der Knabe sprang lustig davon , um nach fünf Minuten mit dem alten Baumann , der unterdessen Julius ' Pony selbst gesattelt hatte - er überließ das Satteln des Ponys ebenso wie das von Melitta ' s Pferden nie dem Stallknecht - aus dem Hauptthore in die kahlen Felder hineinzugaloppiren . Melitta wandelte , nachdem der Knabe davon geeilt war , wieder in den Gängen , zwischen den langen künstlich verschnittenen Buchenhecken und den Taxuspyramiden auf und ab . Es waren dies dieselben Gänge , in denen sie an einem schönen Sommernachmittage , als die Sonne rothe Strahlen durch das grüne Laubdach auf die in üppigster Blumenfülle prangenden Beete schoß , Arm in Arm mit Oswald gewandelt war . Wie hatte sich seitdem die Scene verändert ! Wo war der rothe Sonnenschein hingeschwunden ? wohin das grüne Laub ? und die bunten Blumen ? War dies dieselbe Erde , deren weicher , balsamischer Odem war , wie ein Kuß des Geliebten ? dieselbe Erde , deren Gewand so hochzeitlich prangte ? die beim funkelnden Licht unzähliger Sterne so bräutlich den hohen Himmel umarmte ? Auf dieser Bank hatte sie an Oswalds Seite an jenem Sommernachmittag gesessen , der für sie und ihn so verhängnißvoll werden sollte ; und sie hatten zwei weißen Schmetterlingen zugeschaut , die sich auf den weichen Flügeln über den Blumenwäldern der Beete wiegten und sich haschten und verfolgten und dann emporstiegen in die blaue Luft , einen Augenblick sich umarmend , dann sich trennend , um hierhin und dorthin in die grüne Wildniß hineinzuflattern . Ob diese Schmetterlinge sich wohl wiedersehen im Leben ? hatte sie gefragt , und Oswald hatte geantwortet : Wohl möglich ; aber ob , wenn sie sich wiedersehen , es mit derselben Lust geschieht , das ist eine andere Frage . Sie hatte Oswald seit der Nacht , wo sie das erste Mal nach Fichtenau reiste , nicht wieder gesehen . Wenn sie ihn jetzt wiedersähe ? sie bebte bei dem Gedanken zusammen ; denn sie fühlte in diesem Augenblick , daß sie es wünschte . Hatte sie ihn doch so unendlich geliebt , war sie doch mit ihm so unsäglich glücklich gewesen ! Aber nein ! Vernunft und Stolz geboten ihr , den Treulosen zu vergessen , der nur erobern , aber nicht das Eroberte erhalten konnte . Sie kreuzte die Arme noch fester unter dem Busen und ihr Gesicht blickte beinahe finster , als sie weiterschritt ; aber bald erhellte es sich wieder ; und jetzt lachte sie sogar leise in sich hinein . Sie mußte wieder an den Ausdruck von Oldenburgs Gesicht denken , als sie neulich Abends , wo das Wetter so furchtbar war und er dennoch zur gewöhnlichen Zeit aufstand , um nach Haus zu reiten , zu ihm sagte : Willst Du nicht lieber zur Nacht hier bleiben , Adalbert ? und er sie nun einen Moment scharf ansah und dann mit einer gewissen Hast und Verlegenheit die Einladung kurz zurückwies und sich empfahl . Oldenburg , dessen Moralität man stets so arg verketzerte , der in dem Ruf stand , in seinem Leben unzählige liaisons dangereuses gehabt zu haben , so jungfräulich schüchtern , so zärtlich besorgt für den guten Ruf einer Frau ! - Warum behandelte er sie so anders , als die Schaar der andern Weiber , an deren Lippen er sich so bald satt geküßt ? - Wird er heut ' wohl kommen ? Die Stunde , in welcher der Huf seines Almansor auf dem Pflaster des Hofes aufzuschlagen pflegt , ist schon vorüber . Die junge Frau blickte bedenklich zu den grauen Wolken hinauf , die immer tiefer und tiefer sich senkten und aus denen jetzt einzelne Schneeflocken , die ersten in diesem Jahr , lautlos herabschwebten , um auf der schwarzen Erde nach wenigen Augenblicken wieder zu zerfließen . Wenn Julius nur nicht zu weit reitet ! aber er ist ja in des alten Baumanns Hut . Vielleicht sind sie nach Cona geritten und kommen mit Oldenburg , der sich zwischen seinen Büchern verspätet hat , zurück . - Sie werden tüchtig durchgefroren sein , wenn sie kommen : und da ist es wohl gut , wenn der Thee schon fertig auf dem Tisch steht . Melitta ging in das Haus zurück und bestellte das Abendbrod und die Lampen , denn es war beinahe dunkel geworden und sie wollte gern noch etwas in Oldenburgs Tagebuch blättern . Er hatte ihr vor einiger Zeit daraus vorgelesen und als er an dem Abend mit der Lectüre nicht fertig wurde , das Buch dagelassen und sie gebeten , für sich selbst weiter zu blättern , und als sie ihn lächelnd an die Gefahr erinnerte , sein Tagebuch in den Händen einer Dame zu lassen , erwidert : es stehe in dem Buche , so wenig wie in seinem Herzen etwas , das sie nicht erfahren dürfe . Im Gegentheil ! er wünsche , daß sie Alles lese , er wolle nicht besser und auch nicht anders scheinen , als er sei . Sie öffnete das Buch und wie sie darin blätterte , stieß sie auf eine Stelle , die ihr bis dahin entgangen war : Man sagt , die Liebe sei für die Männer blos ein Luxus , für die Frau aber ein Bedürfniß ; ein passer le temps für jene , eine Lebensaufgabe für diese . Aber wie oft ist gerade das Umgekehrte der Fall ! Wie oft ist für die thatenlose , müßige Frau ( ich spreche hier von den wohlhabenden Klassen ) die Liebe ein Luxusartikel neben vielen anderen , für den thatkräftigen , fleißigen Mann aber das reine erquickende Element , aus dem er sich immerfort neue Kraft und neuen Muth saugen muß ! Für den Arbeiter ( und das ist am Ende jeder Mann , er mag Ministerpräsident oder des Ministerpräsidenten Schuster sein ) ist , wie Virgil es so schön ausdrückt : die Nacht der Preis des Tages . Und dazu kommt noch dies . Der Mann ist für Zärtlichkeit viel dankbarer als die Frau . Eine Frau , besonders wenn sie schön ist , wird von Jugend auf mit Aufmerksamkeit überhäuft ; wohin sie kommt , sind hundert Hände bereit , ihr zu dienen ; stets hat sie einen Hof von Schmeichlern und Bewunderern um sich her . Ist es nicht natürlich , daß ihr , wie den übrigen Großen der Erde , der Kopf verdreht wird ? daß ihr die Huldigung des Einzelnen nicht mehr so viel sein kann ? daß die Liebe in Folge des zu reichlichen Angebots bei ihr sinkt ? - Und nun der Mann ! Wenn er nicht ausnahmsweise ein Prinz ist , wird im Leben stets so kurzer Proceß mit ihm gemacht ! Auf der Schule , auf der Universität hat er wohl , wenn das Glück ihm günstig ist , sogenannte Freunde , die ihm das Dasein einigermaßen verschönern ; aber kaum ist er in das praktische Leben eingetreten , ist auch die Freundesschaar plötzlich , und zwar für immer , zerstoben und er steht allein , muß allein allen Schmerz , alle Noth und - was beinahe eben so schlimm ist , - alle Freude tragen . Die Gesellschaft erschließt sich ihm ; aber wann ? nachdem er Erfolge gehabt hat ; und bis dahin ? bis dahin ist ein langer , staubiger , schattenloser , entsetzlicher Weg , der ihm den besten Theil seiner Lebenskraft und Lebensfreude unwiederbringlich raubt . Hat er aber Erfolg gehabt , so wird er , wenn er vorher mit Geißeln gepeitscht war , jetzt mit Skorpionen gezüchtigt . Selbst sein Freunde werden jetzt seine Nebenbuhler ; und er sieht sich , einzig auf sich , auf seine Kraft , auf seinen Muth angewiesen , gegenüber einer Welt in Waffen , einer mitleidslosen , neidischen , schadenfrohen , im besten Falle gleichgiltigen Welt . Und o ! der Seligkeit , wenn nun hier , in diesem wüsten Gedränge , eine warme , weiche Hand seine Hand treulich faßt und eine liebe Stimme zu ihm spricht : Sei stark ! harre aus ! wenn Alles Dich verläßt , ich will Dich nicht verlassen ; wenn Andere Dir Deine Triumphe neiden , mich werden sie selig machen , und wenn Dir Dein Werk mißlingt und sie Dich verspotten und verhöhnen , oder es Dir wohl gelungen ist , sie aber gleichgiltig und kalt daran vorübergehen - dann sollst Du Dein müdes Haupt an diese Brust lehnen , dann will ich Dir die fiebernden Schläfen mit meinen Küssen kühlen , dann will ich Dir den köstlichen Balsam guter , theilnehmender , tröstender Worte träufeln in Dein armes , zerrissenes Herz ! - O , dreimal glückseliger Mann ! jetzt laß die Welt ihr Aergstes thun , Du zitterst nicht , Du zagst nicht ! In Deines Weibes Liebe hast Du den Punkt des Archimedes , auf den Dich stützend , Du die Welt aus den Angeln hebst . Und so habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennen gelernt , der mit einer Liebe , die schlechterdings grenzenlos war , die mit dem stetigen Glanz des Nordsterns unerlöschlich , unwandelbar durch die Nacht seines Lebens brannte , an dem Weibe seiner Wahl hing ; und ganz gewiß , wo wir in der Geschichte einen Arnold Winkelried finden , der todesmuthig der Freiheit eine Gasse brach , der that es um der Freiheit willen ? ja ! um des Vaterlandes willen ? ja ! aber vor allem that er es für Weib und Kind , die ihm der Auszug und die Quintessenz von Welt und Leben waren . Melitta ließ das Buch in den Schooß sinken , und schaute sinnend vor sich nieder ; dann legte sie es nieder auf den Tisch , und trat an das Fenster . Es war beinahe dunkel geworden , und statt der einzelnen Flocken von vorhin fiel der Schnee jetzt ziemlich dicht herab , zerschmolz auch nicht mehr an der Erde , sondern hatte bereits eine dünne weiße Decke über den Rasenplatz gebreitet . -Melitta fing an , sich über das lange Ausbleiben ihres Julius ernstlich zu bekümmern . Sie machte sich Vorwürfe , daß sie den Knaben noch so spät hatte fortreiten lassen . Und auch Oldenburg kam nicht . Wenn er hier wäre , würde sie ihn bitten , den Beiden entgegenzureiten . Wie gern würde er ' s thun . Sie ging voll Sorge in das Speisezimmer , rechts neben dem Gartensaal , von dessen Fenstern man eine kurze Strecke weit auf den Weg , der in den Wald über Grenwitz nach Cona führt , sehen konnte . Der Schnee fiel jetzt so dicht , daß man kaum noch den Waldrand hoher düsterer Tannen erblickte , obgleich er nur einige hundert Schritte entfernt war . Sie öffnete das Fenster und lehnte sich , der Flocken nicht achtend , die auf ihr dunkles Haar wehten und auf ihrer Stirn zerflossen , weit hinaus . - War das nicht Hufschlag ? - Da kommen sie aus dem Walde , ein , zwei , drei dunkle Gestalten : Oldenburg , der Alte und zwischen ihnen Julius ; Almansor und Brownlock im Trabe , der Pony in der Mitte , um nur mitkommen zu können , im vollen Lauf . Melitta weht mit dem Taschentuch und ruft , und Julius antwortet mit seinem lustigen Halloh ! und schlägt den Pony mit der Gerte über den Hals , worauf der Pony unwillig den krausen Kopf schüttelt und in eine so wüthende Carriere fällt , daß er seine langbeinigen Nebenbuhler schließlich doch noch