mein » oller « Landrath , der » schöne Enckefuß « ! Gerade vor der dustern Geschichte dazumal mit dem Deichgrafen bin ich hierher versetzt geworden ! Meine Nachfolger sollen keine Seide dabei gesponnen haben , daß sie nichts merken wollten , wer den dicken Mann , den Theilungscommissarius , dazumal , freilich auf Nachbargebiet , todt geschlagen hat ! Einer von meinen Collegen , der ritt so lange um den Düsternbrook und Schloß Neuhof herum , bis er sich einmal den Hals dabei gebrochen hatte - wirklich den Hals ... das kommt so , wenn der Gensdarm immer blos geradeaus sieht , während sein vernünftigerer Gaul links und rechts in die Büsche will . Der andere war noch zu grün und fand sich erst ins Geschäft , als es mit der rechten Spur nach dem rechten Hirschfänger zu spät war . Jetzt ist ja wol der Freiherr von Wittekind auch ganz verdreht und dummelig geworden wie dazumal sein Herr Sohn , der - ja so , bitte um Entschuldigung , Herr Pfarrer von Asselyn ! Grützmacher besann sich erst jetzt auf die Verwandtschaft des Pfarrers mit dem Freiherrn von Wittekind-Neuhof . Er war ja dessen Stiefenkel . Das Wiedersehen der jungen schönen Dame , fuhr der Wachtmeister mit ironischem Nachdruck fort , hätte ihm diese Erinnerungen zurückgerufen . Er hoffe sie aber bald in Kocher am Fall zu sehen , wohin sie ja , wie er gehört , als Nichte der Frau von Gülpen reise und um ihren Paß woll ' er sie diesmal gar nicht quälen ! Er wäre vollkommen über sie » ins Klare « ... Bonaventura , Benno und Hedemann richteten während aller dieser Reden überrascht ihre Augen fast zu gleicher Zeit auf Lucinden . Sich auf diese unerwartete Art im Zusammenhang mit Vorgängen genannt zu hören , die sie um vieler Gründe willen hier von sich fern zu halten wünschen mußte , durfte sie nicht wenig erschrecken . Selbst Bonaventura erfuhr zum ersten mal diese Beziehungen und fragte erstaunt : Schon vor sieben Jahren kannten Sie Schloß Neuhof und waren somit schon damals in der Nähe der Gräfin Paula ? Sich sammelnd erwiderte sie : Die Erinnerungen des Herrn Wachtmeisters treffen theilweise zu ! Nur die Ehre , mich eine Nichte der Frau von Gülpen nennen zu dürfen ... Werden Sie doch wahrhaftig nicht ablehnen ? unterbrach sie Benno mit Entschiedenheit . Ihre Tante sollte das hören ! Diese Worte wurden so fest , so bestimmt gesprochen , von Benno mit einem so ausdrucksvollen Blick begleitet , daß Lucinde verstummte und ihn nur fragend und groß ansah . Grützmacher schloß sein Portefeuille und nahm wieder die lächelnde Miene jener aufgeklärten Überlegenheit an , die gewissermaßen hier als landesüblicher Regierungsausdruck gelten konnte und geradezu so viel sagte als : Wir dulden euch und die wunderlichen Schwächen eurer Kirche und thun dies , weil ihr ja eben nichts dafür könnt ! Da auch Hedemann , der erst den lebhaftesten Antheil verrathen hatte , jetzt an die dunkeln Fenster getreten war und an die Scheiben trommelte , stand Grützmacher gewissermaßen als Sieger über allen . Meine Meldung , sagte er denn auch vollkommen befriedigt , meine Meldung ist Ihnen zu rasch gekommen , Herr Pfarrer ! Beschlafen Sie ' s noch ! Morgen reden wir weiter davon ! Ich wünsche ja selbst , daß die Leute Vernunft annehmen ! Ich will noch ' mal ins Wirthshaus hinüber und sagen , was Sie über den Sarg des alten Mannes denken ! Vielleicht nehmen die Menschen auf Ihr Wort Raison an , Herr Pfarrer ! Also , gute Nacht denn allerseits ! ... Gute Nacht , Hedemann ! warf er noch hintennach hinein wie zum Zeichen besonderer Vertraulichkeit mit einem ihm gewissermaßen Gleichgestellten . Renate leuchtete und fragte ihn wahrscheinlich draußen um Näheres über » die Nichte der Frau von Gülpen « . Als sein Säbel- und Sporenschritt verklungen waren , hörte man nur , daß Renate von außen die Fensterladen anlegte . Hedemann schloß sie von innen . Die drückende Schwüle , die in dem kleinen Zimmer in der Luft wie geistig herrschte , veranlaßte Benno zu dem Ausruf : Ich stecke mir eine Cigarre an und wache die Nacht draußen auf dem Grabe ! Daß wir so thöricht wären ! sagte Bonaventura . Daß wir durch unser Beispiel einen solchen Glauben bestärkten ! Dennoch traten sie alle hinaus in den Hof und dann in den Garten , von wo aus man zum Friedhof gelangen konnte . Die Spätsommernacht war mild und geheimnißvoll . Ringsum war es still geworden ; nur irgendein schlafgestörtes Kind machte ein Nachbarhaus lebendig oder von den Bergen her ächzte der Hemmschuh eines verspäteten Fuhrwerks . Im Bienenhause schlief alles wie in den Gebüschen ringsum ; nur die kleine Welt der auf Raub gehenden Insekten huschte vor den Fußtritten der Vorübergehenden scheu am Boden hin . Auf dem Friedhofe lagen die Gräber mit ihren überdachten weißen und schwarzen , von welk gewordenen Blumen geschmückten Kreuzen und vergoldeten Glorienstrahlen schweigsam und feierlich . Seitab lag der im ersten Aufwurf begriffene neue Hügel , bewacht nur vom flimmernden Sternenheer , dem wir die Todten so nahe gerückt glauben . Bonaventura , Benno , Hedemann , Lucinde fanden alles , wie sich erwarten ließ , ungestört . Die Eingangspforte war geschlossen . Ihre Empfindungen mußten die verschiedenartigsten sein ; nur darin einigten sich alle , daß diese stille Welt um sie her sicher für immer mit dem Leben abgeschlossen hatte . Unter diesen Schläfern sollte noch einer etwas vergessen oder mitgenommen haben , was zu den Sorgen und Mühen dieser Erde gehörte ? Bonaventura sagte : Im ersten Augenblick der sich nahenden Todesgewalt mag die Verzweiflung , daß man noch mit dem Leben so tausendfach sich verwickelt weiß , mit äußerster Anstrengung gegen den kalten Engel ringen , der uns dem Dasein entreißen will ; hat er aber einmal die gewaltige Rechte um uns geschlungen und fühlen wir , daß wir keinen Widerstand mehr leisten können , so erscheint uns gewiß jeder Besitz und jedes Entbehren gering ! Der alte Mevissen erwartete schon seit sechs Wochen mit Bestimmtheit seinen Heimgang ! Die feierliche Stimmung gab Lucinden Zeit , sich in Benno ' s Worte zu finden , daß sie eine Nichte der Frau von Gülpen wäre . Sie war erfahren genug , bald einzusehen , daß damit nur ein Deckmantel gemeint sein konnte , unter dem sie unter dem Dache eines Geistlichen wohnen durfte . Sie hielt jetzt diese Angelegenheit keiner Frage mehr werth . Hätten wir die Gräfin Paula bei uns ! sagte sie , als sie sich von dem Grabe entfernten und Bonaventura Benno ' s Vorhaben , die Nacht über wirklich das Grab zu hüten , entschieden ablehnte . Warum ? hieß es . Dann säße der alte Mevissen vielleicht leibhaftig auf dem Hügel dort und man könnte ihn fragen , ob er dem wirklich in seinem Stroh soviel Geld versteckt hätte ! Die ekstatischen Zustände der Gräfin Paula waren allen bekannt genug und auch Bonaventura bestätigte die Fähigkeit derselben , über Gräbern Schatten zu sehen , die andere Augen nicht sähen . Dabei überraschte den Pfarrer keineswegs die Möglichkeit , daß Lucinde nach allem Vorangegangenen so kurzweg den verhängnißvollen Namen aussprechen und , wie wenn nichts mit ihm wäre , ihn ins Gespräch ziehen konnte . Er wußte , wie weit Lucindens Verstellungskunst ging . Er war auch nach Empfang der überraschenden Anzeige aus der Dechanei zu Kocher am Fall in der That von ihr wieder auf alles gerüstet . Wissen Sie nicht , wie es der Gräfin geht ? fragte er Lucinden , als man sich nach einigem Staunen über eine so weit gehende Sehergabe der Gräfin in der Annahme einer Täuschung und der Unmöglichkeit , überhaupt Geister in sichtbarer Gestalt anzunehmen , bald geeinigt hatte . Stehen denn Sie in keiner Verbindung mit ihr ? fragte Lucinde erstaunt und mit schneidender Schärfe . Wie sollte ich ? erwiderte Bonaventura gelassen . Seit zwei Jahren erfuhr ich nichts mehr von ihr ! fuhr er fort . Sie wird auf Westerhof wohnen und sich vorbereiten , die Gattin des Grafen Hugo von Salem-Camphausen zu werden ! Alle schwiegen wie zur Bestätigung . Lucinde entgegnete : Also eine Altarkerze im Dome der Heiligen , eine Rose von Jericho will dem Glauben ihrer Väter verloren gehen ! Wie ? Der kalte Luftzug des Verstandes , der Frost des Zweifels soll sie tödten ! Ich hörte , daß man alles aufbietet , diese Verbindung mit einem Lutheraner unmöglich zu machen ! Bonaventura verharrte im Schweigen und blickte fragend auf Hedemann , der soeben von jener östlichen gemeinsamen Heimat herübergekommen war . Auch Benno verstand diesen Blick und antwortete statt des achselzuckenden Hedemann : Aus dem bringt niemand etwas heraus ! Die Mühle , die er sich in Witoborn gekauft hat , muß ihn taub gemacht haben für alles , was uns sonst von dort hätte interessiren müssen ! Er war nicht auf Schloß Neuhof , womit er jetzt vielleicht dem Fräulein gedient haben würde , er war vielleicht nicht einmal in Westerhof , nicht im Kloster Himmelpfort , nicht im Stift Heiligenkreuz - nirgends ! So verschlossen ist er wie die Offenbarung Johannis , in die er sich , glaub ' ich , in Amerika ganz verlesen hat ! Hedemann legte hie und da einen herabgefallenen welken Kranz auf eines der Kreuze , lächelte und sagte mit gelassener Ruhe : Wie hätt ' ich nicht Westerhof besuchen sollen nach den Erfahrungen und Aufträgen des Obersten ! Je schlagender diese Antwort schien und je genügender sie die beiden Asselyns aufklärte , desto unsicherer und dunkler tastete Lucindens aufgeregte Combination . Wer war der Oberst ? Welche Erfahrungen desselben hätten Hedemann , der nun wieder plötzlich ein Müller wurde , von dem Schlosse Westerhof entfernt halten können ? Sie kennen Schloß Neuhof , Fräulein , fragte Benno , und wissen von dem Interesse , das das ganze Land an den Vorgängen in der Camphausen ' schen Familie nimmt ? Lucinde kannte auf Schloß Neuhof jeden Winkel im Schlosse , im Park jeden Baum , auf dem Plateau , das zum Düsternbrook führte , die Stelle , wo Klingsohr einst zwei Blütenzweige in die Erde senkte , die freilich der nächste Sturm schon verweht hatte , sie war auch eines Tages zum Fronleichnamsfest in Witoborn gewesen und hatte dort eine Mühle gesehen , die die reißende Witobach mit einer Gewalt trieb , daß man allerdings an ihr taub werden konnte ; aber von den Dingen , die um sie her lebten , hatte sie nichts als das durchschaut , was mit dem Cultus ihrer eigenen Person zusammenhing . Was ich von den Verhältnissen Paula ' s weiß , sagte sie , kenne ich nur aus den Tagen her , wo sie meiner Pflege anvertraut war . Die Zeit , wo ich auf Schloß Neuhof war und die Wißbegierde der Gensdarmen durch meinen Paß nicht befriedigen konnte , war kurz und gehört meiner frühesten Kindheit an ! Ein Eingehen auf den Tod des Deichgrafen und die dunkle Gestalt des Kronsyndikus schien in diesem Kreise vermieden zu werden . Man verblieb bei den nachbarlichen Beziehungen . Benno schilderte als nicht gering die Gefahr , die sich der engern Heimat aus dem Uebergange der reichen Besitzthümer der Linie Dorste-Camphausen in die Linie Salem-Camphausen ergeben würde . De Kirchenfürst unserer Provinz selbst , sagte er , nimmt den lebhaftesten Antheil an einer Entscheidung , für welche sogar mein gewiegter Principal , der Procurator Dominicus Nück , keine andere Hülfe hat als die des Aufschubs . Die Gräfin ist neunzehn Jahre . Sie hat noch zwei Jahre Zeit , sich zu erklären , ob sie vielleicht den geistlichen Stand wählt oder mit Entsagung ihrer großen Besitztümer irgendeine andere Wahl trifft . Auf alle Fälle gehen mit dem Aussterben der männlichen Erben die Güter dieser ältern Linie an jene jüngere über , die in den Zeiten der Wiedertäufer den alten Glauben abschwur , dann nach Ungarn auswanderte und seither nicht wie die andere Linie , die ihrem Beispiele gefolgt gewesen war , wieder zur Kirche zurückgekehrt ist . Bonaventura , der alle diese Erinnerungen und Beziehungen seit einigen Jahren nicht mehr genährt und gepflegt hatte , durfte Benno nach Paula ' s jetziger Leitung und Führung fragen . Dieser fuhr fort : Der Kronsyndikus von Wittekind , den Sie nach seinem schlimmen Rufe kennen werden , Fräulein , hat die Vormundschaft vor zwei Jahren nur formell antreten können ; sie war einmal vom Grafen Joseph , dem letzten der Dorste-Camphausen , so , ehrenhalber , für seinen Schwager bestimmt und konnte , ohne diesen vor aller Welt zu compromittiren , nicht zurückgenommen werden . Alt und schwach an Geist und Körper , hat er sie jedoch factisch seinem Sohne überlassen müssen , dem Präsidenten - deinem Stiefvater ! Ein so loyaler Unterthan wie dieser bietet natürlich alles auf , sowol etwaige Ideen vom Kloster zu unterdrücken , wie den der ganzen Anzweiflung an dem Rechtsbestande dieser Familienanordnungen gewidmeten Scharfsinn meines Principals zu Schanden zu machen . Einstweilen wohnt Paula auf ihrem Sitze Westerhof und wird von dem Onkel und der Tante Armgart ' s so gehegt und gepflegt und geliebt , wie man bei uns zu lieben pflegt , Fräulein ! Alles nur durch ein unendlich seelenvolles Schweigen und das gemüthvollst Bloserrathenlassen ! Wenn die Leute bei uns achtzig Jahre alt geworden sind und bald in die Grube gesenkt werden , rufen sie sich noch erst vom Todtenbett aus die vergessene Liebeserklärung nach . Gelebt haben sie nach der Liebe , gesprochen davon nie . Nicht wahr , Hedemann ? Als Sie noch für meinen seligen Vater Borkenhagen bewirthschafteten , ich glaube nicht , daß er Ihnen je ein : Ich danke ! gesagt hat . Er hatte nicht Ursache dazu ! erwiderte Hedemann . Unsere Abschlüsse waren schlecht genug ! Ein kühler Lufthauch fuhr durch die Bäume , die den Friedhof begrenzten , und mahnte , dem Rufe des Wächters zu folgen , der die zehnte Stunde rief . Bonaventura stellte der so in alte und neue Verhältnisse mit der größten Spannung einblickenden Lucinde zur morgenden zeitigen Abfahrt das bereits im » Stern « bestellte Gefährt nochmals in Aussicht und bat sie den Onkel zu grüßen ; in einigen Tagen würden Geschäfte auch ihn vielleicht nach Kocher hinaufführen . Benno begleitete Lucinden bis zum Stern . Er versprach , sich mit Hedemann derselben Fahrgelegenheit zu bedienen und in der Frühe sich bei ihr einzufinden . Dann kehrte er ins Pfarrhaus zurück , wo er übernachtete . Während Lucinde auf ihrem Zimmer allein war und wieder die Pfauenfeder am Spiegel sah und die kleinen Heiligenbilder , die über dem Bette hingen , in das sie , wie sie war , sich legte ; während sie fast übermüthig die Wonne genoß , wieder in der Nähe von Menschen zu sein , auf welche der Stempel des Ungewöhnlichen gedrückt war ; während in ihr die einzige Aufgabe , der zu Liebe sie noch überhaupt leben mochte , mit tausend Stimmen rief : Bonaventura , sammle dich in deiner Kraft ! Werde mehr als nur der Pflegling dieser alten Renate ! Gedenke eines Zieles , das dir höher hinaus liegen sollte als der Kirchthurm dieses armseligen Dorfes ! Wie find ' ich dich wieder ! Im Beginn der Grämlichkeiten alle , an denen ihr armen Entsagenden allmählich zu Grunde geht ! Noch wallst du auf wie Petrus , der dem Malchus ein Ohr abhieb ! Wie lange wird diese Tapferkeit dauern ! Frau Renate wird dich vor jeder Abendluft schützen ! Ihre Mädchen werden so viel braten und kochen und backen , bis du ihre köstlichen Speisen nicht mehr verdauen kannst ! Welche Thorheit , hier nur unter den Bauern , Fuhrleuten , Steinklopfern ein Heiliger zu sein , hier nur vor einem Gensdarmen den Bonifacius und Ambrosius zu spielen ! ... Und während sie sich dann vorkam , als müßte sie einem neuen Gregor dem Siebenten seine Gräfin Mathilde von Toscana werden , seine Feuerseele , sein Cherubswächter mit dem flammenden Schwerte ... währenddem rief Benno , vom Stern zurückkehrend , Hedemann und seinem Vetter , die zum Abschiednehmen vor dem Schlafengehen noch auf ihn gewartet hatten , die kurze Charakteristik entgegen : Ja , das ist ja wahrhaftig der lebendige Satan ! Die wird in der Dechanei und in Kocher am Fall eine schöne Revolution anstiften ! Frau Renate schlief schon , sonst hätte sie für das Wegputzen der Fliegenflecke und das Bedienenwollen in der Küche sicher eine Revanche genommen , die kräftiglich mit eingestimmt hätte . Und doch , sagte Bonaventura , indem er Hedemann ein Licht reichte , das beim aufgegangenen Mondschein kaum noch nöthig war , um ihnen beiden in den obern Stock den Weg zum Fremdenstübchen zu leuchten ; doch glaub ' ich , daß sie für den , den sie liebt , ins Feuer geht ! Kein Wunder ! rief Benno . Ihr Element ist die Hölle ! Armer Vetter ! setzte er leiser hinzu . Welchen Versuchungen seid ihr Pfaffen doch ausgesetzt ! Das seh ' ich ja schon - hier kommt ein alter Roman zu Tage ! Bonaventura gab nur zur Antwort : Ich bin begierig , wie sie mit dem Onkel fertig wird ! Mit dem gewiß ! erwiderte Benno . Ich glaube , dem gefällt sie ! Aber Tante Gülpen ! Die gewöhnliche Probezeit besteht sie nicht vierundzwanzig Stunden ! Alle drei Männer mußten lachen ... Man trennte sich in behaglicher Uebereinstimmung . Benno und Hedemann sollten zusammenschlafen oben in dem Fremdenstübchen , dessen saubere Betten schon aufgedeckt waren ... Während sie hinaufstiegen , sagte Benno , aber so , daß Bonaventura , der ihr Verschwinden abwartete , es theilweise unten noch hören konnte : Nun glaub ' ich an die sieben Schwerter , die Armgart beim bloßen Begegnen an der Kapelle oben sogleich aus ihr herausgehend gefühlt haben wollte , ganz wie Paula gesagt haben soll , als die Arme auf dem Streckbett liegen und den fürchterlichen vollen Feuerstrahl fühlen mußte , der von der Person über sie ausging ! Und das alles muß man nun ruhig hinnehmen , blos weil sie , hör ' ich , eine Convertitin ist , ein goldenes Kreuz auf der Brust trägt und wahrscheinlich zu irgendeiner Erzschwesterschaft gehört ! Wozu sich unsere Kirche nicht alles hergeben muß ! Wenn sie nicht in der Lage wäre , schlaffe Gemüthlichkeit , die alles geduldig hinnimmt und geschehen läßt , aufrühren zu müssen durch solche Weckhähne ... Hedemann , daß wir morgen früh nur die Zeit nicht verschlafen ! Hedemann nahm , da sie inzwischen oben angekommen waren , die Uniform , die Benno ausgezogen hatte , legte Brieftasche und Geld heraus und versicherte dem sich Entkleidenden , mit dem Aufwachen zur rechten Zeit wäre keine Gefahr ; ihm rauschten die Räder seiner neuen Mühle und die Sorgen , die er sich aufbürdete , genug im Kopfe ... Und dabei verwechseln Sie wirklich schon unsere Stiefel und stellen zwei Paare zusammen , wie wenn jeder von uns immer halb mit den Beinen des andern liefe ! Hedemann , der in der Nebenkammer schlief , hatte die Stiefel und Kleider vor die Thür gestellt , damit die Magd in der Frühe alles fand und reinigte . Benno , schon auf den Strümpfen , stellte die Paare in Ordnung , nahm noch einen von Hedemann vergessenen Brief aus der Tasche seiner Uniform , schloß die Thür , legte den Brief auf den Nachttisch neben sich zu Uhr , Geld und Portefeuille und sagte mit herzlichem Tone : Freilich , so ist ' s ja auch immer gewesen ! Was wär ' ich ohne Ihre Arme und Beine , Hedemann ! Ich glaube , ich hätte alle schon gebrochen und auf mein kühles Grab setzten Sie ein Denkmal , das ich mir in Gestalt eines Fragezeichens ausbitte , Hedemann , wenn Sie mich überleben sollten , hören Sie ? Der Friedhof hat mich ganz melancholisch gemacht ! Warum ein Fragezeichen ? fragte Hedemann , löschte das Licht und wollte die Thür anlehnen . Lassen Sie doch auf , Hedemann ! Es ist so dumpf und stickig in der kleinen Stube ! Warum ein Fragezeichen ? Bin ich nicht ein verkörpertes Fragezeichen ? Was sagt das Kirchenbuch von Borkenhagen über mich ? Haben Sie denn nachgeschlagen , wie ich Sie gebeten ? Ich sagte gleich , daß da nichts zu finden ist ! Sie waren schon fast ein Jahr alt , als Sie Ihr Vater aus Spanien mitbrachte ! Aus Sevilla ! Aus Sevilla ! Wo die letzten Häuser stehen ... sang Benno mit elegischem Humor . Dann fuhr er fort : Ich wundere mich nur , wie ein Zigeunerkind sich so acclimatisiren konnte ! Sprach ich heute nicht von Buchweizen , Haarrauch und dem Landesvater , wie wenn ich wirklich ein Asselyn wäre , kein Pseudo-Asselyn , kein unberufener Eindringling in die Wallhecken und Moore und Kampe eurer Ahnen ! Sie sind der rechtmäßige Sohn des weiland Erb-und Gerichtsherrn zu Borkenhagen ! Und sein Erbe ! Hedemann , daß ich doch nur den kleinen Tümpel geerbt hätte , der um unsere Hundehütte ging , Burg genannt , jene majestätische See , wo Sie mir die kleinen bewimpelten Schiffchen schnitzten , die ich durch die grünen Wasserlinsen fahren ließ ! Ich ahnte damals meine Reise nach Amerika ! Und den Finkenfang , Hedemann , im Schlehdornbusch , wo Sie die prächtigen Schlagnetze legten ! Ach , ich habe als Student später nie mehr aus einem Weichselrohr rauchen können , ohne nicht daran zu reiben und zu reiben und aus dem köstlichen Geruch des Rohrs mir unsern Finkenfang wieder zu vergegenwärtigen ! Graf Münnich hat ihn niederhauen lassen ... Und hätten uns die Gläubiger nur den einen großen Ebereschenbaum gelassen , auf der Wolfshöhe ! Wenn wir sonst dahin wallfahrteten , war ' s mir immer nur um die rothen Beeren zu thun und die Bank darunter war mir nur eine bloße Hülfe , um die schönsten Büschel herunterzukriegen und an die Mütze zu stecken ! Später als Student , kam ich einmal wieder in die Gegend und wollte Freunde und sogenannte Verwandte begrüßen . Da merkt ' ich fast , daß die Wolfshöhe mir nur eigentlich deshalb gefallen haben mußte , weil der künftige Herr von Asselyn-Borkenhagen sein ganzes kleines Königreich dort am schönsten hätte übersehen können . Die herrliche Aussiht ! In weiter Ferne die Wälder ! Aus ihnen herausblickend Schloß Neuhof , golden wie die Landeskrone , Kloster Himmelpfort , Witoborn mit seinem ewigen Armensündergeläut ... Werden Sie das denn aushalten , Hedemann ? Meine Mühle überrauscht es ... Und rechts hinüber Westerhof mit Paula und Armgart , die damals Kinder waren und mich Vetter nannten , den armen , abgeblitzten Herrn von Borkenhagen ... Es war gerade Kirchweih im Ort ... Eine Spielbande zog von den Bergen herunter ; ein buckeliger Geiger voran ... Stammer ! Der lebt noch ! Bänder und Fahnen flatterten ... alles war lustig ... im Wittekind ' schen hatt ' es ein großes Erntebier gegeben ... es war damals kaum ein paar Wochen über die grauenvolle Geschichte mit dem erschlagenen Theilungscommissar hinaus ... Der Alte vom Berge , der Kronsyndikus , läßt noch jetzt draufgehen , hör ' ich ... früher war er geizig genug ... Gerade des Weges ritt der Landrath ! Ich fragt ' ihn nach dem Vorfall . Der wies mich schön zurecht ! Wie ich den Herrn auf dem hellen Schloß da oben zu nennen wagen könnte ... Das wollt ' ich meinen , der » schöne Enckefuß « ! ... Nun aber ging ich in den vielgrünen Wald , an meinen Vogelherd - damals , Hedemann , standen noch all die lieben hellen Buchen - am Ende der Wildschonung lag der kleine Hof Ihrer Aeltern ... Sie erzählten mir ja noch nichts von denen ... Sie leben doch noch ? ... Hedemann antwortete nicht . Benno sprach vor sich hin : Er schläft wol schon ! Nach einer Weile des Schweigens hörte Benno seinen Nachbar laut aufseufzen ... Was seufzen Sie denn , Hedemann ? fragte Benno , den inzwischen selbst der Schlaf überkam . Als Hedemann nicht antwortete , sagte er gähnend : Sie waren - damals in England - Amerika ! verbesserte Hedemann . Amerika ! antwortete Benno und legte sich , um nun wirklich fest einzuschlafen . Doch sprach er noch vor sich hin , aber in einzelnen , unterbrochenen Worten : Sie sind im Stande - und heirathen ... als Müller Hedemann ... die weiße Gipsitalienerin ... natürliche Ideenassociation ... Müllerin Biancchi ... Hedemann ... nicht wahr ? ... Ja , gute Nacht ! erwiderte Hedemann , der ihn nicht mehr verstanden ... Benno ' s Empfindungen mußten noch eine lange Zeit gegen den Schlummer kämpfen . Seine Phantasie verweilte auf den lachenden Bildern seiner Jugend , auf dem grünen Wolfshügel , unter dem Ebereschenbaum und bei dem Rundblick in der Ebene von Witoborn . Sie hielt dann Stand bei Paula und bei Armgart . Armgart von Hülleshoven hatte er damals vor sieben Jahren zum ersten mal gesehen . Sie war die Tochter des kürzlich aus England als pensionirter englischer Oberst zurückgekehrten Herrn Ulrich von Hülleshoven . Ihre Mutter war jene Monika von Ubbelohde , die die erste gewesen , die einst dem Kammerherrn Jérôme von Wittekind-Neuhof einen Korb gegeben . Die hatte keines Hundes , des Calfacters Türck , bedurft , der ihr erst ein seidenes Kleid verderben mußte , wie Portiuncula von Tüngel-Appelhülsen , um von den Wünschen der Familie sich zu befreien . Aber da man es ihr , einer armen und völlig güterlosen Adeligen , mit den Anträgen und Vorschlägen und Zwangsmaßregeln zu bunt und zu gefährlich gemacht hatte , nahm sie gleichsam » aus Desperation « , wie damals die Leute sagten , die die Rache des Kronsyndikus und seinen Einfluß auf zehn Meilen in der Runde und , wenn er wollte , noch etwas weiter hinaus , kannten , den jungen Offizier Ulrich von Hülleshoven , der gerade in der Stadt , wo Bonaventura ' s Aeltern lebten , in Garnison stand und ihr den Hof machte , wie ihre Schönheit und ihr Geist verdienten . Diese Naturen erkannten sich aber erst nach geschlossener Ehe . Sie stießen sich unheilvoll ab und als Monika eines Kindes , jener Armgart , genesen und Ulrich gerade versetzt worden war , erklärte die Gattin , ihm nicht folgen zu wollen . Sie selbst hatte eine Schwester , ihr Gatte einen Bruder . Jene hieß Benigna , dieser Levinus . Auch diese gaben ein Paar , eines vielleicht mit klügerm Instincte . Sie liebten sich schon lange , schon zehn Jahre vor dem Zeitpunkt , wo sie Schwäger wurden durch die Verheirathung Monika ' s mit Ulrich , heiratheten sich aber nicht . Levinus , ohne Vermögen , verwaltete die großen Güter des Grafen Joseph , des letzten der Dorste-Camphausen , während Benigna , die Schwester Monika ' s , die intimste Freundin der verstorbenen Gräfin und Mutter Paula ' s , der Schwester des Kronsyndikus , und die zehnjährige Verlobte des Onkel Levinus in dem Stift Heiligenkreuz , dicht bei Westerhof und Witoborn , lebte . Beide Schwäger , empört über das Benehmen des jungen Ehepaars , rissen wie nach einem Spruch des Femgerichts der rothen Erde das Kind desselben , ihre Nichte , an sich und straften mit der Vorenthaltung desselben den » unwürdigen « Vater wie die » unwürdige « Mutter . Sie versteckten die kleine Armgart in Wälder und Schluchten , in Keller und auf Heuböden und vorenthielten sie den beiden Ehegatten , denen sie es nur zurückzugeben erklärten , wenn sie beide kämen Arm in Arm , in Liebe und Treue und Einigkeit , frei von der Schmach einer ganzen Familie , frei von der Verletzung der Sitte des ehrbarsten Landes und tugendhaftesten Volksstammes . Diese standesmäßige , gleichsam altsächsische Bedingung erfüllten die Ehegatten nicht . Beseelt von gleichem Trotze , suchten sie einer dem andern Armgart abzugewinnen , offen zu erobern , geheim zu stehlen sogar ... vergebens , Onkel Levinus und Tante Benigna hatten das ganze Furioso , den ganzen Sturm , der über diese sonst so stillen , ruhigen , maßvollen Menschen kommen kann , wenn eine Ueberzeugung sie ergreift . Ihre Maßregeln waren so sicher , daß sie in der Jagd auf Armgart Sieger blieben und der Mutter , die nicht zu ihrem Manne wollte , dem Vater , der sich der Gattin verschloß , ein Kind vorenthielten , mit dem sie » nicht in die weite Welt gehen sollten « . Levinus und Benigna gedachten sich jetzt noch weniger zu verheirathen . In der Liebe zu dem Geschwisterkinde , das sie erzogen , waren sie bereits wie ehelich verbunden . Ulrich und Monika gingen verdüstert und verbittert ohne das ihnen vorenthaltene Kind wirklich in die weite Welt . Zwölf Jahre war Ulrich von Hülleshoven theils in England , theils in Britisch-Canada Soldat gewesen , ihm zur Seite Remigius Hedemann , einst in dem Regiment , in dem Ulrich exerciren gelernt , sein Unteroffizier , dann ein tüchtiger Landwirth , der einen Versuch machte , die letzten Besitzthümer der verarmten Familie derer von Asselyn , die sich vor mehr als hundert Jahren aus dem Friesischen ins Land geheirathet , zu heben und dem dritten von drei Brüdern ( die ältern waren Franz von Asselyn , der Dechant , Friedrich von Asselyn , der Vater Bonaventura ' s ) , Max von Asselyn , Benno ' s Adoptivvater , in der Bewirthschaftung derselben beizustehen . Letzter Versuch war nicht geglückt . Max von Asselyn starb bald nach dem unglücklichen Ende , das Friedrich von Asselyn auf einer Schweizerreise in den Alpen fand . Hedemann , geschätzt in allen diesen so eng verbündeten Familien , folgte seinem militärischen Zögling , Ulrich von Hülleshoven , der als Premierlieutenant seinen Abschied nahm , trug