, sagte sie im scherzenden Tone : » Denke an Göthe ' s Prometheus : Ich sollte das Leben hassen , in Wüsten fliehen , weil nicht alle Blütenträume reiften ? « » Mit der Göthemanie ist ' s aus , Regina ! die taugt nur für junge und für alte Kinder , die aus dem Leben nichts zu machen verstehen , als eine Schaubühne , auf der sie Komödie spielen sehen , oder selbst Komödie spielen . Für eine solche Manie ist mein Herz nicht mehr kindisch genug und noch nicht altersschwach genug . « » Desto besser , Uriel ! Dadurch bist Du der ewigen Wahrheit um einen Schritt näher . Jeder zertrümmerte Götze ist eine Huldigung für Gott . Wie Du jetzt Deine Göthemanie mitleidig belächelst , so wirst Du auch einst Deine Reginamanie belächeln . « » Kann sein ! Doch zu meinem Heil wäre das nicht , denn in Dir liebe ich die Offenbarung von etwas Himmlischem . In Göthe sah ich nur das leuchtende Genie , die vollendete Intelligenz , und ich bewunderte seine Schöpfungen und Gebilde , aber nicht ihn als Gottesgeschöpf . Aber was geht er mich an ? was geht die ganze Welt mit ihren Genie ' s mich an ? .... Ich liebe Dich , Regina ! « Regina stand lebhaft auf und sagte entschieden : » Genug , Uriel ! Du kennst mich nun bis in ' s Herz hinein . Was Du tun willst oder zu tun hast , muß ich Dir überlassen . Aber eines verspreche ich Dir feierlich : nach Stamberg komm ' ich nicht wieder ! - nie wieder ! und sollte ich noch zwanzig Jahre warten , ehe die Klosterzelle mich aufnimmt - Uriel , ich komme nicht wieder . « Auch Uriel war aufgestanden . Er blickte über die sonnig glänzende Flur und sagte : » Der Vorhang sinkt ! - laß uns gehen . « Sie sah ihn an ; ein Silberlicht schimmerte in seinem Auge , aber er deckte es mit seinen dunkeln Wimpern zu und die Träne zerschmolz . Wie schön er ist ! dachte unwillkürlich Regina . Schweigend gingen sie in ' s Schloß . Der Graf saß auf dem großen Balkon , rauchte Zigarren und las Zeitungen . Er hatte mit Zufriedenheit das Gespräch unter der Eiche aus der Ferne bemerkt und schmeichelte sich mit der kühnen Hoffnung , Regina werde sich ihm als Braut vorstellen . Aber nicht sie erschien auf dem Balkon , sondern Uriel allein und zwar so ernst , daß der Graf erschreckt fragte : » Bringst Du eine Trauerbotschaft ? « » Wenigstens keine neue , lieber Onkel ! Regina ist unüberwindlich in ihrem alten Entschluß ! « » Ist ' s möglich ! « rief der Graf ; » hat sie eine solche Selbstbeherrschung , nie eine Silbe zu äußern , in der Welt zu leben wie unsereiner - oder doch ungefähr so ! und dabei die Klostergrillen festzuhalten ? « Der Graf tat ein paar tiefe Züge aus der Zigarre und sah gedankenvoll die kleinen bläulichen Rauchwolken an , die geschlängelt seinen Lippen entquollen und in der Luft zerflossen . » Hör ' , mein Junge , « sagte er nach einiger Zeit , » nimm Du Vernunft und guten Rat an , gib Du Deine Grille auf , laß Regina fahren und heirate Corona ; dann ist uns allen geholfen . Dann wird Corona die Erbtochter , Du wirst mein Schwiegersohn , und wenn Regina es denn durchaus nicht anders will , so gehe sie in ' s Kloster . Seitdem die Kleine herangewachsen und - wie alle Welt sagt ! - bildhübsch geworden ist , flog mir schon öfter dies glückliche Auskunftsmittel durch den Kopf ; allein ich hoffte immer noch , daß sich Regina besinnen werde - namentlich hier , wo es ihr so recht anschaulich werden müßte , welch ' ein glückliches Leben mit Dir ihrer harrt . Ist sie aber eigensinnig , so sei Du es nicht ! Du ziehst vielleicht mit Corona ein glücklicheres Los . Was sagst Du zu meinem Vorschlag ? « » Daß ich die Königin liebe und nicht die Krone ! « » Ach , mein Junge , sei nicht romanesk ! Tausend Männer würden sich glücklich schätzen , wenn ihnen ein solcher Antrag gemacht würde ! « » Und auch ich könnte es sein , wenn ich nicht Regina liebte . « » Nun , so vergiß Regina , denke nicht an sie , beschäftige Dich nicht mit ihr : dann dauert es nicht lange und schau ! Du liebst sie nicht mehr . Und dann dauert es wieder nicht lange und schau ! Du liebst Corona . Diese kleinen wunderniedlichen Persönchen haben einen eigenen Reiz , womit sie sich in die Herzen stehlen - wenn man nur nicht wie ein Bramarbas das Herz gegen sie panzert . Leg ' ab Deine Rüstung , laß es getroffen werden von dem Liebespfeil des kleinen Gottes Amor ... « » Lieber Onkel , es ist ja bereits durch und durch getroffen ! « unterbrach Uriel traurig lächelnd . » Überlaß doch den Eigensinn dem schönen Geschlecht ! « rief der Graf . » Gott weiß , wie gern ich Regina als Deine Frau gesehen hätte ! aber wir werden doch beide wahrhaftig nicht so töricht sein , uns durch sie unsere Zukunftspläne stören zu lassen ? Bisher hoffte ich sicher auf Regina ' s Bekehrung zum Ehestande , und ich habe in diesen vier Jahren alles getan , wodurch ich hoffen konnte , sie für die Welt zu gewinnen . Umsonst ! Nun wohlan , so müssen wir die Sache anders anfangen . Ich bin jetzt runde fünfzig Jahre alt . Niemand sieht mir ' s an , nicht wahr ? .... aber Anno Eins geboren , macht fünfzig Jahre wohlgezählt . Es verlangt mich , junge Sprossen an meinem Stamm zu sehen , Windecker Nachkommenschaft . Habe drei Söhne und zwei Töchter , und noch immer keine Aussicht dazu ! Das ist verdrießlich und muß aufhören . Nicht umsonst hat es sich so fügen müssen , daß Du Herr auf Stamberg wurdest und so früh eine glänzende selbständige Stellung bekamst . Es ist augenscheinlich der Wille Gottes - um mit Regina zu sprechen ! - daß Du Dich als der Stammhalter der Windecker gerierst , und da das törichte Mädchen davon nichts wissen will , so wollen denn auch wir sie nicht weiter bitten und uns Corona erwählen . Was sagst Du dazu ? « Uriel war so tief in seine eigenen Gedanken versunken , daß er des Grafen Betrachtungen gar nicht gehört hatte . Jetzt weckte ihn dessen Frage und er rief : » Ja ! Corona ! « » Also Du willigst ein ? « fragte der Graf erfreut . » Bravissimo ! - Bei der Kleinen machen wir die Sache kürzer und vernünftniger . Sie wird weiter nicht gefragt , sondern ich kündige ihr an , sie sei Uriels glückliche Braut und in vier Wochen seine Frau ; - nicht wahr ? « Uriel rief lebhaft : » Meine Frau ? Corona ? .... lieber Onkel , ich muß Zeit haben und mich besinnen . Vorderhand kann von dem allen gar keine Rede sein ; aber sei fest überzeugt , daß ich alles tun werde , was Deinen Wünschen entspricht . - Bist Du mit den Zigarren zufrieden ? « » Mehr als mit Euch allen zusammen ! « murrte der Graf kopfschüttelnd . » Welche Nöten steht man doch mit seinen Kindern aus ! Wahrhaftig , ich sehe nicht ein , weshalb ich mit meinen miserablen Erfahrungen sie noch durch Enkel zu vervollständigen wünsche ! aber das ist die Verpflichtung , welche der alte Name und das Ansehen der Familie aufbürdet . Wäre man von gestern , ohne Ahnen und ohne Erbgut , so würde man kein besonderes Verlangen nach Enkeln haben . « - Es vergingen noch einige Tage recht angenehm , denn Regina war wieder ganz in ihrer unbefangenen Haltung und Uriel beherrschte sich meisterhaft . Nur als der Graf von der nahen Abreise sprach , zuckte ein gräßlicher Schmerz , wie ein Todesstich durch Uriels Herz , weil er wußte - Regina kommt nicht wieder her . Jetzt ist sie noch hier , noch einen Tag , noch ein paar Stunden , noch einige Augenblicke ; dann ist ' s aus und vorbei ! sie kommt nicht wieder . Am letzten Morgen , als sich alle zur Abreise rüsteten , ging Regina schon reisefertig auf den großen Balkon und blickte auf das wogende Nebelmeer , welches die Landschaft bedeckte , Himmel und Erde mit farblosem Grau verhüllte und einzelne kalte Tropfen , wie schwere Tränen , fallen ließ . Es war so recht ein trüber Herbstmorgen , dem zuweilen ein schöner Tag folgt . Ein Bild des Lebens ! dachte Regina ; wir wandeln in Wolken , so lange wir hienieden wandeln ; der ungetrübte Sonnenschein bricht erst mit der Ewigkeit an . - Uriel folgte ihr auf den Balkon . » Regina ! « sagte er und seine sonst so klingende Stimme sank durch die Übermacht der Herzensbewegung zu einem Flüstern herab ; - » wirst Du wiederkommen ? « Sie verneinte schweigend und ohne ihn anzusehen . » Besinne Dich wohl ! « fuhr er fort ; » dieser Augenblick entscheidet über Deine und meine Zukunft - und wer weiß über welches Schicksal ! Es liegt in Deiner Macht , das schönste , edelste Glück hier einzuführen , hier auf dieser Stätte heimisch zu machen - ein Glück , worauf Gottes Wohlgefallen und Segen ruht , ein Glück , das die Seelen adelt und die Herzen verklärt , ein Glück , woran sich eine Kette von Gnaden knüpft und das in weite und ferne Lebenskreise wohltätig hineinwirkt . Sieh Dich um , sieh Dir diese Stätte genau an , sieh mich an , sieh mir in ' s Herz hinein - - dann sprich ! und bedenk ' es wohl : was Du jetzt sagst , mußt Du verantworten in der Ewigkeit . « Regina blickte geradeaus und leise bewegten sich ihre Lippen , dann sah sie Uriel an und eine übernatürliche Zärtlichkeit verschmolz mit tiefer Trauer in ihrem unergründlich schönen Auge und sie sagte : » Solo Dios basta . « Es glitt ein solcher Schmerz über Uriels Züge , daß sie ihre gefalteten Hände lebhaft an die Brust drückte und ausrief : » O mein Gott ! wandle du diesen Schmerz in Gnade um , und diesen Dorn der Erde in himmlische Rosen . « Der Graf , die Baronin Isabelle , Corona und Hyazinth traten soeben alle reisefertig in den Salon und gingen auch auf den Balkon , und der Graf fragte Regina : » Du nimmst wohl Abschied von Stamberg ? « » Nein , lieber Vater , von Uriel , « sagte sie ruhig . Hyazinth ging rasch auf den todesbleichen Uriel zu , legte zärtlich den Arm auf dessen Schulter und sagte : » Auf Wiedersehen zu meiner Primiz , Uriel . « » Ja , auf Wiedersehen ! « entgegnete Uriel gedankenlos . Der Wagen fuhr vor - und fuhr dahin ! Uriel sah ihm nach , horchte ihm nach - und als er nichts mehr von ihm sah und hörte , war ihm zu Mut , als habe er die ganze Welt besessen - und verloren . Die Versuchung Der Winter mit seinen Freuden der Geselligkeit hatte den Grafen wieder nach Frankfurt geführt . Diesmal sollte auch Corona in der Welt erscheinen . Die schauerliche Katastrophe , durch die vor vier Jahren der Fasching unterbrochen wurde , war so ziemlich seinem Gedächtnis entschwunden : ein übergrastes Grab , wie es deren so zahllose und mannigfache hienieden gibt . Die Welt mit ihrem unverbesserlichen Leichtsinn und Heißhunger nach berauschenden und blendenden Genüssen und materiellem Wohlbehagen machte es genau , wie Graf Windeck , ließ sich durch keine warnende Vergangenheit und durch keine schwankende Zukunft aus ihrem Opiumtraum von allgemeinem Frieden und Fortschritt aufwecken und versenkte sich immer tiefer in die öden Freuden eines krankhaft gesteigerten Luxus und in die schwindelnden Reigen einer Civilisation , die auf Dampfmaschinen beruht . Damit der allmächtige Faktor der Zeit , Dampf - in seiner Tätigkeit und Wirksamkeit nur beileibe nicht gestört werde , schrie die Welt nach Frieden und überredete sich , daß das Brodeln der Dampfkessel und das Schwirren der Maschinen Grundlage und Unterpfand eines Friedens wären , dessen Dauer die hohe und allgemeine Bildung der Menschheit verbürge . Und so hatte denn die Welt ihre Art von Frieden , d.h. es gab keinen Krieg . Mit großer Selbstgefälligkeit führte der Graf seine beiden schönen Töchter in die Gesellschaft ein . Regina ' s erstes flüchtiges Auftreten war im Laufe der Jahre und der Ereignisse vergessen . Sie war eine ebenso neue Erscheinung als Corona , ja neuer , insofern ihre Eigentümlichkeit entschiedener und nicht salonmäßig war . Sie ging und stand und sprach und tanzte zwar mit allen übrigen , aber sie tat es nicht wie sie . Sie trug zwar die Farbe der Welt , aber in einer besonderen Nüance . Man hielt sie allgemein für Uriels Braut und man zerbrach sich den Kopf , weshalb wohl noch immer nicht die Dispense aus Rom gekommen sei , welche die Verehelichung gestatte . Corona aber wurde die gefeierte Schönheit des Tages . Sie war auch schön wie der Tag , mit ihren bezaubernden goldbraunen Augen , die schwärmerisch und schalkhaft zugleich , halbverschleiert hinter schwarzen Wimpern lagen - und mit ihrer feinen nymphenhaften Gestalt , die sich so edel bewegte und so graziös das liebliche , braungelockte Haupt trug . Sie unterhielt sich vortrefflich ; alles machte ihr Verngügen : der Tanz , die Musik , die verbindlichen Menschen , die geschmackvollen Kleider , die glänzenden Feste ; auch die Huldigungen , deren Gegenstand sie war ; auch die dadurch erhöhte Zärtlichkeit ihres Vaters , bei dem die Wertschätzung seiner Töchter in dem Maße stieg , als die Welt ihnen huldigte . Wie ein Blumengarten lag das Leben vor Corona und sie wähnte , sie brauche nur die Hand auszustrecken , um sich tausend duftende Blüten zum Strauß zusammenzubinden . Zu anderer Zeit würde Regina sorgenvoll Corona ' s Richtung beobachtet haben ; allein Regina ' s innerstes Wesen stand selbst in den Flammen eines Scheiterhaufens , und sie wußte nicht , ob ihr Herz darin zu Asche verbrennen oder zu jenem Gold von vierundzwanzig Karat ausglühen werde , über welches keine Flamme mehr Gewalt hat . Sie litt und schwieg - und kämpfte ihren Kampf nach ihrer Art , still vor Gott , ohne zu klagen und zu fragen . Aber sie litt so sehr , daß die frische Blüte ihrer Gesundheit davon angehaucht wurde . Sie suchte es zu verbergen ; je bleicher sie wurde , um desto freundlicher lächelte sie , und daß sie sichtlich abmagere , schob sie den durchtanzten Nächten zu . Aber Corona hörte sie zuweilen in stillen Nächten beten und weinen und sagte es der Tante Isabelle mit dem Zusatz : » Sie vergeht vor Sehnsucht nach dem Kloster . « Und die Tante sagte es dem Grafen und bat ihn , einen Arzt zu Rat zu ziehen , ob der Gram nicht wirklich Regina ' s Gesundheit zernage . Der Graf hatte seinerseits nicht ohne Sorgen Regina ' s Zustand wahrgenommen , aber sich , nach Art der Egoisten , darüber zu täuschen versucht , indem er alles für bare Münze nehmen wollte , was sie von den Anstrengungen des Faschings vorschob . Nun aber brach er gegen die Baronin aus : » Beste Isabelle ! bin ich nicht ein beklagenswerter Vater ! Alles tue ich für meine Kinder - alles ! In die schottische Romantik begebe ich mich mit ihnen und in die Faschingslustbarkeiten - und was ist mein Lohn ? Regina vergrämt sich in wahrhaft stupider Sehnsucht nach dumpfen Klostermauern , und Uriel - statt herzukommen und frischweg Corona zu heiraten , sitzt auf Stamberg und bebrütet Gott weiß was für Pläne . Ehe er sich aber nicht entschieden hat , kann ich doch unmöglich Regina ziehen lassen . Das wäre zu früh , da ich ihr eine zehnjährige Frist gestellt habe . Das hieße meinem Ansehen als Vater etwas vergeben . Ließe ich mir meine Einwilligung von ihr abtrotzen - wer weiß , was der Kleinen einfiele . « » Davon reden wir ja nicht , « entgegnete die Baronin , ängstlich wie immer . » Lassen Sie nur einen Arzt für Regina rufen . Es wäre doch besser , sie ihrem Klosterberuf folgen - als sie sterben zu sehen . « » Sterben ! meine prächtige Regina sterben ! « rief der Graf aufgeregt ; » das darf nicht sein . Es soll auf der Stelle ein Arzt gerufen werden . « Er ging in das Zimmer seiner Töchter . Beide saßen am Flügel und spielten vierhändig Beethovens Symphonie aus C moll . Sie wollten ihr Spiel unterbrechen , als er eintrat ; aber er hieß sie fortfahren und setzte sich ihnen gegenüber , um sie zu beobachten und zu vergleichen . Corona ' s Gesichtchen glühte von Eifer und Aufmerksamkeit ; sie spielte die erste Partie , und ihre hellrosigen Wangen , ihre leicht geöffneten Lippen , der feste Blick , womit sie auf ihre Noten sah , verrieten , wie vertieft sie in ihrer Aufgabe war . Regina spielte mit viel größerer Leichtigkeit , gab gewandt hie und da der Schwester nach , schlug die Notenblätter um , verriet gar keine Anstrengung ; warum brannte denn aber ein so scharfes abgezirkeltes Rot auf ihren Wangen ? und warum hatten ihre Augen solchen auffallenden Glanz ? Sie wird doch nicht hektisch sein ! murmelte der Graf beängstigt . Nach dem Schlußakkord rief er : » Bravo , Kinder ! Corona muß sich noch tüchtig üben , Du aber , Regina , solltest Dich nicht anstrengen ; Du siehst leidend aus - und zwar so sehr und so lange schon , daß wir denn doch einen Doktor konsultieren wollen . « » Du bist so gut , lieber Vater ; aber weshalb der Doktor ? « sagte Regina und küßte zärtlich des Vaters Hand . » Weshalb ? wunderliche Frage ! weil ich nicht will , daß Du dahinsiechen und sterben sollst . « » O mein lieber Vater , sei ganz ruhig ! ich glaube nicht , daß mich jetzt schon der liebe Gott in die Ewigkeit ruft , « sagte Regina mit sanfter Wehmut . » Du wärst im Stande , das zu bedauern ! « rief der Graf fast zornig , weil er sich von ihrer Sanftmut gerührt fühlte . » Aber daraus wird nichts - das sage ich Dir ! lieber lasse ich Dich in ' s Kloster gehen . Gestehe mir aufrichtig : bist Du krank vor Sehnsucht nach Deinen Karmelitessen ? « Regina legte die Hand flüchtig über ihre Augen ; dann sah sie ihren Vater mit zärtlichster Dankbarkeit an und sagte fest : » Nein , mein lieber Vater . « » Nein ? - Du sagst Nein , Regina ! Hättest Du Ja gesagt , so würde ich Dir antworten : Geh in ' s Kloster . « » Ich kann keine Unwahrheit sagen , lieber Vater . « » Aber Du bist doch leidend , Regina ? « » Ich leide wohl etwas ; nur kann kein Arzt mir helfen . « » Das wollen wir erst erleben ! « sagte der Graf . Der Arzt kam , fragte , fühlte den Puls , tat , was seines Amtes ist , sprach von Aufregung der Nerven und erklärte endlich , er müsse die Gräfin mindestens acht Tage beobachten , bevor er sich aussprechen könne . Man fand das ganz in der Ordnung . Er kam täglich , bald zu der einen Stunde , bald zu der anderen . Er beobachtete Regina und unterhielt sich mit ihr . Er ließ sich von der Baronin und von Corona deren Bemerkungen unter vier Augen mitteilen . Endlich erschien er bei dem Grafen und sagte nicht ohne Verlegenheit , er sei etwas betroffen über seine Entdeckung und der Graf möge es nicht übel nehmen , wenn eine unangenehme Sache zur Sprache komme ; aber nach Pflicht und Gewissen könne er nicht anders . Der Graf starrte verblüfft den Doktor an und rief endlich ungeduldig : » Nur heraus mit der Sprache ! ist sie hektisch ? « » Nicht im geringsten ! « erwiderte mitleidig lächelnd der Doktor . » Es ist allerdings eine gewisse Spannung des Nerven- und Erregung des Blutsystems bei Ihrer Gräfin Tochter wahrzunehmen , allein dies ist nicht mit anderen Krankheitssymptomen verbunden , sondern steht vereinzelt da . Deshalb muß ich schließen , daß es Folgen von Gemütsleiden sind , und ich glaube mit allem Recht behaupten zu dürfen , daß die Gräfin eine unglückliche Liebe im Herzen trägt - vielleicht für jemand , der unter ihrem Stande ist . Ich bin noch nicht ganz darüber im Klaren . Auch Sie scheinen es nicht zu sein - fuhr er fort , als ihn der Graf sprachlos vor Erstaunen ansah - und es tut mir wahrhaftig herzlich leid , eine wunde Stelle zu berühren . Aber ich habe allen Grund , bei der Diagnose stehen zu bleiben und die heißt - unglückliche Liebe . « » Welchen Grund haben Sie denn aber eigentlich dafür ? « fragte der Graf , der sich von diesem Ausgang nichts hatte träumen lassen . » Einen solchen , der Ihnen einleuchten wird , Herr Graf ! denn er ist schwarz auf weiß , « erwiderte der Arzt und zog triumphierend ein Billet hervor . Sehen Sie hier .... einen poetischen Liebesbrief . « » Einen Liebesbrief von Regina ! Herr Doktor , Sie faseln ! « rief der Graf lachend , indem er das Blatt ergriff . Überdas ist das nicht Reginas , sondern Coronas Handschrift . Was ? Verse ! « » Nun , das versteht sich , Herr Graf ! eine so zarte und noble Dame , wie Gräfin Regina , drückt ihre Herzensempfindung auch zart aus . « Kopfschüttelnd las der Graf : Mein Erbteil . O wohl sind sie dunkel die Nächte , Die schwarz um den Pfad sich geballt , Wenn Irrwisch und trügende Mächte Verlocken in Gauckelgestalt ; Wenn immer ein Stern zu erspähen , Wenn strauchelt der Fuß - ach , wie oft ! Doch Du wachst auf seligen Höhen : Ich weiß , in Wen ich gehofft . O wohl sind sie dunkel die Nächte , So Innen die Seele umziehen , So schwarz , daß das Wahre , das Rechte , Nicht kräftig und frisch kann erblüh ' n. Doch sind auch die spärlichen Saaten Der segnenden Sonne beraubt , Du wachst und sie können geraten : Ich weiß , an Wem ich geglaubt . O wohl sind sie dunkel die Nächte , Worinnen das Herz versinkt , Wenn dürstend nach Liebe , die ächte , Ach fern , ach verloren ihm dünkt , Wenn zitternd im schmachtenden Bangen Nicht Labsal noch Tröstung ihm gibt ; Doch Du wachst und stillst sein Verlangen : Ich weiß , Wer mich ewig geliebt . O wohl sind sie dunkel die Nächte , Die Erde , durch Leid und durch Lust ! Das Leben , ein Dornengeflechte , Zerreißt und verödet die Brust , Es birgt auch in Rosen nur Herbe , Weil Dauer überall fehlt , Doch Du bist mein ewiges Erbe : Ich weiß , Wen ich mir mir erwählt . Der Graf hatte laut gelesen und der Doktor , ganz versunken in seine vorgefaßte Meinung , hatte aufmerksam zugehört . » Was sagen Sie nun , Herr Graf ? « rief er selbstzufrieden ; » ist das nicht klar genug ? Dies ewig wache , angebetete Wesen , das in einer anderen Sphäre weilt , ist eben der Geliebte , der unerreichbare - nur etwas mystisch ausgedrückt . « » Sehr mystisch , « antwortete der Graf lakonisch . » Lesen Sie nur gefälligst weiter ; es wird deutlicher im zweiten Gedicht . « » O Gott ! « seufzte der Graf , » jetzt lese ich sogar Gedichte , meine Horreur ! .... Alles für meine Kinder ! Ich bin wirklich ein halber Martyrer . « Er las : Seliges Genügen . Der Abend sinkt , zur Ruhe geht die Erde , Es bricht die Nacht mit kaltem Schauer an , In Asche stirbt die Flamme auf dem Herde , Zur Heimatshütte eilt der Wandersmann . Unheimlich starrt das Reich der Finsternisse , Wo weilt die Sonne ? wo das gold ' ne Licht ? - - » O frag ' nicht mich , ob ich das Licht vermisse , Ich habe Ihn - ich brauch ' die Sonne nicht ! « Das Leben sinkt ! es fliehen Tag ' und Jahre Die Wolkenzüge über Himmels Blau . Wo Jugend blühte - steht die Totenbahre , Wo Rosenflor - ein fahles kahles Grau . Ist das noch Leben , wenn der Tod es endet ? Ist ' s Tag noch , wenn er stirbt im Abendrot ? » O frag ' nicht mich ! mir hat sie nichts gewendet , Ich habe Ihn - ich weiß von keinem Tod ! « Das Herze sinkt ! - es hat sich matt gerungen , Im blut ' gen Kampf nach dem geträumten Glück . War ' s je zum heißersehnten Ziel gedrungen - O weh ! es fiel in Sehnsucht heiß zurück . Ist Liebe nicht ein Schattenspiel für Toren ? Ein kläglich Blendwerk mit des Glückes Schein ? - » O frag ' nicht mich ! ich habe nichts verloren ! Ich habe Ihn - die ew ' ge Lieb ist mein . « » Ist das nicht sehr rührend , Herr Graf ? « fragte der Doktor . » Ich an Ihrer Stelle würde dieser tiefen innigen Liebe alle Standesvorurteile zum Opfer bringen . « » Auch dann , Herr Doktor , « fragte der Graf mit leichtem Spott , » wenn der Geliebte niemand anders wäre - als der liebe Gott ? « » Wieso ? « entgegnete der Doktor höchst verblüfft . » Ja , meine Tochter will ins Kloster und deshalb verschmäht sie jede irdische Liebe . « » Ah , « sagte der Doktor gedehnt , » mit dieser Sorte von Sentimentalität bin ich freilich weder bekannt noch einverstanden , da ich gottlob ! Protestant bin . Indessen versteht es sich wohl von selbst , daß ein guter Vater einer solchen Grille seine Zustimmung versagt . « » Die Mesalliance mit dem lieben Gott wäre allzu schreiend , nicht wahr ? « fragte der Graf spitz . » Solche Zustände liegen außerhalb des Horizonts meiner Wissenschaft und meiner Erfahrung , « antwortete der Doktor und empfahl sich . - Der Graf ging zu seinen Töchtern . Corona knüpfte rosenfarbene Bandschleifen , die sie am Abend tragen wollte ; Regina saß am Schreibtisch , als er eintrat . » Schreibst Du Verse , Regina ? « fragte er . » Ich bringe nur ein paar Reime zusammen , « entgegnete sie leicht errötend » O Papa ! sie ist eine Minnesängerin - aber der himmlischen Liebe ! « rief Corona über ihre rosenfarbenen Bänder hinweg . » Darf ich lesen ? « fragte der Graf und blickte über Regina ' s Schulter . Sie reichte ihm willig , aber verlegen , das Blatt und sagte entschuldigend : » Verzeih , lieber Vater ! es wird Dir wohl nicht gefallen und ist ja auch nur ganz armselig . Aber Du weißt : Solo Dios basta ! darauf bezieht sich alles bei mir . « Der Graf las : Die Lampe im Heiligtum . Das ewige Licht Ist die Flamme , die aus dem Herzen bricht . Das ewige Licht Ist die Stimme , die still zum Geliebten spricht . Das ewige Licht Ist die Rose , die ihn bräutlich umflicht , Das ewige Licht Ist ein bezauberndes Liebesgedicht . Das ewige Licht Macht alle Lichter der Welt zunicht Das ewige Licht Ist die Seele betend vor Gottes Angesicht . O ewiges Licht Mir leuchte Dein Glanz , wenn mein Auge bricht . » Wie monoton ! « rief der Graf . » Nicht wahr ? « sagte sie freundlich . » Regina , « fuhr er fort , » hier sind ein paar Deiner Reimereien , die Corona , weil sie Dich für eine Minnesängerin hält , abgeschrieben und dem Doktor gegeben hat . Dieser stellte sie mir so eben zurück und bemerkte dabei , er könne Dich nicht eigentlich krank finden ! nur müßtest Du Dich schonen . « » Das fühle ich auch , lieber Vater , « entgegnete sie , » und deshalb erlaube mir , nach Windeck zu Onkel Levin zu gehen . Wenn Du dann in einigen Wochen kommst , werd ' ich mich gewiß ganz erholt haben und Dir keine Sorge mehr machen . « Was war zu tun ? der Graf ließ sie reisen . » Wir müssen uns darauf vorbereiten , sie in ' s Kloster gehen zu lassen , « sagte er zur Baronin und zu Corona . » Diese Trennung ist eine kleine Vorübung . « » Willst Du es wirklich erlauben , Papa ! « rief Corona . » Sie zwingt mich ja , « sagte er unmutig . » Der Doktor , obzwar er auf ganz falscher Fährte war , riet mir doch , den Widerstand nicht auf ' s Äußerste zu treiben . Von Dir , Corona , hoffe ich auf Ersatz für alle Sorgen , die ich um Deine Schwester habe . « » Und sie ist doch tausend Mal besser als ich ! «