und wieder Thränen gefunden hatte . Wir waren jetzt oft beisammen , denn seit jener Nacht kümmerte sich Harald nicht mehr viel um Fräulein Marie . Er ritt alle Tage aus , und nun kamen auch die Herren wieder auf ' s Schloß , wie sonst , und das alte Leben fing wieder an . Ob Harald seine Gewissensbisse zum Schweigen bringen , ob er die verlorene Zeit nachholen wollte , er war jetzt wilder und unbändiger , als ich ihn je gesehen hatte , und die Leute gingen ihm aus dem Wege , wo sie konnten . Eines Abends , als die Herren wieder einmal zu Besuch auf dem Schlosse waren , - es war gegen sieben und sie hatten seit drei Uhr bei Tische gesessen - Fräulein Marie war bei mir auf dem Zimmer , wo sie jetzt die meiste Zeit zubrachte - kam Harald plötzlich zur Thür herein . Ich sah auf den ersten Blick , daß er betrunken war . Sein Gesicht glühte und seine Augen funkelten , wie die einer wilden Katze . Als er Marie erblickte , die im Fenster gesessen hatte und bei seinem Eintritt voller Schrecken aufgesprungen war , lachte er und sagte : Treffe ich Dich hier ? ich habe das ganze Schloß nach Dir durchsucht . Komm , Schatz , ich will Dich den Herren vorstellen ; einen davon kennst Du schon - Du mußt aber hübsch artig und freundlich sein , hörst Du ? Marie war bei diesen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an allen Gliedern ; ich sah , wie sie die Lippen bewegte , um etwas zu erwidern , aber sie brachte keinen Laut hervor . Ich konnte es nicht länger mit ansehen . Schämst Du Dich nicht , Harald , sagte ich , das arme , unschuldige Lamm so zu quälen . Pfui , Harald , - daß Du schlecht warst , habe ich immer gewußt , aber für so schlecht hätte ich Dich nicht gehalten ! - Er sprang mit einem Satze auf mich zu und packte mich mit seinen Eisenhänden an der Kehle . - Sprich noch ein Wort , knirschte er zwischen den Zähnen , und ich breche Dir das Genick , verdammte Hexe ! - Ich wußte , daß er seine Drohung ausführen könnte , aber ich fürchtete mich nicht vor dem Tode . - Thu ' , was Du willst , sagte ich ruhig , aber so lange ich noch einen Athemzug habe , will ich es Dir in ' s Gesicht sagen , Du bist ein Elender . - Ich sah ihm fest in ' s Auge ; ich sah , wie der Zorn immer wüthender in ihm aufkochte , und fühlte , daß seine Finger sich wie eiserne Klammern um meine Kehle schlossen . Ich glaubte meine letzte Stunde gekommen . - Da stand Marie plötzlich neben uns ; sie legte ihre Hand auf Harald ' s Arm und sagte ganz leise ; laß sie los , Harald ; ich will mit Dir gehen . - Weiter sagte sie nichts , aber es war genug , selbst ein so wildes Herz wie Harald ' s zu rühren . Er ließ die Arme sinken und starrte Marie an , als ob er aus einem schweren Traum erwachte . Plötzlich fiel er vor ihr auf die Kniee , verbarg sein glühendes Gesicht in den Falten ihres Kleides und schluchzte : Vergieb mir , Marie ; vergieb mir ! Dann sprang er auf , und als er sah , daß sie durch Thränen ihn anlächelte , hob er sie in seinen Armen empor , wie ein Kind , trug sie in der Stube auf und ab und herzte und küßte sie . Endlich setzte er sie hier in den Lehnstuhl , auf dem Du jetzt sitzt , und kniete vor ihr nieder , ihre Hände und ihre Kleider küssend , und wandte sich zu mir und rief : Geh ' , Alte , und sage dem Karl : er solle die Pferde satteln lassen . Ich sei krank geworden , oder was sie wollen , aber ich könnte sie heute nicht mehr sehen und morgen auch nicht . Ist es so gut , lieb ' Herz ? nicht wahr , ich bin nicht so schlecht , wie die Alte sagt ? - Ich ging vor Freude laut weinend , aus der Stube und dachte : es kann doch vielleicht noch Alles gut werden . Aber das wurde es nicht . Schon nach wenigen Tagen war Alles wieder beim Alten . Aehnliche Scenen kamen noch manchmal vor , aber Harald ' s gute Vorsätze hielten immer nur wenige Tage Stand , und wir mußten jede Spottrede der Herren mit bitteren Thränen bezahlen . Ich sage : wir , denn ich hatte die süße Dirne so lieb , also ob sie mein eigen Kind gewesen wäre . Und jetzt hatte die Aermste Trost und Liebe nöthiger als je . Sie wußte schon seit Monaten , daß sie die Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trüge , und das Schicksal dieses Kindes , ihres und seines Kindes , bekümmerte sie tausendmal mehr als ihr eigenes . - Was aus mir werden soll , sagte sie , was ist mir daran gelegen ? Ich stürbe lieber heute als morgen : aber meines Kindes halber muß ich leben und will ich leben . Und ich will auch nicht mehr weinen und klagen : es hilft ja doch zu nichts , und Harald sagt ja , daß ihm nichts so verhaßt sei , als verweinte Augen . - Ich fragte sie , ob sie keine Eltern , keine Verwandte , keine Freunde hätte , zu denen sie ihre Zuflucht nehmen könnte . - Sie schüttelte traurig den Kopf ; ich habe Niemand auf der weiten Welt , Niemand , als Sie , liebe Mutter Clausen , und noch Einen , der Alles für mich thun würde , wenn er wüßte , wo ich wäre ; aber er weiß es nicht und soll es auch nie erfahren . - Ueber ihr früheres Leben sprach sie nie ; ich habe dem Baron versprochen , darüber zu schweigen , bis er sich öffentlich mit mir verlobe ; und , setzte sie wehmüthig lächelnd hinzu , da sehen Sie selbst , daß ich wohl ewig werde schweigen müssen . Sie kam fast nicht mehr von meiner Seite , und was Harald betrifft , so schien er in der letzten Zeit ganz vergessen zu haben , daß Marie noch auf dem Schlosse war . Nur manchmal , wenn ich mit ihm allein war , erkundigte er sich in kurzen , abgerissenen Fragen nach ihr , aus denen ich sah , daß er über ihren Zustand vollkommen unterrichtet war . So standen die Sachen . Der Sommer war zu Ende ; der Herbst kam mit Sturm und Regen , und die dürren Blätter wehten von den Bäumen . Es war an einem Nachmittage , Harald war ein paar Tage verreist gewesen ; ich war mit Marie im Garten und suchte ihr Trost zuzusprechen , da sie heute ganz besonders traurig war . Da schaute plötzlich ein Schacher-Jude über das Stacket und schrie , als er uns erblickte , in den Garten hinein : nichts zu handeln ? nichts zu handeln ? Ich rief ihn . Er kam . Es war ein alter , schmutziger , schlottriger Mensch , mit einem weißen Bart und einer Brille von blauen Gläsern über den Augen . Er kramte seine Waaren aus , und weil die Sachen hübscher waren , wie sie diese Leute sonst wohl führen , so kauften Marie und ich ihm Verschiedenes ab . Er forderte einen mäßigen Preis , aber es war doch mehr , als wir bei uns hatten , und so ging ich in ' s Schloß , das Uebrige zu holen . Zufällig konnte ich den Schlüssel zu meiner Commode nicht gleich finden , und als ich ihn gefunden hatte , fiel mir ein , daß ich in der Küche nothwendig etwas besorgen mußte ; so verging wohl eine halbe Stunde , bis ich wieder in den Garten kam . Ich traf Marie allein . Wo ist der Jude ? sagte ich . - Er will morgen wieder kommen , antwortete sie . - Was haben Sie , Kind ? sagte ich , denn ich sah , daß sie rothgeweinte Augen hatte und ganz verstört aussah . - Da fiel sie mir um den Hals und weinte , aber so sehr ich sie auch bat , mir zu sagen , was vorgefallen sei , ich konnte nichts aus ihr herausbringen . Der Jude kam am nächsten Tage nicht , aber Baron Harald kam . Er brachte ein paar Herren mit . Sie waren auf der Jagd gewesen und tüchtig müde geworden . So gingen sie heute früher zu Bett , nachdem sie ein paar Flaschen Wein getrunken hatten . Ich mochte wohl schon ein paar Stunden im Bett gelegen haben , ohne einschlafen zu können , denn es regnete und stürmte in dieser Nacht gar heftig und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten . - Da hörte ich einen leisen Schritt auf dem Gange vor meiner Stube , eine Hand suchte nach dem Drücker der Thür und als ich mich erschreckt im Bett emporrichtete , ging die Thür auf ; es trat Jemand herein und kam auf mein Bett zu . - Wer ist da ? rief ich . - Ich bin ' s , Mutter Clausen , sagte eine leise Stimme . Es war Marie . - Sind Sie krank geworden , Kind ? sagte ich . - Nein , sagte sie , sich zu mir auf ' s Bett setzend , ich wollte nur Abschied nehmen , und Ihnen für all ' die Liebe und Güte danken , die Sie an mir gethan haben . - Ich glaubte , sie wollte sich das Leben nehmen , und sagte voller Entsetzen : Um Gotteswillen , Kind , was hast Du vor ? - Fürchten Sie nichts , Mutter Clausen , sagte sie , und dabei umarmte und küßte sie mich unter vielen heißen Thränen ; ich will fort , aber nur fort von hier . Ich habe es schon längst gewollt und jetzt ist die Stunde gekommen . - Warum jetzt ? sagte ich ; wo willst Du hin mitten in der Nacht ? und noch dazu in solcher Nacht ! Hörst Du nicht , wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen ? Und Du kennst weder Weg noch Steg - Du rennst ja gerade in ' s Verderben , und wenn Du nicht an Dich denkst , so denke wenigstens an das Kind , das Du unter dem Herzen trägst . - An das eben denke ich , sagte sie . Es soll nicht hier , wo seine Mutter so grenzenlos elend gewesen ist , das Licht erblicken . Es soll nie erfahren , wer sein Vater war . Leben Sie wohl , liebe Mutter ! möge der allgütige Gott Sie behüten ! und fürchten Sie nichts für mich ! Ich gehe nicht allein ; es ist Jemand bei mir , der mich beschützen und über mich wachen wird , und der sein Leben für mich lassen würde - Weißt Du das auch gewiß , Kind ? sagte ich ; ich dächte , Du hättest jetzt gelernt , was den Männern ihre Schwüre werth sind . Wer ist es ? - Ich darf es nicht sagen , antwortete sie ; und jetzt muß ich fort , es ist die höchste Zeit . - Sie hatte sich von dem Bett erhoben . Warte , sagte ich , ich will Dir wenigstens das Geleit aus dem Schlosse geben . Sie bat mich inständig , zu bleiben ; aber ich kehrte mich nicht daran . Schnell hatte ich ein paar Kleider übergeworfen ; ich war fest entschlossen , sie nicht eher fort zu lassen , bis ich mich überzeugt hatte , daß sie wußte , was sie that . Ich fürchtete noch immer , sie wolle sich das Leben nehmen . Als sie sah , daß ich von meinem Vorsatz nicht abzubringen war , half sie mir , mich vollends ankleiden und sagte : So kommen Sie , Mutter Clausen ; er sieht dann doch , daß ich auch hier nicht ganz verlassen gewesen . Wir gingen , uns an den Händen haltend , auf den Zehen durch die Corridore , dann die Treppe hinab , die aus dem alten Schlosse in den Garten führt . Es hatte aufgehört zu regnen , und der Mond schien auf Augenblicke durch die schwarzen , treibenden Wolken . Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen ; sie eilte , mich mit sich ziehend , durch die wohlbekannten Wege . Als wir vor einer Bank vorüberkamen in einem der dichteren Baumgänge , wo ich sie oft mit Harald hatte sitzen sehen , blieb sie einen Augenblick stehen , und ich fühlte , wie ihre Hand zuckte . Aber sogleich raffte sie sich wieder auf : Nein , nein , murmelte sie , er hat Recht ; Harald hat mich nie geliebt und darum darf ich auch nicht länger bleiben . Wir gingen aus dem Garten in den Hof , aus dem Hof durch das große Thor in den Wald hinein , die Straße nach Berkow . Als wir ein paar hundert Schritte gegangen waren , kam uns ein Mann entgegen . Er ist es ; sagte Marie ; Sie müssen mich jetzt verlassen , Mutter Clausen ; ich habe ihm versprochen , allein zu kommen , und keinem zu sagen , daß ich fortgehe . Du hättest das nicht versprechen sollen , Kind , sagte ich ; ich glaube , ich habe das Recht , zu wissen , wo Du bleibst . - Unterdessen war der Mann herangekommen . Bist Du ' s , Marie ? sagte er ; warum kommst Du nicht allein ? - Weil ich sie nicht losgelassen habe ; sagte ich , und sie auch nicht loslassen will , bis ich weiß , wo sie bleibt . - In Gottes Hut , und unter dem Schutz eines Freundes ; sagte der Mann . Das klang so treu und gut , daß all ' meine Angst und Sorge in einem Augenblick verschwunden war . Der Mond trat aus den Wolken hervor , und ich konnte den Mann , der jetzt neben uns herging , etwas deutlicher sehen . Er war klein und nicht mehr jung ; und hatte eine Brille auf der Habichtsnase , wie der Jude von gestern Morgen . Er hatte einen langen Ueberrock an , und als der Wind denselben auseinander wehte , sah ich beim Schein des Mondes den Lauf einer Pistole blinken , die in einem Gürtel steckte , den er um den Leib geschnallt trug . Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche . Es ist die höchste Zeit ; sagte der Mann auf dem Bocke . Er sprach plattdeutsch , und mir war , als ob ich die Stimme kannte . Schnell , schnell , sagte der kleine Mann mit der Brille und drängte Marie nach dem herabgelassenen Wagentritt . Adieu , Adieu , schluchzte Marie , mich noch einmal umarmend , und als ihr Kopf für einen Augenblick auf meiner Schulter lag , flüsterte sie mir in ' s Ohr : Sagen Sie ihm , daß ich ihm Alles , Alles vergeben habe ! Schnell , schnell , Marie ; rief der Mann und stampfte ungeduldig mit dem Fuß . Er hing ihr einen weiten Mantel um und half ihr in den Wagen ; dann wandte er sich zu mir : Wenn Sie das unglückliche Mädchen wirklich so lieb haben , sagte er , schweigen Sie zweimal vierundzwanzig Stunden . Ich bin freilich auf Alles gefaßt , aber ich möchte um Mariens willen gern , daß es ohne diese hier abginge . Er schlug mit der Hand an die Pistole . - Verlassen Sie sich auf mich , sagte ich , und ich will mich auf Sie verlassen . - Thun Sie das , sagte er , es sind ja nicht alle Menschen Schurken . Er sprang in den Wagen und schlug die Thür zu . Die Pferde zogen im Galopp an , und schon nach wenigen Minuten hörte ich nur noch das Sausen des Windes in den Tannen . Ich ging langsam in das Schloß zurück ; und gelangte auf mein Zimmer , ohne von Jemand gesehen zu werden . Ich schloß hinter mir ab ; dann warf ich mich auf mein Bett , und weinte , als ob mir ein liebes Kind gestorben wäre ; und doch war ich glücklich und dankte Gott , daß er sich des armen Kindes erbarmt und sie aus dieser Hölle erlöst hatte . Als ich am andern Morgen erwachte , stand die Sonne schon hoch am Himmel . Es war ein heller , kühler Morgen und Harald ging mit seinen Gästen auf die Jagd . Ich war froh darüber ; so konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigstens verschwiegen werden . Den Leuten freilich mußte ich schon gegen Mittag sagen , daß Fräulein Marie nirgends zu finden sei , und ob sie sie nicht gesehen hätten ? Die waren nicht wenig erschrocken , denn da war Keiner , der das sanfte , schöne Mädchen nicht gern gehabt hätte . Sie durchsuchten das Haus , die umliegende Gegend , den Wald bis zum Strande und selbst den Wallgraben , denn daß sich die Aermste das Leben genommen habe , darüber waren sie Alle einig . Spät am Abend kam Harald zurück . Er war allein . Als er in das Haus trat , sah er auf den ersten Blick an den verstören Gesichtern der Leute , daß etwas vorgefallen sein müsse . Sein böses Gewissen sagte ihm gleich , was . Ist sie todt ? fragte er und wurde weiß wie Kalk . Wir wissen es nicht , Herr , sagte der alte Jochen ; wir haben den ganzen Tag gesucht , aber haben sie noch nicht gefunden . Er ging , ohne ein Wort zu erwiedern , an den Leuten vorbei nach seinem Zimmer . Als er in der Thür war , drehte er sich um , und winkte mir , ihm zu folgen . Er schritt in dem Gemach auf und ab , endlich blieb er vor mir stehen und sagte mit dumpfer Stimme : Hat Dir Marie je gesagt , sie wolle sich das Leben nehmen ? - Nein , sagte ich . War sie in der letzten Zeit besonders traurig ? - Ja . Wieder ging er im Zimmer hin und her , mit ungleichmäßigen Schritten und unverständliche Worte durch die Zähne murmelnd . Dann blieb er abermals vor mir stehen . Und wenn sie sich das Leben genommen hätte , so wäre ich ihr Mörder ; murmelte er . - Wer sonst ? antwortete ich . Er zuckte zusammen , als ob ihm ein Messer in die Brust gestoßen wäre . Es kann nicht sein , sagte er mit bleichen Lippen , es wäre zu gräßlich . Ich wußte , welche Qualen er in diesem Augenblicke ausstand , aber ich wußte auch , daß der stolze Mann sie doch noch lieber dem Tod , als einem Andern gönnte , und überdies hatte ich zu schweigen versprochen . So blieb ich still und wartete ab , was er beginnen würde . Er hieß mich klingeln und die Leute hereinrufen . Sie kamen . Wer von Euch zu müde ist , mag zu Bette gehen ; sagte er , wer noch weiter mit mir suchen will , soll dafür haben , was er verlangt . Es meldeten sich Alle , nicht des Lohnes wegen , sondern weil doch Keiner vor Angst und Aufregung hätte schlafen können . Er ließ so viel Lichter anzünden , als nur aufzutreiben waren und nun fing das Suchen von Neuem an , unten in den Kellern , durch alle Zimmer , Trepp auf , Trepp ab , auf den Böden , bis hinauf auf den Thurm , - Harald immer voran , jeden Winkel durchspähend , überall die Augen habend , mit fester Stimme Befehle ertheilend , unermüdlich , bis der Morgen kam . Nun mußten sich die Frauen zu Bett legen , aber von den Männern nahm er , was sich noch auf den Beinen halten konnte . Mit denen durchsuchte er jedes Gebüsch im Garten , und den Wallgraben von der Zugbrücke an bis wieder zur Zugbrücke . Es regnete an dem Tage , was nur vom Himmel wollte , und die Leute fielen beinahe um vor Müdigkeit , aber Harald gab ihnen - wohl zum ersten Male in seinem Leben - gute Worte und bat und beschwor sie , nicht nachzulassen und versprach ihnen Geld , so viel sie wollten . So hielten sie bis gegen Mittag aus ; da konnten sie nicht mehr . Nun nahm Harald die Anderen , die sich ausgeruht hatten und mit denen ging er auf das Moor von Faschwitz und in den Wald nach Berkow und bis an den Strand . Gegen Abend kamen sie wieder , triefend von Regen und dem Moorwasser , in welchem sie stundenlang herumgewatet hatten . Die Männer waren so müde , daß sie im Gehen schliefen , aber Harald ' s Kraft war noch nicht gebrochen . Er hieß mich ein paar Flaschen Wein holen , und während er sie hinuntergoß , sagte er zu mir : Höre , Alte , ich glaube nicht , daß sie sich ertränkt hat . Es wäre zu gräßlich , ich müßte verrückt werden über dem Gedanken . So grausam hat sie sich nicht an mir rächen können ; dazu war sie viel zu gut und hatte mich viel zu lieb . Hat sie nie gesagt , sie wolle mich verlassen ? hat sie nie von einem Manne gesprochen , der alle Zeit bereit sei , sie bei sich aufzunehmen ? Ich dachte , daß ich Harald einen Funken Hoffnung lassen müsse , und sagte : ja , Marie hätte öfter und besonders in der letzten Zeit so geredet . Siehst Du ? sagte er und stieß das Glas , aus dem er getrunken hatte , auf den Tisch , daß es zerbrach ; jetzt kommt die Meute endlich auf die Spur . Nun wollen wir eine richtige Hetzjagd machen . Er riß an der Klingel , daß ihm der Griff in der Hand blieb . Anspannen lassen , schrie er dem alten Jochen , der eintrat , entgegen , sofort ! Ich bat ihn , ein paar Stunden wenigstens zu schlafen , denn ich sah , daß seine Augen im Fieber glühten und seine Glieder flogen . Pah , sagte er , schlafen ? Ich habe mehr zu thun , als zu schlafen . Ich weiß nicht , wie lange ich fortbleibe , Alte ; aber ich komme entweder mit ihr zurück oder - wird ' s bald ? schrie er auf den Flur hinaus , ich will Euch Beine machen , Ihr verdammten Hallunken ! So fuhr er ab , ohne auch nur die Kleider gewechselt zu haben . Er blieb vier Wochen fort ; Keiner wußte , wo er geblieben war . Eines Abends spät kam er wieder . Die erste Frage , die er an mich richtete , war : Hast Du Nachricht von ihr ? - Er sah so bleich und verfallen aus , daß ich ihn kaum wieder erkannte . Seine Augen waren tief in den Kopf gesunken und hatten das alte Feuer verloren , und blitzten dann wieder manchmal auf wie glühende Kohlen . Ich habe sie nicht gefunden ; sagte er , als wir Beide in seinem Zimmer allein waren ; gieb mir Wein , Alte ; ich muß das höllische Feuer , das in mir brennt , ersäufen . Mich jammerte des unglücklichen Mannes , denn jetzt erst fühlte ich , wie sehr ich ihn liebte . Ich sagte ihm Alles , was ich von der Flucht Mariens wußte . Gegen mein Erwarten blieb er ruhig : Es kommt auf eins heraus , sagte er , ob sie gestorben ist , oder nicht ; für mich ist sie doch todt ; sie konnte nicht anders , als mich verlassen ; sie war zu stolz , um sich wie einen Hund behandeln zu lassen . Ich habe sie behandelt wie einen Hund , schlimmer wie einen Hund , ich Elender ! Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn ; dann warf er sich in einen Lehnsessel , legte den Kopf in die Hände und schluchzte : Und doch habe ich sie geliebt ! und doch liebe ich sie ! o , mein Gott , mein Gott ! Es war schrecklich , den wilden Harald weinen zu sehen . Ich hob seinen Kopf in die Höhe , er legte ihn an meine Brust und weinte , wie er oft als Knabe in meinen Armen geweint hatte . Ich bat ihn , sich zu beruhigen , ich sagte ihm , daß Mariens letzte Worte gewesen seien : ich vergebe ihm Alles . Und wenn sie mir auch vergeben hat , ich werde mir nie vergeben , rief er . Geh ' zu Bett , Alte . Wir wollen morgen weiter darüber sprechen . Aber als der alte Jochen am nächsten Morgen zu ihm kam , lag Harald in hitzigem Fieber . Das währte neun Tage , neun fürchterliche Tage und Nächte . Da war es aus mit Harald von Grenwitz . Die alte Frau schwieg ; strich den Strumpf , an dem sie gestrickt hatte , über den Knieen glatt , legte ihn zusammen und sagte : So , Junker , nun mach ' , daß Du nach Hause kommst . Ich muß nach den Kindern sehen , die drüben auf dem Jochen seinem Bette schlafen . Es hat eben aufgehört zu regnen , aber es wird bald stärker anfangen . Deshalb halte Dich nicht auf unterwegs . Adjies . Kommen Sie ; sagte Oswald zu Albert , der sich so eben , gähnend und sich reckend , von seinem harten Lager erhoben hatte . Es ist die höchste Zeit , wenn wir noch zum Abendessen auf dem Schlosse sein wollen . Adieu , Mutter Clausen . Adjies , adjies , Junker ! sagte die Alte , schon in der Thür . Als die beiden jungen Männer auf der schmutzigen Dorfgasse standen , deutete Albert mit dem Daumen über die Schulter nach dem Häuschen , das sie soeben verlassen und sagte : Schnurrige alte Dame das ! War die Geschichte nicht famos , Dottore ? Haben Sie denn nicht geschlafen ? Nicht die Spur . Ich wollte anfänglich , aber Ihr ließt einen ja nicht dazu kommen , und hernach , als die Geschichte von Baron Harald anfing , war so an Schlafen nicht mehr zu denken . Aber ich blieb ruhig liegen , und schnarchte von Zeit zu Zeit , um die Alte sicher zu machen , die die Geschichte jedenfalls nur ihrem » Junker « erzählen wollte . Weshalb nennt die alte Dame Sie Junker , Dottore , und Du ? Ich weiß es nicht ; sagte Oswald . Oder wollen es nicht wissen ; erwiederte Albert ; na , schadet nicht . Man darf auch nicht Alles wissen wollen . Warum wollte Baron Harald wissen , wo das hübsche Ding , die Marie geblieben war ? Ohne diese überflüssige Neugierde könnte er noch heute seinen Burgunder trinken . Merkwürdig , daß ein so vernünftiger Mann solche verrückte romantische Grillen im Kopf haben konnte ! Können Sie das begreifen , Dottore ? So ziemlich , sagte Oswald ; aber sprechen wir von etwas Anderem . Wie Sie wollen , Theuerster . Was halten Sie zum Beispiel von der Unsterblichkeit ! Zweiunddreißigstes Capitel Am nächsten Tage hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt . Die Morgensonne war in dichten Nebel verhüllt gewesen , aber einige Stunden später zerriß sie den grauen Schleier und goß ihr goldenes Licht verschwenderisch auf die regengetränkte Erde . In dem Schloßgarten war es so paradiesisch frisch und duftig , wie am ersten Schöpfungstage . Die Blumen hoben die Köpfe wieder und wenn noch hier und da Tropfen an den bunten Kelchen hingen , so glichen sie jetzt in dem funkelnden Sonnenschein hellen Freudenthränen ; die Vögel jubilirten in den dichten Laubkronen der Bäume , und das kleine Gewürm , das so ruhig in den Ritzen , unter den Blättern , unter den Steinen auf Sonnenschein gewartet hatte , regte sich wieder in seiner ganzen geschäftigen Emsigkeit . Und um die grauen Mauern des Schlosses , die jetzt im rosigen Licht gebadet waren , schossen eilige Schwalben , und auf den Dächern , in den Dachrinnen , in den Stuckornamenten setzten die zanksüchtigen Spatzen die ununterbrochenen Streitigkeiten wieder fort . In dem großen Saal , wo an den Wänden die Porträts der Grenwitzer Barone und Baronessen hingen in langer Reihe von dem halb fabelhaften Sven von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Großtante Grenwitz , » wie sie als achtzehnjähriges Mädchen gewesen war , « und Oskar ' s , » der mit dem Wodan stürzte , « und Harald ' s , » dem es besser gewesen wäre , er hätte sich am Sarge seines Vaters todt geweint « - tanzten die Staubatome , welche aus den alten Prunkmeubeln mit den verblichenen Damastüberzügen aufstiegen in den schrägen Lichtsäulen , die durch die drei hohen Bogenfenster fielen . Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frühstück ein . Sie sahen reisefertig aus und Anna-Maria hatte sogar schon einen Hut mit weit vorspringenden Flügeln , wie sie in den zwanziger Jahren Mode gewesen waren , auf dem Kopfe . Denn der große Reisewagen hielt schon vor