schwacher Mann Ihr eigen Fleisch und Blut gegen einen Pergamentfetzen verhandeln wollen . Hören Sie wohl zu , Wienand : auf mein Wort hat jetzt Helene diesem Jüngling Treue geschworen , und sie wird daran halten , solange sie lebt ; aber morgen geht der junge Mensch fort von hier , nach Amerika ; nie wieder wird er vielleicht zu seiner Verlobten reden , und an sie schreiben wird er auch nicht . Sie sollen einen Teil Ihres Willens haben , Wienand ; Helene wird sich nicht gegen Ihren Willen verheiraten , aber diesen Burschen , der leider Gottes meinen Namen trägt , sollen Sie ihr in alle Ewigkeit nicht aufdrängen . Nun führen Sie Ihr Kind fort , Herr ; für heute habe ich genug zu Ihnen gesprochen . « » Genug , übergenug ! « murmelte der Bankier zwischen den Zähnen . Dann sprach er laut : » Fräulein von Poppen , ich übernehme von jetzt an die Leitung meines Hauses und damit auch meiner Tochter wieder allein ; ich denke , das ist klar ! Komm , Mädchen , fort mit dir ! « » Sie weisen mir die Tür , Herr « , sagte das Freifräulein höchst vornehm , wirklich vornehm . » Das ist eine große Ehre , die Sie mir unter den jetzigen Umständen erzeigen . Ändern werden Sie dadurch übrigens nichts ! Helene Wienand , im Namen deiner toten Mutter , deren Stelle ich versehen habe und für die ich hier stehe , im Namen deiner Mutter verbiete ich , Juliane von Poppen , dir , diesem Mann , meinem Neffen Leon von Poppen , deine Hand zu geben . Wir müssen uns jetzt trennen , bleibe treu den Sternen und gedenke , mein armes Kind , daß ich dir zu jeder Stunde doch nahe , ganz nahe sein werde . Habe Mut , traue deinen Müttern , der toten wie der lebenden , sie werden ihr Kind nicht verlassen . « Nach einer kurzen , hastigen letzten Umarmung schob das Freifräulein das verzweifelnde Mädchen dem Vater zu , indem es demselben ganz leise ins Ohr flüsterte : » Da nehmt es , armer Mann ; versucht , was Ihr erreichen könnt . Ich habe den Sarg Eurer Frau geschmückt , obgleich Ihr mich nicht gerufen hattet . Hütet Euch , daß ich nicht nochmals ungerufen Euer Haus betreten muß , um eine andere Tote in den Sarg zu legen ! ... Nun , Herr von Poppen , bieten Sie dem Fräulein Wienand Ihren Arm . « Damit wandte sich Juliane ab und griff nach der Hand Robert Wolfs , welcher sich zwischen den Baron und das junge Mädchen stürzen wollte ; Herr Leon aber bot dem Fräulein Wienand nicht den Arm ; er stand betäubt , » wie vor den Kopf geschlagen « . Wankend folgte er dem Vater und der Tochter und stolperte draußen über das alte Weib , welches neben seiner Laterne auf der Treppe eingeschlafen war . Atemlos hielt er sich an dem morschen Geländer und ächzte : » Pauken und Trompeten , welch ein Weib , welch eine Suade ! Ich werde mich zu Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen . « Er fuhr nicht mit in dem Wagen des Bankiers nach Hause ; er ging oder schwankte vielmehr heimwärts . Als er vor dem Café de l ' Europe von einem ihm begegnenden Kollegen erfuhr , daß das Nobilitierungspatent für den Bankier Wienand von Seiner Majestät fürs erste noch zurückgelegt worden sei , machte diese Nachricht kaum einen bemerkenswerten Eindruck auf ihn . Er kam in seinem Zimmer an und zog wirklich die Decke über den Kopf , nachdem er vorher noch dem getreuen und klugen Baptiste wieder einmal auf die alte Art , das heißt durch einen Tritt vor die Posteriora , gute Nacht gewünscht hatte . Er selbst hatte keine gute Nacht . Im Observatorium des Sternsehers sprachen die Freunde nicht viel mehr zueinander . Was sie bewegte , ließ sich schwer in Worte fassen . Mit heißen Tränen nahmen Juliane von Poppen und der alte Ulex Abschied von Robert Wolf ; und Polizeischreiber Fiebiger war fast von allen der Weichmütigste . Am folgenden Morgen schon reiste Robert nach Hamburg ab . Neunundzwanzigstes Kapitel Zeigt , daß Leute , die aus dem Blick entschwinden , darum doch an der rechten Stelle wieder erscheinen können Wer ein sorgenvolles , bekümmertes , schmerzbeladenes Herz hat , der trage es , wenn er es irgend vermag , hinaus auf die großen Wasser . Es liegt etwas Befreiendes , Kräftigendes in dem Schweben auf dem beweglichen Element ; der Horizont des Menschen wird weiter auf dem Meer . Es ist ewig dasselbe und doch immer ein anderes ; einfachste tiefste Harmonie ist im Sturm wie in der Windstille . Das ängstlich Kleine , welches auf der » wohlgegründeten Erde « von allen Seiten her sich aufdrängt , weicht zurück ; der starke Geist empfindet lebhaft , daß es besser ist , in den Armen der lauttönenden Amphitrite erdrückt und erstickt zu werden als von vier dumpfen Mauern und einem Haufen Federbetten . Ähnliches empfand Robert , nachdem das deutsche Ufer hinter ihm versunken war und er die Seekrankheit überwunden hatte . Noch mehr empfand er das , als nach tagelangem Kreuzen gegen widrige Winde die Küsten von England und Frankreich , die Scharen wild geschaukelter Fischerboote dem Auge sich entzogen und das gute Schiff Teutonia durch den freien Atlantischen Ozean westwärts zog . Nun hatte , gewiegt auf dem blauen Wasser , Robert die beste Zeit und Gelegenheit , über sich und seine Schicksale nachzusinnen ; und mit jedem andern Erdgeborenen teilte er das Recht , Wunder über Wunder in seinem Leben zu finden . Die geheimnisvolle Tiefe , über welcher er schwebte , schien ihm nicht soviel Wunder zu verbergen wie die eigene Brust . Seit jene Briefe ihn von jenem grünen Waldhügel aufgeschreckt hatten , auf welchem er mit den Genossen das Lied vom Glück der Menschen und Neid der Götter sang , war das alte Grübeln , das bittere Wühlen im eigensten , innersten Sein mit verdoppelter Macht zurückgekommen . In alter Weise rief er die Bilder der Vergangenheit zurück , verknüpfte sie miteinander und suchte sich über jede Lebensstunde Rechenschaft zu geben . Über sein Erwachen zum Denken im verborgenen Tal des Winzelwaldes grübelte er und suchte die ersten Anfänge der Charakter- und Geistesaufbauung mit den Anschauungen des gewordenen Mannes in Einklang zu bringen . Da wurden manche Fragen laut , auf welche es keine Antwort gab , und manch ein Rätsel blieb ungelöst dem Sinnenden . Aber auch in mancher Neigung , in mancher Tat , in manchem Gedanken des Kindes , des Knaben fand er die Wurzel des Daseins des reifen Mannes , und manches , was in dem einsamen Walddorfe in der Seele aufsproßte , war noch lebendig , trieb Ranken und trug bittere oder süße Frucht in dieser Stunde , wo das große Meer und die hohen Wogen des Lebens den Weltbürger schaukelten . Robert griff nach allen Uranfängen seiner Existenz , im Guten wie im Bösen , zurück ; an allen Fäden , welche davon in die Gegenwart hineinliefen , tastete er sich zurück , und daß er das konnte , war auch einer von den Gewinnen , die er aus der Schule , durch welche er geführt worden war , gezogen hatte . Oft beobachtete er ernst das bunte Leben , welches auf dem Schiffe herrschte , und es kam ihm vor , als sei er der einzige , den nicht eine große glänzende Hoffnung über den Ozean führe . Da war niemand , jung und alt , Mann oder Weib , unter den Fahrtgenossen , der nicht von der Ferne , dem » Drüben « ein mehr oder weniger klar gedachtes fabelhaftes Glück für sich und andere erhoffte . Sie unterhielten ihn alle gern von ihren Plänen und Aussichten , denn die Hoffnung ist um so mitteilsamer , je verschlossener die Enttäuschung ist , und er horchte ihnen gern und teilnehmend . Er hatte jenseits der Wasser kein Glück zu erwarten ; aber er hatte genug gelernt , um die Hoffenden , Frohlockenden nicht zu beneiden - und auch das war viel gewonnen hienieden , wo das Glück des einen selten , sehr selten den andern glücklich macht . Seines wackern Freundes Ludwig gedachte er . Wo mochte der sein ? Hatte der gefunden , was er suchte ? Das Grab des Bruders stieg drohend in der Phantasie hinter jeder von diesen Fragen empor . Nach den ersten stürmischen Tagen hatten die Götter der Teutonia eine gute Fahrt gewährt . Leicht durchschnitt der schnelle Kiel die Fucusbänke von Corvo und Flores , welche am neunzehnten September des Jahres vierzehnhundertzweiundneunzig das Schiffsvolk des Christoph Kolumbus so sehr erschreckt hatten . Der kühne herrliche Genuese hatte aber das Phönikermärchen vom undurchdringlichen Meer nicht gefürchtet . Vor Märchen weicht der Genius nicht zurück - und was ist Märchen , und was ist Wahrheit in dieser Welt ? Überall findet der denkende Geist hohe Beispiele , an denen er sich aus schwerer Trübsal und peinlicher Vergrillung emporrichten kann . So lehnte Robert an der Brüstung des Schiffes , blickte hinauf in die sternenhelle Nacht , hinaus in das leuchtende Meer und sprach : » Die Mittelmäßigkeit , welche mit wenig Kunst die Erde beherrscht , traut dem Geiste nicht , der nach den Sternen sieht . Wenn sie gnädig ist und das Höchste wagen will , gibt sie ihm eine lecke Karavelle und einen Haufen Galeerensklaven und Verbrecher zu Hülfsgenossen , auf daß ja kein ehrlicher , verständiger Mann bei dem törichten , närrischen Spaß zugrunde gehe . Aber hohe Götter halten ihre Hand über das morsche Fahrzeug , welches den Entdecker trägt . Wenn das meuterische Gesindel in seiner Angst ihm Ketten an die Hände legt , was schadet es ? Auch in Ketten vorwärts ! O über die tragische Ironie ! Wird nicht fast alles Große mit gefesselter Faust gewonnen ? Was wollen wir Kleinen uns kümmern , wenn es den Großen so geht ? Für uns nicht weniger als für sie gilt das Wort : Auch in Ketten vorwärts ! Auch in Ketten vorwärts ! « Aus den Wogen tauchte Rio Janeiro mit seinen Palmen , seiner buntscheckigen Bevölkerung auf wie ein wunderlicher Traum ; aber auf den sonnigen Glanz der Tropen folgten die Nebel und Schneestürme am Kap Hoorn . Doch die bösen Geister der bei den Schiffern so übelberüchtigten Planetenstelle hatten keine Macht über das gute Schiff Teutonia . Glücklich umfuhr es die gefürchtete Spitze , und stolz zeigte sein Galionbild dem Stillen Ozean Schild und Schwert . Noch einmal im Hafen , ehe das Ziel erreicht ist ! Das ist Valparaiso auf der westlichen Seite des amerikanischen Kontinents . Wieder hinaus nach kürzester Frist , zu nahe winkte jetzt das Ziel , als daß man sich Zeit gegönnt hätte zum ruhigen Atemholen auf fester Erde . Als endlich , endlich abermals der Ruf : Land ! erschallte , da war die Fahrt vollendet , und die langen Wellen des Großen Ozeans rollten gegen die Ufer der kalifornischen Küste . Im unbeschreiblichen Tumult stürzte die wilderregte Menge auf der Teutonia gegen die Schiffsbrüstung . Mit gierigen Augen und hochklopfenden Herzen starrte sie in die Ferne auf die Bergzacken , die duftverschleiert , mehr geahnt als gesehen , am Horizont auftauchten . Da lag es nun vor den Augen dieser armen Menschenkinder , da lag es - das Goldland - das Dorado , nach welchem fast seit Beginn der Geschichte die Menschheit auf die verschiedenartigste Weise sich abängstete , das sie suchte im Stein der Weisen , das sie sah in den phantastischen Träumen vom Reich Ophir , vom Land Golkonda , vom Reich des Priesters Johann . Immer dasselbe Drängen auf einem andern Wege . Ach , mit welchen Blicken klammerte sich dies begünstigte Geschlecht des neunzehnten Jahrhunderts an diese toten kahlen Berge , von denen die goldführenden Ströme sich ins Meer herabstürzten ! Und rückwärts auf der Linie des Meereshorizontes tauchte Segel um Segel auf . Jedes Volk des Erdballs kam , seinen Teil zu nehmen von dem unendlichen Glück . Auf dem Deck der Teutonia zitterte das Fernrohr in der Hand des Kapitäns . Mit toller , schwindelnder Hast führten die Matrosen die gegebenen Befehle aus - immer deutlicher trat das Land hervor ; eine hohe Felswand schien den Lauf des Schiffes hindern zu wollen ; aber was ihr durch Jahrtausende gelungen war , das gelang jetzt nicht mehr - das Goldene Tor öffnete sich , auf beiden Seiten traten die Felsen zurück , ein hundertstimmiges Jauchzen stieg himmelan vom Bord der Teutonia ; unwillkürlich machten sich dadurch die zusammengepreßten Gefühle in jeder Brust Luft . Vor den Augen der Seefahrer dehnte sich , blitzend im Strahl der Morgensonne , die Bai von San Francisco . Wer jetzt - jetzt , wo jene Zeit schon längst old forty-nine , alt-neunundvierzig , geworden ist - dort anlandet , der findet da eine prächtige Stadt , ein geregeltes Staatsleben , ein geregeltes Leben der Individuen . Das war damals anders . Damals setzte jedermann den Fuß des Eroberers auf diesen dürren Strand , mit dem festen Willen , niemandem zu weichen auf dem Wege zum grenzenlosen Reichtum . Jeder , nur mit sich selbst beschäftigt , sah in dem Mann zur Seite nur den gefährlichen Nebenbuhler , den Todfeind . Selten fand der Strauchelnde eine barmherzige , hülfreiche Hand ; nur der Egoismus verband hie und da die einzelnen zur gemeinschaftlichen Arbeit . Da lagen auf der Reede die Schiffe aller Nationen : die chinesische Dschunke neben der englischen Brigg , das Fahrzeug aus Honolulu neben dem Bremer Schoner , und von jedem Bord hatte sich der Strom der Abenteurer ans Land ergossen und auf dem Strande die tolle Zeltstadt San Francisco mit errichtet , leicht und wunderlich gleich den Gedanken , welche in den wilden Herzen um wirbelten . Ihren Ankerplatz fand auch die Teutonia , und auch ihre Menschenlast stürzte sich im drängenden Getümmel in die Böte , um so schnell als möglich den glorreichen Boden zu erreichen . Ein klares Denken war in diesem Augenblick eine Unmöglichkeit ; möglich schien nur , daß alles dieses , was Wirklichkeit sein sollte , nur eine Vision war . Jedermann hatte das Gefühl , als könnten diese Gebirge , diese Landzunge mit der beweglichen Stadt , dieses bunte Gewühl der Völker , dieser Mastenwald sich wieder in Nebel und Nichts auflösen . Schwindelnd stand Robert Wolf , nach mehrmonatlichem Geschaukel auf den Wogen , auf dem festen Erdreich , fast so schwindelnd wie damals , als das Geschick ihn zum erstenmal ratlos , hülflos in die große Stadt geschleudert hatte . Der Übergang war zu plötzlich . Eben befand man sich noch auf dem weiten Meer , inmitten der Gestalten , der Gesichter , der Stimmen , an die man sich wohl oder übel durch das lange Zusammensein gewöhnt , über die man sich ergötzt , geärgert , erbost , an die man sich auch wohl mit Zuneigung angeschlossen hatte - nun war man mit einem Schlag , durch einen Schritt über ein schwankendes Brett , in eine Szenerie , in ein Leben versetzt , von welchem man bis dahin nicht die geringste Ahnung gehabt hatte . Verschwunden waren die bekannten Figuren . In einem Augenblick hatten sie sich in dem Getümmel verloren . Das Schiff war zu einer Art von Heimat geworden ; diesem unbekannten Lande , diesem unbekannten Leben gegenüber fühlte man sich vollkommen heimatlos . Für mutige Charaktere jedoch geht dieses zaghafte Gefühl , dessen sich wohl keiner anfänglich erwehren kann , schnell vorüber , und auch bei dem Schüler des Polizeischreibers Fiebiger war es nicht von Dauer . Fest stand er und blickte klar in das Wirbeln und Wogen . Um sein geringes Gepäck brauchte er keine Sorge zu haben . Im Notfall konnte er den leichten Koffer auf den eigenen Schultern zu irgendeiner der Holz- und Leinwandbaracken tragen , welche durch ein flatterndes Banner oder durch eine flüchtig und roh bepinselte Tafel als » Hotels « dem müden Seefahrer sich ankündigten . Aber der junge Deutsche konnte sich nicht losreißen von dem merkwürdigen Schauspiel , welches vor seinen Augen fort und fort wechselte ; er schrak auch nicht wenig zusammen , als er plötzlich eine gewichtige Hand auf seiner Schulter fühlte : » Holla , Landsmann , seid Ihr nach Kalifornien gekommen , um auf offener Straße ein germanisch Tagträumen zu beginnen ? Beim Plutus und Mammon , kein Platz dafür hier , Herr Wolf aus dem Winzelwalde . « Im höchsten Grade überrascht durch die unvermutete Anrede , drehte sich Robert um und sah nun einen hohen , breitschultrigen Mann mit dunkelm , graugesprenkeltem Vollbart und sonnegebräuntem Gesicht , über dessen Stirn eine rote Narbe lief , vor sich . Ein breitrandiger Sombrero bedeckte den charaktervollen Kopf , dazu trug der Mann ein ledernes Jagdwams , hohe Stiefeln , eine Büchse , ein Weidmesser , eine indianische Tasche und unter dem Arm eine zusammengerollte mexikanische Serape . Das Plötzliche der Erscheinung und Anrede wirkte so verwirrend auf Robert , daß er einige Sekunden hindurch nicht imstande war zu sagen , wer vor ihm stehe . Der Fremde machte dem schnell ein Ende und sagte : » Kalkuliere , Ihr kennt mich doch wohl ! Erinnert Euch an das Polizeibüro zu - na , Ihr wißt . Schickte auch neulich einen Brief nach dem alten Lande , der Euch leider anging . Gebt mir die Hand , ich wußte , daß Ihr Euch den Weg hierher nicht verdrießen lassen würdet . « » Konrad von Faber ! Der Herr Hauptmann von Faber ! « rief Robert Wolf und faßte hastig die dargebotene knochige Hand des berühmten Reisenden . » Dank , Dank für die Hand , die Sie mir damals reichten , welche Sie mir jetzt entgegenstrecken ! « » Still , still « , sagte Faber , » ich freue mich herzlich , daß ich Sie sogleich traf , Mann . Ja , Sie sind ein Mann geworden , und manch einer hätte Sie nicht sofort erkannt ; aber in einem Leben , gleich dem meinigen , schärft sich das Auge für Derartiges . War auch Ihr Bruder mein sehr guter Freund - wackerer Junge ! - , haben zusammen an manchem Lagerfeuer gelegen , und seine Hand hat mich mehr als einmal zu Wasser und zu Land vor der letzten Unannehmlichkeit geschützt . Leider habe ich ihn jetzt nicht wieder schützen können . Es gibt Leute , die stehen zueinander , wo sie sich treffen , im Salon wie unter dem Büchsenfeuer . ' s ist ein hart Ding , daß er jetzt in diesem fatalen Sande liegen muß . Das war das Ende davon , Don Roberto , und es geht manchem hier auf die Art. Man gräbt eine Grube und kratzt und wühlt sich die Finger blutig nach dem blanken Staube , und während dem Kratzen und Wühlen schleicht sich der Tod , das alte Gespenst , hinter Euch , und ein Tritt von seinem verdammten Skelettfuß stürzt Euch kopfüber in das Loch ; die Kameraden werfen den Sand und das Gestein , welche Ihr mit soviel Schweiß lind Mühe aus der Grube herausgebracht habt , wieder auf Euch , und dann - dann jeder an sein Geschäft ! - go ahead ! Aber es ist doch ein glorioses Treiben ! « » Und Eva ? Eva - meine Schwägerin ? « rief Robert , von neuem die Hände Konrad von Fabers fassend . Ein schmerzliches Zucken ging über das Gesicht des Reisenden . Mit einem heftigen Ruck riß er seine Hände aus denen des jungen Mannes , trat einen Schritt zurück und lüftete ein wenig den Strohhut , um ihn sogleich desto tiefer in die Stirn zu drücken : » Stand firm at your post ! « murmelte er , und dann rief er laut : » O Wolf , ich habe niemals mich viel um die Weiber gekümmert , es ist eine beschwerliche Last für einen Wanderer meines Schlages ; - zu weichliche Kreaturen für einen Menschen , der das Stillsitzen nicht vertragen kann ! Wolf , Eures Bruders Frau ist die einzige Königin , die mir auf meinem Lebenswege begegnet ist , und ich habe doch manche Damen gesehen , die sich offiziell den Titel ausbaten . Sie ist ihrem Mann keine Last gewesen . Eine Heldin ist sie , und als solche hat sie geduldet . Ach , sie wird nicht lange mehr zu dulden haben . ' s ist ein weiter Weg von Texas bis zum Stillen Ozean . Die Wälder , die Prärien , die Felsengebirge , die Wüsten könnten den stärksten Mann müde und knielahm machen , Eva Wolf ist nicht müde geworden . Wenn sich wilde Gesellen im Zuge zu Boden warfen und sterben wollten , haben wir ihnen die Eva Wolf und die andere , die mit ihr war , das kleine Mädchen , ihr Mariechen , gezeigt , wir haben manchen albernen , weichfüßigen Tölpel dadurch wieder auf die Beine und zum Marschieren gebracht . Sie hat auch Glück gehabt hier auf dem goldenen Boden . Sie stieg selbst zum Spaß in solch ein Loch , in welchem nun Euer Bruder begraben liegt . In diesem Augenblick noch klingt mir ihr helles Lachen ins Ohr , als sie einen blitzenden Klumpen in die Höhe hielt und rief : Oro ! oro ! Schau , Fritz , damit kaufen wir das ganze Poppenhagen , Schloß und Dorf ! - Nie vergeß ich das stolze Lächeln , mit welchem Fredy auf sein mutiges Weib blickte ; sie war ganz ein Weib für ihn , und nie hat sie kalt eins seiner Luftschlösser von künftigem Glück eingerissen . Welch einen Respekt alle die wilden Kerle in den Minen vor ihr hatten - es war glorreich ! Aber das Fieber , das Fieber ! ... Ihr werdet ja selbst sehen , Robert Wolf - sie wird Euch nichts vorwimmern ; aber es ist nur um so herzzerbrechender . « Mit sprachlosem Schmerz und Stolz hatte Robert diesem Berichte Konrad Fabers zugehört ; mit hundert hastigen Fragen bestürmte er den Reisenden jetzt und erfuhr , daß Eva Wolf in einer Blockhütte weit in den Bergen auf den Tod liege . » Zu ihr ! Zu ihr ! « murmelte er , und Faber nickte : » Jawohl , morgen in der Frühe wollen wir zu ihr ; der Apotheker wird seine Drugs bis dahin wohl fertig haben . Jetzt aber kommt , lieber Junge , ich will Euch zu einem Quartier und zu Landsleuten , bei denen Ihr Euch nicht fremd fühlen sollt , führen . Morgen gehen wir zum Grabe Eures Bruders , zum Weibe Eures Bruders . Dies ist Euer Gepäck ? « Robert nickte . » Gut , packt an ! Was auf dieser Seite des Erdballs der Mensch selbst schleppen kann , muß er schleppen . Ihr werdet Euch wundern über die Leute , die uns in unserm Quartier erwarten . « Den Koffer zwischen sich nehmend , brachen die beiden Männer sich Bahn durch das Gewühl der Zeltstadt , und der Hauptmann führte den Ankömmling ziemlich bis ans andere Ende derselben , indem er ihn im Gehen auf allerlei Einzelheiten des Getümmels aufmerksam machte . » Blickt nicht so niedergeschlagen zur Erde , junger Mann ! « rief er . » Selbst im Untergehen läßt ein rechter Mann nichts Bemerkenswertes unbeachtet liegen . Blickt auf und um Euch ; wenn Ihr später einmal wieder ruhig in Deutschland sitzt und über Kornfelder , Obstbäume zum Buchenwald hinüberschaut , so mag Euch die Erinnerung der heutigen Stunden wie das bunteste Zauberbild in die Seele treten . Nicht wahr , Don Roberto , das ist ein tolles Treiben ? Achtet , ich bitte Euch , auf die Hautschattierungen . Seht den Burschen dort vor dem Gewürzladen , das ist ein Untertan Seiner kanakischen Majestät - eine alte Bekanntschaft von mir ; der Schlingel wollte mir mit aller Gewalt seine Tochter gegen meines Großvaters alte silberne Taschenuhr verhandeln . Da ich nicht darauf einging , stahl er mir natürlich den Gegenstand seiner Wünsche ; - heilloser Spektakel drum vor dem Königlichen Tribunal in Honolulu - französische Intervention in Ermangelung der deutschen ; britische Eifersucht auf Frankreich - Reverend Mr. Shambling nahm die Uhr und die schöne Kanakin dazu , und meines Vaters Sohn hatte das Nachsehen . Hallo , schaut , Robert , da geht Paddy vom grünen Erin Arm in Arm mit Chinese-John , dem Ausreißer des himmlischen Reiches . Chilenen , Hindus , Deutsche , Mexikaner , Engländer , Yankees , Juden , Italiener , Spanier , Russen , Franzosen , alle sind da , jeder mit seinem Löffel . Kalkuliere aber , der Breitopf wird doch nicht groß genug sein . « Einen bessern Führer durch dieses Menschengewirr als den großen Reisenden , der alle Nationen , ihre Gewohnheiten , Sitten und Gebräuche im eigentlichsten Sinne persönlich kannte , hätte Robert nicht finden können . Das war wieder einer der Lehrmeister , welche ihm ein günstiges Geschick immer von neuem zur rechten Zeit in den Weg führte . Mit allen Völkern der Erde stand Konrad von Faber sozusagen auf du und du ; er war ein lebendiges Lehrbuch der Ethnographie und wußte Bescheid in der Anschauungsweise eines jeden Bruchteils der Menschheit , einerlei , ob dasselbe von der Mutter in einer schwäbischen Wiege geschaukelt oder in einer Bastmatte an den Stamm einer Kokospalme gehängt worden war . Endlich aber sagte er : » Angekommen ! Kennt Ihr vielleicht den Mann dort mit der Axt , Wolf ? « Und Robert ließ sein Teil vom Koffer fallen und stürzte mit offenen Armen vorwärts : » Ludwig ! Ludwig ! « Ludwig Tellering stieß einen ähnlichen Schrei aus und warf sich an die Brust des Freundes ; aus der niedern Tür des Bretterhauses blickte die Mutter Anna und eilte herzu , die Hände in der Schürze trocknend : » O mein Jesus , Sie sind es ? Ach du lieber Gott , die Freude ! die Überraschung ! Der Herr Hauptmann hat doch recht gehabt . « » Eine Ahnung hab ich gehabt , daß er heute kommen würde « , sagte Konrad von Faber . » Na , Mutter , was macht der junge Bürger von Kalifornien , was macht die Frau ? Alles noch immer wohlauf , hoffe ich . « » Nach Umständen , Herr Hauptmann « , antwortete die alte Frau mit glückseligem Lächeln ; » aber laßt mich nur dem Herrn Wolf - « » Kommt , Mutter , laßt die beiden jungen Leute jetzt allein « , fiel ihr Konrad ins Wort , » und erzählt mir etwas mehr vom Enkel . « Die Alte nickte : » ' s ist schon recht ; ja , mein Ludwig mag wohl ein volles Herz haben , und Herr Robert - ach Gott , weiß er denn schon alles ? « » Alles ! « sagte der Hauptmann und führte die gute Frau gegen das Haus oder vielmehr die Bretterbude . Die beiden Freunde hatten sich währenddem lange und innig in die Augen gesehen und in den Blick viele Worte gelegt . » So treffen wir uns hier wieder , und ich finde dich wie gewöhnlich mitten in der Arbeit und auch - ich sehe es dir an - im Glück ! « sagte Robert . » Gott grüße dich , alter , lieber Gesell ; - du hast gefunden , was du so heiß suchtest und ersehntest ! « » In der Arbeit und im Glück ! « rief Ludwig . » Da schau ! « Ein helles Kindergeschrei ließ sich vom Haus her vernehmen , und auf der Schwelle der Baracke erschien wieder die Frau Anna mit dem Hauptmann . In den Armen der Frau aber lag das kleine Wesen , welches seine klare Stimme lustig erklingen ließ im Brausen des Völkerdurcheinanders . » Mein Junge , mein herziger Bube ! « rief der Schreiner mit strahlendem Gesicht . » Vorgestern angekommen in der Welt ! O wie schade , daß ich dir jetzt meine Frau , meine Marie nicht zeigen darf ; aber du weißt - « » Ich weiß , daß du die beste , wackerste Frau hast . O sage ihr , wie ich ihr danke für alles , was sie an Eva getan hat . « Ludwig drückte traurig dem Freunde die Hand . » Jaja , das ist der einzige schwarze Schatten , welcher durch unser Glück geht . Ach die arme Eva ! O Robert , Robert , du ahnst nicht , wie sich meine Marie quält , daß sie jetzt nicht bei ihr sein kann , jetzt , wo es am allernötigsten wäre . Wie sie im ängstlichen Schlaf ihren Namen ruft ! « » Eure Frau hat getan , was sie konnte , Meister « , sagte Konrad von Faber , » und Ihr selbst habt Euch auch als ein braver Mann gegen Fritz und Eva Wolf gehalten . Ach , freut Euch nur des Lebens und Eures Glücks , Ihr Menschenkinder , Ihr habt es in jeder Weise verdient . Es löst hienieden immer eine Pflicht die andere ab . Auf diesen Pausback hier aber könnt Ihr doppelt stolz sein , Herr . Es ist das erste deutsche Kind , welches auf diesem fremdländischen Boden geboren wurde . Eure Frau müßte eigentlich von Rechts wegen eine Prämie vom alten Lande drüben haben . Nicht wahr , Mutter , es ist ein Labsal , dieser strampelnde deutsch-kalifornische Schreihals in diesem verdammten Gewühl von ausgewachsenen Abenteurern , Schwindlern , Halunken und Narren ? « » ' s ist ein Gottessegen , Herr Hauptmann ! « sagte die Alte ; » aber nun muß ich auch